1951 – Inzell; Gewitter;

Inzell in Oberbayern:
Viele der schönsten Erinnerungen in meiner Kindheit besitze ich an diesen Ort. Meine erste Fahrt dorthin, an die ich mich bewußt erinnern kann – ich war damals 5 Jahre alt – war eine kuriose. Weil kurz nach dem Krieg Benzin noch rationiert war, verteilten uns unsere Eltern – wir waren inzwischen sechs Kinder – , samt Kindermädchen in einem Lastwagen und einen schwarzen Ford, der mit einer Stange hinten an dem Lastwagen befestigt wurde, so daß Vater dafür kein extra Benzin brauchte. Und so fuhren wir los! Viel war ja damals auf den Straßen nicht los, aber die wenigen Autofahrer, die uns sahen, müssen über unseren „Zug“ ganz schön gestaunt haben.
Kurz hinter Inzell, im sogenannten „Café Zwing“ bezogen wir Quartier bei „Sepp und Rosi“. Diese Ehepaar hatte mein Vater in seiner Jungmännerzeit, während einer seiner vielen Bergwanderungen kennengelernt und sich mit ihnen angefreundet. Damals noch kinderlos, aber mit dem herzlichen Wunsch nach solchen, nahmen sie unsere Schar freundlich auf. Wir jüngeren Kinder – Inge, ich und Liesl, unser Kindermädchen, bekamen zum Übernachten ein Schlafzimmer mit großem Doppelbett. Auf einer Anrichte des Zimmers stand das damals übliche bunte Waschgeschirr aus Porzellan, welches mich – weil ungewohnt – faszinierte. Meine älteren Geschwister – Helga, Helmut, Reinhard und Eckhard – bekamen eine kleine leere Kammer, in die eine dicke Schicht Heu eingestreut wurde. Darauf kamen Decken, Kissen und Zudecken. Ich glaube, sie haben herrlich dort geschlafen! Jedenfalls beschwerten sie sich nie. Den Luxus Ferien machen zu können, hatten zu dieser Zeit nicht viele Leute und Ansprüche stellte man noch wenige. Man war mit dem zufrieden, was man bekam. Aber solche Gedanken bewegten uns Kinder natürlich nicht. Wir genossen die Freiheiten und Annehmlichkeiten die uns das „Café Zwing“ bescherte. Z.B. führten der Sepp und die Rosi den tollen Brauch ein, daß wir den dicken Schaum, der beim Zentrifugieren der Milch entstand, in eine Tasse schöpfen durften und ihn mit soviel Zucker, wie wir wollten, löffeln durften. Eine Herrlichkeit für uns Nachkriegskinder, die wir sehr genossen. Verboten war uns lediglich, von dem anfallenden Rahm zu nehmen, denn daraus wurde zum Teil Butter gemacht oder zu Schlagsahne verarbeitet. Ob meine Geschwister sich je daran gehalten haben weiß ich nicht, ich konnte jedoch der Versuchung nicht widerstehen und habe manchmal davon genascht. Und falls Sepp und Rosi dies gemerkt haben sollten, haben sie nie darüber gesprochen und ein nochmaliges Verbot ausgesprochen. Sie ahnten es wohl, duldeten es aber stillschweigend, weil sich unsere Naschsucht in Bezug auf die Sahne in Grenzen hielt. So klein ich war, wußte ich ihr Verhalten irgendwie instinktiv zu deuten und liebte sie dafür um so mehr. Alles war wunderbar dort. In einem kleinen Geräteschuppen mit Fenster wurde für Inge meine Schwester und mich Platz geschaffen, so daß wir unser eigenes kleines Puppenhaus hatten. Hinter dem Haus stand außerdem eine Schaukel für uns Kinder. Nun war das aber keine gewöhnliche, wie ich sie vom Spielplatz in der Nähe unseres Haus her kannte. Oh nein! Es war eine Spezialschaukel und groß obendrein! In einem Abstand von circa zwei Metern waren jeweils zwei dicke Holzstangen parallel von einander im Boden verankert, die oben eine feste Eisenstange verband. Daran hingen lange Ketten und darauf hatte der Sepp ein dickes, glatt gehobeltes Brett gelegt. Um dem ganzen mehr Festigkeit zu geben, damit sie beim Schaukeln nicht umfiel, waren die Holzstangen noch mit starken Drahtseilen im Boden verankert. Auf diese Art war eine so große Schaukel entstanden, daß alle Kinder auf einmal darauf sitzen konnten. Und das taten wir auch. Und da wir kleine Früchten waren, ist es fast verwunderlich, daß bei all dem Unfug, den wir mit der Schaukel anstellten – denn wir schaukelten z.B. auch freihändig im Stehen – sich nie einer von uns dabei verletzte. Wir verletzten uns auch nie, wenn wir auf den Heuboden stiegen und hinuntersprangen auf einen darunter liegenden Heuhaufen, obwohl ein Holzrechen nahe dabei stand. An den erinnere ich mich ganz deutlich. Es kam auch niemand auf die Idee, ihn auf die Seite zustellen, wir vertrauten einfach auf unser Glück. Aber meistens dachten wir sowieso nicht groß darüber nach was wäre wenn. Überhaupt liebte ich den Heuboden sehr. Oft wühlte ich mich ins Heu hinein und genoß den Duft der getrockneten Gräser. Oder wir spielten darin verstecken. Was für herrliche Zeiten! So ungebunden und frei!
Wie oft habe ich euch beiden, meine Söhne, bedauert, daß ihr so etwas nicht erleben durftet. Andererseits konntet ihr nicht vermissen, was ihr nicht kanntet.
Ein anderes Erlebnis, welches aber im Jahr darauf oder noch ein Jahr später, aus einem Urlaub im „Cafe Zwing“ in meinem Gedächtnis haftet, berichte ich euch an dieser Stelle, weil es mir gerade einfällt und ich nach anfänglichem Ärger, davon profitierte. Es war wegen Reinhard, meinem zweitältesten Bruder, der mich derart in ungerechtfertigter Weise ärgerte, daß ich in Tränen ausbrach. Sepp, zu dem ich jammern hinlief, fragte mich gleich besorgt nach dem Grund. Weil ich sein besonderer Liebling, und sicherlich auch, weil ich doch so ein zartes Elfchen war, war er stets bereit, mir beizustehen und mich zu beschützen. Aber er schlug Reinhard nicht etwas, um ihn für das, was er mir angetan hatte zu bestrafen. Nein, – wie wir überhaupt auch von den Eltern nur selten Schläge bekamen -, er nahm den Schlingel hoch und rieb dessen Gesicht derb an seiner unrasierten Wange. Das war Strafe genug und tat auch etwas weh, denn nun kamen dem robusten Jungen ein paar Tränchen Das rührte den Sepp aber nicht, was mich insgeheim freute. Immer wieder tratzen mich meine älteren Brüder, ohne daß meine Mutter eingriff, so daß ich die Strafe gerecht fand. Um mir noch mehr Trost zu spenden, lud mich Sepp hinter sich auf sein altes klappriges Motorrad und fuhr mit mir zum „Gletschergarten“. Dieser „Gletschergarten“, eine Sehenswürdigkeit in der Inzeller Gegend – ist eine felsige, vom letzten zurückweichendem Gletschereis ziemlich steile, glatt geschliffene Felsenwand, die man über Holztreppen erklettern konnte und bestaunen.
Während der Sommermonate hatte sich am Fuß dieser Wand immer ein Eisverkäufer postiert und bediente die vorbeikommenden Touristen. Dieser Eisverkäufer war nun Sepps Ziel. Er kaufte zwei Tüten Eis, das sich hoch über den Rand (welche eine üppige Köstlichkeit!!!) und drücke mir in jede Hand eine. So fuhren wir zurück. Aber mit den beiden Tüten in den Händen konnte ich mich nun bei ihm nicht mehr anklammern! Und obwohl er mit diesem Wissen sehr vorsichtig fuhr, passierte es doch. Damals war viele Straßen noch ungeteert und in gewissen Abständen zogen sich Holzrinnen quer über die Straße – bei manchen Bergwegen findet man es heute noch -, damit bei Regen das Wasser schnell ablaufen konnte. Nun waren diese Hölzer aber nicht immer so eben eingebettet, daß man erschütterungsfrei darüber fahren konnte. Jedenfalls taten Sepp und ich unser Bestes, um das Eis sicher in unser Quartier zu bringen. Behutsam überquerte er jede Schwelle und ich hielt die beiden Tüten rechts und links mit ausgestreckten Händen von mir ab, denn in der in der Wärme des Tages begann das Eis langsam in Tropfen herunter zu schmelzen. Dann kam eine besonders holprige Stelle. Das Motorrad machte einen kleinen Hüpfer und von einer der Tüten sprangen – zu meinem Schreck, hatte ich doch so gut aufgepaßt – der Eishaufen herunter. Sepp hielt sofort an. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, den Haufen, der aus mehren verschiedenen Fruchtkugeln bestand, dort liegen zu lassen. Er packte die verschmutzten Kugeln zurück auf die Tüte und sagte trösten zu mir: „Den Schutz waschen wir einfach ab. Das meiste davon kannst du noch essen!“ Den Rest des Weges schafften wir ohne weitere Vorkommnisse. Im „Café Zwing“ angekommen, reinigte Sepp die tropfenden Eiskugeln von Staub und Steinchen, und ich ließ mir den Rest „und“ die der anderen Tüte, die eigentlich für meine Geschwister bestimmt gewesen war, die er mir aber jetzt, da die Heruntergefallene kleiner als gedacht ausfiel, auch schenkte – beobachtete von den neidischen Blicken meiner Brüder und Schwestern – schmecken. Aber so gut konnte das Eis gar nicht schmecken, daß es nicht von dem Hochgefühl übertroffen wurde, daß jemand sich für mich und nur für mich einsetzte. Ich liebte ihn dafür, und meine Liebe war ihm nie lästig. So oft es ging hielt ich mich in seiner Nähe auf. So kam es, daß er mich einmal mitnahm, als er mit dem Traktor nach Inzell fuhr. An diesen Tag erinnere ich mich noch besonders gut, denn so wie der Ort damals ausgesehen hat, ist er im Wandel der Zeit und der Jahre, in denen ich ihn immer wieder besuchte, natürlich nicht geblieben. Wenn man diese schöne Ortschaft heute sieht, kann man sich kaum mehr vorstellen, was für ein kleines „Örtchen“, was für ein „Kaff“ es in den fünfziger Jahren war. Der Tag, an dem wir fuhren, war sonnig und warm. Geruhsam tuckerten wir die wenigen Kilometer über die Alpenstraße, die damals bereits geteert war, bis in den Ort. Aber kaum, daß wir abbogen, holperten wir über die staubige, mit Schlaglöchern versehene Dorfstraße. Sepp fuhr, so weit ich mich erinnern kann, zu einem Lagerhaus an dem einen Ende von Inzell. Dort ließ er mich absteigen. Und während er seinen Geschäften nachging, sah ich mich um. Viel gab es wahrlich nicht zu sehen. Ich war an dem einen Ende und konnte mit Leichtigkeit an dem anderen einen gelben Postbus erkennen. Es war einer von diesen irgendwie quadratisch-eckigen Bussen, mit einer eckigen vorstehenden Kühlerhaube. Heute sieht man so etwas ja nicht mehr, aber damals war es ein gebräuchliches Beförderungsmittel. Er fiel mir auf, weil er so einsam und leer in der Mittagssonne stand und scheinbar keinerlei Fahrgäste fand. Gelbes Auto auf staubiger, hellgrauer, durchlöcherter Straße! In der Mitte zwischen mir und dem Bus befand sich die Kirche und das c – Lokalitäten, die heute noch Bestand haben. Ansonsten nur noch einige wenige Häuser. Daß war schon alles! Und was ist aus diesem „Kaff“ schließlich geworden, als wuchs und erwachsen wurde?! Ein Ort, international bekannt durch sein Eislaufstadion, mit wunderschönen alpenländischen Wohnhäusern, großartigen Hotels und vielem mehr. Aber damals war Inzell – verzeiht den Vergleich – so klein wie ich, als Sepp mich zum ersten Mal dorthin mitnahm.
Damit schließe ich erst einmal diese Geschichte. Aber es werden immer wieder welche auftauchen, denn Inzell und das „Café Zwing“ spielten noch bis in mein Erwachsenenleben einige Rollen.
Nur folgendes gehört noch zu den frühesten Ereignissen aus meiner Kindheit: Einige Jahre, nach dem ersten Urlaub meiner Eltern mit uns Kindern in Inzell, adoptierten der Sepp und die Rosi, weil sie keine eigenen Kinder bekamen, ein kleines Mädchen. Als erwachsene Frau kam mir der Verdacht, daß ich dieses kleine Mädchen hätte sein können. Aus den Erzählungen meines Vater weiß ich, daß mich einmal ein Ehepaar unbedingt adoptieren wollte. Er sagte nie, wer dieses Ehepaar gewesen war und ich fragte nicht danach. Aber heute bin ich mir ziemlich sicher, daß das Ehepaar, das mich haben wollte, nur der Sepp und die Rosi gewesen sein konnten. Sie mußten sich gedacht haben, daß ein Kind weniger für meine Eltern keine Rolle spielen würde. Im Gegenteil! Hätte sie mich ihnen gegeben, wäre es eine Last weniger für sie gewesen. Wahrscheinlich bekamen die beiden mit, daß meine Mutter mich von allen ihren Kindern am wenigsten mochte und hatten sich deshalb eine Chance ausgerechnet. Aber meine Eltern gaben mich nicht her! Ach, hätten sie es doch nur getan!!! Wieviel mehr Liebe und Fürsorge hätte ich bei den „Zwingern“ als ihr Einzelkind erhalten. Nie wäre ich so zu der Außenseiterin geworden, die meine Mutter – mehr oder weniger bewußt – aus mir gemacht hatte.
Ihr, meine lieben Söhne, die ihr so behütet und beschützt aufgewachsen seit, könnt kaum nachempfinden, wie schwer es für mich in meiner Kindheit manchmal war. Dabei war mein Bewußtsein in meiner Kindheit natürlich nicht geschärft, so daß ich immer nur ein waages Gefühl der Unzulänglichkeit hatte. Ein Gefühl der Schuld, als sei das, was ich war, mein persönliches Verschulden. Erst als mein jüngster Bruder Victor auf die Welt kam und von meiner Mutter liebevoll und bevorzugt erzogen wurde, dämmerte es mir, wie ungleich sie ihre Kinder behandelte und wurde sensibler, aber auch bockiger.

Gewitter:
Das schlimmste Gewitter, an das ich mich erinnere, ging in meiner Jugend herunter. Es scheint mir heute, als wäre es damals aus heiterem Himmel gekommen. Die ganze Familie – Vater, Mutter, wir Kinder und mein damals bei uns wohnender Großvater – war im Eßzimmer beisammen, als es los ging. Ein Blitz, ein gewaltiger Donnerschlag, dann solch sturmartiger Regen, daß eines der Fenster zerbrach und die Scherben in den Raum fielen. Sofort flüchteten wir uns alle ziemlich verängstigt in den angrenzend Flur. Ich sehe mich heute noch, wie ich unter dem Telefon stand, das in Augenhöhe an der Wand zwischen zwei Türen hing und fragte mich, ob die anderen auch so viel angst hatten wie ich. Mein Großvater meinte aber, daß wir hier im Flur nichts zu befürchten hatten. Das beruhigte uns dann etwas. So warten wir das Ende dieses Gewitters ab, das draußen rumpelte und tobte. Schließlich flaute es ab und wir konnten ins Zimmer zurück und den Schaden betrachten, den es angerichtet hatte. Ein weiteres Fenster war nicht beschädigt, aber durch das zersplitterte war Regen eingedrungen, so daß der Fußboden leicht überschwemmt war. Als Lehre daraus für meinen Vater war, daß der bei jedem Anzeichen eines Gewitters schnellstens die hölzernen Fensterläden, die draußen angebracht waren, zumachte und verriegelte.