1958 – siehe Verzeichnis.

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1. Notiz:
Meine Geschwister und ich waren alle sportlich begabt und deshalb bekamen wir zu Weihnachten mal Skier, Rollschuhe oder Schlittschuhe, etc. Auch ließ mein Vater von seinem Werksschreiner ein Paar Stelzen anfertigen, mit denen wir übten und bald gut zurecht kamen. Und deshalb kann man mich hier auf ihnen bewundern. (Es war gar nicht so einfach lange genug stillzuhalten, damit das Bild nicht verwackelte.)

2. Notiz:
In den Ferien nach der 2., 6. und 7. Klasse schickten mich meine Eltern für jeweils vier, bzw. sechs Wochen in unterschiedliche Kindererholungsheime. (Die nannten sich wohl so, weil Eltern sich dann von ihren Kindern erholen konnten.) Das erste befand sich in der Nähe von Bad Abbach, das zweite bei Berchtesgaden, das dritte zwischen Inzell und Ruhpolding und hieß „Der Sonnenhof“. Mit dem Rest ihrer Kinder machten sie dann unbeschwerte Ferien.

Haustiere:
Die Liebe zu Katzen ist schon etwas eigenartiges. Man hat sie oder man hat sie nicht. Meine Liebe zu diesen Tieren zeigte sich bei mir erst in einem etwas reiferen Alter und überraschte mich damit, daß sie überhaupt vorhanden war. Vorher war ich eher eine Hundefreundin. In meinem Elternhaus, das von 8 Kindern bevölkert war, gab es deswegen immer die vielfältigsten Tiere. Wir durften uns in der Regel halten, was über die Größe eines Hundes nicht hinausging. Weil ich in einen Haus mit Garten aufwuchs, war die Haltung von Tieren auch weitgehend unproblematisch. Zu unserer Menagerie gehörte auch ab und zu eine Katze. Jedoch entsinne ich mich an keine einzige, an der mein Herz gehangen hätte. Sie waren mir zu selbstständig und erfüllten nicht meine Sehnsucht nach einem Tier, das immer, wenn mir der Sinn nach unbedingter Hingabe und zum Kuscheln kam, verfügbar war. Diese Sehnsucht entstand, weil ich mich bei all den Geschwistern oft zurückgesetzt und einsam fühlte und mich dementsprechend benahm, was mich für meine Mutter schwierig machte. Auf Anraten einer Ärztin wurde mir erlaubt einen Hund zu halten, den ich mir mit größter Freude als kleines pelziges Bündel aus dem Regensburger Tierheim holte. Damals war ich zwölf Jahre alt. Dieses Hundeweibchen “Bobby” – siehe auch unten – , das all das erfüllte, was ich mir von ihr erhofft hatte, lebte vierzehn Jahre und lernte noch meinen zukünftigen Mann Josef kennen. Als sie, noch sehr rüstig und spring-lebendig, angefahren durch ein Auto starb, glaubte ich sterben zu müssen, so sehr hatte ich sie geliebt und wußte mich von ihr geliebt. Aber das ist eine andere Geschichte. In der Zwischenzeit hatte ich eine ziemliche Antipathie gegen Katzen entwickelt. Es hing damit zusammen, daß ich zwanzigjährig für zwei Jahre bei Verwandten in München als Angestellte arbeitete und auch bei ihnen wohnte. Sie hatten zwei Hunde – einen Bernhardiner und einen Schnauzer, mit denen ich mich gleich anfreundete. Und außerdem besaßen sie zwei Katzen besaßen. Die eine war eine halbwilde grauweiß getigerte Hauskatze und ihr kastrierter prachtvoller orangefarbener Sohn. Weil es sich ergab, daß ich am Morgen häufig die erste war, die sich für den Tag fertig machte und deshalb auch als erste in der Küche zum Frühstück erschien, erwarteten mich die beiden Stubentiger dort bereits hungrig und hofften auf ihr Fressen. So sehr die Katzenmutter auch zum Haus gehörte, so hatte sie doch nie einen Rest ihrer Zurückhaltung aufgegeben und ich versuchte gar nicht sie zu Streicheln. Im Gegensatz zu ihr, rieb sich ihr kräftiger Sohn, kaum hatte ich die Küche betreten, an meinen Beinen. Das freute mich am Anfang ungemein, hielt ich es doch für einen Beweis seiner Zuneigung. Doch von einer Sekunde auf die andere versetzte er mir mit seinen ausgefahrenen Krallen einen Hieb ans Bein. Ich erschrak, sah an mir herunter und entdeckte feine Risse, aus denen dünn Blut quoll. So ein Mistkerl, dachte ich bei mir, sah mich nach ihm um, aber er hatte sich bereits in Sicherheit gebracht. Weil ich weder zimperlich noch nachtragend war, holte ich das Fressen für die beiden Katzen, daß meine Tante jeden Abend zurecht machte aus dem Kühlschrank und stellte es ihnen auf den Boden. Rasch kamen beide zurück und fraßen in Eintracht das ihnen zugedachte. Die Wunde war nicht weiter tragisch und ich vergaß sie bis zum nächsten Tag. Wieder umstrich mich der Kater, während seine Mutter auf Sicherheitsabstand bedacht darauf wartete, daß ich ihnen das Gewünschte hinstellte. Ich wollte mich gerade durch die schnurrende und schmeichelnde Aufmerksamkeit, die der Kater mir bezeugte besänftigen lassen, für das, was er mir den Tag zuvor angetan hatte, als er den Kopf hob, an meinem Bein witterte und dann blitzschnell wieder zuschlug. Daraufhin flitzte er genauso schnell unter den Tisch. Ich war erschüttert. Dieses Mal schimpfte ich hinter ihm her: “Du undankbares Mistvieh!” Was mir eine gewisse Erleichterung verschaffte. Trotzdem stellte ich ihnen ihr Fressen hin. Irgendwie nahm ich es nicht unbedingt als bösartig gedacht von ihm an. Es war eine Form von Spiel. Daß es mir allerdings nicht gefiel, war nicht seine Schuld. Da ich Tiere jedoch gern hatte, kam ich nicht auf den Gedanken ihn bestrafen zu wollen. In der Regel ging der Kater, so wie seine Mutter, Menschen aus dem Weg. Die Fressenszeit war meisten ihr einziger intensiver Kontakt mit ihren Wohnungsgebern. So gestaltete sich über 2 Jahre, in dem ich bei meinen Verwandten arbeitete und lebte, fast jeder Morgen, bevor ich mit meiner Cousine Karin zur Salvatorstraße, wo sich das Kindermöbelgeschäft ihres Vaters befand, fuhr. Ab da achtete ich darauf, daß der Kater, sobald er in der Küche meinen Beinen zu nahe kam, Distanz einhielt. Ich haßte ihn nicht, aber ich entwickelte eine gewisse Aversion deswegen, die ich auf andere Katzen übertrug.
Wegen meines Hundes, den ich knuddeln, streicheln und unbesorgt berühren konnte, wann immer ich wollte, war mir das Wesen der Katzen fremd. Sie erschienen mir unberechenbar und daher ungeeignet, mein Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu erfüllen. Doch darüber dachte ich eigentlich nicht weiter nach. Das Thema Katzen schien für mich erledigt, nach dem Erlebnis mit dem Kater meiner Verwandten.
Zwei Jahre später, ich wohnte nach meiner Rückkehr aus München wieder bei meinen Eltern in Regensburg, die mir dazu in ihrem Haus zwei Zimmer zur Verfügung gestellt hatten, besorgte ich mir eine kleine junge Katze. Ich fühlte mich einsam und eine Katze erschien mir unproblematischer zu halten, als einen Hund. Aus beruflichen Gründen wäre es mir nicht möglich gewesen ihn öfters auszuführen. Außerdem leidet ein Hund sehr, wenn er allein in einer Wohnung ist, und bellt unter Umständen solange, bis man zurück kommt. Die kleine Katze war sehr niedlich und sie machte am Anfang keine Umstände. Aber aus Unkenntnis ihrer Bedürfnisse machte ich Fehler, die zu einem Fehlverhalten bei ihr führten, die ein Zusammenleben mit ihr auf Dauer unerträglich machte. Obwohl ich ihr ihr Katzenklo immer sauber hielt, fing sie an, ihr Geschäft in meine Blumen und Pflanzentröge zu machen. Ich versuchte alles, um sie davon abzuhalten, aber ohne Erfolg. Nach und nach ging eine Pflanze nach der anderen ein, geschädigt wegen ihres scharfen Urins. Ich war darüber traurig, begleiteten die meisten davon mich bereits seit mehren Jahren und hatten manchen Umzug überlebt. Ich mußte mich entscheiden! Und weil die Katze, sicherlich auch, weil ich nie genügend Zeit für sie hatte, nie richtig zahm wurde, gab ich sie in besserer Hände. Danach war ich überzeugt, mich nie mehr für Katzen erwärmen zu können. Aber man soll nie, nie sagen.
Ich heiratete und bekam zwei Buben. Mit ihrem Aufwachsen und ihrer Erziehung, veränderte sich mein Weltbild und lehrte mich vieles mit anderen Augen zu sehen. Ich merkte es zuerst gar nicht so deutlich, aber anderes als Hunde, man verzeihe mir diesen Vergleich, sind auch Kinder nicht die Schmusewesen, für die wir sie oft halten wollen, vor allem, wenn sie noch klein sind. Sehr bald wehren sie sich gegen übergroße Bemutterung und lernen uns Respekt zu haben gegenüber ihrer Persönlichkeit, wenn wir es zulassen. Diese Bereicherung meines Denkens half mir, als doch wieder eine Katze Einzug in unser Leben nahm. Wir wohnten inzwischen in einem Reihenhaus mit kleinem Garten und hatten mit unseren unmittelbaren Nachbarn das große Los gezogen. Das Ehepaar zu unserer linken waren tierliebende Leute. Bei unserem Einzug galt ihre Liebe ihrem putzigen Meerschweinchen. Als es hochbetagt gestorben war, hielt nach einiger Zeit eine junge schwarze Kätzin Einzug bei ihnen. Sie war ein wunderschönes zärtliche Tier, die auch mich für sie einnahm. Meine beiden Buben – Florian und Christoph – liebten sie von Anfang an und es verging kaum ein Tag, an dem sie mich nicht fragten, ob sie auch eine Katze bekommen konnten. Aber ich wollte nicht. Ich wollte nicht die Verantwortung für ein Tier übernehmen, mit dem ich in der Vergangenheit nie richtig zurecht gekommen war. Meine Liebe galt eher Hunden, aber dafür waren die Kinder noch zu klein und ich hatte weder Lust noch Zeit solch einen aufzuziehen. Die beiden Kinder machten mir Arbeit genug. Ein Jahr verging und Nachbars Katze wurde schwanger. Aufgeregt warteten meine Kinder auf den Tag der Geburt und waren begeistert, als sie die winzig kleinen, schwarzen Wesen zum ersten Mal sehen durften. Ab da drängten sie mich verstärkt eines davon zu bekommen. Immer noch sträubte ich mich. Ich hielt mich nicht für fähig, mit einer Katze auszukommen. Die kleinen schwarzen Bündel wuchsen heran und als sie selbstständig im Garten herumlaufen konnten, besuchte uns eines davon fast täglich. Wie selbstverständlich kam sie über die Gartengrenze herüber und spazierte in unser Wohnzimmer, wenn die Terrassentüre offen stand. Sie war so reizend, so sanft und anschmiegsam, daß mein Widerstand dahinschmolz, wie der Schnee an einem warmen Wintertag. (Jetzt – 2021 – als ich diesen Text korrigierte, kamen mir bei der Erinnerung daran gleich Tränen, so rührt es mich wieder!) Also redete ich mit den Nachbarn und wir konnten ein neues Familienmitglied begrüßen. Die Kinder waren überglücklich. Und eigenartiger Weise hatte das Kätzchen, als es zu uns gewechselt war , kaum Verlangen in das so nahe gelegene Geburtshaus zurückzukehren, in den nach wie vor seine Mutter lebte. Hin und wieder gestattete es dort für kurze Zeit einem Besuch ab, kam aber immer bald wieder von alleine zurück. Sie hatte den Lebensbereich, den sie sich selber erwählt hatte bekommen und blieb uns treu. Zum ersten Mal in meinem Leben ging ich bewußt auf das Bedürfnis einer Katze ein, ohne mein eigenes in den Vordergrund zu stellen. Von Beginn an lernte ich den Kindern behutsam mit dem Kätzchen umzugehen, dem sie den Namen “Susi” gegeben hatten. Aus Angst, sie könnten von ihr gekratzt werden, verlangte ich von ihnen, daß sie, wenn sie sie auf den Arm genommen hatten, um mit ihr zu schmusen, sie sofort herunter zu lassen war, wenn sie zu miauen anfing. Festes Drücken und andere Kapriolen verbot ich ihnen mit dem Hinweis, daß auch Katzen Schmerzen empfinden und ich die Katze zurückgeben müßten, sollte ich irgend etwas in dieser Art feststellen. Doch ihre Freude und die Liebe zu diesem entzückenden Wesen war zu groß und sie behandelten sie mit aller Sorgfalt. Aus welchem Instinkt heraus auch immer, lernte ich Susi, daß sie es nicht nötig hatte ihre Krallen zu gebrauchen, wenn wir mit ihr spielten oder uns mit ihr beschäftigten. Katzen fahren ganz automatisch ihre Krallen zum Festhalten aus, wenn sie glauben sie zu benötigen. So kann es kommen, daß sie Kleider beschädigen, wenn man sie noch genommen hat und wieder absetzen möchte. Sobald man sie vom Körper entfernen möchte, krallen sie sich fest. Gleich zu Beginn, als sie zu uns gewechselt hatte, ergab es sich, daß ich ihr, wenn ich sie auf dem Arm hatte und sie dann wieder auf den Boden setzte, ihr mit den Fingern unter die Pfoten fuhr, worauf sie die bereits ausgefahrenen Krallen wieder einzog. Mit der Hand unter ihren Pfoten setzte ich die sodann sanft auf die Erde. Diesen Trick zeigte ich den Kindern und es dauerte nicht lange, da konnten wir sie auf uns herum klettern lassen, ohne daß ihre Krallen zum Einsatz kamen. Man konnte sie nehmen, sie hoch halten und an sich herunterrutschen lassen und keine ihrer scharfen Krallen beschädigte die Kleidung. Voraussetzung war natürlich, daß niemand sie je fallen ließ. Ich war stolz auf Kinder und Katze gleicher maßen, als das gelang. Von Anfang an war sie stubenrein. In der warmen Jahreszeit bot der Garten ihr viele Möglichkeiten zum Verrichten ihres Geschäftes und in der kalten stellten wir ihr ein Katzenklo zur Verfügung, das in der Toilette aufgestellt wurde. Selbst wenn die Tür aus versehen geschlossen war, setzte sie sich manierlich davor, bis einer von uns sie bemerkte und die Türe öffnete. Es dauerte nicht lange, und ich war Hals über Kopf und rettungslos in sie verliebt. Je länger sie bei uns lebte und je länger ich sie beobachtete, zum ersten Mal bewußt beobachtete, drängte sich mir der Vergleich auf, daß sie viel von der Wesensart eines Menschen, respektive eines Kindes an sich hatte.
Das wars für erste! Berichte über unsere/meine Katzen, die uns ab da immer begleitete, folgen in späteren Jahren.

Berchtesgaden!
In diesem Jahr wurde ich eine Woche vor dem Schulende von meiner Mutter aus dem Unterricht geholte. Draußen wartete mein Vater mit dem Auto auf uns und dann brachten die Eltern mich zum Bahnhof. Dort wurde ich mit einer Frau bekannt gemacht, die auf dem Bahnsteig auf uns gewartet hatte. Bei ihr waren noch einige andere Kinder. Jetzt erfuhr ich, daß sie eine Betreuerin war, die Kindern wie mich nach Berchtesgaden in ein Erholungsheim begleiten würde. Mein von Mutter gepackter Koffer wurde mir übergeben, die Eltern verabschiedeten sich und gingen. Ohne Fragen ließ ich das alles geschehen. Ich war es ja gewöhnt, daß man mich ohne Erklärungen hin- und her schickte. Es war ein sehr schönes Heim und etwas abgelegen vom Ort, Geführt wurde es von einem evangelischen Diakon, der samt Familie dort wohnte. Uns Kindern wurden vielerlei Aktivitäten geboten. Singen, basteln, Spaziergänge und ausgedehnte Wanderungen. Eine dieser Wanderungen führte uns auf einen Berghang, auf dem Blaubeeren und Walderdbeeren im Fülle wuchsen und die bereits reif waren. Von den Betreuerinnen bekam nun jedes Kind einen emaillierten Becher, den es voll machen sollte und anschließend in bereitgestellte Eimer zu leeren. Das mochte ich alles sehr. Und Beerenpflücken besonders. Auch mein Vater fuhr mit meinen Geschwistern und mir jeden Sommer an Stellen im Wald, wo es reiche Ernte davon gab. Schließlich waren die Eimer voll und wir gingen zurück zum Heim. Als Überraschung für unseren Fleiß, gab es an diesen Tag nach dem Mittagessen für jeden eine Schale mit den Beeren, vermischt mit Sahne. Es hat himmlisch geschmeckt. Die Sahne kam aus den Stallungen, die dem Heim angeschlossen waren. An einem der nächsten Tage – es war ein besonders heißer – machten wir bereits Vormittags einen ausgedehnten Spaziergang. Was dann mit mir geschah war schrecklich! Beim Mittagessen merkte ich noch nichts, aber als ich mich zum Mittagsschlaf hingelegt hatte, fing es an. Plötzlich setzten starke Kopfschmerzen ein. Als ich es nicht mehr ertrug, stand ich auf, um nach meiner Betreuerin zu suchen und da wurde mir schwindlig. Auch konnte ich nicht mehr richtig sehen, ich sah von allem nur noch die Hälfte. Als ich die Betreuerin schließlich fand, sagte ich ihr meine Beschwerden und bat sie um eine Schmerztablette. Aber die erwiderte, daß könne sie nicht entscheiden, daß müsse die Krankenschwester tun. Aber die war zur Zeit nicht da und ich soll wieder ins Bett gehen. In dem Moment habe ich mich heftig erbrochen. Das hat die Betreuerin wohl erschreckt, denn nun kam Bewegung in die Sache. Zuerst führte sie selbst mich wieder zu meinem Bett, anschließend hat sie wohl die Krankenschwester angerufen, denn es dauerte vielleicht eine halbe Stunde, bis diese kam. Aber in dieser halben Stunde dachte ich, es geht meinem Ende zu. Mein Kopf schmerzte und hämmerte und immer wieder erbrach ich mich in den bereit gestellten Eimer. Die Krankenschwester stellte dann bei mir einen Sonnenstich fest, gab mir endlich eine Schmerztablette und verordnete Bettruhe. Von da an war ich von den täglichen Ausflügen befreit und hatte nun Zeit herumzustreifen, wenn die anderen unterwegs waren. Diese verbrachte ich zum Teil bei dem Heimleiter und spielte mit seinen kleinen Kindern. Ein weiterer Anziehungspunkt war der zum Heim gehörende Kuhstall. Der Mann, der ihn versorgte, war wahrscheinlich kein besonderer Wüstling, aber als er die Gelegenheit bekam, ergriff er sie. Und weil ich ein ziemlich zutrauliches Kind war, hatte ich auch keine Scheu vor ihm. Ich gesellte mich zu ihm, als er gerade beim Melken war, sah ihm zu und unterhielt mich mit ihm. Irgendwann fragte er mich, ob ich die Milch kosten wolle. Er würde sie mir direkt von der Zitze in den Mund spritzen. Das klang für mich natürlich verlockend und so ging ich auf seinen Vorschlag ein. Ich ging näher an ihn heran und beugte mich zum Euter hinunter. Mit einer Hand drückte nun der Mann die Milch aus der Zitze heraus und in meinen Mund. Die Milch war warm und kitzelte beim Aufprall in meinem Mund. Aber noch etwas anderes kitzelte mich jetzt. Die andere Hand hatte der Mann von hinten zwischen meine Beine geschoben und fing an mein Geschlecht zu streicheln. Ich erschrak darüber nicht besonders, aber ich richtete mich sofort auf und machte mich aus dem Staub. Für den Rest meines Aufenthaltes im Heim ging ich dem Stall und damit den Mann tunlichst aus dem Weg. Erzählt habe ich es niemanden, dazu erschien es mir nicht gewichtig genug. Heute – 2021 – frage ich mich, ob dieser Mann sich damals sorgte, ob ich ihn verpetzen würde. Wahrscheinlich hat er das, aber wegen mir bekam er keine Schwierigkeiten.

Der ausgeschlagene Zahn!
Irgendwie bin ich schon ein Pechvogel. Keinem von meinen Geschwistern ist soviel passiert wie mir. Zum Beispiel war das mit dem Zahn! Das geschah, als mein Vater wieder mal mit seiner Kinderschar nach XXX Englmar zum Schilaufen fuhr. Meine älteren, geübteren Geschwister waren zu einem Skihang gegangen, der für mich noch zu lang und steil war. Ich vergnügte mich mit meinen zwei jüngeren Geschwister auf einem Hang in der Nähe des Hotels, in dem wir untergebracht waren. Vergnügt fuhr ich dort mit meinen Brettern den Hang hinunter. Unten angekommen, schnallte ich die Schier ab, nahm sie rechts und links in die Hand und stieg den Hang wieder hoch. Das war für leichter, als mich samt den Schiern im Grätschschritt hinauf zu mühen. Und so ging es runter und wieder rauf, bis etwas passierte. Als ich wieder einmal auf dem Weg nach oben war, kam mir ein Junge mit seinem Schlitten entgegen. Sobald wir uns sahen, versuchten wir auszuweichen. Aber unglücklicherweise jeder auf die gleiche Seite und schon stießen wir zusammen. Ich viel hin und eine der Schispitzen schlug mir schmerzhaft auf den Mund. Nachdem ich eine leichte Betäubung überwunden hatte, stand ich wieder auf und spuckte das, was sich wegen dem Zusammenprall in meinem Mund befand aus. Es war etwas Blut und ein Stückchen von meinem vorderen linken Schneidezahn. So weit, so weniger gut. Das wäre ja nun nicht schlimm gewesen, wenn mich meine Mutter danach zum Zahnarzt geschickt hätte. Tat sie aber nicht! Mit der Zeit fraßen sich Bakterien in die Bruchstelle und schädigten den Zahn derart, daß er schließlich abbrach und nicht mehr zu retten war. Nun blieb dem Zahnarzt, den ich aus eigenem Antrieb aufsuchte, nur noch das Entfernen des Zahnstumpf und mir eine Prothese fertigte. Das ging so lange gut, bis ich diese einmal nach dem Aufstehen nicht gleich wieder in den Mund steckte. Und erst, als ich das nachholen wollte, zu meinem Entsetzen feststellte, daß inzwischen mein lieber Hund „Bobby“ in meinem Zimmer gewesen war, die Prothese für einen Knochen gehalten hatte und sie zerbiß. Davon traute ich mir lange meinen Eltern nichts zu sagen, denn sie war ziemlich teuer gewesen. Erst zwei Jahre danach, einige Wochen vor meiner Konfirmation, weil der Pfarrer bei seinem Konfirmationsunterricht gesagt hatte, wir sollten davor den Eltern unsere Verfehlungen erzählen, damit wir mit reinem Gewissen das erste Abendmahl empfangen können, nahm ich mir ein Herz und sagte es meiner Mutter. Sie war aber gar nicht gestaunt und sagte: „Das habe ich mir schon gedacht!“ Dann habe ich eine neue bekommen und mußte nicht mit einer Zahnlücke die Konfirmation feiern.

Notiz 5.!
Meistens begriff ich etwas sehr viel schnell, wenn ich dabei zuschauen konnte, als wenn man mir das theoretisch erklärte.

Aufklärung?
Bereits als Kind ärgerte ich mich aber das blöde Getuschel von Erwachsenen, wenn es um sexuelle Dinge ging. Ihre Einstellung war sicherlich eine negative zu diesem Thema, denn sonst hätten sie es nicht vor uns Kindern verborgen. Und so ist es ganz klar, daß erst ihre Haltung dem Ganzen etwas Unnatürliches und Verbotenes gab. Und was noch schlimmer ist – so sehe ich es heute – daß sie uns durch ihre Geheimniskrämerei erst richtig neugierig machten. Ich jedenfalls war es. Ich erinnere mich noch gut daran, daß ich den Roman “Lady Chatterly” bereits gelesen hatte – der für mich zwar interessant, aber nicht umwerfend war – als ich ein oder zwei Jahre später, als er mir wieder einmal in die Hände fiel, folgendes geschah: Dieses Mal wollte ich ein braves Kind sein und fragte meine Mutter, ob ich ihn lesen darf. Aber sie sagte zu meiner, neben ihr stehenden großen Schwester, ob sie nicht auch der Meinung sei, ich sei dafür noch zu jung. Diese bestätigte es und so wurde mir die Lektüre weggenommen. Dafür habe ich sie ein wenig verachtet; denn das immer wiederkehrende “du bist noch zu jung” für die verschiedenen Vorgänge in unserem Leben, war für sie bestimmt nur eine Ausrede für ihre Hilflosigkeit, heikle Themen sachlich zu erklären..

Notiz 6.:
Briefe die ich gerne schreiben würde: z.B. an den Freund meines Vetters Hermann Geyer, der mir, als ich ein junges Mädchen war, einmal mit einer Mappe heftig auf den Kopf schlug, weil er ohne Nachzudenken annahm, ich sei die Schuldige an einem, gar nicht so ernst gemeinten Streit zwischen seinen Jungs vom CVJM und mir. Er war ja so verklemmt, der Arme. Aber ihn hat das Schicksal später bestraft: Es erlitt einen Unfall und blieb anschließend querschnittsgelähmt.

Notiz 7.:
Weil ich Pferde sehr liebte, auch wenn ich vor ihnen immer etwas Angst hatte, wollte ich unbedingt reiten lernen. So oft es ging, fuhr ich mit dem Fahrrad nach Prüfening zum Reiterhof. Dort half ich dann mit die Pferde zu versorgen und den Hof zu kehren. Und eines Tages bezahlte meine Mutter schließlich Reitstunden für mich. Das war eine großzügige Geste von ihr..

Notiz 8.:
Und eine Zeitlang ging ich mit ihr zum Kirchenchor. Ich hatte eine schöne Singstimme und war damit auch im Schulchor die tragende gewesen. Als ich meine Mutter bat, mich mitzunehmen, weil ich wie sie dort singen wollte, nahm sie mich mit. Das war eine der ganz wenigen Ausnahmen, wo wir gemeinsame Interessen und Begabungen hatten und miteinander ausübten.

Mutter erzählt:
Meine Mutter stammte aus einem herrschaftlichen Haus. Ihr Vater – Victor von Strauß und Torney – gab immer wieder einmal Gesellschaften wie z. B. Kaffeekränzchen am Nachmittag. Da trafen sich dann Mütter mit ledigen Töchtern und junge Herren, die auf Brautschau waren. Dabei ist einmal folgendes geschehen, das unsere Mutter uns Kindern einmal zu unserer Erheiterung erzählte. Es ist die Geschichte mit der halben Tasse Kaffee. Bei einem der Zusammenkünfte, schenkte ein Fräulein einem jungen Mann nur eine halbe Tasse ein, so wie er es sich von ihr wünschte. Das freute ihn, weil vorher niemand auf seine Bitte: „Nur ein halbe Tasse bitte!“ reagiert hatte. Dieses Fräulein heiratete er schließlich. Als die beiden später einmal darüber sprachen, stellte sich heraus, daß sie ihm auch eine ganze eingeschenkt hätte, doch in der Kanne war nur noch Kaffee für eine halbe Tasse gewesen.

Notiz 9.:
Vor lauter Verbote und Kritik war ich als Kind so empfindlich geworden, daß ich mich entsetzlich schämte, wenn auch noch jemand außerhalb de Familie einen Fehler bei mir bemängelte. Um so mehr, weil mein Selbstvertrauen gering war, denn Leistungen waren selbstverständlich und wurden weder gelobt noch gefördert.

Notiz 10.:
Aus irgend einem Grund hatte ein katholisches Mädchen, als ich noch Schülerin war, es auf mich abgesehen. Ich nehme mal an, ich hatte sie, weil katholisch, irgendwie mit einem Schimpfwort beleidigt. Darauf hatte sie gedroht, mir etwas anzutun, wenn sie mich mal erwischen würde. Am Tag danach besprach das Problem mit meinen Mitschülerinnen und die waren so goldig und haben mich die nächsten 2 – 3 Tage auf meinem Heimweg begleitet. Und als dann tatsächlich die “Mathilde” mir mit ihren Freundinnen auflauerte, waren wir derart in der Überzahl, daß sie sich nie wieder blicken ließ.

Copyright by Hildegard Fischer.