1995, Aufzeichnungen – Notizen

1995, den 03.01.
Karte von Nicole, diesmal aus Prag, als sie ihre Verwandten besucht hatte:

Hello from Prag
I am here in the city with my family visiting relatives and my boyfriend. I hope that you all enjoyed a happy holiday and best wishes in the new year! Take care Nicole Zitta.
Nicol. aus Arizona, war als Austauschschülerin 6 Wochen bei uns und hat sich sehr wohl gefühlt. Und wir schlossen sie in unser Herz.

1995, den 04.01.
Brief von Estera Ionita:
Eine glukliches neu Jahre! Mit ein bisien verspetug. Wir grussen Sie Herzlich. Und damit die beste gesundheit wunsche! Für die ganze familie. Und Gottes Segne! Von Rumänien jemand wer Sie lieb.
Estera mit die ganze familie – in libe. E.
Diese Estera war eine sehr nette Frau, die in der selben christliche Gemeine wie meine Mutter war. Ich lernte ich kennen, als meine Mutter mich fragte, ob ich sie als meine Hausgehilfin anstellen würde, weil die Familie – Mann und drei kleine Kinder – nur geringe Einnahmen hatte. Das tat ich gern und habe es nicht bereut. Sie blieb bei mir, bis sie ausgewiesen wurden. Wenn sie bei mir war, wollte sie immer nur ungern nach hause und hätte dann auch umsonst gearbeitet.

1995, den 12.01.
Brief von Rosemarie Aicher, das waren die Bauersleute in der Nähe des Wagingersees, bei denen über mehrere Jahre unser Wohnwagen ganzjährig stand.
Hallo Fischers,
herzliche Grüße aus Aich und ein Foto von „wärmeren Tagen“. Wir stecken tief im Schnee und Euer Wohnwagen hat auch eine große weiße Haube. Morgen starten wir zum 1. Faschingsball von insgesamt 2, die wir besuchen wollen. Daniela ist jede Woche fest auf Achse und „heimgehen“ wird möglichst lange raus geschoben, weil es ja so lustig ist. Alles Gute bis zu einem Wiedersehen, von allen Aichers.
PS.: Hildegard, die andere Frau auf dem Foto ist nicht Josefs Freundin, sondern meine! Ha, ha,.

1995, den 19.01. – Brief von mir an Rosa Brandstätter:
Die Brandstätter, vom Fuschlsee – auch Bauern – lernten wir 1978 kennen, als wir dort Urlaub machten und ich mit Christoph schwanger war. Den letzten Kontakt hatten wir 1998.
Hallo, liebe Rosa,
vielen Dank für Deine Karte. Es macht nichts aus, wenn wir nicht so oft von einander hören, Hauptsache wir bleiben in Verbindung. Ich hätte Euch beide, Dich und Sepp, so gerne das vergangene Jahr an den Waginger-See eingeladen, der ja nicht so weit von Euch entfernt ist, aber ich war wirklich nicht gut drauf. Inzwischen habe ich mich gefangen und hoffe ganz fest, daß es dieses Jahr klappt und Ihr uns im Sommer für einen Tag besucht. Auch meinen Tiefpunkt habe ich überwunden, den ich durch die Rückschläge bei der Suche nach einer beruflichen Tätigkeit erlitten hatte und habe jetzt (so glaube ich) den richtigen Weg zu einem neuen Berufsleben gefunden. Seit gut einem Jahr entwerfe und stelle ich Fensterglasbilder her und die ersten Erfolge stellen sich ein. Im März habe ich meine erste Ausstellung bei den Hobbykünstlern. Die Bilder, die ich mache, sind etwas besonderes und es macht mir viel Freude sie herzustellen. Die Arbeit daran ist kreativ und handwerklich zugleich und das liegt mir nun ja wirklich. Außerdem lasse ich nun den Roman „Das Löwenkind“ den ich im Jahr zuvor geschrieben habe, im Eigenverlag drucken und kann ihn bei der Ausstellung zusammen mit meinen Bilder anbieten. Ich werde ja sehen, was daraus wird. Zur Zeit arbeite ich gleichzeitig an zwei weiteren Manuskripten. Bis die aber fertig sind, wird noch viel Zeit vergehen.
(Eines davon war die Arbeit an der Geschichte meiner Vorfahren, bei der ich hunderte von Unterlagen, die ich von meinen Eltern nach deren Tod übernommen habe. 12 Jahre arbeitete ich daran und heraus kam ein Werk, das 2500 Seiten umfaßt. Interessant war vor allem, daß einige meiner Vorväter Berühmtheiten waren, die auch im Internet zu finden sind. 1. Victor von Strauß und Torney, 2. August Lauw, 3. Andreas Geyer. Auch mein Urgroßvater Wilhelm Geyer und sein Sohn, mein Großvater Hans Geyer, waren außerordentlich und sind beide im Regensburger XXX, erwähnt.)
Allerdings habe ich noch einen fertigen Kinderroman herumliegen. Den möchte ich im Herbst herausgeben.
(Das hat aber nicht geklappt, was schade ist, denn es ist ein bezauberndes Buch!)
Wie all die Jahre vorher, gehen wir auch dieses auf keinerlei Faschingsbällen. Da Josef nicht tanzen will, wäre es auch fad, das zu tun. Eigentlich ist es schade, weil wir manchmal etwas mehr Abwechslung gebrauchen könnten. Wir sind richtige Stubenhocker. Allerdings ist es auch immer eine Frage des Geldes.
Da fällt mir ein, daß ja mit Österreichs Eintritt in die EG die Preise bei Euch gefallen sind. Ich kann nur für Euch hoffen, daß tatsächlich alles billiger geworden ist. Es war schon befremdlich, wie teuer alles bei Euch war. Bei uns ist der Winter mit Frost, Eis und Schnee eingekehrt, wie schon lange nicht mehr. Christoph hat zu Weihnachten ein Snowboard bekommen und da sich Josef auch wieder Skier zugelegt hat, sind sie bereits mehrmals damit in ein nahe gelegenes Skizentrum gefahren, um sich zu vergnügen. Josef hält sich nach all den Jahren, in denen er nicht Ski gefahren ist, sehr gut. Die beiden kommen nach solch einem Tag mit roten Backen frisch und lebendig nach hause. Ich jedoch tue es mir nicht mehr an. Mein Sport ist Schwimmen und Radfahren. Bei uns ist ansonsten alles in Ordnung, was ich auch von Euch hoffe. Jetzt habe ich es ja etwas leichter, da durch Florians Auszug weniger Arbeit für mich anfällt. Er ist mit seiner Freundin zusammen in eine Wohnung gezogen. Jetzt jammert sie immer wieder einmal über das, was mir schon an ihm nicht gepaßt hatte. Ich habe es ihr zwar gesagt, wie er ist, aber sie hat mir wohl nicht geglaubt. Sie dachte wohl, daß ich übertreibe. Aber das ist nicht mehr meine Sache. Die beiden sind erwachsen und müssen es mit sich selbst ausmachen. Wenn es nicht mehr geht, müssen sie sich halt wieder trennen. Noch sind sie nicht miteinander verheiratet.
Soweit für heute. Laß es Dir gut gehen und grüße alle Deine Lieben von mir. Mit den besten Wünschen bis zum nächsten Wiedersehen., Deine Hildegard.

1995, den 20.1. – Schreiben von mir an die REWAG!
Jedes Jahr ist es dasselbe. In dem Moment, in dem ich den Umschlag mit der Abschlußrechnung der REWAG in den Händen halte, nehme ich mir fest vor, mich nicht darüber zu ärgern, wenn ich ihn aufgemacht und überprüft habe, aber es gelingt mir nie. Es macht mich wütend, traurig und hilflos zugleich dieser Firma ausgeliefert zu sein, die über meinen Kopf hinweg bestimmen kann, was immer sie will. .Ich kann nicht überprüfen, ob das alles rechtens ist, was sie an Kosten und Gebühren von mir abbucht. Ich bin „nur“ eine Hausfrau, die an anderer Stelle einsparen muß, was z.B. die REWAG oder die Regierung uns an Steuern und Gebühren abnimmt. Fast jeden Monat steht weniger auf der Gehaltsabrechnung meines Mannes, mit dem ich dann zurecht kommen muß. Als meine Familie und ich vor 15 Jahren umgezogen waren, kam ein Herr von der REWAG und schloß mit mir einen Lieferungsvertrag ab, der inzwischen, ohne irgendwelche weiteren schriftlichen Abmachungen nach Belieben geändert worden ist. Ich bin mir aber ganz sicher, daß keiner der Herren, die bestimmen, was ich (und all die anderen Bürger) zu bezahlen haben, einen Gedanken daran verschwendet, ob „sie“ ihren Kindern oder sich selbst, die dringend benötigte Kleidung oder das dringend benötigte Paar Schuhe, oder was auch sonst, kaufen können, denn sie haben bestimmt genug, um diese Güter problemlos zu erwerben.. Bewußt habe ich darauf verzichtet, als Hausfrau und Mutter berufstätig zu sein, was für mich bedeutet, daß ich mit einem Gehalt für vier Personen auskommen mußte. Somit erhält jeder in der Familie nur das notwendigste. Trotzdem habe ich, als mehr oder weniger unbezahlte Arbeitskraft, die Leistung vollbracht, zwei Kinder zu tüchtigen, verantwortungsbewußten jungen Menschen zu erziehen, von denen einer bereits wiederum seine Abgaben an die REWAG und an den Staat bezahlt. Ich sehe es als meine persönliche unverdiente Bestrafung an, daß Menschen und Institutionen (hinter denen ja auch wiederum Menschen stehen) eine derartige Geldpolitik betreiben dürfen, mit der sie sich scheinbar ungehindert bereichern können, wärend ich dafür bezahlen muß. Um auf den Punkt zu kommen: was mich besonders ärgert und wütend macht, ist die Sache mit der Ausgleichsabgabe. Bis Mai 1985 zahlte ich im Durchschnitt nicht mehr als 4%. Diese Abgabe wurde dann schlagartig um das Doppelte, auf fast 8%, erhöht. Grimmig nahm ich es hin, auch wenn ich den Sinn nicht verstand. Was ich aber absolut nicht verstehe ist, daß ich auf diese Abgabe auch noch 15 % MwSt. bezahlen muß. Eine Ausgleichsabgabe auch noch zu besteuern halte ich, mit meinem einfachen Hausfrauenverstand, für den reinsten Diebstahl. „Selbstverständlich“ wird es da wieder irgendwelche Verfügungen geben, von denen ich nichts weiß, und die diese Besteuerung legalisieren. Für das Jahr 1994 zeigt mir eine simple Rechnung überschlagsmäßig, wieviel Mehreinnahmen das ausmachen könnte. Ich zahle für 1994 eine Ausgleichsabgabe von 128.06 DM. 15% davon sind 19.21 DM. Rechne ich jetzt ca. 130 000 Einwohner von Regensburg (wobei ich die gewerblichen Betriebe außer acht lasse) und teile diese durchschnittlich durch 4 Personen pro Haushalt (wobei auch hier sicherlich viele Singles enthalten sind), so ergibt das für mich gut gerechnet ca. 32 500 Haushalte. Nur angenommen, jeder zahlte von ihnen auch ca. 20.–DM MwSt. auf die Ausgleichsabgabe, so macht das einen Betrag von 650 000.–DM aus. Wer bekommt dieses Geld? Was wird damit gemacht? Werden damit Schulden bezahlt, die von Leuten ganz oben gemacht werden, weil „diese“ noch nie so gut mit Geld umgehen konnten, wie eine einfache Hausfrau? Es scheint mir ziemlich sicher zu sein, daß es so ist! Diese „Herren“, die darüber bestimmen, daß die kleinen Leute das bezahlen, was sie verlangen, waren bestimmt noch nie in der Lage, sich immer nur einen Gebrauchtwagen leisten zu können oder nur einen Urlaub mit Wohnwagen in Oberbayern zu gönnen, weil alles andere nicht „drin“ ist. 650 000.–DM – und das ist sicher nur die Untergrenze von dem, was die REWAG allein an MwSt. aus der Ausgleichsabgabe einnimmt, ist für mich eine riesige Summe und ich bin der Meinung, daß die REWAG sich diese zu Unrecht aneignet.
Ein weiteres Ärgernis ist für mich, daß, wenn ich bewußt Energie einspare, aus Gründen eigener Kosteneinsparungen und wegen des Umweltschutzes, ich deswegen nicht etwa weniger bezahle, weil dann die REWAG einfach den Arbeitspreis erhöht, so daß ich am Ende für weniger Strom eben soviel bezahle, als wenn ich einen höheren Energieverbrauch gehabt hätte. Ich bin es wirklich leid, daß die REWAG meine Abhängigkeit von ihr so schamlos ausnützt. Ich kann mich nicht gegen sie wehren. Ich bin nur eine Ruferin in der Wüste, die keiner hört. Ich bin nur eine von vielen, die diese Firma braucht, da sich mir keinerlei Alternativen anbieten. Alles was mir bleibt ist diesen Brief zu schreiben, um der REWAG klar zu machen, daß ich mit ihren Methoden nicht einverstanden bin, auch wenn sich damit sicherlich nichts ändern wird.
Hochachtungsvoll Hildegard Fischer.
Eine Antwort darauf ist nicht erfolgt!
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1995, den 20.1. Brief an RTL „Wie Bitte?“
Sehr geehrtes – „Wie Bitte“ Team!
Mit Begeisterung sehe ich und meine Familie jede Woche Ihre Sendung. Heute übersende ich Ihnen einen Brief, den ich an meine Energieversorgungsfirma REWAG geschrieben habe. Ich denke, daß er alles aussagt, was dazu zu sagen ist. Sicher ist auch Ihnen die Problematik solcher Monopolfirmen nicht unbekannt. Vielleicht können Sie einmal diesen „Herren“ auf die Zehen treten.
Mit den besten Grüßen. Hildegard Fischer.
Eine Antwort darauf ist nicht erfolgt!

1995, den 25.02. Sterbetag von Hans Zettl – er war 73 1/2 Jahre alt, als er sich erschoß. Er war der Vorsitzende und Gründer von Josefs Schützenverein. Den Grund sah ich darin, daß seine Frau fremd ging, weil er ihr nichts mehr zu bieten hatte

1995, den 27.02. – Brief von mir an Estera:

Liebe Estera,
vielen Dank für Deine Karte und Deine Wünschè an uns zum Neuen Jahr. Ich wünsche Dir und Deiner Familie dasselbe und hoffe, daß es Euch gut geht. Wie ich von meiner Mutter erfahren habe, kann Nico für einige Zeit wieder in Deutschland arbeiten. Das freut mich für Dich, denn das wird Euch finanziell helfen. Mir und meiner Familie geht es gut. Ich arbeite fleißig und kann im März zum ersten Mal meine Fensterglasbilder bei einer Ausstellung anbieten. Außerdem habe ich meinen ersten Roman drucken lassen, den ich auf der Ausstellung auch verkaufen kann. Ich schicke Dir eines von meinen Bildern und eins von meinen Büchern. Vielleicht kannst Du es ja einmal lesen und hast Freude daran. Gleichzeitig schicke ich Dir auch etwas Geld (war ein Hunderter, damals noch DM). Du wirst es sicherlich gut brauchen können. Der Winter dauert für mich immer wieder viel zu lange und ich bin froh, wenn er endlich wieder vorbei ist und es wärmer wird. Dann kann ich wieder in den Garten und dann fühle ich mich auch wieder wohler. Florian wohnt nun nicht mehr bei uns. Er ist zusammen mit seiner Freundin in eine eigene Wohnung gezogen. Das ist gut so, denn er ist mir mit seiner Schlampigkeit ziemlich auf die Nerven gegangen. Ich bin auch der Meinung, daß junge Leute nicht so lange im Elternhaus wohnen sollten, weil das nur zu Problemen führt. Aber ansonsten verstehe ich mich gut mit ihm. Christoph hat diese Jahr ein gutes Zeugnis bekommen. Letztes Jahr hat er eine Klasse wiederholen müssen, weil er nicht genug gelernt hat. Das hat ihn betroffen gemacht und jetzt ist er fleißiger. Ansonsten ist alles in Ordnung bei uns und es geht alles seinen geregelten Gang. Liebe Estera, ich wünsche Dir alles Gute für die Zukunft. Laß den Kopf nicht hängen, denn es geht immer irgendwie weiter. Mit den besten Grüßen an Dich und Deine Familie
Deine Hildegard Fischer.

1995, den 27.02. – Brief von mir an Nicole Zitta:
Liebe Nicole (dear Nicole),
vielen Dank für Deine Karte (many thanks for your card), über die ich mich sehr gefreut habe (it had enjoyed me very much). Entschuldige bitte (please excuse me), daß ich nicht gleich geantwortet habe (that I don’t answered at once). Du muß wissen, daß ich sehr beschäftigt bin (you have to know I’m very busy). Ich habe meinen ersten Roman verlegt (I habe publisched my first novel) und stelle im März zum ersten Mal meine Fensterglasbilder aus (and this March i have an exihibition with my window-glass-pictures). Es geht uns gut (we all are well). Ich hoffe Dir auch (I hope you too). Wenn es möglich ist (if it is possible), kommen wir (we will coming) – Josef und ich – nächstes Jahr nach Arizona (next year to Arizona), um ein wenig mit einem Caravan durch das Land zu fahren (to travel through the country with caravon a little bit). Darauf freue ich mich (on that I look forward to).Das hat aber leider nie geklappt – immer war zu wenig Geld da!).
Ich schicke Dir mein Buch (I send you my book) und auch ein Bild (and a painting too), das ich für die Ausstellung herstelle (that I have did for the exihibition). Vielleicht kannst Du das Buch nicht lesen (perhaps you can not read book), aber vielleicht versuchst Du es doch (but maybe you try it anyhow). Dieses Jahr war ich seit langem wieder einmal auf dem Weiberfasching (this year I was on Weiberfasching since a long time again – this is a day only for women who celebrating carneval -). An diesem Tag ist es keinem Mann erlaubt auf einem der Feste zu erscheinen (on this day no men is allowed to appear on these feasts), die nur von Frauen abgehalten werden (these will be only hold from women). Tut er es doch (if he does it yet), so dürfen sie mit ihm anstellen (so she may – or can – do with her), was sie wollen (wath ever she likes). Aus diesem Fest (on this feast) tanzen die Frauen miteinander (all women war dancing together) und es ist immer sehr lustig (and it is always very funny).I hope you can understand all my english, then I have not so much practice in it anymore. Das ist es für heute. (That’s all for today.) Viele liebe Grüße an Deine Familie (many greetings to your family) und alles Liebe für Dich von (and all my love to you from)
Hildegard.

1995, den 27.02. – Brief an Frau Braumann – Firma für Bastelbedarf:
Sehr geehrte Frau Braumann!
Für Ihre Einladung zur Spielzeugmesse möchte ich mich noch einmal herzlich bedanken. Es war das erste Mal, daß ich diese Messe besuchen konnte. Vor über zwanzig Jahren, als ich noch im Spielzeug- und Kindermöbelgeschäft meines Onkels in München mitarbeitete, fuhr immer nur meine Kusine zu dieser Messe, weil ja einer immer im Laden bleiben mußte und sie außerdem die Auswahl für neue Produkte tätigt. Aber es hat mich immer schon interessiert, einmal diese Messe zu besuchen. Es war, auch wenn manches an Kitsch angeboten wurde, sehr beeindruckend für mich. Allerdings ist sie so groß, daß mein Mann und ich uns nicht alles ansehen konnten Und das ist ja auch nicht so wichtig. Das was wir sehen wollten, haben wir gesehen. Inzwischen haben Sie wahrscheinlich mein Buch gelesen. Es würde mich interessieren, wie es Ihnen gefallen hat. Im Moment arbeite ich fleißig auf die Ausstellung meiner Fensterglasbilder hin, die am 26. März stattfindet. Ich bin gespannt, welchen Erfolg ich damit erziele. Wahrscheinlich werden sich die Leute an diese neue Art der Dekoration erst gewöhnen müssen. Auch sind die Bilder nicht gerade billig, aber ich hoffe, daß sie die Bilder eines Tages schätzen. (Auch das hat leider nicht funktioniert. Die Besucher haben nicht mal einen Blick darauf geworfen, so, als wären sie unsichtbar.) Auf jeden Fall ist die Arbeit an ihnen für mich das befriedigendste seit langem. Es stillt mein Bedürfnis nach handwerklicher und künstlerischer Tätigkeit und darauf kommt es ja auch an. Nun wünsche ich Ihnen alles Gute und ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Mit den besten Grüßen Ihre Hildegard Fischer.

1995, den 19.03. Regensburg,
Diese Elisabeth lernte ich in meinem Englischkurs der Volkshochschule kennen. Sie war die Besitzerin eines bekannten Sportgeschäfts in Regensburg.
Liebe Elisabeth!
Sicher wirst Du Dich wundern, daß Du heute Post von mir bekommst, aber ich habe das Bedürfnis Dir einmal ausdrücklich zu danken. Es ist mir bewußt, daß Du mich manches Mal verteidigt hast, wenn die „Anderen“ – im Englischkurs – mein Wesen nicht verstanden und an mir herum gemeckert haben. Es ist nicht immer leicht mit mir, weil mein Denken oft grundverschieden von anderen Menschen ist. Das war schon immer so und darunter habe ich früher oft gelitten. heute akzeptiere ich mich so wie ich bin, denn das eröffnet mir Horizonte, von denen andere gar nicht wissen, daß es sie gibt. Das macht das Leben nicht unbedingt leichter, aber spannender! Du bist einer von den Menschen, die tiefer sehen können und daher auch manches besser verstehen. So hat es mich oft seelisch gestärkt, wenn ich mitbekam, daß Du aus Deinem Verständnis heraus mich verteidigt hast. Dafür bin ich Dir von Herzen dankbar. Daß ich oft so angeberisch gewirkt habe, liegt in vielem darin, daß ich lange nicht das verwirklichen konnte, was in mir liegt. Jetzt, wo die beiden Kinder erwachsen sind, kann ich endlich das tun, wohin mich mein Talent und meine Lust führen. So habe ich in diesem Jahr meinen ersten Roman veröffentlicht, von dem ich Dir ein Exemplar beigelegt habe. Ich hoffe, es wird Dir Freude bereiten ihn zu lesen. Er ist auch nachträglich ein Dankeschön für die kostenlose Überlassung des Snowboards an Christoph – meinen Sohn – Seit eineinhalb Jahren arbeite ich außerdem an einer neuen Art von Fensterbildern. Diese kann ich im Rahmen der Osterausstellung der Hobby-Künstler am 26. März im Antonius-Saal vorstellen. Ich bin gespannt, wie sie ankommen werden. Doch da mir allein die Arbeit damit schon so viel Freude und Genugtuung bereitet, ist ein Erfolg nicht mehr so wichtig für mich, wie ich zuerst gedacht hatte. Das war’s von mir! Du bist ja jetzt im „Ruhestand“, wie man so schön sagt, aber ich nehme an, daß Du genügend Aktivitäten pflegst, um nicht zum Stillstand zu kommen. Auf jeden Fall wünsche ich Dir alles Gute. Hildegard.

1995, den 26.03. – Karte von Rosemarie und Luise aus „Petting“:(unseren Vermietern für den Wohnwagen)
Hergefahren aus der Provinz, wo sich kennen Kunz und Hinz, wollen wir in Regensburg zur Ausstellung gehn und die Künstlerin Hildegard Fischer sehn. Dichten haben wir probiert, doch sind wir dafür zu wenig studiert. Gratulieren wollen wir zu Deinem Werk, dagegen sind wir ja nur ein kleiner Zwerg.
Grüße auch von allen daheim, sagen Rosmarie und Luise und aus ist der Reim.
Die beiden Frauen sind tatsächlich nur nach Regensburg gekommen, um sich meine Bilderausstellung an zu sehen. Dafür habe ich sie anschließend zu uns nach hause und zu einem Essen eingeladen.

1995, den 04.04.
Heute rief ich meine Schwiegermutter Hildegard – sie hieß wie ich – an. Obwohl ich ein beklommenes Gefühl dabei empfand, wollte ich ihr endlich reinen Wein einschenken – nämlich die Trennung von Josef. Wie ich meinen Mann kannte, würde er es so lange vermeiden, ihr die Wahrheit über uns zwei zu sagen, bis es nicht mehr anders ging. Aber ich hatte die Ausflüchte, Vertuschungen und Lügen restlos satt. Jedes Wort mußte ich auf die Waagschale legen, bevor ich es aussprach, und das fiel mir schon immer schwer. Wenn Josef damit keine Probleme hatte, war das seine Sache. Aber ich wollte endlich reinen Tisch machen. (Und das habe ich dann auch getan. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wie sie es aufgenommen hat. Böse war sie aber nicht auf mich, und sie besuchte mich später zusammen mit Josef in meiner neuen Wohnung in Feichten.) (Einige Monate vor ihrem Tod – sie wurde 98 1/2 Jahre alt, gestand sie mir, daß sie immer dachte und froh war, daß es ihrem Josef gut geht, so lange er mich hat.)

Diesen Brief schrieb ich, weil ich ziemlich beleidigt auf die Mitarbeiter des roten Kreuzes war!
1995, den 04.04.
An den Leiter/in des Roten Kreuzes
Hoher-Kreuz-Weg 7
93055 Regensburg
Sehr geehrte Dame oder Herr!
Bereits mehrmals habe ich bei Ihnen Blut und Plasma gespendet, aber ich werde kein weiteres Mal kommen, dazu bin ich zu sehr frustriert und traurig. Wieder einmal habe ich erlebt, daß andere zwar nehmen, aber nicht geben können. Es geht um meinen Roman „Das Löwenkind“, den ich in Ihrem Institut angeboten habe; aber niemand, kein einziger von Ihnen, hat ihn erworben. Dabei geht es mir nicht einmal so sehr darum, daß ich damit Geld verdiene, sondern darum, daß ich eine gewisse Anerkennung erhalte. Es fällt mir sowieso schwer, meine Produkte anzubieten; dabei ist mein Roman sicherlich lesenswert. Aber daß so gar niemand von Ihnen ihn genommen hat, hat mich verletzt. Ich fühle mich zurückgewiesen und habe keine Lust Ihr Institut jemals wieder zu betreten. Und wenn ich nicht mehr komme, wird auch mein Mann, den ich mit Mühe überzeugen konnte, bei Ihnen Blut zu spenden, auch nicht mehr spenden. Es wird auch keinen Sinn haben, sich nachträglich für meinen Roman zu interessieren, denn damit würden Sie mich demütigen, denn ich wüßte, Sie würden es nur tun, weil ich diesen Brief geschrieben habe.
Hochachtungsvoll. Hildegard Fischer.

1995, den 06.05. – Brief von mir an Estera Ionita:
Liebe Estera!
Ich habe ein bißchen ein schlechtes Gewissen, weil ich so lange nicht auf Deine nette Karte und Deinen lieben Brief geantwortet habe. Über beides habe ich mich gefreut und danke Dir dafür. Bei uns ist immer viel los und manchmal weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht. Die Sache mit dem Eheinstitut hat sich schließlich doch als unseriös herausgestellt und wir haben sehr viel Geld verloren. Das klingt jetzt vielleicht schlimm, aber es geht uns trotzdem noch gut. Wir müssen sehr sparen, aber wir brauchen nicht zu hungern. Ich versuche weiterhin Geld zu verdienen, denn jetzt muß ich auch noch meine Schulden bezahlen. Mit meinem ersten Roman bin ich inzwischen fertig. Jetzt brauche ich nur noch einen Verlag, der ihn herausbringt. Doch das kann einige Zeit dauern. Vor drei Monaten habe ich angefangen Fensterglasbilder zu entwerfen. Ich schicke Dir ein Bild davon, damit Du Dir es vorstellen kannst. In drei verschiedenen Geschäften habe ich dafür Aufträge bekommen und auch privat habe ich bereits einige verkauft. Ich werde sehen, wie es damit weiter geht. Die Arbeit damit macht mir jedenfalls sehr viel Freude. Als Ausgleich dazu habe ich außerdem mit dem nächsten Roman angefangen. Die Arbeit dazu geht nur langsam vorwärts und es wird einige Monate dauern, bis er fertig ist. Darin beschreibe ich, unter anderem, was ich alles erlebt habe, wegen des Eheinstitutes. Liebe Estera, herzlichen Dank für Deine Einladung, Euch zu besuchen. Leider können wir dieses Jahr aus Zeit- und Geldmangel bestimmt nicht kommen. Wie es das nächste Jahr wird, dann ich natürlich noch nicht sagen. Du hast recht, wenn Du schreibst, daß ich schon im Garten arbeite. Es ist zwar nicht so viel, wie die Jahre vorher, aber etwas muß immer getan werden. Aber ich liebe diese Arbeit, sie bringt mich der Schöpfung so nahe. Es blüht auch alles in den herrlichsten Farben und ich freue mich jeden Tag darüber. Wegen Deines Vorschlags wegen einer geschäftlichen Beteiligung, muß ich Dir leider absagen. Ich bin auch so schon reichlich beschäftigt und damit ausgelastet. Ich tue jetzt das, was mir gefällt und brauche deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. So Estera, ansonsten geht es uns allen gut. Auch ich fühle mich wohl und hoffe, daß es so bleibt. Für Dich und Deine Familie wünsche ich das Beste und daß Ihr bald eine Arbeit habt und es Euch auch finanziell bald besser geht. Das wünscht Dir von Herzen Deine Hildegard.

1995, den 27.05. Bucuresti,
Liebe Frau Hildegard.
Vor allem, möchte ich mich entschuldigen, daß ich so lange habe von uns nichts mehr hören lassen. Ich bedauere sehr den wir in Rumenien leben mussen. und ist gar nicht leicht undere liebe bekante (von Deutschland) zu besuchen. Ich wais nicht mehr schon lange von Ihre muter, ich wais nicht vas mit sie ist, wen vielleicht sie krank ist?. ich bin Ihnen sehr dankbar für ihre Güte. Sie sind für uns eine wunderbare Hilfe.. Wen möglich ist schreib sie mir bitte vie geth ihnen, ihre familie sind sie gesund? Bei uns. von die Kinder ich bin fast zufrieden, den, der Samuel hat einem fiebra Krampf gemacht und seitdem ist sehr schwach und hat Kopfweh. und mussen lang behandeln. die grosse ist in der Schulle gegangen. in die ersste Kllase. und die Zwillinge sind in die Deutesche Kinderhilfe. (das hat uns viell gekostst.) Wir wollten die Klaine Estera auch in die deutsche Schule aber, wir haben keine bekante, dort, war unmöglich. Sonst uns geth gutt, Loben dir hern und ich hoffe den Erllas und nicht, den in Rumenien zu Zeit ist nicht leicht zu leben. Gebt es so vielle menchen den nicht für esen haben aber der Teufel hat ihm in der Griff und sie trinken un drogier sich und sind schmutzig und krank. Sie betteln und mit diesem geld sie kaufen trinekn (Allkool( und Kimikale etwas was fur ein drog. ist ein furchtbares billd. Manchmal ich wainenen! und maine tochter hat gesagt solen wir esen bringen zu diesesem Menchen, und weiser Kinder. Aber wir könen auch nicht viel tun. So, ds ist Rumenien zu Zeit.. Zum schlus ich wunsche ihnen viel erfollgt mit die geschichte das Buch, hat mir sehr gefellt und ich bin. sehr froh den habt mir eine geschikt. und der kleine billd ist echt eine traum. Ich danke ihnen von ganzem herzen.
Schöne grusse an die ganze famielie und gesundheit in liebe. Ihre Estera.

1995, 27.05. – 01.06.95 – Schulfahrt von Christoph nach London (Preis 600,–DM). Begleitende Lehrer waren Frau Dennerle und Herr Mayer.

1995, den 04.07. – Karte von Florian – meinem Sohn – aus seinem Urlaub mit Sabine: Teneriffa,
Hallo ihr!
Ich bins. Das Wetter ist toll und mit 26° G. im Schatten gut auszuhalten. Es geht immer ein leichter Wind. Als wir mit dem Boot auf dem Meer waren haben wir Pilotwale gesehen. Schöne Grüße von euerem Florian und Sabine.

1995, den 21.07. Regensburg,
Sehr geehrte Frau Fischer!
Vielen Dank für die interessanten Zeilen in Ihrem Manuskript. Es ist ein gutes Gefühl für mich – durch Ihre Betrachtungen über das Sterben und den Tod – ein wenig anders über das Ableben meines geliebten Vaters denken zu können. Mit lieben Grüßen Hans Zettl.
Dieser Hans Zettl war der Sohn von weiter oben erwähntem Herrn Zettl, der sich erschossen hatte. An einem Nachmittag am Schießstand, kam ich mit ihm ins Gespräch und er vertraute mir seinen Kummer deswegen an. Ich hatte viel Mitgefühl und das Bedürfnis ihn ein bißchen zu trösten, und so erzählte ich ihm vom meinem Aufsatz, den ich geschrieben hatte. Als ich ihn dann fragte, ob er ihn lesen möchte, sagte er „ja“! Also brachte ich ihm diesen bei der nächsten Zusammenkunft mit. Als er mir diesen dann zurück schickte, legte er diese Nachricht bei. Leider weiß ich im Moment nicht, wo ich diese Arbeit noch aufbewahre, aber sobald ich sie finde, werde ich sie auch auf meine Seite stellen.)

1995, 26.07. – Abs. Josef Fischer
An die Karate Akademie
Siamak Montazeri – Puricellistr. 40, Regensburg
Sehr geehrter Herr Montazeri,
hiermit kündige ich, auf Wunsch meines Sohnes Josef-Christoph Fischer, fristgerecht zum 31.08.95, den Unterrichtsvertrag mit Ihrer Karate Akademie.
Mit den Besten Grüßen
Vater…………………… Sohn…………………….
(Das war auch so eine interessante Angelegenheit. Unser Sohn Christoph ging schon ziemlich lange zu diesem Karatekurs. Als ich dann für 2 Jahre nach Feichten siedelte und Josef allein in Mariaort zurück blieb, fragte ihn Christoph, ob er Lust hätte, ihn dorthin zu begleiten und auch damit anzufangen. Obwohl Josef damals bereits 49 Jahre alt war, tat er es. Und er stellte sich gut an. Er war ja nicht untrainiert, weil er immer mit mir zusammen seit Jahren gelaufen und Fahrrad gefahren war. Und zu unser aller Überraschung erschien er samt Bild in einem Zeitungsartikel, der über die Karateakademie berichtet, als der älteste Schüler. Das hat uns alle gefreut! Aber irgend wann war es dann doch zu viel – und wir wieder mal knapp an Geld – wie folgende Kündigung zeigt.)

1995, 01.08. Abs. KARATE AKADEMIE REGENSBURG
An Herrn Josef (Christoph) Fischer.
Ihre Kündigung vom 26.07.1995 wird hiermit bestätigt. Die monatl. Beiträge von 55,– werden wir bis zum Ende der Laufzeit weiterhin von Ihrem Konto abbuchen. Selbstverständlich haben Sie das Recht, bis zum Vertragsende am Training teilzunehmen.
Mit freundlichen Grüßen – usw. usw….

1995, 02.08. Abs. Ich – also Hildegard
An den Sport-Club-Regensburg e.v.- Alfons-Auer-Str. 26
Hiermit melde ich meinen Sohn – Josef-Christoph Fischer- auf seinen eigenen Wunsch hin, ab.
Er spielte dort eine Zeitlang Tischtennis, aber nachdem er das nicht mehr tat und bereits viel Zeit vergangen war, kündigte ich endlich.

1995, den 16.08. Ich – Hildegard – ließ mir von Dr. Anette Gierisch Nicotinell verschreiben, hatte es aber bis zum 22. Oktober 1998 nie benutzt, weil ich keine Wirkung spürte und schließlich entsorgt.

1996, den 28.08. – Karte von Ingrid Müßig, Waldetzenberg
Bad Neustadt,
Liebe Hildegard, in der Hoffnung, daß Dir die Karte zu Deinem neuen Wohnsitz nachgesendet wird, grüße ich Dich recht herzlich aus unserem Kururlaub in Bad Neustadt. Hoffentlich geht es Dir gut! Laß was von Dir hören. Wir entspannen hier prächtig. Bin auch zum Malen gekommen. Die Zeit vergeht sehr schnell.
Alles Liebe – Ingrid aus Waldetzenberg.


19.9.1995 12:17.
Vor einiger Zeit machte ich zusammen mit Sohn Josef-Christoph einen IQ-Test, der in einer Zeitschrift angeboten wurde. Ich kam auf 173 Punkte (genau so viel wie Albert Einstein), was der Sohn mit seinen sechzehn Jahren kaum glauben konnte. Er erzielte ,nur’ ein Ergebnis von 164 Punkten; trotzdem dachte er immer noch, er sei klüger als ich (aber das haben Kinder in diesem Alter so an sich). Nun kann man natürlich von diesen Tests halten was man will, aber ich war sowieso davon überzeugt, daß ich intelligent sein mußte. In allen Tests, die ich in meinem Leben machte, schnitt ich immer gut ab. Sie kamen mir sogar immer recht leicht vor. Und wenn es so war, daß ich so klug war, warum benahm ich mich dann oft so dumm? Wie konnte es passieren, daß ich so lange an einer Ehe festhielt, die mir so oft Kummer und Schmerzen bereitete und die mich krank machte? Wieso setzte ich meine Intelligenz erst nach vierundzwanzig Jahren ein, um mich aus dieser Ehe zu lösen?
(Es war aber nur zeitweise. Heute am 29.5.2020, bin ich immer noch mit dem selben Mann verheiratet und wir wohnen auch seit 11 Jahren wieder in einer gemeinsamen Wohnung/zuletzt in einem Haus mit 8 Zimmern und sehr großem Garten/= Paradies.)
Das sind viele Fragen und auf jede gibt es eine Antwort. Am Anfang stand mein Wunschdenken und meine Vorstellungen von einer Ehe – wie bei vielen anderen Menschen auch. Daß diese sich nicht mit denen meines Partners deckten, merkte ich erst nach vielen Jahren. Eingebunden in Haushalt und Erziehung der Kinder hatte ich meistens gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken, was schief lief. Ein Teil meines Ehelebens war durchaus in Ordnung, den Rest nahm ich als notwendiges Übel hin. Erst als sich mein Konsum an Kopfschmerztabletten häufte und ich immer wieder gierig in Streßsituationen zur Zigarette griff, dämmerte es mir, daß ich in einer ungesunden Lebensgemeinschaft lebte. Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis, daß das Glück und die Zufriedenheit in meinem Leben von mir alleine abhing. Zu lange hatte ich gewartet, daß mein Partner zu meinem Glück beitragen würde. Zu lange brauchte ich, bis ich erkannte, daß für ihn nur wichtig war, daß ich zu seinem beitrug. Und das tat ich auch lange, lange Zeit, weil ich es wegen meiner Erziehung für richtig hielt. Doch in den letzten Jahren bin ich fast nur noch unglücklich gewesen, so daß sich mir die Frage stellte: Soll das alles gewesen sein? Bald werde ich fünfzig Jahre alt. Trotzdem habe ich noch Pläne für mein Leben, die ich aber nicht verwirklichen kann, wenn ich mich nicht von meinem Mann trenne. So sehr er mich vordergründig in allem unterstützt, was ich anfange, sieht er letztendlich in mir doch nur die Hausfrau, die für ihn putzt, wäscht, kocht und seine Kinder versorgt. Vergeblich habe ich jahrelang darauf gewartet, dafür belohnt zu werden. Inzwischen habe ich aber eingesehen, daß die Art der Belohnung, die ich mir von ihm gewünschte hätte, nie bekommen werde (davon später). So sehr er mir heute auch beteuert (weil ich ihn jetzt verlasse und er in Panik gerät), daß er sich ändern will, weiß ich doch besser als er, daß er es nicht kann. Auch er ist teilweise ein Produkt seiner Erziehung, aber hat im Gegenteil zu mir als Erwachsener wenig dazugelernt. Daß ich so lange bei ihm ausgehalten habe (das weiß ich heute), geschah aus Mitgefühl und weil ich lange glaubte, er würde irgendwann auch an mich und meine Gefühle denken und danach handeln. Es ist schon eigenartig, daß er in unserer Ehe immer nur dann gelitten hat, wenn er mir viel aufgebürdet hatte und ich aus Leidensdruck einiges an ihn zurück gab. Aber selbstverständlich war es dann meine Schuld, daß er leiden mußte. Lange Jahre tat er die Gründe meines Kummers und Schmerzes als Fantasiegebilde ab und ignorierte sie. Meine Wut und meine Ausbrüche ließ er in der Regel über sich hinweggehen, wie ein Gewitter. Meine Drohungen, ihn zu verlassen, wenn sich nichts änderte, nahm er nicht ernst oder er hofft zumindest, es würde sich wieder legen. Und das tat es auch meistens. Aber jetzt ist es so weit. Jetzt trenne ich mich von ihm. Da er aber im Grunde ein guter Kerl ist, tue ich es so sanft wie möglich. Ich möchte ihn mir nicht zum Feind machen. Ich weiß, daß er mich auf seine Art liebt, und ich liebe ihn auch, aber zusammen können wir nicht mehr in einer Wohnung leben. Ohne daß er es merken will, nimmt er mir die Luft zum Atmen. Alles was ich tun möchte, kann ich nur in beschränktem Maße, weil keiner in der Familie mir einen Teil des Haushalts freiwillig abnimmt. Irgendwie ist mein Mann immer ein Junggeselle geblieben, allerdings mit Familienanschluß. Und so hat er sich auch oft benommen. Aber das ist mir nicht genug. Lieber bin ich wieder allein und kann wieder selbst über mein Leben bestimmen, ohne von ihm kontrolliert zu werden. Unsere beiden Söhne (Wunschkinder) von denen der eine erwachsen ist und bald auch der andere, sollen sich frei entfalten. Ich klammere mich nicht an sie. Ich wußte immer, daß ich sie nicht für mich geboren hatte. Ich wollte eine Familie und als ich sie hatte, habe ich das auch genossen. Aber jetzt brauchen sie mich kaum noch, und das ist gut so. Was ich jetzt brauche, nachdem ich meinem Mann und den Kindern gegeben habe was ich konnte, ist mein eigenes Leben. Ein Leben, in dem ich weitgehend tun und lassen kann, was ich möchte. Ein Leben, in dem ich Fehler machen kann und nur mir selber deswegen Rechenschaft ablegen muß und niemand sonst. Immer wieder habe ich die Krisen meiner Ehe durchgestanden (da muß man durch, wie alle anderen auch – sagte die Mutter oder der Vater oder sonst wer) oder sie aus dem Grund erduldet, weil ich die Konsequenzen fürchtete. Auch fühlte ich mich zu geschwächt, bei all der Arbeit und der Verantwortung die ich für die Familie trug, um die Konsequenzen aus Demütigungen und Lieblosigkeit zu ziehen. Ich habe nie besondere Dankbarkeit erwartet für die Dinge, die ich für meine Familie tat, denn das war selbstverständlich für mich, daß ich aber in meiner Ehe das ,Selbstverständlichste’ (das war ein bißchen mehr Sex, als 5- 6 mal im Jahr) nicht bekommen habe, veranlaßt mich heute, unter anderem, zur Trennung (zur häuslichen) von meinem Mann.

1995, den 15.10. – Kirchweihsonntag.
Ich war mit Josef, Hilde (meiner Schwiegermutter) und Florian (Christoph nahm die Gelegenheit wahr, um mit seiner Bettina allein bei uns Zuhause zu sein) beim Essen in Eisenhammer. (Einem Lokal, das einer Tochter eines Kollegen von Josef gehört.). Irgendwie nahm eines unserer Gespräche den Verlauf, daß Florian plötzlich zu mir sagte: „Du bist eh nicht zu verstehen!“ Ich wußte sofort, daß er mein Verhalten in der letzten Zeit meinte. Ich holte bereits Luft, um ihm eine entsprechende Antwort zu geben, als mir schlagartig klar wurde, wie sinnlos das sei. Ich stieß die Luft wieder aus und tat es mit einer Handbewegung und einem Schulterzucken ab. Was hätte ich auch noch sagen können? Über viele Monate hinweg habe ich immer wieder versucht ihnen mein Verhalten zu erklären. Entweder konnten sie es wirklich nicht verstehen oder es war ihnen zu unbequem es zu begreifen. Sie leben ihr Leben, wie sie es wollen, während ich das meine immer wieder nach ihnen auszurichten hatte. Wie können sie nur so ignorant sein zu glauben, daß mir das genügt. Aber wahrscheinlich rede und habe ich zu viel geredet..

1995, den 20.10.
Zur Zeit stelle ich fest, daß ich manchmal eine zeitweilige Trübung der Konzentration und Orientierung habe. Dann finde ich mich in großen Räumen (z.B. im Westbad/Regensburg) nicht mehr gleich zurecht, obwohl ich schon so oft dort gewesen bin. Das macht mir dann angst, aber es ist sicherlich nur geistige Überanstrengung..

1995, den 15.11. – (Josef war inzwischen nach Mariaort umgezogen).
Oft, wenn mich in den letzten Monaten Panik überfiel und ich Angst bekam, sie würde mich etwas tun lassen, was dann nicht wieder gut zu machen ist, beruhigte ich mich, in dem ich mir sagte, daß ich Panik nicht nötig hätte, weil ich nur eines nach dem anderen tun muß und reichlich Ruhepausen einlegen konnte, wenn ich das Gefühl hatte, müde und angestrengt zu sein. Ich mußte mir immer wieder zureden, daß jetzt niemand mehr hinter mir stand, der mich mit seinen Erwartungen zu irgend welchen Dingen antrieb, die mir auch noch die letzte Kraft nehmen würden.

1995, den 17.11. Ein Traum!
Der Mann lag halb auf mir. Seine Haut war leicht gebräunt und glänzte seidig, sein Körper muskulös. Ich griff ihm zwischen die Beine und schloß meine Hand um sein Glied. Es fühlte sich trocken und samtig an. Bei meiner Berührung fing es an zu pulsieren und Schlag für Schlag vergrößerte es sich. Als ich kurz darauf aufwachte, stellte ich fest, daß ich meine Periode bekommen hatte.

1995, den 25.11..
Endlich kommt – nach Josefs Auszug, der aber nur vier Monate dauerte, dann kam er wieder zurück – wieder etwas System in meinen Alltag, von dem ich mir erhoffe, daß es mich stabilisiert. Es war aber eine trügerische Hoffnung, weil Christoph, mein Sohn anfing, sich wie sein Vater und noch schlimmer zu benehmen und mir das Leben erst recht unerträglich machte, was schließlich zu meinem Auszug – nach Feichten – führte.

1995, den 04.12.
War Freitag und Samstag den ganzen Tag im Geschenke-Laden „Regenbogen“, um meine Bilder und Bücher auszustellen. In den zwei Tagen vier Bücher verkauft.
Samstagabend einen Streit mit Christoph, der für das sowieso fette Hackfleisch noch angebranntes Fett in der Pfanne haben wollte. Auf Druck von ihm, gab ich nach. Dann weigerte er sich, den Deckel auf die Pfanne zu tun, obwohl das Fett den ganzen Herd vollspritzte und die Küche mit Gestank versetzte. Ich wurde dann energisch – letztendlich muß ich immer die Küche putzen – und legte den Deckel selbst auf die Pfanne. Er schrie mich an, daß ich ihn damit bevormunde. Aus irgend einem Grund blieb ich dieses mal völlig ruhig und antworte ihm erstaunlich gelassen und irgendwie distanziert, so als stände ich auf einer höheren Warte, – und selbst sein Gesicht, daß mir, wenn es diesen Ausdruck annahm, angst macht – etwas, das ich mir aber nie getraute ihm zu zeigen, um ihm nicht noch mehr „Macht“ über mich zu geben – ließ mich unberührt. Ruhig sagte ich zu ihm: „Jetzt schreist du mich nur an. Aber das nächste Mal, wenn ich nicht tue, was du willst, schlägst du mich dann?“ Sein Gesicht wurde vor Wut steinern und häßlich. Trotzdem ließ ich mich nicht einschüchtern. Aber er antwortete nicht, nahm seine Essen und ging nach oben in sein Zimmer. Als ich ihn die Stufen hinaufgehen sah, setzte Zorn bei mir ein und ich rief ihm nach: „Du bist ein kleiner Mistkerl!“ – was mir aber gleich darauf schon wieder als zu hart schien und ich fügte hinzu: „Wenn du dich so benimmst! Am besten läßt du dich heute bei mir nicht mehr blicken!“ Das sagte ich, weil er fast jeden Abend in mein Zimmer kam, um mit mir zu reden oder bei mir fernzusehen. Die Wirkung, daß wieder einmal jemand mich angeschrienen hatte, weil ich mich nicht sofort seinem Willen gebeugt hatte, kam am nächsten Morgen. Beim Aufwachen war bereits der leise pochende Schmerz in meinem Kopf wieder da, den ich den ganzen Tag vorher mit Tabletten bekämpft hatte und zwangen mich den verdrängten Vortag zu überdenken. Mit tiefer Trauer dachte ich daran, wie oft Josef mich angeschrien hatte, wenn er der Meinung war, daß er sich bei mir nicht durchsetzen könne und keine Lust auf eine Diskussion hatte. Und nun fand ich die gleichen Ansätze bei Christoph. Das von gestern Abend war ja nicht das erste Mal! Trotzdem versuchte ich meinen Frust so bald wie möglich zu verarbeiten. Ich lenkte mich ab, schluckte eine Tablette und machte mir Frühstück. Ich holte mir ein Buch, aber es war mir nicht nach Lesen. Ich machte den Fernseher an und stieß auf einen Sender mit Adventsmusik. Fast gleichzeitig fiel mein Blick aus dem Fenster. Draußen hatte es angefangen sanft zu schneien. Das und die zarten Liederweisen brachen meinen Panzer auf, in dem ich seit Wochen meinen Kummer verschlossen hatte. Zuerst kullerten die Tränen nur lautlos über mein Gesicht. Aber dann weinte ich schließlich heftig und unkontrolliert mit heftig stoßendem Atem. Nach einiger Zeit beruhigte ich mich wieder etwas. Ich war erschöpft und wollte nur noch schlafen. Ich legte mich hin und versuchte es, als laute Musik an mein Ohr drang. Zuerst dachte ich, es käme von meiner Nachbarin, die etwas schwerhörig ist, deshalb manchmal etwas lauter aufdreht und daß ich in diesem Fall nichts tun könne. Sie ist eine alte Frau von dreiundneunzig Jahren, und weil ich sie gern habe, nehme ich so etwas von ihr in Kauf. Aber dann läutete im Haus das Telefon. Es konnte nur für Christoph sein, also machte ich gar nicht erst den Versuch dran zu gehen. Und schon polterten seine Schritte die Treppe herunter. Er ging in mein Büro, das neben meinem Schlafzimmer lag, schloß die Tür hinter sich und hob den Hörer ab. Es war seine Freundin. Weil ich aber nun dringend auf’s Klo mußte, ging ich über den Flur zum Bad. Dabei stellte ich fest, daß die laute Musik aus seinem Zimmer kam. Das machte mich wütend, denn er wußte, wie abgespannt ich war. Und sicherlich hatte er auch mein Weinen gehört. Wollte er denn nie Rücksicht auf mich nehmen? Noch einmal schluckte ich meine Wut hinunter, ging auf die Toilette und dann ins Bett zurück. Von dort aus hörte ich ihn gedämpft am Telefon sprechen. Da mein Zimmer mit dem Benachbarten mit einem Warmluftschacht verbunden ist, kann man nämlich fast jedes Wort hören. Minutenlang lauschte ich seiner Stimme und nahm die Musik aus seinem Zimmer wahr. Mir fiel ein, wie er sich gebärdet, wenn ich ungefragt in sein Zimmer gehe, aber er geht ohne zögern und ohne zu fragen in mein Büro. Dabei hatte ich im Grunde ja nichts dagegen, aber es stieß mir bitter auf, daß hier wieder einmal mit zweierlei Maß gemessen wurde. Bereits mehrmals hatte er mich schon angeschrien „Raus aus meinem Zimmer!“ , wenn ihm mein Auftauchen nicht gepaßt hatte. Und meistens fügte ich mich dann anstandslos. Aber das gleiche sollte auch für meine Räume gelten und daß sie nicht von jedermann so einfach betreten werden durften. Ich überlegte kurz, ob ich schon wieder stark genug sei, um es auf eine neue Konfrontation mit ihm ankommen zu lassen. Erst verwarf ich es. Ich fühlte mich doch so schwach. Aber dann, als seine Stimme permanent durch die Wand zu mir herüberklang, machte ich mir klar, daß in meinem Haus immer noch ich das Sagen haben sollte. Ohne weiter darüber nachzudenken öffnete ich die Tür zu meinem Büro. Und dann machte ich mir gar nicht die Mühe etwas zu sagen, sondern deutete nur mit der Hand auf die Tür. Schuldbewußt, mit leicht gerötetem Gesicht sah er mir entgegen. “Ich gehe an das andere Telefon!“ sagte er rasch in den Hörer, drückte auf den Knopf der die Verbindung herstellte und eilte aus dem Zimmer und ins Erdgeschoß, wo der Zweitapparat zu läuten begonnen hatte. Ich wartete einen Augenblick und hängte dann ein, als er unten abnahm. Einen Moment lang stand ich noch vor dem Telefon und rang um Fassung. Aber selbst seine Gefügigkeit brachte keine Linderung meines Frustes und der Wut. Immer noch drang aus seinem Zimmer im Dachboden unnötig laut Musik herunter. Und plötzlich brach in mir eine Sicherung durch. Ich wollte toben und schreien und um mich schlagen, um dieses Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit loszuwerden. Aber kein Ton kam über meine Lippen – ich reagierte auf eine andere Weise. Ich ging aus meinem Büro und schlug die Tür mit all der Kraft die mir zur Verfügung stand zu. Und selbst da dachte ich noch an meine Nachbarn und hoffte, daß diese lieben, geduldigen Menschen nicht zu sehr von dem Knall erschreckt wurden. Dann ging ich in mein Zimmer zurück, machte im Fernseher und Radio einen Musiksender an und drehte beides auf volle Lautstärke. Anschließend verkroch ich mich in mein Bett und zog mir die Decke über den Kopf, damit ich selbst nicht die ganze Wucht des Kraches abbekam. Solange es ging versuchte ich das auszuhalten. Ich wollte dem Sohn einen Denkzettel verpassen. Es verging ja kaum ein Tag, an dem ich ihn nicht darum bat, seine Musik leiser zu stellen. Nun mußte er einmal meine laute Musik ertragen. Als ich schließlich beide Geräte wieder abstellte, war es im Haus mäuschenstill. Ich schloß meine Tür und sperrte sie zu. Ich legte mich ins Bett und wieder kamen mir die Tränen. Ich haßte es, wenn man mich zu solchen Maßnahmen zwang, weil gutes Zureden nichts brachte. Fast eine Stunde lang schluchzte ich hemmungslos all meinen Kummer und meinen Frust aus mir heraus. Ich mußte es tun, wollte ich daran nicht ersticken, auch wenn ich wußte, daß ich das mit stundenlangen Kopfschmerzen büßen würde. In mir war ein Damm gebrochen – und es war auch gut so. Als endlich meine Tränen einigermaßen versiegt waren, nahm ich noch eine Tablette und versuchte zu schlafen. Ich war körperlich und seelisch völlig erschöpft. Zwei, drei Stunden dämmerte ich vor mich hin. Noch bis in die Abendstunden hinein, war mein Gesicht verheult und meine Seele wund. Trotzdem machte ich mir klar, daß der Streit mit Christoph nur zum Teil Auslöser und nicht allein die Ursache meines Kummers war.

1995, den 06.12,
Meine Meinung zu der Sendung: „Mein Freund lehnt meine beste Freundin ab!“
Meiner Erfahrung nach ist der einzige Grund, aus dem ein Mann die beste Freundin seiner Frau oder ihre Partnerin ablehnt, ist die Nähe der beiden Frauen. Er muß befürchten, daß sie diesen, noch eher als ihrer Mutter oder sonst jemanden, Tatsachen aus ihrer Partnerschaft erzählt – vor allem die negativen. Er darf sich nämlich zwar gehenlassen oder seine Partnerin schlecht behandeln, doch das soll möglichst niemand erfahren, weil er sonst in den Augen der anderen nicht mehr der tolle Hecht ist, als der er sich allzu gern darstellt.

1995, den 09.12. Waldetzenberg,
Liebe Hildegard,
vielen Dank für Deine Einladung zur Weihnachtsausstellung im Antoniussaal, bei der Du wieder mit Deiner Hinterglasmalerei warst. Hoffentlich sind Deine Werke gekauft worden. (Leider nicht!) Das Jahr verging so schnell, leider haben wir uns nicht getroffen. Nächstes Jahr wird es bestimmt etwas. Im Juni feiere ich Geburtstag eine Schnapszahl, die ich feiere. Dazu lade ich Dich ein. (Und da war ich dann auch als einzige ihrer Freunde oder Bekannten). Ich war heuer auf Kur. Dein Märchen habe ich gelesen. Es hat mir gut gefallen. Irgendwie kannte ich die Geschichte bereits. Na ja! Was machst Du? Dein Sohn? Ist Dein Mann noch bei der Telekom? Den nächsten Urlaub im April verbringen wir mit Freunden, die wir voriges Jahr kennengelernt haben, in Tunesien auf Djerba. Ich freue mich schon darauf! Irgend ein Ziel muß man haben. Ende Januar feiern wir wieder Frauenbundfasching. Vielleicht kannst du wieder! Irgendwie habe ich das Gefühl, daß ich krank werde. meine Glieder schmerzen, der Kopf brummt. Liebe Hildegard, laß was von Dir hören. mein Telefon tagsüber im Büro 10000. Frohe Weihnachten, ein gesundes 1996 Dir u. Deiner Familie von Ingrid mit Gatten.
(Ich hatte sie über eine gemeinsame Freundin – Annemie Eisch – kennen gelernt. Wir verstanden uns gut und später hat sie mir eine große Menge Wolle aus ihrem aufgelassenen Geschäft geschenkt. Ich habe ihr zum Dank dafür eine große Strickpuppe angefertigt und geschenkt.)

1995, den 10.12.
Zum ersten Mal von Babys anderer Mütter geträumt und nicht von einem eigenem. In dem Traum fragte mich eine Mutter: „Stört sie das Weinen nicht?“ Und ich antwortete: „Ich bin ja keine säugende Frau mehr!“ Damit wollte ich ausdrücken, daß es mich nicht störte, denn ich hätte dem Baby ja doch nicht helfen können.

1995, den 11.12.
Irgendwie besitze ich eine gewissen Eigendynamik. Wie tief das Leben mich auch hinunterdrücken mag, ändert es nichts an der Tatsache, daß meine Lust neue Wege zu gehen immer wieder zurückkommt, sobald ich mich etwas erholt habe.

1995, den 18.12.
Bucuresti, den . . ..To.Cracium fericit!.
Liebe Famillie, Fischer. Wunschen wir herzlich, Fröhliches weinechten!. und eines glucliche Neues jahr!.
Psalm 20. in liebe. ESTERA; Niko, und die Kinder.

1995, den 20.12. Fuschl am See
Frohe Weihnachten und. viel Glück im neuen Jahr. Wünschen Euch von Herzen Rosi und Sepp. Wir hoffen Ihr seid gesund und munter, was auch wir sind. „DANKE“ für das Buch.

1995, den 20.12. Teisendorf,
Frohe Weihnachten, viel Gesundheit und Glück im neuen Jahr sowie eine schöne Segelsaison 1996 wünscht Euch Gabi und Lois
(Lois ist leider inzwischen auch schon verstorben, Gabi war seine Tochter. Die beiden lernten wir am Wagingersee kennen, als wir einem kleinen Segelverein beitraten. Der Lois hat einmal, da waren wir bestimmt bereits das 3 oder 4 Jahr zum Segeln zusammen, daß er mich für die beste Seglerin vom ganzen See hält. Das hat mich natürlich sehr gefreut!)

1996, den 22.12. Waldetzenberg,
Frohe Weihnachten.
Liebe Hildegard,
vielen Dank für Deinen lieben Brief vom Oktober. Leider finde ich erst heute Zeit, Dir zu antworten. Es ist schön, daß Du so zufrieden bist. Verbringst Du Weihnachten in Regensburg? Was machst Du zu Silvester? Wir bekommen Besuch zu Silvester von einem Bekannten, den ich auf Kur in einer „Klicke“ kennengelernt habe. Seine Frau ist 6 Wochen zur Kur u. er möchte nicht allein sein. Er wird mit Heinz ein paar Tage Langlaufskifahren u. zu Silvester werden wir zum Tanzen gehen. Was machst Du? Beruflich habe ich viel um die Ohren, deshalb will ich zu Weihnachten nicht zuviel STRESS. 1. Weihnachtstag Familie mit Anhang im Hause, dann Ruhe zu zweit. Entspannung u. anschließend Silvester Spaß mit Freunden. Und was machst Du? Natürlich kannst Du meine Strickmaschine haben. Du mußt Sie Dir nur abholen, wenn Du in Regensburg bist. Melde Dich rechtzeitig an. ich wünsche Dir ein frohes Weihnachtsfest u. ein glückliches Neues Jahr. Ingrid mit Familie.

Sonstige Notizen.

1995 – Ich habe mit meinen neunundvierzig Jahren immer noch regelmäßig meine Menstruation. Somit drängt mich selbst die Natur zum Geschlechtsverkehr. (Den ich aber nicht bekomme und das macht mich traurig und frustriert!).

1995 – Es macht mich so wütend, wenn ich jemanden erzähle, daß mein Mann jetzt seine eigene Wohnung hat und derjenige daraufhin erstaunt und ungläubig fragt: „Was, jetzt, nach so vielen Jahren?“ – als müßte eine Ehe automatisch besser werden, je länger man es schon ausgehalten hat. Aber bei mir gilt, was einmal jemand zu mir gesagt hat, daß ich lernen sollte zu schweigen ohne zu platzen, was mir aber leider nicht immer leicht gefallen ist. Und das ich irgendwann auch nicht mehr eingehalten habe. Ich bin doch keines Menschen Untertan! Verdammt noch mal, warum verstehen „Sie“ nicht, daß selbst ein kleiner Schmerz unerträglich wird, wenn man ihn immer wieder aktiviert, so daß er nicht heilen kann! Dazu braucht man als Beispiel nur folgenden Test zu machen: Wenn man mit dem Fingernagel ganz leicht eine Stelle auf der Haut streichelt, wird es dort mit der Zeit sehr schmerzhaft und unerträglich. Man braucht dazu den Druck gar nicht zu erhöhen. Und warum ist das so? Es ist ganz einfach! Mit jedem leichten Strich über die Haut sensibilisieren sich die Nerven, bis eine Schmerzgrenze erreicht wird. Und so ist es auch in der Ehe. All die kleinen, scheinbar unbedeutenden Verletzungen, die Partner sich antun und bei denen man auf den ersten Blick meint, sie können keinen Schaden anrichten, sensibilisieren sie und je nach Häufigkeit dieser kleinen Verletzungen tritt eine schmerzhafte Belastung ein.

1995 – Fast immer mußte ich mich allein darum kümmern und dafür schuften, wenn es um Pflichten und Arbeit für die Familie ging. Jetzt, nach 24 Jahren Ehe, kümmere ich mich auch mal „alleine“ darum, daß ich meinem Spaß komme.

1995 – Wenn ich jemandem sagte, daß ich mich scheiden lassen will, dann waren sie entsetzt und fragten mich: „Warum?“ Oder sie sagte: „Du mußt weiter machen!“ Sie waren so verständnislos, weil sie meine innere Not nicht sehen konnten. Sie sagten: „Du kannst doch nicht einfach Schluß machen!“ Das machte mich zornig. Und es erinnerte mich daran, wie die Leute auf’s äußerste entsetzt reagieren, wenn sich jemand das Leben nimmt, weil es sinnlos oder zu schwierig geworden ist. Dann sagen sie: „Warum hat sie nicht gesagt!!!, daß es ihr so schlecht ging?“ Wenn ich aber sage: „Es geht mir schlecht! Ich kann nicht mehr!“ dann heißt es gleich: „So schlimm kann es schon nicht sein. Nimm dich zusammen!“. Und darum nenne ich viele Menschen schreckliche Heuchler und Ignoranten!

1995 – In vierundzwanzigjähriger Ehe habe ich drei Wohnungen und ein Reihenhaus eingerichtet und renoviert. Auch das hat meine Kräfte reduziert.
(Zum aktuellen Zeitpunkt – 2021 – wohnen Josef und ich bereits in der 8. Wohnung, die ich ebenfalls weitgehend renoviert und eingerichtet habe – und das mit 74 Jahren. Sie wurde uns von Freunden vermietet, die sich um vieles kümmern, was wir vorher in anderen Wohnungen selber machen mußten! Und das ist eine enorme Erleichterung in unserem Alter – Josef ist aktuell 83 Jahre.)

1995 – Einmal zeigte mir ein Bekannter Bilder und sagte: „Sind das nicht reizende Aufnahmen von meiner Familie?“ Ich sah sie mir an und bestätigte ihm, daß sie wirklich reizend waren. Gleichzeitig kam mir aber zum Bewußtsein, daß ich selbst noch nie das Verlangen hatte, meine Lieben auf Zelluloid gebannt mit mir herumzutragen. Ich habe sie nicht einmal in irgendwelchen Bilderrahmen in meiner Wohnung aufgestellt. Ich nehme mal an, es hat mir genügt, sie jeden Tag um mich zu haben.
(Das hat sich aber geändert, weil mein älterer Sohn, seine liebe Frau und meine reizende Enkelin inzwischen immer wieder mal Fotos von sich rahmen lassen und uns schenken. Und natürlich sind die auch in unserer Wohnung aufgestellt und ich freue mich jedes Mal an ihrem Anblick.

1995 – Oft hoffe ich, daß meine Wut auf meine Familie lange genug anhält und mir somit die Kraft gibt, mich ihnen zu verweigern, bis sie spüren, daß es mir ernst ist. Aber es klappt meistens nicht! Ich bin nun einmal eher ein Mensch, der zum Vergessen und Verzeihen neigt.

1995 – Ich glaube, daß Verlage gute Geschichten, die ihnen zugesendet werden, von ihnen aber mit der Begründung abgelehnt wurden, sie passen nicht in ihr Programm, die aber trotzdem nicht zurückgeschickt werden,später, wenn die Autoren nicht mehr daran denken, unter einem anderen Namen benützen. Sollte das nicht stimmen, kann man mir bitte das Gegenteil beweisen.

1995 – Als ich heiratete, tat ich das in dem Bewußtsein, daß ich nötigenfalls auch alleine zurechtkommen konnte und nicht, um versorgt zu sein. Ich wollte Kinder, eine Familie, aber keine Abhängigkeit von einem Mann. Und daß ich dann so lange mit Josef zusammen gelebt habe (und immer noch lebe und das seit fast 50 Jahren), tat ich das nicht aus eigener „Schwäche“, sondern weil ich ihn in seiner „Schwäche“ nicht allein lassen wollte.

1995 – Ich mußte meine Lebensumstände ändern, weil es mich entsetzte und mir angst macht, wenn ich laut werde und meine Beherrschung verlor.

1995 – All die Jahre, in denen wir im Tulpenweg/Regensburg wohnten, haben wir der alten Nachbarin (Frau Peikert) wie selbstverständlich geholfen und z.B. unaufgefordert im Winter ihren Bürgersteig von Schnee befreit. So lieb und dankbar sie immer war, aber ihre Söhne und die Tochter haben sich kein einziges Mal dafür bedankt, daß ihre Mutter in uns immer eine Hilfe hatte. Sie wirkten auf mich immer wie „Herrenmenschen“, also etwas hochnäsig!
Vielleicht hätten sie anders reagiert, wenn sie gewußt hätten, daß meine Mutter eine echte Baronesse – Wilma Lore von Strauß und Torney – gewesen war. Aber leider habe ich das zu diesem Zeitpunkt selber noch nicht gewußt, sonst hätte ich es ihnen ( vielleicht) unter die Nase gerieben!

1995 – Eigentlich habe ich viel Glück gehabt. Trotz einer 1. schwierigen Schwangerschaft und einem extremen Frühchen, in der 2, durfte ich meine beiden Kinder bei guter Gesundheit behalten, während andere Mütter, die keinerlei Probleme in der Schwangerschaft hatten, ihre Kinder durch Unfälle verloren.

1995 – Es erstaunt mich immer wieder auf’s neue, wie unsere Katze „Daisy“, die keine Artgenossen an sich heran läßt, sie höchstens duldet, wenn sie sich in einiger Entfernung von ihr niederlassen, mit mir schmust. Selbst dann, wenn ich zuvor ungeduldig und etwas laut mit ihr war, lenkt sie sofort ein, wenn ich es auch tue. Früher, bei meinem Hund, kannte ich dieses Verhalten, aber bei einer Katze ist mir das neu und immer wieder bewundernswert. Auch ihre stille und oft unmerkbare Anwesenheit gibt mir das Gefühl, nie alleine zu sein. Selbst bei wildesten Scherzen mit meinen Söhnen fährt sie nie ihre Krallen aus. Nicht einmal Futterstücke möchte sie uns aus der Hand fressen aus Angst sie könnte uns dabei mit ihren Zähnen verletzen. Ein Verhalten, das ich später bei fast allen unseren Katzen wieder entdeckte.

1995 – Manchmal bin ich so gereizt, daß ich schreien und toben möchte. Dann fühle ich ein Kribbeln in mir, als wollten 1000de von Ameisen sich in mir zu einem Wesen vereinen, um dann aus mir herauszubrechen und loszuschlagen. Diese Gefühle hatte ich vor allem in den Wochen vor meinem Umzug nach Feichten, als Christoph mein Leben zusätzlich beschwerte. (Ob zu Unrecht oder nicht, steht hier allerdings nicht zur Debatte).

1995 – Immer gab es so viel zu tun, daß ich immer öfters das Gefühl hatte, die Zeit läuft mir davon. Die letzten Jahre (von 25) hinkte ich sowieso der Arbeit immer nur noch hinterher.

1995 – Strickpuppen: Ich würde ja meine Strickpuppen gern mit einem Gebrauchsmusterschutz belegen, aber ich weiß nur zu gut, daß es immer einen Weg für gewissenlose Nachahmer gibt, die es schaffen, solch einen Schutz zu umgehen..

1995 – Wie ein Vogel (im übertragenem Sinn) versuchte ich meine Schwingen auszubreiten , um zu fliegen, aber meine Familie stutzte mir das Gefieder, so daß aus den Flügen Bruchlandungen wurden..

1995 – Josef erzählte mir, daß Christoph ihm in den letzten Monaten vor meinem Umzug nach Feichten ein paar Mal sagte, daß Josef Angst vor mir hätte. Das hat mich betroffen gemacht und gab mir Stoff zum Überlegen.
(Aus heutiger Sicht – 30.5.2020 – kann ich dazu sagen, daß er sicherlich Angst hatte. Diese Angst hatte aber damit zu tun, daß er, wenn ich nicht mehr verfügbar bin, er wieder mehr auf seine Mutter angewiesen war, bzw. diese ihn wieder mehr bedrängte, sich auf sie einzulassen. Er selber aber wollte nur seine Ruhe und nahm deshalb auch die Mehrarbeit auf sich, die ein Singlehaushalt so mit sich bringt).

1995 – Josef hat bis heute kaum gelernt, daß, wenn ich einen Vorschlag mache, das keine Endgültigkeit hat, sondern daß der Vorschlag nur dient als Spielball der Möglichkeiten, die man ausschöpfen kann. Aber er macht mich völlig krank, wenn er jedes mal so darauf reagiert als sei ein Vorschlag eine endgültige Sache, die er zu akzeptieren und auszuführen hat, denn das war er von seiner Mutter so gewöhnt. Die machte aber nie Vorschläge, sondern sie gab immer Befehle aus.

1995 – Ich habe Josef zum Beginn unserer Ehe jede Chance gegeben, sexuell locker und entspannter zu werden. Ich habe mich ihm untergeordnet und im jede Hilfestellung gegeben, aber es hat lange gedauert, bis er das umgesetzt hat. Ganz konnte er es aber nie!

1995 – In der schweren Zeit, während des Umzugs von Josef nach Mariaort – habe ich einmal Aktenordner ausgemistet und dabei einen Schwung uralter Papiere und Unterlagen aus einem Ordner herausgenommen ohne zu überprüfen, was ich als Unterstes darin eingeordnet hatte – und das waren meine ganzen Zeugnisse, Urkunden u.s.w… alles was meine Leistungen in meinem Leben dokumentierte – bis auf eine Geburtsurkunde und einem Gedicht, das Ernst Geyer (ein Bruder meines Großvaters Hans) zu meiner Taufe verfaßt hatte und so habe ich unwissentlich alles weg geschmissen. Leider ist es mir erst nach 2 – 3 Wochen aufgefallen, so daß inzwischen die Mülltonne geleert war. Als ich es merkte, hätte ich mich in den Hintern beißen können und mir gewünscht alles rückgängig zu machen, aber es war vorbei – diese Dokumente sind unwiederbringlich verloren. Ich habe jetzt manchmal, wenn ich daran denke, ein Gefühl, als hätte ich damit meine ganze Vergangenheit fortgeworfen oder einen Teil meiner Existenz vernichtet.

1995 – Schlimm ist es für mich auch oft, daß ich meine Trauer nicht so zeigen darf. Josef wird durch meine Trauer immer sehr runter gezogen und belastet mich damit dann noch mehr. Es macht ihm zwar nichts aus, mich traurig zu machen, wenn es seinen Interessen dient, aber mich traurig zu sehen, belastet ihn dann sehr.

1995. – Einmal erzählte mir Helga (meine ältere Schwester) etwas, das mich wieder an etwas erinnerte. sie sagte: “Weißt du eigentlich, was eines der Kindermädchen einmal mit mir gemacht hat?“ fragte sie mich an diesem Tag. Nein, das wußte ich natürlich nicht. Aber ich wußte, daß Helga nach ihrer Scheidung eine jahrelange Psychotherapie hinter sich gebracht hatte und konnte mir leicht vorstellen, daß in den Sitzungen vieles in ihr hochgekommen war, das sie unterbewußt gequält hat. “Was hat sie denn gemacht?“ fragte ich interessiert, um ihr meine Anteilnahme zu zeigen, denn was Gutes konnte es nicht sein. “Eines Nachts ist sie ins Zimmer gekommen, hat sich zu mir ins Bett gelegt, mein Bein zwischen ihre Schenkeln gepreßt und sich befriedigt,“ antwortete sie, und ich konnte ihrer Stimme entnehmen, daß selbst jetzt nach all den Jahren, die Erinnerung daran noch Ekel in ihr erzeugte. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das mußte das gleiche Kindermädchen gewesen sein, das mir damals am Abend die Decke weggezogen hat. “Ach, du liebe Güte,“ erwiderte ich darauf, „ich glaube, ich weiß, von wem du sprichst,“ und erzählte ihr, was sie mit mir gemacht hat. Am Ende kamen wir beide zu dem Schluß, daß solche Erfahrungen ganz schön hart sein konnten für ein Kind und daß es kein Wunder sei, wenn Menschen später in ihrer sexuellen Entwicklung empfindlich gestört sein konnten. Dabei war das, was das Kindermädchen uns beiden angetan hatte, noch relativ harmlos im Vergleich zu dem, was andere Kinder erleiden, wenn sie seelisch und körperlich vergewaltigt werden. Von solchen Sachen hatten wir als Kinder natürlich sowieso keine Ahnung und ich, für meinen Teil, blieb jedenfalls immer davor bewahrt.

1995 – Christoph glaubt, daß es genügt, sich nur bei seinem Vater zu bedanken, wenn er etwas bekommt, weil dieser das Geld verdient. Er begreift immer noch nicht, daß ich diejenige bin, die das Geld immer zusammengehalten hat. Als Josef geheiratet hat, hatte er nichts, obwohl er acht Jahre älter war als ich, denn er hat immer sein ganzes Geld ausgegeben. Er hatte nichts gespart. Er mußte noch nicht einmal etwas für seinen Lebensunterhalt an seine Mutter abgeben. Während ich wenigstens ein Bißchen zu bieten hatte und ohne meine Möbel und Sachen hätten wir nicht einmal unsere erste Wohnung möblieren können. Und so kränkt es mich sehr, daß Christoph sich so verhält, weil – na ja – es ist manchmal ein dummer Kerl .

1995 – Es gab viele Gründe für mich, warum ich eueren Vater verlassen habe: Einer davon war, daß wir die gegenseitige Achtung nicht verlieren und nicht anfangen uns zu hassen – denn ich stand knapp davor eben das zu fühlen.

1995 – Es erstaunt mich immer wieder auf’s neue, wie unsere Katze Daisy, die keine Artgenossen an sich heran läßt, sie höchstens duldet, wenn sie sich in einiger Entfernung von ihr niederlassen, mit mir schmust. Selbst dann, wenn ich zuvor ungeduldig und etwas laut mit ihr war, lenkt sie sofort ein, wenn ich es auch tue.
Früher bei meinem Hund kannte ich dieses Verhalten, aber bei einer Katze ist mir das neu und immer wieder bewundernswert. Auch ihre stille und oft unmerkbare Anwesenheit gibt mir das Gefühl, nie alleine zu sein. Selbst bei wildesten Scherzen mit meinen Söhnen fährt sie nie ihre Krallen aus. Nicht einmal Futterstücke möchte sie uns aus der Hand fressen aus Angst sie könnte uns dabei mit ihren Zähnen verletzen.

1995 – Manchmal bin ich so gereizt, daß ich schreien und toben möchte. Dann fühle ich ein Kribbeln in mir, als wollten 1000de von Ameisen sich in mir zu einem Wesen vereinen, um dann aus mir herauszubrechen und loszuschlagen. Diese Gefühle hatte ich vor allem in den Wochen vor meinem Umzug nach Feichten, als Christoph mein Leben zusätzlich beschwerte. (Ob zu Unrecht oder nicht, steht hier allerdings nicht zur Debatte).

1995 – Immer gab es so viel zu tun, daß ich öfters das Gefühl hatte, die Zeit läuft mir davon. Die letzten Jahre hinkte ich sowieso der Arbeit nur noch hinterher.

1995 – Vor meinem Umzug nach Feichten, überlegte ich mir manchmal, warum Christoph sich so herzlos zeigte und mein Leid und meine Not so offensichtlich ignorierte? Heute weiß ich es! Da auch sein Vater mich links liegen ließ, richtete er sich nach seinem Vorbild. Mir Beachtung zukommen zu lassen hätte für sie bedeutet, etwas für mich zu tun und mich zu unterstützen, aber dazu war der einzige Mensch, von dem ich das hätte erwarten können (Josef meinem Mann) damals nicht fähig. (Inzwischen hat sich das jetzt – 2021 – gebessert.)

1995 – Ich hätte ja meine Strickpuppen gern mit einem Gebrauchsmusterschutz belegen lassen, aber ich weiß nur zu gut, daß es immer einen Weg für gewissenlose Nachahmer gibt, die es schaffen, solch einen Schutz zu umgehen.

1995 – Wie ein Vogel (im übertragenem Sinn) versuchte ich meine Schwingen auszubreiten, um zu fliegen, aber meine Familie stutzte mir das Gefieder, so daß aus den Flügen Bruchlandungen wurden.

1995 – Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Christoph, packte ich am nächsten Tag, nachdem er das Haus verlassen hatte, um in die Schule zu gehen, einen Koffer und fuhr nach Waging zu den Aichers an den Wagingersee. Folgenden Brief hinterließ ich zum Abschied: „Christoph, ich bin fortgegangen. Ich habe im Moment keine Kraft mehr, mich immer wieder Deinem Haß auszusetzen. Ich lege Dir 130.– DM Haushaltsgeld bei. Wenn Du mehr brauchst, gibt es Dir sicherlich der Papi. Ich weiß, daß ich Fehler gemacht habe, mache und tun werde. Aber das liegt in der Natur der Menschen. Ich gehe, damit Du meine Nörgeleien nicht mehr ertragen mußt, denn ich liebe Dich. .Mutter!“ Später erzählte mir Josef, daß Christoph, obwohl er ihm gegenüber ziemlich cool tat, am nächsten Tag nicht zur Schule gehen konnte, so erschüttert war er über mein Weggehen.