1958 – Notiz 1 – 10; Haustiere; Berchtesgaden; Der ausgeschlagene Zahn; Bobby; Aufklärung? Mutter erzählt!

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1. Notiz:
Meine Geschwister und ich waren alle sportlich begabt und deshalb bekamen wir zu Weihnachten mal Skier, Rollschuhe oder Schlittschuhe, etc. Auch ließ mein Vater von seinem Werksschreiner ein Paar Stelzen anfertigen, mit denen wir übten und bald gut zurecht kamen. Und deshalb kann man mich hier auf ihnen bewundern. (Es war gar nicht so einfach lange genug stillzuhalten, damit das Bild nicht verwackelte.)

2. Notiz:
In den Ferien nach der 2., 6. und 7. Klasse schickten mich meine Eltern für jeweils vier, bzw. sechs Wochen in unterschiedliche Kindererholungsheime. (Die nannten sich wohl so, weil Eltern sich dann von ihren Kindern erholen konnten.) Das erste befand sich in der Nähe von Bad Abbach, das zweite bei Berchtesgaden, das dritte zwischen Inzell und Ruhpolding und hieß „Der Sonnenhof“. Mit dem Rest ihrer Kinder machten sie dann unbeschwerte Ferien.

Haustiere:
Die Liebe zu Katzen ist schon etwas eigenartiges. Man hat sie oder man hat sie nicht. Meine Liebe zu diesen Tieren zeigte sich bei mir erst in einem etwas reiferen Alter und überraschte mich damit, daß sie überhaupt vorhanden war. Vorher war ich eher eine Hundefreundin. In meinem Elternhaus, das von 8 Kindern bevölkert war, gab es deswegen immer die vielfältigsten Tiere. Wir durften uns in der Regel halten, was über die Größe eines Hundes nicht hinausging. Weil ich in einen Haus mit Garten aufwuchs, war die Haltung von Tieren auch weitgehend unproblematisch. Zu unserer Menagerie gehörte auch ab und zu eine Katze. Jedoch entsinne ich mich an keine einzige, an der mein Herz gehangen hätte. Sie waren mir zu selbstständig und erfüllten nicht meine Sehnsucht nach einem Tier, das immer, wenn mir der Sinn nach unbedingter Hingabe und zum Kuscheln kam, verfügbar war. Diese Sehnsucht entstand, weil ich mich bei all den Geschwistern oft zurückgesetzt und einsam fühlte und mich dementsprechend benahm, was mich für meine Mutter schwierig machte. Auf Anraten einer Ärztin wurde mir erlaubt einen Hund zu halten, den ich mir mit größter Freude als kleines pelziges Bündel aus dem Regensburger Tierheim holte. Damals war ich zwölf Jahre alt. Dieses Hundeweibchen “Bobby” – siehe auch unten – , das all das erfüllte, was ich mir von ihr erhofft hatte, lebte vierzehn Jahre und lernte noch meinen zukünftigen Mann Josef kennen. Als sie, noch sehr rüstig und spring-lebendig, angefahren durch ein Auto starb, glaubte ich sterben zu müssen, so sehr hatte ich sie geliebt und wußte mich von ihr geliebt. Aber das ist eine andere Geschichte. In der Zwischenzeit hatte ich eine ziemliche Antipathie gegen Katzen entwickelt. Es hing damit zusammen, daß ich zwanzigjährig für zwei Jahre bei Verwandten in München als Angestellte arbeitete und auch bei ihnen wohnte. Sie hatten zwei Hunde – einen Bernhardiner und einen Schnauzer, mit denen ich mich gleich anfreundete. Und außerdem besaßen sie zwei Katzen besaßen. Die eine war eine halbwilde grauweiß getigerte Hauskatze und ihr kastrierter prachtvoller orangefarbener Sohn. Weil es sich ergab, daß ich am Morgen häufig die erste war, die sich für den Tag fertig machte und deshalb auch als erste in der Küche zum Frühstück erschien, erwarteten mich die beiden Stubentiger dort bereits hungrig und hofften auf ihr Fressen. So sehr die Katzenmutter auch zum Haus gehörte, so hatte sie doch nie einen Rest ihrer Zurückhaltung aufgegeben und ich versuchte gar nicht sie zu Streicheln. Im Gegensatz zu ihr, rieb sich ihr kräftiger Sohn, kaum hatte ich die Küche betreten, an meinen Beinen. Das freute mich am Anfang ungemein, hielt ich es doch für einen Beweis seiner Zuneigung. Doch von einer Sekunde auf die andere versetzte er mir mit seinen ausgefahrenen Krallen einen Hieb ans Bein. Ich erschrak, sah an mir herunter und entdeckte feine Risse, aus denen dünn Blut quoll. So ein Mistkerl, dachte ich bei mir, sah mich nach ihm um, aber er hatte sich bereits in Sicherheit gebracht. Weil ich weder zimperlich noch nachtragend war, holte ich das Fressen für die beiden Katzen, daß meine Tante jeden Abend zurecht machte aus dem Kühlschrank und stellte es ihnen auf den Boden. Rasch kamen beide zurück und fraßen in Eintracht das ihnen zugedachte. Die Wunde war nicht weiter tragisch und ich vergaß sie bis zum nächsten Tag. Wieder umstrich mich der Kater, während seine Mutter auf Sicherheitsabstand bedacht darauf wartete, daß ich ihnen das Gewünschte hinstellte. Ich wollte mich gerade durch die schnurrende und schmeichelnde Aufmerksamkeit, die der Kater mir bezeugte besänftigen lassen, für das, was er mir den Tag zuvor angetan hatte, als er den Kopf hob, an meinem Bein witterte und dann blitzschnell wieder zuschlug. Daraufhin flitzte er genauso schnell unter den Tisch. Ich war erschüttert. Dieses Mal schimpfte ich hinter ihm her: “Du undankbares Mistvieh!” Was mir eine gewisse Erleichterung verschaffte. Trotzdem stellte ich ihnen ihr Fressen hin. Irgendwie nahm ich es nicht unbedingt als bösartig gedacht von ihm an. Es war eine Form von Spiel. Daß es mir allerdings nicht gefiel, war nicht seine Schuld. Da ich Tiere jedoch gern hatte, kam ich nicht auf den Gedanken ihn bestrafen zu wollen. In der Regel ging der Kater, so wie seine Mutter, Menschen aus dem Weg. Die Fressenszeit war meisten ihr einziger intensiver Kontakt mit ihren Wohnungsgebern. So gestaltete sich über 2 Jahre, in dem ich bei meinen Verwandten arbeitete und lebte, fast jeder Morgen, bevor ich mit meiner Cousine Karin zur Salvatorstraße, wo sich das Kindermöbelgeschäft ihres Vaters befand, fuhr. Ab da achtete ich darauf, daß der Kater, sobald er in der Küche meinen Beinen zu nahe kam, Distanz einhielt. Ich haßte ihn nicht, aber ich entwickelte eine gewisse Aversion deswegen, die ich auf andere Katzen übertrug.
Wegen meines Hundes, den ich knuddeln, streicheln und unbesorgt berühren konnte, wann immer ich wollte, war mir das Wesen der Katzen fremd. Sie erschienen mir unberechenbar und daher ungeeignet, mein Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu erfüllen. Doch darüber dachte ich eigentlich nicht weiter nach. Das Thema Katzen schien für mich erledigt, nach dem Erlebnis mit dem Kater meiner Verwandten.
Zwei Jahre später, ich wohnte nach meiner Rückkehr aus München wieder bei meinen Eltern in Regensburg, die mir dazu in ihrem Haus zwei Zimmer zur Verfügung gestellt hatten, besorgte ich mir eine kleine junge Katze. Ich fühlte mich einsam und eine Katze erschien mir unproblematischer zu halten, als einen Hund. Aus beruflichen Gründen wäre es mir nicht möglich gewesen ihn öfters auszuführen. Außerdem leidet ein Hund sehr, wenn er allein in einer Wohnung ist, und bellt unter Umständen solange, bis man zurück kommt. Die kleine Katze war sehr niedlich und sie machte am Anfang keine Umstände. Aber aus Unkenntnis ihrer Bedürfnisse machte ich Fehler, die zu einem Fehlverhalten bei ihr führten, die ein Zusammenleben mit ihr auf Dauer unerträglich machte. Obwohl ich ihr ihr Katzenklo immer sauber hielt, fing sie an, ihr Geschäft in meine Blumen und Pflanzentröge zu machen. Ich versuchte alles, um sie davon abzuhalten, aber ohne Erfolg. Nach und nach ging eine Pflanze nach der anderen ein, geschädigt wegen ihres scharfen Urins. Ich war darüber traurig, begleiteten die meisten davon mich bereits seit mehren Jahren und hatten manchen Umzug überlebt. Ich mußte mich entscheiden! Und weil die Katze, sicherlich auch, weil ich nie genügend Zeit für sie hatte, nie richtig zahm wurde, gab ich sie in besserer Hände. Danach war ich überzeugt, mich nie mehr für Katzen erwärmen zu können. Aber man soll nie, nie sagen.
Ich heiratete und bekam zwei Buben. Mit ihrem Aufwachsen und ihrer Erziehung, veränderte sich mein Weltbild und lehrte mich vieles mit anderen Augen zu sehen. Ich merkte es zuerst gar nicht so deutlich, aber anderes als Hunde, man verzeihe mir diesen Vergleich, sind auch Kinder nicht die Schmusewesen, für die wir sie oft halten wollen, vor allem, wenn sie noch klein sind. Sehr bald wehren sie sich gegen übergroße Bemutterung und lernen uns Respekt zu haben gegenüber ihrer Persönlichkeit, wenn wir es zulassen. Diese Bereicherung meines Denkens half mir, als doch wieder eine Katze Einzug in unser Leben nahm. Wir wohnten inzwischen in einem Reihenhaus mit kleinem Garten und hatten mit unseren unmittelbaren Nachbarn das große Los gezogen. Das Ehepaar zu unserer linken waren tierliebende Leute. Bei unserem Einzug galt ihre Liebe ihrem putzigen Meerschweinchen. Als es hochbetagt gestorben war, hielt nach einiger Zeit eine junge schwarze Kätzin Einzug bei ihnen. Sie war ein wunderschönes zärtliche Tier, die auch mich für sie einnahm. Meine beiden Buben – Florian und Christoph – liebten sie von Anfang an und es verging kaum ein Tag, an dem sie mich nicht fragten, ob sie auch eine Katze bekommen konnten. Aber ich wollte nicht. Ich wollte nicht die Verantwortung für ein Tier übernehmen, mit dem ich in der Vergangenheit nie richtig zurecht gekommen war. Meine Liebe galt eher Hunden, aber dafür waren die Kinder noch zu klein und ich hatte weder Lust noch Zeit solch einen aufzuziehen. Die beiden Kinder machten mir Arbeit genug. Ein Jahr verging und Nachbars Katze wurde schwanger. Aufgeregt warteten meine Kinder auf den Tag der Geburt und waren begeistert, als sie die winzig kleinen, schwarzen Wesen zum ersten Mal sehen durften. Ab da drängten sie mich verstärkt eines davon zu bekommen. Immer noch sträubte ich mich. Ich hielt mich nicht für fähig, mit einer Katze auszukommen. Die kleinen schwarzen Bündel wuchsen heran und als sie selbstständig im Garten herumlaufen konnten, besuchte uns eines davon fast täglich. Wie selbstverständlich kam sie über die Gartengrenze herüber und spazierte in unser Wohnzimmer, wenn die Terrassentüre offen stand. Sie war so reizend, so sanft und anschmiegsam, daß mein Widerstand dahinschmolz, wie der Schnee an einem warmen Wintertag. (Jetzt – 2021 – als ich diesen Text korrigierte, kamen mir bei der Erinnerung daran gleich Tränen, so rührt es mich wieder!) Also redete ich mit den Nachbarn und wir konnten ein neues Familienmitglied begrüßen. Die Kinder waren überglücklich. Und eigenartiger Weise hatte das Kätzchen, als es zu uns gewechselt war , kaum Verlangen in das so nahe gelegene Geburtshaus zurückzukehren, in den nach wie vor seine Mutter lebte. Hin und wieder gestattete es dort für kurze Zeit einem Besuch ab, kam aber immer bald wieder von alleine zurück. Sie hatte den Lebensbereich, den sie sich selber erwählt hatte bekommen und blieb uns treu. Zum ersten Mal in meinem Leben ging ich bewußt auf das Bedürfnis einer Katze ein, ohne mein eigenes in den Vordergrund zu stellen. Von Beginn an lernte ich den Kindern behutsam mit dem Kätzchen umzugehen, dem sie den Namen “Susi” gegeben hatten. Aus Angst, sie könnten von ihr gekratzt werden, verlangte ich von ihnen, daß sie, wenn sie sie auf den Arm genommen hatten, um mit ihr zu schmusen, sie sofort herunter zu lassen war, wenn sie zu miauen anfing. Festes Drücken und andere Kapriolen verbot ich ihnen mit dem Hinweis, daß auch Katzen Schmerzen empfinden und ich die Katze zurückgeben müßten, sollte ich irgend etwas in dieser Art feststellen. Doch ihre Freude und die Liebe zu diesem entzückenden Wesen war zu groß und sie behandelten sie mit aller Sorgfalt. Aus welchem Instinkt heraus auch immer, lernte ich Susi, daß sie es nicht nötig hatte ihre Krallen zu gebrauchen, wenn wir mit ihr spielten oder uns mit ihr beschäftigten. Katzen fahren ganz automatisch ihre Krallen zum Festhalten aus, wenn sie glauben sie zu benötigen. So kann es kommen, daß sie Kleider beschädigen, wenn man sie noch genommen hat und wieder absetzen möchte. Sobald man sie vom Körper entfernen möchte, krallen sie sich fest. Gleich zu Beginn, als sie zu uns gewechselt hatte, ergab es sich, daß ich ihr, wenn ich sie auf dem Arm hatte und sie dann wieder auf den Boden setzte, ihr mit den Fingern unter die Pfoten fuhr, worauf sie die bereits ausgefahrenen Krallen wieder einzog. Mit der Hand unter ihren Pfoten setzte ich die sodann sanft auf die Erde. Diesen Trick zeigte ich den Kindern und es dauerte nicht lange, da konnten wir sie auf uns herum klettern lassen, ohne daß ihre Krallen zum Einsatz kamen. Man konnte sie nehmen, sie hoch halten und an sich herunterrutschen lassen und keine ihrer scharfen Krallen beschädigte die Kleidung. Voraussetzung war natürlich, daß niemand sie je fallen ließ. Ich war stolz auf Kinder und Katze gleicher maßen, als das gelang. Von Anfang an war sie stubenrein. In der warmen Jahreszeit bot der Garten ihr viele Möglichkeiten zum Verrichten ihres Geschäftes und in der kalten stellten wir ihr ein Katzenklo zur Verfügung, das in der Toilette aufgestellt wurde. Selbst wenn die Tür aus versehen geschlossen war, setzte sie sich manierlich davor, bis einer von uns sie bemerkte und die Türe öffnete. Es dauerte nicht lange, und ich war Hals über Kopf und rettungslos in sie verliebt. Je länger sie bei uns lebte und je länger ich sie beobachtete, zum ersten Mal bewußt beobachtete, drängte sich mir der Vergleich auf, daß sie viel von der Wesensart eines Menschen, respektive eines Kindes an sich hatte.
Das wars für erste! Berichte über unsere/meine Katzen, die uns ab da immer begleitete, folgen in späteren Jahren.

Berchtesgaden!
In diesem Jahr wurde ich eine Woche vor dem Schulende von meiner Mutter aus dem Unterricht geholte. Draußen wartete mein Vater mit dem Auto auf uns und dann brachten die Eltern mich zum Bahnhof. Dort wurde ich mit einer Frau bekannt gemacht, die auf dem Bahnsteig auf uns gewartet hatte. Bei ihr waren noch einige andere Kinder. Jetzt erfuhr ich, daß sie eine Betreuerin war, die Kindern wie mich nach Berchtesgaden in ein Erholungsheim begleiten würde. Mein von Mutter gepackter Koffer wurde mir übergeben, die Eltern verabschiedeten sich und gingen. Ohne Fragen ließ ich das alles geschehen. Ich war es ja gewöhnt, daß man mich ohne Erklärungen hin- und her schickte. Es war ein sehr schönes Heim und etwas abgelegen vom Ort, Geführt wurde es von einem evangelischen Diakon, der samt Familie dort wohnte. Uns Kindern wurden vielerlei Aktivitäten geboten. Singen, basteln, Spaziergänge und ausgedehnte Wanderungen. Eine dieser Wanderungen führte uns auf einen Berghang, auf dem Blaubeeren und Walderdbeeren im Fülle wuchsen und die bereits reif waren. Von den Betreuerinnen bekam nun jedes Kind einen emaillierten Becher, den es voll machen sollte und anschließend in bereitgestellte Eimer zu leeren. Das mochte ich alles sehr. Und Beerenpflücken besonders. Auch mein Vater fuhr mit meinen Geschwistern und mir jeden Sommer an Stellen im Wald, wo es reiche Ernte davon gab. Schließlich waren die Eimer voll und wir gingen zurück zum Heim. Als Überraschung für unseren Fleiß, gab es an diesen Tag nach dem Mittagessen für jeden eine Schale mit den Beeren, vermischt mit Sahne. Es hat himmlisch geschmeckt. Die Sahne kam aus den Stallungen, die dem Heim angeschlossen waren. An einem der nächsten Tage – es war ein besonders heißer – machten wir bereits Vormittags einen ausgedehnten Spaziergang. Was dann mit mir geschah war schrecklich! Beim Mittagessen merkte ich noch nichts, aber als ich mich zum Mittagsschlaf hingelegt hatte, fing es an. Plötzlich setzten starke Kopfschmerzen ein. Als ich es nicht mehr ertrug, stand ich auf, um nach meiner Betreuerin zu suchen und da wurde mir schwindlig. Auch konnte ich nicht mehr richtig sehen, ich sah von allem nur noch die Hälfte. Als ich die Betreuerin schließlich fand, sagte ich ihr meine Beschwerden und bat sie um eine Schmerztablette. Aber die erwiderte, daß könne sie nicht entscheiden, daß müsse die Krankenschwester tun. Aber die war zur Zeit nicht da und ich soll wieder ins Bett gehen. In dem Moment habe ich mich heftig erbrochen. Das hat die Betreuerin wohl erschreckt, denn nun kam Bewegung in die Sache. Zuerst führte sie selbst mich wieder zu meinem Bett, anschließend hat sie wohl die Krankenschwester angerufen, denn es dauerte vielleicht eine halbe Stunde, bis diese kam. Aber in dieser halben Stunde dachte ich, es geht meinem Ende zu. Mein Kopf schmerzte und hämmerte und immer wieder erbrach ich mich in den bereit gestellten Eimer. Die Krankenschwester stellte dann bei mir einen Sonnenstich fest, gab mir endlich eine Schmerztablette und verordnete Bettruhe. Von da an war ich von den täglichen Ausflügen befreit und hatte nun Zeit herumzustreifen, wenn die anderen unterwegs waren. Diese verbrachte ich zum Teil bei dem Heimleiter und spielte mit seinen kleinen Kindern. Ein weiterer Anziehungspunkt war der zum Heim gehörende Kuhstall. Der Mann, der ihn versorgte, war wahrscheinlich kein besonderer Wüstling, aber als er die Gelegenheit bekam, ergriff er sie. Und weil ich ein ziemlich zutrauliches Kind war, hatte ich auch keine Scheu vor ihm. Ich gesellte mich zu ihm, als er gerade beim Melken war, sah ihm zu und unterhielt mich mit ihm. Irgendwann fragte er mich, ob ich die Milch kosten wolle. Er würde sie mir direkt von der Zitze in den Mund spritzen. Das klang für mich natürlich verlockend und so ging ich auf seinen Vorschlag ein. Ich ging näher an ihn heran und beugte mich zum Euter hinunter. Mit einer Hand drückte nun der Mann die Milch aus der Zitze heraus und in meinen Mund. Die Milch war warm und kitzelte beim Aufprall in meinem Mund. Aber noch etwas anderes kitzelte mich jetzt. Die andere Hand hatte der Mann von hinten zwischen meine Beine geschoben und fing an mein Geschlecht zu streicheln. Ich erschrak darüber nicht besonders, aber ich richtete mich sofort auf und machte mich aus dem Staub. Für den Rest meines Aufenthaltes im Heim ging ich dem Stall und damit den Mann tunlichst aus dem Weg. Erzählt habe ich es niemanden, dazu erschien es mir nicht gewichtig genug. Heute – 2021 – frage ich mich, ob dieser Mann sich damals sorgte, ob ich ihn verpetzen würde. Wahrscheinlich hat er das, aber wegen mir bekam er keine Schwierigkeiten.

Der ausgeschlagene Zahn!
Irgendwie bin ich schon ein Pechvogel. Keinem von meinen Geschwistern ist soviel passiert wie mir. Zum Beispiel war das mit dem Zahn! Das geschah, als mein Vater wieder mal mit seiner Kinderschar nach XXX Englmar zum Schilaufen fuhr. Meine älteren, geübteren Geschwister waren zu einem Skihang gegangen, der für mich noch zu lang und steil war. Ich vergnügte mich mit meinen zwei jüngeren Geschwister auf einem Hang in der Nähe des Hotels, in dem wir untergebracht waren. Vergnügt fuhr ich dort mit meinen Brettern den Hang hinunter. Unten angekommen, schnallte ich die Schier ab, nahm sie rechts und links in die Hand und stieg den Hang wieder hoch. Das war für leichter, als mich samt den Schiern im Grätschschritt hinauf zu mühen. Und so ging es runter und wieder rauf, bis etwas passierte. Als ich wieder einmal auf dem Weg nach oben war, kam mir ein Junge mit seinem Schlitten entgegen. Sobald wir uns sahen, versuchten wir auszuweichen. Aber unglücklicherweise jeder auf die gleiche Seite und schon stießen wir zusammen. Ich viel hin und eine der Schispitzen schlug mir schmerzhaft auf den Mund. Nachdem ich eine leichte Betäubung überwunden hatte, stand ich wieder auf und spuckte das, was sich wegen dem Zusammenprall in meinem Mund befand aus. Es war etwas Blut und ein Stückchen von meinem vorderen linken Schneidezahn. So weit, so weniger gut. Das wäre ja nun nicht schlimm gewesen, wenn mich meine Mutter danach zum Zahnarzt geschickt hätte. Tat sie aber nicht! Mit der Zeit fraßen sich Bakterien in die Bruchstelle und schädigten den Zahn derart, daß er schließlich abbrach und nicht mehr zu retten war. Nun blieb dem Zahnarzt, den ich aus eigenem Antrieb aufsuchte, nur noch das Entfernen des Zahnstumpf und mir eine Prothese fertigte. Das ging so lange gut, bis ich diese einmal nach dem Aufstehen nicht gleich wieder in den Mund steckte. Und erst, als ich das nachholen wollte, zu meinem Entsetzen feststellte, daß inzwischen mein lieber Hund „Bobby“ in meinem Zimmer gewesen war, die Prothese für einen Knochen gehalten hatte und sie zerbiß. Davon traute ich mir lange meinen Eltern nichts zu sagen, denn sie war ziemlich teuer gewesen. Erst zwei Jahre danach, einige Wochen vor meiner Konfirmation, weil der Pfarrer bei seinem Konfirmationsunterricht gesagt hatte, wir sollten davor den Eltern unsere Verfehlungen erzählen, damit wir mit reinem Gewissen das erste Abendmahl empfangen können, nahm ich mir ein Herz und sagte es meiner Mutter. Sie war aber gar nicht gestaunt und sagte: „Das habe ich mir schon gedacht!“ Dann habe ich eine neue bekommen und mußte nicht mit einer Zahnlücke die Konfirmation feiern.

Bobby!
In diesem Jahr bekam ich meine heißgeliebte Hündin Bobby. Das war ein Zugeständnis meiner Mutter an mein Anderssein.
1956 – ich war gerade mal zehn Jahre alt, ging meine Mutter mit mir zu einer Ärztin. Seltsam war an dem Unternehmen, daß ich nicht krank war, und angekündigt hatte sie mir den Gang zu ihr auch nicht. Wie es so ihre Art war, brachte sie mich eines Tages ohne irgendeine Erklärung zu ihr. Die Ärztin untersuchte zuerst meinen Allgemeinzustand und dann meine Reflexe. Vor allem das, habe ich gut in Erinnerung. Sie setzte mich auf die Untersuchungsliege, ließ mich die Beine übereinanderschlagen und klopfte dann leicht mit einem zierlichen, silberfarbenen Hämmerchen gegen mein Knie. Darauf folgte eine für mich erstaunliche Reaktion, weil nämlich mein Bein plötzlich und ruckartig in die Höhe zuckte. Was das Ganze sollte, war mir schleierhaft, aber ich ließ es friedlich über mich ergehen. Als die Untersuchungen abgeschlossen waren, schickte man mich für eine kurze Weile ins Wartezimmer. Auf dem Rückweg zur Straßenbahn, die uns wieder nach Hause bringen würde, erzählte mir meine Mutter, was bei dem Ganzen herausgekommen war. Körperlich und geistig sei ich sehr wohl gesund, nur sehr zart und sehr sensibel und ich würde mich auf Grund meiner Sensibilität etwas erdrückt und zurückgesetzt fühlte wegen der großen Schar meiner Geschwister. Daher käme manchmal mein für meine Mutter oft schwer zu ertragendes Verhalten. Zur Milderung dessen hatte sie ihr vorgeschlagen, mir einen Hund zu schenken. „Sie braucht etwas, das ihr alleine gehört und das sie lieben kann!“ war ihre Diagnose gewesen. An diesem Punkt ihrer Erklärung angekommen, nahm das Gespräch für mich eine wunderbare Wendung. Hoffnung blühte in mir auf, meine Mutter würde eventuell die Anregung der Ärztin auch in die Tat umsetzen. Aber ich fragte sie nicht, ob ich denn diesen Hund nun auch bekommen sollte. Solch eine Forderung zu stellen war mir unmöglich! Wenn sie mir einen Hund besorgen wollte, würde sie es mir schon sagen. Auf unserem Weg zur Haltestation, die uns durch den Stadtgarten mit seinen hohen, voll belaubten Bäumen führte, erwähnte sie noch ein anderes Untersuchungsergebnis, das meinen Höhenflug etwas bremste. Laut Äußerung der Ärztin, würde ich nie mehr als zwei Kinder bekommen. Als Mutter mir das gesagte hatte, fühlte ich mich leicht geschockt. Aber gleichzeitig konnte und wollte ich das trotz meiner zehn Jahre und dürftigen Kenntnisse über Zeugung, Schwangerschaft und solchen Dingen, nicht akzeptieren, denn wie wollte sie DAS herausgefunden haben? Trotzdem trübte diese Behauptung erst einmal meine Träume und Vorstellungen von der Kinderschar, die ich mir für später wünschte. Viel mehr erfuhr ich von meiner Mutter nicht über den Besuch bei jener Ärztin, der einmalig blieb. Und ich fragte auch nicht weiter; es gab auch so genug Grund für mich zum Grübeln. Die nächsten Wochen und Monate dachte ich manchmal an diesen Besuch zurück. Dann verdrängte ich, daß ich später nur zwei Kindern bekommen sollte, tat es als Unsinn ab und träumte wieder von vielen eigenen Kindern. Ihnen gedachte ich all meine Liebe zu schenken und dann würde unser Leben voller Harmonie verlaufen. Und ich wartete gespannt darauf, daß meine Eltern eines Tages mit einen kleinen Hund heimkämen. Aber noch tat sich nichts! Der Sommer kam und mit ihm die großen Ferien. In diesem Jahr hatte Vater zum ersten Mal einen Urlaub in Italien geplant. Er hatte die verregneten Sommer in Deutschland satt und wollte endlich einmal warme, sonnige Ferien genießen. Weil aber die Kapazität seines Autos begrenzt war, konnte er nur einen Teil seiner Kinder in seine Planung einschließen. Das bedeutete, daß der andere Teil zu Hause bleiben mußte. Mitfahren durften die vier ältesten: Helga, Helmut, Reinhard und Eckhard und das Nesthäkchen Viktor, von dem Mutter sich nicht trennen wollte. Zurück blieben die drei jüngeren: Inge, Karl und ich, betreut von dem gerade aktuellen Kindermädchen. Oder war es Frau Sowieso – ich weiß es nicht mehr. Eines Tages – es mochten ca. vier Wochen vergangen sein, in denen ich meine Eltern eigentlich nicht vermißt hatte, machte ich mich kurz vor der Mittagszeit auf den Heimweg. Ich hatte zwei Straßen weiter mit anderen Kindern gespielt und beeilte mich pünktlich zu sein. Kurz vor unserem Haus, stand unverhofft mein Vater mitten auf dem Weg und sah mir entgegen. Bei seinem Anblick schossen mir sofort Tränen in die Augen. Halb blind lief ich auf ihn zu und warf mich in seine Arme. Er drückte mich liebevoll an sich und klopfte mir beruhigend auf den Rücken. Nun schluchzte ich erst richtig los und ließ meinem, bis dahin eigentlich nicht gefühlten Kummer um seine Abwesenheit, freien Lauf. Er wartete, bis meine Erschütterung nachgelassen hatte und dann gingen wir gemeinsam zum Haus. Dort begrüßte ich meine älteren Geschwister und freute mich meinen geliebten jüngsten Bruder wieder in die Arme zu schließen. Aber als ich meine Mutter sah, verspürte ich nicht die gleiche, tiefe Freude, wie beim Anblick meines Vaters. Irgendwie ließ mich ihre Anwesenheit kalt. Später, als sich nach dem Wegräumen der Urlaubsutensilien alles wieder etwas normalisiert hatte, saßen wir zusammen um den Tisch und den Zurückgelassenen wurde voller Begeisterung die Fahrt und der Aufenthalt in Italien geschildert. Ich hörte zu und freute mich ohne Neid, daß es ihn so gut gefallen hatte. Im Gegenteil, ich freute mich mit ihnen. Und dann erzählte Mutter etwas, das für mich von großer Bedeutung war. „Stell‘ dir vor, Hildchen, wir hätten dir beinahe einen kleinen Hund mitgebracht!“ sagte sie und mein Vater nickt dazu zustimmend mit dem Kopf. Und ich, wie elektrisiert: „Was? Wirklich? Aber warum habt ihr ihn nicht dabei?“ Was genau der Grund war, weiß ich nicht mehr genau. Ich meine mich aber zu erinnern, daß es um Bestimmungen ging, die verboten, Hunde von einem Land in ein anderes zu bringen. Wie auch immer, ich war mir jetzt jedenfalls ganz sicher, ich würde ein eigenes Hündchen bekommen. Nun wartete ich ab in der Hoffnung, mein Vater würde mir eines besorgen. Aber die Tage vergingen und nichts tat sich. Selbstverständlich fragte ich nicht nach und Drängen wäre mir auch nie in den Sinn gekommen. Doch etwas anders konnte ich tun. Immer noch waren Ferien und ich hatte Zeit genug. Also schwang ich mich spontan nach einem Mittagessen auf mein Fahrrad und fuhr quer durch Regensburg zum Sandberg hoch. Dort, so wußte ich, war das städtische Tierheim. Ich wollte endlich irgendwelchen Hunden nahe sein. Kein Zweifel plagte mich auf meinem Weg, ob sie das zehnjährige Mädchen überhaupt hineinlassen würden. Das änderte sich, als ich dem Tierheim näher kam. Unangenehm und verwahrlost war die Gegend in der es sich befand. Ich schob meine Fahrrad an heruntergekommenen Häuser und verwilderten Gärten vorbei und hoffte, von niemanden angesprochen zu werden. Schließlich erreichte ich unangefochten mein Ziel. Ich lehnt mein Rad gegen die Umzäunung und hatte dabei nun doch etwas Herzklopfen und Bedenken. Aber unverrichteter Dinge zurückzukehren, oh nein, das kam für mich nicht in Frage. Ich ging zum Eingangstor und drückte auf den Klingelknopf. Kurze Zeit verstrich, dann erschien ein Mann und fragte mich was ich wolle. Er wirkte so freundlich auf mich und daß ich mich etwas beruhigte. Ich muß wohl überzeugend meine Argumente vorgebracht haben, die in etwa darin bestanden, daß meine Eltern mir einen Hund kaufen würden und ich gekommen sei, um mich schon einmal umzusehen, denn er ließ mich daraufhin tatsächlich ein. Er führte mich ins Haus und stellte mir dort, zu meiner heimlichen weiteren Beruhigung seine Frau vor. Sie war es, die mich dann geduldig herumführte und mir die Hunde in den verschiedenen Zwingern zeigte. Alle diese Hunde waren in meinen Augen lieb und nett. Sie sprangen nicht wütend und rebellierend gegen die Einzäunungen, sondern kamen schwanzwedelnd herbei und freuten sich über den Besuch. Hin und wieder streckte ich meine Finger durch ein Gitter und kraulte einem, der mir besonders gefiel, den Kopf. Das wurde mir gedankt mit sehnsüchtigem Gewinsel. Angst hatte ich vor diesen Käfighunden überhaupt nicht – hatte ich auch noch nie gehabt. So lange ich mich erinnern konnte war ich immer total furchtlos auf angeleinte Hunde oder Hunde in Zwingern zugegangen, hatte ihr anfängliches, oftmals wütendes Bellen mit großer, liebevoller Hinwendung und Überredungskunst verstummen lassen und sie dann gestreichelt. Wirklich wahr! – nicht ein einziges Mal wurde ich gebissen. Im nachhinein erscheint es mir wie eine Gabe, daß ich diese Unbekümmertheit hatte, die sich nicht scherte um die Gefährlichkeit dieser angeketteten und eingesperrten Kreaturen. Jeder dieser Hunde reagierte früher oder später mit freundlichen Gebärden auf meine Annäherungsversuche. In späteren Jahren verlor sich das etwas, aber nicht weil ich schlechte Erfahrungen gemacht hätte, sondern weil sich die Ängstlichkeit anderer Menschen vor Hunden auf mich übertrug und mich vorsichtiger werden ließ. Nach dem die Frau mir den gesamten Außenbereich gezeigt hatte, führte sie mich ins Haus zurück. Neben den Wohn- und Arbeitsräumen befanden sich dort zwei Zimmer, in denen jede Menge Katzen hausten. Ich konnte sie von Flur aus bequem beobachten, denn die vordere Wand fehlte und war durch ein Gitter ersetzt. Fasziniert stand ich davor, während die Frau einer Arbeit nachging. So viele Katzen hatte ich noch nie auf einmal gesehen. Große, Kleine, Junge, Alte, Lang- und Kurzhaarige – saßen, spazierten oder lagen in dem Raum, der gewissermaßen eine Einrichtung enthielt. An den Wänden befanden sich in unterschiedlicher Höhe gepolsterte Podeste zu denen schmale Stegleitern führten. Der Fußboden war mit irgendeiner Einstreu bedeckt und auf niedrigen Kistchen standen die Näpfe mit Futter und Wasser. Anders als draußen bei den Hunden, die beim Auftauchen eines fremden Menschen jedes mal ein ziemlich lautstarkes, aber freundliches Konzert anstimmten, verhielten sich die Katzen ruhig, ja ausgesprochen uninteressiert. Die meisten saßen für sich allein auf ihrer Loge und dösten vor sich hin. Höchstens zwei oder drei hatten sich einer Partnerin angeschlossen und teilten sich eng aneinander geschmiegt einen Platz. Einige wenige tigerten gelangweilt durch die Einstreu und beschnupperten die Freßnäpfe. Meine zärtlichen, lockenden Zurufe ignorierten sie mit Langmut oder einem nervösen Zucken des Schwanzes. „Die Katzen sind leider nur sehr schwer zu vermitteln!“ erklärte mir die Frau, die neben mich getreten war. „Daher bleiben die meisten unsere Dauergäste. Nur die ganz jungen haben eine gewisse Chance. Erst neulich hat uns ein Mann drei kleine Kätzchen gebracht. Jemand hatte sie in einen Sack gesteckt und in den Abfall geworfen. Sie waren aber, Gott sei Dank, gesund und munter und wir konnten sie kurz darauf in gute Hände geben.“
Notiz 3. dazu: Jetzt -2021 – als ich das Geschriebene korrigiere, bin ich froh, daß ich diese Ereignisse bereits vor vielen Jahren aufgeschrieben habe, denn so detailliert würde ich es nicht mehr hin bekommen! Das Gehörte versetzte mein mitfühlendes Herz in Empörung. „Das ist ja schrecklich!“ sagte ich. „Wie kann jemand so was nur tun?“ „Nun ja“, erwiderte die Frau. „Menschen sind halt manchmal so! Wir sind schon froh, daß sie ihre Tiere nicht Quälen, wenn sie ihnen lästig werden, sondern zu uns bringen. Und jetzt komm mit, ich möchte dir noch etwas zeigen.“ Sie ging den Flur entlang und ich folgte ihr neugierig. An seinem Ende bog sie nach links ab in einen kurzen Seitenabschnitt. Dort stand ein großer Karton, zu dem sie sich hinabbeugte und etwas heraus nahm. Diese Etwas, ein kleines hellgraues, kuscheliges und rundliches Bündel, streckte sie mir dann entgegen. „Da, nimm das einmal!“ sagte sie. „Ich könnte mir vorstellen, das wäre genau das richtige für dich!“ Ein Blick darauf hatte genügt und es funkte! Völlig begeistert und schier aus dem Häuschen nahm ich – trotzt allem Überschwang – behutsam das Pelzknäuel in Empfang und drückte es sachte gegen meine Brust. Das kleine Hundekind streckte den putzigen Kopf zwischen meinen Händen hoch und schnupperte daran. Dann begann es mit seiner kleinen rosigen Zunge zu lecken. „Sehen Sie nur“, sagte ich hingerissen, „ er mag mich!“ „Ja“, erwiderte die Frau „das sehe ich. Du kannst anscheinend gut mit Tieren umgehen. Aber leider kann ich dir ausgerechnet den nicht geben. Es hat sich schon jemand für ihn interessiert und wir warten nur noch darauf, daß er abgeholt wird.“ All meine Freude fiel in sich zusammen. Da war er nun, der Hund meiner Träume und war doch unerreichbar für mich. Meine Augen trübten sich schon wegen hervorquellender Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte, als die Frau ihre Hand auf meine Schulter legte und sagte: „Wir finden bestimmt noch einen anderen passenden Hund für dich. Sei jetzt nicht traurig. Wenn du willst darfst du den Welpen jetzt eine Weile halten und dich mit ihn beschäftigen, denn ich habe leider immer zu wenig Zeit für ihn.“ Oh ja, das wollte ich natürlich nur zu gern. Es war zwar nur ein kläglicher Ersatz, aber immerhin, es war einer. Ich wischte mir mit dem Ärmel die Tränen von den Wangen und sah mir dann dieses Knäuel näher an. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals schon anhand der Geschlechtsteil erkennen konnte ob es ein Weibchen oder ein Männchen war und ob ich, wenn ich das noch nicht gewußt hatte, die Frau danach gefragt habe. Wann und wie ich das erfahren habe, weiß ich auch nicht mehr, aber irgendwann erfuhr ich, es war ein Weibchen. An seinem, noch kindlich großen Kopf befanden sich zwei große Schlappohren, deren Spitzen fast bis zum Hals reichten, dazwischen große, dunkle, blanke Knopfaugen und eine süße, schwarz glänzende Stupsnase. Sein Körper, den ich mit meinen beiden Händen völlig umfassen konnte, war fast kugelrund und seidig weich und aus seinem Hinterteil ragte die noch kleine, dünne und spärlich behaarte Hunderute. Mein Gott, er war so süß, so lieb! Warum nur war mir jemand zuvorgekommen? Aber während ich mich mit ihm beschäftigte – ich hatte mich auf den Boden gesetzt, mit dem Hündchen in meinen Schoß – fand ich mich aus tief verwurzelter Übung im Verzichten damit ab, daß ein anderer ihn bekam. Und selbst, wenn es nicht so gewesen wäre – überlegte ich mir – mußte ich damit rechnen, daß meine Eltern womöglich gar nicht einverstanden waren, wenn ich mit ihm ankam – all ihrem Gerede zum Trotz. Ich glaube mich zu erinnern, daß gut und gern zwei Stunden vergingen, in denen ich das Hündchen liebkoste, es auf seinen noch etwas wackeligen Beinchen herumlaufen ließ, es wieder hoch nahm und gedrückt an meine zarte Kinderbrust einschlafen ließ. Hin und wieder sahen der Tierwärter und seine Frau nach mir, ließen mich aber gewähren. Es scheint mir heute höchst erstaunlich, daß sie mir so ungehindert meinen Willen ließen. Mag sein, daß sie danach gefragt haben, ob meine Eltern von meinem Besuch bei ihnen wußten. Wenn ja, dann habe ich das sicherlich glaubhaft bejaht, auch wenn es nicht stimmte und sie damit beruhigt. Gegen vier Uhr stieg dann Unruhe in mir auf – es wurde Zeit für mich zu gehen. Wenn meine Mutter auch nie nachfragte, wohin ich oder meine Geschwister nach dem Mittagessen verschwanden, so war es doch ein ehernes Gesetz, daß wir immer pünktlich vor dem Abendessen alle wieder zu Hause erschienen. Jeder Zuspätkommende hatte je nach Alter eine entsprechende Strafe zu erwarten. Einmal hatte ich deswegen schon Prügel bezogen und das wollte ich tunlichst nicht noch einmal riskieren. Also gab ich dem Hündchen einen zarten Kuß auf sein Köpfchen, setzte es behutsam in seine Kiste zurück, in dem es sich sogleich wieder zum Weiterschlafen zusammenrollte und suchte nach dem Tierwärterehepaar, um mich bei ihnen zu bedanken und zu verabschieden. Ich fand sie im Außenbereich, wo sie mit dem Abfüttern ihrer Schützlinge beschäftigt waren. „Ich fahre jetzt heim!“ erklärte ich ihnen. „Wirklich schade, daß ich das Hündchen nicht haben kann. Aber da kann man nichts machen, ich verstehen das schon!“ gab ich mich gelassen und vernünftig. Die Frau sah den Mann fragend an und der nickte. „Hör mal Kleine“, sagte dann die Frau. „Mein Mann und ich haben uns überlegt, ob wir dir nicht doch den Hund geben sollen und wenn du noch willst, kriegst du ihn.“ Wie kann man so große Freude beschreiben, die mich überfiel, als ich ihre Worte vernommen hatte? Sie war auf jeden Fall riesig und ich ganz zappelig. „Wirklich, ganz wirklich!“ rief ich aufgeregt. „Sie geben ihn mir?“ „Ja, das tun wir wirklich! Wir haben uns nämlich überlegt, daß der Mann, der ihn wollte, sich bisher nicht mehr gemeldet hat und haben uns gesagt, wer zuerst kommt, kriegt ihn zuerst. Und wir haben das gute Gefühl, er wird es bei dir guthaben!„ „Oh ja, das wird er bestimmt!“ fiel ich ihr überschwänglich ins Wort. „Und finden, du sollst ihn deshalb bekommen. Aber“ sie machte eine kleine Pause und sah mich eindringlich an, „er mußt heute noch abgeholt werden. Denn wenn in den nächsten Tagen der Mann kommen sollte, dann bekommt er ihn natürlich.“ Das wollte ich auf keinen Fall und erklärte eifrig: „Ich fahr‘ jetzt ganz schnell heim, frage meine Mutter und komme dann sofort zurück. Sie erlaubt es mir ganz bestimmt!“ beteuerte ich, obwohl ich mir insgeheim da nicht unbedingt so sicher war und wollte davon eilen. „Eines noch“, hielt mich die Frau zurück. „Wir können ihn dir nicht umsonst geben. Er kostet fünf Mark. Das ist das Futtergeld. Soviel haben wir ungefähr bisher für ihn ausgegeben.“ Fünf Mark waren damals viel Geld und ich konnte nicht sicher sein, ob meine Mutter die für den Kauf eines Hundes übrig hatte. Aber ich schob auch diese Hindernis beiseite und beteuerte der Frau, daß das bestimmt in Ordnung ging. Meine einzige Sorge war jetzt nur, der Mann, der Interesse für den Welpen gezeigt hatte, könnte in der Zwischenzeit erscheinen und ihn mir vor der Nase wegschnappen. Also verabschiedete ich mich rasch, schwang mich auf mein Fahrrad und radelte, so schnell ich konnte nach Hause. Die Strecke zwischen dem Tierheim und meinem Zuhause betrug sicherlich an die fünfzehn Kilometer, aber ich schaffte sie ihn kürzester Zeit. Ich radelte was das Zeug hielt und kam gegen fünf Uhr etwas atemlos Zuhause an. Mit dem Vorderreifen stieß ich die Gartentüre auf, fuhr den Plattenweg hinter bis zum Eingang, stieg ab und lehnte das Rad gegen die Hausmauer. Dann machte ich mich auf die Suche nach meiner Mutter. Leicht aus der Puste und mit wild klopfendem Herzen – entstanden einerseits aus Furcht, sie könnte mir meine Bitte abschlagen und andererseits aus geheimer Hoffnung, sie würde sie gewähren -, öffnete ich die Haustüre. Zuerst schaute ich in die Küche, dann ins Wohnzimmer, aber beide Räume waren leer. Vom Flur aus rief ich dann ins Obergeschoß hinauf: „Mutti, bis du da oben?“ Sogleich kam ihre Antwort: „Ja, Hildchen, ich bin hier!“ Nun war der Augenblick gekommen, in dem ich ihr gegenübertreten würde, um ihr meine Bitte vorzutragen. Welch inneres Unbehagen mir das auch bereitete, so zögerte ich doch keinen Moment und eilte die Treppe hoch. „Wo bist du denn?“, fragte nochmals, als ich sie nicht gleich sah. „Hier, im Schlafzimmer“, antwortete sie. Schlafzimmer war ja nun ein vager Begriff, gab es deren doch drei auf der oberen Etage, aber ich hatte natürlich anhand ihrer Stimme gleich erkannt, in welchem sie sich befand. Ich ging also ins elterliche Schlafzimmer, in dem sie Wäsche in den Schrank einsortierte. „Grüß Gott, Mutti“, sagte ich zu ihr und fuhr gleich tapfer fort, denn die Zeit eilte. „Du ich möchte dich etwas fragen.“ Sie schaute mich an und sagte: „Na, na, du bist ja ganz erhitzt. Was gibt es denn?“ Meine Hemmungen überwindend – oh Kind, du sollst doch nicht betteln – redete ich drauf los: „Weißt du, Mutti, ich komme gerade vom Tierheim. Und dort haben sie einen ganz kleinen, süßen Hund und sie würden ihn mir geben. Ach bitte, Mutti, erlaubst du es? Erlaubst du, daß ich ihn bekomme?“ Es war heraus und nun würde ich die entweder zerschmetternde oder höchst selig machende Antwort erhalten. Ich schaute sie an und sie mich. Sie lächelt leicht über meinen aufgeregten Zustand und dann kamen die erlösenden Worte: „Ja, Hildchen, ich erlaube es!“ Meine Freude brandete mächtig in mir hoch, aber es gab jetzt Wichtigeres, als sich ihr hinzugeben. „Ich muß ihn aber noch heute abholen“, erklärte ich ihr eindringlich, „denn sonst bekommt ihn jemand anders. Kann ich ihn heute noch holen?“ „Ja, das kannst du!“, sagte meine Mutter, und in diesem Moment liebte ich sie von ganzem Herzen. Notiz 4. von 2021: Schade, daß ich ihr das nie gesagt habe! Zögern sagte ich ihr dann auch noch das letzte Hindernis: „Er kostet aber etwas!“ „Und wieviel?“ „Fünf Mark!“ „In Ordnung, die gebe ich dir!“ erwiderte die liebste Mutti der Welt und eine weitere Last fiel von mir ab. Jetzt pressierte es mir, fortzukommen und meinen Hund zu holen. Hoffentlich, hoffentlich, betete ich, ist er noch da. Auf dem Weg nach unten überlegten wir, wie ich nun am besten zum Tierheim hin und wieder zurück käme. Mit dem Fahrrad ging es ja nicht mehr, denn wo sollte ich beim Heimfahren das Hündchen unterbringen. Ich befürchtete schon, ich müßte zu Fuß gehen, denn Geld für die Straßenbahn gab es nur in seltenen Fällen. Und dann käme ich womöglich zu spät und der Welpe wäre vielleicht schon fort. Aber meine Mutter erkannt wohl gleich, daß solch ein Fall eingetreten war und spendierte mir auch noch das Fahrgeld. Bevor ich abdüste, gab sie mir noch eine Einkaufstasche mit Verschluß auf den Weg, darin würde ich das Tierbaby in sein neues Heim tragen. Auf dem ganzen Weg zurück zum Tierasyl – zuerst zu Fuß zur Straßenbahnhaltestelle, dann mit der Tram quer durch Regensburg und schließlich der stramme Marsch den Sandberg hinauf, schwebte ich zwischen Bangen und Hoffen. Immer wieder flehte ich stumm: Bitte, bitte lieber Gott, laß ihn noch da sein. Aus Angst, der Mann könnte in der Zwischenzeit gekommen und den Hund mitgenommen haben, zitterten mir die Kniee. Das trieb mich noch mehr zur Eile an. Meine Brust brannte leicht von heftigem Ein- und Aufatmen und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Hinzu kam eine weitere Variante von Ängstlichkeit, denn jetzt, am späten Nachmittag war das verwahrloste Viertel, durch das ich nun zu Fuß mußte, bevölkert. Der Tag war warm und in schmuddeligen Gärten hielten sich schmuddelige, unrasierte Männer und ungepflegte Frauen auf. Aber allem Anschein nach war niemand davon ein Kinderschänder, denn ich erreichte unangefochten, das am höchsten Punkt gelegene Tierheim. Ich läutete! Darauf setzte Hundegebell ein und ein wenig später öffnete der Tierwärter die Haustüre. Bei seinem Erscheinen vergaß ich meine ganze gute Kinderstube und rief ihm atemlos statt eines Grußes: „Ist er noch da???“, zu. „Ach du liebes Lieschen“, erwiderte er und lächelte. „Du bist das! Ja, ja, er ist noch da! Du kannst dich beruhigen!“ Na, ich kann euch sagen, daß mich das wirklich beruhigte. Eine Zentnerlast fiel von mir ab und Seligkeit zog in mir ein. Ich kriege einen Hund, ich kriege einen Hund, sang es in mir und ich wäre am liebsten wie ein Kaspers herumgehüpft. Das verkniff ich mir aber eisern, denn ich wollte würdig erscheinen, um den Hund auch zu erhalten. Er schloß die Gartentüre auf und ließ mich herein. Im Haus gesellte sich seine Frau zu uns, die mich schmunzelnd begrüßte. „Sieh an“, sagte sie. „Du hast es geschafft. Deine Eltern erlauben dir also den Kleinen abzuholen.“ „Ja“, erklärte ich strahlend und streckte ihr als Beweis die fünf Mark entgegen. Sie nahm sie, sagte: „Sehr gut!“ und dirigierte mich anschließend in ein kleines Büro. Dort setzte sie sich vor den Schreibtisch, schlug ein Buch auf und erklärte mir, da hinein müsse sie den Abgang und Preis des Hundes vermerken. Interessiert sah ich ihr dabei zu. Als sie fertig war, ließ sie mich am Ende der Zeile unterschreiben. Ihr dürft mir glauben, ich hatte damals keine Ahnung, daß diese Unterschrift im Grunde genommen ungültig war und damit eigentlich auch der Kauf des Hundes. Ob das Tierpflegepaar das gewußt hat, weiß ich nicht. Heute bin ich mir sicher, sie waren einfach nur froh darüber gewesen, dem jungen Hund so schnell ein neues Zuhause zu verschaffen, daß sie sich einen Teufel scherten um die Gültigkeit meiner Unterschrift – vorausgesetzt, es war bis zu ihnen vorgedrungen, daß die Unterschrift einer Zehnjährigen keine bindende Erklärung war. Wie auch immer – sie bekamen deswegen nie Scherereien, denn meine Eltern waren ja mit dem Kauf einverstanden. Sie wären die Einzigen gewesen, die ihn hätten rückgängig machen können, was sie aber nicht taten. In dem kleinen Büro erzählte mir die Frau dann noch ein bißchen über die Pflege und Fütterung von Hunden. Ich hörte ihr zu und erklärte ihr, als sie geendet hatte, daß meine Mutter sich mit Hunden bestens auskannte (in ihrem Elternhaus hat es immer Hunde gegeben) und deshalb würde der Kleinen auch gut versorgt werden. „Na, dann ist ja alles in Ordnung“, sagte die Frau. „Dann werde ich ihn jetzt mal gleich holen.“ Sie verließ das Büro und ich folgte ihr in den Flur. Sie nahm das kleine, schlafende Bündel aus dem mit Stroh bedeckten Karton und versenkte es in die von mir hingehaltene Tasche. Vorausschauend hatte mir Mutter noch ein altes Handtuch mitgegeben, auf das die Frau den Kleine nun bettete. Entzückt verfolgte ich ihre Handlung, die ihn damit endgültig zu meinen Hund machte. Und voller Rührung stellte ich fest, daß ihn diese Umquartierung nicht störte. Er schnaufte nur einmal tief ein und aus, steckte sein winziges Schnäuzchen zwischen die Vorderpfötchen und schlief weiter. „Er ist sehr müde“, erklärte die Frau mir dieses Verhalten. „Bevor du kamst, hat er sein Fressen bekommen und will jetzt nur schlafen. Kann sein, daß er unterwegs ein Bächlein macht, aber das saugt das Handtuch schon auf. Ich denke, du wirst keine Schwierigkeiten mit ihm auf deinem Heimweg haben.“ Das war das Stichwort. Ich verabschiedete mich von der netten Frau, winkte ihrem Mann, den ich durch die offene Wohnzimmertür am Tisch sitzen sah, zu und eilte davon. Von meinem ganzen Weg nach Hause erinnere ich mich nur noch daran, wie ich in der Straßenbahn saß, die Tasche auf meinen Knien, voller Glück und Bewußtsein um ihren Inhalt und ein mitleidiges Gefühl für die Menschen um mich herum, die nicht das Gleiche erleben durften. Irgendwann war ich dann wieder Daheim. Und dort waren inzwischen auch alle meine Geschwister und mein Vater eingetroffen. Aber bevor ich ihnen meinem Schatz zeigte, sollte ihn meine Mutter sehen. Ich fand sie in der Küche, wo sie das Abendessen vorbereitete. Glücklich strahlend sagte ich zu ihr: „Mutti, ich habe ihn!“ „Fein, mein Liebchen“, erwiderte sie. „Dann zeig ihn mir mal.“ Ich stellte die Tasche auf einen Stuhl, öffnete sie und holte das verschlafenen Hundebaby behutsam heraus. „Schau nur“, sagte ich enthusiastisch, „ist er nicht lieb?“ Mutter betrachtete ihn zuerst aufmerksam, ließ ihn sich dann geben und streichelte seinen kleinen Körper. Der Kleine reagierte darauf mit Strecken und Gähnen und so konnten wir sein kleines rosa Mündchen sehen, mit den kleinen spitzen Zähnen und der rosigen Zunge. Mutter und ich lächelten uns an, gerührt über die Unbekümmertheit des Welpen. „Ja, mein Hildchen“, sagte sie. „Er ist wirklich süß. Ich verstehe gut, warum du ihn haben wolltest. Er ist übrigens noch ziemlich jung – ich schätze ihn auf fünf bis sechs Wochen -, er wird sich also gut an dich gewöhnen. Du hast eine gute Wahl getroffen und ich freue mich für dich!“ „Mutti!“ „Ja, Hildchen, was ist?“ „Mutti, ich danke dir vielmals!“ sagte ich aus zu tiefst empfundener Dankbarkeit und blickte ihr fest in die Augen. Sie lächelte mich wissend an und erwiderte: „Ist schon gut.“ Der rührselige Augenblick zwischen uns beiden ging vorüber und eine neuerliche Unruhe breitete sich in mir aus. Ich räusperte mir den Hals frei und fragte sie besorgt: „Hast du es dem Papi schon gesagt?“ „Ja.“ „Und? Ist er auch damit einverstanden?“ „Aber ja, selbstverständlich! Wir haben es dir ja nie gesagt, aber wenn du uns nicht zuvorgekommen wärst, hätte dir Vater irgendwann auch ein Hündchen mitgebracht.“ Diese Worte löschten meine letzten Zweifel und ungehinderte Freude breitete sich wie ein wärmendes Feuer in mir aus. Voll innerem Triumph, den ich nach außen nie zu zeigen gewagt hätte, um den Neid meiner Geschwister nicht anzuheizen, verließ ich die Küche, um ihnen und meinem Vater „meinen Hund“ vorzustellen. So weit ich mich erinnern kann, neideten mir meine Geschwister den Hund nie. Ich vermute heute, daß meine Mutter sie „präpariert“ und ihnen gesagt hatte, er sei wichtig für meine Psyche. Wahrscheinlich nicht mit diesen Worten, aber irgend etwas in dieser Art. Und so spielten sie auch mit ihm, wenn ich es ihnen erlaubte, akzeptieren aber die Grenzen, die ich ihnen setzte. In wie weit sich die Hoffnungen meiner Eltern erfüllten, daß ich durch den Hund ausgeglichener würde, kann ich nur erahnen. Heute vermute ich, daß sie zumindest teilweise in Erfüllung gingen. Meine damalige Fixierung – und das geht mir jetzt gerade in dem Moment auf, wo ich drüber schreibe – zu meinem jüngsten Bruder Viktor, an dem auch meine Mutter besonders hing, verlagerte sich zumindest etwas auf meinen Hund. Und die Dankbarkeit über seinen Besitz mag mich durchaus milder gegenüber den ungleichen Behandlungen, bei uns Geschwistern durch meine Mutter, gestimmt haben. Genau weiß ich das aber nicht mehr! Genau erinnere ich mich aber an die erste Nacht mit „meinem Hund“. Meine Mutter hatte mir ein altes Kissen zur Verfügung gestellt, das ihm als Lager dienen sollte. „Du darfst ihn mit ins Zimmer nehmen, aber“ darauf war ein erhobener Zeigefinger gefolgt „nicht mit ins Bett!“ hatte sie dazu gesagt. Also legte ich das Kissen vor mein Bett in Kopfhöhe, bettete das Fellknäuel, dem ich inzwischen den Namen „Bobby“, gegeben hatte, fragt sie aber nicht „Wieso den?“, denn das weiß ich heute nicht mehr, darauf. Solange das Licht noch brannte, war Bobby still und friedlich. Aber gleich, nachdem es gelöscht worden war, fing „Sie“ – das „Er“ eine „Sie“ war, hatte meine Mutter inzwischen festgestellt, kläglich an zu fiepen. Sie fühlte sich in der Dunkelheit von mir verlassen und verkündigte mir das auf Welpenart. Aber so ging das natürlich nicht! Dagegen mußte ich etwas unternehmen, schließlich befanden sich meine jüngere und älteste Schwester Inge und Helga mit im Zimmer und ich wollte ihnen keinen Grund geben, den Hund verbannen zu lassen. So blieb mir nichts anders übrig, als mich auf den Bauch zu drehen, einen Arm hinunter hängenzulassen und Bobby mit den Fingerspitzen zu berühren. Sofort wurde sie wieder still. Aber jedes mal, wenn ich glaubte, sie sei nun fest eingeschlafen und meinen Arm unter die Decke zurückzog, fing die kleine Hündin wieder an. Es wurde eine ungemütliche, fast gänzlich durchwachte Nacht für mich. Gott sei dank löste meine Mutter dieses Problem, nachdem ich ihr davon am Morgen erzählt hatte. Sie suchte aus meiner Wäsche das fadenscheinigste Unterhemd – vier Geschwister vor mir hatten es schon benützt – heraus und sagte, das sollte ich den ganzen Tag tragen und abends auf das Hundekissen legen. „Damit nimmt sie deine Witterung an und Bobby wird denken du bist bei ihr“, erklärte sie mir die Maßnahme. „Du wirst sehen, das hilft!“ Meine Mutter hatte recht! Ich tat was sie gesagt hatte und es half wirklich. Fortan schlief meine Bobby ohne zu jammern, und ich bekam meine Nachtruhe zurück. Während der ersten Tage brauchte sie, deren Namensgebung vor Feststellung des Geschlechts erfolgt war und daß ich dann nicht mehr ändern wollte, noch viel Ruhe. Um ihr nahe zu sein, bettete ich sie oftmals in meinen Schoß und ließ sie dort so manche Stunde schlafen. Vor allem, wenn sie gefressen hatte – dreimal am Tag bekam sie fachkundig von meiner Mutter zusammengestelltes Futter – machte sie gern ein Nickerchen. Dann betrachtete ich das wahr gewordene Stück Seligkeit und all meine innere Zappeligkeit verebbte. Der schlafende Welpe machte mich so ruhig und friedlich, wie er selber war. Sobald Bobby aber munter wurde, nahm ich sie mit in den Garten, wo sie auf ihren kurzen Babybeinchen schnüffelnd ihre Umgebung erkundigte. Meist fand sich dann ein Teil meiner Geschwister ein, um ihr auch dabei zu zusehen. Belustigt kommentierten wir dann ihre unbeholfenen Bemühungen über größere Grasbüschel hinwegzukommen und feuerten sie mit ermunternden Zurufen an. Hatte sie es dann geschafft, lobten wir sie überschwänglich und liebkosten sie, was sie sich immer genußvoll, mit nach unseren Händen schleckender Zunge, gefallen ließ. Schließlich gingen auch diese Ferien zu Ende. Meine Bobby war in den vergangenen vierzehn Tagen bereits ein ordentliches Stück gewachsen und tollte gar nicht mehr so unbeholfen durch Haus und Garten. Und wenn sie draußen war, zeigte sie uns, daß aus ihr einmal ein guter Wachhund würde. Jedes mal, wenn fremde Leute am Gartenzaun entlang gingen, lief sie hin und verbellte sie mit ihrer dünnen, hohen Junghundestimme. Damals lachten und amüsierten wir uns köstlich darüber, aber später konnte einem ihre stete Wachsamkeit – denn selbst im Schlaf entging ihr kein fremdes Geräusch – manchmal nerven. Das wurde aber ausgeglichen durch die Gewißheit, daß bei solch einem Hund kein Mensch die Chance hatte – egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit auch immer – unbemerkt in den Garten oder ins Haus zu kommen. Doch das nur nebenbei. Am letzten Ferientag wurde mir bewußt, daß ich mich nun zeitweise von meiner Bobby trennen mußte; schließlich konnte ich sie ja nicht mit in die Schule nehmen. Diese Erkenntnis betrübte mich. Ich befürchtete, sie würde mich schrecklich vermissen und den ganzen Vormittag bis zu meiner Wiederkehr durch heulen. Also ging ich zu meiner Mutter, die sich in Sachen „Bobby“ – für mich überraschend – als Verbündete erwiesen hatte und erklärte ihr meine Sorge und den daraus entstandenen Kummer. Was ich aber verschwieg, war meine Befürchtung, daß, sollte sich Bobby während meiner Abwesenheit als schwierig erweisen, sie darauf bestehen würde, ihn wieder abzugeben. Glücklicherweise zerstreute sie voller Verständnis mein Vorgebrachtes. „Mach dir keine Sorgen“, sagte sie. „Ich werde mich ein bißchen um ihn kümmern. Und bald wird er merken, daß du ja wiederkommst und sich daran gewöhnen.“ Und sie erzählte mir die Geschichte von ihrem Hund, der eigentlich der Jagdhund (Bild einfügen XXX) ihres Vaters gewesen war, an ihr aber mit großer Liebe gehangen hatte. Er hatte immer gewußt, wann sie aus der Schule heimzukommen pflegte. „Meisten lag er am Vormittag neben dem Sessel meines Vaters und schief. Aber wenn die Zeit kam, an dem ich Schulschuß hatte, erhob er sich, ließ sich die Tür zum Garten öffnen, spazierte vor das Tor und legte sich dort nieder. Und noch bevor ich um die letzte Biegung in unsere Straße einschwenkte, sauste er los, um mich zu begrüßen. Er sprang an mir hoch, winselte vor Freude und ich mußte ihn streicheln und loben, was ich natürlich gern tat. Auf diesen Augenblick freute ich mich jeden Tag. Du wirst sehen, bei deiner Bobby wird es auch bald so sein. Oder wenigstens so ähnlich.“ Damit war unser Gespräch beendet. Es hatte mich beruhigt, gab mir die Sicherheit, daß meine Mutter nicht gleich wegen eines jammernden Hundebabys kapitulieren würde und sah dem folgendem Schultag mit etwas mehr Fassung entgegen. Ich weiß es nicht mehr, aber bestimmt habe ich meinen Schulfreunden begeistert von meinem Hund erzählt, denn das ist halt so meine Art. An was ich mich aber erinnere ist, daß ich es kaum erwarten konnte, bis an diesem Tag die Schulstunden vorübergingen. Schließlich war es so weit. Ich eilte nach Hause und fragte mich zum wiederholten Male, wie es meiner Bobby inzwischen wohl ergangen war. Als ich dann beim Gartentor angekommen war und es geöffnet hatte, rief ich: „Bobby, Bobby, wo bist du?“ und schon kam sie angewuselt, schier außer sich vor lauter Freude. Ich nahm sie hoch, herzte und küßte sie und gab ihr Kosenamen. Und sie erzählte mir jammernd in Hundesprache, wie sehr sie mich vermißt hatte und fuhr mir dazu heftig mit ihrer Zunge über das Gesicht. Ach, was war ich glücklich! Da war endlich ein Wesen, bei dem ich sicher sein konnte, daß es mich brauchte und liebte und das – das war fast noch wichtiger – meine Liebe ebenso brauchte und mich nie zurück wies. Nachdem wir uns ausreichend liebkost hatten, wollte ich endlich erfahren, wie Bobby sich den Vormittag über verhalten hatte. Ich setzte sie ab und ging voraus, um meine Mutter danach zu fragen. Die kleine Hündin aufzufordern mir zu folgen, war unnötig, denn die wollte mich, nach dem sie mich wiederhatte, so bald nicht mehr aus den Augen lassen. So schnell ihre immer noch kurzen Beinchen es erlaubten, setzte sie mir durch den Garten nach und mühte sich dann die Treppen zur Haustür hoch. Gerührt sah ich ihr dabei zu. Gemeinsam traten wir durch die Tür und suchten meine Mutter in der Küche auf. Sie stand am Herd, wo sie die letzten Vorbereitungen für das Mittagessen vornahm. „Hallo, Mutti“, begrüßte ich sie. Sie wandte mir ihr Gesicht zu und erwiderte den Gruß. „Und“, sagte ich, „wie hat Bobby meine Abwesenheit aufgenommen?“ Meine Mutter legte den Deckel auf den Topf, in dem sie gerührte hatte, ging zur Anrichte, nahm einen Stoß Teller heraus und stellte sie auf die Durchreiche. Danach war sie bereit meine Frage zu beantworten. „Tja, meine Liebe, ich muß schon sagen: Sie hat dich sehr vermißt. Eine ganze Zeit lang hat sie gejammert und gewinselt, aber ich habe sie dann zu mir in die Küche geholt und sie hat sich schließlich beruhigt.“ Das zu hören machte mir Sorgen. Meine Mutter hatte auch so schon genug Arbeit und mußte sich nun auch noch mit einem weinenden Hundekind befassen. Wieder kam Angst in mir hoch. Wie lange wird sie das mitmachen? fragte ich mich. Wie lange würde es dauern, bis sie sagt: „Es reicht! Es wird mir zu viel! Der Hund muß aus dem Haus!“ Um es vorwegzunehmen und euch zu beruhigen: Ein derartiger Ausbruch fand nie statt. Bis zu Bobbys fernen Tod, standen Vater und sie immer hinter der Entscheidung, mir einen eigenen Hund zu zugestehen. Und so gab sie mir an jenem Tag, als ich sie besorgt fragte: „Hat sie dich gestört und aufgehalten?“ die ehrliche Antwort: „Ja, schon ein wenig. Aber denk‘ dir nichts dabei, ich habe es gern getan. Deine Bobby wird sich ja daran gewöhnen und während deiner Abwesenheit friedlich sein.“ Dann fiel eine Last von mir ab und befreit bedankte ich mich überschwänglich bei meiner Mutter. Sie drückte mich kurz an sich und sagte: „Ist schon gut! Du weißt ja, daß ich Hunde mag. Deine Bobby und ich werden schon miteinander zurecht kommen!“
Sie kamen miteinander zurecht! In späteren Jahren wurde während meiner mal kürzer, mal länger währenden Abwesenheiten meine Mutter die Hauptbezugsperson für meine Hündin, weil ich sie leider nie mit dahin nehmen konnte, wohin das Schicksal mich verschlug. Noch war es aber nicht so weit. Zunächst einmal gewöhnte sich meine Hündin tatsächlich daran, daß ich immer wieder einmal für Stunden weg war. Innerhalb einer Woche hatte sie begriffen, daß ich ja wiederkam und verhielt sich ruhig, solange sich irgendeiner aus meiner Familie in ihrer Nähe aufhielt. Mußte sie später aber hin und wieder allein zu hause bleiben, dann war sie immer untröstlich und heulte, bis einer von uns auftauchte. Sie wuchs heran und erreichte mit einem halben Jahr eine beachtliche Größe. Ihr Deckhaar war mittelgrau und halblang, das Unterhaar hellgrau. Wenn es im Sommer warm wurde, ließ Mutter sie bei einer Hundefriseuse waschen und scheren. Als sie das erste Mal mit ihr von dieser Prozedur zurück kam, war Bobby deutlich schlanker und wirkte irgendwie nackt. Aber bis zum Winter hatte sie dann immer wieder ihr dichtes warmes Fell, daß ich ihr – leider nur manchmal, dann aber ausgiebig – bürstete. In meiner Freizeit beschäftigte ich mich viel mit ihr. Ich lehrte sie „bei Fuß“ zu gehen – wenn sie gut gelaunt war tat sie das auch. Das Springen über Hürden lernte sie schnell, auch wenn sie manchmal hierbei mogelte, wenn sie konnte und unten durch kroch, oder balgte mich ihr im Gras. Das mochte sie besonders gern. Ganz närrisch konnte sie werden, wenn ich mich flach mit dem Gesicht zwischen meinen Händen nach unten auf die Erde legte und jammernde Laute von mir gab. Dann schnüffelte sie hektisch, mit all ihrem Instinkt, mich zu beschützen, um mich herum und versuchte ihre Schnauze zwischen die schützende Barriere meiner Arme, zu zwängen. Zufrieden gab sie sich erst wieder, wenn ich ihr zeigte, daß mir nichts fehlte und alles nur Spaß gewesen war. Wenn ich mit ihr Gassi ging, schlossen sich gern einige meiner Geschwister an. Meistens gingen wir gleich hinterhalb des Gartens in Richtung „Hanna-Weiher“. Der Weg war für uns ungefährlich, weil damals die Straße nach Königswiesen noch nicht ausgebaut war. Er führte vorbei an der Kleingarten-Siedlung in Richtung Stadtrand und endete auf den Feldern. Dort rannten und tollten wir mit ihr herum und ließen sie Stöckchen apportieren. Das waren immer herrliche unbeschwerte Stunden.
Im ersten Sommer mit meiner Bobby machte ich leider auch einmal eine ziemliche Dummheit. Als Anfang September die Tage immer noch sonnig und warm waren, beschloß ich an einem Sonntag zum Schwimmen zu fahren. Mein Ziel war Pielenhofen am Regen, weil es mir dort einerseits gut gefiel und ich anderseits hoffte, dort einen bestimmten Jungen zu treffen, in den ich mich verliebt hatte. Ich packte also meine Badesachen zusammen und machte mich, versorgt mit Geld für die Hin- und Rückfahrt, mit Bobby auf den Weg. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich jung war, hatte ich keine Bedenken sie mitzunehmen. An die Hinfahrt zu dem ca. fünfzehn Kilometer entfernten Pielenhofen, erinnere ich mich kaum noch, nur daß sie unproblematisch verlief. Dort angekommen, hielt ich Ausschau nach dem Jungen. Soviel ich aber suchte, ich konnte ihn nicht entdecken. So suchte ich mir einen Platz gleich neben dem Regen, breitete meine Decke aus und ließ mich dort mit Bobby nieder. So ganz allein wurde mir bald langweilig, also beschloß ich etwas zu schwimmen. Aber kaum war ich ein Stück ins Wasser gewatet, fürchtete Bobby schon um mein Leben und begann erbärmlich zu heulen. Das war also auch nichts! Ich mußte wieder raus, um sie zu beruhigen. Anschließend nahm ich sie mit zu einem kleinen Spaziergang über die Badeanlage. Mein Ziel war die Verkaufsbude, die von Groß und Klein lebhaft angesteuert wurde. Ich wollte eigentlich nur mal schauen, was es dort so gab. Etwas zu kaufen verbot ich mir streng, denn das hätte bedeutet, mein Fahrgeld für den Rückweg auszugeben. Wie ich aber dann so davor stand und zuschauen mußte, wie andere genußvoll ihr Eis schleckten oder in eine dicke Schaumwaffel bissen, schmolz mein Widerstand dahin. Wirklich, ich versuchte es, aber meine Naschsucht war stärker! Im Nu waren die zwanzig Pfennige für die Heimfahrt ausgegeben und im Nu war das davon gekaufte verspeist. So und nun hatte ich ein echtes Problem! Jetzt blieb mir gar nichts anderes übrig, als zu Fuß nach Hause zu marschieren. Und weil der Weg weit war und ich pünktlich Zuhause sein mußte, konnte ich auch nicht länger bleiben. Also zog ich mich um, packte meine Badesachen ein und machte mich auf den langen Heimweg. Zuerst trottete Bobby brav mit. Aber auf der Strecke zwischen Pielenhofen und Lappersdorf gab es keinen Schatten und die von einem wolkenlosen Himmel herunter scheinende Sonne ließ uns schwitzen. Natürlich ging ich nicht schnell, damit sie mithalten konnte, aber irgendwann wollte sie nicht mehr. Sie setzte sich hin, ließ ihre Zunge heraushängen und hechelte. Da erst begriff ich das ganze Ausmaß meiner Verfehlung. Was hatte ich uns nur angetan? Wieso hatte ich meine Gier nach Süßigkeit nicht unterdrücken können? Nun schämte ich mich sehr und machte mir Vorwürfe. Aber es war nicht mehr zu ändern; irgendwie mußte ich da durch. Gott sei dank war Bobby noch nicht besonders schwer, also hob ich sie hoch und trug sie solange, wie meine Kraft es erlaubte. Als wir die ersten Häuser erreichten die Schatten spendeten, setzte ich sie ab und – siehe da – sie hatte sich inzwischen erholt und lief munter ein ordentliches Stücken. Sobald es ihr aber zu viel wurde, ließ sie sich auf die Hinterbacken nieder und ich mußte sie wieder aufnehmen. Die Strecke nach Hause zog sich hin. Irgendwann konnte ich auch nicht mehr so recht und brauchte eine Verschnaufpause. Ich setzte mich auf den Rand einer Garteneinfassung, um mich etwas auszuruhen. Gleich legte sich Bobby zu meinen Füßen nieder. Sie hechelte jetzt ziemlich heftig. Zu meinen Schuldgefühlen kam jetzt noch die Angst dazu, sie könnte wegen der Anstrengung einen Schaden erleiden. Wie ich da so saß, mich innerlich selbst ohrfeigte und mich beschimpfte, wurde ich auf einmal angesprochen. Ich drehte mich um und sah zu der Frau auf, die hinter dem Gartenzaun zu uns herunterschaute. „Na, kleines Fräulein“, sprach sie mich an, „euch beiden ist wohl ganz schön warm.“ Die Frau machte so einen netten Eindruck auf mich, daß ich beschloß, sie um einen Gefallen zu bitten. „Ja“, erwiderte ich und fuhr fort: „Ach bitte, wäre es möglich, daß sie mir für meinen Hund etwas Wasser bringen? Ich glaube, er hat großen Durst.“ „Aber ja“, sagte sie sofort zu meiner großen Erleichterung. Sie eilte davon und kam kurz darauf mit einer kleinen gefüllten Blechschüssel zurück. Sie hob sie über den Zaun herunter und ich nahm sie ihr vorsichtig ab. „Schau mal, was ich für dich habe“, sagte ich zu Bobby und stellte ihr die Schüssel vor die Nase. Kaum hatte sie das Wasser gewittert, erhob sie sich und schlapperte – ruck, zuck – alles weg. Mit Dank reichte ich der Frau die Schüssel zurück. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann hätte ich noch eine Bitte“, sagte ich zu ihr. Sie lächelte mir aufmunternd zu und erleichterte mir damit, um was ich sie bitten wollte. „Haben Sie vielleicht eine Flasche, die Sie mir mit Wasser füllen und mitgeben können. Wir müssen noch eine ziemliche Strecke gehen und ich möchte meinem Hund ab und zu etwas zu trinken geben.“, sagte ich schüchtern zu ihr, denn ich wußte wohl, daß man für Flaschen zehn Pfennige Pfand zahlen mußte. „Ja“, sagte die Frau, „die habe ich und die werde ich dir auch schenken!“, und erwies sich damit als meine Retterin in der Not. Wieder eilte sie fort und kam nach einiger Zeit mit einer gefüllten Flasche zurück. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt war ich mir sicher, den restlichen Heimweg ohne weitere Hilfe zu schaffen. Überschwänglich bedanke ich mich bei ihr, was sie mit einem Lächeln entgegen nahm. Eine Weile unterhielten wir uns noch, dann verabschiedete ich mich und machte mich mit neuen Kräften auf den Weg. Auch Bobby fühlte sich wieder frisch und erholt und so kamen wir gut voran. Hin und wieder trug ich sie ein Stück und hin und wieder bot ich ihr Wasser an, daß ich in meine Handfläche schüttete. Auf diese Weise durchquerten wir Regensburg von einem Ende zum anderen. Wie lange wir dazu gebraucht haben, weiß ich nicht mehr. Sicher ist jedenfalls, daß es über zwei Stunden gedauert haben muß. Aber das wichtigste und beste an der ganzen Sache war – und da hatte ich wirklich Glück -, daß ich es schaffte, rechtzeitig vor dem Abendessen Zuhause zu sein. So konnte ich meinen Eltern verschweigen, daß ich zusammen mit der kleinen Hündin den ganzen Rückweg zu Fuß bewältigt hatte. In späteren Jahren habe ich es ihnen bestimmt einmal erzählt, aber erst, als ich sicher sein konnte, daß sie mich dafür nicht mehr bestrafen. Und eins könnt ihr mir glauben, liebe Söhne, das war eine Lehre für mich. So etwas habe ich nie wieder gemacht. Ich liebte meine Hündin viel zu sehr, als daß ich ihr dergleichen noch einmal zumutet hätte.
Im darauffolgenden Frühjahr wurde Bobby zum ersten Mal läufig. Ihr Scheideneingang schwoll etwas an und kurz darauf tröpfelte sie überall herum. Als meiner Mutter und mir das hinterher wischen zu viel wurde, sann sie auf Abhilfe. Sie nahm eine alte Unterhose, schnitt ein Loch für die Rute hinein und zog sie der Hündin über die Hinterbeine. Anschließend platzierte sie einen dicken Wattebausch in der Hose, der das tröpfelnde Blut aufnehmen sollte. Ich war skeptisch, ob das funktionieren würde und befürchtete außerdem, Bobby würde sich diesen Fremdkörper sofort vom Leib reißen. Aber siehe da, sie tat nichts dergleichen! Sie ertrug ihren wirklich lächerlich wirkenden Monatsschutz mit Gleichmut, als wisse sie ganz genau, für was er gut war. Natürlich mußte sie ihn nur im Haus tragen. Er wurde entfernt, wenn sie in den Garten gelassen wurde. Dann mußte ihr Hinterteil unbekleidet sein, damit sie ihr Geschäft machen konnte. Und draußen, ja draußen war während der Zeit ihrer fruchtbaren Tage die Hölle los. So viele Hund hatte ich bis dahin noch nie beisammen gesehen. Der erotische Duft der Hündin lockte sie aus allen Himmelsrichtungen herbei und schmachten liefen sie nun vor dem Gartenzaun auf und ab oder saßen sehnsuchtsvoll heulend davor. Ich fragte mich, wo die wohl herkamen und wundertet mich außerdem, daß sie nicht übereinander herfielen. Später machte ich die Erfahrung, daß angeleinte Hunde eher übereinander herfallen, als freilaufende. Jedenfalls war es damals so, da hat man Hunde noch nicht so scharf gemacht. Hin und wieder kam einer der Besitzer und führte seinen Hund fort. Nach und nach verschwanden die meisten wieder – die Hundehalter hielten sie wohl im Haus oder legten sie solange an die Kette, bis Bobbys interessante Tage vorbei waren. Nur zwei oder drei „Eiserne“ waren nicht fortzukriegen. Entweder gelang es ihnen immer wieder zu Hause zu entschlüpfen oder ihren Herrchen/Frauchen war es egal, wo sich ihre Hunde herumtrieb. Dem verblieben eisernen Rest genügte es aber bald nicht mehr nur zu schmachten und zu heulen. An verschiedenen Ecken des Gartens attackierten sie zuerst den Zaun und versuchten sich dann unter der entstandenen Lücke durch zu buddeln. Als schließlich einer der Hunde – Bobby war zu dem Zeitpunkt glücklicher Weise im Haus – schnüffelnd durch unseren Garten lief, machten sich mein Vater und meine älteren Brüder daran, jeden Tag Schwachstelle im Gartenzaun aufzuspüren und zu sichern. Das zu tun war ihnen ganz selbstverständlich, weil es halt einfach zum Hundebesitz gehörte. Ich bekam nie ein ärgerliches „Dein Hund macht uns ganz schön Arbeit!“ zu hören. Ganz im Gegenteil! Die ganze Familie war belustigt über den Eifer und Einfallsreichtum, den die Rüden entwickelten, um an Bobby heranzukommen. Und darum heute – 2021 – an sie postum ein herzliches Dankeschön! Währende jener ersten Läufigkeit meiner Hündin paßte wirklich jeder darauf auf, daß sie nicht geschwängert wurde. Meine Mutter hatte uns darum gebeten, weil sie der Meinung war, sie sei noch zu jung für eine Schwangerschaft. Und so mußte sie zum Gassigehen immer angeleint werden – stets waren dann Hundeherren von ihr fortzutreiben – und durfte nie alleine in den Garten. Es war ein Glück, daß diese Phase nach ca. sechs Tagen vorbei ging. Die Anbeter verloren ihr Interesse und ließen sich bis zu ihrer nächsten Periode nicht mehr blicken. Die nächsten Wochen verliefen, was Bobby betraf, normal und ereignislos. Dann kam der Sommer und mit ihm die Ferienzeit. In diesem Sommer fuhren wir mit Zelten und Wohnwagen an den Waginger-See. Keine Frage, daß Bobby mitkam. Auf der Fahrt lag sie zu Füßen meiner Mutter, die immer den Beifahrersitz inne hatte. Weil es Bobbys erste längere Fahrt im Auto war, hatte meine Mutter vorsichtshalber eine alte Wolldecke als Unterlage für sie zusammengefaltet. Als weitere Maßnahme hatte sie ihr zum Frühstück nur Wasser zum Trinken gegeben. Diese Voraussicht machte sich bezahlt. Bobby hielt sich während der vierstündigen Fahrt ruhig und friedlich, döste die meiste Zeit und machte kein Bächlein, das die Decke hätte aufsaugen müssen. Nur hin und wieder spuckte sie ein wenig Wasser. Das war kein Wunder, verlief die Route doch auf und ab, machte Bögen nach rechts und nach links, halt so, wie die natürlichen Bodenbeschaffenheiten es ergaben. Davon wurde ihr schlecht, und das erklärte auch die lange Anfahrt. Heute, das wißt ihr ja, meine lieben Söhne, ist die Strecke Regensburg – Waging so ausgebaut, daß man sie an einem LKW-freien Tag in gut zwei Stunden schaffen kann.
Der Aufenthalt am Campingplatz war trotz Hund unbeschwert. Wir konnten uns ausbreiten mit Wohnwagen und zwei großen Zelten, weil damals nicht so viele Menschen die Plätze nutzten. Deshalb gab es auch noch nicht so viele Regeln und Einschränkungen und Mensch und Tier genossen den Aufenthalt in der Natur. Bobby gewöhnte sich rasch an die neue Umgebung. Sie genoß es, die ganze Familie so konzentriert um sich zu haben, nervte kaum herum und entfernte sich von unserm Platzanteil nie ohne ein Familienmitglied. Aus diesem Grund mußte sie selten angebunden werden, was die Sache für sie und uns leicht machte. Zum ersten Mal erlebte sie einen See und lernte das Baden lieben. Wenn meine Geschwister und ich ins Wasser gingen, lockten wir sie hinein. Dann schwamm sie paddelnd ein Stück mit uns mit. Hatte sie genug, kehrte sie um und schüttelte am Ufer das Wasser aus ihrem Fell, das in Tausenden von kleinen Tröpfchen davon stob. Fühlte sie sich einigermaßen trocken, setzte sie sich an Ufer und forderte uns dann mit kurzen trockenen Lauten auf, doch auch wieder herauszukommen. Ganz geheuer war ihr das nie, wenn sie nur noch unsere Köpfe sah, die sich auf der Wasseroberfläche bewegten. Und deshalb mußte sie manchmal auch zurückbleiben bei Zelten und Wohnwagen, wenn wir weiter hinausschwimmen wollten.
Mein Vater macht immer recht gern Ausflüge mit uns. Vor allem während der Urlaubszeiten nützte er die Gelegenheit, uns die verschiedensten Orte, Kirchen, Klöster und landschaftlichen Reize der jeweiligen Gegend näherzubringen. Und so blieb es nicht aus, daß er Frau, Kinder und Hund auch während dieser vier Wochen hin und wieder ins Auto packte und ein von ihm ausgesuchtes Ziel ansteuerte. Solange wir uns innerhalb Deutschlands bewegten war das mit Bobby kein Problem, die sich inzwischen völlig ans Autofahren gewöhnt hatte. Aber als er eine Fahrt nach Salzburg plante, fragten er und Mutter sich, ob sie Bobby wohl ungehindert über die Grenze bringen würden. Schon damals mußte man beim Grenzübertritt einen Hundepaß vorweisen, der bestätigte, daß der jeweilige Hund die notwendigen Schutzimpfungen erhalten hatte. Diesen Paß besaß Bobby noch nicht. Trotzdem beschloß meine Eltern, sie mitzunehmen und hinüber zu schmuggeln. Wenn ich daran denke, mit welcher Courage die beiden das damals angingen, dann entlockt mir das heute noch ein Grinsen. Sie, die meistens ehrliche und gesetzestreue Bürger waren, beschlossen wegen meiner Hündin das Wagnis einer Gesetzesübertretung. Und taten das auch noch mit einer gewissen schelmischen Abenteuerlust. (Das muß wohl die entspannende Urlaubsstimmung ausgemacht haben!) Vor Antritt der Fahrt überlegten sie, was ihnen geschehen konnte, sollte man an der Grenze den Hund entdeckte. Treffe dieser Fall ein, so beschlossen sie, dann würden sie sich dumm stellen, würden erklären, daß sie das mit dem Paß nicht gewußt hätten und müßten dann halt wieder umkehren. Also fuhren wir los. Bobby lag zu Füßen meiner Mutter, auf ihrem Schoß hielt sie Viktor das Nesthäkchen und der Rest ihrer Kinderschar drängte sich auf dem hinteren Sitz zusammen.
Ach ja, liebe Söhne, ihr müßt wissen, daß wir mit meines Vaters Mercedes Benz fuhren, einem geräumigen 190 Benziner, so daß das Ganze nicht so schlimm war, wie es sich darstellt. Allerdings wäre ein derart gefülltes Auto, in dem auf dem Hintersitz manchmal bis zu sieben Kinder – neben und übereinander – heute nicht mehr erlaubt. Aber damals war es durchaus üblich. Nach ca. fünfzehn Kilometer näherten wir uns der Staatsgrenze. Ich weiß ja nicht, wie es den anderen erging, aber mich beschlich ein ängstliches Gefühl und mit bangem Herzen sah ich dem Stopp und dem Kontrollieren der Pässe entgegen. Kurz vor dem Anhalten schob meine Mutter noch rasch Bobby unter ihre nicht gerade schlanken Beine und drückte ihr sacht mit einer Hand den Kopf nach unten. Dann war es auch schon so weit. Das Auto hielt vor dem deutschen Zoll und ich fast den Atem an. Mein Vater und meine Mutter kurbelten ihre Fenster herunter und streckten je einem herantretenden Zöllner ihre Pässe entgegen. Sie studierten sie, steckten dann ihre Köpfe halb ins Auto und zählten mit leicht erstauntem Blick die dazugehörenden Personen, stellten fest, daß die Anzahl mit der übereinstimmte, die in den Pässen vermerkt war und zogen ihre Köpfe wieder zurück. Dann richteten sie sich wieder auf und gaben meinen Eltern ihre Ausweise zurück. Aber noch konnten wir nicht weiterfahren, denn jetzt fragte der Beamte auf Vaters Seite ihn, ob sich etwas zum Verzollen im Auto befände. Einen kleinen Augenblick war es völlig ruhig im Auto und ich dachte: Wenn jetzt einer von meinen Geschwistern vorlaut sagt: „Wir haben einen Hund dabei!“, dann ist alles aus. Aber die sonst häufig lebhafte Meute verhielt sich mucksmäuschenstill und mein Vater antwortete mit fester Stimme: „Nein, haben wir nicht!“, und der Mann glaubte ihm. Er und sein Kollege traten zurück und gaben meinem Vater mit einer Handbewegung zu verstehen, daß er weiterfahren könne. Wir atmeten etwas auf, verhielten uns aber noch still, denn einige Meter weiter mußten wir ja erst noch den österreichischen Zoll hinter uns bringen. Als wir auch das geschafft hatten – beim Anblick der vielen verschwitzten Kinder auf dem Rücksitz und dem Kleinkind vorne auf Mutters Schoß, wäre wohl so leicht keiner darauf gekommen, daß in diesem Auto auch noch ein Hund steckte -, warteten wir noch ab, bis hinter uns die Zollstation verschwunden war und dann jubelten wir Kinder los. Dieser Jubel galt nicht nur der geglückten Hundeschmuggelei, sondern auch dem Wagemut unserer Eltern. Noch nie hatten sie im Beisein ihrer Kinder so offensichtlich etwas Unerlaubtes getan. Doch gerade das brachte sie uns näher und machte sie uns irgendwie vertrauter. Mit dieser Übertretung rutschten sie für uns etwas herunter von ihrem Ehrfurcht heischenden Podest. Ob sie das wohl instinktiv erfaßten? Ich weiß es nicht, aber ich vermute es, denn meine Eltern nahmen unsere Begeisterung schmunzelnd zur Kenntnis. Von der Besichtigung Salzburgs ist mir kaum etwas im Gedächtnis geblieben, denn es war nicht mein erster Besuch in dieser Stadt. Den Allerersten habe ich sehr gut in Erinnerung, weil ich damals meinen ersten „Aura-Anfall“ (Daß das einer war, habe ich erst Jahrzehnte später erfahren. Siehe Interne unter „Aura“!), bekam, der mich sehr geängstigte hatte.
Bei diesmaligem Durchstreifen der Mozart-Stadt steht mir aber noch vor Augen, wie mich meine Bobby an der Leine – bei so einem Stadtbesuch ein zwingendes Muß – die Uferpromenade entlang zieht. Ich weiß, daß ich sie bei diesem Ausflug hin und wieder gern jemand anderem zum Führen übergab, weil sie vorwärts zog, daß sie aber ansonsten sehr brav war und niemanden anbellte. (Ist es nicht erstaunlich, daß die meisten Hunde genau wissen, wann sie ihre Familie beschützen müssen und wann nicht? Ich finde schon!) Nach drei, höchstens vier Stunden ging es wieder zurück, denn länger hielten die kleineren Kinder noch nicht durch. Vom Einsteigen ins Auto bis zum wiederholten Grenzübertritt war es eine relativ kurze Strecke. Während dieser kurzen Strecke wurde mir aber erst so richtig bewußt – meinen Eltern und einem Teil meiner Geschwister wird es bestimmt auch so ergangen sein -, daß die Entdeckung meiner Bobby bei der Rückführung ein vergleichsweise viel größeres Risiko darstellte, als ihr Hereinbringen nach Österreich. Wenn die Zöllner sie entdecken sollten, würden wir sie bei ihnen zurücklassen müssen, denn wir hätten nicht beweisen können, daß wir sie auf der Einreise bereits dabei hatten. Meine Anspannung war also dementsprechend groß. Wie gelähmt saß ich eingekeilt zwischen meinen Geschwistern und betet, daß alles gut gehen möge. Und es ging gut! Als wir die beiden Zollstationen endlich hinter uns hatten, brach diesmal kein Jubel aus. Jeder war heil froh, diese Prüfung hinter sich zuhaben und atmete freier durch.
Während dieser Ferien wurden keine Fahrten mehr geplant, die einen Grenzübertritt notwendig gemacht hätten, weil schließlich niemand sich sicher sein konnte, daß sich Bobby immer so still verhielt wie auf unserem Ausflug nach Salzburg. Das Risiko, daß man meine Hündin dabei doch einmal entdecken könnte, war einfach zu groß. Für den Rest der Ferien unternahm er mit uns nur noch Ausflüge in der näheren Umgebung. War auch immer schön! Und schön war auch – wie mir erst hinterher so richtig bewußt wurde -, daß ich in diesem Urlaub kein einziges Mal angst vor dem Einschlafen hatte. Keinerlei Phantasien quälten mich, jemand könnte sich des Nachts in unser Zelt schleichen und uns etwas antun. Mit meiner Bobby in der Nähe – sie schlief im Wohnwagen, unter dem zum Bett umgemodelten Tisch – fühlte ich mich sicher und geborgen. Nie schlief sie so tief, daß ihr ein nächtlicher, in unserer Nähe vorbeigehender Mensch entging und von ihr gemeldet wurde. Mag sein, daß es für meine Eltern manchmal etwas lästig gewesen ist, wenn sie plötzlich unter ihnen zu grollen anfing und sie davon aufwachten. Beklagt haben sie sich jedoch nie darüber. Für sie war es ganz natürlich, daß meine Hündin ihre angeborenen Instinkte auch anwandte.
Ein neues Schuljahr hatte begonnen. Zu all den Pflichten, die damit verbunden waren, hatte ich noch eine besondere zu erledigen. Eines Tages forderte meine Mutter mich auf, mit Bobby zum Tierarzt zu gehen. Die Hündin war inzwischen über ein Jahr alt und mußte endlich die sowohl notwendigen als auch vorgeschriebenen Schutzimpfungen bekommen. „Du willst doch nicht, daß deine Bobby die Staupe bekommt. Die kann nämlich tödlich enden!“ sagte meine Mutter und fügte hinzu: „Und laß dir auch gleich einen Hundepaß für sie ausstellen, dann ist das auch erledigt.“ So machte ich mich an einem Nachmittag auf den Weg und marschierte mit Bobby in die Albertstraße zu Dr. XXX. (Ihn lernte ich noch ganz gut kennen, weil ich mit 21 Jahren als Sprechstundenhilfe in der Praxis von Dr. Richter, einem Urologen, arbeitet, der seine Praxis auf dem selben Flur hatte. Ist schon interessant, wie das Leben manchmal spielt!) Ich war etwas nervös, denn es war Bobbys erster Arztbesuch und ich wußte nicht, wie sie darauf reagieren würde. Im Warteraum setzte ich mich auf einen der freien Stühle, verkürzte die Leine und drückte Bobby gegen mein Knie. Die ungewohnten Gerüche machten sie unruhig und sie zitterte leicht. Ich befahl ihr sich zu setzten, streichelte ihr beruhigend über den Kopf, mahnte mich selbst auch zur Ruhe und richtete mich auf die Wartezeit ein. Mit mir warteten unterschiedliche Leute, mit verschiedenen Tieren: Hunde, Katzen in Körbchen, ein Wellensittich in einem Käfig und in einer Schachtel ein Hamster. (Warum ich das noch so genau weiß? fragt ihr euch. Tu ich gar nicht! Aber so hätte es gewesen sein können.) Ein/e Tierbesitzer/in nach dem andern wurde aufgerufen, verschwand im Behandlungszimmer und kam nach einiger Zeit wieder heraus. Das Wartezimmer wurde aber kaum leerer, denn neu hinzukommende Herrchen und Frauchen belegten frei gewordenen Plätze. Während ich da saß und darauf wartete, daß ich mit Bobby an die Reihe kam, wunderte ich mich darüber, wie brav sich all die verschiedenen Tiere verhielten. Kein Hund mußte gewaltsam zurückgehalten werden, weil er sich unbedingt auf eine der anwesenden Katzen stürzen wollte und die Katzen lagen ruhig in ihren Behältern oder gekuschelt auf einem Schoß. Irgendwie spürten sie wohl alle, daß hier nicht der richtige Ort war, um sich ungebührlich zu benehmen. Schließlich war die Warterei zu ende. Ich wurde aufgerufen und führte meine Bobby in den Behandlungsraum. Zwei große Fenster machten ihn hell und luftig. An den Wänden standen einige Regale, Aktenschränke und ein Schreibtisch. Die Mitte nahm ein mittelgroßer robuster Tisch ein, dessen Oberfläche mit einer Metalldecke überzogen war. Daneben befand sich ein kleines Tischen auf Rädern, mit allerlei Behandlungssachen darauf. All das nahm ich rasch in mich auf, während ich darauf wartete, daß der Tierarzt mir seine Aufmerksamkeit zuwendete. Er saß an dem Schreibtisch und nahm noch einige Eintragungen vor. Die Frau, die mich hereingeholt hatte, hantierte derweilen in einem der Regale herum. Schließlich hatte der Arzt seinen letzten Punkt gesetzt. Er legte den Stift nieder und schwang mit seinem Stuhl herum. „Wie heißt denn dein Hund?“ fragte er mich freundlich und sah mich über den Rand seiner Brille hinweg an. „Bobby!“ antwortet ich. „Bobby“, wiederholte er. „Das ist aber ein Name für einen Rüden. Dein Hund ist aber eine Hündin.“ „Ich weiß, aber Bobby hat mir halt so gut gefallen!“ „Na gut, warum auch nicht!“, erwiderte er mit einem belustigtem Achselzucken. „Und wie heißt du?“ war seine nächste Frage. „Hildegard! Hildegard Geyer! Ich bin eine Tochter vom Beton-Geyer!“ Er machte eine Bemerkung, die mir zeigte, daß ihm das ein Begriff war und fragte dann: „Und was ist mit deiner Hündin los, kleines Fräulein?“ „Sie ist nicht krank!“ sagte ich. „Sie muß nur geimpft werden. Und ich brauche einen Hundepaß für sie.“ „So, so“, sagte Dr. XXX und stand auf. „Dann laß mich mal sehen. Dazu muß ich sie vorher ein bißchen untersuchen. Ich kann sie nur impfen, wenn sie auch völlig gesund ist.“ „Ist gut“, erwiderte ich und half ihm Bobby auf den Tisch zu heben. Die zitterte jetzt noch etwas heftiger als vorher, wehrte sich aber nicht dagegen. Mit flinken, erfahrenen Finger und unter beruhigendem Zureden, tastete er zuerst ihren Körper ab und sah sich anschließend ihre Bauchunterseite an. Dazu erklärte er mir, daß man die Anzeichen für eine Hundestaube immer zuerst an Flecken auf dem Bauch erkennen könne. Als er keine fand, nickte er zufrieden mit dem Kopf und sagte: „Deine Hündin ist in einem guten Zustand. Sie ist gesund und gut ernährt, so daß ich keinen Grund sehe, sie nicht zu impfen.“ Er wandte sich seiner Assistentin zu und bat sie, alles dafür bereitzumachen. Rasch erledigte das die Frau und setzte sich dann an den Schreibtisch. „So, kleines Fräulein“, sagte der Arzt zu mir und griff nach einem bereitliegenden Rasierer. „Dann wollen wir mal! Komm her und halte ihren Kopf. Es wird ihr bestimmt nicht sehr weh tun, aber aufgeregt sind die Tiere dabei immer. Da geht es ihnen wie den Menschen. Sie wird sich aber ruhig verhalten, wenn du ihr nahe bist.“ Das verstand ich gut. Ich nickte zu seinen Worten, löste meine Hand von Bobbys Halsband, schlang ihr einen Arm um den Hals und zog ihren Kopf an mein Gesicht. Ich hielt es aber so, daß ich mit einem Auge noch sehen konnte, was er mit meiner Bobby anstellte, denn das interessierte mich sehr. Zuerst tastete er eine Stelle an ihrem Hinterlauf ab und rasierte dann dort etwas Fell weg, so daß ein kahler Fleck entstand. Anschließend riebe der diese Stelle mit einem weißen Tüchlein ab, das er vorher mit einer Flüssigkeit getränkt hatte. Und dann griff er zu der ersten Spritze. Mein Herz klopfte plötzlich stärker vor Ängstlichkeit, als wäre ich diejenige, die die Spritze bekommen sollte. Ich glaube, daß ich in diesem Moment auch anfing zu zittern. Aber so konnte ich Bobby keine Hilfe sein. Schnell drehte ich meinen Kopf herum, um das Einspritzen nicht mit ansehen zu müssen und drückte Bobby noch näher an mich. Als sie gleich darauf etwas zusammenzuckte, wußte ich: Die erste Spritze hatte sie hinter sich. Die Zweite war wohl etwas schmerzhafter, als die Erste, denn Bobby versuchte sich aus meinem Arm herauszuwinden. Wahrscheinlich wollte sie nachsehen, was da an ihrem Hinterteil vorgenommen wurde. Aber eisern hielt ich sie fest und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr. Das half und sie hielt wieder still. Aber meinen Griff wagte ich erst zu lockern, nachdem Dr. XXX gesagt hatte: „So, das hätten wir!“ Von meinem Arm befreit, schüttelte Bobby zuerst einmal energisch ihr Fell zurecht. Ihr Zittern hatte aufgehört und sie machte einen ganz zufriedenen Eindruck. Wahrscheinlich ahnte sie, daß damit alles überstanden war. Die kleinen Pikser waren jedenfalls bereits Vergangenheit. Der Tierarzt hob sie vom Behandlungstisch herunter und übergab mir ihre Leine. „Komm mit!“, sagte er. „Wir müssen jetzt noch Name und Adresse deines Vater aufschreiben. Ich nehme an, die Rechnung geht an ihn.“ „Ja!“, antworte ich etwas verdutzt. Drüber hatte ich mit meiner Mutter zwar nicht gesprochen, nahm aber spontan an, daß das schon in Ordnung ging. Ich folgte ihm zum Schreibtisch – die Frau hatte sich erhoben und säuberte nun den Behandlungstisch für den nächsten tierischen Patienten – und sah zu, wie er meine Angaben auf einem Karteiblatt eintrug. Als er damit fertig war, zog er eine Schublade auf und entnahm ihr ein kleines, dünnes gelbgefärbtes Heftchen. Er öffnet es, strich es auseinander und trug nun in dieses die Daten meiner Hündin ein. Vorname: Bobby, Familienname: Geyer, Das fand ich lustig und ich mußte kichern, obwohl es doch eigentlich logisch war. Auf den Gedanken meine Hündin „Bobby Geyer“ zu nennen, wäre ich selbst nie gekommen, aber es gefiel mir. Rasse: Schnauzermischling, Farbe: grau, Geschlecht: weiblich. Nachdem das erledigt war, blätterte er um und trug auf zwei anderen Seiten die Art der Schutzimpfungen ein. Abschließend setzte er seinen Praxisstempel und seine Unterschrift darunter. Jetzt war es amtlich. Damit war der Hundepaß vollständig und gültig. Er klappte ihn zu, stand auf und überreichte ihn mir. Bevor er mich entließ, legte er mir noch ans Herz, Bobby in den nächsten drei Tagen nicht anzustrengen. „Sie wird Reaktionen auf die Impfungen zeigen, die sie etwas schwächen werden!“, erklärte er. „Aber keine Sorge, daß geht wieder vorüber!“ Er grüßte zum Abschied, ich grüßte zurück und ging mit Bobby durch die Tür, die die Frau für mich offen hielt. Draußen auf der Straße atmete ich erst einmal erleichtert tief durch. Das hatte ich glücklich hinter mir. Alles war gut gegangen, Bobby hatte sich anständig benommen und in meiner Kleidertasche war der Hundepaß verstaut. „So, meine liebe Bobby“, sagte ich erlöst, „jetzt gehen wir zwei mal schön langsam nach Hause!” Am nächsten Tag wirkte meine Hündin schlaff. Sie tobt nicht herum und hatte kaum Appetit. Wenn Leute vor dem Gartengrundstück vorbeigingen, verbellte sie die nur halbherzig und suchte sich dann schnell wieder einen Ruheplatz im Schatten. Ihre Schnauze hatte etwas von seinem schwarzen Glanz verloren und fühlte sich warm an. Normalerweise hätte ich mir Sorgen gemacht, denn sie wirkte zum ersten Mal krank auf mich. Aber ich dachte daran, daß der Tierarzt mir eine Impfreaktion vorausgesagt hatte. So sorgte ich dafür, daß sie auch vom Rest der Familie in Ruhe gelassen wurde und wartete ab. Der nächsten Tag verlief ähnlich wie der Erste. Sie so lustlos zu sehen machte auch mich lustlos. Nach der Schule und dem Mittagessen setzte ich mich im Garten zu ihr in den Schatten und sah dem Treiben meiner Geschwister zu. Hin und wieder kam einer von ihnen zu uns und tätschelte ihr tröstend den Kopf. Dann sah sie dankbar auf und wedelte sacht mit dem Schwanz. Immer noch schmeckt ihr das Futter kaum, trank aber dafür um so mehr. Am dritten Tag ging es aber deutlich aufwärts mit ihr. Ihr Nase war nicht mehr so warm und glänzte wieder. Ihren Futternapf lehrte sie am Morgen so schnell und gierig, daß ihr meine Mutter einen Nachschlag gab. Nur am späten Nachmittag kehrte noch etwas von ihrer Schlappheit zurück. Sie verkroch sich in ihrer Hundehütte und ließ sich bis zum nächsten Tag nicht mehr blicken. Dann war sie wieder ganz die „Alte“!
Im darauffolgenden Jahr – 1959 – war es dann so weit, daß meine Mutter erklärte, Bobby dürfe nun Junge bekommen. „Für jedes Tier ist es gut, einmal schwanger zu werden!“, erklärte sie mir dazu. Darüber freute ich mich riesig. Aber zunächst hatte ich noch viel Geduld aufbringen, weil abgewartet werden mußte, bis ihre nächste Läufigkeit eintrat. Der Mai kam – ich wurde in diesem Monat dreizehn -, aber noch waren Bobby keinerlei Anzeichen für ihre „interessante Tage“ anzumerken. Ich begann schon ungeduldig zu werden, weil sich nichts tat, als eines Morgens, kurz vor Beginn der Pfingstferien, ein Rüde vor unserem Gartenzaun auftauchte und seine Patrouille aufnahm. Dieser kleine schwarze Spitz, an den ich mich noch gut erinnere, durfte häufig alleine herum streifen. Er war ein arger Kläffer; trotzdem mußte man nicht befürchten von ihm gebissen zu werden. Es genügte völlig, auf ihn mit ausgebreiteten Armen zu zugehen und schon kniff er den Schwanz zwischen die Beine und lief keifend davon. (Eine Bekannte hat mich einmal erstaunt gefragt, wie es möglich ist, daß ich mich an so viele Einzelheiten erinnern kann. Darüber mußte selbst erst einmal nachdenken und fand schließlich folgende Erklärung.: Man kann viele Erinnerungen zurückholt, wenn man sich erst einmal damit beschäftigt. Und manche kommen ganz von alleine.) So ist es mir auch mit dem Spitz ergangen! Während ich an dem Absatz schrieb, tauchte er urplötzlich bildhaft in meinem Gedächtnis auf. Ich sah ihn vor meinem geistigen Auge, wie er im Umkreis seiner Behausung herumstrolchte, die Duftmarken seiner Rivalen kontrollierend und alle anpöbelte, die seinen Dunstkreis kreuzten. Er war wirklich eine kleine Giftkröte! Aber eine, mit einer extrem feine Nase! Deshalb war er auch immer der Erste, wenn Bobbys Tage zu erwarten waren. Weiter von seinem Revier entfernt als üblich, benahm er sich erstaunlicher Weise auch recht gesittet. Während dieser Zeit kläffte er uns nicht an, wenn wir an ihm vorüber mußten, sondern zog nur den Schwanz ein, senkte den Kopf und beeilte sich, genügend Raum zwischen sich und uns zu schaffen. Kaum waren wir an ihm vorüber, nahm er mit erhobener Rute seine Stellung beim Zaun wieder ein. Ich vermute mal, daß er mit diesem Gebaren verhindern wollte, daß ihn jemand aus der Nähe der läufigen Hündin vertrieb. Erst einen Tag später tauchten weitere Kavaliere auf. Einander ignorierend, stromerten sie schnüffelnd und suchend den Zaun entlang. Wie im Jahr zuvor, vermieden sie aber jeglichen Streit und Beißerei untereinander. Und wie im Jahr zuvor wurden die meisten von ihnen von ihren Besitzern gesucht, angeleint und abgeführt. Übrig blieben der schwarze Spitz, ein schöner, dunkel gefärbter Schäferhund und eine mittelgroße Promenadenmischung. Erst wenn meine Bobby für die Nacht ins Haus gesperrt wurde, verdrückten sich auch die Drei. Dann konnten sie den Duft ihrer Angebeteten nicht mehr so stark wahrnehmen und erinnerten sich an ihr Zuhause, wo das Fressen auf sie wartete. Aber sobald sie am Morgen hinausgelassen wurden, waren sie auch schon wieder da. Als bei Bobby dann die befruchtbaren Tage einsetzten, waren meine Geschwister und ich uns längst einig, daß nur der schöne Schäferhund als Freier für sie in Frage kam. Voller Begeisterung stellten wir uns bereits vor, welch tolle Mischung dabei heraus kommen würde. Der Schäferhund ließ sich denn auch nicht lange bitten, als wir für ihn die Gartentüre öffneten. Auf unser Anlocken reagierte aber nicht nur er, sondern auch die anderen Zwei. Hoffnungsvoll kamen sie ebenfalls angerannt und wollten auch in den Garten eingelassen werden. Aber wir waren auf der Hut! Meine größeren Brüder drängten sie ab und ließen nur den Schäferhund herein. Den beiden Mitbewerbern schlugen wir die Tür vor der Nase zu. Voller Enttäuschung setzten sie sich davor und heulten. Aber das kümmerte uns wenig, denn wir waren äußerst gespannt, was sich nun zwischen Bobby und dem Schäferhund abspielen würde. Keinen Moment der Begegnung der Zwei wollten wir verpassen – dafür sorgte schon unsere natürliche Neugier. Der hereingelassene Freier lief schnurstracks zu meiner Hündin und blieb vor ihr stehen. Sie zitterte leicht, wich aber nicht vor ihm zurück. Dann beschnupperten sie sich. Als das kein Grollen bei ihr hervorrief, wurde der Rüde mutiger. Er streifte an ihr vorbei und nahm schnüffelnd den Duft unter ihrem Schwanz auf. Noch hielt sie still, und wir warteten gebannt auf das Kommende. Als er sich nicht mehr beherrschen konnte und ihr mit der Zunge über die angeschwollene Scheide schleckte, aus der Menstruationsblut tröpfelte, drehte sie sich abrupt um und wies ihn mit einem Zuschnappen zurecht. Natürlich zierte sie sich; schließlich war sie noch eine „Jungfrau“ und hatte noch keine Erfahrung mit dem Paarungsritual. Der Rüde ließ irritiert einen Moment von ihr ab. Dann beschnüffelte er wieder ihren Kopf und fuhr ihr besänftigend mit der Zunge über ihre Schnauze. Als sie daraufhin keine Gegenwehr zeigte, probierte er es wieder an ihrem Hinterteil. Aber wieder vertrieb sie ihn von dort mit leise grollenden Lauten und einem Zuschnappen ihres Mauls. Den Schäferhund konnte sie damit aber nicht entmutigen. Er verfolgte die sich von ihm entfernende Hündin, stieß sie mit der Schnauze in die Seite und balgte sich mit ihr spielerisch. Das ging so eine ganze Weile und unsere Anspannung wuchs. Jeder von uns fragte sich wohl insgeheim, ob sie ihn überhaupt dran lassen würde. An uns würde es jedenfalls nicht liegen. Wir verhielten uns ruhig und ließen den Dingen ihren Lauf. Als die beiden genug hatten vom Balgen, verfielen sie aufs Wettrennen. Bobby sprang zuerst auf und er folgte ihr sofort. Seite an Seite rasten und tollten sie durch den Garten. Schließlich hatten sie genug und blieben hechelnd stehen. Irgendeiner von uns Kinder sagte: „Jetzt! Ich glaube, jetzt passiert es gleich!“, was unsere Aufmerksamkeit wieder erhöhte, die während des Herumspringens der Hunde etwas abgeflaut war. Und so war es auch! Der Schäferhund näherte sich Bobbys Flanken, die vom schnellen Laufen noch bebten und wagte sich dann weiter vor, um an ihrer Scheide zu schnüffeln. Dieses Mal ließ sie es ohne Gegenwehr geschehen. Das ermutigte ihn zum Vorschnellen der Zunge, mit der er rasch etwas Feuchtigkeit von ihr aufnahm. Als auch das keine Reaktion bei ihr hervor rief, schleckt er völlig ungeniert und hemmungslos immer und immer wieder über ihr Geschlechtsteil. Und sie genoß diese Liebkosungen mit leicht gesenktem Kopf und halb geschlossenen Augen. Nun war sie bereit! Mit sicherem Instinkt erkannte das auch der Rüde. Er hockte auf, sein Glied, daß schon eine ganze Weile angeschwollen aus seiner Felltasche herausgeragt hatte, fand auf Anhieb den richtigen Eingang und schon ging das Gerammel los.
Ihr müßt ja nun nicht denken, liebe Söhne, daß ich so etwas vorher noch nie gesehen habe, denn das habe ich. Ich bin einmal gerade dazugekommen, wie sich zwei Hunde aus der Nachbarschaft paarten. Dabei war das Glied des Rüden in der Scheide seiner Partnerin so stark angeschwollen, daß er es nicht mehr herausziehen konnte. So hing er hilflos über ihr, die ihrerseits versuchte ihn abzuschütteln. Erst ein Eimer kaltes Wasser, daß sein Herrchen über den beiden Hunden ausleerte, kühlte seine Erregung soweit ab, daß er sich wieder von ihr lösen konnte. Daß das eine höchst interessante Erfahrung für mich gewesen war, könnt ihr euch leicht vorstellen. Es war vor allem deshalb höchst Interessant, weil damals die Sexualität zwischen Erwachsenen vor Kindern strikt verborgen wurde. Um so begieriger waren wir, wenn wir sie bei Tieren beobachten konnten. Und seltsamer Weise hatten meine Eltern auch nichts dagegen, wenn meine Geschwister und ich einen tierischen Geschlechtsakt beobachteten. In dieser Hinsicht waren sie auf ihre Art manchmal schon recht fortschrittlich. Andere Eltern hätten ihre Kinder bestimmt entsetzt und schnell vom Schauplatz des Geschehens gezogen. Für euch ist das natürlich ein alter Hut, denn ihr mußtet nicht mit den Beschränkungen und Heimlichkeiten aufwachsen, die einhergehen mit der Verleugnung all dessen, was den Sex ausmacht. Vielleicht war es meinen Eltern sogar recht, wenn wir auf diese Art ganz natürlich etwas von den Geheimnissen der Zeugung erfuhren. Vielleicht begrüßten sie es, weil ihnen damit erspart blieb, uns aufzuklären. Ein Vorgang, um den sich meine Mutter zeit ihres Lebens bei mir herumgedrückt hat, auch wenn sie einmal, als ich sie danach gefragt hatte, erwiderte: „Das erkläre ich dir später einmal!“
An dieser Stelle fällt mir ein Witz ein, der gut dazu paßt: Eine Bauerntochter steht kurz vor ihrer Eheschließung. Am Abend vor der Hochzeit geht sie zu ihrer Mutter und fragt sie: „Mutter, was geschieht eigentlich in der Hochzeitsnacht!“ Die Mutter ist recht g‘schamig und will zuerst nicht mit der Sprache heraus. Dann fällt ihr eine Lösung ein. „Geh‘ morgen früh in den Hühnerstall und schau, was der Hahn mit den Hennen macht!“ erklärt sie ihr. Die Tochter tut das am Morgen vor der Hochzeit und kommt dann leicht empört zurück. „Mutter“, sagt sie zu ihr, „eins sag‘ ich dir: Auf mich darauf springen darf er, aber auf den Kopf picken laß ich mich fei net!“
Nun gut, auf den Kopf mußte sich auch meine Bobby nicht picken lassen. Dafür hielt der Schäferhund sie aber mit den Vorderpfoten so fest umklammert, daß sie ihn nicht abschütteln konnte, als sie im ersten Schreck davon wollte. Er hüpfte einfach mit und stieß sie gleichzeitig mit heftigen, schnellen Stößen. Und dann war es auch schon vorbei. Er plumpste von ihr herunter und ließ sich schnaufend ins Gras fallen. Meine Bobby schmollte zuerst ein bißchen. Aber lange konnte sie seine Anwesenheit nicht ignorieren. Erst näherte sie sich ihm, und als er friedlich, mit unschuldigem Augenaufschlag zu ihr hoch blickte, leckte sie ihm über das Gesicht. Dann legte sie sich neben ihn, streckte die Schnauze zwischen die Pfoten und entspannte sich. Auch wir Kinder setzten uns jetzt in gebührendem Abstand hin und warteten darauf, was noch geschehen würde. Die erste Vereinigung der beiden Hunde schien uns nicht ausreichend genug, meine Bobby auch wirklich zu schwängern. Nach einer Weile erholten sich die Zwei von ihren Strapazen und das Liebesspiel begann von neuem. Nun war meine Bobby auch nicht mehr zickig. Das Vorspiel war dieses Mal wesentlich kürzer, und als der Rüde sie besprang, wich sie nicht vom Fleck. „So, das reicht!“, sagte einer meiner älteren Brüder, als der Schäferhund von Bobbys Rücken glitt. „Hildegard, du macht das Gartentor auf, Eckhard und Inge sorgen dafür, daß die zwei Hunde da draußen nicht hereinschlüpfen können und wir anderen treiben den Schäferhund hinaus!“ Und so haben wir es dann gemacht! Den Schäferhund hinaus zu treiben war relativ einfach – er war ja schließlich zweimal zum Zug gekommen. Aber die beiden anderen Hunde am Hereinkommen zu hindern, schwierig. Völlig verzweifelt versuchten sie sich an unseren Beinen vorbei in den Garten zu drängen. Sie konnten einfach nicht einsehen, warum sie sich nicht auch mit der Hündin vergnügen durften. Nur mit vereinten Kräften schafften wir es, sie draußen zu halten und ihnen das Tor vor den Nasen zu zuschlagen. Am nächsten Nachmittag – ich und einige meiner Geschwister saßen im Wohnzimmer bei den Hausaufgaben – sahen wir den schwarzen Spitz frech durch den Garten spazieren. Wir stürzten gleich hinaus und scheuchten ihn mit Gebrüll hinaus. Anschließend suchten wir das Loch im Zaun, daß dieser kleine Widerling hineingebissen haben mußte. Ein solches fanden wir aber nicht. Was wir fanden, war eine Ausscharrung unter dem Zaun. Mit seinen kleinen scharfen Krallen hatte der Spitz solange in der harten Erde gekratzt, bis ein Spalt entstanden war, durch den er sich, flach auf dem Bauch liegend, geschoben hatte. Das Ergebnis der Hundehochzeit waren einige Wochen später 8 entzückende Hundebaby, die mehr vom Vater, dem Schäferhund hatten, als von ihrer Mutter. Einen Rüden behielten wir, die anderen gaben wir ab.

Notiz 5.!
Meistens begriff ich etwas sehr viel schnell, wenn ich dabei zuschauen konnte, als wenn man mir das theoretisch erklärte.

Aufklärung?
Bereits als Kind ärgerte ich mich aber das blöde Getuschel von Erwachsenen, wenn es um sexuelle Dinge ging. Ihre Einstellung war sicherlich eine negative zu diesem Thema, denn sonst hätten sie es nicht vor uns Kindern verborgen. Und so ist es ganz klar, daß erst ihre Haltung dem Ganzen etwas Unnatürliches und Verbotenes gab. Und was noch schlimmer ist – so sehe ich es heute – daß sie uns durch ihre Geheimniskrämerei erst richtig neugierig machten. Ich jedenfalls war es. Ich erinnere mich noch gut daran, daß ich den Roman “Lady Chatterly” bereits gelesen hatte – der für mich zwar interessant, aber nicht umwerfend war – als ich ein oder zwei Jahre später, als er mir wieder einmal in die Hände fiel, folgendes geschah: Dieses Mal wollte ich ein braves Kind sein und fragte meine Mutter, ob ich ihn lesen darf. Aber sie sagte zu meiner, neben ihr stehenden großen Schwester, ob sie nicht auch der Meinung sei, ich sei dafür noch zu jung. Diese bestätigte es und so wurde mir die Lektüre weggenommen. Dafür habe ich sie ein wenig verachtet; denn das immer wiederkehrende “du bist noch zu jung” für die verschiedenen Vorgänge in unserem Leben, war für sie bestimmt nur eine Ausrede für ihre Hilflosigkeit, heikle Themen sachlich zu erklären..

Notiz 6.:
Briefe die ich gerne schreiben würde: z.B. an den Freund meines Vetters Hermann Geyer, der mir, als ich ein junges Mädchen war, einmal mit einer Mappe heftig auf den Kopf schlug, weil er ohne Nachzudenken annahm, ich sei die Schuldige an einem, gar nicht so ernst gemeinten Streit zwischen seinen Jungs vom CVJM und mir. Er war ja so verklemmt, der Arme. Aber ihn hat das Schicksal später bestraft: Es erlitt einen Unfall und blieb anschließend querschnittsgelähmt.

Notiz 7.:
Weil ich Pferde sehr liebte, auch wenn ich vor ihnen immer etwas Angst hatte, wollte ich unbedingt reiten lernen. So oft es ging, fuhr ich mit dem Fahrrad nach Prüfening zum Reiterhof. Dort half ich dann mit die Pferde zu versorgen und den Hof zu kehren. Und eines Tages bezahlte meine Mutter schließlich Reitstunden für mich. Das war eine großzügige Geste von ihr..

Notiz 8.:
Und eine Zeitlang ging ich mit ihr zum Kirchenchor. Ich hatte eine schöne Singstimme und war damit auch im Schulchor die tragende gewesen. Als ich meine Mutter bat, mich mitzunehmen, weil ich wie sie dort singen wollte, nahm sie mich mit. Das war eine der ganz wenigen Ausnahmen, wo wir gemeinsame Interessen und Begabungen hatten und miteinander ausübten.

Mutter erzählt:
Meine Mutter stammte aus einem herrschaftlichen Haus. Ihr Vater – Victor von Strauß und Torney – gab immer wieder einmal Gesellschaften wie z. B. Kaffeekränzchen am Nachmittag. Da trafen sich dann Mütter mit ledigen Töchtern und junge Herren, die auf Brautschau waren. Dabei ist einmal folgendes geschehen, das unsere Mutter uns Kindern einmal zu unserer Erheiterung erzählte. Es ist die Geschichte mit der halben Tasse Kaffee. Bei einem der Zusammenkünfte, schenkte ein Fräulein einem jungen Mann nur eine halbe Tasse ein, so wie er es sich von ihr wünschte. Das freute ihn, weil vorher niemand auf seine Bitte: „Nur ein halbe Tasse bitte!“ reagiert hatte. Dieses Fräulein heiratete er schließlich. Als die beiden später einmal darüber sprachen, stellte sich heraus, daß sie ihm auch eine ganz eingeschenkt hätte, doch in der Kanne war nur noch Kaffee für eine halbe Tasse gewesen.

Notiz 9.:
Vor lauter Verbote und Kritik war ich als Kind so empfindlich geworden, daß ich mich entsetzlich schämte, wenn auch noch jemand außerhalb de Familie einen Fehler bei mir bemängelte. Um so mehr, weil mein Selbstvertrauen gering war, denn Leistungen waren selbstverständlich und wurden weder gelobt noch gefördert.

Notiz 10.:
Aus irgend einem Grund hatte ein katholisches Mädchen, als ich noch Schülerin war, es auf mich abgesehen. Ich nehme mal an, ich hatte sie, weil katholisch, irgendwie mit einem Schimpfwort beleidigt. Darauf hatte sie gedroht, mir etwas anzutun, wenn sie mich mal erwischen würde. Am Tag danach besprach das Problem mit meinen Mitschülerinnen und die waren so goldig und haben mich die nächsten 2 – 3 Tage auf meinem Heimweg begleitet. Und als dann tatsächlich die “Mathilde” mir mit ihren Freundinnen auflauerte, waren wir derart in der Überzahl, daß sie sich nie wieder blicken ließ.

Copyright by Hildegard Fischer.

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