1950: Gefährliche Dummheit; ich schwimme; 1. Kino; Frau “Depp”; Kindergarten.

Notiz:
Zu den Fünfen (von denen das erste Kind, eine Mädchen, bereits kurz nach der Geburt starb) gesellten sich in den nächsten Jahren noch die Geschwister I., K. und V. (letzterer fehlt auf diesem Bild).
Diese große Familie konnten sich meine Eltern ganz gut leisten, weil 1. der Vater sich eine Betonsteinfabrik erarbeitet hatte und 2. die Mutter ein beträchtliches Erbe in die Ehe einbrachte.

Gefährliche Dummheit:
In diesem Jahr stellte ich aus Langweile etwas an, das zum Glück noch mal gut ausgegangen war. Damals drückte ich beim Spielen in unserem Mädchen-Schlafzimmer die Fensterscheibe ein und es grenzt an ein Wunder, daß ich nicht samt der zerbrochen Scheibe hinaus gefallen bin. Das wäre wahrscheinlich mein Tod gewesen, denn das Zimmer lag im 1. Stock.
Folgendes war geschehenen: Wie üblich mußten meine Schwester Inge und ich nach dem Mittagessen unseren Mittagsschlaf halten – der diente dazu, daß auch meine Mutter dann ihre Ruhe fand. Aber zum Schlafen waren wir nie müde genug. Wenn es uns dann zu langweilig wurde trieben wir mancherlei Unfug, aber so leise, daß möglichst niemand etwas davon mit bekam. Zum großen Leidwesen meiner Mutter war ich schon damals mit reichlich Fantasie begab und ließ mir immer wieder Neues einfallen. An diesem Tag fiel mir etwas besonderes „Geniales“ein: Weil unsere beiden Betten an der Längsseite der Wand mit dem Fenster standen und beide rechts und links jeweils mit der Kopfseite an den Seitenwänden, war zwischen den Fußenden ein vielleicht gerade mal 30 – 40 cm Abstand, und der befand sich knapp unterhalb des Fensters. Ich nahm eine unserer Zudecken legte sie über die beiden Fußpfosten straff drüber, stopfte die Enden zur Befestigung unter die Matratzen, so daß eine Art Sitz entstand. Auf diesen setzten wir uns dann abwechseln und ließen uns – weil der ja nachgab – sanft hinunter auf den Boden gleiten. Das ging einige Male gut, bis ich – aus welchem Grund auch immer, mich so blöd anstellte und beim Daraufsetzen das Gleichgewicht verlor und in die Scheibe fiel. Hier muß man bedenken, daß man zu dieser Zeit noch keine Sicherheitsscheiben verwendet hatte, wenn es sie denn überhaupt schon gab. Diese Scheibe, die zu Bruch ging, war aus dünnem Glas. Als diese zerbrach, erschreckt ich mich sehr, Das würde mal wieder ein Donnerwetter von Seiten meiner Mutter werden und einige Schläge auf den Hintern nach sich ziehen. Aber, so weit ich mich erinnern kann, bekam ich deswegen keine Strafe. Meine Eltern waren wohl froh, daß mir die Sache keinen Schaden zugefügt hatte. Und natürlich war es für mich auch eine Lehre, zukünftig vorsichtiger zu sein.

Ich kann schwimmen:
Im Sommer diesen Jahres, verbrachten unsere Eltern mit uns wieder mal im „Cafe Zwing“ in der Nähe von Inzell. Dort bin ich zum ersten Mal frei in tiefem Wasser geschwommen. Zu hause hatte ich das Schwimmen bereits in unserem Plantschbecken, das 4 x 4 Meter groß und ca. 70 cm hoch war, geübt. Dazu stieß ich mich vom Boden ab und machte dann 2 -3 Schwimmstöße, so wie ich es von meinen älteren Geschwister abschaute. Aber mehr ging nicht. Dann aber, während unserem Urlaub, ging es plötzlich wie von selbst. In diesem Jahr durfte ich mit meinen größeren Geschwistern zum „Zwingsee“, in der Nähe von Inzell mitgehen. Dazu ging man vom Cafe Zwing aus quer über die Alpenstraße, hinüber in den Wald, der sich an einem Hang langzog. Von dort aus marschierten wir über einen Pfad, der beim See endete. So war es für uns Kinder völlig ungefährlich unser Badeziel zu erreichen. Zuerst plantschte ich in seichterem Wasser, aber plötzlich wurde es tiefer und hatte eine leichte Strömung, die sich wegen des Abflusses ergab. Und plötzlich schwamm ich. Ich sehe mich heute noch bildlich dort schwimmen und fühle das Hochgefühl, das mich erfüllte. Was soll ich noch dazu sagen! Ich schwamm leidenschaftlich gern, ich lernte Tauchen und bin bis heute eine gute Schwimmerin.

Das erste mal ins Kino:
Ein paar Straßen weiter von meinem Elternhaus entfernt, war „das Scala“, ein Kino. An einem Sonntag Nachmittag durfte ich mit meinen älteren Geschwistern dort einen Kinderfilm anschauen.
Es war der Film “Hänsel und Gretel”! Das war für mich natürlich sehr aufregend. Später zog es mich immer mal dort hin, auch wenn ich mir keinen Film anschaute, aber die bunten Fotos und Erklärungen zu den Filmvorschauen fand ich faszinierend.

Frau “Depp”,
die Erzieherin! So hieß diese Frau natürlich nicht. Aber wie komme ich dazu sie so zu nennen? Eines Tages, ich erinnere mich noch sehr gut, wurde ich von meinen Eltern ins Wohnzimmer gerufen. Dort befand sich eine ältere Frau. Meine Eltern erklärten mir dann, daß sie unser neues Kindermädchen sei und stellten sie mir namentlich vor. Ich sah sie mir kritisch an und weil sie auf mich einen strengen Eindruck machte, sagte ich – und das muß man sich mal vorstellen, denn ich war erst 4 Jahre alt – : „Nein, daß bist du nicht, du bist die „Frau Depp“! Darüber haben die Erwachsenen gelacht, und ich muß es der Frau zu gute halten, daß sie mir diese Aussage nicht nachgetragen hat. Sie war wirklich ein wenig streng, aber nie ungerecht und Schläge gab es sowieso nie von einem der Kindermädchen. Das hätten meine Eltern nie geduldet.

Der erste Kindergarten! (Und wieder abgeschoben?!)
Es muß an Ostern gewesen sein, als ich an einem schönen sonnigen Tag, wie so oft, mit meinen Geschwistern im Garten spielte, als Mutter mir zurief: „Hildchen, komm ins Haus! Ich habe dir etwas zu sagen!“ Zögerlich folgte ich und ging zu ihr ins Wohnzimmer. Zusammen mit ihr saß dort Frau Scholz, eine ihrer Bekannten – es könnte auch sein, daß sie eine entfernte Verwandte war, denn bei der Bearbeitung meiner Vorfahren gibt es welche mit diesem Namen. Sie war bereits öfters mit ihren beiden Töchtern zu Besuch bei uns gewesen, also war sie mir nicht fremd. Von ihr wußte ich, daß sie eine Kriegswitwe war und alleine für ihre Kinder sorgte. Aber heute aber war sie ohne die beiden Mädchen gekommen. „Hör zu, Hildchen!“ sagte meine Mutter, „ Frau Scholz wird dich für einige Zeit mit zu sich nehmen. Pack’ also einige Kleider ein, Vater fährt euch dann zu ihrer Wohnung. So einfach war das! Es wurde bestimmt und ich hatte zu folgen. Und so verbrachte ich wieder einmal einige Tage bei anderen Menschen. Die beiden Töchter von Frau Scholz – zu der ich wahrscheinlich „Tante“ sagte, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern – , waren im Gegensatz zu mir bereits Schulkinder. Doch trotz des Altersunterschiedes waren sie sehr nett zu mir. Und weil gerade Schulferien waren, beschäftigten sie sich auch mit mir, so daß ich keine Langeweile empfand. Aber dann geschah etwas, das uns drei Mädchen angst machte: Eines Nachmittags unternahmen wir einen Ausflug zur nahen Donau. Ihre Mutter hatte und aber verboten, trotz des warmen Wetters, dort zu baden. Ich nehme an, wegen der Gefährlichkeit der Strömung. So schlenderten wir am Ufer entlang, fingen winzige Fischchen und taten sie samt Donauwasser in ein mitgenommenes Einwegglas. Zu diesem Ausflug hatte ich mein schönstes Kleidchen angezogen, und Frau Scholz hatte mir aufgetragen, darauf aufzupassen und es nicht schmutzig zu machen. Aber auf dem Nachhauseweg geschah es trotzdem! Weil wir nicht den selben Weg zurück nahmen, gerieten wir an eine breite matisch-lehmige Stelle. Um nicht umkehren zu müssen, zogen wir unsere Schuhe aus und wateten vorsichtig durch. Die beiden größeren Mädchen schafften es mühelos, nur mir gelang es nicht. Plötzlich rutsche ich aus und fiel hin. Als ich wieder aufstand, war das Kleidchen voller Lehm. Schrecken durchfuhr mich eingedenk der Ermahnung, es nicht zu beschmutzen und fing bitterlich an zu weinen. Angesichts der Bescherung waren auch die beiden Mädchen ziemlich betroffen. Sie versuchten es zu reinigen, aber es ging natürlich nicht. So gingen wir bedrückt den restlichen Weg nach Hause. Ich befürchtet eine Standpauke ihrer Mutter, und den beiden Mädchen wird es nicht anders ergangen sein, hatten sie doch den Auftrag, auf mich zu achten. Glücklicherweise wurde es aber nicht so schlimm, wie wir gedacht hatten. Aber die Folge dieses kleinen „Unfalls“ war, daß Frau Scholz mich für die restlichen Tage, die ich bei ihr verbringen sollte, in dem nahe gelegenen Kindergarten anmeldete. Das war aber nicht schlimm für mich, weil das ein toller war. Hell, freundlich und mit vielen Spielsachen. Eines davon war ein Kaufmannsladen, in dem man darin stehen konnte und richtig verkaufen spielte. Da ging ich dann gerne hin.

Liebe Buben, ihr kennt sicherlich das Gefühl, wie es einem geht, wenn über den eigenen Kopf hinweg bestimmt wird und man kann nichts anders tun als gehorchen. Aber anders als bei euch, die Vater und ich frühzeitig nach Neigungen gefragt und Wünsche respektiert haben – natürlich im Rahmen unserer Möglichkeiten -, war es in meiner Kindheit und Jugend anders. Meine Neigungen und Wünsche wurden meistens weder erkundetet und, wenn ich sie von selbst äußerte, kaum beachtet. So wurde ich hin und hergeschoben, und meine Mutter wunderte sich in späteren Jahren, daß ich so rebellisch wurde, außerdem nie lange bei einem Arbeitsverhältnis aushielt. Es klappte ja schließlich bei meinen Geschwistern! Warum nur war ich so anders? Das hing damit zusammen, daß ich zwar lange naiv, aber nicht auf den Kopf gefallen war, und die Ungereimtheiten ihrer Erziehung mich wütend machen konnten.

Und so war es mit dem Kindergarten. Ich hatte gegen eine Regel verstoßen, auch wenn ich den Unfall mit dem Kleidchen nicht mit Absicht herbeigeführt hatte und mußte dafür gerade stehen. Dabei war ich gerade mal vier Jahre alt! Aber ohne Widerstand befolgte ich, was man von mir erwartete.

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