1952 – Erste Klasse! Nasenbohren! Schmerzlicher Kummer! Verwandtschaft! Nikolaus! Inkontinenz! Doktorspiele! Horror! Ängste! Diebstahl einer Geldbörse! Inzell! Kaltes Wasser! 5 Notizen.

Die erste Klasse!
An diesem Tag brachte mich meine Mutter zur Wolfgangsschule, in Rgbg. Kumpfmühl, die bereits 4 meiner älteren Geschwister besuchten. Es war ein sonniger Tag Mitte September, der übliche Schulanfang in Bayern. Ich erinnere mich vor allem daran, daß meine Mutter schwanger war und bereits einen sehr dicken Bauch hatte. Sie führte mich ins Klassenzimmer und mir wurde von der Lehrerin ein Platz zugewiesen. Von dort aus schaute ich mich um und betrachtete meine künftigen Mitschüler und Mitschülerinnen. Wegen meiner Religionszugehörigkeit – ich war evangelisch – war diese eine gemischte. (Die katholischen Kinder hatten dort damals einen eigenen Trakt und Mädchen, wie Buben waren getrennt unter gebracht. Aber an diesem Tag wußte ich das natürlich noch nicht.) Und wie ich mich so umschaute fiel mir auf, daß die meisten davon eine Schultüte vor sich auf dem Pult – Tische und Stühle kamen erst später auf – hatten. Ich hatte keine! War ich traurig oder gar neidisch? Vielleicht ein wenig. An diesem Tag passierte wenig. Wir Schüler bekamen Zettel mit Listen über Schulbedarf, der gekauft werden mußte: Vor allem eine Schiefertafel und Stifte, um darauf zu schreiben. An diesem Punkt merkte ich, daß weitere detaillierte Schilderungen zu sehr ausarten würden. Jedenfalls dauerte der „Unterricht“ an diesem Tag nur 2 Stunden, genau so wie an den folgenden Wochen. Ach ja, hätte ich fast vergessen: Damals war es noch eine 6 Tage Woche, außerdem 2 mal 2 Stunden am Nachmittag, was mir immer besonders schwer ankam. Auf unserem Nachhauseweg, kehrten Mutter und ich bei meiner Tante Hanna ein, der Frau von meines Vaters Bruder Wilhelm. Von ihr bekam ich dann wenigstens wegen meines Schulanfangs eine Tafel Schokolade. Von meinen Eltern gab es nichts, das muß ich nochmal betonen!
Ach ja, die Schulzeit! Sie war meistens unangenehm für mich. Ich hatte wenig Sitzfleisch und sehnte mich jeden Tag nach dem Ende des Unterrichts. Und weil ich zudem sehr lebhaft war stand einmal in einem meiner Zeugnisse folgendes: „Hildegard interessierter sich vor allem für die Nachbarn vor, neben und hinter sich!“ Lange Zeit hielt ich mich für eine schlechte Schülerin, weil mir Mutter wegen meines Versagens im deutschen Unterrichtsfach Vorhaltungen machte. Das ich in den meisten übrigen Fächern regelmäßig Einser hatte, fiel bei ihr nicht ins Gewicht. Heute, mit meinen 75 Jahren, ist mir bewußte, daß ich vor allem in musischen und mathematischen Fächern begabt war. Daß ich lediglich bei der „Rechtschreibung“ total versagte, lag daran, daß ich mir die Rechtschreibregeln nicht merken konnte. Das heißt, bei Diktaten hatte ich keine Zeit, darüber nachzudenken, wie man was richtig schreibt. Wenn ich das aber tat, hatte der Lehrer bereits weiter diktiert und ich kam dann nicht mehr mit. Also ließ ich halbe Sätze aus, um nicht ganz den Anschluß zu verpassen. Und schließlich war ein Diktat nach der Korrektur durch den Lehrer/Lehrerin mit roten Stellen übersät. Das Gleiche geschah auch mit meinen Aufsätzen. Bei diesen hatte ich allerdings den großen Vorteil, daß mir mein, von meinem Ururgroßvater Victor von Strauß und Torney vererbtes Gen zur Hilfe kam und ich vom Inhalt her meistens die Beste war. Also bei der Rechtschreibung eine 6, für den Inhalt eine 1! Und das zog sich über meine gesamten 8 Schuljahre hin.
Zum 1. Schuljahr machte ich mir noch folgende Notiz: Als der Lehrer anfing uns Schülern das Schreiben beizubringen fing er mit dem Buchstaben „O“ an. Dann kam das „T“ dazu. Aus O +T wurde Otto. Und so ging es Buchstabe für Buchstabe weiter. Bei jedem neuen Wort, daß damit gebildet wurde, mußte ich die einzelnen Buchstaben lesen, um es zu verstehen. Aber plötzlich, nach einiger Zeit, erfaßte ich das Schriftbild im Ganzen und ein dazu gehörendes Bild entstand in meinem Kopf. Das war der Moment, in dem ich “Lesen” begriffen hatte. Von da an war ich eine leidenschaftliche Leserin!

Nasenbohren!
Das ist auch so ein Kapitel und man kann sich fragen, wie das zu einem Problem wurde. Und heute stellt sich mir die Frage: Warum bohrt man überhaupt in der Nase? Daß es überhaupt unangebracht war, erfuhr ich – natürlich – durch meine Mutter. Irgendwann, als ich noch klein war und von ihr dabei gesehen wurde, sagte sie: „Hildchen, das macht man nicht!“ Warum nicht! Das erklärte sie nicht und sie bot mir auch kein Taschentuch an, damit ich den Schleim aus der Nase damit hätte entfernen können. Und mit dem Schleim allein ist es auch nicht getan, denn wenn dieser in der Nase trocknete, bekam man ihn auch mit Schnäuzen nicht heraus, also bohrte ich. Und wohin mit dem gebohrten? Taschentuch hatte ich meistens nicht – Tempos gab es auch noch nicht – also in den Mund damit. Oder ich zwirbelte es zwischen den Fingern, bis es abfiel. Als ich trotz der Verwarnung meiner Mutter das nicht unterlassen konnte, stiftete sie unseren Hausarzt Dr. Müller an, mir, als er mich wegen einer Erkältung einen Besuch abstattete, folgendes zu sagen: „Du darfst nicht mehr in der Nase bohren, denn dann reißt du vielleicht auch Nasenhaare aus und das könnte dich töten!“ Habe deswegen aber damit aufgehört? Nein! Aber lange Zeit hatte ich ab da beim Bohren angst! Ich betrachte danach mein Gebohrtes immer, ob ich Haare mit heraus gerissen hatte und wenn ja, rechnete ich mit dem schlimmsten. Ab diesem Zeitpunkt vermied ich es auch, dabei gesehen zu werden. Im Grunde genommen ist Nasebohren aber etwas, das jeder macht, aber ähnlich wie beim Sex, sollte man vermeiden gesehen zu werden.
N. B.: Nachdem ich dieses geschrieben hatte – das war am 17.6.2021 – ist mir einige Stunden später noch etwas dazu eingefallen. Warum verbot mir meine Mutter immer wieder Dinge, die ich nicht tun sollte, bot mir aber keine Lösung an? Das habe ich oft erlebt und das hat mich verwirrt. So mußte ich schließlich meinen Weg selbst finden.

Schmerzlicher Kummer!
Als das Kinderzimmer im Erdgeschoß bei wachsender Kinderzahl zu beengt wurde, richteten meine Eltern im 1. Stock ihres Hauses zwei Zimmer ein. Eines für meine Brüder und eins für uns Mädchen. Dann zogen wir um! Ich fühlte mich wohl in dem neuen Schlafzimmer. Und so benützten Inge und ich es auch zum Spielen, wenn wir allein sein wollten. Natürlich schlief und wohnte auch meine älteste Schwester Helga mit darin, aber sie hatte, weil wesentlich älter, andere Interessen und Aufgaben, als ihre zwei kleinen Schwestern, so daß sie meistens erst zum Schlafen ins Zimmer kam. Abends, wenn wir uns unter der Aufsicht des Kindermädchens gewaschen und Zähne geputzt hatten und dann in unseren Betten lagen, wurde das große Deckenlicht – die Jadelampe – ausgeknipst. Nur Helga, die “Große”, durfte länger wach bleiben. Für sie leuchtet neben ihrem Bett eine Nachttischlampe. Und wenn sie dann nicht irgend etwas las, oder für die Schule lernte, unterhielten wir uns noch eine Zeitlang oder erzählten uns selbst erfundene Geschichten, bis Müdigkeit uns überfiel. Eines Abends, das Kindermädchen hatte wohl Ausgang, brachte meine Mutter Inge und mich selbst zu Bett. Sie überwachte unsere Reinigung, half uns beim Abtrocknen, steckte uns in unsere Nachthemden und deckte uns zu, als wir in den Betten lagen. Dann sprach sie noch ein Nachtgebet mit uns, wünschte uns eine Gute Nacht, löschte das Licht und entfernte sich. Aber anders als sonst, kuschelte ich mich nicht zurecht, um einzuschlafen. Ich konnte nicht, denn in mir stieg unerwartet ein Gefühl der Enttäuschung hoch. Nun hatte mich meine Mutter schon einmal selbst zu Bett gebracht und war gegangen, ohne mich in den Arm genommen und zärtlich gedrückt zuhaben. Sie tat es zwar sonst auch nie, aber unbewußt hatte ich mir an diesem Abend eingebildet, oder gewünscht, sie würde es tun. Und als sie es dann tatsächlich ohne eine Umarmung gegangen war, schmerzte mich das plötzlich! Diese Anwandlung kam so unverhofft über mich und ich war dem völlig ausgeliefert. Meine Enttäuschung und damit der seelische Schmerz, steigerte sich und wurde schließlich so groß, daß ich anfing zu weinen. Nun wird sie kommen und mich trösten, war meine Hoffnung. Aber es dauerte eine Weile, bis sie erschien. Erst als mein Weinen heftiger und lauter wurde, schaute sie zur Tür herein. Was ist los mit dir?” fragte sie mich streng. Aber darauf hatte ich keine Antwort, denn ich war nicht fähig, meinen Wunsch in Worte zu fassen. Schließlich ging sie verärgert wieder hinaus. Mein Weinen ließ aber nicht nach, zu tief saß in mir die Enttäuschung, daß sie meinen Wunsch nicht von selbst erriet. Nach einiger Zeit kam sie noch einmal und als das auch keine Klärung brachte, überließ sie mich, mein Verhalten als Laune abtuend, meinem kläglichen Weinen. Und so weinte ich ungetröstet solange, bis Müdigkeit mich einschläferte. Noch einmal forderte ich Wochen später die Geduld meiner Mutter auf diese Art und Weise heraus, mit dem selben Ergebnis. Ab da begriff ich, daß es nichts nützte, auf etwas zu hoffen, das sie – meiner Meinung nach – nicht geben wollte. Zurück blieb die ernüchternde, stets im Hinterkopf lauernde Erkenntnis, daß ich mich davor hüten muß, Liebe zu erwarten oder zu fordern, um nicht enttäuscht zu werden.
Heute sehe ich natürlich ein, daß mein Verhalten für meine Mutter undurchschaubar war. Es war nie ihre Sache, sich groß den Kopf wegen ihrer Kinder zu zerbrechen. Wir wurden leiblich von ihr (oder den Kindermädchen) versorgt, aber unsere Wünsche und Träume interessierten sie wenig. Und ihrer Meinung nach verhielt sie sich mir gegenüber genauso wie zu meinen Geschwistern. Mein Problem war nur, daß ich anders war und reagierte als diese.

Verwandtschaft!

In diesem Jahr fand eine weitere Veränderung statt: Mein Großvater Hans – der Vater meines Vaters und somit euer Urgroßvater – zog bei uns ein. Seit er das Haus, das seine beiden Söhne, für ihn und ihre Mutter gebaut hatte, eines Tages verlassen hatte, wohnte er zusammen mit seiner Frau – meiner Großmutter Antonie – in einem Erdgeschoßzimmer des kleinen Hauses seines jüngeren Sohnes Wilhelm und dessen Familie. Aber langsam wurde es für meinen Onkel und Tante dort immer enger, denn auch ihre Kinderschar vergrößerte sich. Zwar hatte das Ehepaar Hinterwimmer, ein mit meinen Eltern befreundetes Ehepaar, das während des Krieges und der Nachkriegsjahre, bei ihnen zwei kleine Dachzimmer bewohnten, diese inzwischen verlassen und waren in eine Werkswohnung meines Vaters, der Eigentümer der Fabrik „Beton-Geyer“in Regensburg war, umgesiedelt. Damit wurde dringen benötigter Platz frei für drei ihrer Mädchen und dem älteren Sohn. Nun hatten mein Onkel und meine Tante zwar annähernd genügen Platz, aber ich denke mir, daß vor allem Tante Hanna, die vorwiegend, neben ihren Kindern, auch für die Versorgung ihrer Schwiegereltern zuständig war, das alles etwas über ihre Kräfte ging. Aber diese ruhige, sanfte Frau, die immer beschäftigt und bemüht war, es ihrer Familie recht zu machen, hat sich kaum je deswegen beklagte. Dabei hätte sie wirklich viele Gründe dazu gehabt. Einer davon ist der, von dem sie mir, als ich selbst bereits verheiratet war und es euch beide schon gab, einmal erzählte. Angeregt durch meine Geschichten über meine Ehe und euch, verriet sie mir etwas, das außer ihrer Familie wahrscheinlich kaum einer wußte: Kurz nach dem Krieg, erkrankte ihre Schwester an TBC. Um sie selbst zu pflegen, überließ sie ihre Kinder – Irene, Erika, Hermann, Hannelore und das Nesthäkchen Ursula – ihrem Mann und einem Kindermädchen. Aufopfernd kümmerte sie sich um die Kranke, konnte ihren Tod aber nicht verhindern. Und was sie trotz aller Sorgfalt auch nicht verhindern konnte war, daß sie sich selbst mit TBC ansteckte. Aber sie steckte nicht nur sich selbst an, sondern auch alle ihre Kinder. Es muß schrecklich gewesen sein! Viele Wochen lagen meine Tante, Basen und mein Vetter mit unterschiedlich starkem TBC danieder. Aber nach und nach erholten sich fast alle wieder – nur meine älteste Kusine Irene schaffte es nicht. Sie war gerade mal sieben Jahre alt, als man sie zu Grabe trug. Und Tante Hanna war noch viel zu geschwächt, um dabei zu sein. Der Tod ihrer kleinen Tochter hat sie sehr belastet, vor allem, weil sie selbst der Auslöser zu ihrer Erkrankung gewesen war. Aber damit war es noch nicht genug! Strengstens hatte der behandelnde Arzt ihr und Onkel Wilhelm jeden sexuellen Kontakt untersagt, um eineweitere Schwangerschaft zu vermeiden. Er hatte sie darüber aufgeklärt, daß sie, sollte sie dennoch schwanger werden, wegen ihrem TBC-geschwächten Herzen, wahrscheinlich nicht überleben würden. Diese Enthaltsamkeit fiel Tante Hanna nicht schwer! Anders mein Onkel! Er hatte – wie übrigens mein Vater auch – einen sehr starken Sexualtrieb. Als er es nicht mehr aushielt, bandelte er mit dem Kindermädchen an. Und diese dumme Pute erhörte ihn. Hilflos sah Tante Hanna diesem Treiben zu, das ihr bei der Beengtheit des Hauses nicht entging. Sie ertrug es still leidend, solange sie konnte und faßte dann einen Entschuß: Sie entließ das Mädchen und erlaubte Onkel Wilhelm wieder mit ihr zu schlafen. Und prompt wurde sie wieder schwanger! Ihr letztes Kind – Eberhard – ihr wißt schon, der Pianist – wurde geboren, und Tante Hanna überlebte. Sie erzählte mir noch, wie selig sie über die Geburt dieses Kindes gewesen war und welche Freude sie empfunden hatte, wenn sie ihn gestillte. Das konnte ich leicht nachvollziehen, ging es mir doch mit dir – mein Christoph – genauso.

Nikolaus!
Wie genau ich mich an einzelne Nikolaustage erinnern kann, kann ich heute nicht mehr sagen. Im Nachhinein, kommt es mir vor, als sei es ein einziger gewesen, was aber natürlich nicht sein kann. Wenn ich mich bemühe, fallen mir zwei bestimmte ein. Ich kann mich deshalb so gut erinnern, weil meine Mutter damals ihr achtes Kind – Victor – bekam und ich diese Schwangerschaft gut im Gedächtnis habe. Die Tage vor Nikolaus waren meine drei älteren Brüder immer mächtig stark und mutig und gaben recht an! Sie schnitten gegenseitig sehr auf und prahlten damit, wie wenig Angst sie vor ihm hätten und welche Streiche sie ihm spielen würden. Aber kaum war der Nikolaustag wirklich gekommen, wurden sie still und leise. Unbehagen schlich sich in ihre, allerdings auch in uns anderen Geschwister Gemüter, denn Nikolaus brachte immer den Krampus mit der Rute mit, die er auch schon mal benützte. Zwar hatte der Nikolaus den großen Sack, in dem die guten Sachen für uns Kinder waren, aber da war auch die heimliche Angst, daß er, wie von den Eltern manchmal angekündigt, eines der ganz besonders unartigen Kindern nach dem Entleeren hineinstecken und mitnehmen könnte. Wir glaubten alle lange ganz fest an die Wirklichkeit des Heiligen, kam doch jedes Jahr der selbe. Und was der alles von uns wußte. Es kamen gar keine Zweifel in uns auf, daß man uns hier ganz gewaltig zum Besten hielt, um unser Bravsein zu fördern. So war der Nikolaustag für uns einer der ereignisreichsten Tage des Jahres. Die Spannung, die dieser Tag bei uns auslöste war wirklich ungeheuerlich. Teils war da die Freude auf die zu erwartenden Süßigkeiten, Plätzchen, Nüsse und herrliches Obst (schließlich waren das Raritäten in den Nachkriegszeiten und immer noch keine Selbstverständlich), andererseits die bereits erwähnte Angst vor dem Mitgenommenwerden in dem großen Sack. Und er war wirklich so groß, daß ein, wenn man sie schlichtete auch zwei Kinder darin Platz gefunden hätten. Das etwas kleine Übel, die meist leichten Schläge mit der Rute, nahmen wir gelassener hin, auch wenn die Frucht davor in uns steckte. Aber immer hoffte man auch, daß man doch alles in allem die Eltern nicht in dem Maße erzürnt hatte, daß das eine oder andere geschehen würde. So harrten wir voller Spannung der Dinge, die da auf uns zukamen.
Jahrelang war es das gleiche. Gegen Spätnachmittag versammelten sich die Familienmitglieder im Wohnzimmer, in dem der große Adventskranz, geschmückt mit roten Bändern und den aufgesteckten roten Kerzen, in der Mitte der Zimmerdecke hing. Die ein oder bereits zwei Kerzen, strömten einen köstlichen Duft nach Wachs und Tannennadeln aus. Auch dufteten Büschel von Tannengrün und weitere aufgestellte Kerzen, so wie nach den, im Backrohr des Kachelofens, der sich neben dem Zimmereingang befand, aufgeplatzte Makronen und vor sich hin schmorenden Bratäpfeln, die entweder auf den Verzehr warteten oder bereits vertilgt waren und nur noch ihr Aroma zurückgelassen hatten.
XXX Fehlt eine Eintragung!

1. Notiz:
Für den Winter legte meine Mutter in den Jahren nach dem Krieg in einem großen hohen Steinkrug Eier in „Wasserglas“ ein. Hin und wieder schickte sie mich, um einige zu holen. Das war interessant, denn die Eier lagen in einer klaren und etwas klitschigen Soße. In dem Kellerraum, wo dieser Krug stand, befand sich auch ein Obstpresse. Die fand ich faszinierend. Leider ließ sie diese im Lauf der Zeit verkommen, was ich sehr schade fand. Überhaupt hatte sie kein Gespür für besondere Dinge und so verkamen leider manche der wertvollen Sachen.

Inkontinenz!
Wann es mir zum ersten Mal so richtig bewußt wurde, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls hatte ich immer ein nasses Höschen. Aber anstatt etwas dagegen zu unternehmen, tat meine Mutter es ab, als sei es meine Schuld und ich täte das mit Absicht.
Erst heute weiß ich, daß ich mir diese Blasenschwäche wegen meiner eiskalten Füße im Winter zugezogen habe. Während meiner Kinderzeit gab es für mich noch keine warmen Stiefel. Meine damaligen Lederstiefel waren ungefüttert, auch war die Strümpfe, die ich dazu trug, aus Baumwolle. Wenn ich derart ins Freie ging, dauerte es nicht lange, bis meine Füße eiskalt waren. Und das hat meine Blase wohl übel genommen. Diese Schwäche habe ich bis heute behalten. Und wenn ich beim ersten Anzeichen eines Harndrangs nicht gleich aufs Klo gehe, kann es immer noch passieren, daß meine Hose naß wird.

Doktorspiele!
In unserem Garten hatte uns mein Vater ein richtiges kleines Spielhäuschen erbaut. Wie ein richtige Haus war es aus Ziegel, mit einem Satteldach und innen gab es zwei von einander getrennte Zimmerchen, jedes mit einem eigenen Fenster. Dieses Häuschen eignete sich herrlich für verschieden Spiele. Und darin machten wir auch unsere Doktorspiele. Es gab Ärzte – was von den Mitspielern bevorzugt wurde – und Patienten – eine weniger beliebte Variante. Es fing meist harmlos mit dem Versorgen von verletzten Armen oder Beinen an. Dann wurde der Bauch untersucht, und wenn sich der Patient das gefallen ließ, wurde der jeweilige Arzt mutiger und zog das Höschen herunter, um auch die Genitalien zu untersuchen. Da das sich immer im Beisein von “Krankenschwestern” abspielte, wurde der “Doktor” dabei natürlich nie zu “intim”. Spritzen wurden in den After verabreicht und ein jeder der Mitspieler fühlte einen geheimem Schauer bei diesen Handlungen, auch wenn ein jeder es gut zu verbergen wußte. Hatte der “Doktor” genug gesehen, wurde die Behandlung abgeschlossen und der Patient entlassen. Dann wurden die Rollen getauscht. Das ging so lange, bis uns ein anderes Spiel einfiel, das uns nun mehr fesselte. So weit ich mich erinnere, waren es meistens Freunde aus der Nachbarschaft, die uns zu solchen Spielen animierten. Wir selber, meine Geschwister und ich, hatten ja genügend Einblicke in die Anatomie des anderen Geschlechts, aber bei jenen, die keine Geschwister hatten, oder bei denen in der Familie die Prüderie groß geschrieben wurde, war oft ein starkes Nachholbedürfnis vorhanden. Und bei uns konnten sie es ausleben – wir waren da ganz locker. Das wir allerdings diese “Spiele” nicht an die große Glocke hängten, versteht sich von selbst.
Diese sexuellen Erfahrungen, die nach meiner heutigen Meinung, zu einer natürlichen Entwicklung gehörten, belasteten mich auch nie. Weil meine “Spielpartner” immer gleichaltrige waren, hatte es nie etwas bedrohliches für mich. Allerdings wurde ich von der Mutter eines Jungen – einer katholischen, wie sollte es auch anders sein – einmal auf das Übelste beschimpft. Man hatte ihr wohl hinterbracht, was ihr “kleiner” Junge – er hatte keine Schwester, nur zwei älter Brüder – bei seinen Besuchen im Geyer-Haus trieb. Einschüchtern konnte sie mich damit zwar kaum, ihre Schimpfe ließen mich lediglich verwundert zurück. Schließlich war es ja ihr Bub, der die Sache vorangetrieben hatte. Und daß sie glaubte, ich würde ihr Bübchen, der übrigens ein ganz schönes Früchten war, verführt hätte, hielt ich für lächerlich.
Etwas Anders war es, wenn sich Erwachsene für mich interessierten. Da stellten sich gleich alle meine inneren Wachsamkeitsantennen auf. Zwar waren die wenigen Erfahrungen, von denen auch ich nicht verschont blieb, eher harmlos, doch sollten sich Erwachsene nie, nie, nie in sexueller Absicht nähern. Wer es doch tut, hat ein schwaches Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, denn sonst müßte er für seine sexuellen Bedürfnisse sich keine “schwachen” Partner aussuchen.

Horror!
In diesem Jahr war es für mich ein immer wiederkehrender Albtraum, daß meine Mutter sterben könnte. Nach der Geburt meines letzten Bruders bekam sie eine Embolie, die ihr fast das Leben gekostete. Sie überlebte nur, weil ihr unser Hausarzt Dr. Müller Blutegel ansetzte und sie damit rettete. Fast zeitgleich starb die Mutter einer guten Freundin, die mir voller Freude nach der Geburt ihren winzigen Buben gezeigt hatte, daran. Ich war sechs Jahre alt und erlebte beides hautnah. Es nahm mich so mit, daß ich für Monate meine Angst nicht verlor, meine Mutter würde noch mal schwanger werden und dann doch noch sterben. Glücklicherweise geschah das aber nicht!

2. Notiz:
Als Kind, schon in ganz jungen Jahren, habe ich mich gedreht und gewendet wie eine Ballerina – wobei mir einfällt, daß ich gar nicht wissen konnte, wie eine Ballerina tanzt. Ich wirbelte durch das Wohnzimmer mit ausgebreiteten Armen und mit einem ganz starken Körpergefühl. Immer hatte ich den inneren Drang, mich so tänzerisch zu bewegen. Als junge Frau tanzte ich dann mit Begeisterung. Das hörte aber nach meiner Hochzeit -1971 – auf, weil mein „lieber Josef“ nicht tanzen konnte oder wollte.

Beate Kornbichler!
Sie war eine der Mitschülerinnen in ab der 1. Klasse. Sie war vom Aussehen her ein besonderes Mädchen: Klein, zierlich, mit schwarze Locken und sehr gescheit. Ich nehme mal an, daß alle meine Mitschüler das gleiche dachten. Von ihren Eltern wurde sie wie ein Schatz behütet. Freundinnen waren wir damals nicht, auch wenn ich das gerne gewollt hätte. Nach der 4. Klasse ging sie ab und aufs Gymnasium. Dann verlor ich sie aus den Augen. Später traf ich sie wieder und wir wurden gute Freundinnen. Von ihr wird man später noch viel zu lesen bekommen.

Erinnerungen an die Nachkriegszeit?
Das ist etwas Seltsames! Obwohl ich den Krieg nicht mehr erlebt habe, weil ich im Mai 1946 geboren bin, hatte ich als Kind immer wieder lebhafte, angsterfüllte Träume davon. Ich sah Fliegerangriffe, hörte den Motorenlärm, sah Bomben fallen und zerbombte Häuser und Straßen. Panzer rollten unsere Straße entlang und Soldaten marschierten vorbei. Damals machte ich mir keine Gedanken darüber und sprach auch mit niemanden davon. Erst in den letzten Jahren überlegte ich mir, ob mir während der Schwangerschaft von meiner Mutter Bilder und Gefühle übertragen wurden. Vom Fernsehen konnte es nicht kommen, denn den gab es damals noch nicht. Möglich wäre es, daß ich mir in meiner lebhaften Fantasie das von den Erwachsenen erzählte, gut bildhaft vorstellen konnte und deshalb davon träumte. Wer weiß das schon?

Ängste!
Neben unserem Garten, nur durch einen kleinen Weg getrennt, war ein anderer. Er gehörte einem Gärtner, der darin Jahr um Jahr verschiedene Pflanzen anbaute. Blumen genauso wie Salat und – für uns Kinder begehrenswert – Erdbeeren. Der Garten war durch einen Zaun geschützt, so daß man ihn nicht betreten konnte. Wenn nun der Gärtner in seinem Garten etwas zu tun hatte, kam er mit einem kleinen Pritschenwagen, den er dazu benützte, Werkzeuge und Pflanzen zu bringen oder mitzunehmen. Irgendwann kam einer von uns Kindern auf die Idee, hinten auf die Ladefläche zu klettern. Leise waren wir dabei anscheinend nicht, denn der Gärtner entdeckte uns schließlich. Er eilte herbei und sagte drohend: „Wenn ich euch noch einmal erwische, scheide ich euch die Ohren ab!“ So schnell wir konnten verdrückten wir uns in unseren eigenen Garten. Bei mir machte das Gehörte so tiefen, verängstigenden Eindruck, daß ich längere Zeit abends beim Einschlafen die Decke über meine Ohren zog. Keine Ahnung, warum ich glaubte, er könne kommen und das noch nachholen.

3. Notiz:
Ich mochte keine Kartoffeln und hatte das Glück weiter keine mehr essen zu müssen, als unser Hausarzt Dr. Müller meiner fragenden Mutter erklärte, daß diese meinen Harndrang verstärken würden. Ob das stimmte, weiß ich natürlich nicht, aber ich war froh, daß es so war. Wenn ich weiche Eier essen sollte, mußte ich mich übergeben, also blieb mir auch das erspart. Das hat sich aber in späteren Jahren gelegt. Geliebt habe ich Butter und geräucherten Speck. Darauf war ich sehr scharf. Wenn meine Mutter es erlaubte aß ich auch schon mal 1/4 Pfund Butter ohne alles. Auch da half Dr. Müller, den meine besorgte Mutter deswegen befragte. Er zerstreute ihre Bedenken, in dem er erklärte, daß mein Körper es brauchte, weil ich so dünn war. Jedenfalls hat es mir nie geschadet und schlecht ist mir auch nie davon geworden. Da fällt mir noch ein, daß ich es auch liebte den Saft aus einer halben Zitrone zu saugen. Ob meine Mutter deswegen nochmals Dr. Müller Rat eingeholt hat, weiß ich nicht, sie ließ es mich machen und auch das hatte keine schädlichen Folgen.

4. Notiz:
Meine Mutter hatte immer Schokolade in ihrer Handtasche. Diese aß sie in einem Sessel ruhend Stückchen für Stückchen. Und sie war gefühllos genug, sie vor meiner Nase zu essen, ohne etwas davon abzugeben. Das tat mir damals weh! Heute verstehe ich natürlich ihr Verhalten. Es war ihre Rückzug gegen den Streß den sie mit Haushalt, den Kindern und meinem Vater hatte.
Sie beschenkte uns aber in anderer Form, wie mir dazu jetzt wieder einfällt: Regelmäßig lag auf unserem Kopfkissen am Abend eine kleine Süßigkeit – das Betthupferl.

5. Notiz:
Als Kind wurde mir von meiner Mutter immer mal wieder gesagt, daß ich nicht betteln soll. Das prägte sich mir so ein, daß ich mich schließlich kaum mehr traute um irgend etwas zu bitten. Aber bitte: Wo ist der Unterschied zwischen um etwas zu bitten oder um etwas zu betteln? Man kommt doch zu nichts, wenn man nicht bitten darf, denn jemanden eine Bitte abzuschlagen, das kann man ja immer noch.

Diebstahl einer roten Geldbörse!
Da habe ich etwas gemacht, für das ich mich heute noch schäme. Damals war ich auf dem Weg zu dem kleinen Kiosk, in dem man Kleinigkeiten einkaufen konnte. Da sah ich ein Stück vor mir ein kleines Mädchen, das auf dem Boden nach etwas suchte. Sie fand es aber nicht und ging dann weiter. Als ich schließlich in die Nähe der Stelle kam, lag plötzlich vor mir ein kleines rotes Ding. Ich hob es auf. Es war eine lederne Geldbörse. Ich öffnete sie und darin war ein bißchen Kleingeld. Ich stand da und überlegte, was ich nun tun sollte. Eigentlich hätte ich dem Mädchen hinterher gehen sollen, um ihr die Börse zu geben. Sie hatte bestimmt den Auftrag ihrer Mutter, davon etwas fürs Mittagessen einzukaufen. Aber dann siegte meine Gier nach Süßigkeiten, die ich damit bekommen konnte. Und so unterdrückte ich mein schlechtes Gewissen und behielt die Börse. Da heißt, mit dem Geld kaufte ich mir Bonbons, die Börse aber warf ich weg. Immer wieder habe ich mich danach gefragt, ob das Mädchen für das Verlorene bestraft worden ist, denn 10 Jahre nach dem Krieg war immer noch vieles knapp.
Und ein anderes mal bin ich der Verkäuferin in dem selben Kiosk fünf Pfennige beim Einkaufen schuldig geblieben. Ob wohl ich ihr versprach, diese so bald wie möglich zu bezahlen, habe ich sie nie zurückgezahlt. Einmal war ich noch dort und sie fragte mich, ob ich es jetzt begleichen würde, aber ich tat es nicht, obwohl ich es gekonnte hätte. Für mich war es einfach ein zu hoher Betrag. Danach ging ich nie wieder dort hin, um nicht wieder damit konfrontiert zu werden.

Urlaub in Inzell!
Wie ich Eingangs meiner Geschichte schon erzählt habe, sind die ersten Male in Inzell in meiner Erinnerung zu einem einzigen Aufenthalt verschmolzen. So mag das folgende in diesem Jahr oder erst in den darauffolgenden Jahren geschehen sein. Aber das ist ja nicht so wichtig. Wichtig ist, daß alles dort wunderbar für mich war.
Eines Tages räumte der Sepp ein kleinen Holzhäuschen, das etwas abseits vom Haus lag und in dem sich Bank, Tischchen und Stühle, aber auch viel „Abgelegte“ befand, auf und stellte es Inge meiner jüngeren Schwester und mir zur Verfügung, so daß wir unser eigenes kleines Puppenhaus hatten. Und hinter dem Häuschen, auf einer Wiese, befand sich eine Schaukel. Sie war aber keine Schaukel, wie ich sie vom Spielplatz in der Nähe unseres Haus her kannte, auf der immer nur ein Kind schaukeln konnte. Es war eine Spezialschaukel! In einem Abstand von circa drei Metern waren jeweils zwei dicke Holzstangen parallel von einander im Boden verankert worden. Auf diesen war eine dicke Eisenstange, mit zwei angeschweißten, mehrfach gerundeten Haken befestigt. Daran eingehängt befanden sich, ein U bildend, dickgliedrige Ketten und auf diesen lag ein langes, starkes und glattgehobeltes Brett. Auf diese Art war eine so große Schaukel entstanden, daß viele Kinder auf einmal darauf Platz fanden. Auf dieser Schaukel konnten meine Geschwister und ich uns so richtig austoben! Es ist fast verwunderlich, daß bei all dem Unfug, den wir auf der Schaukel anstellten – wir schaukelten z.B. auch freihändig im Stehen – sich nie einer von uns dabei verletzte. Wir verletzten uns auch nicht, wenn wir auf den Heuboden stiegen und auf einen unten liegenden Heuhaufen sprangen – obwohl direkt neben dem Heuhaufen ein Holzrechen an der Wand lehnte, den wir immer nur knapp verfehlten. An den Holzrechen erinnere ich mich ganz deutlich. Ihn wegzustellen und unserer Treiben damit sicherer zu machen, auf die Idee kam niemand – wir vertrauten einfach auf unsere Geschicklichkeit. Überhaupt liebte ich den Heuboden sehr. Oft wühlte ich mich ins Heu hinein und genoß den Duft der getrockneten Gräser. Oder meine Geschwister und ich spielten darin verstecken.
Was für herrliche Zeiten! So ungebunden und frei! Wie oft habe ich euch beiden, meine Söhne, im Stillen bedauert, daß ihr so etwas nicht erlebt habt. Andererseits konntet ihr nicht vermissen, das ihr nicht kanntet.

Das waren im wesentlichen meine frühkindlichen Erinnerungen an Inzell. Natürlich gab es noch andere Dinge, die ich dort erlebte, wie zum Beispiel meine erste Wanderung zur Kaitl-Alm, die Vater mit mir und meinen größeren Geschwistern unternahm. Daran erinnere ich wegen der langen Zeit, die es dauerte, um dort hin zu gelangen. Aber auch an den schmalen, unbefestigten Weg, stellenweise überwachsen von Wurzel, an die hohen Nadelbäume, die ihn säumten und die weiten Almwiesen mit dem weidenden Vieh, die um die Alm herumlagen.

Kaltes Wasser!
Meine Mutter war eine eifrige Morgenduscherin, was ich um so mehr bewunderte, weil sie immer kalt duschte. (Warmwasser gab es nur am Samstag, wenn man vorher den Wasserboiler mit Holz angeheizt hatte.) Das brachte mich schließlich dazu, daß ich es ihr eine Zeitlang nach machte. Das härtete mich so ab, daß ich heute noch – 2021 – mich überwinden kann ins kalte Wasser zu gehen. Als mein Mann Josef und ich von 2008 bis 2010 an der Naab, die bei Regensburg in die Donau fließt, wohnten, ging ich so lange baden, bis das Wasser nur noch 15 ° hatte. Bei dieser Temperatur fangen allerdings die Glieder an zu schmerzen.
Wie so vieles wurde mir erst als junge Frau bewußt, warum meine Mutter dieses tägliche Duschen machte. Sie war dann vom Sex mit meinem Vater und vom Schlafen so verschwitzt, daß es ihr ein Bedürfnis war, den klebrigen Schweiß los zu werden.

Copyright by Hildegard Fischer – 2021