Erklärungen zu meinen Aufzeichnungen.

Bevor jemand heiratet, hat der oder diejenige eine mehr oder weniger klare Vorstellung, aus welchem Grund er eine Ehe eingehen will, und die Gründe sind so vielfältig, wie die Charaktere der Menschen. Und weil vieles, was man in der Kindheit erlebt hat dazu beiträgt, wie sich später eine Ehe entwickelt, fange ich mit meinen Kindheitserlebnissen an, die in mir nach und nach ein Bild entstehen ließen, wie meine Ehe und mein zukünftiger Ehemann sein sollte. So schälte sich, als ich älter wurde, ein starker Wunsch nach Kindern, das Auskosten meiner Liebe zu einem Mann und die Vorstellung von Geborgenheit in einer eigenen Familie heraus. Doch wenn ich überhaupt heiraten sollte, mußte es “der Richtige” sein. Ein derartiges Ehedesaster, in das – meiner Meinung nach – meine ein Jahr jüngere und die fünf Jahre ältere Schwestern geraten waren, kam für mich überhaupt nicht in Frage. Aus rein emotionalen Gefühlen hatten beide ihren jeweiligen Freund mehr oder weniger zur Heirat genötigt, was sich später rächte. Oh nein, schwor ich mir damals, während ich mitverfolgte, wie es in ihren Ehen zuging: Das wird mir nicht passieren, schwor ich mir! Ich werde mir meinen zukünftigen Ehemann sorgfältiger aussuchen.
Aber es gab noch andere Faktoren, die meinen Verstand schärften, so daß ich überzeugt war, den “richtigen” Mann zu heiraten, als es soweit war. Aber selbst mit diesem Mann kamen Probleme auf mich zu, von denen ich vorher natürlich keine Ahnung hatte, so daß ich später manchmal fast kapitulierte. In solchen Situationen stellte ich mir die Frage, wieso vieles so anders lief, als ich geglaubt hatte erwarten zu können. Was hatte ich falsch gemacht? Was hatte ich übersehen? Welche Warnzeichen hatte ich nicht registriert, um rechtzeitig abzuspringen? Um das herauszufinden muß ich zurückgehen in die Zeit meiner Kindheit.
Nun ist es ja eine bekannte Tatsache, daß vieles, was man in der Kindheit und Jugend erlebt, mitbestimmend ist für das, wie man sich später verhält und handelt. Allerdings haben manche Menschen die fatale Angewohnheit Unangenehmes zu verdrängen und wenn sich später bei ihnen ernsthafte Probleme einstellen, wissen sie oft nicht, weshalb sie sie haben. Glücklicherweise gehöre ich nicht zu dieser Art von Menschen. Ganz im Gegensatz zu meinen sieben, eher angepaßten und ruhigen Geschwistern, war ich ein sehr lebhaftes, aufgeschlossenes und quirliges Kind. Schon früh stellte ich Dinge in Frage, wenn sie mir nicht logisch erschienen. Aber meine Mutter, die sich nicht gern in Diskussionen verwickeln lassen wollte, haßte das. Ihr war es immer am liebsten, wenn ich mich so wie meine Geschwister fraglos in alles fügte. Weil ich das aber nicht tat, kam es schon mal zu Auseinandersetzungen zwischen ihr und mir, die mich sehr belasteten, denn ich liebte sie doch. Einerseits wollte ich sie nicht kränken, aber anderseits wollte ich auch meinen Standpunkt vertreten, wenn ich glaubte im Recht zu sein. Hatte sie mir dann wieder einmal kurz und bündig den Mund verboten und mich damit reizbar gemacht, nahm mich mein Vater, der meine Wesen verstand, manchmal nach einer Auseinandersetzung mit ihr beiseite und sprach mir gut zu. Auf diese Art besänftigte er dann meine unterdrückte, hilflose Wut. Mein Vater war überhaupt der einzige, mit dem ich in meiner Kinderzeit ab und zu reden konnte. Er war derjenige, der mir die Liebe gab, die ich glaubte von meiner Mutter nicht zu bekommen. Zugegeben, meine Mutter hatte es nicht immer leicht mit mir. Und viele Jahre lang war ich auch der Meinung, daß es meine Schuld war, das wir uns nicht vertrugen. Oft machte ich mir selbst Vorwürfe, weil es mir scheinbar nicht gelang, so “lieb” wie meine Geschwister zu sein, bis mir aufging, daß ich ganz einfach eine andere Wesensart geerbt hatte als diese. Doch was konnte ich dafür, daß ich so war, wie ich war? Gar nichts! Aber zu dieser Erkenntnis kam ich erst als erwachsene Frau.
Meine Mutter fühlte sich belastet, wenn ich unbekümmert und fröhlich in den Tag hineinlebte. Meine Offenheit, auch heikle Dinge anzusprechen, fand sie unangebracht und meine Neugier, alles was mich interessierte zu erforschen, ermüdete sie. Aber so sehr ich mich ihr zuliebe häufig bemühte, diese Züge in mir zu unterdrücken, gelang es mir meisten doch nicht. Ich mußte einfach meine Wißbegierde befriedigen. Bei vielen Dingen kam ich von selber drauf, nämlich dann, wenn mein Vater mir riet, darüber nachzudenken und anders erklärte er mir. Heute bin ich mir ziemlich sicher, daß es ihm Freude gemacht hat, daß wenigstens eines seiner Kinder so aufgeschlossen war. Selbst mit meiner Mutter führte er keinerlei Gespräche, wie mit mir, weil sie sich nicht dafür interessierte.
Ja, ich war eine kleine Rebellin. Wenn ich etwas nicht verstand, ging ich einer Sache so lange nach (und las dann sogar heimlich Bücher, in einem Alter, als sie mir noch verboten waren), bis ich wußte, was es darüber zu wissen gab. Und so ist es kein Wunder, daß mich auch alles sexuelle in seinen Bann zog. Und weil ich kein Kind war, das zu Verdrängungen neigte, habe ich alles noch in guter Erinnerung.
Mein frühestes, leider unangenehmes Erlebnis, im Zusammenhang mit geschlechtlichem, geschah eines Abends. Ich mag vier oder fünf gewesen sein, als unser Kindermädchen noch einmal nach mir schaute. Sie trat an mein Bett und zog mir ohne jede Vorwarnung die Decke vom Körper weg. Ich war kurz vor dem Einschlafen gewesen und sah keinen Grund für ihr Handeln, also wollte ich schon protestieren, als sie anfing mich zu auszuschimpfen. “Ja schämst du dich nicht,” sagte dann empört. “Sowas tut man doch nicht. Laß dich ja nicht mehr dabei erwischen.” Dann warf sie die Decke wieder über mich und rauschte aus dem Zimmer. Ich blieb total verdattert und etwas verängstigt zurück. Was war geschehen? Was hatte ich angestellt? Bei was sollte ich mich nicht mehr erwischen lassen? Ich wußte es nicht, aber es mußte etwas damit zu tun haben, wie sie mich vorfand. Wie üblich war ich ohne Unterhöschen zu Bett gegangen. Zum Einschlafen hatte ich meine Hände zwischen meine Oberschenkel gebettet, um sie anzuwärmen und mein Nachthemdchen war beim Hin- und Herdrehen in eine kuschelige Schlafposition nach oben gerutscht. Und derart halb entblößt war ich plötzlich ihren Augen ausgesetzt. Was immer sie darin zu sehen glaubte, war mir damals natürlich nicht bewußt. Mir wurde nur kalt, während sie mich musterte und fühlte mich irgendwie ausgeliefert. Was haften blieb, nachdem sie gegangen war, war ein unschuldiges Gefühl der Schuld. Irgendwas mußte ich verbrochen haben, sonst hätte sie doch nicht mit mir ausgeschimpft. Am nächsten Tag beobachtete ich sie heimlich, immer darauf gefaßt, daß sie noch einmal darauf zurückkommen würde. Aber sie tat, als sei nichts gewesen. Jahre später, als mir dämmerte, was ihr Handeln bestimmt haben mußte, erkannte ich, daß sie am nächsten Tag angst haben mußte, ich würde meiner Mutter erzählen, was vorgefallen war. Doch das war undenkbar für mich. Das Kindermädchen hatte mir zu verstehen gegeben, daß ich etwas Unrechtes getan hatte, so daß ich nicht auch noch von meiner Mutter bestraft werden wollte. Also hielt ich meinen Mund. Man konnte ja nie wissen. Nach dem Vorfall überlegte ich mehrere Wochen lang immer wieder, was es wohl gewesen sein könnte, das ich verbrochen hatte, kam aber nicht drauf. Und dann vergaß ich es irgendwann fast. Erst als Erwachsene wurde mir klar, daß sie angenommen hatte, ich würde onanieren. Was für ein absurder Gedanke. Wieso nur sind manche erwachsene Menschen immer wieder bereit schon in einen so kleinem Kind eine „vermeintliche Verderbtheit“ sehen. Sie sind doch noch wie unbeschriebene Blätter, die sich nur füllen durch das Vorbild derer, mit denen sie zusammenleben.
Meiner heutigen Ansicht nach, war das Handeln dieses Kindermädchens ihrer eigenen verdorbenen Fantasie entsprungen. Nur, weil sie offensichtlich onanierte, was damals allgemein als “Pfui” angesehen wurde, war sie wohl der Meinung, ich täte das gleiche, als sie mich so halb entblößt im Bett vorfand. Offen bleibt hier nur noch die Frage: Wie kam sie überhaupt darauf, mir die Decke wegzuziehen? Die Beantwortung dieser Frage überlasse ich der Fantasie des Lesers.
Ich weiß nicht, was später aus ihr geworden ist. Da meine Mutter immer wieder einmal die Mädchen wechselte, kam eines Tages ein anderes, so daß ich an dieses spezielle lange nicht mehr dachte. Dann erzählte mir Helga, meine ältere Schwester, vor einigen Jahren etwas, das mich wieder an sie erinnerte. “Weißt du eigentlich, was eines der Kindermädchen einmal mit mir gemacht hat?” fragte sie mich an diesem Tag. Nein, ich wußte es nicht. Aber ich wußte, daß Helga nach ihrer Scheidung eine jahrelange Psychotherapie hinter sich gebracht hatte und konnte mir leicht vorstellen, daß in den Sitzungen vieles in ihr hochgekommen war, was sie unterbewußt gequält hatte. “Was hat sie denn gemacht?” fragte ich interessiert, um ihr meine Anteilnahme zu zeigen, denn was Gutes konnte es nicht sein. “Eines Nachts ist sie ins Zimmer gekommen, hat sich zu mir ins Bett gelegt, hat mein Bein zwischen ihre Schenkeln gepreßt und sich befriedigt,” antwortete sie, und ich konnte ihrer Stimme entnehmen, daß selbst jetzt nach all den Jahren, die Erinnerung daran noch Ekel in ihr erzeugte. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das mußte das gleiche Kindermädchen gewesen sein, daß mir damals die Decke weggezogen hatte. “Ach, du liebe Güte,” erwiderte ich darauf, “ich glaube, ich weiß, von wem du sprichst!” und erzählte ihr, was sie mit mir gemacht hatte. Am Ende kamen wir zu dem Schluß, daß solche Erfahrungen ganz schön hart sein konnten für ein Kind und daß es kein Wunder sei, wenn Menschen später in ihrer sexuellen Entwicklung empfindlich gestört sein konnten. Dabei war das, was das Kindermädchen uns beiden angetan hatte, noch relativ harmlos im Vergleich zu dem, was andere Kinder erleiden, wenn sie seelisch und körperlich vergewaltigt werden. Von solchen Sachen hatten wir als Kinder natürlich sowieso keine Ahnung und ich, für meinen Teil, blieb jedenfalls immer davor bewahrt.
Was mich aber insgesamt immer wieder erstaunte, als ich älter, reifer und wissender wurde, daß meine beiden Schwestern, obwohl sie die selbe Erziehung wie ich genossen, auf sexuelle Dinge so ganz anders reagierten als ich. Da kann ich nur raten, warum das so war. Vielleicht war ein Grund der, daß ich wesentlich später menstruierte als sie. Mit dieser Sache kam ich zum ersten Mal in Berührung, als bei Inge, meiner jüngeren Schwester mit dreizehn die erste Regelblutung einsetzte. Bis dahin wußte ich absolut nichts davon. Mehr zufällig bekam ich mit, wie sie eine neue Binde einsetzte. Hätte ich das nicht gesehen, würde sie mir wohl auch nichts gesagt haben. Ich kann mir gut vorstellen, daß meine Mutter ihr riet, mich damit noch zu verschonen. Eins weiß ich allerdings noch ganz genau: Es hat mich nicht erschreckt. Das mag damit zusammen gehangen haben, daß Inge das Wechseln der blutigen Binde so selbstverständlich vornahm. Neugierig geworden, fragte ich: “Was machst du? Warum blutest Du? Hast du dich verletzt?” Nun, diese Schlußfolgerung lag ja schließlich nahe. Aber sie, dieses kleine Biest, lachte nur etwas überheblich wegen meiner „dummen“Fragen. Sie, die jüngere von uns beiden, war auch noch stolz darauf eher als ich ihre Tage bekommen zu haben und mehr darüber zu wissen als ich. “Was,” fragte sie mit erstaunt hochgezogenen Augenbrauen, “du weißt nicht davon?” Als ich das verneinte, sah ich ihr an, daß sie das freute. Und so war es ihr ein Genuß mir entsprechend altklug darauf zu antworten. “Jedes Mädchen bekommt das. Es ist die Periode. Wenn man sie bekommt, macht es einem zur Frau,” sagte sie belehrend. “Das versteh ich nicht,” hakte ich nach, obwohl es mir eigentlich peinlich war, daß ich ausgerechnet meiner “jüngeren” Schwester solche Fragen stellte. “Warum macht es einem zur Frau.” Ich konnte ihren Augen ablesen, für wie dumm sie mich hielt. Aber ich ließ mir meine Gereiztheit nicht anmerken aus Angst, sie würde nicht weiterreden. Aber meine Angst war unbegründet. Sie genoß es viel zu sehr, mehr zu wissen als ich und mich darüber aufzuklären. “Also,” sagte sie, als würde sie eine Idiotin belehren, “wenn Mädchen körperlich reif genug sind, geschieht in ihrem Körber etwas, das es ihnen ermöglicht Kinder zu bekommen. Und das ist jetzt auch bei mir geschehen.” “Aber warum kommt Blut unten bei dir heraus? fragte ich. Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen, daß man mir bis dahin noch nicht einmal eine winzige Andeutung über so etwas Wichtiges und Einschneidendes gemacht hatte, immerhin war ich inzwischen vierzehn Jahre alt. Zwar wußte ich, daß Frauen Kinder bekamen, aber als ich meine Mutter einmal gefragt hatte, wie das geschieht, hatte sie mich mit den Worten “Das sage ich dir ein anderes Mal,” vertröstet. Doch das andere Mal kam nie und ich fragte auch nicht mehr danach. Meisten bekam ich von ihr auf Fragen, die das Geschlechtsleben betraf sowieso die Antwort: “Du bist noch zu klein, um das zu verstehen!” Nun war es mir ja nicht möglich, mich dagegen zu wehren. Aber innerlich erzeugten diese Abweisungen eine Wut in mir, die das Verhältnis zu meiner Mutter nicht gerade verbesserte. Und wie sich später herausstellte, wurde ich in den Augen meiner Mutter nie groß genug, um von ihr aufgeklärt zu werden. Aber wahrscheinlicher ist, daß sie sich nur davor gedrückt hat. Und nun mußte ich von meiner kleineren Schwester hören, was meine Mutter mir hätte erklären müssen. Sicherlich wußte auch sie nicht so viel darüber, wie es zu wissen gab. Soviel jedoch bekam ich mit, daß sie jetzt jeden Monat einige Tagen bluten wird. “Das ist ganz normal,” sagte sie und fügte gönnerhaft hinzu: “Du wirst schon sehen, bei dir dauert es auch nicht mehr lange, bis es so weit ist.”
Und als es dann soweit war, geschah es ausgerechnet an dem Tag, an dem ich mit meinem Vater, der mit der ganzen Belegschaft seiner Firma einen Betriebsausflug nach München zum Oktoberfest machte. Einen Tag vorher hatte ich Unterleibsschmerzen bekommen und beim beim Aufstehen an diesem Tag hatte die Regel eingesetzt. Aber nicht nur das! Schmerzen und Übelkeit machten es mir unmöglich mit zu fahren. So verkroch ich mich wieder im Bett, während meine Schwester sich für den Ausflug zurecht machte. Traurig, aber nicht zu ändern. Aber einige Jahre später, als wieder einmal ein derartiger Ausflug stattfand, konnte ich das nachholen.

Als ich fünfzehn war, fügte es sich günstig, daß ich eine Lehre als Geflügelzüchterin in Kitzingen/Main antreten konnte. Das Zusammenleben mit meiner Mutter war für mich unerträglich geworden und ich wollte aus ihrem Wirkungsbereich heraus. Als einzigstes ihrer acht Kinder fügte ich mich nicht so in ihr Schema – wenn sie je eines hatte – wie sie es gern wollte, was ständig Ärger zwischen uns auslöste. Ich wiederum fühlte mich von ihr nicht geliebt, was sie vehement abstritt, wenn ich es ihr vorhielt. Oft half ich ihr freiwillig im Haushalt, um ihre Anerkennung zu bekommen. Sie aber hielt das immer für selbstverständlich und mein Frust wuchs, wenn sie mir dafür nicht einmal dankte. Die Trennung von ihr war eine Erleichterung für mich. Nun fühlte ich mich plötzlich erwachsen, und nach einigen Wochen der Trennung wurde mir klar, daß ich ab jetzt mein Leben, bis zu einem gewissen Grad, selbst bestimmen konnte. Und mir wurde ebenso bewußt – und das war besonders wichtig – ,daß ich mich von nun an selbst erziehen mußte, wenn ich so werden wollte, wie ich es mir für die Zukunft wünschte.
Trotzdem hatte ich in den folgenden zwei Jahren noch ein ziemlich behütetes Leben. Ähnlich wie in einer Familie, wurde mein Leben in der Geflügelzucht vom Rhythmus der Arbeits- und Lernzeiten geregelt. Selbst in der kargen Freizeit bestimmte meine Meisterin, wohin ich gehen durfte und wohin nicht. Mit Jungens jedenfalls lief dort noch überhaupt nichts. Man hielt mich und meine Kolleginnen an der kurzen Leine, um unsere Jungfräulichkeit zu hüten oder was auch immer. Aber ich selber war es, die zu dieser Zeit fest entschlossen war als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Wie kurzsichtig diese Vorstellung war, kann man nur meiner Unerfahrenheit und Naivität zuschreiben.
Das dritte Jahr meiner Lehre verbrachte ich in Erding bei München. Dort durfte ich endlich etwas freier leben. Zusammen mit meinen Kolleginnen gingen wir Samstags zum Tanzen und lernten dort den einen und anderen jungen Mann kennen. Trotzdem bewahrte ich mir immer noch meine “Unschuld”. Sicher, ich küßte und knutschte gern und mein jeweiliger Freund durfte auch mal meine Brüste betatschen, aber jede Hand, die unterhalb die Gürtellinie geraten wollte, blockte ich ab. Damals hatte ich keine klare Vorstellung warum ich das nicht wollte. Heute weiß ich, daß keiner von ihnen einfühlsam genug war mein sexuelles Verlangen zum Aufblühen zu bringen. Ihr oftmals grobes, unbeholfenes oder hastiges Vorgehen bewirkte immer das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollten. Wären sie nicht zu forsch vorgegangen, hätten sie sich mehr Zeit gelassen, wer weiß?

Im ersten Jahr meiner Lehre (1961) heiratete meine ältere Schwester Helga und zog mit ihrem Mann nach München. Kurt war ein ruhiger, großer und netter Mann, den alle schätzten. Man konnte davon ausgehen, daß ihre Ehe harmonisch verlaufen würde. Anders erging es meiner jüngeren Schwester Inge, die, meines Erachtens nach, völlig den Verstand verlor. Ihr erster fester Freund, den sie mit fünfzehn Jahren kennengelernt hatte und den sie sehr liebte, trennte sich nach einem Jahr des Zusammengehens von ihr. Damit stürzte fast die Welt für sie ein. Aber dann lernte sie Peter kennen und nun war ihre Welt wieder in Ordnung. Durch ihn lernte sie zum ersten Mal die Freuden des Beischlafs kennen. Nur störte mich an den beiden, daß sie manchmal recht überheblich sein konnten. Während eines Wochenendes – ich war auf Besuch Zuhause – saßen wir drei auf der Terrasse meines Elternhauses und unterhielten uns. Inge, die wohl stolz darauf war, keine Jungfrau mehr zu sein, schnitt irgendwann das Thema Sex an. Daraufhin steuerte ich, um nicht zurückzustehen, das bei, was ich rein theoretisch davon hielt. Da lächelten beide wissend und Inge setzte dem die Krone auf, in dem sie etwas arrogant sagte: “Was weißt du schon davon? Du hast ja keine Ahnung!” Das verletzte mich. Natürlich hatte ich bis dahin keinerlei praktischen Erfahrungen. Trotzdem konnte ich mir genau vorstellen, was da ablief. In meiner Fantasie hatte ich mir bereits oft vorgestellt, wie das war, wenn ein Mann seinen Penis in meine Scheide stecken würde. Das war ja nicht so schwer. Aber was hätte ich ihnen entgegensetzen können? Also ließ ich es darauf beruhen. Mit den beiden ging es dann bald schon Schlag auf Schlag. Als Inge Peter kennengelernt hatte, muß sie sich wohl gesagt haben, daß ihr das gleiche wie mit ihrem ersten Freund nicht mehr passieren darf. Noch einmal würde sie es nicht zulassen, daß ihr Freund sie verließ. Und um das zu verhindern, wurde sie ohne Peters Zustimmung und Wissen schwanger. Und ihre Rechnung ging vorerst einmal auf. Gedrängt von meinen und seinen Eltern heiratete Peter sie. Doch mit ihren siebzehn Jahren war sie weder als Mutter noch als Ehefrau reif genug, um mit ihrer Situation fertig zu werden. Eigensüchtig und eifersüchtig trieb sie ihren Mann immer öfters aus der Wohnung. Und Peter, der sich in der Falle sah, er, der zu etwas gedrängt worden war, daß er so noch nicht gewollte hatte, tat nichts, um das Verhältnis zu verbessern. Er fühlte sich verladen und hatte auch allen Grund dazu. So kam es statt Aussprachen zu heftigen gegenseitigen Vorwürfen und schließlich zu Schlägereien zwischen ihnen. Auszubaden hatte das das kleine Mädchen Gabi, daß Inge zur Welt gebracht hatte. Es war ja nur Mittel zum Zweck gewesen und daß dieses Mittel den erhofften Zweck nun nicht erfüllte, machte meine Schwester fertig. Dabei war es ganz logisch, daß es so kommen mußte. Sie hatte ja nur an ihre Bedürfnisse gedacht und die von Peter ignoriert. Zufällig war ich gerade wieder einmal Daheim, als sie mit blauen Flecken, ihre kleine zweijährige Tochter im Schlepptau, in unserem Elternhaus aufkreuzte. Das war dann das Ende von ihrem zweijährigen Ehelied und die Scheidung nur noch eine Frage der Zeit. Natürlich stellten meine Eltern Inge gleich ein Zimmer zur Verfügung. Sie liebten ihre kleine erste Enkelin von Herzen und empfanden, wie ich und auch alle meine Geschwister, herzliches Mitleid für sie. Es würde zu weit führen, hier aufzuzählen, was die Kleine wegen ihrer Eltern durchmachen mußte und entspräche nicht dem Zweck dieses Buches, darum lasse ich es. Nur noch soviel, daß meine Mutter sich rührend um sie kümmerte (mehr als sie es je für ihre Kinder tun konnte), denn Inge wollte und mußte nun eigenes Geld verdienen. Wenn man das so mitkriegt, kommt man schon ins Grübeln. Ein anderer Punkt, der mir zum Thema Ehe damals zu denken gab, war meine ältere Schwester Helga. Sobald diese hörte, daß die jüngste von uns Schwestern schwanger geworden war, reagierte sie sehr zornig darauf. Ich höre sie heute noch wie sie sich empörte. “Das darf doch nicht wahr sein!” rief sie zornig aus, nachdem mein Vater es ihr gesagt hatte. “Da warte ich geduldig auf ein Kind, bis wir es uns leisten können und dieser Fratz wird bedenkenlos schwanger. Ich,” sagte sie betont, “hätte die erste sein sollen, die schwanger wird! Schließlich bin ich die ältere.” Es ärgerte sie so sehr, daß sie kurz darauf schwanger wurde, obwohl sie damit noch warten wollte. Diese Einstellung verstand ich nicht. Was hatte die eine Schwangerschaft mit der anderen zu tun? Ich, für meinen Teil, hielt keinen Grund der beiden für richtig ein Kind zu zeugen. Meiner Meinung nach bekam man ein Kind nur um seiner selbst willen und nicht, um etwa den Mann, den man nicht verlieren will, zu halten oder weil die andere das hat, was man sich selber wünscht. Nun, wie auch immer, Helga brachte ihren ersten Sohn auf die Welt und ein gutes Jahr später den zweiten. Und damit übertrumpfte sie die kleine Schwester. Noch vor der Geburt des ersten Kindes zog Helga mit Kurt nach Regensburg zurück. Kurt hatte nicht viel zu sagen. Was meine Schwester bestimmte, tat er. Auch ihnen boten meine Eltern Zimmer zum Wohnen in ihrem Haus an – „es war ein großes, das mein Vater bereits vor seiner eignen Ehe gebaut hatte, das Grundstück dafür hatte er von seinem Vater bekommen“ – und dieses Angebot nahmen sie an. Auf diese Art hatte Helga ebenfalls stets einen Babysitter parat und konnte zudem halbtags arbeiten gehen. Doch zufrieden war sie nicht. Weder mit ihrem Leben, noch mit ihrem Mann. Der vor allem konnte es ihr oft nicht recht machen und dann triezte sie ihn. Aus Wut, weil er mit Worten nicht mithalten konnte, zerschlug er schließlich zuerst nur Zimmergegenstände oder warf sie aus dem Fenster, doch später kam es auch vor, daß er meine Schwester schlug. Trotzdem blieben sie noch Jahre zusammen, bis auch hier die Scheidung die Lösung ihrer Probleme war. Daß meine beiden Schwestern von ihren Männern geschlagen wurden, machte mich fassungslos. An jede Ohrfeige, die ich je von einem männlichen Wesen bekommen hatte, kann ich mich noch gut erinnern, so wenige waren es. Im ganzen waren es drei! Ein einziges Mal fing ich mir von meinem Vater eine Watschen ein, weil ich meiner Mutter heftig widersprochen hatte. Das konnte er nicht dulden, sollte ihre Autorität nicht untergraben werden. Eine andere fügte mir ein Lehrer zu, der dafür bekannt war, daß er schnell in Rage geriet, wenn man eine Frage nicht gleich beantworten konnte. Er schlug so heftig zu, daß seine fünf Finger auf meiner Wange noch zu sehen waren, als ich von der Schule nach Hause kam. Die Dritte verabreichte mir mein Bruder Reinhart, weil ihm bei einem Streitgespräch mit mir die Argumente ausgingen. Mit einem “Schlag” beendete er die Diskussion. Aber noch niemals, bis heute nicht – es war der 6.6.2021, als ich diese Seiten korrigierte – , hat mich jemals ein Freund oder mein Mann geschlagen. Ich eignete mir die Fähigkeit an, bei Aussprachen einzulenken, wenn es kritisch wurde. Aber deswegen gab ich nicht etwa klein bei. Ich gab meinen Gesprächspartnern nur Zeit sich zu beruhigen und über das Gesagte nachzudenken, so daß ich später häufig das erreichte, was ich gewollte hatte. Dabei muß man aber bedenken, daß man von einem anderen nichts Unmögliches fordern sollte und dies wiederum erfordert viel Selbstzucht. Und dann war auch ich, nach sieben Jahren in der Ferne, wegen Schwierigkeiten mit einem Onkel, der damals in München mein Chef war, wieder im Elternhaus untergeschlüpft. Nun waren alle Schwerstern abermals im selben Haus vereint. Doch im Unterschied zu meinen Schwestern war ich immer noch unbemannt. Inzwischen war ich zweiundzwanzig Jahre alt und, wie man zurecht annimmt, auch keine Jungfrau mehr, trotz meiner früheren Ansichten. Diese hatten sich inzwischen grundlegend geändert. Sensibel geworden durch die Bespiele meiner Schwestern und wegen der Dinge, die ich in den sieben Jahren fern von Zuhause und ohne die Beeinflussung von dritter Seite, erfahren hatte, gelangte ich zu der Erkenntnis, daß sexuelles Verlangen ein ganz natürliches Bedürfnis (gleich dem Bedürfnis nach Essen, Trinken, Schlaf, sich entleeren müssen und nach Wärme). Das leuchtet ein, denn es ist ein von der Natur dem Menschen gegebenes Verhalten zur Erhaltung der Art. Was manche Menschen aber immer wieder daraus machen, ist für mich nicht akzeptabel. Meine Meinung ist, daß um diese Sache oft viel zu viel Wind gemacht wird. Sicherlich muß man sich vor ungewollten Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten schützen, aber ansonsten ist für mich im Großen und Ganzen praktizierte Sexualität gesünder als künstlich unterdrückte.
Bereits als Kind ärgerte ich mich über das blöde Getuschel von Erwachsenen, wenn es um sexuelle Dinge ging. Ihre Einstellung zu diesem Thema war (was auch immer, ich finde hierzu nicht die richtige Bezeichnung), denn sonst hätten sie es nicht vor uns Kindern verborgen. Und so ist es erklärlich, daß erst ihre Haltung dem Ganzen etwas Unnatürliches und Verbotenes gab. Und was noch schlimmer ist – so sehe ich es heute – daß sie uns durch ihre Geheimniskrämerei erst richtig neugierig machten. Ich jedenfalls war es.
Ich erinnere mich noch gut daran, daß ich den Roman „Lady Chatterly“ bereits mit 12 Jahren gelesen hatte – der für mich zwar interessant, aber nicht so umwerfend war – als ich ein oder zwei Jahre später, als er mir wieder einmal in die Hände fiel, folgendes geschah: Dieses Mal wollte ich ein braves Kind sein und fragte meine Mutter, ob ich ihn lesen darf. Aber sie sagte zu meiner, neben ihr stehenden großen Schwester Helga, ob sie auch der Meinung sei, ich sei dafür noch zu jung. Diese bestätigte es und so wurde mir die Lektüre weg genommen. Dafür habe ich sie ein wenig verachtet; denn das immer wiederkehrende „du bist noch zu jung“ für die verschiedenen Vorgänge in unserem Leben, war für sie bestimmt nur eine Ausrede für ihre Hilflosigkeit, heikle Themen sachlich zu erklären.
Dazu fällt mir noch folgendes ein: Ein guter Freund meines Vaters sagte einmal zu ihm, daß man den Kinder auch Dinge erklären sollte, die sie im Moment nicht verstehen können. Aber irgendwann käme der Moment, wo sie dieses Wissen einsetzen konnten. Von diesem Gespräch erzählte mir mein Vater als junge Frau bei einem unserer Spaziergänge, als wir über ein ähnliches Thema sprachen. Das leuchtet mir sofort ein, denn Unwissenheit macht uns unsicher und verletzlich.
Und so habe ich es dann auch mit meinen beiden Söhnen gehalten, daß ich ihnen – egal wie alt sie waren – immer offen alle Fragen beantwortete, auch intime.

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