1994 – Tagebuchaufzeichnungen

1994, den 02. 03.

Hier steht, was in den letzten beiden Jahren geschehen ist. Seit damals versuche ich auf irgendeine Art und Weise wieder Berufstätig zu werden. Was ich seitdem erlebt habe, war teilweise wirklich sehr schrecklich und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich es noch schaffen werde. Ich versuche es immer noch – ich möchte nicht aufgeben. An manchem Punkt meiner Versuche war ich so wütend und zornig gewesen, wie noch nie in meinem ganzen Leben. Dann nagte es wochenlang in mir und vor allem vorm Einschlafen lief das Geschehene immer wieder, wie ein Film, vor meinem inneren Auge und in meinen Gedanken ab. Aber ehrlicher Weise muß ich auch gestehen, daß ich in manchen Fällen mit meiner Blauäugigkeit und Unwissenheit, bis zu einem gewissen Grad, selbst zu dem verdammten Zustand beigetragen habe, in dem ich mich dann befand.
Vor diesen zwei Jahren hatte ich noch so gestrotzt vor Kraft und wollte nun endlich, nachdem ich zwanzig Jahre lang meine Kinder großgezogen hatte und das Hausfrauendasein reichlich satt hatte, wieder berufstätig zu werden. Dabei konnte ich mir lange nicht vorstellen, überhaupt wieder in einen Beruf zuarbeiten. Mein Mann, unsere zwei Buben, das Haus, die beiden Katzen und der Garten, dazu meine zahlreichen Hobbys, hielten mich, oft zu sehr, genügend in Schwung. Vor diesen zwei Jahren, hatte ich es aber endlich geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören und war stattdessen regelmäßig zum Schwimmen gegangen war und außerdem täglich an die 10 km mit dem Fahrrad gefahren. Das hatte meine Vitalität und Aktivität deutlich gesteigert. Wenn ich mich vor dieser Zeit oft bereits am Mittag müde und zerschlagen gefühlt hatte, so war ich jetzt den ganzen Tag über fit und mein Drang nach anderen und neuen Horizonten wuchs.

Ganz ehrlich muß ich hier auch eingestehen, daß der Wunsch nach einem beruflichen Neuanfang auch stark getragen wurde von dem Wunsch, nach etwas mehr Einkommen. Fast all die Jahre über war dafür mein Göttergatte zuständig gewesen und was er verdiente, das war nicht gerade sehr üppig. Darum wollte ich jetzt, da ich mich endlich einmal körperlich wieder besser fühlte, als all die Jahre vorher, auch wieder mitverdienen. Mit einem Mal erkannte ich plötzlich, wie wenig Dinge, ich mir und meine Lieben in all diesen Jahren leisten konnten, die man für Geld bekommt. Es war so selbstverständlich für mich gewesen, das Dazusein für meine Kinder und meinen Mann, daß mir das damit verbundene häufige Sparen nie recht schwer gefallen war. Überfiel mich trotzdem manchmal der Geldfrust, tröstete ich mich immer mit dem Gedanken, daß mir meine Söhne später einmal wenigsten nicht den Vorwurf machen konnten, ich wäre nicht für ich dagewesen. Sicher, dieses Vorgehen war in vielerlei Hinsicht auch ein egoistisches Verhalten, darüber mache ich mir keine falschen Vorstellungen. Doch eines Tages ganz urplötzlich – ich weiß noch genau, wann es gewesen war: Ich stand gerade im sonnen-durchwärmten Garten und mein Rücken schmerzte von der anstrengenden Grabearbeit. Ich hatte mich gestreckt und zog dann ganz tief die duftende Luft in mich hinein und blickte dabei den weißen vorbei segelnden Wolken nach. In diesem Moment durchzog mich ein ganz starkes Verlustgefühl. Immer wieder saß ich nur in diesem Garten und dem Haus fest. So sehr ich beides auch liebte und die Arbeit gern tat, aber außerhalb dieses Anwesens gab es eine große weite Welt und ich konnte ich oder anderes nicht sehen, weil nie genug Geld da war. Wie ein hell aufleuchtender Blitz überkam es mich, wie viel mehr wir uns endlich leisten konnten, wenn ich mich entschließen würde, wieder berufstätig zu werden. Mit einem Mal standen mir all die Dinge vor Augen, die immer nur mit knapper Müh und Not und oft nur auf Kredit, angeschafft worden waren. Und häufig waren es nicht einmal teuere Sachen gewesen und oft keine neue. Das Auto zum Beispiel! Aus Sicherheitsgründen fuhren wir seit langen Jahren immer einen Mercedes, aber nie war es ein “Neuer”. Der jetzige stammte sogar aus dritter Hand und hatte bei seinem Erwerb bereits zehn Jahre hinter sich.
Dann unsere Urlaube! Als unsere Buben noch klein gewesen waren, sind wir öfters zum Urlaub machen auf Bauernhöfe gefahren. Und nein, das ist es nicht, worüber ich mich beschweren möchte, denn diese Tage und Wochen möchte ich auf gar keinen Fall vermissen. Die die Vorstellung, daß es irgendwo weit weg, gar mit einem Flugzeug, schöner sein konnte, als im Bayrischenland, glaubte ich nicht. Anders ja, interessanter, unbekannter und fremdartiger, aber nicht schöner. Außerdem brauchte ich zu den damaligen Zeiten mehr Erholung als Aufregung und das boten mir die kurzen Anfahrten und die stille freundliche Atmosphäre auf einem Bauernhof in reichem Maße. Für die Kinder war es ideal, mit seinen vielfältigen Tieren und mein Mann konnte nach Herzenslust wandern und sich am See in der Sonne aalen. Als die Kinder dann größer wurden, erweiterten sich die Urlaubswünsche bei uns Eltern. Mein geheimer Wunsch bestand darin, einmal wieder die Ferien an der Italienischen Adria zu verbringen, wie ich es in meiner Kinderzeit mit meinen Eltern erlebt hatte. Diese köstlichen Wochen zu wiederholen, aber dieses Mal mit der eigenen Familie, dafür begeisterte ich schließlich auch meinen Mann. Aber wie konnten wir es finanziell schaffen? Immer ging es um Geld, das nicht ausreichend vorhanden war. Schließlich fanden wir eine Lösung. Wir kauften zwei billige Zelte und dazu die nötigen Luftmatratzen. Alles andere, was sonst zum Campieren gehörte, konnten wir aus unserm Haushalt dazu steuern. Und dann sind wir tatsächlich gefahren. Das beglückende Gefühl, das ich damals empfunden hatte, diese Reise zu verwirklichen, spüre ich heute noch, wenn ich mich daran zurück erinnere. Ich liebte die langen Autofahrten, die uns von Regensburg aus, durch die unterschiedlichsten Landesregionen führten. Zuerst waren es noch bekannte Gegenden, die dann abgelöst wurden von den majestätischen Alpen. Vorbei ging es an zerklüfteten steil aufragenden Bergen, die sich nach Stunden allmählich zu einer sanften, den Kindern noch unbekannten Landschaft abmilderte, welche sich in fruchtbarer Ebene bis zum Meer hin ausstreckte.

Am Ziel angekommen war, nach so vielen vergangenen Jahren, seit dem letzten Urlaub mit meinen Eltern, der erste köstliche Blick auf das wie unendlich wirkende Meer, für mich ein Geschenk gewesen. Und diese Ferien hätten wunderschön sein können, wenn nicht folgendes geschehen wäre. Bei all meinen frohen Vorbereitungen für diese Urlaubsreise hatte ich übersehen, daß mein Mann, wenn überhaupt, dann nur schlechte Zelterfahrungen aus seiner Militärzeit besaß. Zudem war er ein fast überbesorgter und darum etwas ängstlicher Mensch. Gerechtigkeitshalber gab ich ihm später gegenüber zu, daß wir bei dieser Reise wirklich keine guten Wetterbedingungen hatten und dieser Umstand erschwerte es ihm sicherlich, den richtigen Einstieg zum Zelten zu bekommen. Bereits bei unserer ersten Übernachtung, nach dem wir die Alpen hinter uns hatten, ging ein solch wolkenbruchartiges Gewitter hernieder, das uns den Eindruck vermittelte, als ginge die Welt unter. Doch anstatt jetzt gemütlich im Zelt abzuwarten, bis sich die Naturgewalten ausgetobt hatten, drängte es Josef immer wieder hinaus, um den sicher Sitz der Heringe zu überprüfen, damit wir nicht fortgespült wurden. Als er schließlich pudelnass war, sprach ich ein Machtwort und habe ihn ins Zelt gerufen. Mochte kommen was wollte, aber bitteschön in trockenem Zustand. Ich selbst hatte zu keinem Zeitpunkt angst vor dem stürmischen Gewitter, was sicher darauf zurückführen war, daß ich ähnliches als Kind erlebt hatte und uns damals nie etwas geschehen war. Im Gegensatz zu Josef war ich mir auch sicher darüber gewesen, daß die Zelte fest verschnürt dastanden. Und es geschah auch nichts Schlimmes. Nach einiger Zeit verzog sich das Gewitter und Ruhe kehrte ein. Unsere Zelte hatten es trocken überstanden und so konnten wir trocken und geborgen einschlafen. Am nächsten Tag schien wieder die Sonne und der nächtliche Spuk war vorbei. Aber ganz so, als hätte sich die Natur gegen uns verschworen, blitze und donnerte es auch die nächsten drei Nächte. Wir waren inzwischen an der Adria angekommen und hatten in Meeresnähe unsere Zelte aufgeschlagen. Natürlich goß es zudem in Strömen und mein Mann kam vor Sorge kaum zur Ruhe. Zwar schien am folgenden Morgen immer wieder die Sonne und man konnte baden und auch sonst unternehmen, was immer man sich an Aktivitäten für’s Meer vorstellte. Und darum wäre alles toll gewesen, wenn!!! – ja wenn die Nächte nicht gewesen wären. Jedes mal, wenn die dunklen Wolken aufzogen, und das geht am Meer ziemlich rasch vor sich und es zu regnen begann, waren die Kinder und ich ins Zelt geschlüpft, Josef aber hinaus – wenn er nicht sowieso schon draußen war – um den festen Sitz der Zeltheringe zum X-ten Male zu überprüfen. Ich ärgerte mich sehr über sein Verhalten. Ich war mir ganz sicher, daß nichts geschehn konnte. So viele Jahre der Erfahrung, die ich zusammen mit den Eltern und Geschwistern beim Campieren gesammelt hatte, gaben mir ein sicheres Gefühl. Ich selbst fühlte mich im Zelt geborgen und konnte diese Geborgenheit auch den Kinder vermitteln, die in diesen Nächten an mich gekuschelt dalagen und das meiste des Unwetters verschliefen. Nur leider konnte ich es nicht auch an Josef weiter geben! Seine Erinnerungen oder Erfahrungen sagten ihm anderes und ließen ihn besorgt bleiben. In der vierten gewittrigen Nacht, – Josef rannte wieder besorgt von Hering zu Hering ums Zelt , beschloß ich entnervt, den Urlaub abzubrechen. Ich erkannte, daß es für ihn keine Erholung geben würde, solange wir jede Nacht von einem Gewitter heimgesucht wurden und daß sich das ändern würde, war nicht absehbar. Am Morgen danach packte ich alles rasch zusammen und erklärte dem verdutzten Rest der Familie, ich wolle nach hause, um mich auch noch etwas zu erholen.
Ja so war das gewesen. Den nicht erfolgreichen zwei kleinen Zelten folgt ein sehr großes Zelt, das mehr Sicherheit versprach und das sich auch bewährte. Doch die Probleme blieben die gleichen. Josef war kein Zeltler!

Immer noch von ungenügenden Mitteln bedrängt, aber andererseits mit dem Wunsch nach weiter in der Ferne liegenden Ferienzielen, hatten ich mich dann zum Kauf eines Wohnwagens entschlossen. Natürlich keinen Neuen! Der, den ich sich erwarben, stammte aus zweiter Hand und hatte schon zehn Jahre auf seinem Dach. Gott sein Dank war das die richtige Entscheidung gewesen. In diesem kleinen Haus auf Rädern fand nun auch endlich der besorgte Josef die nötige Ruhe. Mochte es stürmen und blitzen, der Regen herunter prasseln oder schneien, der Wohnwagen war stabil und heimelig. Selbst bei starkem Gewitter wiegte er sich nur in den Naturgewalten leicht hin und her und dem betäubenden Lärm kam man zuvor, indem man sich die Decke über die Ohren zog. Wenn ich davon absah, daß ich wie zu hause, kochen und sauber machen mußte, wog doch die Ungezwungenheit des Campinglebens vieles davon auf. Die ungebundene Freiheit, die auch in vollen Zügen unsere beiden Jungen genießen konnten, entschädigte uns für vieles, was wir uns sonst nicht leisten konnten. So waren wir dann einige Jahr hintereinander nach Italien gefahren.
Doch je älter ich wurde, um so mehr wurde es mir eine Last, selbst noch ihm Urlaub, immer für die Familie zu sorgen. Einkaufen, kochen, aufräumen und saubermachen. Bei längeren Aufenthalten kam noch Wäschewaschen dazu. Irgendwann hatte ich es gründlich satt. Auch ich wollte mich einmal in einem Hotel verwöhnen lassen. Aber keine Chance! Immer fehlte dazu das nötige Geld. Mit Trauer dachte ich daran, daß sogar mein sehnlichster Wunsch, zusammen mit meinem Mann am 20. Hochzeitstag nach London zureisen, deswegen nicht in Erfüllung gegangen war. Zwar konnte ich es im darauffolgenden Jahr nachgeholt, weil meine Englischgruppe diese Reise unternahm und die Kosten dafür sehr günstig waren, aber das war nicht dasselbe. Außerdem hatte ich es nicht übers Herz gebracht, die Buben alleine zu hause zu lassen. Die Vorstellung, Erinnerungen an dieses Reise nicht mit ihnen teilen zu können, betrübte mich. Also nahmen Josef und ich ich mit. Für ich war es, genau wie für ich, die erste Flugreise in ihrem Leben. Und es hatte sich gelohnt. Ganz fantastisch war es gewesen und ich bereute es nicht, die Reise zusammen mit der ganzen Familie gemacht zu haben. Natürlich hatte das erneut finanzielle Opfer gefordert. Aber was machte das schon aus. Den Schatz der Erinnerung an diese Reise, konnte mir niemand mehr nehmen. Die finanziellen Umstände waren blieben wie ich waren. Gerade mal etwas mehr als das nötigste konnten wir uns leisten. Oft war es ein Akt der Geldakrobatik, mit dem monatlichen Einkommen von Josef auszukommen. Oft nähte und strickte ich bis in die Nacht hinein, um notwendige Kleidungsstücke für die Familie herzustellen. Ich konnte überhaupt dankbar sein, das ich diese Fertigkeiten überhaupt besaß. Ich war auch dankbar für das Reihenhaus, in dem wir mit niedriger Miete wohnten; was geradezu ein Glücksfall für uns war. In dem dazugehörenden Garten zog und erntete ich eine Reihe von Salaten und Gemüsen, was die Haushaltskasse ebenfalls entlastete, nicht jedoch meine Anstrengungen die Familie gut und billig zu ernähren.

So war es viele Jahre gegangen. Jetzt werde ich im kommenden Mai achtundvierzig und war im Moment völlig desillusioniert (und wütend und zornig und traurig) von den Erfahrungen der letzten achtzehn Monate.

War ich zu alt? War es für mich zu spät für einen Neubeginn? Wer konnte das schon sagen und eigentlich glaubte ich nicht daran. Es gab so viele Menschen, die es auch noch in späteren Jahren geschafft hatte. Außerdem war ich immer schon ein Spätzünder gewesen und das hatte sich meisten nicht als Nachteil herausgestellt. Die einzige Chance war jetzt nicht aufzugeben. Ich mochte oft verzagt sein und hilflos, aber ich glaubte fest daran, daß, wenn ich es nur weiter versuchte, das Richtige schon noch kommen würde. Doch immer wieder dachte ich auch an das, als ich versucht hatte, beruflich Fuß zu fassen, was aber nur dazu geführt hatte, daß wir jetzt zwanzigtausend Mark Schulden hatten. Immer wieder stellte ich mir genervt und betrübt die Frage, wie es dazu nur hatte kommen können. Es war mir enorm wichtig mich zurück zu erinnern und mir jeden Fehler ins Gedächtnis zu rufen. Vielleicht konnte ich so, bei weiteren Versuchen verhindern, die gleichen zu machen. Denn ich wollte und würde weiter machen. Allein der Gedanke daran, daß mein Mann nun alleine für die gemachte Schuldenlast gerade stand – der um mir den beruflichen Neuanfang zu erleichtern, einen Kredit aufgenommen, den er nun ohne zu murren, mit einem Teil seines Gehaltes abzahlte – stachelte mich zu erneuten Aktivitäten auf. Für mich war das ein weiter Grund, mir eine einträgliche Arbeit zu suchen. Sicher kam auch noch dazu, daß jetzt die Hauptbelastung, mit dem Geld auszukommen, wieder bei mir lag; hatte ich doch dafür zu sorgen, daß das, wegen der Zurückzahlung des Kredites um monatliche tausend Mark reduzierte Gehalt, Monat für Monat ausreichte.
Aber das lag noch vor mir. Jetzt mußte und wollte ich zuerst einmal die Vergangenheit bewältigen. Ich kehrte zurück zum Anfang, als die Lust und die Notwenigkeit für den Wiederbeginn einer Arbeit mich beflügelt hatte. Zuerst durchforstete ich meine Möglichkeiten. Was konnte ich und was würde ich gern tun? Meine Pläne waren anfangs durchaus bescheiden. Es sollte ein “Job” werden, beschränkt auf einige Stunden in der Woche, ausreichend, um das finanzielle Defizit ein wenig auszugleichen. Mit meiner Begabung und Liebe zu Tieren und Pflanzen, und weil sich zufällig ein großes Garteneinkaufszentrum in unserer Nähe war, versuchte ich es dort als erstes. Außerdem hatte mein der jüngere Sohn Christoph, der sich gerne und lange dort aufhielt, erzählt, daß dort Leute gesucht wurden. Ich ging auf gut Glück hin. Mehr als eine Absage konnte ich nicht bekommen. Und ich war auch nicht unsicher, denn außer Begabung und Liebe, besaß ich eine fundierte Ausbildung als Tierzüchter- und Buchhalterin. Damit hielt ich mich einsetzbar in den verschieden Bereichen des Centers. Also sprach ich mit dem Inhaber des Geschäfts, der mich freundlich und interessierter anhörte. Nach diesem Gespräch einigten wir uns soweit, daß er mich in den nächsten Tagen anrufen würde und sagen ob ja oder nein. Beschwingt war ich nach hause gegangen, mit einem guten Gefühl; den Kopf voller Pläne, die sich alle um die neue Arbeit drehten. Aber es kam, wie so oft, ganz anders. Noch in der selben Woche, bei einer Serenade, die ich seit vielen Jahren zusammen mit meinem Mann besuchte, traf ich, wie alle Jahre, meinen früheren Chef, einen Urologen, und seine Frau wieder. Voller Freude erzählte ich ihm von meinen beruflichen Absichten. Er wiederum erzählte mir und Josef von seinen Schwierigkeiten in der Praxis. Seine langjährige Sprechstundenhilfe wollte ihn verlassen, da ihr Freund in einer anderen Stadt lebte und von ihr verlangte zu ihr zu ziehen. Schweren Herzens hatte sie ihm gekündigt. Mit allen Mittel hatte Dr. Richter versucht ich zu halten. Seit fünfzehn Jahren schon arbeitete die junge Frau bei ihm und war auf den Praxisbetrieb aufs Beste eingespielt. Aber es hatte ihm nichts genützt. Ihre Angst, den Freund zu verlieren, war größer gewesen. Sie war noch ledig, und mit ihren fünfunddreißig Jahren, hatte sie wohl eine gewisse Panik erfast, und blieb bei ihrer Kündigung. Jetzt suchte er händeringend eine neue Sprechstundenhilfe. Ich brachte dem sympathischem Mann ihr Mitgefühl entgegen. “Daß tut mir wirklich leid für sie,” sagte ich zu ihm. “Sie sollen wissen, daß sie immer mein nettester Chef waren. Schon manchmal habe ich davon geträumt, wieder bei ihnen zu arbeiten. Ich war sehr gern bei Ihnen!” Ich hatte vor der Anstellung in Dr. Richters Praxis, bei zwei anderen Firmen gearbeitet. Und davor hatte ich meine Ausbildung als Tierzüchterin abgeschlossen. Die Lehre dazu, hatte mir gefallen, weil ich Tiere liebte. Dabei mußten oft Arbeiten im Freien verrichtet werden und das hatte meiner zarten Gesundheit gutgetan. Ein Jahr nach der erfolgreichen Prüfung, in dem ich eine interessante Zeit auf einem Schloßgut verbrachte, für dessen Geflügel ich zuständig war, hatte ich dann den Tieren den Laufpass gegeben und in einem Geschäft, daß meinem Onkel in München gehörte, neu Fuß gefaßt. Abends setzte ich mich nochmals auf die Schulbank und habe die Prüfung als Bürokauffrau gemacht. Bei Dr. Richter war ich eingestellt worden, weil er eine Bürokraft gesucht hatte, alle anderen Anforderungen einer Sprechstundenhilfe konnte ich bei ihm lernen. Dr. Richter war sichtlich geschmeichelt von meinen Worten. “Hören sie, Frau Fischer,” sagte er, “mir kommt da eine Idee. Hätten sie nicht Lust, wieder bei mir anzufangen? Glauben sie, sie würden sich das zutrauen? Sicher, die Praxis ist in all den Jahren angewachsen, aber ansonsten ist alles noch wie früher. Die Franziska ist ja immer noch bei mir. Ist Ihnen klar, daß das jetzt schon zwanzig Jahre her ist, seit der Praxiseröffnung. Wie alt sind eigentlich inzwischen Ihre Buben?” “Der Große fast neunzehneinhalb und der Kleine – ” Ich machte eine kleine Pause um zu überlegen. Da sprang Josef ein und sagte: “Dreizehn, der Christoph ist dreizehn geworden. Ach übrigens, Ihre Söhne müßten ja auch schon erwachsen sein.” Ja, seine Söhne waren inzwischen erwachsen und aus dem Haus. Er selbst würde noch acht bis zehn Jahre die Praxis führen und dann aufhören. Seine Gesundheit war leider nicht immer die Beste. Das brachte ihn wieder zu seinem Problem zurück. Noch einmal fragte er mich: “Also ganz im Ernst, würden sie wieder für mich arbeiten?”
Schon bei seiner ersten Frage hatte mir das Herz schneller zu klopfen begonnen. Etwas besseres, als für Dr. Richter zu arbeiten, konnte ich mir nicht denken und hätte ich mir auch nicht zu wünschen gewagt. Ich war mir schlagartig darüber im Klaren, daß das meine Chance war. Und ich zweifelte nicht einen Augenblick lang, es nicht zu schaffen. Was hatte ich all die Jahre für die Familie geschuftet, da würde ich die Stunden bei ihm auch schaffen. Ich sagte darum voller Begeisterung: “Ja, das würde ich wirklich gern. Allerdings mit einer Einschränkung, denn den ganzen Tag kann ich nicht wieder arbeiten. Ein bißchen Zeit für meine Familie und mich selbst brauche ich. Wenn sie für die Nachmittage jemand anderen finden, komme ich.” Dr. Richter überlegte sich das einen Moment lang, dann erwiderte er: “Das ist ein guter Vorschlag. Für Halbtags jemanden zu bekommen ist eh leichter als für den ganzen Tag. Ach übrigens,” und er rieb sich leicht die Nasenwurzel, “etwas hat sich doch geändert. Statt der alten Schreibmaschine haben wir nun eine EDV-Schreibmaschine. Meinen sie, sie werden auch damit zurecht kommen?” Ich überlegte mir die neue Situation und fragte mich ernsthaft, ob ich das tatsächlich lernen könnte. Aber immer schon war ich geschickt im Umgang mit technischen Geräten gewesen, so sah ich keinen Grund, nicht damit fertig zu werden. “Nun ja,” antwortete ich ihm daher mit Überzeugung, “das glaube ich schon. Natürlich werde ich mich einarbeiten müssen, aber ich sehe darin keine Schwierigkeiten. In den letzten Monaten habe ich öfters kleine Geschichten geschrieben, so daß ich im Schreibmaschinenschreiben wieder geübt bin.” Bewußt verschwieg ich dabei, daß ich nicht blind schreiben konnte. Es erschien mir nicht wichtig. Die Krankenberichte wurden immer schon vom Band abgeschrieben und so konnte man beim Schreiben auf die Tastatur der Maschine schauen. Damit war ich schon damals zurecht gekommen und würde es jetzt auch. “Also gut, mir wäre es sehr recht, wenn ich sie bekommen könnte.” Bei seinen Worten sah ihm ich eine gewisse Erleichterung an. “Allerdings,” fuhr er fort, “muß ich noch mit Franziska darüber sprechen, und ich haben ja auch noch eine Verpflichtung. Ist es ihnen recht, wenn ich sie in einigen Tagen anrufe und wir dann noch einmal darüber sprechen.” “Aber ja, das ist in Ordnung,” antwortete ihm und dann trennten wir uns, denn die Konzertpause, in der das Gespräch stattfand, war zu ende. Mit freundlichen Grüßen hatte man sich getrennt.
Die nächsten Tage erlebte ich teils hochgestimmt und teils niedergeschlagen. Ich hatte in den vergangen Jahren ein paar Mal geträumt, wieder bei Dr. Richter zu arbeiten, und es waren angenehme Träume gewesen. So einen netten Chef wie ihn, gab es für mich nur einmal. Tatsächlich wieder für ihn zu arbeiten, daß bedeutete sehr viel für mich. So stand ich bis zu seinem Anruf zwischen Bangen und Hoffen, wie er sich entscheiden würde. Klingelte das Telefon, schnellte mein Puls in die Höhe, denn es konnte ja endlich “Er” sein. Dann war es wirklich so weit, als das Telefon wieder mal klingelte und Dr. Richter am Apparat war. “Hallo, Frau Fischer, Richter hier,” meldete er sich mit seiner sympathischen Stimme. “Hallo, Dr. Richter. Wie geht es Ihnen?” ich war etwas atemlos, nachdem es nun der richtige Anruf war. Außerdem kam ich mir ein bißchen töricht vor, weil ich so banal antwortet. Die perfekten Worte findet man ja meistens erst nach einem geendeten Gespräch, vor allem, wenn man glaubte, daß es darauf ankam. Aber schnell tröstete ich mich damit, daß es anderen ja auch so ging. “Oh ja, danke, ganz gut,” erwiderte er ihr und fuhr dann fort: “Sie wissen ja warum ich anrufe.” “Ja, natürlich, und wie sieht es aus?” Es schien mir, als konnte ich die Spannung nicht mehr ertragen. Würde sich mein Wunsch, bei ihn zu arbeiten, jetzt erfüllen oder wurde gleich alles zunichte gemacht und ich für einige Tage traurig umher schleichen. Aber es waren nur flüchtige Gedanken, denn Dr. Richter beantwortete mir bereits die Frage. “Gut sieht es aus. Wenn sie auch noch wollen, dann werden wir es miteinander probieren. Mit Franziska habe ich gesprochen und sie freut sich, wenn sie wieder in unserem Team sind. Also, was sagen sie dazu?” “Na ja,”sagte ich, die innerlich einen Freudensprung machte, “bei mir ist soweit alles in Ordnung. Ja, ich komme gerne; ich freue mich darauf.” Gleich fügte ich aber noch hinzu: “Ach, sagen sie mir noch, klappt es denn auch, wenn ich nur den Vormittag über arbeite?” Worauf er mir antwortet: “Ja, ja, das ist geklärt; dafür hat sich eine Lösung gefunden. Es sind ja nur die drei Nachmittage, mit je drei Stunden. Dafür bot sich nun meine Frau an. Sie ist ja einiger Maßen mit der Praxis vertraut und so ist es für mich eine geradezu ideale Lösung.”

6. März 1994
Am Telefon wurden noch die Einzelheiten wegen der Arbeitszeiten besprochen, das Gehalt, welches erfreulich hoch war, geregelt, und der Termin ausgemacht, an welchem Tag ich anfangen würde. Dann hatten ich aufgelegt und jeder von uns war mit dem Ergebnis zufrieden. Ich auf jeden Fall. Mein künftiges Gehalt war so gut, das mir nach den Abzügen, so an die eintausend-achthundert Mark übrig bleiben würden. Das war für mich eine ganze Menge, obwohl ich keine Ahnung hatte, was sonst so üblich war. Mit diesem Geld, und darauf freute ich mich besonders, konnte ich vor allem meiner Familie endlich einmal Dinge kaufen, auf die bisher immer verzichtet werden mußten. Oh nein, nicht etwa besondere Luxussachen. Allein, daß ich dann mehr Wäsche und Kleider zum Wechseln und einige Paar Schuhe mehr zum Tragen hatten, würde mich zutiefst befriedigen.
Bis zum Antritts in der Praxis blieben mir noch eineinhalb Wochen, in denen ich das Nötigste für den reibungslosen Ablauf innerhalb der Familie, so jedenfalls hoffte ich, sorgen wollte. Ich rechnete damit, und so war es auch ausgemacht, daß ich jeden Mittag spätestens um ein Uhr zuhause sein konnte. Das würde ausreichen für kurze Gerichte, damit die Kinder, die gegen zwei Uhr von der Schule kamen, ein warmes Essen bekamen. Ich und die Kinder würden zusammen essen und ich konnte mich anschließend etwas hinlegen. Danach blieb mir noch Zeit für die vielfältigen Dinge des Haushalts. Zum Einkaufen ging inzwischen Josef an meiner Statt. Er machte es gern und für mich war das eine große Entlastung. Außerdem war er, wenn er vom Büro kam, noch entsprechend angezogen, während ich, nach meinem Nickerchen nur noch in einen Trainingsanzug schlüpfte. Das war so viel praktischer, bei all meinen Tätigkeiten im Haus und im Garten. Zum Einkaufen hätte ich mich noch mal umziehen müssen und mir die Haare richten. Das war Zeitverschwendung und Josef nahm mir das ab. Er seinerseits, nutzte das Einkaufen dazu, seiner heimlichen Leidenschaft zu frönen, welche darin bestand, das er neben dem eigentlichen Einkaufen, durch die Läden ging und sich verschiedene Sachen ansah, die ihn interessierten. Sicherlich dauerten seine Einkäufe so in der Regel oft viel länger, als wenn ich es selber erledigte, und die Kinder fragten oft ungeduldig: „Wann kommt denn nun der Papi wieder?“ Aber so war uns beiden gedient und ich konnte in dieser Zeit andere Arbeiten erledigen. Und auch sonst; ich gönnte ihm von Herzen seine Bummelei, war es für ihn doch Entspannung nach dem anstrengenden Dienst im Büro.
Die Zeit verging schnell bis zum ersten Tag an dem ich bei Dr. Richter anfing und glaubte alles bestens im Griff zu haben. Ich hatte noch Vorräte angelegt und Fertiggerichte gekauft, sollte ich doch einmal später, als vorgesehen, nach hause kommen. In all den 1 1/2 Wochen vorher beflügelte mich meine frohe Einstellung. Und in dieser übersah ich auch das etwas merkwürdige Verhalten meiner besten Freundin. Unsere Freundschaft bestand noch aus der Zeit, bevor wir beide geheiratet hatten. Viele Jahre teilten wir fast jede Freude und manches Leid miteinander und trösten uns mit der Erkenntnis, daß es der anderen auch nicht immer gut ging. Zwar hatte meine Freundin Ute mehr Geld zu ihrer Verfügung, denn das Elektrogeschäft, das sie und ihr Mann leiteten, ging gut, dafür hatte ich, den menschlich wertvolleren Mann. Lange Zeit hielt sich so eine gewisse Balance zwischen unseren Lebensumständen. Jammerte die eine (ich) über Geldmangel, was ich aber nicht oft tat, so jammerte die andere (Ute) über ihren Mann. Über ihn stand meine Meinung fest, und bestätigte wurde ich darin von Josef, der ihn auch für einen Stoffel hielt. Jedenfalls, hatte ich Ute, bei einem unserer Abendschultreffen, voller Begeisterung von meinem bevorstehenden Berufsneuanfang erzählt.

8. März 1994
So wie es für mich typisch war, hatte ich ihr ohne Vorbehalt alles darüber berichtet und unter anderem auch die Höhe meines zukünftigen Gehaltes. “Wie viel? Sag das nochmal!” Ute schien nicht richtig gehört zu haben. “Nach all den Abzügen bleiben mir eintausend-achthundert Mark,”wiederholte ich und setzte hinzu, „das ist doch recht ordentlich, nicht war.” Ute machte ein erstauntes Gesicht. Nun war eher anzunehmen, da sie es zwar gehört, aber nicht geglaubt hatte. So fragte sie noch ein anderes Detail nach: „Und Du sagst, daß Du dafür nur halbtags arbeiten mußt?” Ich nickte mit dem Kopf und fügte hinzu: „Nun ja, so ist es jedenfalls ausgemacht. Es kann schon sein, daß ich das eine oder andere Mal eine halbe Stunde länger bleiben muß, aber das wäre ja nicht so schlimm.” Doch Ute hatte so schnell nicht aufgegeben. Sie hatte sich an die ihr am nächsten sitzende Mitschülerin, einer Dame aus ihrer Nachbarschaft, gewandt und zu ihr gesagt: “Frau Emmert, habe sie mitbekommen, was Hildegard eben gesagt hat. Können ich das glauben? Was, ungefähr, bekommen sie? Sie arbeiten doch auch nur halbtags.” Langsam wurde es mir klar, daß mit meinem Gehalt wohl etwas nicht stimmte, weil es so eine Überraschung auslöste. Ich selber hatte ja keine Ahnung ob es hoch, niedrig oder normal war. Seit fast zwanzig Jahren war ich aus dem Beruf heraus. Und seitdem waren alle Preise sehr gestiegen, und genauso auch die Löhne und Gehälter. Frau Emmert wandte sich uns beiden zu und ließ sich die Frage nochmals wiederholen. “Ich bekomme etwas mehr als zwölfhundert heraus,” antwortete sie dann. “Und sie, Frau Fischer bekommen achtzehn-hundert, wenn ich das richtig verstanden habe,” fügte sie hinzu.
Ich bereute es jetzt, überhaupt etwas gesagt zu haben. Aber ich hatte mir nicht vorstellen können, daß das so einen Wirbel machen würde und fühlte mich gedrängt mich zu verteidigen. „Ja,” sagte ich, leicht trotzig, “soviel werde ich bekommen. Ist das denn so viel? Ich verstehe eure Aufregung nicht ganz. Schließlich werde ich bei einem Arzt arbeiten, der auch nicht gerade wenig verdient. Außerdem habe ich ja schon früher bei ihm gearbeitet, und so denke ich, zahlt er mir halt etwas mehr, als es sonst üblich ist. Ich weiß es ja auch nicht so genau.” Ich wußte nicht mehr, was ich sonst noch sagen sollte. Ich hatte ihnen nur meine Freude mitteilen wollen und sah mich nun, aus einem für ich nicht ersichtlichen Grund bedrängt. “Nun,”sagte Ute, „du wirst halt dann doch mehr Stunden arbeiten müssen, als du es jetzt sagt; anders kann ich mir das nicht vorstellen.(Und damit hatte sie recht, wie sich später herausstellte!) Na, ja, ich freue mich für Dich. Und schau nur zu, daß du durchhältst. Es wird für dich bestimmt nicht einfach werden. Du hast ja keine Erfahrungen mehr im Berufsleben, das hart geworden ist.” Ich spürte bei diesen Worten ihre Bemühung, das ganze nicht in einen Streit ausarten zu lassen. Ich war verwirrt. ich selbst machte mir keine Sorgen und Gedanken darüber, ob ich es schaffen würde oder nicht. Ich war sich sicher, daß es klappte. Aber es war genug. Zu verschieden waren unsere Meinungen und ich wollte mir die Freude nicht verderben lassen. Ich hatte dann das Gespräch auf ein anderes Thema gelenkt und zunächst war das dann beendet gewesen.
Der ersehnte Tag kam. Ich stand früh auf, richtete mich her und anschließend das Frühstück für die ganze Familie. Frohgemut verabschiedete ich mich danach vom Mann und von den Knaben, die mir alles Gute für den ersten Tag wünschten. Weil das Wetter gut und die Luft warm war, fuhr ich mit dem Fahrrad. Damit brauchte ich nicht so lange wie mit dem Auto und das benötigte wenig Platz zum Parken.
Wenn ich heute so darüber nachdenke, mit welch einem Hochgefühl ich die Straße entlang geradelt war. Ich hatte mich so frisch, so lebendig gefühlt, so erfüllt von den neuen Aussichten für mein Leben, und was war dann daraus geworden.
An diesem Tag jedenfalls, war ich pünktlich, ja sogar überpünktlich bei der Praxis angekommen. Die Türe war noch verschlossen, ich war die erste. Kurze Zeit später kam Franziska. Mit ihr hatte ich mich immer gut verstanden. Nie hatte es Spannungen zwischen uns gegeben, als wir zusammen gearbeitet hatten, denn dazu waren unsere Arbeitsgebiete zu unterschiedlich gewesen. So war über all die Jahre ein gutes Verhältnis geblieben, auch wenn wir uns nicht oft gesehen hatten. Franziska kam zu Fuß von ihrer Wohnung und winkte mir schon von weitem zu. Ich fühlte mich zappelig, das waren etwas die Nerven, aber äußerlich ließ ich mir nichts anmerken. “Hallo, Franziska, schön Dich zu sehen.“ begrüßte ich sie. „Na, was sagst du dazu, daß ich bei Euch anfange?” und gab ihr die Hand, als sie mich erreicht hatte. “Grüß Dich! Ja, das war schon eine Überraschung für mich, aber ich freue mich, daß Du es bist und wir keine Neue einarbeiten müssen. Sehr viel hat sich ja nicht verändert. Mehr Arbeit ist es halt geworden. Obwohl, vor einigen Jahren war es besonders schlimm. Seit aber die zwei neuen Urologen ihre Praxis eröffnet haben, ist es wieder ein wenig ruhiger geworden. Ach, und wenn Du in der ersten Zeit Probleme hast, komm zu mir, ich werde Dir helfen, wo ich kann!” Ich spürte, daß Franziska ehrlich war und meinte was sie sagte. Es ging so viel Herzlichkeit von ihr aus. Das beruhigte mich und nahm mir die Anspannung, von der ich vorher gedachte hatte, das sie gar nicht da ist. Auf dem Weg in die Praxis unterhielten wir lebhaft, Wir hatten uns viel zu erzählen und es war noch etwas Zeit, bis die ersten Patienten kamen. Franziska führte mich durch alle Räume, die inzwischen um zwei Räume erweitert worden waren, weil der Auszug des Gangnachbarn das erlaubt hatte. Aber ansonsten war fast alles noch so, wie ich es vor zwanzig Jahren verlassen hatte. Zwar täuschte sich mein Erinnerungsvermögen etwas, denn einiges fand ich nicht mehr so vor, wie ich es in Erinnerung hatte, und ich konnte daran erkennen, wie leicht man sich doch irren kann. Zum Beispiel hätte ich schwören mögen, das Franziskas Arbeitsraum anders gelegen hatte, als ich ihn jetzt vorfand und sagte das auch. Franziska lachte nur dazu und sagte: “Nein, nein, da war er schon immer. Ist es nicht erstaunlich, wie sich manches in den vielen Jahren verschiebt? Mach Dir nichts draus, mir geht es auch schon mal so.” Anschließend gab sie mir ausführliche Anweisungen, zum täglichen Praxisablauf. Inzwischen war auch die junge Frau erschienen, die gekündigt hatte, mich aber zwei Wochen lang noch gründlich einweisen würde. Etwas spröde gab ich ihr die Hand und begrüßte sie. Wir zwei Frauen waren uns fremd. Allerdings wußte ich von meinem Mann, der bei Unterleibsproblemen immer meinen ehemaligen Chef aufgesuchte hatte, daß er sie nett fand, wenn auch manchmal zu ernst. Sicherlich hing das mit ihrem Privatleben zusammen, denn da hatte sie schon einiges Schlimmes einstecken müssen. So wußte ich z.B. von Dr. Richter, daß die junge Frau vor einigen Jahren ihren ersten Freund bei einem Unfall verloren hatte und ihr deswegen von seinen Eltern grundlos der Vorwurf gemacht worden war, sie sei daran schuld. Lange hatte sie darunter gelitten. Um so verständlicher war es, daß sie ihren jetzigen Freund nicht verlieren wollte, und kündigte, als er sie vor die Wahl gestellt hatte: “Die Praxis oder ich!” Sicherlich war das von ihm ein ziemlich egoistisches Verhalten, darüber waren sich alle Betroffenen im Klaren, und es war daran zu zweifel, ob er sie wirklich liebte, wenn er so eine Forderung von ihr verlangte, aber es war ihr Leben, sie mußte selber wissen, was sie wollte. Dr. Richter hatte ihr noch eindringlich abgeraten zu gehen; sicherlich teils aus eigennützigen Sinn, aber wohl auch aus der Besorgnis heraus, sie würde von diesem Mann enttäuscht werden. Ja, ja, es ist schon so! Fünfzehn Jahre miteinander kann man nicht so einfach wegwischen. So etwas verbindet auch Chef und Angestellte, vor allem, wenn man in einer kleinen Besetzung zusammen arbeitet. Sie war aber bei ihrer Kündigung geblieben. Wahrscheinlich dachte sie, daß ihr mit fünfunddreißig Jahren das “richtige” Leben entglitt, und ich konnte das recht gut mitempfinden. Ich selbst hatte mit fünfundvierzig Jahren zwei fast erwachsene Söhne, und mir vorzustellen, das wäre nicht so, hätte mich, bei all dem Ärger, das Kinder mit sich bringen, zutiefst deprimiert. Ich hatte erreicht, war die andere wahrscheinlich noch wollte: einen Mann und Kinder.
Franziska stellte uns einander vor, dann verließ sie uns, um sich ihrem täglichen Pensum zu widmen. Die junge Frau hieß Patricia Hauser und ich bat sie, sie mit dem Vornamen anreden zu dürfen. Immer hatte ich von ihr nur als Petra gehört und es wäre mir etwas seltsam vorgekommen, sie als Frau Hauser anzusprechen. Irgendwie kam es ganz spontan von mir, obwohl ich später fand, daß es nicht richtig gewesen war. Nur weil ich viel von der anderen aus den Erzählungen von Dr. Richter und Franziska wußte, wäre das trotzdem kein Grund gewesen sie mit dem Vornamen anzureden.
Zunächst einmal führte Frau Hauser, weil Dr. Richter es so verlangt hatte und die täglichen Krankenberichte an die überweisenden Ärzte wichtig waren, mich in die Geheimnisse der EDV-Schreibmaschine ein. So wie sie es erklärte und vorführte schien es nicht so schwierig und kompliziert zu sein. Ich spannte unter ihrer Anleitung das erstes Blatt ein und probierte die verschiedenen Funktionen der Maschine aus. Frau Hauser machte dabei nicht viele Worte, war aber geduldig mit mir und wiederholte immer wieder die Funktionen, bis ich eine nach dem anderen konnte. Mit viel Schwung und frischem Elan, kam als letzter Dr. Richter in die Praxis. “Na, Fischerin,” begrüßte er mich fröhlich, mit seiner von früher für mich gewohnten Anrede. “Guten Morgen! Wie geht es denn?” Er sprach schnell und ich konnte nur rasch ebenfalls ein “Guten Morgen!” einwerfen, als er schon weiter sprach.” Aha, wie ich sehe, sind ich bereits dabei, sich mit dem Teufelsding anzufreunden. Also, meine Frau hat sich ja ausbedungen, daß, wenn sie Nachmittags die Sprechstunden übernimmt, keine Briefe schreiben muß. Sie will sich damit nicht herumschlagen und darum werden sie alle Briefe alleine schreiben müssen. Sehen sie darum zu, es so schnell wie möglich lernen, damit umzugehen. Die ersten Tage machen sie nach Möglichkeit nichts anderes als schreiben, daß übrige findet sich. Petra steht ihnen jederzeit in den nächsten zwei Wochen zur Verfügung und Franziska und ich helfen ihnen wo immer es geht. Ach und noch etwas,” er machte wieder einmal die für ihn typische Handbewegung, in dem er sich über die Nasenwurzel rieb, “sie wissen es sicherlich noch, aber ich muß es aussprechen: Alles hier unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht und es ist wichtig, daß wir uns daran halten.” Zu diesen Worten nickte ich mit dem Kopf und er fuhr fort: “Also, dann auf ein Neues!” Dann verschwand er wirbelnd (na ja, so war eben nun einmal mein Eindruck von seiner Lebhaftigkeit) im Sprechstundenzimmer. Jetzt begann der Tag ernsthaft.

10. März 1994
Frau Patricia Hauser gab mir die Patientenkarteien vom Vortag und dazu die entsprechenden Aufzeichnungen für die Berichte, die Dr. Richter auf Platte gesprochen hatte. Die mußte ich abhören und niederschrieben, bevor sie dann an die Hausärzte der Patienten gingen. Das System war noch das selbe, mit dem ich vor zwanzig Jahren angefangen hatte. Es genügte eine kurze Zeit und dann kam ich damit zurecht. Womit ich aber nicht gut zurecht kam waren die Aufzeichnungen selbst. Die Platten waren viele Mal benutzt, Dr. Richter sprach sehr rasch und die medizinischen Fachausdrücke – die meisten davon hatte ich vergessen – konnte ich kaum verstehen. Immer wieder mußte ich Frau Hauser um Hilfe bitte, die sich die entsprechende Stelle anhörte und mir dann den Begriff aufschrieb. Auf diese Art und Weise dauerte es sehr lange, bis ich den ersten Brief fertig hatte. Aber langsam wuchs die Liste der Fachausdrücke an und ich kam etwas schnell voran. Trotzdem, als die Mittagszeit nahte, hatte ich von fünfzehn Briefen erst vier erledigt. Dabei mußte ich mich noch nicht einmal um die Patienten kümmern. Das tat Frau Hauser selber, und auch alle anderen Arbeiten die ich nach und nach übernehmen sollte. Es wurde zwölf und es war nun für mich ersichtlich, daß ich die Arbeitszeit noch nicht beenden konnte. Obwohl es mir niemand gesagt hatte, wurde von mir stillschweigend erwartet, daß ich bis zum Weggang der letzten Patienten blieb. Ich hatte nicht den Mut danach zu fragen und machte solange weiter, bis sich die anderen zur Mittagspause bereit machten. Inzwischen war es fast dreiviertel-zwei geworden. Wenn ich mich jetzt beeilte, konnte ich gerade noch das Essen fertig machen, obwohl meine Buben dann etwas darauf warten mußten. Zugegeben, das war nicht schlimm, aber ganz leise beschlich mich da bereits ein Zweifel, ob ich es schaffen würde, auch wenn ich das an diesem Tag noch nicht zugegeben hätte. Zu meinem Glück war mein erster Tag ein Mittwoch, so daß ich den Nachmittag frei hatte. Nach dem Essen hatte ich mich sofort ein wenig niedergelegt. Das lange ungewohnte Sitzen und pausenlose Schreiben machte sich spürbar bemerkbar. Aber ansonsten hatte ich den Tag genossen und es war immer noch der gleiche Eifer in mir, wie all ich Wochen vorher. Ich würde und wollte es schaffen. Nach dem ersten Tag konnte ich mir ja noch kein richtiges Bild machen und es blieben mir noch dreizehn Tage zum Eingewöhnen, bis Frau Hauser die Praxis endgültig verlassen würde.
Der nächste Tag kam und wieder radelte ich meiner neuen Arbeitsstätte zu. Angekommen machte ich mich sofort daran, die Berichte weiter zu schreiben. Als Dr. Richter an diesem Morgen kam, erkundigte er sich, wie es ihr mit der Arbeit ging. “Na, Fischerin, wie kommen sie mit der Schreiberei zurecht?” fragte er mich, nach dem er mich begrüßt hatte.Es war mir ein bißchen peinlich, weil ich den Tag vorher so wenig erledigt hatte, sagte das aber nicht. “Mit der Schreibmaschine komme ich jetzt klar, ” antwortete ich, “aber ich habe Probleme mit dem Hören. Bei viele Stellen verstehe ich nicht, was es heißen soll, so dauert es leider einige Zeit, bis ich einen Bericht fertig habe,” erklärte ich ihm. Dr. Richter sah das sofort ein. “Ach ja,” sagte er, ” daran hätte ich selber denken sollen. Die von heute werde ich langsamer aufnehmen, bis sie sich auskennen und eingewöhnt haben. Sehen ich nur zu, daß sie das so schnell als möglich in den Griff bekommen, das andere ist ja nicht schwierig.”
So hatte ich wieder fast den ganzen Vormittag geschrieben, geschrieben und geschrieben. Nach einigen Stunden bekam ich leichtes Seitenstechen, von dem ungewohnt langen Sitzen und der Rücken hatte zu Schmerzen begonnen. Ich überredete Frau Hauser mir einige andere ihrer zukünftigen Aufgaben zu zeigen, die das aber nur widerwillig tat, da sie wußte, ich mußte mit Schreiben weiter kommen. Die zogen sich aber immer noch etwas Mühselig dahin. Aber dann zeigte sie mir doch das Anlegen von Karteien für neue Patienten und auch, wo ich später die verschiedenen Formulare, Briefbögen und andere wichtige Unterlagen finden würde. Das Ablegesystem, welches nach verschieden Kriterien, die ich leider nicht gleich entschlüsseln konnte, schien mir aus diesem Grund schlecht organisiert und als ich versuchte selber die eine oder andere Karte herauszuholen, brauchte ich auch dazu viel Zeit. Das frustriert mich. Ich, die immer alles durchorganisiert hatte, die, wenn ich plötzlich blind geworden wäre, in meinem Haushalt gefunden hätte, was immer ich brauchte, fand es unmöglich, das ich nicht mit einem Griff fand, was ich wollte. Häufig mußte ich drei oder vier verschiedene Ablageschübe öffnen und herumwühlen, bis ich die richtige Karte fand. Das kostete mich Zeit und es machte ich ungeduldig. Es war offensichtlich, das in all den Jahren, das Ablagesystem nie richtig organisiert worden war und Frau Hauser die Karteien, im Gegensatz zu mir, nur deshalb so schnell fand, weil sie genau wußte, wo sie hinzulangen hatte. So waren zum Beispiel, um das etwas besser verständlich zu machen, länger zurück liegende Patientenkarteien nicht etwas alle zusammen alphabetisch abgelegt, sondern in drei verschieden Schubladen. Es war also reines Glück, wenn man es in der ersten versuchte und die richtige Karte gleich fand. Und wie schon gesagt, Frau Hauser hatte dafür einen Riecher, wo sich die entsprechende Karte befand, wenn auch nicht immer. Doch dann mußte ich wieder an die Schreibmaschine zurück. Das war das wirklich wichtigste. Hin und wieder schaute Franziska vorbei, um zu sehen wie es mir ging und ich gab mich fröhlich und optimistisch. Zwischendurch rief mir Dr. Richter zu, ich solle im Krankenhaus anrufen und ihn mit einem Dr. Y verbinden. Ich, die kaum den Namen richtig verstanden hatte, sah verunsichert drein und wandte sich dann an Frau Hauser, die sich meistens in ihrer Nähe aufhielt. “Tut mir leid,” sagte ich zu ihr, “haben sie verstanden, wie der Name heißt.” Und es war einleuchtend, das Frau Hauser den kannte, kannte sie doch auch den Mann. So viele Jahre über hatte sie alle möglichen Ärzte für ihren Chef angerufen, daß sie sogar aus der Krankengeschichte des Patienten heraus oft ahnte, wen er befragen würde, wenn ein Krankenbild sich nicht deutlich darstellte.
Den Anruf nahm Frau Hauser mir ab. Ich ärgerte mich aber im Stillen darüber, daß es sein mußte. Langsam dämmerte es mir, daß auf mich keine Rücksicht genommen würde und von mir Fähigkeiten erwartete wurden, die einer langjährigen Praxiserfahrung entsprach. Auch die Stunden an diesem zweiten Tag zogen sich dahin und ich fand nicht einmal die Zeit, meinen Apfel zu essen, den ich für eine Pause vorgesehen hatte. Nein, eine Pause gab es nicht. Von acht bis eins, eher noch einhalb-zwei, ging es ununterbrochen durch. Und so kam ich auch an diesem Tag spät nach hause. Meine Jungens waren bereits vor mir da und warteten auf das Essen. In Eile machte ich es. Bis es fertig war und ich selber gegessen hatte, war der halbe Nachmittag vorbei und mir blieb nicht mehr viel Zeit für den Haushalt und zum Ausruhen. Vom langen Sitzen an der Schreibmaschine hatte ich Rückenbeschwerden und ich fühlte mich müde. Da ich wieder nur wenige Briefe geschafft hatte, kamen meine Zweifel jetzt deutlicher zum Ausdruck und ich begriff allmählich, daß ich mich womöglich doch überschätzt hatte. Viele Jahre hatte ich mein Arbeitstempo selber bestimmen können. Jetzt saß ich fünf bis sechs Stunden fast ohne Unterbrechung an einem Fleck ohne mehr Bewegung als mit den Fingern. Bereits nach dem zweiten Tag begann sich mein Körper dagegen aufzulehnen. Doch noch glaubte ich daran, das in den Griff zu bekommen. Ich nahm mir vor, darüber mit Dr. Richter zu sprechen. Wenn Frau Hauser in den nächsten Tagen einen Teil der Berichte übernahm und ich dazwischen einige der anderen, leichteren Arbeiten , hätte ich mehr Bewegung und Abwechslung von der eintönigen Schreiberei. Mein Körper würde sich erholen und der Druck, wegen der liegen gebliebenen Korrespondenz würde von mir weichen. Wenn ich dann noch die neuen, jetzt von Dr. Richter langsamer und deutlicher besprochenen Aufnahmen bekäme, würde alles gut werden.

4. Mai 1994
Der dritte Arbeitstag begann. Die ganze Nacht hatte ich schlecht geschlafen und aus Nervosität benahm sich mein Darm daneben und gab von sich, was er nur konnte. Auf der Wage stellt ich fest, daß ich auf diese Art bereits zwei Kilo Gewicht verloren hatte. Darüber hätte ich mich gefreut, wenn ich die nicht wegen starkem Streß verloren hätte. So abzunehmen ist nicht gesund. Beim Frühstück teilte ich meinem Mann meine Bedenken mit. Ich sagte ihm, daß ich mich mit der Arbeit wohl überschätzt hätte und jetzt der Meinung war, damit nicht fertig zu werden. Er hatte Verständnis für meine Lage. Wir besprachen uns und kamen zu dem Entschluß, daß ich erst einmal mit meinem Chef darüber sprechen sollte. Er würde schon eine Lösung finden, die mir den Anfang etwas erleichtern würde. In der Praxis angekommen, stellte ich fest, daß vom Tag zuvor wieder ein Stapel Briefe zum Schreiben, zu den restlich von den Vortagen dazu gekommen waren. Ich machte mich gleich daran, weiter zu schreiben, während der übliche Arzttag seinen Lauf nahm. Die Sprechstundenhilfe Patricia, die ja nun kaum noch etwas zu tun hatte, weil ich nun ihre Arbeit machen sollte, nützte ihre Zeit dazu, etwas aufzuräumen. Sie zog Schubladen auf, nahm etwas heraus und schloß sie wieder geräuschvoll. Türen gingen auf und zu, Telefonate wurden unmittelbar neben mir geführt. Es war zum Verzweifeln. Ich konnte kaum deutlich hören, was auf den Tonbändern gesprochen wurde, dazu die medizinischen Fachausdrücke, die mir nicht mehr geläufig waren und dazu die mich umgebende Geräuschkulisse. Ich kam deshalb wieder mit dem Schreiben nur sehr langsam vorwärts und meine Besorgnis, mit der Arbeit mich zurecht zu kommen, wuchs. Auch meine Rücken machte nicht mit. Er schmerzte und es war schlimmer, als am Tag vorher. Ich begann über meine Situation nachzudenken. Irgendetwas an dem System mußte geändert werden, sonst konnte ich es nicht länger aushalten. Also bat ich Patricia, sie möchte doch die restlichen, der für ich aufgenommen Briefe, noch selber schreiben, weil sonst alles in Verzug kam. Sie möge mir doch bitte eine andere Arbeit zeigen, die ich in der Zwischenzeit machen würde und dabei könnte sich mein steifer Körper etwas erholen. Auf dieses Ansinnen hin machte Patricia ein bedenkliches Gesicht. “Ich glaube nicht,” sagte sie, ” daß das dem Doktor recht ist. Er hat angeordnet, daß sie unbedingt zuerst mit der Schreibmaschine zurecht kommen müssen.” Mein Herz sank mir ein Stück nach unten. Ich wußte, daß Dr. Richter ein netter Mensch war, aber auch, daß er, was seine Anordnungen betraf, engstirnig sein konnte. Aber so wie ich mich fühlte, konnte es nicht weiter gehen. Ich würde selber mit ihm sprechen müssen. Bei der nächsten Gelegenheit, als er kurz aus seinem Sprechzimmer kam und bei mir herein schaute, sprach ich ihn an. Ich erklärte ihm mein Problem und bat jetzt ihn, mich für kurze Zeit anderweitig zu beschäftigen. Aber anstatt auf mich einzugehen, blieb er bei seiner Anordnung. “Schreiben sie, Fischerchen, schreiben sie, daß ist für mich jetzt das Wichtigste,” sagte er und fügte hinzu, “alles andere findet sich schon.” Dann war er auch schon wieder weg. Ehrlich, mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich schrieb weiter, aber mir wurde immer banger, denn ich merkte immer mehr, daß ich es nicht schaffen würde. Wie hatte ich nur so dumm, so unbedarft, so blauäugig sein können. Sicherlich, ich war immer sehr tüchtig gewesen, aber die Anforderungen in einer Arztpraxis waren doch von ganz anderer Art, als die Arbeiten die im Haushalt anfallen. Sicher auch, daß ich es auch einmal gut gekonnt hatte, doch jetzt sah ich ein, daß die fast zwanzig Jahre dazwischen einen großen Unterschied machten. Die Berichte an die Hausärzte waren länger geworden und ausführlicher. Die Praxis hatte auch inzwischen mehr Patienten, als zu meiner Zeit. Auch wurden jetzt Arbeiten von der Sprechstundenhilfe ausgeführt, die zu meiner Zeit außerhalb erledigt wurden, wie z.B. das Anlegen und Auswerten von Kulturen. Im Stillen gab ich meiner Freundin Ute jetzt recht. Sie hatte doch mehr Erfahrung, als ich und ich hatte ihr in meiner Unwissenheit und, ich gebe es nicht gern zu aber ich tu es, auch in meiner Überheblichkeit, unrecht getan. Ich hatte mich überschätzt. Es genügte eben nicht nur Schreibmaschine zu schreiben, man mußte schon perfekt sein, um mithalten zu können. Als ich das einsah, war ich beschämt. Während ich noch Stunde um Stunde weiter arbeitet, nahm ich mir vor, nach Sprechstundenende, meinem Chef zu kündigen. Das ängstigte mich zwar über alle Maßen, wußte ich doch, daß ich ihn damit in eine Zwangslage bringen würde, denn es blieb ihm dann nicht mehr viel Zeit, sich eine neue Sprechstundenhilfe zu suchen. Zu meinem schlechten Gewissen, ihn wieder zu verlassen, kam auch noch das Wissen hinzu,, daß Sprechstundenhilfen nur schwer zu bekommen waren. Aber das alles half nichts. Ich war ihm keine Hilfe und wenn ich mich zwang weiter zu machen, würde ich nur krank werden. Ich fühlte mich jetzt bereits hundeelend. Während einer kleinen Pause, huschte ich zu Franziska und bekannte mich ihr. Sie nickte verständnisvoll mit dem Kopf und meinte dann: „Das habe ich mir fast schon gedacht. Ja, ja, Hilde, es ist alles nicht mehr wie früher.” “Kannst du nicht mit ihm reden? fragte ich sie, denn vor der Aussprache mit Dr. Richter hatte ich wirklich Angst. Deutlich erinnerte ich mich an das Gespräch, als er uns vom Fortgang seiner Sprechstundenhilfe erzählt hatte, und wie ihn das erboste, obwohl sie ganz normal gekündigt hatte.

5. Mai 1994
“Es tut mir wirklich leid für dich,” erwiderte sie, “aber das mußt du schon selbst machen. Wenn ich etwas sage, dann werde ich mich womöglich nicht zurück halten können!” fügte sie noch dazu. Aus dieser Bemerkung schloß ich, daß Franziska mit Dr. Richter schon einmal über mich gesprochen hatte, und er ihre Meinung nicht akzeptiert hatte. Sie konnte die Situation aus ihrer Sicht besser beurteilt und hatte ihm ihre Bedenken wegen mir mitgeteilt, die er aber nicht wahr haben wollte. Mich zu bekommen, war für ihn im Moment der leichteste und schnellste Weg gewesen, wieder eine Sprechstundenhilfe zu bekommen. Das ging von ihr aus nicht gegen mich persönlich und das wußte ich auch. Ich verstand sie und drang nicht weiter in sie. Maschineschreibend plagte ich mich bis zum Ende der Sprechstunde weiter herum. Ich hätte weinen können. Ich fühlte mich so elend. Auch hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen. Wäre ich nicht so selbstsicher gewesen, hätte Dr. Richter es sich bestimmt zweimal überlegt, ob er mich wieder für seine Praxis nehmen würde. Andererseits, war ich wirklich fest davon überzeugt gewesen, die Arbeit leisten zu können. Es dauerte wieder ziemlich lang bis der letzte Patient ging. Dann kam noch ein Telefongespräch, das den Doktor aufhielt, während ich mit klopfendem Herzen auf ihn wartete. Endlich war er zusprechen und vor Aufregung brachte ich im ersten Augenblick keinen Ton heraus, so daß ich mich erst frei räuspern mußte. “Herr Doktor Richter, es tut mir so leid,” sagte ich unsicher zu ihm, denn ich machte mich auf einen Wutausbruch von ihm gefaßt, “aber ich schaffe die Arbeit nicht und werde morgen nicht mehr kommen.” Auf diese Einleitung hin, sah er mich freundlich an, öffnete die Türe zu seinem Büro mit den Worten: „Oh, Fischerin, kommen sie herein, und lassen sie uns in Ruhe darüber reden.” Bereits an seinem Ton konnte ich erkenne, daß ich nichts zu befürchten hatte und ein Stein fiel mir von der Seele. Wie so oft kam es nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir nahmen Platz und Dr. Richter forderte mich zum Reden auf. Also erzählte ich ihm alle meine Bedenken. Da war der Druck für mich, obwohl Patricia noch da war, sämtliche Arbeiten in den Griff zu bekommen, sich für mich als zu stark heraus gestellt hatte. Ehrlich gestand ich ihm, das ich mich überschätzt hatte. Überschätzt auch, was die Arbeitszeiten betraf. Als ich ihm damals beim Konzert gesagt hatte, ich würde nur vormittags arbeiten wollen, war mir nicht klar gewesen, daß dieser sich bis in die frühen Nachmittage hineinziehen würden. Meine Familie, und das zeigte sich sehr schnell, half mir im Haushalt in keiner Art und Weise, und so hatte ich immer eine Menge Dinge zu tun, wenn ich aus der Praxis kam und hatte kaum Gelegenheit, mich für den nächsten Tag zu regenerieren. Er hörte sich alles in Ruhe an, das muß ich zugeben und sagte dann zu mir: „Frau Fischer, ich glaube zwar immer noch, daß sie es schaffen können, aber wenn sie denken, daß es nicht geht, werde ich sie nicht zurück halten. Es ist schon wahr, einiges hätte ich für sie von Anfang an leichter machen können. Da habe ich auch nicht gleich daran gedacht. Aber, wenn sie jetzt bleiben und überfordert sind, dann brechen sie mir womöglich in einigen Monaten zusammen, und das werde ich nicht riskieren. Was sagt ihr Mann eigentlich dazu?” Den hatte er schon immer sehr geschätzt, auch war er ein Patient von ihm. “Sie haben doch mit ihm darüber gesprochen, nicht wahr?” “Ja, natürlich, und er meint, es wäre besser, wenn ich aufhören würde. Die Entscheidung darüber, läßt er schon mir, aber er sieht auch, daß es mir nicht gut geht und er wäre über meine Kündigung erleichtert.” “Nun gut, Fischerin, ich sehe ja, wie sie das mitnimmt. Sie hätten es bestimmt mit der Zeit geschafft, das kann ich nur wiederholen. Aber ich kann und werde sie nicht halten.” Danach wollte er darauf bestehen, mich für die drei Tage zu bezahlen. Ich aber beschwor ihn, davon abzusehen. Ich hatte kaum eine Leistung gebracht, so sehr ich mich auch bemüht hatte. Auch blieb ihm der schwere Weg, sich jetzt rasch eine neue Sprechstundenhilfe zu suchen, und darum beneidete ich ihn nicht. Am Ende des Gesprächs mußte er mich noch etwas trösten, denn ich war zum Teil wegen meiner Schuldgefühlen, teils aus Erleichterung den Tränen nahe. Ich mochte ihn gern und wußte, daß er mich schätzte. Daß es nicht so gelaufen war, wie wir beide es uns vorgestellt hatten, lag wirklich zum Teil an meiner Unerfahrenheit. Wir trennten uns im Guten und darüber war ich froh.
Einige Wochen später erzählte mir seine Frau, die mich wegen einer anderen Sache anrief, daß sich alles zum Besten ergeben hatte. Durch meine Aufgabe der Arbeit, war Patricia so durcheinander gewesen, daß sie sich ihre Kündigung noch einmal überlegte. Über zehn Jahre arbeitete sie bereits bei Dr. Richter und ihn zu verlassen fiel ihr eh nicht leicht. Die Unsicherheit mit den neuen Freund und einem neuen Arbeitsplatz, verlieh ihr wohl endlich die nötige Stärke, den Freund vor die Alternative zu stellen: nämlich, daß er zu ihr, anstatt sie zu ihm zuziehen. Und siehe da, wenn die Liebe stark genug ist, vollbringt sie Wunder. Er bestand nicht mehr auf seine Forderung, sondern ging auf ihr ein. So konnte sie bleiben und für alle war es ein glücklicher Ausgang. Mir fiel nochmals ein Reststein vom Herzen, als ich das hörte. Auch war ich froh für Patricia, die sich, wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben, einem Mann gegenüber durchgesetzt hatte und daß dieses Mal er auf sie eingegangen war. Das hat ihr Selbstbewußtsein sicher gestärkt.
Nach dieser, für mich mittleren Katastrophe, setzte ich mich täglich hin und begann mir das Blindschreiben auf der Schreibmaschine anzulernen. Das dazu benötigte Lehrmaterial fand ich unter meines Sohnes Christoph abgelegten Schulbüchern. Jetzt wollte ich zuerst einmal, bevor ich mich um weitere Arbeit umsah, wirklich perfekt und blind schreiben können. Zwei Stunden jeden Tag und das wochenlang übte ich, danach hatte ich es geschafft. Irgendwie hatte ich dann auch den Eindruck, ein lange gehegtes Defizit, eine gewisse Minderwertigkeit ablegen zu können. Seitdem ist es für mich ein gutes Gefühl, endlich ohne ständig auf die Tasten schauen zu müssen, meine Texte zu schreiben.

6. Mai 1994
Beim nächsten Englischunterricht fragte mich meine Freundin Ute gleich, wie es mir bei meiner Arbeit geht. Um der ganzen Sache den Stachel zu nehmen, und um ihr nicht viel Möglichkeiten zu geben, über mich herzufallen, sagte ich ihr ehrlich und zerknirscht, daß ich wieder aufhören mußte. „Du hast tatsächlich mit allem, was du mir gesagt hattest recht gehabt,” bestätigte ich ihre vorher zu mir gemachten Bedenken. “Aber,” sprach ich weiter, „ich habe es Dir nicht geglaubt und würde heute noch einmal genau so handeln. Mir fehlten die Erfahrungen und ich war doch auch sehr blauäugig, das sehe ich jetzt ein. Naja, jetzt weiß ich ein wenig mehr und kam mich auf das nächste Mal besser einstellen.” Sie machte es daraufhin gnädig mit mir und erwiderte nicht viel darauf. Die Genugtuung recht behalten zu haben, reichte ihr wohl aus. Sie gab mir dann aber noch einen wertvollen Rat. Eine Bekannte von ihr ist Beraterin für Mütter, die diesen Frauen half, nach den Jahren der Kindererziehung wieder ins Berufsleben einzusteigen. Sie nannte mir ihren Namen und Telefonnummer und legte mir ans Herz, mich mit ihr ins Benehmen zu setzten. Daran merkte ich, daß sie es mir nicht weiter übel nahm, weil ich ihr nicht geglaubt hatte, und sie Anteil nahm an meinem Schicksal. „Du wirst sehen, Frau Blüschen ist eine ganz nette Frau, und sie kann Dir auch helfen eine neue Stelle zu fingen.” Nun, schaden konnte es nichts. Also würde ich diese zu gegebener Zeit tatsächlich einmal anrufen, nahm ich mir vor. Damit hoffte ich, daß die Sache Dr. Richter ausgestanden war. Sie hatte mich mitgenommen, mich zwei Kilo leichter gemacht und nun wollte ich vergessen und nach vorne schauen, um es das nächste Mal besser zu machen.
Doch zunächst geschah noch anderes, unerwartetes, das mit dem Erlebten unmittelbar in Verbindung stand.
Während meine Familie, die alles hautnah miterlebt hatte, die gesehen hatte, wie ich mich bemühte, dann Verständnis zeigte und mir keine Vorwürfe machte, kam ein Angriff aus einer Ecke, wo ich sie am aller letzten vermutet hätte. Es war ungefähr zwei Wochen nach meinem Gespräch mit Ute. Florian, mein älterer Sohn und ich brachten Ausrangiertes zum Recycling-Hof. Ich hatte eine Menge alter Kleider in den Lagerraum gebracht, als Florin hinter mir nach kam. “Mutti, draußen ist der Walter, willst Du ihn nicht begrüßen? fragte er mich. Walter, daß war der Mann von Freundin Ute. Bei ihm wußte man oft nie so recht, wie man sich verhalten sollte. Er war der typisch Mann mit harter Schale, weicher Kern. Wenn man sich von seiner Art nicht einschüchtern ließ, war er ein netter, sehr hilfsbereiter Mensch. Er hatte auch eine Neigung dazu, mich immer ein wenig “auf den Arm zu nehmen”, was ich aber gelernt hatte, humorvoll abzuwehren. Ich denke, er mochte mich eigentlich recht gern. “Aber, klar, das mach’ ich,” antwortete ich auf Florians Frage und schon eilte ich nach draußen. Auch Walter war mit Abladen beschäftigt. Ich stellte mich zu ihm und sagte: “Hallo, Walter, Grüß dich.” Doch anstatt meinen Gruß zu erwidern, sah er mich von oben herab an – er ist einen halben Kopf größer als ich – und meinte etwas pikiert: “So, so, Du hast ja Deine Arbeit wieder einmal sehr schnell sausen lassen.” Für einen Moment war ich daraufhin sprachlos. Ich wußte, was er damit meinte. In mir stieg Wut auf, aber ich versuchte mich zu beherrschen. Doch dieses mal ging ich nicht spaßig darüber hinweg. Diese Sache ging ihn nichts an, das würde ich ihm einmal deutlich sagen. “Hör zu, Walter, was geht dich das eigentlich an? Du weißt doch gar nicht, was ich mitgemacht habe, also laß mich zufrieden.” Aber damit gab er noch nicht auf, und zum besseren Verständnis, muß ich erklären, daß er auf der Arbeitgeberseite stand. Er besitzt ein Elektrogeschäft; hat also mit Personal zu tun. „Du kannst doch nicht gleich abhauen, wenn nicht gleich alles so läuft, wie Du es dir wünscht!” sagte er zu mir. Aber ich hatte nicht die geringste Lust, mich mit ihm herum zu streiten, oder ihm gar meine Kündigungsgründe zu nennen. Also sagte ich zu ihm: „Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, also laß mich in Ruhe!” Dann drehte ich ihm den Rücken zu und ging weg. Innerlich bebte ich. Da hatte doch die liebe Ute, bei sich zu hause alles von mir gründlich ausgeplaudert. Nicht daß ich ihr das besonders Übel nahm, denn das ist nur menschlich, aber daß Walter den Nerv hatte, mich daraufhin anzusprechen, fand ich stark. Florin und ich fuhren dann zurück nach hause. Bis zum Abend hatte ich es fast vergessen. Meinem Mann sagte ich nichts davon, der hatte eigene Probleme genug in seinem Büro. Es mag so zwanzig Uhr dreißig gewesen sein, als an diesem Abend das Telefon läutete. Ich ging dran. Es war Walter. Er, der in all den Jahren, in denen ich mit Ute befreundet bin, höchstens ein oder zweimal angerufen hatte, war am Telefon. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Meine strikte Abfuhr am Nachmittag, hatte ihn so aufgewühlt, daß er sich jetzt rechtfertigen wollte.

7. Mai 1994
Gleich, als ich seine Stimme erkannte, wollte ich spontan den Hörer wieder auflegen. Ich hatte wirklich kein Verlangen, mich mit ihm auseinander zu setzen, dazu standen wir uns nicht nahe genug. Anerzogene Höflichkeit ist aber ein starke Kraft und so fragte ich ihn, was er wolle. Er kam ohne Umschweifen auf den Nachmittag zurück. „Hilde, weißt Du, mir haben zwei Frauen aus Deinem Englischer gesagt, daß Du im ganzen Kurs unbeliebt bist, weil Du immer recht gescheit tust. Und jetzt hast du die Arbeit hingeschmissen, obwohl Du vorher so große Töne gespuckt hast. Es tut mir leid für Dich und ich will nicht, das sie so von Dir denken.” “Was für zwei Frauen meinst Du?“ fragte ich ihn überrascht. “Das können doch nur deine Frau und Frau Duda gewesen sein,” setzte ich hinzu. “Nein,” beteuerte er daraufhin, „die waren es nicht.” “Nun komm schon, sag es mir, das würde ich doch zu gerne wissen.” „Ich kann es Dir jetzt nicht sagen,” erwiderte er mir. „Später einmal werde ich es Dir erzählen. Aber glaube mir, es gefällt mir nicht, wie sie über Dich reden. Halte Dich doch mehr zurück und gib nicht immer wieder so an. Immer willst Du alles besser können, daß lassen sich die anderen halt auch nicht gefallen.” Wenn ich gleich zu beginn des Gespräches noch einiger Maßen gelassen war, so merkte ich jetzt, wie in mir langsam der Adrenalinspiegel in die Höhe stieg. Wer war er denn, daß ich ihm irgend etwas schuldig war. Ich hatte es auch gründlich satt, mich immer wieder wegen meiner Art entschuldigen zu müssen oder zu rechtfertigen. Und plötzlich hatte ich die Lösung. Außer meiner Familie hatte ich kaum auf jemand Rücksicht zu nehmen und das Verhalten von Walter und auch einigen Damen in meinem Englischkurs einschließlich meiner lieben Freundin Ute, störte mich schon lange. “So, Walter, dann will ich Dir nun einmal etwas sagen. Ich gehe in den Englischkurs, um Englisch zu lernen und nicht um einen Preis für die beliebteste Mitschülerin zu bekommen. Ich werde mich nicht mehr unterordnen, nur damit es einigen Leuten besser paßt. Sie brauchen mich nicht zu mögen und ich werde nichts tun, damit mich gewisse Leute mögen. Und überhaupt, was tun sie denn, damit ich sie mag? „Meine Stimme war immer lauter und fester geworden. Mit jedem Wort fühlte ich mich freier und sicherer. Ich war, bei all meinen Fehlern, ein Mensch, der Harmonie um sich herum brauchte und daher zu viel mehr Eingeständnissen bereit, als notwendig, was natürlich von manchen Leuten ausgenutzt wurde. Mein Mann Josef, der mit langen Ohren vom Wohnzimmer aus mithörte, was ich am Telefon sagte, konnte sich plötzlich nicht mehr beherrschen. Er schrie zu mir in den Flur hinaus: „Was ist da los? Wieso mußt Du Dich verteidigen? ” Walter konnte seine laute Stimme bis in den Hörer vernehmen. Josef ist zwar meistens ein sanfter Mann, aber wenn ihm einmal etwas nicht mehr paßte, dann war nicht gut Kirschenessen mit ihm. Sofort senkte denn auch Walter seine Stimme und sein Ton wurde ruhiger und besänftigender. “Ich meine es ja nur gut mit Dir, es tut mir weh,” meinte er, „wenn man so von dir spricht.” Ich glaubte es ihm sogar. Ich hatte immer den Eindruck gehabt, daß er mich auf seine etwas raue Art und Weise gern hatte und seine versteckten Annäherungsversuche hatte ich mit Humor und Verständnis abgewendet. Ich wußte auch, daß er zu gerne einmal mit mir ins Bett gegangen wäre, auch wenn er es nie deutlich sagte. Aber das wäre für mich das Letzte gewesen – mit dem Mann der Freundin ein Verhältnis einzugehen – selbst wenn es mich noch so gereizt hätte, was bei ihm aber sowieso nicht der Fall war. Ich hatte nicht einmal mit dem Mann einer anderen Freundin geschlafen, obwohl wir uns gegenseitig unser Verlangen gestanden hatten. Die daraus entstehenden Verwicklungen wollte ich nicht riskieren. Auch wollte ich meinen Josef nicht verletzen, obwohl er mit seinem Verhalten manchmal nicht unschuldig war an meinen sexuellen Verlangen nach anderen Männern. Und zugegeben, bei völlig unbekannten Männern kannte ich diese Hemmungen nicht. Also reagierte ich auch entsprechend darauf. “Gut, Walter, das glaube ich Dir sogar,” sagte ich zu ihm. “Und ich finde das auch ganz lieb von Dir, aber das muß nicht Deine Sorge sein. Ich bin jetzt alt genug, um zu wissen was ich tu und was nicht. Außerdem regen mich manche Damen aus dem Englischkurs mit ihrem geldgeilen Gehabe oft so auf, daß ich halt mit den Dingen prahle, die ich zu bieten habe. Und, ich betone es nochmal, sie brauchen mich nicht zu mögen. Du weißt, wie sehr mich mein Mann liebt und wie sehr meine Kinder hinter mir stehen, da können sie leicht vor Neid blaß werden. Vielleicht ist es ja das, was sie so ärgert, aber da kann ich ihnen auch nicht helfen. Viele von denen habe ja ziemlich viel Geld, damit kann ich ja nicht dienen. Ich habe eben andere Werte und damit gehe halt ich hausieren. Du weiß ja, ein Duckmäuser war ich noch nie. Und jetzt laß es gut sein, der Josef schaut schon ganz böse.” Wenn es um mich geht, ist bei meinem Mann immer sehr schnell sein Beschützerinstinkt wach, etwas, das ich bei ihm besonders liebe, auch wenn es oft nicht notwendig ist. Es gab mir das gute Gefühl der Geborgenheit. Ich verabschiedete mich von dem Mann meiner Freundin Ute. Anschließend fragte mich Josef, was er alles gesagt hatte und ich erzählte es ihm. Was ich gesagt hatte, hatte er ja hören können und er lobte mich, daß ich nicht klein beigegeben hätte. “Das wäre ja noch schöner gewesen!” War sein abschließender Kommentar dazu.
Zu dieser Sache habe ich aber inzwischen noch andere Gründe für Walters Aufgebrachtheit von Sabine, der Freundin meines Sohnes Florian erfahren, die in einer Firma arbeitete, dessen Besitzer mit Walter und Frau befreundet sind. Dem hatten zwei Mitarbeiterinnen nach kurzer Zeit gekündigt und das hatte sein Selbstbewußtsein wohl angeschlagen. Darum konnte er mit meinem Chef mitfühlen und nahm für ihn Stellung. Meine Gefühle dabei waren für ihn nur zweitrangig. Als Mensch habe ich da nicht gegolten, sondern nur als funktionsfähige Arbeitskraft. Seine Aussage aber, daß mich niemand aus dem Englischer mochte, konnte und wollte ich aber so nicht hinnehmen. Bei einer sich bietenden Gelegenheit stellte ich sie herzklopfend zur Rede. Und siehe da, es schieden sich die Geister. Während mir tatsächlich die einen Vorhaltungen machten, wegen meines Wesen, hatten andere Verständnis dafür oder mochten mich gerade deswegen, weil ich so war, gern. Aber das ist kein Wunder, so ist es doch meistens. es gibt nicht umsonst das Sprichwort: Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst die niemand kann! Ich hatte es jedenfalls endgültig satt, mich immer wieder wegen meines Wesen rechtfertigen zu müssen, und das sagte ich ihnen in aller Deutlichkeit. „Ich komme in den Unterricht, um zu lernen und nicht um Freunde fürs Leben zu finden. Und wenn ihr meine Art nicht mögt, dann werde ich nach dem Unterricht nicht mehr mit Euch ausgehen. Damit wäre dann der Streit aus geräumt,” fügte ich noch hin zu.
Überhaupt hatte einige der Kursteilnehmerinnen von Beginn an versucht mich klein zu halten, fällt mir jetzt ein. Nachdem ich erst im sechsten Semester zu ihnen gestoßen war, hatten sich bereits eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet, bei der bestimmte Regeln stillschweigend eingeführt worden waren. So hatte mir eine von ihnen, ich war zum ersten Mal nach dem Unterricht mit ihnen noch in ein Lokal gegangen, scheinbar scherzhaft verboten, zu rauchen. Sie sagte etwas spitz zu mir: „Von uns raucht hier niemand am Tisch!” Ich war sechsundvierzig Jahre zu diesem Zeitpunkt und ich ließ mir doch in einem Lokal nicht das Rauchen verbieten. Also antwortete ich ihr bestimmt aber freundlich: „Das ist ja schön für Euch, aber ich rauche, wann ich will!” Worauf sich auch sogleich die Kursleiterin mit den Worten: „Das muß ja auch jeder selber wissen.” einmischte und mir damit die Stange hielt, was ich sehr mutig von ihr fand,

8. Mai 1994
Nachdem ich mich da etwas durchgesetzt hatte, machte ich mich daran weiter an meiner Kariere zu basteln. Die Erfahrung mit Dr. Richter hatte mir viel von meiner Unbekümmertheit genommen und ich wußte jetzt, daß ich noch einiges zu lernen hatte, bevor ich soweit war, wieder in einer Firma tätig zu werden. Ich nahm als erstes den Rat von Ute an und machte einen Termin bei Frau Blümchen. Sie entpuppte sich als eine nette, auf den ersten Blick etwas hausbackene Frau, die aber bei unserem Gespräch in der Sache sehr kompetent war. Wegen langjähriger Erfahrung mit wieder einsteigenden Müttern wußte sie auch mir guten Rat. Weil ich gelernte Bürokauffrau war, riet ich mir, einen der vom Arbeitsamt angebotenen Computerlehrgänge zu machen. Danach hätte sie genügend Verbindungen zu Unternehmen, um mir eine passende Stellung zu vermitteln. Das alles erschien mir gut und sinnvoll und in diesem Sinn gingen wir auseinander. Einen Vorstellungstermin beim Arbeitsamt bekam ich, aber ich mußte mich vier Wochen gedulden, bis ich an der Reihe war. Da bis zum Weihnachtsfest auch noch einige Zeit hin war und ich für Geschenke mehr Geld zur Verfügung haben wollte, sah ich mich intensiv nach einer weiteren Verdienstquelle um. Die Wochenendausgabe der Zeitung studierte ich daher gründlich. Für das Weihnachtsgeschäft wurden viele Aushilfskräfte benötigt und ich würde eben für einige Wochen so einer Tätigkeit nachgehen. Vor Februar bis März gingen die Computerkurs nicht an, ich hatte als Zeit dafür. Ein Inserat von einer großen Kaufhauskette interessierte mich besonders und ich meldete mich bei ihnen. Ich nannte der Bearbeiterin meinen Namen, Adresse und Telefon und bereit zwei Tage später hatte ich ein Bewerbungsschreiben in meiner Post – ein zwei seitenlanger Bogen, in dem selbst die Berufstätigkeit des Ehemannes noch erfragt wurde. Zum gründlichen Ausfüllen dieses Bogen erwartete diese Firma noch einen Lebenslauf mit allen Berufsausübungen der vorherigen Jahre. Das konnte doch nur ein Witz sein. So ein Aufwand für eine Aushilfsposten von maximal sechs Wochen. Ich rief nochmals bei dem Kaufhaus an und erkundigte mich, ob dieser Aufwand denn wirklich notwendig sei. Die Dame am Telefon sagte mir etwas pikiert: „Nun ja, eigentlich schon, bei uns wird das eben verlangt.” Ehrlich, ich war leicht erschüttert. Trotzdem füllte ich den Bogen weitgehend aus, wobei ich die Details über meinen Mann ausließ, und schickte ihn ohne Lebenslauf ab. Die entsprechenden Fragen dazu, waren ja bereits in dem Fragebogen enthalten. Qualifiziert war ich für diese Tätigkeit in jedem Fall und ich würde ja sehen was geschehen würde. Es geschah aber nichts. Ich bekam keine Antwort auf meine Bewerbung. Und im Grunde hatte ich auch keine mehr erwartete. So ein Zirkus wegen einer befristete Arbeit, das erschien mir zu dumm. Es kann ja sein, daß sie ihre Gründe dafür hatten, das konnte ich nicht wissen, aber für mich erschien es lächerlich. Da mußte ich dann weiter suchen. Schon bald entdeckte ich ein weiteres interessantes Inserat. Ein großer Spielzeughersteller – Playmobil – suchte für das Weihnachtsgeschäft noch Propagandistinnen. Ich rief sofort die angegebene Nummer an. Eine sympathische Männerstimme meldete sich und ich sagte ihm meinen Namen und den Anlaß für meinen Anruf. Für diese Arbeit hatte ich einen Trumpf im Ärmel, weil ich bereits einmal einige Jahre Spielzeug verkauft hatte. Das erzählte ich ihm mit sicherer und munterer Stimme. „Frau Fischer,” sagte er daraufhin, “ich glaube, ich sind meine Kandidatin. Ich sage es ihnen ehrlich, es haben bereits an die zwölf Frauen bei mir angerufen, aber sie erscheinen mir die passendste zu sein. Ich kann Ihnen noch nichts fest versprechen, da ich darüber noch nachdenken muß. Ist es Ihnen recht, wenn ich in einigen Stunden nochmal bei Ihnen anrufe, dann sage ich Ihnen definitiv, wie ich mich entschieden habe?” Ganz klar, daß mir das recht war. Das Produkt, das diese Firma verkaufte, mochte ich besonders gern und tut man nicht immer lieber etwas, wenn man es mag? Ich sagte also begeistert zu. Wenn ich aufgeregt die nächsten Stunden auf seinen Anruf gewartete hatte, so ließ ich mir äußerlich doch nichts anmerken. Der Job war im wesentlich zu gering dafür. Zwar sollte es eine sechs Wochen dauernde ganztägige Tätigkeit sein, doch, so sagte ich mir, würde sie auch schnell vorüber gehen, bei dem ganzen Weihnachtstrubel. Der Rückruf kam schneller als ich dachte und ich bekam den Job. Der Vertreter der Firma, der das mit mir ausmachte, erklärte mir noch, daß ich eine so sympathische Stimme habe und mich so gut am Telefon artikulieren könne, daß dies den Ausschlag für seine Wahl gegeben hätte. Die Zeit, sich die Kandidatinnen persönlich vorher anzusehen bliebe ihn leider dieses Jahr nicht und darum müsse es einmal so gehen. Vor Antritt meiner Arbeit würde ich aber noch eine gründliche Einarbeitung erhalten und die notwendigen Einweisungen. “Wie und wann, das erfahren sie noch schriftlich, das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen.” erklärte er mir noch bei dem Gespräch. “Für gewöhnlich haben wir dazu Tageskurse, zu denen unsere Kandidaten auf unsere Kosten eingeladen werden. Bei der Kürze der Zeit, klappt das bei Ihnen womöglich nicht, so daß ich oder mein Chef sie persönlich einweisen werden.” fügte er noch hinzu. Wie auch immer, ich freute mich über seine Zusage und war für die nächsten Wochen beschäftigt. Zaghaft machte ich bescheidene Pläne für das, von zu erwartende Zusatzgeld. Einige Tage später kam denn auch mit der Post ein dickes Kuvert der Spielzeugfirma mit Katalogen ihrer Waren und ein Vorstellungs- und Einweisungsgespräch. Selbstverständlich war ich dann pünktlich dort erschienen. Der Hauptvertreter persönlich empfing mich und führte mich in ein gemütliches Lokal. Etwas abgeschieden von den anderen Gästen, unterrichtete er mich über die zu verkaufenden Produkte, welche Pflichten ich zu erfüllen hatte und sagte mir meinen Verdienst für diese Wochen. Es gab einen täglichen Grundbetrag und dazu Prozente für den Umsatz. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, was in dieser Branche so bezahlt wurde, und der Verdienst kam mir angemessen vor.

9. Mai 1994
Anschließend führte er mich in die Spielzeugabteilung des Kaufhauses und stellte mich dem zuständigen Abteilungsleiter vor. Dann war ich entlassen bis zu dem Tag, an dem ich anfangen sollte. Die Zeit bis dahin, es waren so an die drei Wochen, vergingen schnell. So gut ich konnte brachte ich meinen Haushalt auf Vordermann, kaufte notwendige Lebens- u. Haushaltsmittel ein und putzt das ganze Haus gründlich. Ich rechnete damit, daß wenn ich wochenlang den ganzen Tag nicht zu Hause sein konnte, vieles liegen bleiben würde. Sicher würde mein Mann tun, was immer er konnte, aber auch er war den ganzen Tag beschäftigt. Und was unsere Söhne betraf, da machte ich mir keine Illusionen, sie würden mehr Arbeit machen, als dabei zu helfen Arbeiten zu erledigen. Im Grunde genommen machte ich mir aber darüber nicht zu viele Gedanken. Da die Arbeit befristet war, und danach die Weihnachtsferien begannen, würde ich Rückstände im Haushalt zu diesem Zeitpunkt aufarbeiten.
Am ersten Arbeitstag stand ich um sechs Uhr auf und nahm mir fest vor, das all die Zeit über zu tun. Josef tat das gleiche und machte sich daran und den Holzofen in der Küche in Gang zubringen. Anschließend kümmerte er sich um das Frühstück. Ich stand unterdessen unter der Dusche, mußte mich aber damit beeilen, weil Sohn Christoph noch vor sieben aus dem Haus mußte, um den Schulbus rechtzeitig zu erreichen. Im Frotteemantel kam ich frisch und munter zum Frühstücken und wir aßen gemeinsam. Diese paar Minuten genoß ich wie immer, waren es doch die so seltenen, die wir ungestört zusammen sein konnten. Danach ging jeder seiner Tätigkeit nach und bis zum frühen Abend war immer etwas anderes los.
Mein Arbeitstag begann um neun und ich brauchte mich nicht zu beeilen. Ich steckte noch die Waschmaschine voll mit schmutziger Wäsche und schaltete sie ein. Ich schminkte mich, zog mich an und fuhr dann los. Ich war nicht aufgeregt. Die Arbeit, die ich jetzt zu machen hatte, war nicht schwer und trotz dem Erlebnis bei Dr. Richter war ich guter Dinge. Mein unmittelbarer Vorgesetzter dort hatte bei unserer gegenseitigen Vorstellung auf mich zwar einen leicht gehetzten, aber sehr freundlichen Eindruck gemacht. Ich hoffte, daß er mir keine Schwierigkeiten machen würde, im welcher Form auch immer.
Am Personaleingang die obligatorische Stechuhr. Mein Namensschild steckte bereits in dem dazu vorgesehenen Behälter. Ich brauchte es nur noch herausziehen und abstempeln lassen. Wo die Personalräume lagen wußte ich bereits, da man mich nach meinem Einführungsgespräch im Haus herumgeführt hatte. Zuvor meldete ich mich aber noch im Personalbüro. Dort bekam ich einen Schrank zugewiesen. Außerdem ein Namensschild, das ich mir an die Brust zu heften hatte. Ich fand das gut. Es ist mir immer irgendwie peinlich, wenn ich eine Frau, deren Namen ich nicht kenne, mit Fräulein anreden muß. Zwar ist es durchaus üblich, wenn man “Hallo Fräulein” sagt, aber recht eigenartig klingt doch “Hallo Frau”. Bei mir ist die Versuchung groß zumindest „Hallo sie Frau” zu sagen, was aber noch komischer, wenn nicht gar seltsam klingt. Aber jemanden z.B. mit „Frau Fischer” anzusprechen, das hatte einen guten normalen Klang und mit einem sichtbaren Namensschild an der Vorderseite des Körpers wußte man, woran man war.
Als ich alle notwendigen Formalitäten erledigt hatte, stellte ich mich meinen Kolleginnen vor. Auf den ersten Blick lauter nette Frauen, in unterschiedlichem Alter und bis auf eine junge Frau – die Abteilungsleiterin – waren es Propagandistinnen, Aushilfen oder Teilzeitkräfte. Ich konnte mich nicht lange bei ihnen Aufhalten. Zwar war das Weihnachtsgeschäft noch nicht sehr angelaufen, aber ich wollte meine Arbeit gut machen und mich an die Spielregeln halten. An diesem ersten Morgen machte ich, wie verlangt, zuerst einmal eine genaue Inventur der vorhandenen Spielzeugwaren. Später würde noch bestellte Ware dazu kommen und so vorbereitet konnte ich dann den verkauften Bestand kontrollieren. Diese Art der Arbeit war leicht für mich. Präzise erledigte ich sie und kam mir dabei wichtig vor. Kaum einer würde mir dazwischen reden, denn jede der anderen Frauen hatte ihr eigenes Gebiet und keine Zeit sich um eine andere zu kümmern. Ich tat etwas, was ich konnte und diese Leistung steigerte mein Wohlbefinden und meine Selbstwertgefühl enorm. Nachdem ich die Inventur abgeschlossen hatte, die alle Ware im Lager und in den Regalen betraf und ordnete diese in den Verkaufsregalen nach Zugehörigkeit. Die Woche vorher hatten die Personen, die das Jahr über dafür verantwortlich waren, in dem Bewußtsein, daß ich kommen würde, nicht mehr viel in dieser Richtung unternommen. Das war auch nicht schlimm. Mit den halbvollen Regalen war besser zu arbeiten und ich teilte es mir so ein, wie ich es für richtig hielt. Als das paßte füllte ich die freien Stellen mit den fehlenden Stücken auf. In der Zwischenzeit kamen immer wieder Kunden, die sich Auskünfte geben ließen oder gleich Spielzeug kauften. Ich kam mir vor, wie das kleines Mädchen, als ich meine ersten Kaufladen bekommen hatte.

10. Mai 1994
Für die Mittagspause hatte ich mir mein Englischbuch zum Lernen mitgebracht. Ich steckte gerade in einer intensiven Lernphase und wollte den Prozess durch meine Arbeit nicht unterbrechen. Da ich sowieso keinen Menschen in dem Kaufhaus kannte und auch nicht die Absicht hatte jemanden kennen zu lernen, übte ich meine Texte und Vokabeln während ich aß. Rings um mich her saßen und unterhielten sich die Mitarbeiter des Hauses, die ich aber aus meinen Gedanken aussperren konnte, solange ich übte. Und diese störten mich auch nicht dabei. Der Tag war lang, aber weil ich immer beschäftigt war, ging er rasch vorbei. Währender den gelegentlichen flauen Zeiten hatte ich Gelegenheit mich mit den Kolleginnen zu unterhalten. Zwei davon waren besonders nett, jede auf ihre Weise. Mit diesen zwei befreundete ich mich denn auch an, im Laufe der Wochen. Bettina, eine wirklich apart und jugendlich aussehende dreißigjährige, ledige Frau, mit burschikosem offenem Wesen, die sich mir später etwas fester anschloß, betreute Bücher, Puzzles und Spiele einer bekannte renommierten Firma. Die andere, Roswita, verheiratet und mit zwei Töchtern gesegnet, war auch noch jung, sehr zart und etwas zurückhaltend in ihrer Art, aber auf ihre Art sehr nett und kameradschaftlich. Da wir drei in dieser Abteilung die einzigen Propagandistinnen waren hielten wir natürlich besonders zusammen. Das machte sich für mich mit der Zeit positiv bemerkbar.

Am späten Nachmittag dieses ersten Tages bekam ich Besuch von meinem Mann, was mich nicht sonderlich verwunderte, aber zu meinem Erstaunen auch den von meinem jüngeren Sohn Christoph. Zuhause hatte er noch wie getönt, daß “ER” mich nicht vermissen würde, wenn ich den ganzen Tag nicht da sei, und jetzt, bereits am ersten Tag, begleitete er Josef bei seinem Besuch bei mir. Ich sagte natürlich nichts deswegen, wußte ich doch, wie empfindlich er deswegen reagieren würde, aber ich freute mich unbändig und lachte mir innerlich ins Fäustchen. Ja, ja, die lieben Kinder, Theorie und Praxis waren doch zwei verschiedene Welten.
Der Besuch meines Mannes war aber nicht reine Sehnsucht nach mir, sondern sollte auch einem praktischen Zweck dienen. Während einer Kunden freien Minute teilte ich ihm meine Einkaufswünsche für den Haushalt mit, die er in dem nahe gelegenem Lebensmittelcenter erledigen konnte. Als er damit fertig war und die Einkäufe im Auto verstaut hatte, schlenderte er mit dem Sohn durch die angrenzenden Ladengeschäfte. Davon konnte er nie genug bekommen, und da ich leider diese Leidenschaft mit ihm nicht teilte, kam er auch nicht so oft dazu. Jetzt genoß er es, und daß Christoph mit dabei war, gab dem ganzen einen gewissen Höhepunkt. Ich gönnte es ihnen! Bei meinem Arbeitsende standen sie dann pünktlich vor dem Personalausgang und fuhren gemeinsam nach Hause. Den ersten Tag hatte ich hinter mir und ich war mir sicher, den Rest auch zu meistern.
Die erste Woche verging. Ich war beschäftigt mit Arbeit die mir Freude machte und die ich konnte. Der Abteilungschef gab mir Unterstützung wo immer ich sie brauchte und vertraute schon bald meinem Urteilungsvermögen. So sehr er auch immer in Atem gehalten wurde von den vielfältigen Aufgaben die er gerade vor Weihnachten bewältigen mußte – wenn ich seinen Rat brauchte war er immer und sofort bereit mich freundlich anzuhören. Ach, ich kann nur sagen, meiner Erfahrung nach kommen auf einen ganzen Haufen kaum einer wie er. Er riet mir, mich bei der Konkurrenz umzuschauen, damit wir bei gleichen Produkten die Preise angleichen konnten. Wenn wir sie überteuert anboten, würden die Kunden sie nebenan kaufen, wo sie billiger waren. Ganz ehrlich, ich weiß nicht ob das üblich ist, dazu fehlt mir die Erfahrung und das Wissen, und dementsprechend heimlich machte ich – beziehungsweise versuchte ich es. Doch aus dem anderen Spielzeugladen im selben Haus, kam das Fräulein, das von der selben Firma wie ich angestellt war, in meine Abteilung und als ich sie als solche erkannte machte ich es ihr leicht, und wir gingen gemeinsam das Sortiment durch. Futterneid kenne ich nicht, denn ich glaube, daß für alle genug da ist. Und wenn nicht manche Leute glauben würden, sie müßten mehr, mehr, mehr haben, ginge es wohl einigen anderen, die so gut wie nichts haben, etwas besser. Kam ich dann mit meinen Vorschlägen zum Chef, sagte er immer: “Wenn sie das für richtig halten, dann machen sie es. Meinen Segen haben sie.” Und dazu bekam ich immer ein herzliches Lächeln, welches mein Herz erfreute. Warum frage ich mich, können nicht mehr Chefs so sein. Er jedenfalls stärkte damit mein Selbstvertrauen enorm und ich dankte es ihm mit Fleiß und ordentlicher Arbeit. Im Grunde war er wohl froh, daß ich meiner Sache gewachsen war, und er sich mit mir “Neuling” nicht befassen mußte. Viele andere Aufgaben warteten stündlich auf ihn und mußten erledigt werden, das kann man sich ja leicht vorstellen. Eigentlich hätte ich nun recht zufrieden sein können, aber da gibt es immer wieder im Leben Strömungen, denen wir nicht ausweichen können.

11. Mai 1994
Eine Woche verging und ich lebte mich gut in den Rhythmus der Arbeitszeiten ein. Und als wir Frauen uns ein wenig länger kannten, kam von der ein und anderen etwas verhalten die Frage nach meiner Bezahlung. Da ich keinen Grund sah, es nicht zu sagen, tat ich es. Dazu muß ich grundsätzlich erwähnen, daß ich das Theater um die Geheimhaltung der Höhe vom Einkommen schon immer eigenartig und dumm fand, denn früher oder später kommt es ja doch heraus. Und deshalb kann man von mir jederzeit erfahren, was ich verdiene, es sei denn, ich will es nicht sagen, weil ich den Frager nicht gut kenne oder seine Absichten offensichtlich undurchsichtig sind. So macht man sich auch keine falschen Vorstellungen wegen dem, was ich mir leisten kann und nicht. Obwohl es ja niemanden etwas angeht, aber jeder will es anscheinend wissen. Eine meiner Schwägerinnen z. B. fängt jedes mal, wenn wir uns treffen damit an. Sie sag dann, was sie sich alles leisten könnten, hätten sie nur das Gehalt meines Mannes. Es sind aber mein Bruder und sie, die aufwendige Urlaube machen und nicht wir. Zweimal schon waren sie bereits in Amerika, auch wenn meine liebe Schwägerin nicht wußte, das Brasilien zu Amerika gehört. Das war nämlich folgendermaßen, das muß ich kurz erzählen. Wir hatten die beiden im Sommer für ein Wochenende eingeladen zu uns zukommen nach Oberbayern. Da steht unser Wohnwagen und am See unser Segelboot (eines der wenigen Luxusdinge, die auch wir uns leisten). Da sie wieder einmal mit dem Verdienstvergleich angefangen hatte, sagte ich zu ihr, daß wir , im Gegensatz zu ihnen es uns noch nie hatten leisten können nach Amerika zu fliegen, obwohl das schon lange ein Traum von mir ist. Sie daraufhin ganz entrüstet: Na hör mal, wir waren doch noch nie in Amerika!” Ich darauf: “Du hast doch erzählt, das ihr voriges Jahr in Brasilien wart, und Brasilien liegt in Amerika.” Daraufhin sah ich mich verunsichert an und sagte weiter nichts. Ich hatte das Gefühl, sie glaubte mir nicht. Da unser Männer zu diesem Zeitpunkt am See waren, konnte sie sich auch nicht überzeugen ob ich oder sie recht hatte. Sobald die Männer aber zurück kamen, fragte sie ganz scheinheilig ihren Mann, meinen Bruder: „Du hör mal, liegt Brasilien in Amerika?” Mein Bruder sah sie etwas verwundert an, denn er verstand ja nicht den Zusammenhang der zu ihrer Frage geführt hatte, antwortete ihr dann aber mit “Ja!” Ich verkniff mir dazu eine weiter Bemerkung, denn sie stellte sich von alleine ziemlich dumm dar und das genügte mir. Jedenfalls, konnten wir uns solche Reisen nicht leisten. Wie ich wußte waren sie auch des öfteren in Frankreich und bereits zweimal in Kenia gewesen. Doch was machte es mir schon aus, ich war ihr deswegen nicht neidisch. Warum sie aber immer wieder glaubte, wir hätten mehr als sie, ist mir für heute ein Rätsel. Sie hatten nur ein Kind und arbeitete außerdem halbtags mit. Wir hingegen hatten zwei Kinder und ich war bis dahin immer nur zu Haus gewesen. Ich vermute ganz stark, das sie nur nicht zwei und zwei zusammen rechnen konnte, sonst hätte sie die dumme Frage nach unseren finanziellen Mittel, mit dem Unterton, daß wir mehr hätten als sie, nicht immer wieder gestellt. Das nur nebenbei.
Bettina fragte mich als erste nach meinem Verdienst, weil ich auch die erste war, der sich ihr gern anschloß. Meine offene und aufrichtige Art gefielen ihr und sie fragte mich dann oft über Dinge aus, von denen sie sich einen guten Rat erhoffte. Also sagte ich ihr meine Verdienstkonditionen. Es war ein Grundgehalt von vierzig Mark am Tag und drei Prozent vom Umsatz. Nachdem ich ihr das gesagt hatte, schaute ich mich ungläubig eine Zeitlang still an. Sie überlegte wohl, was sie jetzt zu mir sagen sollte, und ob überhaupt. Ihre Ehrlichkeit und Sympathie für mich siegte aber schließlich über das, worüber “sie” eigentlich hätte schweigen sollen. “Wenn Du nicht mehr bekommst,” sagte sie dann endlich, “dann hat man dich beschissen. Wir bekommen alle wesentlich mehr. Keine von uns würde für so wenig arbeiten. Stell Dir nur mal vor, wie viele Stunden du in der Woche dafür arbeitest und wenn dieses Jahr der Umsatz vom vorigen Jahr, und es sieht ganz danach aus, nicht erreicht wird, verdienst du zu wenig!” setzte ich noch hinzu. Diese Information von ihr mußte ich erst einmal verdauen und überdenken. Mit diesem neuen Aspekt hatte ich nicht rechen können und für den Moment überforderte es mich. Mit einigen nichtssagenden Worten überging ich die Angelegenheit, weil mir dazu im Moment nichts passendes einfiel. Wir trennten uns, die Arbeit ging weiter. Insgeheim hatte Bettina damit in mir eine Saat gesät, die unbedingt aufgehen wollte. Ich sagte mir zwar, daß ich mit den Bedingungen einverstanden gewesen war, aber auf der anderen Seite, hatte die Firma meine Unwissenheit ausgenützt und mir weniger Angeboten, als eine erfahrene Propagandistin gefordert hätte. Aufgerüttelt durch Bettinas Bemerkungen, machte ich mir die Arbeit auszurechnen, was ich im besten Fall an Stundenlohn zu erwarten hatte. Ich errechnete mir die Anzahl der zu arbeitenden Stunden, das waren vier Wochen in denen ich täglich von neun bis ein halb-sieben mit einer halben Stunde Mittagspause im Haus zu sein hatte. Hinzu kamen die langen Donnerstage an denen bis um neun Uhr abends geöffnet waren. Nicht zu vergessen die langen Samstage, geöffnet bis um achtzehn Uhr. Machte summarsumarum in der Woche 52,5 Arbeitsstunden ohne das ich hier die Pausen mitberechnet habe, aus. Das Ganze mal vier Wochen ergab genau zweihundertundzehn Stunden. Jetzt brauchte ich die Tagesfestpreis von vierzig Mark waren 6x4x40=960, dazu aus dem günstigsten Fall von Umsatz drei Prozent ergaben 50000:100×3=1500. Die beiden Beträge zusammen ergaben eine Summe von 2460,–DM. Das geteilt durch die Stunden ergaben den Stundenlohn von 11,71 DM. Wie ich die Zahl so vor mir sah, konnte ich es nicht recht glauben. Ich rechnete noch einmal, vielleicht hatte ich mich ja verrechnet, aber die Summe stimmte, sie blieb ich gleichen. Ich begann nachzudenken. Wie ein leichtes Gift drang die Sache in mich ein und machte mich nun doch etwas unzufrieden. Fast wünschte ich, Bettina hätte mich in Ruhe gelassen und mir nichts gesagt. Vielleicht war es doch nicht so dumm, wenn man den Frauen verboten hatte, über ihre Gehaltsforderungen zu schweigen. Auf der anderen Seite stellte ich mir die Frage, warum sollte ich mich wegen so einem geringen Lohn, dermaßen anstrengen. Denken sie nur mal darüber nach, wie viele Stunden ich täglich aus dem Haus war, und das bei dem anstrengendsten Geschäft des Jahres, dem Weihnachtsgeschäft. Und außerdem blieb in der Wohnung so viel Arbeit liegen, die ich jetzt natürlich nicht erledigen konnte. Na ja, da sollte sich die Schufterei wenigstens lohnen.

12. Mai 1994
Beim Einstellungsgespräch war mir mindestens dreitausend Mark versprochen worden, die sich aus dem Tagesfestgeld und drei Prozent aus sechzigtausend Mark Umsatz errechnete. Doch bereits nach einer Woche Verkauf zeichnete sich deutlich ab, daß dieser Umsatz nicht erreicht würde. Die Käufer aus dem Osten, die das Jahr vorher noch die Westdeutschen Geschäfte gestürmt hatten, blieben bis auf einen kleinen Rest aus. Nach dieser Informationen von Bettina, zu dem ein wenig später noch das von Roswita dazu kamen, wußte ich gleich nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloß abzuwarten, aber ein Stachel saß jetzt in meinen Gedanken. Der Verkauf ging weiter. Als die bestellten Waren nicht pünktlich kamen, hatte ich nicht genügend Material, um Umsatz zu machen und die Kunden kauften dann da, wo sie die Sachen bekamen. Auch erkannte ich sehr schnell, daß der Vertreter nicht genügend Waren für den Weihnachtsverkauf bestellt hatte. Schließlich sprach ich mit dem Abteilungsleiter darüber. Er klärte mich dahingehend auf, daß der Vertreter Vollmacht gehabt hätte, bis zu einem Limit von zwanzigtausend Mark Ware zu ordern, aber nur für knapp davon bestellt hatte. „Frau Fischer, bestellen sie noch schnell, was sie glauben, daß wir brauchen,” sagte denn auch Herr Listel zu mir und das tat ich sofort. Wer weiß, ob die Waren auch noch pünktlich ankamen, nach Weihnachten nützten sie niemanden mehr und mußten dann zum großen Teil zurückgeschickt werden. Endlich, endlich kamen an einem besonders hektischen Montag Vormittag die bestellten Spielzeuge an. Während sich die Kunden mehr oder weniger geduldig anstellten, und darauf wartete, die gewünschten Sachen zu bekommen, hetzte ich mich ab, um aus drei riesigen Containern, das richtige Herauszuziehen. Es dauerte! Zwischendurch kamen Kolleginnen und fragte nach mir, weil Kunden nach mir fragten. Aber es nützte ja nichts! Wenn ich die Ware nicht ausgepackt hatte und ausgezeichnet, konnte ich sie auch nicht hergeben. Und dann stellte ich auch noch fest, daß nicht alles geliefert war. Einiges kam dann zwar noch zu einem späteren Zeitpunkt, aber ein besonders gefragter Artikel kam überhaupt nicht. Dabei hatte ihn die Firma extra gut ausgestellt und nun war er nicht lieferbar. Es war ärgerlich. Ein Tag verging nach dem anderen und ich konnte mir ausrechnen, was mir die ganz Hetzerei einbringen würde. Sicher war, eine Putzfrau verdiente mehr in der Stunde, als ich für diese langen Stunden. Mein Ärger wuchs mit jedem Tag, als die neu bestellte Ware nicht Termingerecht kam und ich von einem Tag auf den anderen vertröstet wurde. Bei nur drei Prozent Anteil am Umsatz, war ich darauf angewiesen gut zu verkaufen. Für die Firma spielt mein Umsatz letztendlich natürlich keine Rolle, denn wenn die Käufer dieses besondere Stück nicht bei mir bekamen, gingen sie zum nächsten oder übernächsten Geschäft, die klüger gehandelt hatten und genügen Vorrat an eben diesem Artikel hatten. Bettina und Roswitha milderten dann zwar etwas die Stimmung indem sie mir mitteilten, daß in diesem Jahr der Umsatz generell unter dem des Vorjahres liegen würde, aber immer noch würden sie reichlich mehr bekommen für ihre Arbeit als ich. Sie hatten bei unterschiedlichem Umsatz gleich mehr festen Tagessatz und zudem nicht unter sechs Prozent Anteil vom Verkauf. Wenn ich so darüber nachdachte, erkannte ich die Ungerechtigkeit meiner Bezahlung deutlich. Drei Prozent, soviel gestand man bereits jedem Kunden im allgemeinen als Nachlass bei Barbezahlung zu. Dann erfuhr ich noch, daß das Weihnachtsgeschäft für die Firma fast die Hälfte des Jahresumsatzes bedeutete. Und immer noch kam die Ware nicht. Mittlerweile war ich so sauer, daß ich mir überlegte, alles hinzuschmeißen. Ich war unterbezahlt für eine anstrengende Arbeit und die Arbeit zu Hause blieb liegen. Als ich eine entsprechende Bemerkungen zu Herrn Listl machte, bat er mich, einen Tag zu warten, denn an dem käme der Vertreter. Der Tag kam, der Vertreter kam, was nicht kam war die Waren. Jetzt hatte ich endgültig genug, sollten sie doch machen was sie wollten. Ich hatte zugesagt, weil mir wenigstens dreitausend Mark versprochen worden waren und nun würde ich nur knapp zweitausenfünfhundert bekommen. Und man muß ich nochmal vor Augen halten, daß ich keinen normalen Arbeitstag, sondern eine zweiundfünfzig und einer halben Stunden Woche. Mir blieb ja nicht einmal der Sonntag zum ausruhen, denn da mußten liegengebliebene Dinge im Haushalt erledigt werden. Zudem stand ich jeden Morgen bereits um sechs Uhr auf, steckte eine Maschine Wäsche in die Waschmaschine, bügelte die trockene vom Vortag und räumte anschließend die Geschirrspülmaschine, die mein Mann immer ausräumte, wieder ein. Das Einkaufen erledigte er glücklicherweise, ich hätte nicht gewußt, wann ich das noch hätte machen können. Dem Vertreter, der uns fröhlich, da völlig ahnungslos, an diesem Tag besuchte und mir eine Flasche Sekt als Weihnachtspräsent überreichte, verging bald das Fröhlichsein. Nachdem ich mich für sein Geschenk bedankt hatte und das war mir eigentlich peinlich, denn ich wußte ja, was er nicht wußte, nämlich daß ich ihn zur Rede stellen würde und wenn das nicht befriedigend für mich aus ging, fristlos kündigen würde. Ich fragte ihn schließlich, wann die Ware denn nun käme, sie hätte schon vor Tagen da sein müssen und ich hatte keine Geduld mehr darauf zu warten. Wie eine Schlange wand er sich und gab die verschiedensten Entschuldigungen und Erklärungen von sich, aber einen konkreten Termin, konnte er nicht nennen. Ich muß sagen, das hätte ich selber nicht von mir erwartet, aber ich war außer mir. Ich war dermaßen frustriert, daß ich mich nicht mehr zurück hielt. „Gut,” sagte ich daraufhin zu ihm mit eiskalter Stimme, “wenn das so ist und ich wegen ihrer Firma, die die Ware nicht heran bringt, die mich aber hauptsächlich nach Umsatz bezahlt, nicht genügende verdienen kann und hier nur meine Zeit verplempere, dann reicht es mir jetzt. Machen sie was sie wollen, aber ich werde jetzt auf der Stelle meine Sachen packen und heim gehen. Ich lasse mich doch nicht so ausnützen!” fügte ich noch dazu. Jetzt hätte sie sehen sollen, wie die Herren, denn Herr Listl hatte unser Gespräch mitbekommen, aufgerüttelt wurden. Ehrlich, ich hatte mir nichts erhofft, ich wollte nur noch nach Hause. Ich hatte es satt immer wieder hereingelegt zu werden, nur weil jemand glaubte eine Dumme gefunden zu haben, mit der man alles machen kann. Herr Listl dieser Gute, Liebe, der mich zu schätzen gelernt hatte, sagte sofort: „Frau Fischer, ich bitte sie, gehen ich nicht. Warten sie, ich werde das jetzt klären. Aber bleiben sie, gehen sie nicht fort.” Dann griff er sich den Herrn Vertreter und zog ihn mit sich zu seinem Büro. Es dauerte tatsächlich nicht lange, während dessen ich mit den unterschiedlichsten Gefühlen kämpfte, denn ich hatte keine Lust mehr zu bleiben. Nach einiger Zeit kamen sie zurück. Der Vertreter war sichtlich betreten und kleinlaut und er tat mir etwas leid, denn hatte auch nicht alles allein verschuldet. Sicherlich, wenn er genügend Ware rechtzeitig bestellt hätte, wie es vorgesehen war, hätte unter Um­ständen so etwas nicht geschehen könne, aber wer weiß das schon? Herr Listel war jetzt ganz munter, denn er konnte mir nun den festen Verdienst von dreitausend Mark zusagen. Er hatte den Vertreter gezwungen seinen Gebietsvertreter anzurufen und mit ihm diese Kondition ausgemacht. Er hatte zu ihm gesagt, man könne mir nicht zuerst Versprechungen machen und es dann, weil der Umsatz nicht erreicht würde, achselzuckend abtun. Der Verdienst der Firma sei hoch genug, und mit mehr Erfahrung hätte ich sicherlich gleich bessere Bedingungen ausgehandelt. Denn daß man handeln kann, weiß ich inzwischen von den anderen Frauen, die seit mehreren Jahre ihre festen Firmen vertreten.

13. Mai 1994
Über diesen Ausgang war ich überrascht, denn ich hatte mir nichts erwartet. Kein Vorgesetzter hatte sich je so für mich eingesetzt. Eine heiße Freude stieg in mir auf, denn ich erfuhr, daß meine Arbeit und Mühe anerkannt wurde. Herr Listl konnte auf mich nicht verzichten und legte sich darum für mich ins Zeug. Derart befriedigt vergingen mir die restlichen Tage und Wochen wie im Flug.
In der Zwischenzeit war auch der Termin vom Arbeitsamt heran gekommen und ich meldete mich dort. Es nun über zwanzig Jahre her und länger, daß ich das letzte Mal beim Arbeitsamt gewesen war und war froh überrascht, daß ich von einem netten Herrn gut und ausführlich über die verschiedenen Möglichkeiten Informiert wurde, die ich in meinem Alter noch hatte. Er überzeugte mich auch, daß meine Zweifel, überhaupt noch eine Arbeit zu finden, unbegründet waren, da eine ganze Reihe von Arbeitgebern gern auf Frauen in meinem Alter und meiner Erfahrung zurück greifen würden. „In Ihrem Alter, “erklärte er mir, „hat man die meisten Schwierigkeiten in der Ehe und mit den Kindern hinter sich und man kann sicher sein, daß nicht mehr viele Überraschungen auf den Arbeitgeber zukommen.” Nachdem er sich noch einige Zeit mit mir unterhalten hatte und mich über meine beruflichen Vorbildungen ausgefragt hatte, war es nicht schwer den passenden Kurs für mich zu finden. Es war ein reiner Computer-Kurs, der volle vier Monate dauern würde und jeden Tag von acht bis zwölf Uhr ging. Allerdings begann der nächste erst Anfang März.
Ich war jetzt eigentlich schon voller Ungeduld, damit anzufangen, aber auf der anderen Seite, hatte ich noch einiges vor, das ich vorher erledigen mußte. Ganz wichtig für die Zukunft war, meine Schreibmaschinenkenntnisse wesentlich zu verbessern. Daran übte ich weiter, egal was kam, jeden Tag. Vieles andere hatte da erst mal zweitrangigen Charakter.
In zwischen ging immer noch und jetzt mit Volldampf der Weihnachtsverkauf weiter. Bis auf einen Artikel, waren die zuletzt bestellten Waren , wenn auch reichlich spät, doch immerhin noch gekommen. Eine ganze Anzahl von Kunden hatte oft täglich angefragt oder angerufen, ob das von ihnen gewünschte Spielzeug inzwischen da sei, weil sie es in anderen Geschäften auch nicht mehr bekamen und ich ihnen zugesichert hatte, ich würde es ihnen auf alle Fälle noch besorgen. Ich atmete auf, als die Nachricht aus dem Lager kam: „Die Sachen sind da.” Ich bin überzeugt, die Kunden atmeten genauso auf wie ich, denn wenn sich Kinder etwas bestimmtes wünschen ist die Enttäuschung groß, auch wenn das Ersatzgeschenk noch so toll und teuer ist. Kinder haben da andere Wertvorstellungen als wir Erwachsenen. So bald ich die Waren ausgepackt und ausgezeichnet hatte und die Verkaufsregale damit aufgefüllt, rief ich alle Kunden an, denen ich versprochen hatte, sie zu benachrichtigen, wenn das Gewünschte da ist. Ich war erstaunt, daß bis auf einen, tatsächlich alle immer noch auf die Lieferung gewarteten und sich nicht bei anderen Geschäften eingedeckt hatten. Bei der knappen Frist, wäre das nicht weiter verwunderlich gewesen und ich wäre nun auf den Sachen sitzen geblieben, denn es waren nur noch drei Tage bis zum Fest. Aber es ging alles gut! Bis auf einen Artikel, von dem der Vertreter, in der Annahme, er ließe sich so gut verkaufen, wie im Jahr vorher, und von dem sie im Jahr vorher nicht genug bestellen konnten, weil die Leute so närrisch danach waren, jede Menge bestellt hatte. Das Interesse war aber in der Zwischenzeit nicht mehr groß und es war abzusehen, daß davon ein Posten an Weihnachten zurück an die Firma ging. Die letzten beiden Tage vor Weihnachten waren wider allem Erwarten relativ ruhig und ich stellte für Herrn Listl unaufgefordert eine Liste der Spielzeugwaren zusammen, die zurückgingen und eine, in der nicht mehr vorhandene neu bestellt werden konnten. Meine letzte Tätigkeit war eine Abschlußinventur. Mit dieser konnte ich nochmals meinen Gesamtumsatz überprüfen und sie stimmte, zu meiner großen Überraschung, fast mit meinen täglichen Umsatzzahlen überein. Diese Übereinstimmung bedeutete auch, daß niemand mir in den vier Wochen etwas aus den Regalen gestohlen hatte. Die Überraschung war um so größer, da man ja immer wieder viel von den Kaufhausdiebstählen hörte. Sicher, ich erlebte auch in dieser Zeit dort, daß unser Hausdetektiv den einen und anderen Dieb erwischte, aber wegen meiner Wachsamkeit und der meiner Kolleginnen, während meiner Abwesenheit, hatte sich keiner an meinen Waren vergriffen. Das freute mich schon sehr, daß muß ich offen zugeben. Dabei – ich kann ihnen sagen – sind bei Kolleginnen Diebstähle geschehen, die, mit unter, an Dreistigkeit seines gleichen suchte. Einen einzigen davon erzähle ich ihnen jetzt. Ein Kunde, er sah gut aus, groß und schlank, scheinbar wohlsituiert, brachte eine schon etwas ramponierte teuere große Spielzeugschachtel zur Kasse. Er erklärte, daß er nach Kontrolle zu Hause festgestellt hatte, daß ein wesentliches Bauteil darin fehlen würde. Leider!!! hätte er den Kassenzettel bereits weggeworfen. Und weil die selbe Packung nicht mehr in unserem Geschäft vorhanden war, wollte er jetzt sein Geld zurück haben. Unglücklicherweise oder aber auch, der Mann hatte es so abgepaßt, war in dem Moment keine der zwei Frauen, die dafür zuständig waren, da. Die Kassiererin, die nicht recht wußte, wie sie sich verhalten sollte, ließ den Abteilungsleiter kommen und erklärte ihm die Sache. Nach einigem hin und her, und weil es keinen Grund gab, diesem “Herrn” zu mißtrauen, gab man ihm den Betrag von annähernd zweihundert Mark. Als nun die beiden Propagandistinnen zurück waren, erzählte man ihnen gleich davon. Schließlich wollte man sicher sein, ob der Mann recht hatte oder nicht. Und es ist erstaunlich zu erfahren, daß, trotz der Fülle von Waren, die Frauen recht genau wissen, was sie verkaufen und dann wieder auffüllen. Ich habe das ja selber erlebt. Die jüngere von den beiden, war sich dann auch sofort sicher, daß dieses bewußte Packung noch in einem der unteren Regale gelegen hatte, bevor sie ihren Stand verlassen hatte. Wegen seiner Ramponiertheit und da er ziemlich teuer war, ließ er nicht mehr gut verkaufen. Also hatte ihr Augenmerk diesem Artikel schon immer etwas mehr gegolten als anderen. Stellen ich sich vor, da hatte dieser saubere Herr doch tatsächlich die Packung aus dem Regal gezogen und dann ungeniert seine verlogene Geschichte so sicher erzählt, daß er am Ende mit dem Geld abziehen konnte.

14. Mai 1994
Dann war der dreiundzwanzigste Dezember vorbei und vorbei war mein Dienst im Auftrag der Firma. An dem letzten Abend, es regnete in Strömen, standen meine drei Männer geschlossen vor dem Personaleingang, um mich, wie so oft, abzuholen. Frohen Mutes verließ ich das Gebäude, in dem ich doch ganz erfolgreich gearbeitet hatte. Die Tätigkeit hatte mein Selbstwertgefühl aufgewertet und ich fühlte mich fit für weitere Aktivitäten.
Das Fest und die damit für mich verbundenen Unannehmlichkeiten gingen auch irgendwie vorbei. Während dieser Tage machte ich mir nicht mehr viele Gedanken, denn die viele Arbeit, die von mir dazu zu leisten ist, überstehe ich nur noch so. Alle Familienmitglieder, einschließlich meiner Schwiegermutter, erwarten ja immer das Besondere zum Fest, angefangen von dem Essen über die Stimmung und der dazu gehörenden Geschenke. Doch wie gesagt, es ging vorüber und irgendwie schaffte ich es auch, daß alle zufrieden waren. Nach diesen Tagen bereitete ich mich gedanklich auf den Computer-Kurs Anfang März vor. Die Wochen davor verbrachte ich mit der leidigen Hausarbeit, dem Englischlernen und dem Lernen an der Schreibmaschine. Letzteres war für mich besonders wichtig, wußte ich doch jetzt, wie nötig ich es brauchte. Auch am Computer würde es von Vorteil sein, wenn ich blind schreiben könnte. Das tägliche Üben begann sich nach Wochen auszuzahlen, denn mit fortschreitendem lernen des Kursheftes, verbesserten sich meine Fertigkeit mehr und mehr, bis eines Tages das Ende des Heftes erreicht war und ich alle Tasten sicher beherrschte. Ich muß schon sagen, ich war stolz auf mich. Ob wohl, manchmal fragte ich mich schon, warum ich mich in meinem Alter noch so abschinden sollte. Im Grunde genommen verdiente meine Mann ja genügend, jedenfalls, würden wir nicht verhungern, aber dann packte es mich doch und meine Ehrgeiz, etwas mehr, als bisher vom Leben zu erwarten, treib mich weiter. Und noch etwas gab es da, worüber ich mir Gedanken machte. Es war wegen der Kinder, die ja nicht ihr ganzes Leben bei uns den Eltern bleiben würden. Es wäre schrecklich, würde ich es nicht schaffen, sie los zu lassen. Loslassen bedeutete aber, einen neuen Wirkungskreis zu finden, denn das die Hausarbeit allein mich nicht auslasten und befriedigen würde, begriff ich schon seit langem. Was also blieb war der Wiedereinstieg für mich ins Berufsleben. Jung genug war ich noch, denn mit meinen sechsundvierzig Jahren hatte ich streng genommen noch siebzehn Jahre vor mir, bis zu meiner gesetzlichen Rente.
Trotz der vielen Dinge, die ich bis zum Beginn des Kurses zu erledigen hatte, wartete ich voller Ungeduld auf dessen Anfang. Wie oft hatte ich in den vergangenen Jahren davon geträumt, wieder in die Schule gehen zu „müssen” und wie sehr hatten mich diese Träume oft belastet. Jetzt würde ich es freiwillig tun und freute mich regelrecht auf diesen und die neuen Eindrücke, die ich mit Sicherheit gewinnen würde. Und wie bereits Wilhelm Busch in einem seiner Bücher so schön sagte: Es eilt die Zeit im Sauseschritt, es eilt die Zeit, wir eilen mit!,ging auch diese Zeit des Wartens vorbei.
Wie bereits bei meinen vorherigen Unternehmungen stand ich früh um sechs Uhr auf, damit noch wichtige Dinge getan werden konnten, bevor ich das Haus verließ. Der Unterricht begann um acht Uhr, so daß mich mein Mann, der etwas später das Haus verließ, mich mit den besten Wünschen für meinen ersten Tag verabschiedete. Auch die beiden Knaben, die vor mir das Haus verlassen hatten, hatten mir das Beste gewünscht. Ich ging mit einem guten Gefühl. Ich hatte die feste Überzeugung, daß es nicht so schwierig werden würde. Ein wenig Umgang mit dem Computer hatte ich bereits, als ich mit dem jüngeren Sohn Computerspiele spielte. In der Schule versammelten sich die Lernwilligen, von denen sich die meisten vom Sehen kannte. Dem Lehrgang waren Informationsstunden voraus gegangen, die von den selben Leuten besucht worden waren, wie sie sich jetzt einfanden. Bis auf einen etwas älteren Mann, waren alles Frauen. Der Durchschnitt von ihnen war im Alter von fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Jahren, dann gab es eine Lücke von einigen Jahren und darauf folgten drei “alte” Damen, darunter ich. Im Klassenzimmer waren die Sitze bei meinem Eintreffen schon fast ganz unter den Schülern aufgeteilt. Lediglich in der hintersten letzten und ganz vorne in der ersten Reihe war noch ein Stuhl unbesetzt. Rasch überlegte ich, welchen davon ich wählen sollte. Der hintere hätte den Vorteil, daß ich aus dem unmittelbaren Schußfeld des Lehrers heraus wäre (diese Überbelegung war natürlich kindisch in meinem Alter), aber ich bekäme dann womöglich nicht alles vom Unterrichtsstoff so gut mit, wie ich es mir vorstellte. Also nahm ich den vordersten Platz. Somit saß ich dann unmittelbar vor dem Lehrer. Dann kam er, der uns Unbekannte, zusammen mit dem netten Herrn vom Arbeitsamt, der ihn uns vorstellte. Mittelgroß, ein freundliches sympathisches Gesicht und vom Alter her an die fünfunddreißig, was ich aber nicht gut schätzen konnte, denn er war leider sehr korpulent. Der Herr vom Arbeitsamt nannte uns den Namen unseres Lehrers und schrieb diesen auch gleich, zum besseren kennen lernen, an die Tafel. Formalitäten wurden erledigt, Pausen und freie Tage festgelegt. Nachdem er uns noch versichert hatte, was für einen guten Lehrer wir mit dem Vorgestellten bekommen würden, was dieser etwas verlegen abtat, verließ uns der Arbeitsamtmann. Jetzt gehörten wir “Ihm”, dem Lehrer. Noch konnte mit dem eigentlichen Unterricht nicht begonnen werden, denn es mußten weiter Formulare ausgeteilt, gelesen und ausgefüllt werden. Daran anschließend verteilte Herr Reulen, der Lehrer, die ersten Unterrichtsunterlagen. Endlich ging es wirklich los. Er ließ uns das Lehrheft für Wörd5.5 aufschlagen. Die Monitore und Zentraleinheiten (damals wußte ich noch nicht, daß sie so heißen) wurden eingeschaltet. An der Tafel schrieb er uns dann den ersten Computerbefehl auf, der mir nichts sagte, aber funktionierte und auf dem Monitor genau das bewirkte, was er sollte, als ich ihn buchstäblich ausführten. Ein weiterer Befehl öffnete das Textprogramm, mit dem wir die nächste Stunde lernen sollten.

15. Mai 1994
An Hand des Lernprogramms zeigte uns der Lehrer die ersten Schritte in Word. Dann ließ er uns selbstständig üben, was mir sehr leicht vorkam. Im Nu war die Zeit bis zur ersten Pause vorbei. Während die meisten der Mitschüler in einen Nebenraum zum Pause machen gingen und sich auch die entbehrte Zigarette ansteckten, blieb ich auf meinem Platz sitzen, aß von dem mitgebrachten Obst und beschäftigte mich weiterhin mit dem Computer. Ich brauchte keine Pause. Wenn ich zu Hause war, ging es von sechs Uhr morgens in einem durch bis ca. einhalbzwei Uhr, da nämlich kam Christoph aus der Schule und wir aßen gemeinsam das Mittagessen. Und erst danach machte ich am Tag eine, jetzt aber allerdings ausgiebige, Pause. Der Unterricht ging weiter. Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich glaube, wir machten an diesem ersten Tag, entgegen dem, was uns vorher gesagt worden war, nur Textprogramm. Parallel dazu sollten wir zwar gleich mit EDV-Grundlagen arbeiten, aber irgend etwas fehlte, so daß erst eine Woche später damit begonnen wurde. Am Ende der ersten Woche, sie war schnell und spielend für mich vergangen, denn die Funktionen am Computer gingen mir leicht von der Hand, glaubte ich, es mir leisten zu können, für das Wochenende zu verreisen. Also fuhren ich mir meiner Familie,zum ersten Mal in diesem Jahr zu unserem Wohnwagen nach Oberbayern. Es war das erste Wochenende im März und trotzdem lag dort so viel Schnee, wie schon lange nicht mehr. Der umsichtige Bauer – Herr Aich – ,auf dessen Grundstück der Wohnwagen stand, hatte überall, wo wir hin mußten, die Weg freigeschaufelt, so daß wir ohne große Mühen, den Wohnwagen und auch das Bauernhaus erreichen konnten. In der Nacht erreichten die Temperaturen einen Stand unter zehn Grad und der Wind, angefüllt mit trockenem Schnee, blies herum wie in Sibirien. (Jedenfalls so, was wir uns drunter vorstellten.) Doch das machte uns alles nichts aus. Die Heizung im Wagen funktionierte fantastisch und da alle Decken und Kissen trocken waren, wurde es bald warm und gemütlich. Es ist für mich immer wieder ein herrliches Gefühl – so warm und auf engem Raum mit meinen Lieben zusammen und draußen toben die Naturgewalten. Auf eine seltsame Art und Weise fühlte ich mich da besonders geborgen und genoß diese Augenblicke besonders.
So schön auch dieses Wochenende war, und ich mir auch Lernmaterial mitgenommen hatte, für den Rest des Lehrganges hatte ich immer den vagen Eindruck, es wäre darauf angekommen, nicht zu fahren und ich würde den zu bewältigenden Lernstoff nie mehr ganz aufholen. Denn jetzt ging es Schlag auf Schlag in der Schule. Wer nicht täglich am Ball blieb und unermüdlich lernte, blieb auf der Strecke. Von den anfangs sechzehn Leuten sprangen bereits in den ersten Tagen zwei ab. Dabei hatten wir noch Glück, denn die Kapazität des Schulraumes war auf exakt zweiunddreißig Teilnehmer ausgelegt, so daß sich dann je zwei Teilnehmer einen Computer hätten teilen müssen. Nach dem die ersten zwei ausblieben hatte jeder seinen eigenen und daher auch die besseren Chancen daran zu üben. Zusätzlich hatte man die Möglichkeit, nach Absprache mit den Lehrern, (denn später kam noch ein anderer dazu, der andere Fächer lehrte) an den Nachmittagen zu kommen und das Erlernte zu üben. In der Beziehung hatte ich Glück, denn ich konnte am Bürocomputer meines Mannes so viel lernen, wie ich wollte, wenn sein Dienst zu ende war, was ich die ersten Wochen auch reichlich ausnützte. Es wäre anders auch nicht gegangen. So einen Kurs hält man nur durch, wenn man fleißig ist. Das stellte sich schon bald heraus. Die Frauen, die glaubten, das ginge so nebenbei, hatte bald Schwierigkeiten während des Unterrichts und störten diesen häufig wegen ihrer Fragen. Auf der anderen Seite, fand ich nach einiger Zeit zufällig heraus – und das war dem Lehrer sicherlich sehr peinlich – daß er nicht, so wie wir Lernenden annahmen, in der Zeit, in der wir uns mit den gestellten Aufgaben herumplagten, an seinem Gerät mit schwierigen Computerproblemen beschäftigt war – denn diesen Eindruck vermittelte er uns, wenn er konzentriert davor saß und sein fetter Bauch anfing zu wackeln, wenn es bei ihm besonders schwierig zu ging – sondern er “spielte Tetris“. Diese Entdeckung behielt ich natürlich nicht für mich. Denn wir Frauen trauten uns kaum, ihn bei seiner für ihn so wichtigen Arbeit, zu stören, und er spielte, anstatt uns in den Pausen, die für ihn entstanden, zu helfen. Ich war sauer auf ihn. Nicht, das ich ihn speziell oft gebraucht hätte, aber es gab welche, die ihn dringend gebraucht hätten, jene, die weit besser mitgekommen wären, wenn er sich mehr um sie gekümmert hätte. Es war ja so, daß die Frauen bei Beginn des Kurses sich mit ihrer Unterschrift verpflichtet hatten, anschließend daran, für einige Jahre in festen Arbeitsverhältnissen zu arbeiten, was dann der Wirtschaft zu Gute kam. Die Kosten des Kurses trug vorerst einmal das Arbeitsamt, war aber von den Frauen zurück zu erstatten, wenn sie danach eine zumutbar Arbeit nicht annehmen würden. Und dreitausend Mark ist ja kein Klacks, da hätte „er“ sich schon mehr bemühen können. So war er ja ein netter Mensch. Geduldig, sanft und großzügig, aber auch, wie mir schien, mit wenig Rückgrat. Kamen Mißstimmungen auf, ging er ihnen elegant, mit einem kleinen Lächeln aus dem Weg. Partei ergriff er nie und wahrscheinlich hatte er damit auch recht.
Nach dem ersten Monat kam dann auch, der bereits seit längerem angekündigte zweite Lehrer. Er war etwas im gleichen Alter wie Herr Reulen, doch sportlich schlank, und etwas Frisches Munteres ging von ihm aus. Ich schloß ihn gleich in mein Herz. Mit meinen sechsundvierzig Jahren empfand ich eine schwärmerische Zuneigung für ihn, für die ich mich aber ein wenig schämte. Andererseits, was konnte ich dafür, wenn er mir gefiel. Dabei, und das sagte ich mir immer wieder, war er nicht einmal ein besonders schöner Mann., also was war es dann?
Hier endet diese Erzählung erst einmal.

8. Juni 1994
Dreiundzwanzig Jahre Ehe liegen hinter mir! Manch einer wird denken: Was ist das schon besonderes?
Aber ich empfinde es als etwas besonderes, wenn man bedenkt, daß fast jede vierte Ehe heutzutage geschieden wird. Aber selbst ich bin heute an einem Punkt angekommen, an dem ich mich so leer und nutzlos fühle, daß ich mein bisheriges Leben überdenken muß. Ich sehe mich wie einen Obstbaum, der aus einem Kern erwuchs. Er wurde groß, blühte und setzte Früchte an. Die reifen Früchte wurden geerntet, allem voran von der Familie, aber auch Freunde und Bekannte naschten davon. Jetzt sind seine Äste abgeleert, die Blätter welken und fallen ab. Der Baum hat nichts mehr zu geben. Der Winter ist da. Mein Ehewinter ist da. Dreiundzwanzig Jahre Ehe und ich frage mich: Wie viele werden noch folgen? Liegen überhaupt noch welche vor mir? In meiner Ehe vollzieht sich ein Wandel, bei dem nicht absehbar ist, was daraus wird. Dreiundzwanzig Jahre! Das waren zweihundertsechsundsiebzig Monate, eintausend-einhundert-sechsundneunzig Wochen, achttausenddreihundertundfünfundneunzig Tage, oder zweihunderteinstausendundvierhundertachtzig Stunden. Das waren Jahre, die mir, einer fast normalen Hausfrau, wie eine Dauerfahrt auf der Achterbahn erschienen sind. Rauf und runter, rauf und runter! Im Moment befinde ich mich ganz tief unten. Ich habe alles so satt, fühle mich so kraftlos und ohne Orientierung. Ich empfinde einen regelrechten Ekel, wenn mir einfällt, was ich im Haushalt zu erledigen hätte. Aber den Ekel bekämpfe ich damit, daß ich nichts im Haushalt tu, oder nur dann, wenn ich es wirklich will. Dreiundzwanzig Jahre Ehe! Mein seelischer und körperlicher Zustand und ein Rest meines Verstandes raten mir Bilanz zu ziehen. Wie konnte es geschehen, daß ich mich heute in einer derartigen schlechten Verfassung befand? Und deshalb muß ich zurück bis zu den Ursprüngen, um die Gründe zu finden und zu analysieren. Dann wird es mir hoffentlich möglich sein, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Sobald ich bei meiner Achterbahnfahrt oben angekommen war, gab’s nichts zu nörgeln und alles war eitel Sonnenschein. Dieses Glück nahm ich dankbar hin, in der Überzeugung, daß es mir zustand.
Häufiger aber waren die Fahrten nach unten, und die Abstürze erreichten verschiedene Tiefen, bevor es mühsam wieder nach oben ging. So ist es nicht verwunderlich, daß ich zu den unterschiedlichsten Zeiten und Gelegenheiten meine Ehe satt hatte. Und manchmal mehr als das. Hin und wieder geriet ich in Situationen, wo mir alles sinnlos erschien, wo mich meine angepaßte Rolle in ihr anekelte, wo mir die Kraft ausging zum Weitermachen wollen, so daß ich ernsthaft daran dachte sie aufzugeben. Aber ich machte weiter, Jahr für Jahr. Im Lauf der Zeit kam mir meine Ehe wie ein Gefängnis vor. Überall scheinbar unüberwindbare Mauern. Mauern, an deren Aufbau ich mit dem Schwur am Altar begonnen hatte mitzuhelfen. Ich wußte es damals nur noch nicht! Doch nach dreiundzwanzig Jahren Ehe wurde es für mich unumgänglich, diese Mauern einzureißen, die aus unvorhersehbaren Komplikationen, aus Gewohnheiten und meinen häufigen Überbelastungen entstehen konnten, wollte ich in ihnen nicht ersticken. Eines Tages im Juni 94 kam ich zu einem Entschluß. Ausgelöst durch einen eher harmlosen Vorfall, war ich nicht mehr gewillt so weiter machen, wie bisher. Eine spontane Eingebung, gab mir den Gedanken an ein Experiment mit meiner Familie. Dieser Gedanke erschien mir lohnenswert, ausgeführt zu werden.
Wie weit ich damit kommen würde, wußte ich nicht. Auch nicht, ob und wie es sich entwickeln würde und ob ich es lange genug durchhielt, um meine Familie begreiflich zu machen, um was es ich mir dabei ging. Sicher war für mich nur, daß ich es durchziehen mußte, um endlich wieder einen guten, für mich sinnvollen und akzeptablen Lebensrhythmus zu finden, aus dem mich Ehe, Kinder und Haushalt geworfen hatten.
Der Hauptanstoß lag in dem seit Monaten und Jahren ertragenen Frust, den mir meiner Familie zumutete und der mich an dem Zweck meines Daseins zweifeln ließ. Alles erschien mir so sinnlos, so aufgezwungen und leblos, daß ich sogar mit dem Gedanken an Selbsttötung spielte. Aber natürlich war das nicht die Lösung. Denn so schlecht ich mich oft auch fühlte, dachte ich andererseits wiederum, daß man nicht so leicht aufgeben sollte. Wer kann schon wissen, wie es ein Jahr später aussieht? Vielleicht wird vieles besser, wenn ich mich darum bemühte und durchhielt. Ein weiterer Gedanke in dieser schwierigen Lage war: Bin ich denn nicht gerade dazu verpflichtet, mich selber um mein Wohlbefinden zu kümmern, anstatt darauf zu warten, das andere es mir vermitteln? Die Antwort ist unausweichlich: “Ja!” Ich hatte nicht das umfassende Recht, auf Befriedigung von anderer Seite zu hoffen, sondern die Pflicht, als mündige erwachsene Frau, mir selber Befriedigung zu erarbeiten. Diese Überlegungen inspirierten mich zu dem Experiment, welches ich mir daraufhin vornahm und das dazu dienen sollte, mein Leben positiv zu verändern.
Seit dreiundzwanzig Jahren saß ich in einem Boot, das einen Kurs eingeschlagen hatte, der nicht immer mein Kurs war. Einen Kurs, den ich der Familie zuliebe weitgehend eingehalten hatte. Einen Kurs, der ihnen die Wogen glättete, mir aber haushohe Wellen beschert hatte, die mich umher schüttelten. Es war höchste Zeit für mich, daß Steuer herumzureißen und ruhigeres Wasser anzulaufen.
Wie viele Male, wenn ich an einem Tiefpunkt im meiner Ehe angekommen war, war ich herum gehangen, war deprimiert und frustriert gewesen und hatte geglaubte die unglücklichste Frau der Welt zu sein. Das Gefühl alt zu werden und nur als Arbeitstier geduldet zu sein, geisterte in diesen Zeiten durch meine Gedanken. Sie machten mich mutlos und ließ mich in ein Loch der Lethargie fallen. Allerdings ist es nicht meine Art, mich lange gehen zu lassen. Also machte ich weiter, aber das kostete mich viel Kraft und Nerven. Nach jedem Tief sehnte ich mich dann nach Veränderungen. Wie die Veränderungen aussehen sollten, davon hatte ich ein klares Bild, aber die Ungewißheit, das womöglich nicht zu erreichen, konnte mich weiter hinunter drücken. Befand ich mich in solchen Stimmungen, zog ich mich von der Familie zurück und begann zu sinnieren. Die negativsten und schwärzesten Erlebnisse meines Lebens ließ ich dann in meinem Kopf Revue passieren. Ich weidete mich buchstäblich an meinem zeitweiligen Unglücklich sein. Hatte ich das genügend ausgekostet, endete es häufig damit, daß ich an eine Scheidung dachte. Und warum auch nicht? So viele Ehe werden heutzutage geschieden, warum sollte ausgerechnet ich an meiner festhalten? Wie viel hatte ich in meiner Ehe meinem Mann und den Kindern gegeben und wie wenig zurückbekommen. Sollte das schon alles gewesen sein? Nur schuften und kaum Vergnügen? Andererseits, so überlegte ich mir, würde eine Scheidung mein Leben in einem Maß verändern, wie ich es auch nicht wollte. Was war es aber dann, was ich wollte? Ich wollte ein Leben innerhalb der Familie, als weitgehend freier Mensch. Ich wollte mich nicht mehr ständig darum sorgen müssen, daß das Haus herunterkam, wenn ich nicht jeden Tag pausenlos aufräumte und putze. Ich wollte, daß der Rest der Familie auch mal mit anpackte. Da sie es freiwillig nicht taten, mußte ich nach Mitteln suchen, um sie dazu zu zwingen. Dabei hasse ich es, jemanden zu etwas zu zwingen. Aber es ging nicht mehr anders! Ich mußte es tun, um mich zu schützen. Je älter ich wurde, je länger meine Ehe bestand, umso unzufriedener und frustrierter wurde ich. Sicherlich hing das zum Teil damit zusammen, daß ich mit meinen achtundvierzig Jahren das erlebte, was die Wechseljahre genannt werden. Zum mindesten erlebte ich den Wechsel meiner beiden Buben, von ihrer Kindheit zum Übergang des Erwachsenwerdens, ohne daß sie sichtbar für mich, reifer zu werden schienen. Das konnte mich manchmal sehr wütend werden lassen, weil sie mich damit in einem Maß noch forderten, wie ich es nicht mehr gewillt war zu geben.
Bei meinen Mann war zu beobachten, daß er sich und unserer Ehe immer mehr treiben ließ. Er wurde immer nachlässig in seinem Umgang mit mir und das erzeugte in mir Gefühle der verschiedensten Art. Er lebte in unserer Ehe schon lange als eine Art Junggeselle mit Familienanschluß. Verglich ich ihn allerdings in einer meiner dunklen Talsohlen mit anderen Männern, spielte mit dem Gedanken, wie es mit einem anderen Mann sein könnte, kam ich immer zu dem Schluß, daß ich im Vergleich dazu mit ihm noch gut dran war. Solche Überlegungen halfen mir weiter zu machen und nicht aufzugeben. Inzwischen mußte ich jedoch einsehen, daß all das Grübeln über meine Familie mich nicht weiter bringen wird. Wenn ich überhaupt eine Veränderung für mich erreichen wollte – und daß eine erfolgen mußte, darüber war ich mir Lauf der letzten zwei Jahre klar geworden – mußte ich bei mir anfangen. Ich mußte dafür sorgen, daß meine Familie Veränderungen erlebte, sie akzeptierte und dabei mitzog. Heute habe ich es fast erreicht, aber es war ein langer schwerer Weg bis dahin. Das ich es erreichte, lag an dem Entschluß, das Experiment, das ich mir vorgenommen hatte, auch auszuführen und durchzuhalten. Die Ausführung war, was meine Seite betraf ganz einfach: Ich streikte schlichtweg! Ich zog mich zurück und schloß mich für Wochen in mein Zimmer ein. Die ersten vierzehn Tage sprach ich so gut wie kaum mit jemandem. Ich entzog mich der Familie, die mich nur zu brauchen schien, wenn sie heiße Kastanien aus dem Feuer geholt haben wollten. Ich ließ sie vergebens an meine Türe klopfen und ignorierte sie, wie sie all meine Bedürfnisse immer übersehen hatten. Ich ließ sie ihre Entscheidungen treffen, von denen sie geglaubt hatten, sie wären einfach zu treffen, würden ich sie nur selbst die Verantwortung dafür übernehmen lassen. Sie konnten essen, was immer sie wollten, aber sie mußten es sich selber zubereiten. Räumten sie nicht auf, blieb das Haus in dem Zustand, in den sie es gebracht hatten. Nur wenn sich niemand mehr im Haus befand, tat ich die notwendigsten Arbeiten, wie zum Beispiel Wäschewaschen oder Lebensmittel einkaufen. Meine Hoffnung bei all diesen Maßnahmen war, daß meine Familie umzudenken lernte. Sie sollten mich als Menschen erkennen, der fühlen und leiden konnte; der ihnen keinesfalls immer Anordnungen gegeben hatte und Regeln aufstellte, um sie zu ärgern. Sie sollten erkennen, wieviel ich im Haushalt geleistet hatte, erledigte ich all die Arbeit einmal nicht. Und ich wünschte, sie würden endlich begreifen, daß auch ich verletzbar war und sie auf mich Rücksicht zu nehmen hatten, damit der unglaubliche Druck von Jahren, viel Frust und Traurigkeit von mir genommen werden konnte. Die freie Zeit, die ich durch mein Streiken gewann, verbrachte ich weitgehend mit Ausruhen, das ich bitter nötig hatte. Den Rest davon nutzte ich zum Nachdenken über mein Leben und die Aufzeichnungen darüber.
Bevor ich damit beginne möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Hildegard. Ich bin achtundvierzig Jahre alt und seit fünfzehn Jahren leider nicht mehr so schlank, wie ich es gern wäre. Für eine Frau bin ich groß, so an die 173 cm. Ich wäre gern eine hübsche Frau, aber ich fürchte, mehr als “interessant” kann man zu meinem Aussehen nicht sagen. Mein Gesicht ist wohl eher hausbacken, auch wenn meine lebhafte Mimik es, nun ja, eben interessant machen kann. Das Schönste an mir sind meine Haare. Sie sind mittelbraun, (das jetzt langsam grau wird) mit einem Stich ins Rote, das vor allem dann zu sehen ist, wenn die Sonne auf meinen Haar liegt. Und sie sind naturgelockt. Früher schämte ich mich meiner wilden, ungebändigten Mähne und trug es meisten sehr kurz und männlich, um damit nicht aufzufallen. Heute sind sie lang und wenn ich sie frisch gewaschen habe, trage ich sie offen, so daß sich ihre ganz Fülle entfaltet. Ich weiß, die Leute schauen mir nach, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Heute ist der Haartrend eher so, daß viele Mädchen und Frauen sich künstlich machen lassen, wie ich es von Natur aus habe. Und mein Mann liebt es, gerade weil es so ist. Ich besitze ein lebhaftes, an allem interessiertes Naturell. Ich habe Humor, mache gerne Späße und hatte früher sehr viel Geduld. Allerdings ist mit mir nicht gut Kirschenessen, werde ich erst einmal richtig aufgebracht. Dann spreche ich eine klare deutliche Sprache. Und ich bin ein sinnlicher Mensch. Dazu gehört für mich Schönes sehen, Gutes essen, Musik, der Genuß an der Natur und die Erotik, gepaart mit Sex. Ich liebe Kinder, Pflanzen, Tiere und Menschen ganz allgemein. Was ich hasse sind Gewalt, Dummheit und Ungerechtigkeit. Soviel zu meiner Person, zu der es sicherlich noch mehr zu sagen gibt, aber daß kann man aus den Zeilen heraus lesen, die folgen.
In den ersten Tagen meiner Zurückgezogenheit stand ich noch stark unter dem Einfluß des Erlebnisses, das meinen Entschluß zu dem Experiment bekräftigt hatte. Wie schon gesagte, war es zwar eher harmlos gewesen, aber es war sozusagen der letzte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hatte. Den Anstoß dazu gab mir mein Jüngster, Sohn Christoph, als er wieder einmal gegen eine aufgestellte Regel verstieß.
Christoph rief mich eines Dienstagmittags im Juli 94 von der Schule aus an, um mir mitzuteilen, daß er gleich von dort aus, mit einem Schulfreund zusammen zu ihm nach Hause gehen würde. Da legte ich nun nur noch wortlos den Hörer auf. Damit war das Maß für mich endgültig voll. Das erscheint auf den ersten Blick lächerlich zu sein, daß ich so reagierte, aber es hatte seinen Grund. Bereits öfters hatte ich ihn gebeten, nach der Schule zuerst einmal Heim zu kommen. Ich wollte, daß er zuhause aß und sich danach um seine Schularbeiten kümmerte bevor er wieder anderen Aktivitäten nach ging. Aber er ignorierte mehrmals meine Bitten deswegen und ließ sich nach wie vor von seinem Freund zum Mittagessen eingeladen. Und ich hatte keine ernsthaften Versuche unternommen, daß zu unterbinden. Er konnte so gut argumentieren, mich immer wieder herumkriegen für das was er wollte und wenn das nicht nichts brachte, wurde er heftig und ich gab aus Schwäche nach. Der Mutter seines Freundes machte es scheinbar nichts aus, einen Esser mehr am Tisch zu haben. Und wenn er zu seinem Freund ging, sah ich Christoph erst gegen Abends wieder. Meistens war er dann zu müde um noch viel für die Schule zu lernen. Häufig tat er es tatsächlich nicht mehr. Er sagte zwar immer wieder, daß er und sein Freund zusammen lernten, aber daran glaubte ich nicht. Sein Klassenlehrer hatte mich bereits vor einigen Wochen nach dem Halbjahreszeugnis, darauf vorbereitet, daß er dieses Schuljahr nicht bestehen würde, wenn er nicht endlich Dampf machen würde. Aber immer wieder entzog Christoph sich dem Lernen. Häufig auf die Art, daß er nach der Schule eben nicht Heim kam, sondern zu seinem Freund ging. Und Tatsache war, daß sich seine Prüfungsnoten dadurch nicht verbesserten. Deswegen meine Bitte an ihn, nach der Schule nicht zu dem Freund zu gehen. Ich dachte, wenn er nach der Schule heim käme, hätte ich eine gewisse Kontrolle über ihn. Aber egal, ob bei dem Freund oder zu Hause, er lernte sowieso kaum und wenn doch, dann zu spät für seine notwendigen Prüfungen. Als an dem Dienstag sein Anruf kam, mit dem er meine Bitte wieder ignorieren wollte, war es eins von vielen Dingen in einer langen Reihe, die mir zusetzten und irgendwie gab ich auf. Zu seiner Frage: “Kann ich nach der Schule zum Andreas?” äußerte ich nichts, sondern legte nur noch wie erschlagen den Hörer auf. Der Anruf hatte mich erreicht, als ich gerade mit meinem Mann zu Mittag gegessen hatte. Mein Appetit war mir vergangen und ohne fertig zu essen ging ich in mein Zimmer und schloß mich dort ein. Natürlich kam Josef besorgt hinter mir her, aber weder öffnete ich ihm meine Tür, noch gab ich ihm eine Antwort auf seine Fragen. In mir war die Leitung zu meiner Familie schlagartig abgerissen. Es überkam mich eine solch hilflose Machtlosigkeit und wollte niemanden mehr sehen. Ich brauchte Gelegenheit zum Nachdenken. Auf irgendeine Art und Weise mußte ich zuerst einmal mit mir klar kommen, bevor ich mich wieder der Familie zuwenden konnte. So nahm ich Zuflucht in meinem Zimmer und ließ für die nächste Zeit niemanden an mich heran. Ich war gefühlsmäßig wahnsinnig aufgeladen. Ein Funke hätte genügt, um meinen mühsam geschützten Kern zu sprengen. Mein Mann und die beiden Buben erkannten das sehr schnell und ließen mich nach einigen fruchtlosen Versuchen mit mir zu reden gewähren.
So nach und nach beruhigte ich mich in der Stille meines Zimmers wieder und meine Fähigkeit Entschlüsse zu fassen kehrte zurück. Einer davon war, daß ich nun, nachdem der ältere Sohn volljährig geworden war und der zweite halbwegs erwachsen, ohne mich vorläufig scheiden zu lassen, – denn die Entscheidung, ob Scheidung oder nicht, hing für mich davon ab, wie meine Familie auf das, was sie in der nächsten Zeit erleben würde, reagierten, wenn ich aufhörte Ehefrau, Hausfrau, Putzfrau und Köchin zu sein. Frustriert und enttäuscht über den Verlauf meines Lebens innerhalb der Familie traf ich diese wichtige Entscheidung und begann sie zu verwirklichen. Nicht länger wollte ich die “typische” Ehefrau sein, weil ich das eigentlich sowieso nie richtig war; jedenfalls nicht so, wie ich sie mir vor meiner Ehe vorgestellt hatte. Ich wollte aufhören Hausfrau zu sein, die ich durch meine Ehe und mit dem Kinderkriegen automatisch geworden war und dafür meinen Beruf aufgegeben hatte, um für eine intakte Familie zu sorgen. Nur wenn ich es schaffte, keine Hausfrau oder besser Haushälterin mehr zu sein, würde ich die Zeit gewinnen, die ich brauchte, um das zu tun, was ich jetzt wirklich wollte. Ich wollte aufhören Putzfrau zu sein; weil keiner außer mir darauf achtete, ob das Haus für eine Weile sauber blieb, wenn ich es geputzt hatte. Da meine Familie selten diese Arbeiten zu machen hatten, achteten sie auch nicht darauf, ob es nicht gleich wieder schmutzig wurde. Sie wußten nicht wie viel schwere Arbeitet es kostete, ein Haus sauber zu halten. Selber einmal mitzuhelfen, bereitete ihnen unliebsame Anstrengungen, von denen sie sich drückten, wann immer es ging. Außerdem war jeder von ihnen ohnehin der Meinung, das sei nur meine Aufgabe. Und da sie nicht auf Sauberkeit achteten, wurde durch ihre Nachlässigkeit neues Putzen immer wieder bald fällig. Dabei haßte ich Putzen und tat es nur, weil mir nichts anderes übrig blieb. Ich wollte aufhören Köchin zu sein, weil ein jeder in der Familie sich darauf verließ, daß ich täglich das kochte, was sie gerne aßen, aber ich hatte nach den langen Jahren des Kochens, die Nase voll davon. Fragte ich die Familie, was sie zum Essen wollten, bekam ich meist nur ein „Etwas Gutes!” als Antwort; was schließlich nie hilfreich war. Welche Hausfrau kennt das schließlich nicht, wie mühselig es ist, jeden Tag das auf den Tisch zu stellen, was alle Familienmitglieder gerne essen. Welche gedanklichen Anstrengungen es kosten kann, es allen recht zu machen, nur um festzustellen, daß doch einer von ihnen mit dem Essen unzufrieden war. Außerdem hatte ich immer versucht nicht nur gut, sondern auch gesund zu kochen und das ist eine Leistung, die nicht jede Frau vollbringen will. Und letztendlich bin ich doch keine Köchin! Hätte ich das gewollt, hätte ich den Beruf einer Köchin erlernt. Auch das tat ich doch nur, weil es niemand anderes machte. Was ich allerdings nicht aufzuhören brauchte war, die Geliebte meines Mannes zu sein, denn die war ich nie. Ich war mir zwar sicher, daß er mich aufrichtig liebte, aber schlafen wollte er so gut wie nicht mit mir. Die Gründe dafür waren mir lange schleierhaft, was mich verunsicherte, doch schließlich erkannte ich, daß Josef es weder aus bösem Willen nicht tat, noch dafür allein die Schuld trug. Doch es war einer der anderer Gesichtspunkt, warum ich das alles nicht mehr wollte und ich enttäuscht und trotzig reagierte. So kümmerte ich mich in der Abgeschiedenheit meines Zimmers nur noch um berufliche Belange, die ich seit zwei Jahren zu aktivierte versuchte und wollte mich dabei nicht mehr von häuslichen Dingen belastet wissen. Dinge, die ich in all den Jahren getan hatte, und die selbst von mir, als unabänderlich lange hingenommen worden waren. Dinge, die mich daran hinderten richtig berufstätig zu werden, einem Recht, das jedem zusteht, auch mir. Jetzt war endgültig für mich die Zeit für Veränderungen gekommen. Jeder in meiner Familie hatte inzwischen die Fähigkeiten erlernt für sich selber zu sorgen. Trotzdem machte sich keiner von ihnen freiwillig die Mühe dafür. Also muß ich sie dazu bringen, denn ich selbst wollte auch nicht mehr, oder nur noch anteilmäßig. Endgültig wollte ich etwas anderes tun, als bisher. Ich wollte mich frei machen von Zwängen, die mir auferlegt wurden, nur weil ich eine Frau bin. Ich wollte mich auch frei machen von der Vorstellung, als Einzige dazu verurteilt, alle unangenehmen Dinge eines Haushalts zu erledigen.
Wie hatte ich es satt, sie immer wieder um die selben Dinge zu bitten: Um mehr Ordnung und persönliche Sauberkeit bei dem einen, um mehr Fleiß in der Schule bei dem anderen. Wie überdrüssig fühlte ich mich, darauf zu hoffen, daß meine Mann mir die körperliche Zuwendung gab und die er mir immer wieder versprach, wenn es brenzlich für ihn wurde, aber dann darauf “vergaß”, wenn es mir besser ging. Sie werden es ohne drastische Maßnahmen niemals tun, nur weil ich sie zum hundertundelften Mal darum bitte, flehe oder drohe. Meistens erntete ich mit solchen Mitteln doch nur Murren und Widerstand von ihnen. Im besten Fall versprachen sie mir, sich zu bessern, um es dann doch nicht zu tun. Jetzt schweige zu allem und sehe mir an, was daraus wird. Habe ich sie vorher zum Beispiel immer wieder darum gebeten, ihre herumliegende Sachen aufzuräumen, nur um sie zu einem späteren Zeitpunkt häufig selbst wegzuräumen, lasse ich sie jetzt da auf der Stelle, wo sie sie hingeschmissen haben, liegen. Und dort liegen diese dann tagelang. So sehr es mich auch danach drängt, sie wegzuräumen, mache ich mich hart und lasse es. Wenn sie es liegen sehen konnten, sollte ich das auch schaffen. Mir ging es um mehr, als um ein sauberes, aufgeräumtes Haus. Meine wichtigste Entscheidung hatte ich bereits getroffen, als ich beschlossen hatte, nach über zwanzig Jahren Hausfrauendasein, wieder berufstätig zu werden. Zwar hatte es mich während meiner Ehe nie danach verlangt, aber eines Tages überfiel mich der Wunsch danach ziemlich heftig. Ich dachte mir, daß ein Job mir Geld einbringen würde und Geld mich unabhängiger von meinem Mann machen würde. Und wenn ich erst einmal arbeiten würde, könnte auch keiner mehr erwarten, daß ich allein alle Arbeiten im Haus erledigen sollte. Vorher sah ich meine vordringlichste Aufgabe in der Erziehung der Kinder und in dem Zusammenhalt der Familie. Nur wenn es gar nicht mehr anders gegangen war und wir in finanziellen Nöten gesteckt hatten, hatte ich zeitweise einen Job angenommen. Die berufliche Entwicklung vor meiner Ehe ergab sich ganz zwangsläufig. Ich mußte es tun, weil mir nichts anderes übrig blieben war. Dabei nahm ich bereits als Kind ungern Befehle entgegen, vor allem dann nicht, wenn sie meinem gesunden Menschenverstand widersprachen. Eines Teils war ich rebellisch, andererseits zu gehemmt, um meine Ansprüche angemessen zu vertreten. Ich war fleißig in meinem Beruf, gab immer alles und kam dann nicht zurecht, wenn es nicht anerkannt und honoriert wurde.
Mein Vater, dem eine Fabrik gehört hatte und der immer viele Leute beschäftigt hatte, sagte mir in meiner Jugend oft, daß man sich einem Chef unterordnen muß. Er gab nie zu erkennen, daß man einem Chef gegenüber berechtigte Forderungen haben konnte, oder daß man sich gegen Überforderung wehren sollte, was von seinem Standpunkt aus verständlich war. Damit war ich zum Teil geprägt, und ungeachtet meines Wesens tat ich Dinge, gegen die ich mich nicht wehrte und die mich unglücklich machten. Nach der Volksschule und einem Abstecher in einer Mittelschule, mit Internat, das ich wegen einem unangenehmen Erlebnis nach nur 3 Monaten verließ, zog ich mit fünfzehn Jahren, von zu hause aus und begann meine erste Ausbildung. Danach wechselte ich mehrmals die Arbeitsstellen. Hielt ich es nämlich an einem Arbeitsplatz nicht mehr aus, weil der Druck zu groß geworden war und ich es nicht verstand, in durch ein klärendes Gespräch mit meinem Vorgesetzten abzubauen, kündigte ich lieber. Zwar versuchten die meistens von ihnen mich zu halten, da sie den wahren Grund nicht erkennen konnten und in dem Glauben gelebt hatten, ich sei zufrieden gewesen. Aber selbst dann brachte ich es nicht über mich, ihnen mitzuteilen, warum ich ging. Auf diese Weise kam ich zu den verschiedensten Firmen, was mir nicht gerade den Ruf von Beständigkeit einbrachte. Aber ich verdiente mein eigenes Geld und lag niemanden auf der Tasche.
Doch das war alles lang her. Inzwischen hatte ich geheiratete, zwei Wunschkinder bekommen und versucht die Familie trotz aller Schwierigkeiten zusammenzuhalten, was mir bisher gelungen ist. Trotz aller Unkenrufe eines Teils meiner Verwandtschaft zum Trotz, die meiner Ehe bei ihrer Schließung, keine Chance gegeben hatten, dauert sie jetzt bereits seit über dreiundzwanzig Jahren an. Die lieben, guten Verwandten – allem voran die weiblichen – waren der Meinung, ich wäre nicht gut genug für diesen tollen Mann.

Ach, meine Hochzeit! So viel Erinnerungen werden wach, wenn ich daran zu denken beginne. Als ich heiratete befand ich mich in meinem vierundzwanzigsten Lebensjahre. Zwei Jahre kannten mein Mann und ich uns, als wir diesen einschneidenden Schritt taten. Vor ihm hatte ich einige kurze Liebschaften, die mehr oder weniger erfreulich waren. Die unerfreulichen überwogen allerdings, auch wenn ich immer gut aus der jeweiligen Beziehung heraus kam.
Da ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr nicht mehr zu Hause lebte, war ich, als ich heiratete, eine selbstständige ungebundene Frau, die selbst für sich auf kam und mit allem ganz gut fertig wurde. Natürlich hatte ich meine persönlichen Fehlschläge wie jeder, aber mein Vater hatte mir beigebracht, damit umzugehen und aus Fehlern zu lernen.(Im Gegensatz zu seiner Einstellung Vorgesetzten gegenüber, verstand er mein Wesen gut und förderte mich, wo es ging). Auch half mir meine Bedürfnislosigkeit über manche Hürde hinweg. Als eines von acht Kindern hatte ich gelernt mit wenig glücklich zu sein. Aber es war auch ein Teil meines Charakters, der mir dabei half.
Als Zweiundzwanzigjährige schwor ich mir, obwohl ich mich bis dahin nach einem Ehemann gesehnt hatte, wegen meiner Erfahrung mit Männern, denen ich im Grunde allem Anschein nach, nichts anderes bedeutete, als ein Unterleib, in den man sein Glied stoßen konnte, lieber allein zu bleiben. Auch das Theater einer Ehe, wie ich es bei meinen zwei Schwestern beobachten konnte, die ziemlich jung vor mir geheiratet hatten, wollte ich mir ersparen. Ich hatte mein Auskommen, eine eigene kleine Wohnung und einen netten Bekanntenkreis. Gerade, als ich soweit war, daß ich auf Männer in Zukunft verzichten wollte, lernte ich Josef kenne. Als ich ihn das erste Mal sah, war er gerade mit einer ehemaligen Schulkameradin von mir befreundet. Wir konnten zwar nicht miteinander reden, aber ich spürte sein Interesse für mich. Die Blicke, die er mir zuwarf, das bildete ich mir nicht ein, sprachen Bände. Danach verloren wir uns für ein Jahr aus den Augen. Sofort, als wir uns per Zufall wieder trafen, ließ er mich nicht mehr los. Mein Gefühl, daß ich Interesse in ihm erweckt hatte, hatte mich nicht getäuscht. Er sah jung aus, jünger als er war, denn ich schätzte ihn auf circa siebenundzwanzig Jahre. Doch wie sich heraus stellte war er bereits 31. Meine Freundinnen gratulierten mir zu diesem Fang, dabei hatte ich ihn nicht gefangen. Er war es, dem ich gleich gefallen hatte und der mich nun, nachdem er mich wiedergefunden hatte, nicht mehr los ließ. Aber ich ließ mich gerne halten. Für mich wurde er zu dem Mann, den man heiraten konnte. Lange Zeit gab es nichts an ihm, was mich störte. Er war zwar nicht gerade schön mit seinem schmalen Gesicht und der großen Nase, aber er hatte das gewisse Etwas. Mit ach so schönen Männern war ich bereits mehrmals gescheitert, so daß ich darauf keinen Wert mehr legte. Jetzt legte ich, wenn überhaupt, das Gewicht auf innere Schönheit.
Josef war groß und schlank und sein Gesicht hatte den Ausdruck vornehmen Wesens. Daß er von Beruf Ingenieur war und bei einer Behörde arbeitete, spielte für mich keine Rolle. Solche Dinge waren mir nie wichtig gewesen. Entscheidend für mich waren seine nette Natur, seine höfliche, zuvorkommende Art und daß er mich anbetete. Er hatte Humor und wir konnten gut mit einander redeten. Er hielt sich zurück, bevormundete mich nicht und machte mir keinerlei Vorschriften. Letztere zwei Eigenschaften an ihm waren mir besonders wichtig, weil es mich rasend machte, wenn man mich, die ich so selbstständig war und sein mußte, wie ein Dummchen behandelte, das nicht bis drei zählen konnte. Dazu überhäufte er mich mit kleineren und größeren Geschenken. Das war zwar nicht ausschlaggebend; aber welcher Frau würde das nicht gefallen? Obwohl ich nicht irrsinnig in ihm verliebt war, wußte ich ganz genau, daß, wenn überhaupt, dann er der richtige Mann zum Heiraten war. Auch er hatte bereits einige Freundschaften hinter sich; was logisch erscheint, war er ja bereits zweiunddreißig, als ich ihn kennen lernte. Trotzdem war er in Sachen Liebe zurückhalten, ja fast schüchtern, was ich auf seine prüde katholische Erziehung zurückführte. Aber gerade diese Zurückhaltung gefiel mir, und meine Gedanken waren dahin gehend, daß diese Prüdheit sich in der Ehe legen würden.
So schön die Freundschaft mit Josef sich auch anließ, so taucht doch schon bald ein Problem auf: “Seine Mutter.” Er lebte mit ihr zusammen in ihrer Wohnung und wurde von ihr immer noch als das Kind angesehen, das erzogen werden mußte. Seit vielen Jahren war sie Witwe, und an Josef ihrem Einzigen, hing sie sehr. Er war ihr ganzer Lebensinhalt. Ich war die erste Freundin überhaupt, die er je mit nach Haus brachte und seiner Mutter vorstellte. Das er den Mut dazu aufbrachte, lag sicherlich daran, daß seine Eltern und meine sich kannten und sich schätzten. Etwas eigenartig empfand ich die Situation schon, als ich zum ersten Mal, zu einem Nachmittagskaffee eingeladen, bei ihr war. Man sagt ja oft, daß der erste Eindruck der wichtigste oder richtigste ist. Ich bemerkte schnell, daß sie ebenso nervös war, wie ich, denn sie verschüttete beim Einschenken ein wenig von dem Kaffee. Ansonsten kam sie mir neben ihrem Sohn größer und wuchtiger vor, als sie tatsächlich sein konnte. Es war gewissermaßen eine optische Täuschung, da Josef sich ihr gegenüber reichlich devot benahm. Das hätte mir zu denken geben sollen, aber wir waren wohl alle drei etwas aufgeregt. Davon abgesehen verbrachten wir den Nachmittag recht harmonisch zusammen.

Dieser Einladung folgten andere, bis es sich einbürgerte, daß ich jedes Wochenende wenigstens einmal bei ihr zu erscheinen hatte. Damals machte es mir noch nichts aus, ihren Bitten deswegen nachzukommen. Ich konnte die Folgen, die dadurch entstanden, nicht abschätzen. Da ich Josef für mich gewonnen hatte, schien es mir nur richtig, sie, die jetzt viel alleine war, hin und wieder einzubeziehen. So entging es mir mit der Zeit nicht, als sie sich offener gab, wie Josef mit seinen zweiunddreißig Jahren von ihr bevormundet und gegängelt wurde. Er trug es mit Geduld und Gelassenheit. Das schien der Preis zu sein, den er zu zahlen bereit war, daß sie seine Freundschaft zu mir billigte und ihm kaum Schwierigkeiten deswegen machte. Und so tat er nichts, um sie über Gebühr zu reizen. Er fügte sich sogar ihren manchmal seltsamen moralischen Anwandlungen meistens anstandslos.
Davon ist mir nachstehendes noch besonders in Gedächtnis. Wenn Josef mich am Abend in meiner Wohnung besuchte, die mein Vater mir in seinem Haus eingerichtet hatte, kam unweigerlich um zweiundzwanzig Uhr ihr Kontrollanruf, der ihn nach Haus beorderte. Er hatte von seiner Mutter den Auftrag – um es milde auszudrücken – mich um diese Zeit zu verlassen. Damit er das auch einhielt, rief sie regelmäßig bei mir an, wußte sie uns dort zusammen. Heute, wenn ich darüber nachdenke, finde ich es empörend, daß sie das getan hat, aber damals empfand ich eher Belustigung darüber. Ich schrieb es ihrer Besorgnis zu, was meine Eltern wohl dachten, wenn er sich über diesen Zeitpunkt hinaus bei mir aufhalten würde. Der sexuelle Aspekt spielt bei ihr dabei wohl die stärkste Rolle. Als könnten wir Sex nach zehn Uhr eher machen, als vor dieser Zeit. Aber ich akzeptierte ihr Verhalten so, wie ich gelernt hatte, anderer Leute Art zu akzeptieren. Ich fand es sogar rührend, wie sie sich um unsere Moral sorgte, obwohl vor über zwanzig Jahren im Allgemeinen diese gewisse Prüderie auch schon aufgelockert war. Ich selbst war in dieser Hinsicht unbelastete. Meine Eltern waren tolerante großzügige Leute, sahen in mir den inzwischen erwachsenen Menschen und machten mir keinerlei Vorschriften mehr. Ihnen war mein neuer Freund lieb und recht und sie achteten ihn, wie keinen von ihren Schwiegerkindern. Außerdem hätte ich mich von ihnen nicht behandeln lassen, wie Josef es von seiner Mutter hinnahm. Doch das waren das zwei verschiedene Welten, seine Mutter und meine Eltern und jeder hatte auf seine Art und Weise recht zu handeln, wie sie es taten. So glaube ich jedenfalls damals.

Als ich aber näher mit ihr bekannt wurde, und ihr klar werden mußte, daß es Josef dieses Mal ernst war mit seiner Liebe zu mir, ernster als all seine Freundschaften vorher und sie ihre Art Josef gegenüber auch auf mich übertrug, war es bald nicht mehr lustig für mich. Immer öfters versuchte sie sich in unsere Angelegenheiten zu mischen. Das ging bis in den Intimbereich.
Ich erinnere mich, wie ich Josef einmal in ihrem Beisein von einem verflossenen Freund erzählte. Ich dachte mir nichts dabei. Für gewöhnlich konnte ich mit ihm über alles reden und das schloß auch frühere Bekanntschaften mit ein. Weder er noch ich leugneten frühere Begebenheiten oder verdrängten sie. Warum auch? Er hatte kein Mönchsleben geführt und ich keins einer Nonne. Seine Mutter aber machte zu meinen Ausführungen eine derart sauere Mine, die mir signalisierten sollte, daß Thema sei unangebracht. Ich begriff sofort, daß sie der Meinung war, derartige Reden würden ihr Büblein verletzten. Aber das war Unsinn und das sagte ich ihr auch. Er wußte längst Bescheid über mein Vorleben und ich hatte nicht die Absicht meine Vergangenheit zu verleugnen. Alles was in der Vergangenheit geschehen war, hatte mich letztendlich zu dem Menschen werden lassen, der ich damals war. Als sie gar einmal sagte, wir könnten nicht heiraten, weil eine Wohnungszusage, die man uns fest versprochen hatten, platzte, und Josef ihr deswegen nicht widersprach, überkamen mich starke Bedenken für unsere gemeinsame Zukunft. Ich überlegte, ob eine Ehe mit Josef gut gehen würde, so nett er selber auch war, wenn seine Mutter so viel Einfluß auf ihn hatte und er sich nicht dagegen wehrte. Hatte ich mich nur deshalb mühevoll aus der Umklammerung meiner Mutter befreit, um jetzt in eine andere zu gelangen? Und würde es nicht schlimmer werden, waren wir erst mal verheiratet? Ich befürchtet es stark. Das war nicht was ich wollte. An diesem Punkt angelangt, sprach ich mit Josef darüber. Ich sagte ihm mit wehem Herzen, daß es besser wäre nicht zu heiraten; denn ich wollte mich seiner Mutter nicht so unterordnen, wie er es tat. Statt dessen schlug ich ihm vor, als Paar, ohne Eheschein, zusammen zu leben. Da fing er zu weinen an. Er schluchzte hemmungslos in dem Restaurant in dem unsere Unterhaltung statt fand. Unter Tränen sagte er mir, daß seine Mutter unwichtig sei, daß sie von ihm aus zum Teufel gehen könne, Hauptsache ich würde ihn heiraten. Sein Ausbruch erschütterte und beeindruckte mich. Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber ich schöpfte die Hoffnung daraus, daß wenn seine Liebe so groß zu mir war, daß er sich öffentlich so benahm, doch alles gut gehen könnte. Ich gab mich der Zuversicht hin, daß er noch lernen könnte, sich seiner Mutter gegenüber zu behaupten. Ich wollte es glauben; wollte ihn eigentlich auch nicht verlieren. Und wahrscheinlich hätte seine Mutter eine offene Ehe nicht geduldet und verstanden so etwas zu unterbinden, was Josef bewußt gewesen sein mußte. Darum seine Angst und seine Tränen. Und seine Gedanken darüber machten ihn unglücklich und ließen ihn leiden. Also lenkte ich ein und er beruhigte sich wieder. Wir suchten und fanden eine andere Wohnung und haben dann geheiratet.
Die Hochzeit war sehr schön, mit all den Verwandten und Freunden, und Josef und ich fühlten uns wie im siebten Himmel. Obwohl der Selbstmordversuch meines zweit jüngsten Bruders das Fest überschattete, ließen wir uns die Freude an unserer Feier nicht nehmen. Ich fühlte mich so stark, so unverwundbar und war gewillt alles auf mich zu nehmen, was kommen sollte. Aus dieser Zeit stammt ein Brief meiner Freundin Luise, den sie mir zu diesem Anlaß geschickt hatte. Sie und ich hatten das letzte Lehrjahr gemeinsam verbracht und zusammen unserer Abschluß gemacht. Anschließend daran arbeitete jede von uns beiden in München und wir waren zusammen, so oft wir konnten. Heute haben wir uns aus den Augen verloren, weil ich so schreibfaul war. Das tut mir heute leid, denn sie war ein ganz erstaunliches Mädchen. Ihr Briefe – die ich auf einer gesonderten Seite zeige – verdeutlichen gut unsere damaligen gemeinsamen Einstellungen und Hoffnungen, versehen mit dieser gewissen Prise Skepsis, die wir Männern gegenüber hatten.

Sie schreibt:
Liebes Brandylein! (Mein damaliger Spitzname, wegen meiner Haarfarbe)

Ein Gedicht von Guiseppe Ungaretti:

“Rot und Himmelblau, Ich habe gewartet, daß ihr euch erhebt, Farben der Liebe, Und jetzt enthüllt ihr eine Himmelskindheit, Sie reicht die schönste geträumte Rose.”

Und dann weiter: Brandylein, meine liebsten Wünsche sind Euer. Lange haben wir nichts von einander gehört, lange haben wir nicht geschrieben und nicht gewußt, ob es uns gut oder schlecht geht. Aber deine Karte, die mir in München in die Hände fiel, machte mich glauben, daß du glücklich bist; daß du liebst und geliebt wirst. Solltest du also tatsächlich den Menschen gefunden haben, der deine Wünsche und Sehnsüchte kennt, der deine Traurigkeit verstehen wird und dessen Umarmungen dich geborgen fühlen lassen? Es wäre wunderschön! Deine Lu-Sch. (“Lu-Schu” war die Abkürzung ihres Vor- und Zunamens. So hatte sie immer etwas abgezeichnet und eines Tages war es ihr Spitzname.)
Ich hatte mich in meiner Ehe weiter entwickelt, meinen Charakter gefestigt und war mit vielen Problemen, die es wegen ihr gab, fertig geworden. Und das waren nicht wenige! Oft denke ich daran, wie zuversichtlich die meisten Ehe eingegangen werden. Wie sehr erhoffen sich die neu Verheirateten, daß damit ein besserer Abschnitt in ihrem Leben beginnen würde. Denn würden sie es tun, wenn es diese Erwartung nicht gäbe? Das große Risiko ist nur, daß jeder einzelne Ehepartner unterschiedliche Vorstellungen davon hat, wie sein Leben sich in der Ehe gestalten sollte. Die meistens erwarten von dem Anderen mehr, als er selber zu geben bereit ist. Das kann dann bereits der Anfang vom Ende sein. Viele lieben sich selber mehr als den Partner, woran die Ehe zerbrechen kann. Oder einer von beiden will nicht erwachsen und verantwortungsbewußt werden und belastet so die Ehe bis zu ihrem Bruch. Oder einer von beiden hält sich für weniger wert als der anderen und gibt damit dem Partner die Möglichkeit ihn zu unterdrücken. Oder, oder, oder! Es gibt ja so viele Varianten, warum Ehen nicht klappen. Und es betrifft beide Geschlechter. Im Gegensatz dazu, genügen zum längeren Bestehen einer Ehe, wenige aber wichtige Voraussetzungen. Dazu zählen aufrichtige Liebe, das Verständnis für den anderen, Toleranz, Ehrlichkeit, Offenheit und die richtige Einschätzung der eigenen Person. Aber gerade das scheinen die größten Probleme zu sein. Es ist unglaublich, aus welchen Gründen manche Leute heiraten und sich dann wundern, daß es nicht klappt. Nur, wenn “beide” Partner das “gemeinsame” Wohl im Auge haben, hat eine Ehe die Chance lange zu halten. Schwierigkeiten, mit denen fertig zu werden sind, gibt es unzählige. Zieht man dann nicht an einem gemeinsamen Strang, wofür dann heiraten? Ich jedenfalls war nach den langen Jahren meiner Ehe zu der Ansicht gekommen, daß mein Mann nicht mehr an diesem Strang ziehen wollte.
Einst waren wir den Bund der Ehe, vor Gott und den Menschen, voller Liebe und Zuneigung zu einander eingegangen. Wie konnten wir ahnen, welche Fallen uns auf unseren Weg begegnen sollten. Wie ahnen, wie viel Einfluß andere Menschen auf unsere Ehe nehmen würden und sie damit bis an den Rand des Scheiterns brachten. Doch nie darf ein solcher Einfluß geduldete werden! Nicht auf Dauer! Kein mündiger Mensch kann sich herausreden, daß andere ihm die Verantwortung abgenommen haben und das der Grund für sein Scheitern ist. Doch abgesehen von dem Einfluß anderer Leute, blieben weder Josef noch ich in unserer Entwicklung da stehen, wo wir zu Beginn unserer Ehe angefangen hatten. Auch wir veränderten uns laufend und hatten uns ständig neuen Gegebenheiten anzupassen. Mir fiel es meistens leichter.

Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich unter vielen Geschwistern. Da war für Extravaganz kein Platz und das lehrte mich flexibel zu sein. Die Anzahl von Kindern bedingte auch, daß wir relativ großzügig erzogen wurden. Auf den einzelnen konnte nicht sehr eingegangen werden und das verschaffte uns gewisse Freiheiten.
Für Josef, meinen Mann, war es härter gewesen. Als vergöttertes Einzelkind nahm man jede seiner Entwicklungen wahr und jedes Fehlverhalten wurde auf Teufel komm raus, berichtigte. Andererseits bekam er mehr Aufmerksamkeit und Liebe von seinen Eltern. Konkurrenzkampf mit Geschwistern, das Nachgeben und Einstecken ihretwegen waren ihm fremd. So bekam er eine andere Prägung, als ich, was nur natürlich war. Im Lauf unserer Ehe hatte er jedoch Gewohnheiten angenommen, die mich unglücklich machten und die ich so auf Dauer nicht hinnehmen wollte. Da ich annehmen konnte, daß er mich noch liebte und nur aus Bequemlichkeit nichts mehr für unserer Ehe tat, beschloß ich ihn aufzurütteln. Das wickelte sich in den letzten beiden Jahren, im Großen und Ganzen, ziemlich still ab.
Die schlimmen Auseinandersetzungen in unserer Ehe hatten wir bereits hinter uns. (Dachte ich damals noch!) Großes Gezeter war nicht, was ich wieder wollte. Dazu war hatte ich die Nerven und die nötige Kraft verloren. Jetzt ging ich subtiler vor. Mein Töne wurden leiser. Ich dachte mir, wenn er nichts mehr für sich und mich tat, war das kein Grund, nichts für mich selber zu tun. Vor allem wurde es mir immer wichtiger, mir einen Freiraum gegenüber der Familie zu schaffen; mir neue Horizonte zu eröffnen. Sicherlich übte ich all die Jahre, neben Haushalt, Familie und Garten die unterschiedlichsten Hobbys aus, aber das waren im Grunde nur Ersatzbefriedigungen gewesen für Dinge die ich wollte, aber nicht bekam. Mit Hobbys hatte ich mich weitgehend erschöpfend befaßt. Als sie mir nicht mehr gaben, was ich glaubte zu brauchen, lag es nahe wieder berufstätig zu werden. Meine Gedanken waren dahin gehend, daß ich mich ihnen, wenn ich berufstätig würde, legal entziehen konnte und ihnen Arbeiten zu zumuten waren, die bisher immer nur von mir erwartet worden waren und die ich seit Langem nur noch widerwillig tat. Gedacht, getan! Ich begann mich nach einer passenden Arbeit umzusehen. Aus einem undefinierbaren Grund, dessen Wurzeln in der Vergangenheit liegen mußte, war ich der festen Überzeugung, daß es nicht schwer sein konnte bald eine “passende” zu finden. Das stellte sich jedoch als trügerisch heraus. Ich ging die Sache völlig blauäugig und reichlich optimistisch an. Aber ich wußte es ja nicht besser. In gewisser Beziehung war ich verwöhnt, da ich die Stellen, die ich früher wollte, immer bekommen hatte. Warnungen von Bekannten und Freunden, die mir sagten, daß heutzutage alles anders wäre, nahm ich deshalb nicht ernst. Das war natürlich überheblich von mir. Doch ich wollte mich nicht gleich von Anfang an mit negativen Aspekten belasten. Ich war optimistisch. Ich mußte es sein, sonst hätte ich es gleich sein lassen können. Der Zufall kam mir zu Hilfe. Bei einem Fest trafen mein Mann und ich mit meinem früheren Chef und seiner Frau zusammen, in dessen Praxis ich als letztes gearbeitet hatte, bevor ich ihm, wegen Anfangsprobleme in der ersten Schwangerschaft, kündigen mußte. All die Jahre über war der Kontakt nie ganz abgebrochen und ein freundschaftliches Verhältnis erhalten geblieben. Während unserer Unterhaltung erzählte er mir erregt, daß seine langjährige Sprechstundenhilfe ihn verlassen würde und er dringend einen Ersatz für sie suchte. Ich wiederum erzählte ihm, daß ich zur teilweisen Berufstätigkeit zurückkehren wollte. Daraufhin fragte er mich spontan, ob ich die frei werdende Stelle bei ihm übernehmen wollte. Und ob ich wollte! Bei seiner Frage durchfuhr mich ein Glücksgefühl. Die Arbeit bei ihm war die einzige von mehreren aus meiner Vergangenheit, bei der ich mich, wegen der Toleranz und Großzügigkeit meines Chefs, wohl gefühlt hatte. Dort wieder anfangen zu können, so glaubte ich, sei “der Glücksfall” für mich. Wir einigten uns und so fing ich bei ihm an.
Aber es stellte sich als ein großer Fehlschluß heraus. Sehr schnell mußte ich erkennen, daß ich mich maßlos überschätzt hatte. Die Arztpraxis hatte in den Jahren, seit dem ich sie verlassen hatte, den Umfang an Patienten wesentlich erhöht und der Schriftverkehr sich deswegen enorm gesteigert. Um das zu bewältigen, dafür fehlte mir die notwendigen Fertigkeiten in Schreibmaschinenschreiben und die notwendige Routine. Für einige Tage versuchte ich es. Mühsam kämpfte ich mich durch Berge von Briefen. Als es nicht rasch genug vorwärts ging, ich außerdem wußte, daß noch andere Pflichten von mir erwartete wurden, an die ich mit Bangen dachten, gab ich geschafft und frustriert auf. Meiner Aufgabe lag auch der Grund zu Tage, daß die junge Frau, die mich einarbeitete, nur noch vierzehn Tage bleiben würde, bis ich mir selber überlassen werden sollte. Die Erkenntnis, daß ich die Arbeit bis dahin nicht in den Griff bekommen würde, verursachte mir unüberwindbare Panik. Mit einem sehr schlechten Gewissen kündigte ich. Glücklicherweise nahm mein Chef es verständnisvoll hin. Danach ergab sich für ihn der günstige Umstand, daß meine Vorgängerin es sich nochmals überlegte und ihre Kündigung zurück nahm. Das erleichterte mich sehr, denn das Gefühl, ihn im Stich gelassen zu haben, hatte mir zugesetzt. Daran anschließend besann ich mich auf eine Tätigkeit, die ich ungefähr im sechsten Jahr meiner Ehe für einige Wochen ausgeübt hatte. Damals führte ich Kunststoffwaren vor und verkaufte sie. Die Erinnerung daran, wie leicht es gewesen war, wie viel Spaß es mir gemacht hatte und auch der dadurch erzielte finanzielle Erfolg, bestärkten mich zu der Ansicht, das wieder aufzunehmen. Außerdem hatte es mich mit vielen verschieden Menschen zusammen gebracht. Das war mir willkommen gewesen, denn als Hausfrau ist man oft ziemlich einsam und vermißt den Kontakt zu anderen erwachsenen Menschen. Diese Tätigkeit mußte ich dann plötzlich wegen dem Zustandekommen der zweiten Schwangerschaft abbrechen. Es kam zu leichten Blutungen während der ersten Wochen und langes Stehen hätten sie vermutlich verstärken können. Meine Angst war zu groß, daß in mir wachsende Kind vorzeitig zu verlieren. Diese Angst war nicht unbegründet. Bereits während der ersten Schwangerschaft war es lange fraglich gewesen, ob ich das Kind behalten konnte. Blutungen und vorzeitige Wehen konfrontierten mich mit einem drohenden Abgang und nur striktes über Wochen eingehaltenes Liegen ermöglichte die gesunde ausgereifte Geburt unseres ersten Kindes. Es stand nicht dafür, das Kind zu riskieren, nur um weiter zu arbeiten. Also gab ich es damals auf.
Doch meine Lage hatte sich verändert, jetzt sah alles anders aus. Die Kinder waren halbwegs erwachsen und keine Schwangerschaft würde mir mehr in die Quere kommen, wenn ich es erneut versuchen würde. Also nahm ich Kontakt zu der Firma auf, wurde eingestellt und eingearbeitet. Die Arbeit war nach wie vor nicht schwer, doch ergaben sich andere nicht vorhersehbare Schwierigkeiten. Gleich von Beginn an kniete ich mich, wie es meine Art war, ziemlich in die Sache rein. Von den Frauen meines Bekanntenkreises aber, wie sich herausstellte, waren die meisten in meinem Alter und bereits reichlich mit dieser besonderen Art von Kunststoffware eingedeckt. Deswegen konnte ich nur geringe Umsätze tätigen. Zu den jüngeren Frauen, die noch Bedarf an diesen Waren hatten und die einen größeren Umsatz garantiert hätte; denn daß der möglich war, konnte ich an den Umsätzen der jüngeren Kolleginnen feststellen, fehlte mir der Kontakt. Der erforderliche Aufwand, den ich betrieb, mit dem Ergebnis eines geringen Umsatzes. erschien mir zu groß. Vielleicht hätte ich auf längere Sicht noch Erfolg gehabt, aber ich war zu ungeduldig. Ich wollte einen schnellen Erfolg. So gab ich auch das wieder auf. Aber ich gab nicht auf, weiter nach der richtigen Arbeit für mich zu suchen. Ich hatte ja gerade erst angefangen. Ich war mir ganz sicher, daß die richte, die zu mir passende Arbeit, die ich auch leisten konnte, noch auf mich wartete. Zunächst aber erkannte zwingend, daß ich etwas zur Auffrischung und Erweiterung meines beruflichen Wissens tun mußte. So euphorisch ich die ganze Sache angegangen war, sah ich nach meinen Fehlschlägen ein, wie wenig ich noch beherrschte, wie viele Fähigkeiten ich verloren hatte. Hier wollte ich nun ansetzen und mein Wissen erneuern und erweitern. Und ich war aufgeschlossen und wißbegierig genug, Neues zu erlernen.
Während der Jahren meiner Berufslosigkeit hatten in verstärktem Maß Computer die Büros erobert. Diese Technik faszinierte mich, seit dem Tag an dem meine Kinder sich mit dieser Materie beschäftigten. Damit auch umgehen zu können erschien mir erstrebenswert und verlockend. Während eines Gespräches mit einer Freundin kamen wir auf dieses Thema zu sprechen. Dabei gab sie mir den Rat, mich bei einem Arbeitsamt danach zu erkundigen. Genau das tat ich dann. Der Rat war wirklich gut. Ein kompetenter Mitarbeiter des Arbeitsamtes beriet mich hervorragend und regelte außerdem die Kostenfrage. Die Gebühren dafür waren nämlich nicht gering. Der Schulungstermin kam heran und ich fuhr ab da regelmäßig zum Besuch des Computerkurses. Es machte mir Spaß und hob mein Selbstwertgefühl mächtig, als ich erkannte, daß ich die Fähigkeit nicht verloren hatte, Unterrichtsstoffe zu erlernen und zu begreifen. Als eine der drei ältesten Frauen im Kurs – der Rest der Lernenden war fünfzehn bis zwanzig Jahren jünger und darunter befand sich nur ein einziger Mann – absolvierte ich vier anstrengende, doch befriedigende Monate. Diese schloß ich, da ich mit viel Fleiß und Einsatz daran gegangen war, als eine der drei Besten ab. Daß mir das tiefe Genugtuung und Auftrieb gab, kann man sich leicht vorstellen. Hatte mit doch tatsächlich mit einer besseren Note abgeschlossen als die meisten der wesentlich jüngeren Mitschülerinnen. Daraus zog ich den Schuß, daß ich noch nicht zum alten Eisen gehörte. Das spornte mich an zu neuen Taten.
Nachdem ich nun gut mit dem Computer und den verschiedensten Programmen zurecht kam, wollte ich es mit einer selbstständigen Arbeit versuchen. Ich wollte versuchen mein eigener Chef zu sein. Mit einem Inserat in der Zeitung suchte ich nach Leuten, die Schreibarbeiten für mich zu erledigen hätten. Ich bekam auch Aufträge; aber da es mir immer noch an der nötigen Routine fehlte, scheiterte ich auch damit und gab es enttäuscht schnell wieder auf. Doch ich gab nicht auf. Ich war fest entschlossen zu Arbeiten, so daß ich nach jedem Fehlschlag gleich weiter nach Arbeit für mich suchte. Jetzt stürzte ich mich auf die Stellenangebote in der Zeitung. Eine davon war sehr verlockend für mich und versprach das große Geld für den zukünftigen Mitarbeiter. Ach du liebe Güte, was war ich doch naiv! Nach einigem hin und her mit der Firma, ging ich den Lizenzvertrag mit dem “Christlichen Partner- und Eheinstitut” ein; unterstützt von meinem Mann, da für den Vertrag viel Geld bezahlt werden mußte. Geld, das wir eigentlich nicht hatten, und für das wir einen Kredit aufnahmen. Am Anfang arbeitete ich hart und lang und ich machte die Arbeit gern. Doch nach und nach, bestätigten sich die Zweifel, die ich insgeheim immer wegen Partnerinstitute gehabt hatte, von denen ich aber glaubte, daß ich sie bei einem “Christlichen Institut” ignorieren könne. Ich mußte erkennen, daß man für so ein Geschäft, wenig Skrupel benötigte und das man die Kunden ziemlich unfair ausnehmen mußte, um selber gut zu verdienen. Das jedoch stand ganz entschieden entgegen meiner inneren Einstellung Menschen gegenüber. Ich konnte sie nicht für etwas bezahlen lassen – viel bezahlen lassen – daß ihnen kaum Erfolg versprach. Das entsprach in keinem Fall meinen Charakter. Das Geschäft war für mich faul. Als ich das erst einmal erkannt hatte, zog ich mich nach nur vier Wochen, mit einem Berg von Schulden zurück. Es folgten Wochen der Wut und Angst auf die Firma, die mich im Grunde genommen hereingelegt hatte. Lange hing außerdem die beängstigende Aussicht über mir, daß sie gerichtlich noch weiteres Geld von mir fordern würden, obwohl ich selber nie eines mit ihren Methoden verdient hatte. Aber die Firma war wohl zu sehr in ihre faulen Geschäften verstrickt, so daß sie es dann doch nicht wagten, auf die Einhaltung des von mir abgebrochenen Vertrages zu bestehen.
Was war ich wütend! Und ich war stink sauer! Ich verfluchte die Menschen, die mir das angetan hatten. Waren wir vorher schon immer nur knapp mit dem Geld, das mein Mann verdiente, ausgekommen, so mußten wir uns jetzt noch weit mehr einschränken, da ja nun die Schulden aus der Pleite bezahlt werden mußten. Ein wenig wurde meine schlimme Verfassung dadurch gemildert, weil zu der selben Zeit, ein mit uns befreundetes Ehepaar, das älteste seiner drei Kinder, durch einen Unfall verlor. Der Vergleich zwischen dem Verlust eines Kindes und dem von Geld, machte es mir möglich, nicht völlig den Kopf zu verlieren. Ich tröstete mich damit, daß man zwar Geld ersetzen konnte, aber nicht ein Kind; denn die Wahl zwischen beiden fiel mir nie schwer.
Kaum hatte ich mich von diesem Fehlschlag körperlich und seelisch etwas erholt, suchte ich nach anderen Verdienstmöglichkeiten. Durch Zufall kam ich darauf, Glasfensterbilder zu entwerfen. Eine gewisse künstlerische Ader hatte ich schon immer und die kreative Arbeit damit, baute mich wieder auf. Tage und wochenlang probierte ich die verschiedensten Motive und Arbeitstechniken aus, bis ich das Richtige gefunden hatte. Inzwischen hängen meine Arbeiten in mehreren Geschäften; unter anderem auch in einer Galerie. Der Erfolg läßt allerdings noch auf sich warten, denn billig sind sie nicht.
Parallel dazu begann ich zu schreiben. Immer schon war es mein Wunsch gewesen, Schriftstellerin zu werden. Seit meiner frühesten Jugend hatte ich mich schon darin geübt, allerdings ohne nennenswerte Ergebnisse, da ich keine Ausdauer besaß. Aber ich hatte das Talent dazu. Bereits in der Schule waren meine Aufsätze meistens die Besten vom Inhalt her, auch wenn meine Rechtschreibung zu wünschen übrig ließ. Später dann war mir Schreiben mit der Hand zu mühsam und ging mir nicht schnell genug, so daß ich es bei Notizen beließ, die ich irgendwann einmal aufarbeiten wollte. Und später wiederum, als ich mir eine Schreibmaschine gekauft hatte, war mein Probleme, das ich Schreibmaschinenschreiben nie gelernt hatte und nur mit dem zwei Finger-System arbeitete. Nun aber war alles anderes! Bereits vor meinem Computerkurs hatte ich mir mit eisernem Fleiß selber das richtige und blinde Schreibmaschinenschreiben beigebracht. Das und das beherrschen von Textprogrammen am Computer erleichterten mir nun das Schreiben ganz ungemein. Jetzt war es für mich auch nicht mehr so wichtig, wenn ich den Text nicht gleich Fehlerlos schrieb. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich mit Worten jonglieren. Ich war nicht mehr dem Frust ausgesetzt, den man hat, wenn man mit der Hand oder der Schreibmaschine schreibt. Eine völlig neue, bis dahin unbekannte Welt tat sich damit für mich auf. Ich versuchte alles was hinderlich war, beiseite zu schieben, um schreiben zu können. Das war meine Erleuchtung, daß war das, von dem ich im Stillen immer geträumt hatte. Endlich konnte ich ohne große Anstrengungen meine Gedanken und Ideen in Worte fassen und aufs Papier bringen. Als erstes größeres Werk verfaßte ich ein altes, von meinem Ur-Urgroßvater geschriebenes Gedicht neu. Ich modelte sein, in strenger hexametrischer Form verfaßtes Werk, so um, daß es jetzt in gut lesbarer Romanform verlegt werden könnte. (Wenn ich dafür einen Verleger finde. Wenn nicht, werde ich irgendwann versuchen es selbst zu verlegen. Der Inhalt ist zu schön und zu wertvoll, um verloren zu gehen). Das Buch zu schreiben kostete mich viele Monate Arbeit, aber es befriedigte mich auch sehr. Weniger Befriedigend benahm sich meine Familie; meine Männer, wie ich manchmal sage; mein Mann Josef und unser beiden Jungens, Florian und Christoph. Obwohl ich sie darum bat, mich nun als berufstätige Frau anzusehen, und nicht mehr nur als Hausfrau, ging es ohne Wirkung an ihnen vorbei. Für sie sollte sich nichts ändern. Stillschweigend nahmen sie an, ( wenn sie sich überhaupt Gedanken darüber machten, was ich nicht einmal glaubte) daß ich neben meiner Schreiberei auch noch den Haushalt so führte, als hätte ich sonst nichts anderes zu tun. Aber ich nahm meine Arbeit ernst und es dauerte ihre Zeit, sie zu machen. Ging ich nun durch das Haus und sah, daß nach wie vor all ihre Sachen herum lagen, von denen sie gewohnt waren, daß ich sie ihnen nachgeräumt hatte, ärgerte ich mich. Keiner kümmerte sich von ihnen darum, auch einmal sauber zu machen; Dreck wegzuräumen, den sie in erster Linie machten. Nachdem auch darüber reden kaum etwas änderte, ich aber nicht mehr bereit war, so wie vorher weiter zumachen, denn jeder von ihnen war nur in der Lage, zum Haushalt beizutragen, trat ich in Streik. Ich hatte schon zu vieles weggesteckt und konnte mit einem Mal nicht mehr. Es ging mir die Geduld und die Puste für meine bornierte Familie aus. Ich zog mich in mein eigenes Reich, bestehend aus Büro und Schlafzimmer, zurück und versuche seitdem mir meinen Frust über sie, von der Seele zu schreiben. Ich spreche nicht mehr mit ihnen, tue nur noch das Nötigste, wie Einkaufen und Wäschewaschen und verbringe den Rest meine Zeit mit Erinnerungen und Aufzeichnungen meiner Ehe von Anfang an bis jetzt.
Wenn ich darüber nachdenke, so wir sind wir, mein Mann und ich, im Grunde genommen, ein ganz normales Ehepaar. Nach außen hin machen wir sogar den Eindruck, als wäre unsere Ehe besonders harmonisch und glücklich. Und das glauben auch die meisten Leute, die uns kennen und uns darum beneiden. Aber natürlich ist es nicht immer so. Zur Zeit sieht es eher so aus, als könnte sie gescheitert. Und dabei hatte es mich so viel Arbeit gekostet sie gut zu führen.
Inzwischen sind dreiundzwanzig Jahre vergangen. Heute bin ich nicht mehr bereit mein Los als nur Ehefrau, als gegeben hinzunehmen. Schien mir zu Beginn meiner Ehe es das Höchste zu sein, Familie zu haben und für diese zu Sorgen, rieben mich im Lauf der Zeit, die immer wieder kehrenden stupiden Arbeiten, die damit zusammen hingen, auf. So lange die Kinder klein waren, kümmerte ich mich gern um alles, und um nichts auf der Welt hätte ich sie anderen zur Betreuung überlassen. Aber ich hatte noch andere Fähigkeiten, als nur Hausfrau, Köchin und Putzfrau zu sein. Und es kamen Situationen auf mich zu, mit denen ich nicht gerechnet hatte und die mich einmal fast in den Selbstmord getrieben hätten.
Im Großen und Ganzen stimmt es schon, daß man in der Ehe gemeinsam mit Problemen fertig werden kann, die man allerdings aber auch erst durch sie bekommt. Und seinen wir doch einmal ehrlich: Wer erwartet, daß immer alles glatt geht, ist ein Dummkopf! Aber bleibt man allein, hätte man auch die schönen und guten Dinge nicht, die man miteinander erlebt, und die wir auch hatten.
Jedenfalls wurden unsere ersten und dann langanhaltenden Probleme von seiner Mutter ausgelöst. Ganz im Gegensatz zu mir lebte Josef bis zu seiner Verheiratung bei ihr. Und er war ihr einziges Kind. Sein Vater war bereits vor Jahren gestorben und so war er der ganze Lebensinhalt seiner Mutter. Ich glaube, man kann sich gut vorstellen, was das bedeutete.
Zu Beginn unserer Ehe ging ich noch ganztägig arbeiten. Als Josef mir aber so gar nicht im Haushalt half – bei seiner Mutter hatte er höchstens einmal abgetrocknet – und ich nun all die Arbeit für zwei Personen zu machen hatte, rebellierte ich zum ersten Mal gegen ihn. Vor unserer Ehe hatte ich alles für mich alleine erledigt und fand noch Zeit mit Josef zusammen zu sein. Jetzt nahm er es als selbstverständlich, daß ich die doppelte Arbeit im Haushalt machte und trotzdem genau so viel Zeit für ihn hätte. Ich fand es unmöglich, daß er am Wochenende da saß, während ich mich abhetzte und er nur darauf wartete, bis ich mit meiner Hausarbeit fertig war. Und dann begann er sich auch noch darüber zu beschweren, daß ich so lange brauchte. Aber damals kam ich erst am Abend gegen einhalbacht Uhr von der Arbeit nach Hause; wann also hätte ich sie machen sollen? Einen Teil davon erledigte ich noch in der Früh, bevor ich aus der Wohnung ging; aber diese Zeit reichte nicht für alles aus, was zu tun war, folglich mußte ich am Wochenende liegengebliebenes fertig machen. Eine Weile machte ich es mit, aber da ich nicht gerade die Stabilste bin, war es mir bald zu viel und es stank mir, daß diese doppelte Leistung von mir erwartete wurde. Es kam zu deswegen zu Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, was ich aber nicht wollte. Ich wollte eine harmonische Beziehung zu meinem Mann und keinen Ärger, als mußte ich mir etwas überlegen. Als ich das hatte, bat ich ihn darum, mit einer Halbtagsstelle für mich einverstanden zu sein. Das war er; vor allem auch deshalb, weil ich ihn überzeugte, auch mit etwas weniger Geld gut auskommen zu können und er mir deswegen vertraute. Nachdem ich eine Halbtagsstelle gefunden hatte,(das war die bei dem Arzt, und ich verdiente doch noch ganz gut, weil der mich besser bezahlte, als die Firma vorher) ging es für eine Weile sehr gut mit uns. Wir mußten uns zwar immer sehr einschränken, was das Geld anging, aber ich war sparen gewöhnt und nicht anspruchsvoll. Die immer wiederkehrenden Einmischungen seiner Mutter nahm ich damals noch gelassen und weitgehend mit Humor. Ich hatte ja meinen Traummann bekommen, sie hingegen den Sohn verloren; jedenfalls so wie sie es verstand. Natürlich war ich in der Lage zu begreifen, daß sie sich nicht gern von ihm getrennt hatte. So lange war er ihr Ersatzmann gewesen. Und nun saß sie allein in ihrer Wohnung, während ich endlich den richtigen Partner gefunden hatte. Das machte mich großzügig.
Den ersten richtigen Streit mit Josef hatte ich dann, als wir eine neue Wohnung bezogen. Sicher, es gab dazwischen das eine und das andere, das mich jetzt an ihm zu stören begann, aber ich versuchte es zu übersehen, um den Frieden nicht zu stören. Bevor wir aber die Wohnung beziehen konnten – es war eine Neubauwohnung – mußte vorher noch einiges in dieser gemacht werden. Jetzt kam jeden Tag Schwiegermutter unaufgefordert bei uns an, um uns zu “helfen”. Aber groß war ihre Hilfe natürlich nicht. Dafür sagte sie uns laufend, wie und was zu machen sei. Die ganze Wohnung hätte so werden sollen, wie sie es wollte. Außerdem nervte sie uns mit ständigem Reden darüber, ob unser Arbeit nicht zu laut wäre für die Nachbarn; was Unsinn war, denn auch die hatten alle Hände voll zu tun für den Einzug in ihre Wohnungen. Jeder von uns hatte die gleichen oder ähnliche Arbeiten zu erledigen. Als sie sich nicht durch diskrete Andeutungen von ihrem Vorhaben, uns ihren Willen, in Bezug auf die Gestaltung unserer Wohnung, aufzuzwingen, abhalten ließ – sie ignorierte es einfach – begann ich mich gegen ihre Anwesenheit zu wehren. Josef gab ihr ja lieber nach, um seinen Frieden zu haben und da lernte ich ihn auch von einer anderen Seite kennen; aber so ging das ja nun nicht. Es war unsere Wohnung. Und ganz egal ob richtig oder nicht, ob es ihr gefiel oder nicht, sie sollte so sein, wie wir es wollten. Nach und nach schaukelte sich eine gespannte Atmosphäre auf. Schließlich fehlte nur noch ein Funken und es flogen die Fetzen.
Es war an einem Tag, an dem ich Schwiegermutter bemüht freundlich, aber bestimmt gebeten hatte nach Hause zu gehen. Ich wußte nicht mehr , wie lange ich mich noch beherrschen konnte in ihrer Anwesenheit. Sie ging, ließ uns vorher aber noch ihre Missbilligung wegen ihres Gehenmüssens spüren. Daran anschließend bohrte Josef Löcher in die Küchenwand, zum Aufhängen der Schränke. Ich selbst war mit anderen Arbeiten beschäftigt. Nach dem Bohren verlangte er von mir, ich solle den Dreck, den er gemacht hatte, wegräumen. Ich dachte mir nichts dabei und sagte ihm, er solle es selber tun. Ich räumte den Dreck, den ich machte ja auch selber weg und erwartete nicht, daß er das tun sollte. Da rastete er aus. Der Anlass war zwar gering, aber mein Widerstand, ihm diese Dreckarbeit abzunehmen, war der berühmte Tropfen, der ihn zum Überlaufen brachte. Erst hatte ihn seine Mutter genervt und nun wollte ich nicht tun, was seine Mutter sonst immer für ihn getan hatte; ihm nämlich alles nach zuräumen. Wütend kam er auf mich zu und ich dachte schon er würde mich schlagen. Aber das brachte er denn doch nicht über sich. Statt dessen griff er nach der Kuckucksuhr, die hinter mir hing, hob sie herunter und feuerte sie mit aller Kraft an die gegenüberliegende Wand, so daß sie in ihre Einzelteile zersprang. Und damit konnte er dann seinen Überdruck, der sich in ihm aufgebaut hatte, abgelassen. Ich war nicht eigentlich ängstlich wegen seines Ausbruchs; es tat mir nur leid um ihn und die Uhr, denn die hatte er noch von seinem verstorbenen Vater geschenkt bekommen. Sein Ausbruch bereute er schnell wieder. Und ich wußte, daß es auch nicht seine Art war, sich so unbeherrscht zu benehmen. Aber wenn man einen Menschen ständig reizt, kann es schon dazu kommen. Vor den Scherben seiner Uhr stehend, entschuldigte er sich bei mir. Ich sagte ihm, daß ich seine Wut verstehen könnte, aber daß es nicht angehe, daß er von mir Dinge verlangen würde, die früher seine Mutter für ihn gemacht hätte. Diese Zeiten waren vorbei und ich war nicht seine Mutter, sondern seine Frau. Damit wollte ich Dingen vorbeugen, von denen ich wußte, daß sie schnell einreisen können. Jetzt als Ehemann erwartete ich von ihm, daß er die Folgen seiner Arbeit auch einmal selbst wegräumte. Und das hieß auch mal den Schmutz zu entfernen, der bei seiner Arbeit anfiel. Im Grunde wußte ich ja genau, daß sie ihn so weit getrieben hatte. Aber damals hätte er sich niemals gegen sie gestellt. Sie verstand es zu gut, ihn unter ihrer Fuchtel zu halten. Dafür spielte sie uns auch schon mal ein schwaches krankes Herz vor, was ihr Josef lange Zeit abnahm. Ich allerdings nahm es nie so recht ernst, ließ es mir aber nicht anmerken. Aber ich sorgte dafür, daß sie uns nicht weiter bei unseren Arbeiten für die neue Wohnung half. Sie nahm es gekränkt hin, denn sie wollte ja nur unser Bestes. Auf dieses Beste aber konnten wir verzichten, denn das war nicht das Beste, was wir uns für uns vorstellten. Doch so leicht gab sie nie auf. Einen kleinen Triumph gönnte sie sich noch. Als Ausgleich dafür, daß sie vorläufig nicht mehr in unserer Wohnung kommen sollte, erwartete sie von uns, daß wir dann wenigsten jeden Tag bei ihr Essen müßten, solange die Arbeiten andauerten. Da wir ihr nicht alles beschlagen wollten, taten wir es. Ich war mir schon darüber im Klaren, daß sie Anteil wollte an unserem Leben und es uns auch zu erleichtern versuchte, so wie sie es eben verstand. Aber damit hatte sie auch wieder etwas Kontrolle über uns und versuchte uns auf diesem Weg zu beherrschten. Denn wenn wir zum Essen bei ihr waren, gingen ihre Bevormundungen weiter, die sie nicht unterdrücken konnte.
Die Wohnung wurde schließlich fertig und der Alltag ging weiter. Da Josef und ich arbeiten, hatten wir wenig Zeit für seine Mutter. Damit mußte sie sich abfinden. Ihr Angebot, unsere Wohnung während unserer Abwesenheit sauber zu halten lehnte ich mit den Worten, daß sie zwar seiner Mutter, aber nicht unsere Putzfrau sein, dankend ab.
Dann wurde ich nach zwei Jahren ungeduldigstem Warten endlich schwanger. Da ich während dieser Zeit immer wieder ins Krankenhaus mußte, um das Kind nicht zu verlieren, machte sich die Schwiegermutter, mit der Erlaubnis ihres Sohnes, der ihr keinen Widerstand bieten konnte, weil sein Gehorsam ihr gegenüber ihm in Fleisch und Blut eingedrungen war, daran, unsere Wohnung und Schrankinhalte umzuorganisieren. Endlich hatte sie freie Bahn in unserem Haushalt zu tun und lassen was sie wollte, da ich mich nicht dagegen wehren konnte. Meine Bitten, daß sein zu lassen, wurden von ihr ignoriert. Sprach ich mit meinem Mann darüber und versuchte ihm klar zu machen, wie sehr mich das ärgerte und kränkte, tat er das als überempfindlich und übertrieben ab. Ihm war es egal, was sie machte. Er war ihre Art gewöhnt und hatte sich auf seine Art und Weise damit arrangiert. Hauptsache sie ließ ihn in Ruhe. Wie ich als junge Frau deswegen empfand, konnte er nicht nachvollziehen. Da ich mich aber längst von meiner Mutter abgenabelt hatte und sie so etwas mit mir nicht hätte machen können, lange selbst alles bestimmt hatte und an Selbständigkeit gewöhnt war, haßte ich ihre Einmischungen. Es war um so ärgerlicher, weil ich tatenlos im Krankenhaus liegen mußte und mich nicht dagegen wehren konnte. Aber auch diese Zeit ging vorbei und Florian, das lang ersehnte Baby, kam gesund auf die Welt.
Während unserer ersten Ausfahrt mit dem Kinderwagen, zu der wir Josefs Mutter eingeladen hatte, damit sie daß große Ereignis miterleben konnte, nahm sie mir einen Teil der Freude, weil sie den ganzen Weg über ihre Hand nicht von dem Wagen nahm. Gerade so, als würde mir etwas damit geschehen, wenn ich ihn allein schob. Diese Haltung kennzeichnete ihre besitzergreifende Art, die sie jetzt auf ihren Enkel übertrug. In den nun folgenden Jahren gab sie mir oft das Gefühl, daß ich nur ein lästiges Anhängsel war. Das ich eigentlich nicht fähig war, richtig für ein Kind zu sorgen. Und ihre häufigen “gut gemeinten” Ratschläge machten mich wütend, denn ich kam mit dem Kind prima zurecht, hatte wegen ihm kaum Probleme. Und ich merkte ihr an, daß sie mit ihrem Sohn und dem Kind zusammen, ohne mich, eine Familie sein wollte. Sie hätte das natürlich nie zugegeben, wenn ich sie daraufhin angesprochen hätte, denn im Grunde wußte sie wohl, wie unfair ihr Verhalten war. Aber sie konnte sich nicht bremsen. Zu lange hatte sie das Regime über ihren Sohn geführt, so daß sie es nicht von heute auf morgen abgeben konnte. Grundsätzlich hätte sie es wohl nie abgegeben, wenn ich sie später nicht dazu gezwungen hätte, als sie damit unsere Ehe ernstlich gefährdete. Florian wurde größer, wie sollte es auch anderes sein. Hielt sich Josef weitgehend aus seiner Erziehung heraus, da er merkte, daß ich prima damit zurecht kam, tat Schwiegermutter es nicht. Wann immer sie es konnte, mischte sie sich ein. Immer häufiger gab es deswegen Streit zwischen ihr und mir. Und Josef, der Gute, steckte voll ängstlicher Sorge dazwischen. Er wußte bald nicht mehr, wem er es recht machen sollte. Seiner Mutter oder mir. Aber ich war im Recht. Ich war seine Frau und er hätte sich für mich entscheiden müssen. So sehr ich ihn auch bat, ihr einmal Einhalt zu gebieten, so konnte er es doch nicht. Denn wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging, konnte sie böse und heimtückisch werden. Kein Stück ihrer Macht über Josef wollte sie aufgeben. Sie wußte es nicht anders. Immer war alles nach ihrem Kopf gegangen. Und jetzt war eine andere Frau in ihr und das Leben ihres Sohnes eingedrungen und hatte ganz andere Ansichten und Einstellungen als sie. Aber das wollte sie nicht hinnehmen. Für sie gab es keinen Grund warum sich da etwas ändern sollte, ich zählte kaum für sie und sie glaubte wohl lange, daß ich mich ihr irgendwann beugen würde, so wie ihr Sohn. Aber mit der Zeit verlor ich wegen ihr meine Fröhlichkeit und meine Unbefangenheit, was sich negativ auf unsere Ehe auswirkte. Meine Geduld mit meinem Mann, mit dem ich nun auch noch andere Schwierigkeiten zu bekommen begann, wurde kleiner. Auch mein Mitgefühl für die Schwiegermutter, das ich wirklich hatte, wurde geringer. Wenn sie keine Rücksicht auf mich nahm, weshalb sollte ich aus sie welche nehmen? Ich bot ihr die Stirn. Immer häufiger kam es zu Auseinandersetzungen zwischen uns beiden. Man kann sich leicht vorstellen, daß Josef sich dadurch nicht gerade wohl in seiner Haut fühlte. Das er mich nicht vor seiner Mutter beschützte und ich ihm das vorwarf, machte die Sache auch nicht gerade besser. Doch er gab sich meisten scheinbar gelassen und ging dem Problem so gut er konnte aus dem Weg. Aber er reagierte auf seine Weise darauf. Immer seltener begehrte er mich und so spielte sich im Bett kaum noch etwas ab. Damit konnte er mich bestrafen, weil ich mit seiner Mutter nicht zurecht kam und so immer wieder den Frieden störte. Aber ich denke, daß war ihm nicht wirklich bewußt. Wie seine Mutter sein konnte, wußte er nur zu gut, aber irgendwann ging auch seine Geduld zu Ende und er wollte damit nichts mehr zu tun haben. Also fing er an, meine Klagen wegen ihr, abzuschmettern. Aber langsam bröckelte seine Fassade doch. Mit einem Mal zeigte er Nerven und legte einen Charakterzug an den Tag, der mich entsetzte und der zu meinem ersten energischen Schachzug gegen ihn führte. Eines Tages nämlich packte er plötzlich den kleinen Florian aus einen für mich geringfügigen Anlaß und gab ihm wütend einen solchen Stoß, daß er mit dem Kopf gegen die Wand hinter sich knallte. Ich war darüber fassungslos. “Du liebe Güte, warum hast Du das getan?” rief ich erregt zu ihm. Aber darauf hatte er für den Moment selber keine Antwort. Das Kind jedoch hatte nichts getan, um diese Behandlung zu verdienen, also mußte es etwas anderes sein, das Josef so gereizt hatte, daß er sich an seinem Kind vergriff. Aber erst einmal nahm ich den weinenden und erschrockenen Florian in meine Arme, überzeugte mich, daß er nicht wirklich verletzt war und schloß mich dann mit ihm im Kinderzimmer ein. Diese Anfall von Gewalttätigkeit meines sonst so sanften Mannes schockte mich. Zuerst aber mußte ich das Kind trösten. Dieses war mindesten genau so erschrocken wie ich und trug von dem Aufprall eine leichte Beule am Kopf davon. Zu seinem Glück, denn ich hatte schon schlimmeres befürchtet. Ich brachte ihn zum Schlafen, nachdem ich mich nochmals vergewissert hatte, daß ihm tatsächlich nichts Ernsthaftes geschehen war und ging dann zu Josef. Der war inzwischen total zerknirscht. Und er schämte sich entsetzlich wegen seiner Unbeherrschtheit. Fast tat er mir leid. Da er aber unseren Jungen bestraft hatte wegen einer Geringfügigkeit, konnte der wahre Grund seines Zornes nicht die Schuld des Kindes sein. Und wenn er zornig war, warum ließ er ihn nicht an dem aus, der den Zorn bei ihm erregt hatte? Ich fragte ihn, was denn mit ihm los sein? Zuerst wollte er es nichts sagen. Dann aber kam er doch damit heraus, daß ihn seine Mutter wieder einmal unter Druck gesetzt hatte mit Forderungen, die er nun endlich auch nicht mehr erfüllen wollte. Daß sie ihn aber dann doch wieder dazu gebracht hatte, nachzugeben, hatte ihn mit maßloser Wut erfüllt. Auch er wollte endlich von ihr in Ruhe gelassen werden, wußte aber nicht, wie er es anstellen sollte, daß sie das begriff. Schließlich hatte er sich jetzt um seine eigene Familie zu kümmern, hatte damit genug Arbeit und Sorgen und war nun bereit, nicht immer wieder den Launen einer alten Frau nachgeben. Aber da er immer noch nicht wußte, wie er sich gegen sie wehren sollte, denn das hatte er nie gelernt, und es auch nicht schaffte ihre Forderungen an ihn zurückzuweisen, weil er befürchtete sie damit zu verletzten und somit ihren Zorn auf sich zu laden; er auch schlecht seinen Frust gar an mir ablassen konnte, denn ich hätte mich sofort von ihm getrennt, hätte er mich je geschlagen; ließ er seinen Ärger an dem schwächsten in der Familie aus, ohne groß darüber nachzudenken. Es war eine Kurzschlußhandlung von ihm. Und Florian konnte sich ja nicht wehren; der bildete keinen Hindernis für Josef. Aber ich war auch noch da. Und ich würde mein Kind vor ungerechtfertigten Strafen beschützen. Vorerst aber einmal versprach Josef hoch und heilig, daß so etwas nie, nie mehr vorkommen sollte. Ich glaubte ihm. Ich glaubte ihm nur zu gern. Doch es passiert wieder. Ich konnte zwar verstehen, daß Josef wegen der Unstimmigkeiten, zwischen seiner Mutter und mir, aber auch wegen beruflicher Probleme, häufig unter Druck stand. Aber als erwachsener Mensch hätte er nach anderen Möglichkeiten suchen sollen, als seinen Frust ausgerechnet bei seinem Kind abzulassen. Ich verstand auch, daß ihm die immer wieder neuen Forderungen und eigensüchtige Wünsche, die seine Mutter an ihn stellte, ihm, der nun seine eigene Familie, die damit verbundene Arbeit und Verantwortung hatte, manchmal über den Kopf wuchsen.
Bis zu seiner Heirat hatte er sich nur um seinen Beruf und seinen Freundeskreis gekümmert und seine Mutter weitgehend in Schach gehalten. Er wohnte bei ihr, sie durfte ihn versorgen und bemuttern und das war’s auch schon. Durch seine Heirat mit mir fühlte er sich schuldig. Beziehungsweise, sie hatte es verstanden, daß er sich schuldig fühlte, weil er sie verlassen und allein gelassen hatte. Das machte ihn sehr viel empfindlicher ihren Forderungen gegenüber, die sie nun an ihn stellte (was wohl eine Art Ersatz für seinen Auszug bei ihr sein sollte) und das ließ ihn eher nachgeben. Was nun seinen Beruf anging, wirkten sich die Eintrichterungen seiner Mutter auch in diesem Bereich negativ auf ihn aus. Immer wieder bekam er von ihr zu hören, er solle nicht aufmucken, denn das würde seiner Kariere schaden. Also schluckte er Ungerechtigkeiten hinunter und ließ sich von Vorgesetzten und Kollegen viel zu viel gefallen, anstatt sich zu wehren und sich durchzusetzen. Aber wann hätte er das lernen sollen. Seine Mutter hatte dafür gesorgt, daß er sich nicht durchsetzen konnte, denn sie duldete nie einen Widerspruch, selbst als Josef erwachsen geworden war. So lange er an ihrem Tisch gesessen hatte, mußte er sich unterordnen, dafür tat sie auch die Arbeit für ihn. Und jetzt da er nicht mehr bei ihr wohnte, konnte sie ihre Haltung nicht ändern. Zu festgefahren war sie in ihrem Schema. Die Folgen davon bekamen Florian und ich zu spüren. Lud sich wieder einmal zuviel bei ihm auf und er konnte sich nicht mehr anders wehren, in seiner Frustration, bekam es Florian ab oder er behandelte mich schlecht. Mich griff er zwar nicht tätlich an, aber er wurde dann so ungerecht, daß es schon lächerlich war.
Es war nicht oft, daß er Florian schlug, dann aber so explosiv, daß ich mir die größten Sorgen um die Gesundheit des Jungens machte. Ja manchmal fürchtete ich sogar um sein Leben. Aber das war sicher nur, weil ich auch schon überempfindlich geworden war. Als ich merkte, daß alles reden mit Josef nichts half, daß ihn das nicht dazu brachte, keine Hand mehr an den Jungen zu legen, dachte ich mir etwas anderes aus, um ihm davon abzubringen. Ich wollte ihm eine Lektion erteilen, die ihn zur Besinnung bringen sollte. Ich nahm mir vor, ihn auch einmal, wenn es wieder so weit war, das er sich an Florian vergriff, zu schlagen. Nur einen einzigen unerwarteten Schlag. Mal sehen was dann passieren würde. Zugeben, es war ein gewagte Idee, aber ich wußte mir keinen anderen Ausweg mehr. Ich wollte ihn nur stoppen, bevor er dem Jungen wirklich Schaden zufügen konnte. All mein Wissen, daß er ihm nicht ernsthaft schaden wollte, nützten dem Jungen ja schließlich nichts. Und an eine Therapie für Josef, in der er seine Probleme erkennen und aufarbeiten könnte, dachte ich damals noch nicht. Die machten wir später gemeinsam, als unsere Ehe wegen seiner Mutter wirklich zu scheitern drohte. Und dann kam es tatsächlich eines Tages soweit, daß ich meinen Plan ausführte. Florian, der inzwischen ein Schulkind war, spielte in seinem Zimmer. In der Zwischenzeit hatten wir einen weiteren stressigen Umzug hinter uns und auch finanziell mußten wir uns überall einschränken. Und die Situation mit meiner Schwiegermutter war noch die selbe wie immer. An diesem Tag kam Josef geschafft vom Büro nach Hause. Dort hatte es wohl Ärger gegen und er wollte nur noch seine Ruhe. Im Kinderzimmer ging es laut und fröhlich zu. In Christoph, unserem zweiten Sohn, hatte Florian, obwohl der Kleine vier Jahre jünger war, einen robusten Spielgefährten gefunden. Die beiden liebten sich und hielten fest zusammen. Der Lärm ging Josef auf seine strapazierten Nerven. Anstatt nun aber hinauf zu gehen, und um Ruhe zu bitten, stürmte er hinauf und gab Florian, ohne eine Erklärung, eine heftige Ohrfeige. Da ich bereits Schlimmes ahnte, lief ich Josef nach und bekam alles mit. Der Junge weinte erschrocken und aus Schmerz los. Ich konnte ihm ansehen, daß er nicht wußte, warum ihn sein Vater geschlagen hatte. Nun wurde auch ich wütend. Sofort beschoß ich, daß nun der Zeitpunkt da war, um Josef die Lektion zu erteilen; obwohl der Gedanke an den Ausgang, mir meine Kniee weich werden ließen und mein Herz mir schneller schlug. Ich trat von hinten an meinen Mann heraus, der jetzt auch noch begonnen hatte, auf den Sohn einzuschimpfen und versetzte ihm von da aus einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Blitz schnell drehte er sich da zu mir um. Sein Gesicht rötet sich schnell und stark und ich befürchtete schon, er würde nun mich schlagen. Bevor er das aber tun konnte, sagte ich aufs Höchst erregt zu ihm, wobei ich meinen rechten Arm schützend vor mich hielt: “Spürst Du es nun! Spürst du nun, wie es ist, wenn man geschlagen wird und weiß nicht warum! Was hat der Junge getan, daß Du ihn immer wieder schlägst. Er weiß oft gar nicht, was ihm geschieht, wenn Du ihn schlägst. Schau Dich doch an, wie Du jetzt dastehst. Am liebsten würdest Du jetzt mich schlagen, aber wage das ja nicht. Ich wollte Dir damit nur zeigen, wie verletzen das ist.!” Daraufhin packte er noch immer sehr wütend den Schulranzen des Kindes und schleuderte ihn mit all seiner Kraft auf den Boden, um einen Teil seiner Wut, seiner nun berechtigten Wut, auf diese Art abzureagieren. Dann hastete er aus dem Zimmer. Ich zitterte am ganzen Körper und mein Herz raste. Das ging haarscharf daneben. Ich nahm den weinenden Florian, den meine Reaktion verblüfft hatte, in die Arme und tröstete ihn. Der kleine Christoph stand daneben und machte nur große Augen. Ich erklärte Florian, daß der Vati eigentlich nie ihn meinen würde, wenn er ihn schlug, sondern daß er wegen seiner Sorgen und seines Stresses und auch weil die Omi ihn nicht in Ruhe ließ, nicht wußte, wie er damit fertig werden sollte und darum ihn angriff. Aber ab sofort würde ich es nicht mehr zulassen, daß so etwas noch einmal geschehen würde. Lieber würde ich den Papi mit ihnen, den Kindern, verlassen.
Wie vieles im Leben beruhigte sich die Lage schließlich wieder. Später am Abend führte ich mit Josef ein ruhiges Gespräch. Er hatte sich wieder eingekriegt und war nun voller Reue über sein Verhalten. Inzwischen hatte er auch die Ohrfeige von mir weggesteckt und war nicht mehr böse auf mich, ja er sagte sogar, daß er mein Verhalten verstand, denn was er mit Florian machte war ihm schrecklich. Und ich wußte, daß er, trotz dem was er Florian angetan hatte, kein gewalttätiger Mensch war. Seine Gewalt dem Buben gegenüber war eigentlich nur der Ausdruck seiner hilflosen Wut, anderen Menschen zugedacht, gegen die er sich immer noch nicht wehren konnte. Mit diesem Wissen im Hintergrund fragte ich ihn, was ihn denn heute so geärgert hatte. Da erzählte er mir seine Probleme aus dem Büro. Immer wieder übergingen sie ihn, obwohl er schwierige Arbeiten zu meistern hatte, und die Kriecher, die besser verstanden Rad zufahren als er, kamen vorwärts, während sie ihn bei einer Beförderungen übergangen hatten. Eine Beförderung übrigens, die er längst verdient hätte. Auch hatte ihn, wie sollte es anderes sein, seine Mutter angerufen, und sich darüber beschwert, daß sie ihn nicht mehr so oft sah. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt und so kam es dann zu dem Ausbruch. “Du mußt jetzt endlich lernen, Dich an der Stelle zu wehren, wo dir zuviel aufgeladen wird,” sagte ich nach seinen Erklärungen zu ihm. “Es geht doch nicht so weiter, daß du uns, die du liebst und die dir nichts Böses antun, zu deinem Blitzableitern machst. Lerne endlich, dir nicht mehr alles gefallen zu lassen! Wehre dich im Büro, wenn sie dich übervorteilen! Deswegen mußt du nicht gleich ausfallend werden, aber sage ihnen deutlich, daß sie so nicht mehr mit dir umspringen können. Ich selbst glaube, ganz im Gegensatz zu deiner Mutter, nicht, daß das deinen beruflichen Weg behindern wird. Im Gegenteil, wenn sie merken, sie können nicht mehr alles mit dir machen und du nicht mehr den Deppen für sie machst, werden sie mehr Achtung vor dir bekommen, als wenn du den Nachgiebigen spielst. Und was deine Mutter betrifft, da kann ich dir nur sagen: Du bist ihr nichts schuldig. Es war ihre Pflicht dich groß zu ziehen. Das sie es oft schwer dabei hatte, und daß dein Vater so früh gestorben ist und auch, daß du das einzige Kind bist, ist doch alles nicht deine Schuld. Und überhaupt, wo sie schon so christlich ist, sollte sie wissen, daß bereits in der Bibel steht, daß der Mensch, wenn er heiratet, Mutter und Vater verläßt und ein Leib sein soll mit seiner Frau. Du gehörst jetzt zu mir und nicht weiterhin zu deiner Mutter. Das wird sie doch irgendwann einmal einsehen müssen. Ich will dich ihr ja gar nicht entfremden, aber sie muß lernen, dich los zu lassen und das mußt du ihr beibringen. Du bist jetzt über vierzig Jahre alt, und kannst doch nicht zulassen, daß deine Mutter mit ihrem Egoismus unser Leben zerstört. Wenn das nämlich nicht aufhört, weder ich mich von dir trenne. Es liegt an dir, ihr Einhalt zu gebieten. So schwer es ihr auch fällt, du gehörst jetzt zu meiner Familie und nicht mehr zu ihrer. Sie hatte ja all mein Mitgefühl für ihre Lage, aber ich lasse mir wegen ihr doch nicht unsere Familie zerstören.” “Du hast ja mit allem rechte,” hat er mir darauf geantwortet. “Ich sehe es ja ein, aber es ist so schwer mit ihr, das weißt du ja selber am besten.” “Ja, das weiß ich. Und noch etwas Josef,” sagte ich noch zu ihm, “es tut mir wirklich leid, daß ich dich geschlagen habe, aber ich wußte keinen anderen Ausweg mehr. Ich dachte mir, wenn du selber einmal spürst, wie weh das tut, läßt du es in Zukunft sein. Bitte verzeih mir deswegen, ich habe es nicht gern getan.” “Du mußt dich nicht entschuldigen. Ich habe darüber nachgedacht. Ich habe es verdient. Es ist mir auch so schlimm wegen dem Florian, der es nicht verdient hat, so von mir behandelt zu werden. Es ist nur oft so, daß ich nicht mehr weiß was ich machen soll. Aber ich nehme mir jetzt vor, mir nicht mehr so viel gefallen zu lassen. Ich bin dir so dankbar, daß du Verständnis für mich hast. Und bitte verlaß mich nicht.” Er war den Tränen nahe und tat mir unendlich leid. Und wie sollte ich kein Verständnis für ihn haben. Im Grunde machte ich ähnliche Krisen mit wie er. Mir ging es doch oft nicht anders, auch wenn ich mich beherrschen konnte. Trotzdem hatte auch ich Florian schon mal geschlagen (das will ich gar nicht verheimlichen) in einer Situation, in der ich, wäre das Umfeld nicht so aufgeladen gewesen, wahrscheinlich nicht so reagiert hätte. Allerdings glaubte ich, daß es bei mir nicht so schlimm ausfiel wie bei ihm. Wenn ich Florian denn schon mal schlug, dann aus anderen Gründen als mein Mann und erst, nachdem ich ihn mehrmals aufgefordert hatte, das Verhalten, daß mich ihn dann schlagen ließ, abzustellen. Erst dann, wenn er nicht hörte, gab es etwas. Und ich schlug nie mit ganzer Kraft und nie im Zorn. Ich prügelte nie meine Wut an ihm heraus. Situationen, in denen ich ihn schlug, waren z.B einmal, als er im Keller des Hauses, ein anderes Mal in seinem Zimmer, ein Lagerfeuer machte. Die Schläge bekam er aber erst, nach dem er das zweite oder dritte Feuer gelegt hatte. Erst wenn alle Ermahnungen in dieser Richtung nicht wirkten, bekam er von mir Schläge. Und ich habe ihn immer nur auf seinen Hintern geschlagen. Ich wollte ihn nie verletzten, sondern nur bestrafen. Aber dann ließ ich es nicht nur bei der Bestrafung, sondern ich bot ihm auch einen Ausweg, z.B. für seine Zündeleien. Ich erlaubte ihm im Sandkasten des Gartens Feuerchen zu machen, da es dort ungefährlich war. Und dort ist ihm auch nie etwas beim Zündeln geschehen. Manchmal bekam er aber auch von mir Schläge, wenn er gar zu ungebärdig war. Und ich tat es immer mit wehem Herzen – ich mußte mich förmlich dazu zwingen, wenn es notwendig war. Ich haßte Gewalt und es war mir fürchterlich, sie bei meinem Kind anzuwenden, wenn es gar nicht anders mehr ging. Und manchmal mußte es eben sein.
Wenn es Eltern gibt, die ihre Kinder ganz ohne Schläge aufziehen, dann kann ich sie nur bewundern. Ich wollte es nie und tat es doch. Später einmal fragte ich Florian, wie gut er sich noch an meine Schläge erinnern konnte, denn ich erinnere mich an alle Schläge, die ich je von meinen Eltern bekommen hatte, auch wenn sie mich nur selten schlugen. Florian sah mich nach meiner Frage ganz verwundert an und meinte, ich hätte ihn nie geschlagen. Sicher, ich hatte ihn nicht oft geschlagen, aber daß er sich daran nicht mehr erinnerte, verwunderte mich. So dachte ich mir dann nur noch, daß er die Bestrafung anscheinend immer als gerechtfertigt betrachtet hatte und es mir nicht nachtrug und darum vergessen hatte. Ich allerdings hatte nichts davon vergessen. Aber selbst aus heutiger Sicht gesehen, weiß ich nicht, wie ich es besser hätte machen können. Ich hatte Florian und später auch Christoph geschlagen, wenn ich geglaubt hatte es ginge nicht mehr anderes und ich mußte damit leben. Und schließlich bin auch ich nur ein Mensch. Wer besser ist als ich, der werfe den ersten Stein.
Aber auch meine Nerven blieben im Krieg mit der Schwiegermutter nicht unbelastet. Und es war auch nicht nur die Schwiegermutter, die mir zusetzte. Es gab noch andere Dinge die mich belasteten. Dazu zählte die ständige Geldknappheit und die wachsende Unlust meines Mannes mit mir zu Schlafen. Daß er mich immer öfters abwies, wenn ich zärtlich mit ihm sein wollte, begann mich zu belastete und allmählich an seiner Liebe zweifeln. Schon bald bequemte er sich nur noch einmal im Monat, (wenn überhaupt) zum Geschlechtsverkehr und überließ mich meine quälenden sexuellen Träumen, von denen er nichts wissen wollte.
Zunächst jedoch begriff Josef die Lektion, die ich ihm gegeben hatte und warum. Seither hat er nie wieder Florian geschlagen oder ihn sonst irgendwie verletzt. Es ist schon seltsam, bei unserem zweiten Kind gab es dieses Problem von Anfang an nicht. Und als das zweite Kind, Christoph, auf die Welt kam, ließ ich mir die Einmischungen meiner Schwiegermutter längst nicht mehr in dem Ausmaß gefallen, wie bei unserem ersten Kind. Ich hatte nun alle Hände voll zu tun, und weder Zeit und Geduld für ihre Mätzchen. Ich begann sie nun ernsthaft und energisch abzuwimmeln, wenn sie Unzumutbares von mir verlangte. Ich konnte mit gutem Gewissen dem zweiten Kind nicht zumuten, was Florian mitgemacht und mitgelitten hatte. Ich mußte mir darüber klar werden, daß ich aus Rücksicht auf meine Mann, der gegen seine Mutter nicht an kam und denn ich deshalb nicht auch noch belasten wollte und aus Rücksicht auf einen älteren Menschen, viel mehr nachgegeben hatte, als uns allen gut getan hatte. Aber auch ich konnte meine Erziehung nicht ganz verleugnen. Die Achtung vor älteren Menschen war mir eingeimpft worden. Sie selbst dann zu achten, wenn sie im Unrecht waren. Mich von dieser Einstellung zu lösen, jetzt wo auch ich älter wurde, war schon schwer. So gesehen hatte Josef eigentlich immer mein Verständnis. Allerdings hatte ich kein Verständnis dafür, daß er sich nicht bemühte, sein Verhältnis zu seiner Mutter zu ändern. Jedoch konnte ich von Glück sagen, daß die Ohrfeige, die ich Josef gegeben hatte, so einen positiven Ausgang genommen hatte. Ich hatte hoch gepokert, hatte mit seinem guten Charakter gerechnet und gewonnen. Aber nicht nur ich, auch er selber und die Kinder hatte gewonnen. Da Josef ja im Grunde genommen unter seinen Heftigkeiten gelitten hatte, erleichterte es ihn, daß ich dem Einhalt gebot. Danach ging es besser weiter. Immer wieder ermunterte ich ihn in Zukunft, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen, so daß von vorne herein kein Grund mehr für ihn entstehen konnte, sich bei uns zu Hause auszutoben. Und das begann er auch tatsächlich zu tun. Mit größerer Festigkeit trat er jetzt gegenüber seinen Vorgesetzten und Kollegen auf. Er erkannte, als er erst einmal darüber nachzudenken begann, daß er nur den Deppen für sie abgegeben hatte. Und als er das endlich einsah, änderte er sein Verhalten und ließ sich nicht mehr alles von ihnen gefallen. Er lernte “Nein” zu sagen und zu widersprechen, wenn es angebracht war. Und ich bestärkte ihn darin. Ich bestärkte ihn auch darin, mir zu widersprechen, wenn ihm etwas an mir nicht paßte. Wenn er schon, zum Teil wenigsten, seine Mutter in mir sah, konnte er auf diese Weise lernen, damit umzugehen. Und er lernte es.
Doch das brachte nun wiederum andere Probleme mit sich. Je mehr Josef nun lernte, mit anderen Leuten energischer umzugehen, tat er es nun auch gleichermaßen mit mir. Er stellte nun auch mir gegenüber Stacheln auf, wo es unnötig war. Immer öfters stellte er mich nun vor Tatsachen, ohne vorher mit mir darüber zu reden. Mit einem Mal verlangte er von mir Gehorsam. Daß so etwas nicht gut gehen konnte, kann man sich leicht vorstellen. Hatte er nun endlich, mit meiner Hilfe, gelernt sich anderen gegen durch zu setzten und sich nicht mehr alles gefallen zu lassen, so war ich doch der Meinung, daß er das bei mir nicht nötig hatte. Immer war das gemeinsame Gespräch und das gegenseitige Verstehen, wichtigster Teil unseres Zusammenlebens gewesen. Nun wurde er auch mir gegenüber zickig und aufsässig. Er zeigte mir einen Zug seines Charakters, der mir bis dahin an ihm fremd gewesen war.
Ein Schlüsselerlebnis aus dieser Zeit habe ich noch besonders im Gedächtnis, vor allem, weil ich mir immer wieder einmal Notizen über besondere Vorfälle in meiner Ehe gemachte habe. Zum Beispiel warf er mir einmal verärgert vor, daß ich wohl immer recht haben wollte. Damit traf er mich. Und ich überlegte, ob es stimmte, was er mir vorwarf. Wollte ich wirklich immer recht haben? So wie er es mir sagte, klang es so negativ, so als sei ich rechthaberisch; so als würde ich seiner Mutter nacheifern. Bestürzt überlegte ich die Situationen, in denen ich mich seiner Meinung nach ihm gegenüber durchgesetzt hatte und warum. Und ich fand auch den Grund dafür. Wenn es Probleme gab, die gelöst werden mußten, oder es waren Entscheidungen zu treffen, dachte Josef immer noch in erster Linie an sich;, an eine Lösung, wie er sie sich für sich alleine vorstellte. Ich aber mußte in die Entscheidung alle Familienmitglieder einbeziehen und vor allem auf die Rechte der schwächsten in ihr, welches die Kinder waren, achten. Und das setzte ich auch durch. Vor allem, nach dem ich meinem Mann mehrmals nachgegeben hatte und Entscheidungen von ihm, gerade weil ich nicht immer das Kommando führen wollte und entgegen meinen Gefühl, akzeptiert hatte und das uns bereits mehrmals geschadet hatte. Wenn er etwas vorhatte, dachte er nur an sein Vergnügen, ob die Kinder und ich dabei mitziehen konnten, überlegte er sich oft nicht. Machten wir trotzdem mit, hatten wir häufig den Schaden deswegen. Irgendwann also wollte ich das so nicht mehr und versuchte die Belange der ganzen Familie zu berücksichtigen, wobei er eben manchmal zurück zu stecken hatte, und das ihn wurmte. Na ja, und bei einer dieser Diskussionen sagte er dann eben zu mir: “Du mußt wohl immer recht haben!” Als ich darüber nachgedacht hatte, kam ich zu dem Ergebnis, daß es mir nicht um das Rechthaben ging, sondern darum, das Richtige zu tun. Dieses Problem erklärte ich ihm nach einem gemeinsamen Besuch eines Gottesdienstes. Verärgert über mich hatte er die Kirche betreten, sie dann aber wesentlich milder gestimmt, wieder verlassen. Seine gute Stimmung nützte ich gleich zu dem folgenden Gespräch. “Hör mal, Josef,” sagte ich zu ihm, “ich habe darüber nachgedacht, daß du gesagt hast, daß ich immer recht haben will. Aber ich glaube nicht, daß ich recht haben will. Ich will eigentlich nur das Richtige tun. Ich will das Rechte für uns alle. Und da kann es leider schon passieren, daß deine Pläne nicht berücksichtigt werden, weil die Kinder und ich nicht mithalten können. So lange sie noch so klein sind, sind deine und meine Möglichkeiten eben eingeschränkt. Jetzt sind wir schließlich Eltern und keine Einzelwesen, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen können. Aber das bleibt doch nicht immer so. Wenn sie größer werden, wird es wieder besser und du kannst wieder Dinge unternehmen, die sie dann besser bewältigen als jetzt.” Er überlegte sich was ich ihm gesagt hatte. Dann antwortete er einsichtig: “Es tut mir leid, daß ich dir das vorgeworfen habe. Es stimmt schon, daß ich immer einmal vergesse, daß ich auch an euch zu denken habe. Aber wenn mir eine gute Idee kommt, bin ich so begeistert darüber, daß ich ganz übersehe, ob ihr da mitmachen könnt. Wirklich, es tut mir leid.” Ich wußte, daß er meinte, was er sagte und ließ es damit gut sein. Und er warf mir auch nie wieder vor, rechthaberisch zu sein. Und damit hatten wir wieder eine Hürde in unserer Ehe genommen.

Bei Hürde fällt mir ein, was ich einmal notiert hatte: Die Ehe ist wie ein Hindernislauf. Es kommt nicht nur auf einen guten Start an, sondern vor allem darauf, gut das Ziel zu erreichen. Die Hürden dazwischen sind die Probleme einer Ehe, auf die man gefaßt sein sollte. Und nur der Sprinter erreicht sein Ziel, der die Hürden nimmt. Der Sprinter, der die Hürden umgeht oder sie ignoriert, scheitert. Er erreicht das Ziel nicht und verliert. Das scheinen mir heute noch ganz kluge Worte zu sein. Aber in einer Ehe gibt es immer zwei Mitspieler. Und jede ihrer Hürden mußten nicht zwangsläufig die Hürden des anderen sein. Das macht es so schwierig.
Eine weitere Hürde in unserer Beziehung war, daß es immer öfters vor kam, daß wir aneinander vorbei redeten. Es war als würden wir immer häufiger in zwei verschiedene Sprachen miteinander reden. Josef fing an Dinge zu behaupten; mit solch einer Bestimmtheit zu behaupten, daß ich ihm glaubte, was er sagte, auch wenn ich meine Zweifel deswegen hatte. Wie oft war ich dann wie vor den Kopf gestoßen, wenn ich feststellte, daß es gar nicht stimmte, was er gesagt hatte. Wie kam er nur dazu, solche falschen Angaben zu machen? Ich wußte es nicht. Und das eigentlich ärgerliche daran war, daß wenn ich ihm vorhielt, daß er sich geirrt hatte, er verschiedene Techniken benützte, um seinen Irrtum zu verteidigen. Da war zum Einen das Ableugnen. Er bestritt, daß er sich in einer Sache geirrt hatte und beharrte auf die Richtigkeit seiner Worte. Ein anderes Mal tat er so, als könnte er sich an das Gespräch nicht mehr erinnern. Und was hatte es für einen Sinn, mit ihm darüber zu reden, wenn er sich nicht mehr erinnern konnte? Oder wollte er sich nur nicht mehr erinnern, um einer Diskussion mit mir, bei der er befürchtete mußte er könnte den Kürzeren ziehen, auszuweichen? Die zweite Möglichkeit war die natürlich die wahrscheinlichere. Oder er sagte dann zu mir: “Nenne mir nur ein Beispiel dafür, wo ich mich getäuscht habe.” Damit brachte er mich Anfangs, als diese Phase mit ihm begann, meistens in eine Zwangslage, denn ich lief doch nicht herum und merkte mir seine Sprüche. “Siehst du,” sagte er dann zu mir, wenn ich sprachlos vor ihm stand, “du weißt gar keines.” Doch damit machte er mich klüger und vorsichtiger und ich achtete mehr auf solche Situationen. Auch aus dieser Zeit habe ich mir einige Beispiel aufgeschrieben. Sie sind sicherlich eher harmlos, aber kennzeichnend für sein Verhalten. Und es sind auch nicht immer die großen Dinge die mich verärgern. Auch kleine, sich immer wiederholende Situationen können einem ganz schön nerven. So hatten wir einmal die Situation, daß Florian in der Früh noch dringend ein Schulheft benötigte. Natürlich hätte er es am Tag vorher kaufen, oder es sich von mir besorgen lassen können. Aber nach Kinderart, hatte er es vergessen zu tun. Weil aber der Lehrer ihn bereits mehrmals danach gefragt hatte, ob er es schon hat, und er an dem Morgen plötzlich daran dachte, wollte er es noch vor Schulbeginn kaufen. Ich war ja froh, das Florian überhaupt daran dachte und war deswegen gleich bereit ihm dabei zu helfen. Dazu mußte ich wissen, wann das Geschäft, in dem man es bekam, öffnen würde. Also fragte ich Josef nach der Öffnungszeit des Ladens. Und er antwortet mir, das sei um neun Uhr, was allerdings dann zu spät gewesen wäre für den Kauf eines Heftes. Da Florian es aber wirklich dringend brauchte und ich meinem Mann nicht mehr so rechte alles glaubte, was er sagte, beschloß ich mich davon zu überzeugen. Das Geschäft in dem man das Heft kaufen konnte war nämlich ein Großhandelsgeschäft und ich vermutete, daß es andere Öffnungszeiten hatte, als die Einzelhandelsgeschäfte. Also rief ich vorsichtshalber dort an. Das war so um sieben Uhr herum, aber es wurde gleich abgehoben. Nach den Öffnungszeiten gefragt, wurde mir geantwortet, daß sie um viertel vor sieben öffneten. Das erleichterte mich einerseits, weil Florian jetzt noch rechtzeitig sein Heft bekommen würde, andererseits ärgerte ich mich darüber, daß Josef so einfach eine falsche Zeit angegeben hatte. Darauf angesprochen sagte er patzig und eingeschnappt zu mir: “Dann sage ich das nächste Mal eben, daß ich es nicht weiß!” Wenn er so reagiert, kann ich nicht mit ihm diskutieren. Aber ich denke: Oh, wie schön! Ich habe ihn ja nur schon hundert Mal bereits gebeten, mir lieber diese Antwort zu geben, als eine falsche. Und ich fragte mich, warum er so war. Und was machte es ihm schon aus, wenn er sagte “Ich weiß es nicht.” Er konnte doch auch nicht alles Wissen. Aber es war natürlich seine Erziehung. Irgendwie war er der Meinung, daß er alles zu wissen hatte. Wußte er also keine Antwort, gab er lieber eine falsche, als gar keine und verteidigte sie auch noch. Ein wenig muß man das verstehen. In seiner Familie geht seit langem der Spruch um, daß ein Fischer immer recht hat. Und aus welchem Grund auch immer, hielt er sich an diesen dummen Spruch. Wie ärgerlich und manchmal auch lästig und arbeitsaufwendig das werden konnte, kann man an einem weiteren Beispiel erkennen.
Als Florian in die siebte Klasse kam, wurde er krank. Nach einem Sturz im Sportunterricht, schwoll das verletzte Knie stark an. Doch kurz darauf schwoll auch das unverletzte Knie an, und das konnte nun mit der Sportverletzung nicht zusammen hängen. Darum ließen wir ihn gründlich untersuchen, denn auch seine Gelenke an den Händen waren sichtbar verdickt. Schließlich wurde bei ihm Rheuma diagnostiziert. Um dieser Erkrankung beizukommen, mußte er für ein halbes Jahr in eine Rheumaklinik. Danach war die Krankheit scheinbar besiegt, mußte aber noch nachbehandelt und beobachtet werden. Als Ausgleich für seinen langen Klinikaufenthalt, nahm ich ihn und Christoph, zu einer Woche Segelurlaub, mit. Da er auch in dieser Woche seine Medikamente, eine Goldspritze, bekommen mußte, hatte mir Josef dafür das Rezept gegeben, denn Goldspritzen kann man nicht einfach so mit sich herum tragen. Sie müssen in gekühltem Zustand aufbewahrt werden. Auch konnte ich sie ihn nicht selber geben, sondern damit zu einem Arzt am Urlaubsort gehen. Jedenfalls vertraute ich darauf, daß es das richtige Rezept war, und überzeugte mich dummerweise nicht davon. Die böse Überraschung kam, als ich die Spritze in einer Apotheke an unserem Urlaubsort abholen wollte. Statt der Spritze gab man mir eine Packung, die heiß oder gekühlt, dazu diente aufs kranke Knie gelegt zu werden. Nun wurde ich stutzig. Zunächst jedoch sagte ich jedoch zu dem Apotheker, daß er mir das Falsche gegeben hätten, was dieser bestritten. Daraufhin verlangte ich das Rezept zu sehen. Schwarz auf weiß stand da, etwas schlecht Leserliches für mich und dann noch “cold”. Jetzt ging mir ein Licht auf. Mein Mann hatte sich, wie schon öfter, nicht richtig überzeugt (ich ja allerdings auch nicht, weil ich ihm vertraute; weil ich ihm vertrauen wollte) was auf dem Rezept stand. Er hatte statt cold, Gold gelesen. Was mich daran am meisten ärgerte war, daß der Arzt, als Florian von Josef in der Klinik abgeholt worden war, sicherlich gesagte hatte, was für ein Rezept es war. Er aber hatte wieder einmal nicht richtig hingehört. Sicherlich war mit seinen Gedanken wieder ganz wo anders gewesen. Wie gut kannte ich das nun schon von ihm. Aber die Folgen seiner Nachlässigkeit oder sollte ich sagen Gedankenlosigkeit hatte wieder einmal ich zu tragen. Ich war es, die nun erst einmal den Kinderarzt, den ich kurz darauf mit Florian aufsuchte, überzeugen mußte, daß er ihm die Spritze verschrieb und sie ihm gab. Wie waren ja Fremde für ihn, und so eine Goldspritze kann man nicht so ohne weiteres geben. Dazu mußte der Arzt nun auch erst einmal in der Rheumaklinik anrufen, um sich wegen der Richtigkeit meiner Behauptungen zu erkundigen. Erst als er es bestätigt bekam, konnte Florian endlich seine notwendige Spritze erhalten. Es war alles so ärgerlich für mich. Da hatte ich mich so auf die Urlaubswoche mit den Kindern gefreut und mußte mich nun mit Problemen herumschlagen, die vermieden hätten werden könne, wenn Josef etwas umsichtiger gewesen wäre. Aber das war noch nicht alles! Er hatte auch behauptet, daß das Rezept ein Wiederholungsrezept sein, was wichtig war, denn Florian mußte noch eine zweite Spritze in der Woche bekommen. Da auf dem Rezept auch noch das Kürzel “Rp” stand, hatte Josef wohl angenommen, daß heiße “repeat”, als wiederholen. Aber es bedeutete nur schlicht und einfach “Rezept”. Ein vielleicht verzeihlicher Irrtum.
Wie auch immer, ich war wieder einmal die Dumme und hatte mit den Folgen fertig zu werden. Sicherlich kann man sich nun fragen, warum ich mich nicht gleich selber um alles gekümmert hatte? Und diese Frage ist berechtigt. Aber mein Mann hatte eine Art entwickelt, bei der es besser war, ihm Entscheidungen zu überlassen. Ich sah doch, daß er mit genügend Schwierigkeit zu kämpfen hatte und wollte nicht alles in Frage stellen, was er tat und sagte, auch wenn ich glaubte es besser zu wissen. So ist das nun eben manchmal in einer Ehe. Da geht man Problemen aus dem Weg, nur um dann deswegen andere zu bekommen. Blieb ich aber doch einmal bei meiner Meinung, so daß er merkte mußte, daß er seinen Willen dieses Mal nicht bekam, würgte er das Gespräch ab. Entweder sagte er dann ich solle aufhören, oder er ging einfach aus dem Zimmer und ließ mich frustriert zurück. Eine Zeit lang versuchte ich auch damit fertig zu werden. Ich hatte doch nicht geheiratet, um dann in Unfrieden mit meinem Mann zu leben. Und um diesen Frieden zu erhalten unterwarf ich mich ihm, so gut es ging. Ich wollte Harmonie in meiner Familie und gab nach, fast bis zur Selbstaufgabe. Das so etwas auf Dauer nicht gut gehen konnte, noch dazu bei meinem Naturell, war abzusehen. Wenn ich von meinem Aufgaben in der Familie nicht zu geschafft war, packte ich ihn in einer guten Stunde und bat ihn, sich zu ändern. Dann war er auch einsichtig und bereit, an sich zu arbeiten. Blind war er ja schließlich nicht und meine depressiven Stimmungen, die sich bei mir schließlich einstellten, konnte er auch nicht übersehen. Und dann versprach er mir, an sich zu arbeiten. Als sich aber dann doch nichts änderte, zog ich mich von ihm zurück. Ich begann ihn schließlich zu ignorieren. Im Bett ging sowieso, zu meinem großen Kummer, so gut wie nichts mehr. Also was sollte es dann für eine Rolle spielen, wenn ich ihn weiterhin beachtete. Sollte er doch zusehen, wie er ohne mich zurecht kam. Im Stillen jedoch zählte ich aber immer auf seine Liebe und darauf, daß er sich deswegen besinnen würde.
Im Nachhinein glaube ich, daß er selbst einmal Abstand braucht zu mir und den Buben. Und den gab ich ihm, wenn auch ungern; denn er brauchte fast 1 1/2 Jahre, bis er sich mir wieder zuwandte. Danach war auch diese unschöne Phase unseres Ehelebens überwunden.
Dafür kamen wieder andere auf uns zu. Es ging ständig auf und ab, wie in jeder anderen Ehe auch. Aber meistens hatte ich damals nicht groß Zeit dafür, darüber nachzudenken, denn die Kinder, der Haushalt und der Garten, nahmen meine ganze Kraft in Anspruch. Meisten reagierte ich nur spontan auf auftauchende Probleme. Das Nachdenken begann erst, als ich einen Nervenzusammenbruch hatte und nicht mehr leben wollte. Aber in der Zwischenzeit ging es immer weiter. Die Jahre vergingen und irgendwie schaffte Florian seinen qualifizierten Hauptschulabschluß, obwohl es lange nicht so aus gesehen hatte. Wegen all der Schwierigkeiten innerhalb der Familie, die ja auch nicht spurlos an ihm vorbei gingen, wurde er in der Schule immer schlechter. Ich machte mir große Sorgen wegen ihm, denn was sollte aus ihm werden, wen er den Abschluß ich schaffte. Ständig saß uns deswegen auch seine Großmutter, Josefs Mutter, im Nacken. Sie sah in Florian ein Genie und konnte nicht verstehen, daß er nicht wenigstens aufs Gymnasium ging. Auch damit quälte sie ihren Sohn. Aber ich setzte meinen gesunden Menschenverstand ein. Warum sollte ich meinen Sohn zu etwas drängen, was er nicht wollte und das ich auch nicht getan hatte, obwohl sich meine Eltern sehr darüber gefreut hätten. War ich widerwillig zur Schule gegangen, wie konnte ich dann erwarten, daß der Junge sie mehr lieben würde, als ich. Und sogar Josef war vorzeitig vom Gymnasium abgesprungen, weil er nicht mehr weiter zur Schule wollte. Sie war ihm so zuwider geworden, das selbst seine strenge Mutter ihn nicht davon abhalten hatte können, sie nach der Mittleren Reife zu verlassen. Woran man merken kann, daß er sich ihr schon widersetzte, wenn es ihm nur wichtig genug war.
Jedenfalls waren meine Sorgen wegen Florian derart, daß ich ihn, nach langem Hin und Her, ab der sechsten Klasse in ein Internat schickte. Das zu tun, fiel mir wirklich nicht leicht. Man kreidete es mir, von Seiten der Verwandtschaft und auch einem Teil unserer Freunde übel an und hielt mich für eine Rabenmutter. Das Gefühl, bei ihm versagt zu haben, beschlich auch mich. Aber ich konnte es nicht mehr mit dem Jungen. Es hatte sich wegen seiner schulischen Situation eine solch angespannte Atmosphäre zwischen ihm und mir aufgebaut, daß ich befürchtet, irgendwann einmal deswegen Auszurasten. Aber ich liebte den Jungen viel zu sehr, um es darauf ankommen zu lassen. Ich mußte einsehen, daß auch ich nicht alles konnte. Und ich konnte ihn nicht dazu bringen, so zu lernen, daß er die Noten schrieb, die seiner Intelligenz entsprachen. Und er war sehr intelligent. Wir hatten ihn deswegen bei einer Beratungsstelle testen lassen. Warum er also scheinbar in der Schule versagte, konnte nicht daran liegen. Wahrscheinlicher waren es da schon, daß ihn die häuslichen Gegebenheiten zu sehr blockierten, um erfolgreich zu lernen. Im Grunde nämlich weigerte er sich einfach zu lernen und ich konnte im Guten tun, was immer ich wollte, ich brachte ihn nicht dazu. Und so weit zu gehen, daß ich seinen Willen brach, konnte ich auch nicht. Ich hasse es, wenn man Kinder zwingt, sich rigoros anzupassen. Sie kommen später im Leben nicht mehr gut zurecht und ein gutes Beispiel dafür war ja mein eigener Mann. Und es lag mir auch nicht. Da ich selber jeden Zwang für mich ablehnte, wie hätte ich ihn Florian auferlegen können? So einigte ich mich mit Josef und Florian kam ins Internat. Zu meinem großen Glück, begriff er, daß es keine Strafe war, sondern nur seiner Weiterentwicklung dienen sollte. Außerdem war es so nah an unserem Wohnort, daß wir ihn jede Woche besuchen konnten und er sich nicht abgeschoben fühlte. In dem Internat mußte er dann erst einmal das Lernen lernen.
Wenn ich vorhin geschrieben habe, daß ich ihn dort hinschickt hatte, ist das schon richtig. Josef war zwar damit einverstanden, kümmerte sich aber kaum um die Erziehung der Jungens. Zwar hatte er große Töne gespuckt, daß er als Vater sich darum kümmern würde, bevor noch Florian, als der Ältere, zur Schule kam. Aber wie so oft bei ihm, kam es doch wieder anders. Als ich einmal erleben mußte, wie er seine Pflicht deswegen ausübte, entband ihn ich schnell wieder davon. Die meiste Zeit über kümmerte ja doch ich mich selber um die Überprüfung der Schularbeiten. Ich hatte auch mehr Zeit dafür, als Josef. Dann fielen mir auf einmal wieder seine Versprechungen ein – vielleicht deswegen, weil er mich kritisierte, wie ich es machte – und verlangte von ihm, er solle es endlich selber tun, so wie er es versprochen hatte. Also übernahm er es.
An einem Nachmittag, nachdem er aus dem Büro zurück war, setzte er sich zu dem Kind, das seine Hausaufgaben machte. Zuerst kümmerte ich mich nicht um die beiden, weil ich glaubte, das ginge in Ordnung. Als ich aber dann nach ihnen schaute, um zu sehen wie sie vorwärts kamen, saß Josef gemütlich im Sessel und las seine Zeitung. “Hast du dir die Hausaufgaben schon angesehen?” fragte ich ihn und er bejahte es. Aber irgend ein Gefühl ließ mich das Geschriebene von Florian ansehen. Ich kannte seine Schwächen und wollte auf Nummer sicher gehen. Ich nahm mir den Aufsatz, den er geschrieben hatte vor und las ihn durch. Es wimmelte nur so von Fehler. “Nun ja,” sagte ich zu meinem Mann, „das kannst du dir doch noch nicht angesehen haben.” Aber er antwortete kurz und sah nicht einmal von seiner Zeitung auf: “Doch, doch, ich habe es schon gesehen.” “Gesehen ja, aber hast du es auch gelesen. Da sind ja jede Menge Fehler drin,” entgegnete ich ihm. Darauf erwiderte er nur: „Tatsächlich?” und ich merkte deutlich, daß ich ihn beim Zeitungslesen störte. Daran konnte ich wieder einmal sehen, was seine Versprechungen und Worte wert waren. Wie oft hatte ich bei ihm den Eindruck, daß er erwartete, ich müßte alleine wegen seiner Versprechungen dankbar sein, als würde ein Versprechen der Tat gleichkommen. Doch so sehr mich sein Verhalten auch ärgerte, er schottete sich dann nur ab. Für mich hatte es keinen Zweck ihn zu etwas zu bringen, daß er zwar versprochen hatte, dann aber nicht einhalten wollte. Nun gut, wenn er sich so benahm, dann gab es für mich keinen Grund mehr, warum ich nicht andere Wege suchen sollte, um mein Leben erträglicher zu gestalten. So sehr ich all die Jahre an ihm gehangen hatte, nun fing ich an, mich innerlich von ihm zu lösen. War ich vor meiner Ehe sehr selbstständig gewesen, so befand ich mich nun in einer scheinbar vollkommenen Abhängigkeit von meinem Mann, ohne daß ich es recht bemerkt hatte, wie es geschah. Erst seine persönlichen Veränderungen, die in gewisser Hinsicht wichtig für ihn waren, machten mir das klar. Und klar wurde mir mit einem Mal auch, daß ich noch etwas mehr vom Leben wollte, als nur Hausfrau zu sein. War ich nur sehr ungern zur Schule gegangen, so entwickelte ich mit einen Mal einen regelrechten Bildungshunger. Vor allem Englisch zu können, wurde plötzlich immer wichtiger für mich. Also schrieb ich mich bei einem Volkshochschulkurs ein. Damit erreichte ich auch, daß ich mehr mit anderen Menschen zusammen kam, denn ich war zwangsläufig ein rechtes Heimchen am Herd geworden. Während der nächsten Jahre besuchte die Klasse regelmäßig. Das erweitert mein Wissen und ermöglichte mir den Umgang mit anderen Menschen, der mir vorher ziemlich abgegangen war. Der Großteil der Frauen in meinem Kurs waren berufstätige Mütter. Sie waren so viel selbstständiger als ich und konnten sich auf Grund ihres Verdienstes auch mehr leisten. Aber ich denke, daß sie mich ihrerseits für eine dumme Kuh hielten, auch wenn sie sich bemühten es mir nicht anmerken zu lassen. Aber sie hatten so eine feine Art mich von oben herab zu behandeln, daß es oft schon beleidigend war. Als nur Hausfrau waren meine Interessen natürlich von ganz anderer Art, als ihre und irgendwie paßte das nicht zusammen. Aber das war kein Problem für mich, damit kam ich zurecht. Und natürlich waren auch nicht alle von ihnen so. Schließlich kam der Tag, an dem ich erkannte, daß ich wieder ins Berufsleben einsteigen wollte. Ich weiß schon, daß ich mich jetzt etwas wiederhole, aber es ist mir so wichtig gewesen und ich habe solche Reinfälle deswegen erlebt, hatte so viel gegeben, daß ich es nun ausführlicher Berichte.
Nun denn: Unsere Kinder wurden langsam erwachsen, und brauchten mich nicht mehr so viel wie früher. Es gab also keine Grund es nicht zu wollen und mein Mann unterstützte es. Allerdings unterstütze er alles, was versprach mehr Geld ins Haus zu bringen. Und ich wiederum stellte es mir so schön vor. Ich malte mir aus, wie es wäre und was ich mit dem verdienten Geld anfangen könnte. Aber bei all dem, hatte ich nicht mit meiner langjährigen Berufsuntätigkeit gerechnet. Ich war so blauäugig und konnte mir nicht vorstellen, daß ich es nicht schaffen würde. Mit der Familie gab es zu der Zeit nur noch wenig Schwierigkeiten. Auch mit meiner Schwiegermutter hatte ich, nach langen Kämpfen und Auseinandersetzungen, endlich doch noch eine freundschaftliche Basis gefunden, auf der wir miteinander umgehen konnten. Florian hatte seine Lehre erfolgreich abgeschlossen und Christoph machte sich in der Realschule ganz gut.

Ab hier muß ich einen Einschnitt in meiner Geschichte machen. Ich hoffe, es ist nicht zu verwirrend. Aber ich habe das, was jetzt kommt, vor dem geschrieben, was bereits da steht. Das, was jetzt kommt, war der Auslöser für meine Geschichte überhaupt. Da war ich an dem Punkt angekommen, an dem ich glaubte, alles in meinem Leben nicht mehr aushalten zu können und daß, wenn ich mir meinen Frust von der Seele schrieb, es wieder leichter werden würde.

Nun, einen Teil des Frustes kennt man ja bereits. Aber jetzt, da ich nach Arbeit suchte, lag die Unbefriedigung meiner Tage in den Anhäufungen der Nichterfüllungen von kleineren und größeren Pflichten, die ich von meiner Familie (bestehend aus dem inzwischen sechsundfünfzigjährigem Josef, dem zwanzigjährigem Florian und dem fünfzehnjährigem Christoph), erwartete. Denn sobald ich eine Arbeit hatte, und wie man lesen konnte, waren es in Folge mehrere, wollte ich mich nicht mehr in dem Maß um den Haushalt kümmern, wie zuvor. Aber zu sehen, daß sie alles schleifen ließen, schien mir deutlich zu zeigen, wie wenig bedeutsam meine Person für sie war. War ich denn Niemand? Konnten meine Wünsche denn einfach übergangen werden? Hatte ich nicht auch ein Recht auf ein für mich befriedigendes Leben? Und jetzt, wo ich einmal auf sie zählen wollte, ließen sie mich so in Stich. Wenn ich die anfallenden Arbeiten im Haushalt nicht gleich wieder selber machte, sah es in unserem Haus sehr schnell wie in einem Saustall aus. Aber, so sagte ich mir, hatte ich nun, da auch ich arbeitet, nicht das Recht, von einem Teil der Hausarbeit durch sie entlastet zu werden? Aber sie taten es lange nicht. Und da dachte ich mir, wenn der Dreck, den sie machten, sie nicht störte, warum sollte er mich stören und zog mich für Wochen in mein Reich zurück, um damit mein Experiment auszuführen. Grundsätzlich wußte ich natürlich, daß sie sich nicht extra so verhielten, um mich damit zu treffen und um mir das Leben schwer zu machen; das war mir schon klar, denn sie sind im allgemeinen liebe Menschen, sondern es war nur ihre verdammte Nachlässigkeit, Faulheit und Gedankenlosigkeit.

Hier mußte ich beim Schreiben eine Pause machen, weil in der Zwischenzeit Christoph von der Schule heimgekommen war. Kurz nachdem ich unten die Türe gehen gehört hatte, kam er auf einen Sprung in mein selbstgewähltes Exil und ich habe ihm ein wenig von meinen Plänen erzählt. Er konnte letztendlich am wenigsten für meine Situation. Auch wenn mich an ihm einiges störte, wollte ich ihn nicht zu sehr damit belasten, in dem ich mich ihm völlig entzog. Ich glaube, er hatte am Schnellsten erfaßt, um was es mir ging. Er, der früher schnell aufbrausen war, legte nun, als ich mich rar machte, eine erstaunliche Sanftmut an den Tag.” “Tu das, Mutti,” hat er mir auf meine Eröffnung hin geantwortet. “Ich kann verstehen, daß du so handelst.” Danach hat er sich sein Mittagessen selber gemacht. Das kann er bereits gut, denn ich will es im Moment nicht mehr machen. Anschließend daran machte er sich auf den Weg ins Schwimmbad. An diesem Tag war es sehr heiß. So heiß, wie schon lange nicht mehr. Aber das macht mir nicht viel aus, da ich das Schwitzen von der Sauna her gewöhnt bin. Dagegen werde ich mich wohl nie an gewisse Eigenschaften meiner drei Männer gewöhnen können. Jahrelang habe ich immer wieder versucht mich damit abzufinden, um den Familienfrieden nicht zu gefährden, aber von Zeit zu Zeit bricht es dann um so heftiger aus mir heraus. Regelrechte Wutanfälle bekomme ich, scheinbar wie aus heiterem Himmel, jeden Monat kurz vor dem Beginn meiner Periode, und obwohl ich es inzwischen besser wissen sollte, überrascht mich diese Heftigkeit jedes mal von Neuem. Jede Nachlässigkeit von ihrer Seite, die ich wochenlang in Ruhe und mit Gelassenheit ertragen habe, erregen mich dann maßlos und meine keifende Stimme ist oft noch einige Gärten weiter zu hören. Nicht das ich Unrecht hätte, so zu reagieren, aber es müßte nicht so laut geschehen. Und dann gehen mir Gedanken durch den Kopf, wie folgender, den ich mir auch einmal in solch einer Situation aufgeschrieben habe.
Am Traualtar hatte ich zwar geschworen die guten wie schlechten Tage mit meinem Mann durchzustehen. Nun aber habe ich wegen ihm mehr schlechte Tage als gute mitgemacht. Zeiten in denen es Tage gab, an denen ich glaubte überhaupt nicht mehr zu existieren. Tage an denen ich meine Existenz nur noch ertragen konnte, weil ich mich gefühlsmäßig so weit wie möglich in mich zurück zog. Tage an denen ich daran dachte, daß ich meinen Schwur hielt, mein Mann seinen aber nicht. Tage an denen ich mich bestraft fühlte, für eine Schuld, die ich nicht erkennen konnte. Trotzdem arbeitete ich mit all meiner Kraft weiter an unserer Ehe. Und wenn ich mich schon so anstrengte, durfte ich dann darauf hoffen, einmal begnadigt zu werden? Oder muß ich immer so weiter machen, nur weil ich es geschworen hatte? Aber wie oft will ich es nicht mehr. Wie oft habe ich alles so satt, satt, satt! Und dann weiß auch ich nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Es ist so entsetzlich für mich; vor allem deshalb, weil andere von mir glauben ich sei stark und sie deshalb viel von mir erwarten, und ich diese Erwartung auch oft erfülle. Dabei kann man mich so leicht gefühlsmäßig verletzen. Sie merken es nur nicht, da ich mich gerade in solchen Situationen oftmals zusammen nehme, um ihnen nicht den Triumph zu lassen, mich getroffen zu haben. Ich gebe das typische Beispiel ab für das Sprichwort: Der Klügere gibt nach oder der Schwächere. Und ich gebe häufig aus Schwäche nach. Und wenn ich wieder einmal aus Schwäche nachgegeben hatte, ärgerte es mich besonders; weil das bedeutete, sie konnten mich Ausnützen. Soweit meine düsteren Gedanken.

Kam dann das erste Menstruationsblut zum Vorschein, verschwand auch meine Gereiztheit wieder und an ihrer Stelle trat Beschämtheit, mich so aufgeführt zu haben. Aber ich kam nicht dagegen an und jeden Monat wiederholt sich fast das Gleiche. Mit meinem Experiment wollte ich nun versuchen endgültig eine Änderung in meiner Familie zu erreichen. Ich wollte damit versuchen meine Wut und meinen Frust, und das, was es verursachte, aus dem Weg zu schaffen.

Hier muß ich wieder eine Pause in meinen Aufzeichnungen machen, um von aktuellen Ereignissen zu berichten, die sich während meines Experimentes ergaben.

Vor etwa einer Stunde ist Josef vom Büro nach Hause gekommen. Er hat nicht versucht, mich aufzusuchen, denn inzwischen weiß er, daß das sinnlos ist. Aber ich höre ihn im Haus herum werken. Seit ich mich zurück gezogen habe, kümmert er sich endlich, um Arbeiten, die ich immer gemacht habe. Er findet Arbeiten, die er lange übersehen hatte und erledigt sie. Viele davon sind Arbeiten, die für einen Mann zu tun sind, die aber trotzdem meistens ich getan hatte. Ich glaube, daß er begonnen hat, über unsere Lage nachzudenken. Seit vielen Monaten waren schon Beschläge an Türen und Fenstern locker gewesen. Jetzt hat er sie schließlich entdeckt und befestigt. Irgendwie geht er mit offeneren Augen durch unser Haus.

Gleich in den ersten Tagen meiner mir selbst auferlegten Schweigsamkeit, hatte er mich leicht verzweifelt und recht weinerlich gefragt: “Was habe ich denn getan?” Dazu habe ich geschwiegen. Es ging mir ja auch nicht darum, was er getan hat, sondern, was er nicht getan hat. Außerdem, was hätte Reden schon genützt? Denn was hätte ich ihm mehr sagen können, als das, was ich ihm in all den Jahren vorher immer wieder einmal gesagt hatte, und was letzten Endes immer wieder zu keinem, für mich befriedigenden Ergebnis, geführt hatte.
“Was habe ich getan?” Diese Frage hing mir nach und regte meine Gedanken an. Er hatte folgendes nicht getan, und das war für mich eine der schlimmsten Belastungen in all den Jahren, neben den Schwierigkeiten mit seiner Mutter: Er hat mich nie als Geliebte betrachtet. Jedenfalls hat er mich nie so behandelt. Im Klartext heißt das, daß ich im Lauf meiner zweiundzwanzigjährigen Ehe so selten von ihm körperlich berührt worden bin, das ich mich heute fast als Jungfrau fühle. Da bei konnte er so zärtlich sein. Er verstand es, in mir, mit Küssen, derartige Gefühle zu erwecken, daß ich ihm entgegenfieberte, nur um mir dann zu sagen: daß war’s, denn nichts konnte ihn dann zu mehr bewegen. Es kam ihm nicht in den Sinn, wie sehr er mich damit verletzte. Wenn er mich damit wieder einmal so gereizt hatte, daß ich ihn zur Rede stellt, warum er sich so benahm, kam er nicht mit der Wahrheit heraus, sondern wich aus. Immer nur konnte ich Vermutungen darüber anstellen, warum er mich nicht begehrte. Er hatte mich doch aus Liebe geheiratet, da nahm ich als selbstverständlich an, daß er mich auch begehrte. Aber er sah ja nicht einmal zu mir her, wenn ich mich in provozierend nacktem Zustand in seiner Nähe befand. War ich denn so häßlich? War ich so wenig anziehend für ihn? Dazu habe ich eine Aufzeichnung, in der ich konkretes Verhalten von Josef in dieser Sache notiert hatte. An einem Samstag waren wir beide von einem befreundeten Ehepaar zu einem Fest am Abend eingeladen. Der Nachmittag war günstig für ein Schäferstündchen. Also versuchte ich meinen Mann darauf einzustimmen. Er ließ sich zwar gerade noch von mir leidenschaftlich küssen, aber als ich anfing seinen Penis durch die Hose hindurch zu streicheln, wich er mir aus. Ich sah, daß es ihm peinlich war und fragte ihn aufgebracht: “Was ist nur los mit dir? Was stimmt mit mir nicht, daß du nicht willst?” Aber er stand nur verlegen und betreten vor mir, drehte an den Knöpfen seiner Jacke, so als sei alles nicht seine Schuld. Wieder einmal mußte ich die Sinnlosigkeit erkennen, in dieser Sache an ihn heranzukommen. Aber ich war über den mißlungenen Versuch so gekränkt, so verärgert, daß ich es noch nicht abgelegte hatte, als wir später bei unseren Freunden eintrafen. Während er sich unbeteiligt gab, kämpfte ich noch mit meinem Frust, und ließ ihn mir anmerken. Weil ich unseren Freunden aber schlecht sagen konnte, warum ich mich so spitz und gereizt gab, denn irgendwie konnte ich Josef nicht vor ihnen bloß stellen und ich ihnen sagen, daß er mich immer wieder abwies, war ich in ihren Augen die böse Ehefrau. Denn er nahm mein Benehmen mit einer Unschuldsmiene hin, so daß sie ihn bedauerten, solch eine Frau zu haben. Dabei war ich, die böse Ehefrau, nicht böse, sondern nur gewaltig verärgert und frustriert durch das lieblose, gedankenlose und bequeme Verhalten meines Mann. Um so mehr, weil ich mich wirklich um meine Familie kümmerte, wenig Ansprüche stellte und seine Mutter erduldete, so daß ich einen Anspruch auf Ausgleich erwartete.

Am Beginn unserer Ehe hatte ich noch versucht, seine scheinbar anerzogene Blockade, die ich bei ihm vermutete, zu durchbrechen. Aber es gelang mir nicht. Zärtlichkeiten gab er mir, aber selten Sex. Und so blieb es, mit wenigen Ausnahmen all die Jahre über, in denen wir nun verheiratet sind. Ganz sicher ist das auch als der Hauptbelastungspunkte für meine jetzige Störrischkeit. Er wollte oder konnte nicht mit mir schlafen. Und wenn er sich doch einmal dazu hergab, weil auch er erkennen mußte, daß es so nicht ging, und ich langsam an den Grund meiner Verzweiflung angekommen war, tat er es nur in einer für ihn angenehmen, bequemen Lage, so daß er sich dabei nicht sehr anstrengen mußte. Da er sich aber mir die meiste Zeit verweigerte, auch wenn wir länger nichts miteinander hatten, ließ ich ihm, jedenfalls im Wesentlichen, verletzt und unglücklich, seine Ruhe. Es war so demütigend für mich, darauf zu warten, daß er die Initiative ergriff. Weil er es aber nicht tat, fühlte ich mich minderwertig, denn das konnte doch dann nur an mir liegen. Etwas an mir hinderte ihn daran, Sex mit mir zu machen. Doch ich war eigentlich recht unerfahren und er ließ sich nicht in die Karten schauen. Wenn ich heute darüber nachdenke, gibt es nur ganz wenige Male, in denen er von sich aus zu mir gekommen ist, um “Liebe” zu machen, daß ich jedes einzelne Ereignis davon noch weiß.

Jetzt gehe ich aber schnell mal Zigaretten holen, bevor das Geschäft zu macht. Ich schreibe oft so lange, daß ich kaum auf die Zeit achte. Aber manchmal möchte ich dann noch etwas, das ich aber nur bekomme, wenn ich es rechtzeitig besorge.

Inzwischen habe ich die Zigaretten besorgt und es ist fast Mitternacht, aber ich kann noch nicht schlafen. Der Konsum an Zigaretten, den ich mir seit drei Wochen wieder angewöhnt habe, hält mich wach. Davor habe ich zweieinhalb Jahre nicht mehr geraucht und war sehr stolz darauf gewesen. Jetzt kann ich wieder einmal nicht darauf verzichten, denn mit irgend etwas muß ich mich befriedigen, um einen gewissen Ausgleich zu meiner Frustration und dem Druck in mir zu finden. Zum Glück gibt mir der Alkohol nichts ab. Ganz anders als die Zigaretten, die mich etwas träge machen, benebelt er mich, würde ich ihn trinke. Aber ich will einen klaren Kopf behalten. Es reicht mir schon, daß meine Familienangelegenheiten unklar sind.
Doch das nur nebenbei.
Im Wesentlichen sehe ich mich selber als Frau in einer Ehe, aber nicht als Ehefrau, wie ich sie mir vorgestellt hatte, in meiner früheren jugendlichen Einfalt. Ich hatte einen Mann geheiratet, den ich bei unserem Kennenlernen lieben und schätzen gelernt hatte, wegen seiner Liebenswürdigkeit, seiner Fähigkeit auf mich einzugehen, der ein großes Wissen besaß und von dem ich den Eindruck gewann, er sei der Richtige für mich. Und er liebte mich. Ja ich kann sagen, daß er mich vergötterte, und das gefiel mir natürlich sehr. Als eines von acht Kindern, war ausgerechnet ich für meine Mutter das schwarze Schaf. Sie gestand sich das leider nie selber ein, leugnete es und machte es mir mit dieser Haltung auch nicht gerade leichter. Hätte sie es sich eingestanden, wären Mißverständnisse zwischen uns verhindert worden, denn ich fühlte ihre Abneigung instinktiv. Ich war so lebhaft, so schnell von Begriff, so quirlig, so neugierig und wißbegierig, kurz, sehr unbequem für sie. Dabei besitze ich eine Sensibilität, welche ihre Liebe und Zuneigung mehr benötigt hätte, als der Großteil meiner scheinbar robusteren Geschwister. Dabei aber war ich nicht etwas sonderlich empfindlich und konnte es auch nicht sein mit den vielen Brüdern. Wegen der Ungerechtigkeiten meiner Mutter, die sie zwischen den einzelnen Kindern ausübte, drängte es mich bereits mit jungen Jahren – ich war fünfzehn – aus dem Haus. Ich konnte meine Mutter und ihre ungleichen, ungerechten Behandlungen nicht mehr ertragen. Ich hatte das Gefühl des Ersticktwerdens, wenn ich nicht frei und offen meine Meinung sagen durfte, da sie mir oft das Reden zu anstehenden Problemen untersagte. In erster Linie waren das zweifellos Reden, die ihr gegen den Strich gingen und die ein anderes Verhalten von ihr verlangt hätten. Es kam immer öfters zum Streit zwischen uns beiden, bis es mich aus dem Haus trieb. Ich hatte einfach die schwächeren Nerven und wollte mich von ihr lösen, um freier Atmen zu können.
Die Jahre, die dann kamen, waren ausgefüllt mit meiner Lehrzeit, den damit verbundenen wechselnden Orten und den dort lebenden Menschen, so das kaum längere Freundschaften entstehen konnten und ich bereits damals lernte mit der Einsamkeit fertig zu werden. Aber das war zum Teil der Preis dafür, das ich meiner Mutter entkommen war und so zahlt ich ihn gern.
Mit achtzehn gab ich bewußt meine Jungfernschaft auf, denn meine, um ein Jahr jüngere Schwester, war zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger und sie schämte sich nicht, mich wegen meiner Unerfahrenheit in diesen Dingen, zu verhöhnen. Und als es dann geschah, hatte es sich einmal nicht für mich gelohnt die Jungfernschaft zu verlieren, denn die Sache war nicht das, was ich mir erhofft hatte. Für einige Stunden blieben, nur geschwollene Lippen von der heftigen Knutscherei als Erinnerung zurück. Daß war die Sache nicht wert gewesen und Befriedigung hatte ich auch keine verspürt. Sehr schnell begriff ich, daß mir Sex, ohne Liebe und Erotik keinen Spaß machte. Ich mußte erfahren, daß die Männer nur das eine wollten: Beine breit, Penis rein, hin und her damit, ihren Orgasmus, und dann geht es zur Tagesordnung über. War das wirklich alles? Wo blieb meine Befriedigung? Was war mit meinen Gefühlen? Und dann noch das dummdreiste Verhalten von Seiten der Männer, die jedes mal glaubten, man müßte noch Jungfrau sein. Die danach fragten, ob “Er” der Erste wäre. Fragte ich danach, ob ich die Erste für ihn wäre? Natürlich nicht! Diese Heuchelei ging mir ganz rasch auf und widerte mich an. Das war nicht, was ich wollte. Also hielt ich mich, nach einigen wenigen negativen Erfahrungen, erst mal damit zurück. Das was ich wollte, war ein richtiger Freund. Einer mit dem ich auch reden konnte und der nicht nur immer an seinen Schwanz dachte, und das fand ich bei meinem zukünftigen Mann.
Oh ja, das Leben kann schon grausam sein. Hat man das eine, kann man anscheinend das andere nicht auch noch haben. Es ist ein manchmal rechtes Dilemma. Als ich ihn kennen lernte, war ich zweiundzwanzig und Josef bereits dreißig. Am Anfang unserer Freundschaft gab er mir all das, was ich bei anderen Männern vermißt hatte. Zum ersten Mal in meinen Leben, wurde durch seine zurückhaltende liebevolle Art Empfindungen in mir geweckt, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Auch liebte er mich so wie ich war und hob damit mein Selbstbewußtsein beträchtlich. Ein Selbstbewußtsein, daß meine Mutter in mir teilweise verschüttet hatte. Er stand zu mir und gebärdete sich wie ein wilder Löwe, wenn er mich bedroht oder belästigt sah. Dafür liebte ich ihn. Und wenn er mich in den Arm nahm und mich küßte, stieg in mir eine sexuelle Lust hoch, von der ich bis dahin nicht gewußt hatte, daß ich sie besaß. Heute weiß ich natürlich, daß ich sie deswegen so stark empfinden konnte, weil er keine großen Anstrengungen machte, diese zu befriedigen, was meine Lust auf ihn nur steigerte. Und ich hielt seine Zurückhaltung damals törichterweise für Schüchternheit und Rücksichtnahme; was auch, zum Teil wenigstens, stimmte. Wie hätte ich es auch anders wissen sollen. Man hatte mich ja während meiner Jugend lange in Unwissenheit gelassen, über alles, was das Geschlechtliche betraf; also wie hätte ich mit einem Mal wissend sein sollen. Eine Ahnung der Dinge – zusammen gelesen aus den mir von meiner Mutter verbotenen Büchern – hatte ich schon und das was man sich so unter der Hand erzählte, aber mehr auch nicht. Es war doch so peinlich darüber zu sprechen. Und das es so war, verwunderte mich immer wieder. Ein Geschlecht zu haben und es auch zu benützen, oder gar das, man damit machen kann, zu genießen, ist ein Akt der Natur; was kann daran schon peinlich sein. Ich jedenfalls habe bereits früh in meinem Leben so darüber gedacht. Und als ich mit meiner lockeren Zunge auch so darüber sprach, machten mich meine Reden letztendlich für manche Leute – darunter meine Mutter – verdächtig. Doch ich hatte bereits eine eigene Meinung, vertrat sie, und mein neuer Freund schätzte das. In den ersten Wochen unserer Bekanntschaft hielt ich Josef mit dem letzten Beweis meiner Liebe hin, und er drängte mich auch nicht sehr. Ich war mir nicht sicher, ob es mit ihm etwas von Dauer werden würde. In meinem damaligen Alter war ich für Liebeleien und Quickies nicht mehr zu haben, soviel Erfahrungen hatte dann doch schon gesammelt. Und ich wollte auch ein einigermaßen bequemes Bett für unsere erste Liebesnacht. Ich wollte es nicht irgendwo auf dem engen Rücksitz eines Autos, oder Schlimmerem, mit ihm tun, weil ich das für entwürdigend halte. So planten wir unsere erste Liebesnacht und fuhren dazu über ein Wochenende weg. Da wir wußten und sicher waren, was wir dort vor allem wollten, freuten wir uns darauf. Unser Verlangen danach uns zu vereinigen, wuchs von Kilometer zu Kilometer, je mehr wir uns dem Ort näherten, in dem Josef zwei Zimmer bestellt hatte. Zwei Zimmer deshalb, da Josef die Leute von früheren Aufenthalten her kannte und sie nicht in Verlegenheit bringen wollte mit der Vermietung eines Zimmers an unverheiratete Leute. Vor fünfundzwanzig Jahren bedeutete das noch etwas. Ach, was waren wir naiv! Dort angekommen, wurde ich dem Ehepaar, welchem die Pension gehörte, vorgestellt, Dann bekamen wir von ihnen die einzelnen Zimmer zugeteilt. Josef seines war im ersten Stock und meines befand sich unter dem Dach. Es war klein, aber nett und gemütlich, mit seinen holzgetäfelten schrägen Wänden und einem unter der Schräge eingebautem Bett. Dann endlich ließen sie uns allein und Josef kam zu mir ins Zimmer geschlichen.
Jetzt schlüpften wir schnell heraus aus den Kleidern und rein ins Bett. Zuerst schmusten wir noch miteinander und dann ließ ich ihn, aufs heftigste erregt, seinen wirklich großen steifen Penis in mich eindringen. Für eine kurze Weile bewegte er sich in mir, als mich und das ist kein Witz, ein heftiger Drang zum Wasserlassen überfiel. Es war mir arg, aber was sollte ich machen. Wie waren über mehrere Stunden gefahren und hatten dabei gegessen und getrunken und vor lauter Lust aufeinander und das “Es” jetzt endlich geschehen würde, übersehen, das wir auch einmal zur Toilette mußten. Ich konnte es nicht länger anhalten und flüsterte es ihm zu. In seiner Erregung verstand er nicht gleich, was ich wollte und mußte es lauter wiederholen. Es tat mir leid, daß er jetzt zur Unterbrechung gezwungen wurde. Das war kein guter Start für das erste Mal. Schweren Herzens löste er sich von mir und ich erleichterte meine schmerzend volle Blase. Als ich zurück kam, war ein Teil meiner Erregung vergangen. Meine Scheide war nicht mehr so feucht wie vorher und Josef konnte nur mit Mühe seinen Penis einführen. Es dauerte lange bis zu seinem Orgasmus. So lange, daß ich, nachdem meine Erregung abgeklungen war und nicht wieder kam, weil es nun leicht schmerzte, es müde wurde, von ihm gestoßen zu werden. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Die vorherige, ungewollte Unterbrechung, war schon schlimm genug für ihn gewesen, mehr wollte ich ihm nicht zumuten. Schließlich kam er zum Höhepunkt und ich tat so, als sei es bei mir auch so. Ich weiß, daß es eine Lüge war, aber es war eine mildtätige Lüge. Männer sind so empfindlich, wenn es um Sex geht. Die meisten von ihnen meinen, wenn die Frau durch sie keine Befriedigung findet, es an ihnen läge und das verunsichert sie. Man merkt das dann ganz deutlich an ihren Worten, die so einen gewissen Unterton haben. “Na, hat es dir gefallen? Hast du was davon gehabt? Wie war ich?” Und die Wahrheit können sie schlecht verkraften, wenn man sie ihnen sagte. Aber eigentlich war ich nicht unbefriedigt. Ich war zwar nicht zum Orgasmus gekommen, war auch bei anderen Männern noch nie dazu gekommen, fand aber allein seine Nähe und Umarmung schön. Ich beschloß geduldig sein. Es war ja das erste Mal. Wir waren beide, jeder auf seine Art unsicher, was hätte man da schon erwarten können? Wirklich nicht viel, weil unsere Leidenschaft größer war, als unsere Übungen in dieser Hinsicht. Ich nahm es gelassen hin. Wir hatte genügend Zeit vor uns, es wieder und unter besseren Bedingungen zu tun. Anschließend gingen wir essen. Die Nacht verbrachten wir, wie sollte es anders sein, brav getrennt, in unseren Einzelzimmern. Gegen morgens, ich konnte nicht mehr schlafen und meine Lust auf Josef war zurückgekehrt, schlich ich mich leise zu ihm hinunter. Er schlief noch fest. Als ich ihn sanft weckte, hatte ich für einen kurzen Augenblick das Gefühl, daß es ihm lieber wäre, wenn ich wieder ginge. Dann aber rückte er beiseite und ließ mich unter die Decke schlüpfen. Wir schmusten mit einander und küßten uns und meine Lust steigerte sich. Josefs Glied wurde aber nicht größer. Scheinbar hatte er sich den Abend vorher sosehr verausgabt, daß er sich noch nicht wieder regenerieren konnte. Und dann tat er etwas Wundervolles, was vor ihm noch kein Mann mit mir getan hatte. So etwas hatte ich bisher nur selber mit mir getan. Er streichelte mit sanfter einfühlsamer Hand meine hoch aufgerichtete erregte Klitoris, nahm sie zwischen seine Finger und rieb sie behutsam, so lange bis ein herrlicher, befriedigender Orgasmus, ausgehend von dem intimen Teil meines Körpers, den übrigen Rest davon einhüllte. Daß er das tat, daß er überhaupt wußte, was er zu tun hatte, gerade bei ihm, den ich eher als unerfahren eingeschätzt hatte, verwunderte mich sehr. Aber ich hatte nun wirklich nicht dagegen. Ich hatte meine Befriedigung und fühlte mich rundum wohl. Wir verbrachten noch ein wunderschönes Wochenende. Fühlten uns glücklich in der Gesellschaft des andern und redeten mit einander von Gott und Welt. Zu weiteren Intimitäten kam es allerdings nicht mehr, da er keine diesbezüglichen Absichten erkennen ließ und ich mich ihn nicht aufdrängen wollte. Aber meine Meinung, daß er nach den vorhergehenden Pleiten mit anderen Männern, der richtige sein könnte, verfestigte sich mit diesem Erlebnis.
Es war 1:01, weit nach Mitternacht, als ich mit Schreiben an diesem Tag aufhörte. Ich war erschöpft und mußte jetzt schlafen gehen. Meine Regelblutung hatte auch eingesetzt und ich bekam Schmerzen beim Sitzen. Ach, wenn nur das endlich bald einmal aufhören würde. Jeden Monat diese Schweinerei. Wenn sie wenigstens unauffällig wäre, aber nein, es ist immer mit Schmerzen und psychischen Folgen verbunden und dauert häufig sechs bis sieben Tage an. Und es ist inzwischen so unnötig, so überflüssig geworden. Für was brauche ich in meinem Alter noch die Periode? Manchmal beneide ich richtiggehend die Frauen, die in meinem Alter keine Gebärmutter mehr haben. Aber das ist natürlich Unsinn, weil ich im Grunde genommen froh bin, sie noch zu haben. Sicher tauchen andere Probleme damit auf, wenn sie entfernt werden muß. Ich nahm noch eine Schmerztablette ein und legte mich dann rasch ins Bett.

09. Juni 1994
Der nächste Tag war ein Mittwoch! Ich schlief lange an diesem Morgen. Sobald ich richtig wach geworden war machte ich mir ein Frühstück, nahm es mit ins Bett und sah mir dann im Fernseher einen Spielfilm an. Sonst war das nicht meine Art so etwas zu tun, aber jetzt erlaubte ich es mir. Seit Beginn des Experimentes schlafe ich mich auch jeden Tag erst einmal richtig aus, bevor ich aufstehe. Das erspart es mir, meiner Familie schon am Morgen zu begegnen. Jahrelang war ich die Erste in der Früh und die letzte am Abend gewesen. Mein Tag hatte jahrelang um sechs Uhr begonnen, nur um meine Männer zu bedienen, mir ihre kleinlichen Streitereien anzuhören, oder etwas schnell noch für sie zu erledigen, das ich gut den Tag vorher hätte machen können, hätten sie es nur eher gesagt. Das will ich nicht mehr. Ich habe im Moment keine Kraft mehr dafür. Und “Gott sei Dank” lassen sie mich gewähren. Sie ahnen wohl, daß ich sonst explodieren würde. Ich kann nicht mehr akzeptieren, daß es so weiter geht, wie die Jahre vorher. Wie oft saß meine Familie vor dem Fernseher, auch wenn sie besseres zu tun gehabt hätten, aber das blieb liegen und unerledigt. Wenn ich sie dann darauf aufmerksam gemacht hatte, hörte ich von ihnen “Ich habe jetzt keine Lust” oder ich mache es später, nur daß sie dann “vergaßen” es zu tun. Jetzt habe ich keine Lust mehr! Jetzt gönne ich mir eben auch einmal etwas mehr Spaß und Ruhe. Wie viel hatte ich in all den Jahren geleistet. Wie viel mehr hatte ich mich angestrengt und Arbeiten getan, weil mein Mann sich oft so hilflos und ungeschickt gab. Mehrmals hatte ich sie sogar allein in Urlaub geschickt, nur um in Ruhe Renovierungen im Haus zu erledigen. Und hatte dann bei all der Arbeit noch eine gewisse Erholung dabei, weil ich sie nicht auch noch bedienen mußte.
Gestern wechselte ich übrigens noch folgende Sätze mit meinem Mann. Ich war, nach dem ich mit dem Schreiben aufgehört hatte, nach unten auf die Terrasse gegangen, um mich von der Schreiberei zu entspannen. Josef lag auf der Liege und döste vor sich hin. Als er mich bemerkte fragte er mich:” Hast du eine Arbeit für mich?” Und ich antwortete nur kurz angebunden: “Nein!” Wenn er sie nicht von alleine erkennen kann, werde ich ihm auch keine mehr anschaffen. Und warum sollte ich auch? Er tut im Haushalt in der Regel nur etwas, wenn ich mit ihm nicht zufrieden bin, ansonsten kann er über die Arbeit fallen, ohne sie zu bemerken. Doch nun hat er in den letzten Tagen, seit dem ich nicht mehr mit ihm rede, tatsächlich die seit Monaten lockeren Tür- und Fensterbeschläge festgeschraubt. Ich konnte es kaum glauben. Aber das ist typisch für ihn. Für eine Weile schwiegen wir wieder. Dann fragte er von neuem: “Kann ich etwas einkaufen?” Worauf ich ihm nicht antwortete, denn ich denke, daß er einkaufen kann, er hat es ja schon oft getan. Und ich war gespannt, was er nun tun würde. Dann, wieder nach einiger Zeit, kam die Frage: ” Was brauchen wir denn?” Und ich antwortete darauf: “Ich weiß es nicht.” Ich hatte einfach keine “Lust” mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Keine Lust auch dazu, Erwartungen zu erfüllen. Zuwenig Erwartungen waren von ihm in Lauf meiner Ehe mit ihm nicht erfüllt worden. Sollte er doch einmal selber darüber nachdenken, was benötigt wurde; denn das gehört zu meinem Experiment. Und ich war neugierig, was er machen würde, wenn ich ihm nicht alles vorkaute. In so vielen Dingen hatte er sich von mir, aus Bequemlichkeit, abhängig gemacht, und die ich nur tat, weil mir nichts anderes übrig blieb und mußte als Dank dafür miterleben, das man ihn als Mann betrachtete, der unter meinem Pantoffel stand. Was aber nicht stimmte, denn wenn er etwas wollte, konnte er es sehr rücksichtslos verfolgen. Aber das machte er dann so, daß es andere nicht mitbekamen. Er konnte so harmlos und unschuldig tun, daß mir andere, wenn ich mich beschwerte, nicht glaubten, das er so war, wie ich es sagte. Zunächst saß er noch ratlos herum, ging aber dann in die Küche. Dort liegt meistens ein Zettel, auf dem ich den Tag über aufschreibe, was für den Haushalt benötigt wird. Dieses Mal hatte ich nichts aufgeschrieben und das wird ihn verunsichert haben. Schließlich ist er doch noch zu dem Entschluß gekommen, was er einkaufen könnte, denn er fragte mich: “Kannst du mir Geld geben? Darauf antwortete ich ihm: “Ich habe keins mehr.” Das stimmte zwar nicht ganz, denn ich besaß noch etwas von meinen eigenen schwer verdienten. Davon aber wollte ich nichts mehr nehmen, hatte ich doch in den letzten Wochen bereits über sechshundert Mark davon zum Haushalt dazu gescheuert.
Was das Geld anbelangte, war es eines der wenigen Dinge, bei denen es kaum Streit zwischen uns gab. In der Hinsicht war er, wie man es sich nur wünschen konnte. Gleich zu Beginn unserer Ehe hatte ich ihn gebeten, die Finanzen mir zu überlassen und er war damit einverstanden und mußte es nie bereuen. Er bekam, angesichts unserer fast immer angespannten Lage, ausreichend Taschengeld von mir und kam damit gut aus. Und er war sehr großzügig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich mir persönlich viel mehr leisten sollen, allem voran Kleidung. Er hätte mich immer gern gut gekleidet und gepflegt gesehen. Aber ich wußte am Besten, was wir uns leisten konnten, und das war wenig. Beide waren wir fast ohne einen Pfennig in die Ehe gegangen, was natürlich meine liebe Schwiegermutter auch zum Anlaß genommen hatte, uns von einer Heirat absehen zu lassen. Ich hatte vor der Heirat nichts sparen können, da mein ganzer bescheidener Lohn für meinen Lebensunterhalt darauf ging. Und Josef hatte mit seinen vierunddreißig Jahren auch keines, weil er nie gespart hatte. Seine sonst so strenge Mutter hatte ihn auch nicht, was mich verwunderte, zum Sparen angehalten. Heute ist mir klar, daß sie einen Plan damit verfolgte. Ihr Gedanke war wohl dahingehend gewesen, daß wenn Josef kein Geld besaß, er auch nicht heiraten konnte. Und ließ sie es auch durchblicken. “Wie könnt ihr heiraten, wenn euch das Geld dazu fehlt?” hörten wir oft genug von ihr. Aber das war keines unserer Probleme geworden. Mit seinem und meinem Gehalt und bei meiner und auch seiner Bescheidenheit, kamen wir gut über die Runden. Große Ansprüche stellten wir nicht und kauften auch schon mal Gebrauchtes, um Geld zu sparen. Und Handwerker brauchten wir auch nicht, weil alles ich machte. Ich weiß, es klingt angeberisch, aber ich Tapeziere, verlege Fußböden, schneidere alle Vorhänge, streiche die Wände und Möbel, verlegen Holz usw. Sogar die Neuinstallationen von Toiletten und Wasserbecken habe ich schon gemacht. Nur wenn es um Elektrisches geht, muß mein Mann ran. Davor habe ich einen heiden Respekt und kann es auch nicht so gut wie er.
Nach unserem für ihn unergiebigen Gespräch, ging ich im mein Zimmer zurück. Sollte er doch machen was er wollte. Sollte er doch einmal zusehen, wie es war, wenn er etwas alleine zu entscheiden hatte. Dabei, das muß man sich einmal vorstellen, ist er Chef einer eigenen Abteilung, in der er laufend Entscheidungen treffen muß. Warum gebärdete er sich nur im eigenen Haushalt so unselbstständig? War das nur reine Bequemlichkeit? Leicht machte er es mir dadurch nicht. Später am Abend hat er mich dann noch gefragt: “Soll ich Geld abheben? Aber auch darauf habe ich ihm nicht geantwortet. Es war doch offensichtlich, daß, wenn kein Geld mehr da war, welches besorgt werden mußte. Und siehe da, als ich heute Mittag nach unten in die Küche kam, lagen dort siebenhundertfünfzig Mark unter meiner Notizrolle. Na also, dachte ich zufrieden, es ja geht doch.
Vielleicht erscheint das alles herzlos, aber mein Frust braucht dieses Ventil. Auf mein Person und meine Gefühle wird seit so langer Zeit keine Rücksicht mehr genommen, daß ich das jetzt einfach tun muß. Mir wird im Moment schon schlecht, wenn ich nur daran denke, Dinge zu tun, weil man sie von mir erwartet. Ein jeder in meiner Familie scheint zu glauben, das ich meine alleinige Befriedigung aus den Arbeiten im Haus und Garten und die Schufterei für meine Familie ziehen muß. Aber das ist nicht so. Wäre ich ein einigermaßen dummer Mensch, mit niedrigem geistigem Niveau, ja dann wäre sicher alles in Ordnung. Aber mein Geist arbeitet seit jeher auf vollen Touren und ich lasse mir diese Behandlung nicht mehr länger gefallen.
In der nächste Zeit arbeite auch ich nur noch ausschließlich nach dem Lustprinzip. Viel zu oft mußte ich von ihnen schon hören “Dazu habe ich keine Lust” und niemand fragte sich, ob ich all die Arbeit, die ich mache, mit Lust tue. An dieser Stelle könnte man natürlich einwenden, daß mein Mann schließlich das Geld verdienen würde und ich deshalb mit dem, was mir geboten wurde zufrieden sein müßte, was ja auch bis zu einem gewissen Grad richtig war. Andererseits gab ich dafür meine Arbeitskraft. Und allein deswegen, daß er Frau und Kinder hatte, bekam er ja auch mehr ausbezahlt, als wenn er allein gelebt hätte. Und wenn er all die Arbeit, die ich tat, von Profis hätte erledigen lassen, hätte sein ganzes Gehalt nicht ausgereicht, das zu bezahlen. Aber so ist es in vielen Ehen. Die Arbeit einer Hausfrau scheint kostenlos zu sein, so als hätte sie keinen Anspruch auf die Bezahlung auf die von ihr geleistete Arbeit. In dieser Sache aber war Josef anders, als viele andere Männer. Es war einer seiner Pluspunkte. Und es war ein wichtiger Pluspunkt. Ich hatte deswegen keine Komplexe, auch wenn mir Schwiegermutter die schon mal einreden wollte, in dem sie spitz fragte: “Wer verdient denn das Geld”, wenn ich mich in ihrem Beisein, Josef bei einer Meinungsverschiedenheit widersetzte, so als wäre das ein Grund unterwürfig zu sein. Aber ich konnte nie unterwürfig sein. Nachgebend, ja. Nicht nachtragend, auch. Aber nicht unterwürfig, das hatte ich noch nie gekonnt. Mußte ich es sein, was in meiner Kindheit oder später im Berufsleben mal vorkam, war ich zutiefst unglücklich und wehrte mich dagegen. Aber mit dem Verdienen des Familienunterhaltes, das Josef allerdings zu meiner großen Bewunderung immer toll hinkriegt, scheinen seine Pflichten auch schon erfüllt zu sein.
Wenn ich so über ihn nachdenke, beschleicht mich oft das Gefühl, daß er nur geheiratet hat, um seiner Mutter zu entkommen. Das er dafür die Frau nahm, in die er sich verliebte hatte, war nur eine günstige Zugabe. Und wenn er sich an mich klammerte in den Krisen unserer Ehe, dann scheinbar nur weil er befürchten mußte, zu ihr zurückkehren zu müssen, ginge unser Verhältnis in Brüche. Im Grunde ist er ein Einzelgänger. Oft lebte er innerhalb der Familie wie ein Junggeselle und traf Entscheidungen wie einer. Außer seiner Arbeit im Büro, machte er kam etwas freiwillig für den Haushalt; was sich jetzt jedoch langsam ändert, da er Angst haben muß, ich könnte ihn verlasse.
Am Anfang unserer Ehe hatte ich von ihm erwartete, daß er sich in Punkto der schriftlichen Angelegenheiten einsetzte, die für gewöhnlich im Haushalt anfallen, da ich bereitwillig alle übrigen Arbeiten erledigte. Das wäre sein Betrag zum gemeinsamen Haushalt gewesen. Wie zum Beispiel Rechnungen bezahlen, Versicherungen abschließen und überprüfen; was halt so in diesen Bereich fiel. Ich hatte ihn gebeten das zu übernehmen und er war damit einverstanden. Aber, nach dem er, vor allem Rechnungen, und Versicherungspolicen nie rechtzeitig bezahlte und uns infolgedessen immer wieder Mahnungen ins Haus flatterten, übernahm ich es selbst. Das Risiko einzugehen, das eine Versicherung im Versicherungsfall nicht bezahlen würde, nur weil die Prämie nicht rechtzeitig bezahlt worden war, war mir zu hoch. Ich fühlte mich, im Gegensatz zu ihm, dafür verantwortlich und er gab diese Pflicht erleichtert ab. Ab da erledigte ich das auch noch. Und es wäre auch soweit ganz in Ordnung gewesen, hätte mich sein nachlässiges Verhalten nicht manchmal furchtbar genervt und gestreßt.
Zwei Begebenheiten in dieser Sache sind mir noch gut in Erinnerung. Es ging um Mahnungen von Rechnungen, die ich von ihm nicht bekommen hatte, sie folglich auch nicht bezahlen konnte. Also fragte ich ihn: “Hast du die Rechnungen irgendwo? Ich kann sie nicht finden. Und sie haben wieder eine Mahnung geschickt.” Und er geantwortet hatte: “Nein, die mußt du haben!”
Zwei Tage lang suchte ich daraufhin noch einmal und dieses mal fieberhaft nach den Rechnungen, konnte sie aber nirgendwo finden. Verzweifelt sagte ich dann zu ihm: “Du mußt sie doch haben, schau einmal in deinen Unterlagen nach.” Da erst machte er sich die Mühe nachzusehen und fand sie. Sie lagen in seiner Aktentasche, zwischen den Seiten einer Zeitung, trug sie seit Tagen mit sich herum und hatte sich nicht bemüht dort gründlich nachzuschauen. Solche Dinge machten mich dann wütend. War meine Zeit so wenig wert, daß man sie so verschwenden konnte? Allen Anschein nach schon.
Ein anders Mal saß ich gerade am Frühstücktisch bei meiner zweiten Tasse Kaffee, als er mir das Duplikat einer Arztrechnung vors Gesicht hielt. ” Du mußt sie schnellstens bezahlen,” sagte er zu mir. Das ärgerte mich. “Er” konnte sich immer darauf verlassen, daß “Ich” sie rechtzeitig bezahlte. Was also sollte das. “Also weißt du,” sage ich darauf leicht verärgert, “das ist wirklich nicht nötig, daß du mich darauf hinweist. Hast du auf einmal kein Vertrauen mehr zu mir? ” Und er erwiderte: “Es ist eine ältere Rechnung. Sie ist vom 09.08. Also kümmere dich darum.” Zufälligerweise hatte ich mir kurz vorher die Rechnung auch angesehen und das Datum als den 09.09… erkannt, als noch Zeit, sie rechtzeitig zu begleichen, was ich ihm sagte. Aber er glaubte es mir nicht und brachte das auch zum Ausdruck. Wie so oft, wenn er meinte, ich könnte ihm nicht beweisen, daß er Unrecht hatte, blieb er bei seiner Meinung. Dieses Mal jedoch konnte ich ihm das Gegenteil beweisen und mit geheimer Freude nahm ich ihm die Rechnung ab, drehte sie herum und deutet auf das Datum. Da konnte er es selber lesen. Ich gebe zu, daß er dann einsichtig war und mich damit besänftigte. Darum wurde er dann auch mit einem Kuß ins Büro entlassen. Aber diese seine Art, sich häufig schlecht zu informieren, macht mich krank. Hätte er vorher die Rechnung genau angesehen, hätten wir uns diese Diskussion ersparen können.
Und das ist eines von den Dingen mit denen er mich rasend machen kann. Es war der Gegensatz zu meiner Korrektheit und seiner Nachlässigkeit. Wie oft hatten wir Streit, nur weil er sich nicht genügend informiert oder interessiert hatte. Es gäbe Dutzende von Bespielen. Von Zeit zu Zeit, wenn ich Muße fand, über mein Leben mit ihm nachzudenken und mir all das, was mich an ihm störte, durch hatte, fragte ich mich, was mir die Ehe mit ihm eigentlich an guten Dingen gab.
Zuerst einmal hatte er mich davon befreit weiter einen Beruf ausüben zu müssen, was ich immer ungern getan hatte. Dann ließ er mir meistens die frei Entscheidung, wenn etwas erledigt werden mußte. (Zum Glück hatten wir in Einrichtungsfragen den gleichen Geschmack). Er hielt sich weitgehend aus der Erziehung der Kinder heraus, auch wenn es ihm schwer fiel. (Darum hatte ich ihn gebeten, als ich merkte, daß seine Erziehung nur darauf hinaus lief, daß er seine Ruhe hatte und das ich als sinnvolle Erziehung nicht akzeptieren konnte). Dann war ein Partner, der mich meistens so nahm, wie ich war und nicht an mir herumnörgelte. (In störte nicht mal, wenn ich aus Nervosität in der Nase bohrte, was eines meiner wenigen Unarten ist). Er kontrollierte auch nie, was ich mit seinem Geld machte. Er hatte immer volles Vertrauen zu dem, wie ich es einteilte. Er schränkte sich ohne Murren ein, wenn es nicht anders ging und ich es ihm klar gemacht hatte. Und er ertrug mit sehr viel Geduld meine schlechte Verfassung, die ich oft hatte, wenn er und seine Mutter mich wieder einmal so weit gebracht hatten. Verlor ich dann die Nerven und entlud meine ganzen Frust über ihn, nahm er es mit eingezogenen Kopf hin, hütete sich davor, mich noch weiter zu reizen und sorgte so dafür, das ich mich erleichtern konnte. Und er war immer dazu bereit, mit mir zu reden, wenn ich nicht mehr weiter wußte wegen ihm und der Kinder. Allein, daß er mir geduldig zuhörte, machte vieles wett, was mich ansonsten an ihm störte. Und er war geradezu ein guter Gesellschafter. Er besaß ein großes Wissen und war an vielem interessiert. Man konnte vieles von ihm Lernen und über fast alles mit ihm reden. Das waren seine guten Seiten.
Wie leicht wäre das Leben für mich gewesen, wären da nicht seine anderen Seiten, Seiten die erst im Lauf der Ehe auftraten und mit denen ich nicht gerechnet hatte. Eine davon war jene, daß er sich nicht für zuständig hielt, wenn es um die Renovierungen der verschiedenen Wohnung ging, die wir im Lauf unserer Ehe bezogen. Was nicht ganz stimmt, denn bei den ersten zwei half er noch mit. Da hatte wir auch die Kinder noch nicht und er hatte Spaß daran, unser Nest mit einzurichten. Nur hatten wir damals den Ärger mit seiner Mutter am Hals, weil sie sich laufend einmischte. Aber bereits bei unserem nächsten Umzug, ließ er mich vieles selber machen. Half er doch einmal, kam es häufig zum Streit zwischen uns, weil er begann sich zu drücken. Half er doch, tat er es voller Unlust und oft so ungeschickt, daß er mich damit ärgerte. Und als wir vor fünfzehn Jahren als Mieter in das Haus einzogen, in dem wir jetzt wohnen, kümmerte er sich um gar nichts mehr. Irgendwie verstand ich ihn zwar, denn es war für ihn auch immer schwerer geworden.
Da war seine Mutter, die ihn weiterhin nicht zur Ruhe kommen ließ. Im Beruf versuchte man ihn immer wieder zu übervorteilen. Zwei Kinder waren inzwischen auf die Welt gekommen, wuchsen her an und nahmen einen Teil seiner freien Zeit in Anspruch. Und da war ich, die es ihn von Zeit zu Zeit spüren ließ, wenn mir wieder einmal alles stank. So viel Streß war er nicht gewohnt. Und so viele Entscheidungen zu treffen, die man von ihm erwartete, auch nicht.
Seine Mutter hatte ihm vor unserer Ehe die meisten Entscheidungen abgenommen, hatte es verstanden, ihn keine Entscheidungen treffen zu lassen, wie hätte er sie nun plötzlich entscheiden können. In gewisser Hinsicht war es aber auch meine Schuld, weil ich ihn am Beginn unser Ehe in so vielem entlastete, da er mein ganzes Mitgefühl wegen seiner Mutter hatte.
Heute weiß ich, daß ich ihn, zum Teil wenigstens, vor ihr beschützt und unangenehmes von ihm ferngehalten hatte, was seiner weiteren Entwicklung auch nicht gerade bekommen war. Das auszubügeln bin ich gerade dabei. In seinen beruflichen Entscheidungen war er kompetent, da gab es nichts. Auch wenn seine frühere, manchmal fast zu angepaßte Art, ihn daran hinderte sich durch zu setzten, wo es darauf an kam. (Aber das hat er aber mit meiner Hilfe inzwischen gelernt).
Das Haus jedenfalls, in das wir einzogen, war schlimm herunter gewohnt und es mußte vieles gemacht werden. Zwar hatten wir keine hohe Miete zu bezahlen, dafür aber viel Arbeit und Material hineinstecken. Doch anstatt mir dabei in seiner freien Zeit zu helfen, mußte mein Mann in den folgenden Wochen und Monaten, immer ganz dringend an den Wochenenden einem Freund auf der Jagt helfen. Und während er sich nach einem acht Stunden Tag im Büro zu Hause ausruhte, schuftete ich von sieben Uhr morgens bis meistens um elf Uhr nachts im dem Haus. Wußte ich doch, wie sehr er eine schöne Wohnung schätzte. Begehrte ich auf, verstand er es mich zu beschwichtigen, oder er entzog sich mir einfach. Und half er doch einmal, weil es Arbeit gab, die ich nicht allein bewältigen konnte, machte er es so wie in dem folgenden Beispiel.
Ich hatte die Küchendecke gestrichen. Nach dem Trocknen der Farbe verwarf sie sich und blätterte ab, da der Untergrund zum Überstreichen sich als ungeeignet entpuppte. Um nun nicht erst alle Farbe und Farbreste abkratzen zu müssen, was mir zu mühselig erschien, beschloß ich sie mit einer Raufasertapete zu tapezieren. Da eine Zimmerdecke allein zu tapezieren fast unmöglich ist, bat ich Josef mir wenigsten dabei zu helfen und er sagte zu. Folglich richtete ich alles dafür her, kürzte die Tapeten auf die richtige Länge und kleisterte sie ein. Ich nahm dann den vorderen Teil der Tapete, Josef den mittleren Teil, während der Hintere von seinen Armen nach unten fiel. Ich stieg auf die Leiter und fing in der hintersten Ecke der Decke an. Die erste Bahn ließ sich ja noch ganz gut dran kleben, da ich als natürlichen Abschluß die Wand hatte und nicht so genau arbeiten mußte. Wenn gleich es anstrengend war, die Bahn gegen die Decke fest zu drücken. Mit einen Stoff umwickelten Besen half ich damit nach. Die zweite Bahn wurde vorbereitet und wieder stieg ich auf die Leiter. Jetzt kam es darauf an, sie genau an die andere anzupassen. Und es kam darauf an, daß Josef sie so hielt, daß er sie mir nicht schief hielt oder zu straff. Doch anstatt sich darauf zu konzentrieren, sah er immer wieder an der Bahn vorbei zu mir hoch, um zu sehen, ob ich es auch richtig machte. Dabei verschob sich immer wieder die Bahn und ich brauchte lange sie hinzukleben. Zuerst war ich ja noch geduldig mit ihm und erklärte ihm genau, wie er es zu machen hatte, damit es schnell und nicht zu anstrengend für mich gemacht werden sollte. Dazu nickte er einsichtig und wir machten weiter. Aber auch bei der nächsten Bahn, änderte er sein Verhalten nicht. Dadurch, daß er die Bahn nicht gerade hielt, hatte ich die größte Mühe, sie gerade an die nächste anzuschließen und meine Arme erlahmten mir. Und ich wurde böse auf ihn. “Hör schon auf, immer mir zu zusehen, ob ich es richtig mache,” fuhr ich ihn an, “jetzt sieh doch mal zu, daß du sie gerade hältst, und gib auch entsprechend nach.” Worauf er antwortet: “Das mach’ ich doch.” Aber er machte es doch nicht. Immer wieder, jetzt allerdings, wenn er glaubte ich würde es nicht sehen, lugte er von der Tapete hervor und verzog sie mir. Es war zum verzweifeln. Er war ein schlechter Helfer. Schließlich gab ich entnervt auf und sagte ihm, es solle gehen. Wenn ich mich schon so anstrengen mußte mit seiner Hilfe, konnte es nicht schlimmer sein ohne seine Hilfe. Für einen Augenblick hat er gezögert, ist aber dann gegangen. Er muß wohl gefühlt haben, daß nicht mehr viel fehlte, um mich richtig in Rasche zu bringen. Sobald er fort war brachte ich die Tapeziererei mit den gewagtesten Verrenkungen zu Ende. Sicherlich war die Arbeit so schwerer für ich zu bewältigen, aber wenigstens mußte ich mich nicht auch noch ärgern.
Und so machte er es häufig. Oft stellte er sich so dumm an, daß ich nicht wußte, kann er es nicht oder will er es nicht. Jedenfalls erreichte er damit, daß ich ihn mit solchen Arbeiten immer öfters verschonte.

Dazu muß ich einwerfen, daß es ein Kreuz ist, wenn man viele Talente hat. Dann wird einem mehr zugemutet, als anderen, die sie nicht haben. Und da wir wegen dem Umzug sehr knapp rechnen mußten, und ich die Arbeiten ja konnte, war es sinnvoll, daß ich sie machte. Vielleicht hätte ich mich dümmer anstellen sollen. Andererseits hätte mir das eh niemand geglaubt. Ich war die Tüchtigkeit in Person, ich war die berühmte “Axt im Haus”. Ich war diejenige, die auch in den verfahrendsten Situationen noch Lösungen fand, wenn ich mich darum bemühte.

Während der Renovierungsarbeiten im Haus nahm er mir aber auch nicht die Kinder ab. Wenigsten das hätte mich, wenn er sonst schon nicht helfen konnte, entlastet. So fuhr er an schönen Tagen (der Umzug vollzog sich im August), nach Dienstschluß, alleine an einen See zum Baden. Dazu die Kinder mitzunehmen, wenn sie und ich ihn darum baten, war ihm zu beschwerlich. Und ich ließ ihn auch noch gewähren, ich dumme Kuh, um keinen Streit zu provozieren. Also hatte ich alles am Hals. Die Renovierung, den Haushalt und die Kinder. Als Belohnung für meine Mühe bekam ich nichts, nicht einmal die Entspannung die genußvoller Sex bieten kann. Die Arbeiten an dem Haus zogen sich hin. Der verwilderter Garten, der die Mißgunst unserer neuen Nachbarn, seit Langem auf sich gezogen hatte, denn die Vormieter hatte alles verkommen lassen, mußte auch hergerichtet werden. So arbeitet ich von früh bis spät in die Nacht, von Montag bis Sonntag. Es gab keinen freien Tag für mich. Meistens tat ich es ja mit Freude, denn auch ich wollte ein schönes Haus und einen schönen Garten. Und überdies kam ich bei all der Arbeit nicht dazu viel über meine Situation nachzudenken. Dafür war ich am Ende eines Tages viel zu müde und erschöpft. Mir blieb keine Kraft, mich meinem Mann gegenüber durchzusetzen. Ich war schon froh, wenn er mich in Ruhe ließ. Und hatte er es bisher nicht getan, jetzt fing er plötzlich damit an, meine Arbeit zu kritisieren und mir zu sagen, was und wie ich die Sachen zu machen hätte. Plötzlich entwickelte er einen Dünkel. Mit einem Mal tat er so, als wäre alles nicht so perfekt, wie er wollte, das es sein sollte. Ich kann nur vermuten, daß seine Mutter ihm gegenüber eine abfällige Bemerkung gemacht hatte. Wenn ihr nämlich nicht gefiel, was ich machte, versuchte sie ihn zu beeinflussen, mich zu beeinflussen. Das sagte er mir dann zwar nie, aber an seinem Verhalten konnte ich es merken. Sprach ich ihn daraufhin an, leugnete er es lange Zeit. Er wollte wohl nicht ins Kreuzfeuer genommen werden. Eine Zeitlang versuchte ich damit auch noch klar zu kommen, um es nicht wieder zu einer Auseinandersetzung zwischen uns beiden kommen zu lassen. Dafür war ich inzwischen zu Müde und abgespannt. Ich brauchte den Rest meiner Kraft für die Kinder und deren Erziehung, die schließlich am wenigsten dafür konnten, daß es mir nicht mehr so gut ging. Meine inneren Reserven bauten sich immer schneller ab.

Inzwischen ist Christoph von der Schule heim gekommen. Kaum war er im Haus und, das ist immer das Erste bei ihm, hat zu mir hinauf gerufen: ” Mami!” weil mein Arbeits- und Schlafzimmer unter dem Dach liegt. Ich habe ihm geantwortet und ihm gesagt, er solle sich etwas aus der Gefriertruhe zum Essen holen und es sich warm machen. Das ist mittlerweile kein Problem mehr für ihn, denn dahinein habe ich alle möglichen guten Sachen gekauft, um in der nächsten Zeit vom lästigen Kochen befreit zu sein. Ich wollte mich jetzt vorwiegend meiner Schreiberei widmen können. Und wenn er sich selber etwas kocht, kann er sich auf diese Weise aussuchen was ihm schmeckt. Denn was das Essen anbelangt ist er sehr heikel und wählerisch. Und da ich momentan keine Lust dazu habe, auf die verschiedenen Essenswünsche meiner Familie einzugehen, ihnen aber die Wahl gelassen hatte, sich das, was sie gerne mochten selber zu kochen, war er der Erste gewesen, der es ganz schnell gelernt hatte. Ja, und er kocht auch schon mal für mich mit, wenn ich es von ihm verlange.

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Was jetzt kommt, war mein zweit schlimmster Zusammenbruch in meiner Ehe. Den schlimmsten hatte ich mitgemacht, als ich dachte, Josef würde mir kein zweites Kind machen, so wie wir es vor unser Heirat abgesprochen hatten. Auch hier hatte sich seine Mutter hinter ihn gesteckt, welche ihm eingeredet hatte, daß wir uns ein zweites Kind nicht leisten könnten und außerdem ihr heißgeliebter Enkelsohn, dann zu kurz kommen konnte und mich damit fast in den Selbstmord trieb. Doch das war inzwischen überstanden.
Jedenfalls plante ich, so um meinen vierzigsten Geburtstag herum, für unsere Terrasse, die sehr sonnig wegen ihrer südlichen Lage war, eine Überdachung samt Pergola. Das erschien mir sinnvoll, weil wir dann die Terrasse besser nutzen konnten, als ohne. Und Josef war begeistert von meinem Vorhaben.

Das übrige Haus war in den letzten fünf Jahren zwischen soweit von mir in Ordnung gebracht worden, daß es für den Augenblick nichts daran zu tun gab und auch der Garten hatte durch unermüdliches Schaffen Beete für Blumen und Gemüse bekommen. Außerdem hatten Josef und ich, nachdem ich schon einmal damit angefangen hatte, zusammen eine großen Sandkasten für die beiden Buben angelegt. Ich erklärte meinem Mann den Plan wegen der Pergola und auch die fertig durchdachte Ausführung; so wie ich sie mir in allen Einzelheiten vorgestellt hatte. Gewitzt durch seine vorherigen Einmischungen und Kretikeleien, frage ich ihn aber, ob er sich nicht dem Ganzen annehmen wollte. Wenn er es aber nicht wollte, und ich konnte mir nicht vorstellen, wir er es mit seinen zwei linken Händen fertig brächte; in diesem Fall, würde ich mir aber jede seiner Einmischungen bei der Arbeiten verbieten. Er überlegte es sich eine Weile und entschied dann, daß ich es selber machen sollte, wie so vieles vorher. Er wußte, daß ich das schaffen konnte. Bei einem Sägewerk ließ ich mir daraufhin, nach meinen detaillierten Angaben, die verschiedenen Balken zuschneiden und brachte sie nach und nach, auf dem Kofferdach unseres Autos, nach Hause. In einem Werkzeugbedarfsgeschäft holte ich, was ich an Schrauben und anderem Zubehör benötigte. Dann fing ich zum Basteln an. Ich wußte ganz genau, wie ich es zu machen wollte. Ich war deswegen in keiner Weise unsicher oder nervös. Doch kaum war mein lieber Mann, der jeden Tag um vier Uhr seinen Dienst beendete, zu Hause, setzte er sich zu mir und sah mir bei der Arbeit zu. Das konnte nicht lange gut gehen. Bald schon konnte er sich nicht mehr beherrschen mir nur zu zusehen. Sobald er merkte, daß ich mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, denn ich bin ja auch nicht unfehlbar und so eine Arbeit machte ich zum ersten Mal, begann er mir wieder ungefragt seine Verbesserungsvorschlägen aufzudrängen. Aber ich verhielt mich störrisch. Er hatte ja keine Ahnung, wie ich es machen wollte und wie ich es geplant hatte; denn vorher hatte er von der praktischen Seite der Ausführung auch nicht wissen wollen und nun wollte ich ihn nicht mehr einweihen. Ich verbat mir seine Einmischungen. Mitarbeiten wollte er nicht, überließ lieber mir die schwere Arbeit und hätte sie alleine nicht einmal gekonnt, da konnte er sich jetzt auch seine Ratschläge sonst wo hinstecken. Doch er gab keine Ruhe. Immer wieder bedrängte er mich. Immer wieder versuchte er mich zu beeinflussen mit Worten wie ” macht dies, tu jenes”, so daß ich merkte, er hatte nur Angst davor, daß die Arbeit nicht schön genug würde, daß sie vor den Nachbarn und in den Augen seiner Mutter keine Billigung finden würde. Als er schließlich auch noch in die Arbeiten eingriff, war ich so entnervt, so verärgert und so gekränkt deswegen, daß ich einen Nervenzusammenbruch bekam. Das letzte Tüpfelchen setzte er drauf, auf der Heimfahrt von einem Baucenter, in dem wir uns gemeinsam die zukünftige Überdachung angesehen hatte. Inzwischen war er jetzt so begeistert, weil die Pergola toll geworden war, besser als er es sich hatte vorstellen können. Deswegen hatte er mich auch überredet, mit kommen zu dürfen, wenn ich das entschied (er hatte wohl Befürchtungen ich könnte doch noch etwas vermasseln), versprach aber, sich zurück zuhalten. Das was ich mir jedoch vorgestellt hatte, war in dem Center nicht zu bekommen. Nichts davon entsprach nicht meinem Geschmack. Ich suchte nach etwas Bestimmten, etwas leichtem und grazilem, etwas, das man gut ohne Hilfe selbst befestigen konnte. Und ich wußte auch, wo ich das bekommen würde. Josef hingegen hatte ein bestimmtes Material im dem Center gefallen und versuchte mich nun auf dem Heimweg zu überreden dieses zu kaufen. Aber ich wollte nicht. Hatte ich bisher alles alleine geschafft, wollte ich dieses Mal auch noch die letzte Entscheidung selber treffen. Es war mein Plan, es war meine Arbeit. Ich flehte ihn an, aufzuhören, mir zu zureden, aber er konnte es nicht. Er hatte so oft miterlebt, daß man mich nur lange genug bearbeiten mußte, um mich zum Nachgeben zu bringen. Dieses Mal aber wollte ich nicht nachgeben. Meine Hände fingen zu zittern an und mir wurde übel in seiner Gegenwart.
Wir waren noch ziemlich weit von unserem Haus entfernt, aber ich sagte mit letzter beherrschter Kraft zu ihm: “Halt sofort an! Laß mich sofort aussteigen. Ich kann nicht mehr!” Da sah er mich von der Seite her an, fuhr aber weiter. Da schrie ich: “Halt an! Halt an!” Das konnte er nun schlecht ignorieren, also fuhr er auf die Seite und bremste. Ich stieg aus. Ohne ihm einen weiteren Blick zu gönnen, ging ich die Straße hinunter. Und ich gönnte ihm keinen Blick, als er schließlich doch an mir vorbei fuhr. Ich fühlte mich wie starr, wie taub. Ich ging einfach weiter und alles in mir war leer. Dann kam ich an einem Hotel vorbei und ging hinein. Ich ging hindurch bis zum Hotelgarten, der leer war und setzte mich an einen Tisch. Vom Ober ließ ich mir einen Drink und Zigaretten bringen. So trank ich dann, rauchte eine Zigarette nach der anderen und starrte vor mich hin. Und irgendwann dazwischen kamen meine Tränen.
Lange saß ich dort und weinte hilflos vor mich hin. Der Ober kam ab und zu und sah mein Elend. Weder versuchte er mich nach dem Grund meines Weinens zu fragen, noch verscheuchte er mich; was mich wunderte, denn ich saß in einem vornehmen Hotelgarten. In der Zwischenzeit hatten sich fünf Herren an einen Nachbartisch gesetzt, die mich von Zeit zu Zeit betreten anschauten. Aber auch sie ließen mich in Ruhe weinen. Ich muß so viel Verzweiflung ausgestrahlt haben, daß niemand es wagte, meinen Kummer zu unterbrechen. Und daß ich nicht irgend ein Flittchen war, konnten sie wohl auch erkennen, ansonsten wären sie nicht so Rücksichtsvoll gewesen.
Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich saß da so drei bis vier Stunden. Ich merkte gar nicht, wie die Zeit verging, war nur in meinem Kummer verfangen. Aber irgendwann mußte ich aufstehen und gehen. Die Frage war nur wo hin? Ich wollte nicht mehr nach Hause, aber es gab keine Alternative für mich. Und ich wollte nicht andere mit mir und meinem Kummer belasten. Zu guter Letzt bat ich den Ober mir ein Taxi zu bestellen, was er auch gerne tat und fuhr doch Heim.
Zuhause angekommen, rief ich gleich einmal meinen Arzt an, der wiederum bei der nächsten Apotheke anrufen sollte, damit ich mir Valium besorgen könnte. Ich sah keinen anderen Auswege mehr, denn der Anblick meines Mannes, gab mir das Gefühl, als könnte ich jeden Moment Amok laufen. Als müßte ich mich aus mir heraus stülpen, oder alles in meiner Nähe zerstören. Nur ein winzig kleiner Rest meiner Selbstachtung, verhinderte das und ließ mich zu dem Hilfsmittel Valium greifen. Immer noch zitterte ich am ganzen Körper, fuhr jedoch selber, es zu holen. Ich wollte keinen Gefallen mehr von meinem Mann und war er auch noch so gering. Ich konnte ihn nicht mehr ertragen. Ich konnte seine Anwesenheit nicht mehr ertragen. Mir wurde schlecht, wenn er in meiner Nähe war. Und es war mir scheißegal, wie er sich fühlte wegen mir. Nachdem die Wirkung der Tablette einsetzte ging es mir einiger Maßen besser. Aber ich kapselte mich ab von meiner Familie. Ließ die Wirkung der Tabletten nach, weinte ich wiederholt über Stunden hysterisch und wollte Josef nicht mehr sehen. Da merkte er wohl zum ersten Mal, daß er den Bogen reichlich überspannt hatte und er ängstigte sich um mich.
Ja doch, er liebte mich und versuchte mir das krampfhaft klar zu machen. Er hatte das nicht gewollt. Hatte nicht gewollt, was mit mir geschah. Blind hatte er alle Warnzeichen, die ich ihm ausgesandt hatte, übersehen. Er hatte sie übersehen, weil es für ihn unbequem gewesen wäre, weil es Konsequenzen für ihn bedeutet hätte, die er nicht bereit war auf sich zu nehmen. Und weil er es gewöhnt war, daß ich mich früher oder später zusammen nahm, nachdem er mich in Rage gebracht hatte. Er mußte sich dann eine Zeitlang still halten. Für ihn gab es lange keinen Grund, sich zu ändern, sich mir gegen über sich anderes zu verhalten. Ich hatte erdulden von Schwierigkeiten in der Kindheit gelernt und diese Geduld lange in der Ehe geübt. Das es nun nicht mehr so weiter ging, muß ihn erschreckt haben. Das bedeutet für ihn, das Ende seiner im Großen und Ganzen gelebten Gedankenlosigkeit. Das bedeutete für ihn, daß er sich jetzt auch einmal einsetzten mußte, wollte er mich nicht verlieren. Und die Anzeichen sprachen dafür. Meine Erschöpfung und Duldsamkeit hatten einen Punkt erreicht, wo sie nicht mehr weiter belastet werden konnte. Ich war so erschöpft von all der jahrelangen Arbeit, in denen ich häufig genug Arbeiten gemacht hatte, die ein kräftiger Mann hätte erledigen sollen. Ich war erschöpft von der Verantwortung für alles und jeden, um dann immer noch sein belehrendes Gerede, ohne das er selber mit anpackte, und das so überflüssig war, weil wenn er nicht weiter wußte, kam er ja doch immer zu mir, nicht mehr ertragen. Ich war restlos fertig und brauchte zu all dem Abstand. Seit langem einmal wieder nahm ich ein Psychopharmaka, denn mein Nervenkostüm war am flattern.

Wenn ich ihn heute hin und wieder einmal an diese Zeit erinnere, ist es ihm sehr peinlich. Peinlich, und er schämt sich auch deswegen. Dabei war er ein Opfer seiner Erziehung, denn es gibt nichts Bösartiges an ihm. Er war ein Opfer, so wie ich ein Opfer meiner Erziehung war, auch wenn ich wegen meiner vielen Geschwister nicht so viel Erziehung bekommen hatte, wie er. Und seine Mutter, die uns so lange das Leben schwer gemacht hatte, war wiederum ein Opfer ihrer Erziehung. Und wenn meine Kinder heute nicht so sind, wie ich es mir manchmal wünsche, so sind sie das Opfer meiner Erziehung und den Umständen, wie sie zwischen meinem Mann, seiner Mutter und mir aufzuwachsen gezwungen waren. Aber das war nicht meine Schuld, denn wir sind gezwungen mit Menschen zusammen zu leben, auch wenn wir es nicht wollen. Daran kann sich auch nichts ändern.

In den darauf folgenden Tagen, als ich wieder ruhiger wurde, überlegte ich, unter welchen Bedingungen ich in Zukunft weiter mit meinem Mann zusammen leben würden könnte, denn er flehte mich an, ihn nicht zu verlassen. Vor allem versuchte ich wieder einmal die Gründe für sein Verhalten heraus zu finden, da meine Überzeugung war, daß er mir das, was er mir antat, nicht antat, um mich zu verletzen. Und letztendlich wollte ich mich auch nicht von ihm trennen. Dieser Schritt hätte so viele einschneidende Veränderungen in meinem Leben bedeutet, zu denen ich keine Kraft mehr hatte. Ich hätte damals keinen Beruf ergreifen können, so fertig wie ich war, und das wäre wäre die folgerichtige Konsequenz einer Scheidung gewesen. Und ich geben zu: nachdem ich so viel Jahre ausgehalten hatte, wollte ich die Früchte dieser Jahre, die es auch gab, nicht verlieren.
Nach dem ich gründlich alles durchdacht hatte, kam ich zu dem Ergebnis, daß es ja nur wenig Anstrengungen von Seiten meines Mannes bedurfte, um die Situation zu entspannen. Er mußte nur endlich einmal begreifen, daß auch er Pflichten hatte, so wie ich, und daß er es lernen müßte sie zu erfüllen. So wie bisher ging es auf keinen Fall mehr weiter. Meine Erkenntnis ging soweit, daß ich erkannte, daß er ja im Grunde genommen überhaupt keine Ahnung haben konnte, was ich alles zu leisten hatten. Genau so wenig übrigens wie ich Ahnung hatte, was er in seinem Job leistete. Für mich machte er seinen Job und das war’s dann auch schon für ihn. Wie leicht konnte er herummeckern, wenn ich beim Einkaufen einmal vergessen hatte, etwas bestimmtes zu besorgen. Denn, wie kann man nur Brot oder Milch oder Klopapier vergessen einzukaufen, wenn das doch nur Kleinigkeiten sind. Dabei ist das ganz einfach, hin und wieder solche Dinge zu vergessen. Einer der Familienmitglieder brauchte nur den jeweils letzte Teil einer Sache verwendet haben, ohne das ich es merkte. Und wenn sie es dann nicht auf meinen Einkaufszettel geschrieben hatten, der immer auf der Küchenablage liegt, und um das ich sie schon so viele Male gebeten hatte, schon “vergaß” ich es zu besorgen. Und all das andere. Wer von meinen Männern machte sich je Gedanken darüber, wie all die schmutzige Wäsche wieder sauber und gebügelt in den Schränken landete. Oder wann ich Zeit fand den Garten so zu verwandeln, daß er von allen bewundert wurde, auch von meiner Schwiegermutter. Oder wie es war, wenn ich ihren, oftmals unnötig gemachten Schmutz entfernte. Oder wie ich es schaffte, bei geringem Einkommen, immer etwas Gutes zum Essen auf den Tisch zu stellen. Und neben bei Nähte und strickte ich für meine Männer lange Jahre, um auch somit den Geldbeutel zu entlasten. Dabei war es lächerlich, wie sie sich zierten, wenn ich von ihnen verlangte, sie sollten einmal selber zum Scheuerlappen greifen. Und sie keiner von ihnen hatte Fähigkeiten wie ich sie besaß. Keiner konnte z.B. eine neue Klorolle in den dafür vorgesehenen Halter einlegen. Und keiner von ihnen konnte, wenn sie ins Klo geschissen hatte, die braunen Flecken, die nach dem Spülen übrigblieben, mit der Bürste nachzuputzen.
Das erscheinen Kleinigkeiten zu sein. Aber wenn man täglich zwei bis drei Mal hinter ihnen her putzte, war es keine Kleinigkeit mehr. Und wenn ich auch sonst großzügig bin, so ekelt es mich doch, wenn die Toilette nicht blitzblank ist.
Dabei fällt mir ein, das ich meinen “Männer” einmal eine Liste mit Dingen aufschreiben ließ, die ich zu tun habe und eine, was sie tun. Auslöser dafür war mein älterer Sohn. Es ergab sich im März 1993, als ich den anstrengenden Computerkurs besuchte. Meine Männer haben die Angewohnheit, daß, wenn sie mich am Morgen erwischen, auf mich einreden und unbedingt loslassen wollen, was sie den Nachmittag oder Abend vorher nicht anbringen konnten, weil sie zu sehr mit anderen Sachen (vor allem mit dem verdammten Fernsehen) beschäftigt waren. Da ich zu der Zeit immer besonders früh aufstand, um vor der Fahrt in den Unterricht, der täglich vier Stunden dauerte, noch wichtige Sachen zu erledigen. Das allein wäre ja noch nicht so anstrengend gewesen, aber ich mußte meine Gedanken auf Dinge richten, die für den reibungslosen Ablauf des Tages wichtig waren. Und da ich so mehr noch als sonst eingespannt war, konnte ich mich nicht, wie im gewohnter Art und Weise um meinen Nachwuchs kümmern.
Mein Mann und der Kleinere begriffen sehr schnell, daß sie mich in der Zeit in Ruhe zu lassen hatten, nur Florian nicht. Er redete auf mich ein und irritierte und lenkte mich so mit seinen Reden von meiner Arbeit ab, auch war es mir häufig mühsam seinen Reden zu folgen, weil ich den Kopf voll hatte mich anderen Dingen, daß ich mir sein morgendliches Geplappere verbat. In dem Glauben, daß er mit seinen achtzehn Jahren nicht mehr so auf mich angewiesen sein mußte und auch, daß er einmal zurückstecken sollte, wenn ich nicht auf ihn einging. Daraufhin reagierte er mit Unverständnis und zog eine beleidigte Miene. In solchen Situationen verzieht er seinen Mund zu einen kleinen runden Loch und sein Gesicht bekommt einen dummen lehren Ausdruck, als könne er nicht bis zehn zählen. Als sich diese Szene wiederholte und ich ihm klipp und klar erklärte, das ich in den vier Monaten des Kurse nicht von ihnen gefordert werden wollte, sagte er ohne jedes Verständnis zu mir: “Das verstehe ich nicht.” Aber ich verstand. Ich hatte ihn bis zu einem Grad verzogen, daß er meine Wünsche und Bedürfnisse nicht anerkannten. Aber ich war für die nächste Zeit genug gefordert mit dem Kurs und dem Haushalt. Und er war in einem Alter, wo er nicht mehr an meinem Schürzenband hängen mußte. Ich versuchte nochmals ihm in Ruhe meine Situation zu erklären, aber er sagte darauf hin noch einmal: “Das verstehe ich nicht.” Da wurde ich zornig und konnte nicht mehr an mich halten. Ich griff erregt in seinen Haarschopf und zog unsanft daran und rief: “Es ist mir egal, ob du das verstehst, es reicht, wenn du es akzeptierst.” Er war sehr erschrocken von meiner heftigen Reaktion, denn mit körperlicher Züchtigung gehe ich äußerst sparsam um. Aber ich hatte keine Lust, mich weiter mit ihm zu beschäftigen, zu vieles wartete auf mich. Und das Leben ist auch nicht immer gerecht. Ich erwartete von ihm, daß er das schluckte, ob er es nun verstand oder nicht. Trotzdem schämte ich mich später den Tag über dafür. Was gab ich für eine schlechte Vorbildfunktion ab, wenn ich mich so gehen ließ? Und meine Scham ließ mich darüber nachdenken, wie ich ihm doch noch klar machen könnte, was mich zu dem Zeitpunkt beschäftigte. Und da kam mir die Idee mit dem Aufschreiben all meiner und ihrer Pflichten. Das, so hoffte ich, würde ihm, aber auch den anderen Beiden einen besseren Eindruck geben von meinen Aufgabenbereich. Noch am selben Abend holte ich sie zusammen und sagte ihnen, was ich von ihnen erwartete. Ohne zu zögern taten sie es. Als die Listen geschrieben worden waren und verglichen wurden, gab es dazu keinen weiteren Kommentar. Die Listen sprachen für sich selber. Meine verschiedensten Pflichten und Arbeiten nahmen eineinhalb Seiten ein und ihre eine viertel Seite. Das muß sie zum Grübeln gebracht haben, denn sie ließen mir in der nächsten Zeit etwas mehr Luft für meinen Kurs und meine sonstigen Arbeiten.

Das nur nebenbei, weil es mir wichtig erscheint und ich es sonst vielleicht vergesse aufzuschreiben. Und ich damit zeigen will, daß es bei Problemen andere Weg gibt, als gleich grob zu werden. Obwohl es zugegebener Maßen der beschwerlicher Weg ist. Mit einer schnellen Hand kann man die Kinder zwar zum Schweigen bringen, sie aber nicht erziehen.

Wegen meines Mannes kam ich dann auf die Idee, ihn einmal selbst erfahren zu lassen, was es heißt für vieles selbst sorgen zu müssen. Wenn er mich wirklich immer noch liebte, so wie er es mir beteuerte und nicht wollte, daß ich mich von ihn trennte, mußte ein Weg gefunden werden, der ihn einsichtiger machen sollte für meine Person. Und dann kam ich auf eine ausgefallene Idee. Ich verlangte von ihm, daß er, wenigstens für einige Zeit aus dem gemeinsamen Haus ausziehen sollte, um weitgehend für sich selber zu sorgen. Diese Erfahrung hatte er noch nie in seinem Leben machen müssen. Immer war jemand da, der ihm die lästigen kleinen Dinge des Alltags abgenommen hatte. Vor mir seine Mutter und seit unserer Eheschließung ich. Grundsätzlich hatte er ja keine Ahnung davon, was es heißt einen Haushalt zu führen. Mit wie vielen Kleinigkeiten man sich herum schlagen mußte, die aber trotzdem wichtig waren. Diese Idee schien mir in der momentanen verfahrenen Situation das einzig Richtige zu sein und gab mir neue Hoffnung auf eine Änderung unserer Situation, wenn es klappen würde. Irgendwie schaffte ich es, im diese Idee auch plausibel darzulegen. Ich erklärte ihm, daß davon die weitere Existenz unserer Ehe abhängen würde, und wenn er mich wirklich so liebte, wie er es mir immer wieder beteuerte, würde er es für mich tun. Schweren Herzens stimmte er zu. Er sah ein, daß es so nicht weiter gehen konnte. Was nützte ich ihm und den Kindern, wenn ich am Rande der nervlichen und körperlichen Erschöpfung entlang balancierte. Schlimmer wie es war, konnte es nicht mehr werden. So dachte ich, was natürlich nicht stimmte, denn es gibt immer noch schlimmeres. Es brauchte nur eins der Kinder verletzt werden, oder gar sterben, oder auch er. Das wäre für mich das Schlimmste. Doch solche Gedanken schob ich beiseite. Man soll nichts berufen.
Für die Monate seines Auszugs brauchte zum Glück nichts Großartiges in Gang gesetzt zu werden. Er suchte und fand in unserer Nähe ein nettes Apartment, welches wir uns zusammen anschauten und dann mieteten. Mit einem Teil unserer vorhandenen Möbel richtete sich mein Mann, mit der Hilfe unseres älteren Sohnes, seine neue Unterkunft ein und fand sie anschließend recht gemütlich. Da er sich nun zum ersten Mal in seinem Leben um all die kleinen und größeren Dinge eines Haushaltes selber kümmern mußte und ich ja wußte, was alles dran hing, nahm ich ihm wenigsten das Waschen seiner Kleidung ab. Außerdem hatte ich ihm zugesichert, daß er jederzeit bei uns vorbeischauen könne, wenn er einen wichtigen Grund dafür hätte. Und siehe da, fast jeden Tag fiel im plötzlich Wichtiges ein, das er nun unbedingt erledigen mußte. Reparaturen, die längst fällig waren und um deren Erledigungen ich ihn bereits mehrmals gebeten hatte; die er versprochen hatte, zu erledigen, nur um sie dann zu vergessen und die ich bei der Fülle meiner sonstigen Arbeiten nicht auch noch machen konnte, wurden nun so nach und nach von ihm erledigt. Und es geschah von Zeit zu Zeit, daß er mich an Tagen, an denen man nichts einkaufen konnte, leicht betreten um ein Stück Brot oder Milch oder sonst etwas bat, weil er vergessen hatte es rechtzeitig zu besorgen, es aber brauchte.

Ich ließ mir nicht viel anmerken, wenn er wieder einmal etwas von mir benötigte und gab es ihm. Sehr schnell merkte er, worum es mir mit seinem Auszug ging. Angst davor, das er sich mir entfremden könnte, oder daß er die Situation ausnützen würde und sich eine Freundin zulegen würde, hatte ich eigentlich keine. Sicher, das hört sich überheblich an, doch im Grunde meines Herzen war ich von seiner Liebe zu mir überzeugt, sonst hätte ich ihm das nicht zugemutet. Außerdem war er kein Frauenheld. Alle Männer in seiner Familie waren treue Männer. Von keinem wurde je bekannt, daß er einen Seitensprung gewagt hatte. Obwohl, die meisten Frauen die ihn kenne, mögen ihn gern. Das liegt an der Seite seines Wesens, die er ihnen zweigte und die er hatte. Er war kompetent, aber doch bescheidenen. Seine ruhige Art, gepaart mit Humor, sprach sie an. Und das ich scheinbar die Hosen an haben durfte, machte ihn begehrenswert. Und viele der Frauen, die ihn und mich zu kennen glauben, meinen auch, das ich ihn gar nicht verdient hätte. Aber sie sehen auch nicht, was unter der Oberfläche los war.
Es war schon witzig für mich mit anzusehen, wie sie einige ihn richtiggehend umschwärmten. Da ich nicht eifersüchtig war, machte es mir nichts aus und er ging nie so weit, das ich es werden mußte. Aber sie gaben ihm auch nicht das, was er allen Anschein nach von mir bekam, wenn auch kein Sex, den er mied. Er wollte immer nur mich. Und das war wahrscheinlich zum Teil die treibende Kraft, die mir in all den schweren Jahren half, nicht aufzugeben und bei ihm zu bleiben. Witzig war auch, daß gerade eine bestimmte langjährige Freundin ihn immer mehr umturtelte, wenn wir mit ihr zusammen waren, obgleich sie mich zu Beginn meiner Ehe bedauert hatte, weil er so wenig Sex wollte. Sie hatte im Gegensatz zu mir, einen richtigen Sexprotz geheiratet. Ich glaube sie trieben es in den ersten Monaten jeden Tag. Aber es verändert sich eben alles im Leben. Als das gegenseitige Verlangen bei ihnen nachließ, blieb nur sein mürrischer, lümmelhafter Charakter zurück. Wie gerne hätte sie jetzt mit mir, früher so bedauerten, getauscht. Bei meinem Mann konnte ich sicher sein, daß er den Charakter behielt, mit dem ich ihn kennen gelernt hatte. Die Schwierigkeiten in unserer Ehe, basierten ja eher auf äußere Umstände, und auch auf sein zeitweises überfordert sein. Er mußte sich nur etwas anstrengen, dann kam der wahre Josef zum Vorschein, den ich liebte. Aber bei dem Mann meiner Freundin war das gar nicht vorhanden. Inzwischen betrügt er sie nach Strich und Faden, aber ich glaube nicht, daß sie sich trennen, da sie ein gemeinsames Geschäft besitzen. Vielleicht aber trennen sie sich doch irgendwann. Nichts ist sicher im Leben.
Doch wie ich zu meinem großen Leidwesen in den ersten Monaten unserer Ehe feststellen mußte, konnte ich mir nicht einmal meiner eigenen Gefühlsregungen sicher sein. Eventuell langweile ich damit, wenn ich wieder damit anfange, aber das Thema ist für mich noch nicht erschöpft. Wahrscheinlich deswegen, weil es zu so schlimmen emotionalen Einschnitten in meinem Leben führte. Hatte ich davor gelernt Abscheu vor Sex zu haben, änderte sich das mit der Bekanntschaft von Josef. Seine Zurückhaltung nahm mir Hemmungen und die Ehe mit ihm gaben mir grünes Licht für ein erfülltes Liebesleben, so wie ich es mir vorstelle. Daß er nicht mitziehen wollte, mußte ich dann schnell genug lernen. Das für mich mit am schwersten zu begreifende, wie sich im Lauf der Jahre herausstellte, war sein Nichtbedürfnis nach körperlicher Liebe. Da hatte ich nun einen Mann wie man ihn sich nur wünschen konnte. Einen Mann, der mich wirklich liebte und einen guten, verläßlichen Freund. Einen, der als erster verstand meine schlummernden geschlechtlichen Triebe zu erwecken, nur um festzustellen, daß er sie nicht befriedigen wollte. Er schmuste und küßte zwar immer gern mit mir – auch heut noch – doch immer dann, wenn ich glaubte, es ginge jetzt zur Sache, zog er sich zurück. Manchmal meinte er dann Scherzhaft: “So das muß für heute reichen.”
In den zwei Jahren vor unserer Heirat glaubte ich in seinem Verhalten den Einfluß einer strengen katholischen Mutter zu erkennen, womit ich auch nicht ganz falsch lag. Sie hatte einen sehr starken Einfluß auf ihn und wenn er bei mir in meinem Elternhaus zu besuch war, kam regelmäßig um zehn Uhr abends ihr Kontrollanruf (das ist nicht gelogen und er war bereits über dreißig), daß es nun Zeit für ihn wäre, nach Hause zu kommen. Und er folgte ihr immer. Ja es ging soweit, daß ich ihr sagen mußte, wenn zehn Uhr überschritten war, er befand sich auf dem Heimweg, obwohl er noch neben mir stand. Ich fand das schon seltsam, wußte nicht was da lief. Aber irgendwie war es auch komisch und ich machte mir damals darüber keine weiter Gedanken. Generell waren er und ich einer Zeit aufgewachsen, in der jungen Menschen noch nicht die Freiheiten gestattet wurde, wie sie sie heute besitzen. Jedenfalls dachte ich nicht groß darüber nach. Die Freundschaft war auch noch zu jung, als daß ich mich damit beschäftigen wollte. Es stellte kein Problem für mich dar. Die Gedanken kamen erst später. Und wenn ich doch einmal nachdachte, dann glaubte ich in meiner Naivität ernsthaft, daß sich das mit unserer Heirat ändern würde. Ich war überzeugt, daß wenn er erst einmal dem Einfluß seiner Mutter entzogen war, sich sein zurückhaltendes Wesen in Dingen der Liebe ändern würde. Aber denkste!
Wir heirateten und schon in der Hochzeitnacht hatte ich das unbestimmte Gefühl, daß er nur mit mir schlief, weil es eben die Hochzeitnacht war. Fürs erste drängte ich ihn nicht, denn einen Sexprotz hatte und wollte ich ja sowieso nicht. Doch die Zeit verging und mein Verlangen nach ihm, den ich liebte, wurde immer stärker. Es war so schwer, abends neben ihm im Bett zu liegen und darauf zu warten, daß er die Initiative ergriff. Wie oft sah ich ihn an, ihn der lesend neben mir lag, nur um mein Verlagen nach ihn in mir steigen zu fühlen. Und wie oft entzog er sich mir, wenn ich ihn zur Liebe mit mir ermuntern wollte, mit den fadenscheinigsten Ausreden. Einmal reizte ich ihn solange, weil ich dachte, daß kann doch nicht wahr sein, daß er mich nicht begehrte, daß er schließlich, fast wütend, über mich herfiel und mir gab, was ich von ihm verlangte. Hinterher fühlte ich mich so gedemütigt, daß ich so etwas nie wieder tat. Das war nicht, was ich wollte. Ich wollte erotischen liebevollen Sex. Andererseits, wenn er sich erst einmal bequemte, es mit mir zu machen, war er einfühlsam, streichelte meine Klitoris bis ich zum Orgasmus kam und drang dann erst in mich ein, um seinerseits zum Höhepunkt zu kommen. Aber gerade diese befriedigenden Erlebnisse machten mich hungrig auf mehr. Doch mehr als ein, höchsten zwei Mal im Monat machte er es nicht. Die meiste Zeit jedoch wies er meine, bald nur noch zaghaften Versuche, ihn zu Verführen, ab. Ich denke, daß er oft nicht einmal begriff, wie sehr er mich damit verletzte. Ich wußte nicht, warum er sich so verhielt und machte ihm lange keine Schwierigkeiten deswegen. Immer wieder einmal versuchte ich ihn mit meinen begrenzten Mitteln aus der Reserve zu locken, bis ich mich durch sein Verhalten so gedemütigt fühlte und es weitgehend unterließ. Hatte ich Verlangen nach ihm, und er stillte es nicht, mußte ich gezwungener Maßen zu dem zurückkehren, was ich vor der Ehe gemachte hatte. Ich befriedigte mich wieder selber. Dabei hatte ich so gehofft, das nie wieder tun zu müssen. Aber in der Ehe muß man auf allerlei Überraschungen gefaßt sein, wobei die unangenehmen überwiegen.
Aber auch wenn man allein bleibt und nicht heiratete, hat man genug Unangenehmes am Hals. Die Wahl zwischen beiden fällt den meisten Menschen nicht schwer, gäbe es sonst so viele Ehe.

Als ich dann endlich ein Kind wollte, hatte ich die Sorge, daß es nicht klappen könnte, wenn er so wenig Beischlaf betrieb. Die Zeit blieb ja nicht stehen und ich steuerte auf das siebenundzwanzigste Lebensjahr zu. Josef wußte, wie gerne ich ein Kind wollte. Bereits vor unserer Eheschließung hatten wir ausführlich darüber gesprochen und er war einverstanden gewesen mit wenigsten zwei Kindern. Als aber Monat um Monat verging und ich jedes Mal meine Periode bekam, geriet ich in leichte Panik. Außerdem wurde ich erstmals richtig unglücklich in meiner Ehe. Ich konnte, wenn es denn sein mußte, auf Sex verzichten, auf Kinder wollte ich in keinem Fall verzichten. So ließ ich mich schließlich von einem Frauenarzt untersuchen, der keine Ursache bei mir fand, daß es an mir liegen konnte, weil ich nicht schwanger wurde. Daraufhin war er an der Reihe, sich untersuchen zu lassen, welchem er sich nur zögernd unterzog. Bei ihm wurde dann eine Verminderung der Spermien festgestellt, die gerade noch an der Grenze der Befruchtungsfähigkeit lag. Für eine bessere Chance, der Befruchtung empfahl ihm der Arzt aber eine Hormonbehandlung, welche die Spermienzahl erhöhen sollte. Der Arzt, der uns beiden das Ergebnis mitteilte, sagte am Ende des Gesprächs noch zu mir: “Und junge Frau, drängen sie ihren Mann nicht so häufig, dann kommt es von ganz allein.” Dazu schwiegen mein Mann und ich aus verschiedenen Gründen. Er wohl, weil er dazu nicht zu sagen hatte, ohne zugeben zu müssen, daß er kaum mit mir schlafen wollte und ich, weil ich dazu zu viel zusagen gehabt hätte. Aber ich wollte meinen Mann nicht bloß stellen damit, in dem ich dem Arzt sagte, daß er kaum je mit mir Verkehr hatte, wenn er es nicht selber zugeben wollte. Aber am liebsten hätte ich dem Arzt ins Gesicht gerufen: “Einmal im Monat, halten sie das wirklich für zu viel?”
Man nimmt ja oft aus falschen Motiven heraus Rücksicht. Und dann immer in der Hoffnung, daß man dafür belohnt wird. Aber es ist meistens ein Irrtum. Und daß ich dem Arzt nicht gesagt hatte, wie Josef sich mir gegenüber verhielt, hinterließ bei ihm wohl den falschen Eindruck, es könnte so sein, wie er es angenommen hatte. Andererseits, was kümmerte mich seine Meinung über mich? Er war auch nur ein “Mann”. Daran anschließend konnte ich jedoch damit rechnen, daß um den Eisprung herum, den ich mit Hilfe einer Fieberkurve ermittelte, Josef mich in die Arme nahm und mich mit seinem Schwanz beglückte. Was mich aber eigentlich nicht beglückte, denn ich spürte, er tat es nur aus Pflicht. Allerdings auch, weil er mich nicht so unglücklich sehen konnte, daß muß ich ihm zu Gute halten. Er wollte ein Kind, so wie ich auch. Und wie es das Schicksal wollte, kurz darauf, bevor noch die Behandlung bei meinem Mann erfolgt, wurde ich schwanger. Ich war überglücklich. Wir waren beide überglücklich. Nach dem wir uns bereits dreieinhalb Jahre kannten, und nach eineinhalb Jahren Ehe, war ich endlich schwanger. Ab da kümmerte es mich kaum noch, ob Josef mit mir schlafen wollte oder nicht. Ich war schwanger! Ich war selig und ließ ihn die meiste Zeit mit meinen Forderungen nach Sex in Ruhe. Das Kind das in mir wuchs befriedigte meine Sinne und meinen Körper so, daß ich leichter auf “Das” verzichten konnte. Und ich war Josef so dankbar, daß er sich darum gekümmert hatte, mich schwanger zu machen, und ließ es ihn fühlen. Mein Glück darüber konnte auch nicht dadurch getrübt werden, daß ich in dieser Schwangerschaft insgesamt zwanzig Wochen liegen mußte, um keine Fehlgeburt zu riskieren. Das Kind (Florian) kam gesund auf die Welt und ich war selig wie noch nie in meinem Leben.
Anfangs war Josef etwas eifersüchtig auf ihn, aber ich zeigte ihm, daß er immer an erster Stelle bei mir kommen würde. Ja ich tat sogar so, als würde ich das Kind ihm zuliebe vernachlässigen. Da legte er seine Eifersucht wegen des Kindes wieder ab. Es erscheint sicherlich erstaunlich, daß er überhaupt eifersüchtig war. Aber tatsächlich war er es immer in reichlichem Maß. Männern gegenüber genau so wie Frauen und meiner Familie. Einmal saß er gerade in der Badewanne und ich war dabei ihm die Haare zu wachsen. Er mochte es gern wenn ich es ihm tat und genoß es. Plötzlich klingelte es. Ich wußte es waren meine Eltern. Sie hatten sich angesagt, waren aber früher dran, als abgemacht. Sofort nachdem es geklingelt hatte, trocknete ich meine Hände ab, um ihnen aufzumachen. “Du gehst doch jetzt nicht weg,” sagte Josef, darauf hin zu mir. “Aber natürlich,” erwiderte ich ihm. Und er schmollend: “Was ist dir denn wichtiger, deine Eltern oder ich?” was ja wohl reichlich kindisch von ihm war. “Das steht doch jetzt nicht zur Debatte,” wimmelte ich ihn ab. “Ich kann sie doch deinetwegen nicht vor der Tür stehen lassen.” Sein Verhalten war mir um so unverständlicher, weil er selber sprang, wenn seine Mutter etwas von ihm wollte, und irgendwie verlangte er das auch von mir. “Na gut dann geh schon. Wenn ich mich jetzt erkälte, bis jedenfalls du schuld daran.” Darauf antwortete ich nichts. Wenn er sich in so einer Stimmung befand, blieb man besser stumm. Als er dann meine Eltern begrüßte, konnte man ihm nichts mehr davon anmerken. Er kann sich fabelhaft zusammen nehmen, wenn er will. Und lange Zeit gab er sich nur Blößen vor mir und den Kindern.
Im Grunde genommen weiß ich bis heute nicht so recht, was er in mir sieht und warum er so an mir hängt. Das körperlich war es jedenfalls nie, auch wenn er immer wieder einmal behauptet, daß auch er mich begehrt. Wenn es so war, konnte er es wirklich sehr gut verbergen.

Das erst Jahr nach Florians Geburt verging schnell und weil ich viel Freude mit ihm hatte, wünschte ich mir rasch ein zweites Kind. Doch das war nicht der einzige Grund. Ich wollte nicht, daß er ein Einzelkind blieb. Und ich wollte ihn nicht allein seiner überspannten Großmutter väterlicherseits, aussetzten. Jetzt, nachdem wir das Kind hatten, mischte sich meine Schwiegermutter viel stärker als zuvor ein. Sie hatte kein Vertrauen dazu, daß ich Florian richtig ernähren, pflegen und erziehen könnte. Sie, die bereits ein Kind großgezogen hatte, und das hatte sie, ihrer Meinung nach, großartig gemacht, meinte mit ihren Erfahrungen darin, mich in den Hintergrund drängen zu können. Hatte sie sich sonst schon des öfteren hinter meinen Mann verschanzt, wenn sie bei mir etwas erreichen wollte und war dabei auf Granit bei mir gestoßen, ihn konnte sie beeinflussen und über ihn erreichte sie dann, was sie wollte. So kam sie grundsätzlich, wenn sie uns besuchte, mit Kindernahrung an und fütterte sofort den Jungen, sobald sie abgelegt hatte. Meine Versuche sie abzuhalten, vereitelte Josef. Er befürchtete dann einen ihrer hysterischen bösartigen Anfälle. Besuchte sie uns im Garten und der Junge hatte wegen des warmen Wetters keine Kopfbedeckung auf, holte sie gleich ein Tüchlein aus ihrer Tasche und band es ihm um den Kopf. Nahm ich es schweigend ab, tat sie es schweigend wieder drauf. Um des lieben Friedens willen, ließ ich sie dann meistens gewähren. Es schadete dem Kleinen ja nicht. Daß mir ihr Einmischerei schadete, war ihr egal, Hauptsache sie hatte ihren Willen durchgesetzt. Sie meinte es ja so gut. Einmal redetet sie so lange auf mich ein, bis ich aus Verzweiflung dem Jungen einen Strampelanzug anzog, der ihm inzwischen zu klein geworden war. Sie hatte ihn uns geschenkt und er war ja so “süß”. Als ich ihr sagte, er sei inzwischen zu klein, wollte sie es nicht einsehen. Also zog ich ihm bei einem Besuch bei ihr, denn den sie jedes Wochenende erwartet, dem Baby an. Sie war ganz entzückt, Florian darin zu sehen und sagte: “Na siehst du, er paßt doch noch.” Ich nahm es schweigend hin. Ich wußte, das letzte Wort in dieser Angelegenheit war noch nicht gesprochen. Es dauerte auch nicht lange, da fing er zu weinen an. Ich ahnte gleich, warum, ich kannte mein Kind. Ich öffnete die Träger des Höschens, zog ihm das Hemdchen aus und da konnte sie es deutlich sehen. Zwei tief eingeschnittene gerötete Streifen zeichneten sich auf seinen Schultern ab. Da holte sie tief Luft, um etwas zu sagen, aber ich unterbrach sie und sagte nur: “Sag jetzt bloß nichts! Du hast deine Willen bekommen, also laß es jetzt gut sein!” Ich denke, daß sie deswegen bestürzt war, aber ich wollte ihre Entschuldigung nicht. Wenn sie mir nicht glaubte, brauchte sie sich auch nicht zu entschuldigen.
Nach dieser Erfahrung, tat ich kaum noch, was sie wollte. Sie war auch nur ein Mensch. Allerdings ein Mensch, dem das eigene Befinden und Wollen höher setzte, als das von anderen; ihren Enkel eingeschlossen. Diese Lektion mußte ich lernen, um in Zukunft besser mit ihr fertig zu werden. Aber deswegen gab sie noch lange nicht auf. Als wir ihr einmal beiläufig erzählten, daß wir bald an ein zweites Kind dächten, war sie strickt dagegen. Sie wollte nicht, daß wir ein zweites Kind bekamen. Klipp und klar sagte sie uns, daß dann der (von ihr vergötterter) Enkel, den sie mir am liebsten weggenommen hätte, zu kurz kommen würde. Außerdem meinte sie noch, könnten wir uns schon aus finanziellen Gründen kein zweites Kind leisten.
Damals verstand ich nicht, warum meine Schwiegermutter diese Macht über meinen Mann hatte. Heute weiß ich es! Er hatte schlichtweg Angst vor ihr. Sehr viel Respekt vor ihr war da sicherlich auch noch mit im Spiel. Aber in erster Linie fürchtete er sich vor ihren Angriffen, wenn sie nicht bekam, was sie wollte.
Heute verstehe ich ihn. Heute verstehe ich vieles viel besser. Diese Angst vor ihr mußte ich leider auch noch kennen lernen, denn mein Mann war viel zu schwach, um mich vor ihr zu schützen. Er konnte sich ja kaum selber vor ihr schützen.
Zu meinem großen Glück ist es heute nicht mehr so mit ihr. Im Lauf der Jahre haben wir uns zusammen gerauft, so daß wir uns heute achten und sogar gern haben. (Zum Thema “Schwiegermutter” möchte ich zu einem späteren Zeitpunkt ein Buch heraus zu geben, um jungen Menschen eine Möglichkeit zu geben, mit ihrer eigenen besser fertig zu werden, falls notwendig).
Mein Mann gehorchte seiner Mutter und verweigerte mir in den nächsten Monaten weitgehend, den für ihn sowieso schon ungeliebten akrobatischen Teil unserer Ehe. Es wurde die Hölle für mich. Ich war verzweifelt und depressiv, denn mein Kinderwunsch war unvermindert stark. Ich verstand meinen Mann nicht mehr, der immer einverstanden gewesen war, daß wir ein zweite Kind haben sollten. Wie hatte es seine Mutter fertig gebracht, daß er nun darauf verzichten wollte? Zwischen den Beiden ließ so viel ab, was ich nicht mitbekam und nicht begriff, deren Folgen ich nur spürte. Auch war es nicht so, daß wir noch jung genug waren, um noch länger mit dem Zweiten zu warten. Ich wurde bald dreißig und Josef war inzwischen siebenunddreißig. Als ich es nicht mehr aushielt, zog ich mit dem einjährigen Sohn zu meinen Eltern, die in der Nähe von Inzell lebten. Bei ihnen wollte ich einige Wochen verbringen und mir überlegen, wie es weiter gehen sollte. Die latente Hörigkeit meines Mannes zu seiner Mutter machte mir Angst und sie selbst auch.
Es dauerte aber nicht lange und mein Mann reist mir nach. Er vermißte mich schrecklich und brachte das zum Ausdruck. “Meine Mutter ist mir scheiß egal”, sagte er in seiner Erregung zu mir. “Soll sie doch machen was sie will. Du bist mir auf jeden Fall das Wichtigste auf der Welt. Bitte komm zurück. Du sollst auch dein Baby bekommen.”
Das war ja nun alles recht schön und gut, aber ich wollte ein weiteres Kind nur dann haben, wenn er es auch wollte. Ich stellte mir vor, wie er es ablehnen würde, nur weil es mein alleiniger Wunsch gewesen war. Aber inzwischen war er jetzt davon überzeugt, daß ein zweites Kind in unserer Familie gut sei. Josef war so überzeugend, auch hatte ich Mitleid mit ihm, denn er litt ja auch unter den Launen seiner Mutter, daß ich ihm glaubte. Ich fuhr mit ihm zurück, nach Hause. Ab da bemühte er sich redlich mich schwanger zu bekommen. Wieder wurde monatlich der Eisprung gemessen, um uns gezielt mit einander zu vereinigen. Doch es geschah nichts. Über Monate hinweg hegte ich hoffnungsvolle Erwartungen, um dann mit dem Einsetzten der Regelblutung furchtbar enttäuscht zu sein. Wer das nie mitmachen mußte, kann sich nicht vorstellen, wie grausam das ist. Ich konnte in keinen Kinderwagen mehr schauen, ohne in Tränen auszubrechen. Schwangere Frauen machten mich neidisch. Und jeden Monat, mit Einsetzen der Regel, stürzte ich für Tage in tiefe Mutlosigkeit.
Die Jahre vergingen und Florian war inzwischen drei-und-einhalb Jahre alt. Wieder ließ Josef sich vom Arzt untersuchen und das Ergebnis war nicht gut. Die Anzahl der Spermien war weiter gesunken und eine erneute Schwangerschaft zwar nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich.
Inzwischen war ich dreiunddreißig und die Wahrscheinlichkeit noch schwanger zu werden, wurde immer geringer. Von Monat zu Monat wurde ich trauriger, wenn es wieder nicht geklappt hatte. Ich geriet in einem Zustand, den ich kaum beschreiben kann und den ich nie wieder erleben möchte. Irgendwie lebte ich nicht mehr in der realen Welt, so nahm mich der Wunsch nach einen weiteren Kind gefangen. Ein Arzt, den ich aufsuchte und meinen Kummer erzählte, meinte zu mir, daß allein der starke Wunsch danach, verhindern würde, daß ich schwanger würde. Auch würde er mir, mit dieser schlechten nervlichen Verfassung, in der ich mich befand, abraten, schwanger zu werden. “Sie schaffen ja die Arbeit damit nicht!” meinte er. Da war ich allerdings ganz anderer Meinung, denn die schlechte Verfassung kam ja gerade daher, daß mein Kinderwunsch unerfüllt blieb.
Wenn ich mein damaliges Verhalten heute analysiere, so komme ich zu dem Ergebnis, daß ein zweites Kind für mich, unter anderen, bedeutete, mich besser vor meiner herrschsüchtigen Schwiegermutter schützen zu können. Ein zweites Kind würde mich zwar glücklich machen, aber darüber hinaus dem Florian ein Geschwisterchen bescheren und mir wenig Zeit lassen, auf die üblichen Attacken der Mutter meines Mannes einzugehen.
Als mein seelischer Zustand sich soweit verschlechtert hatte, daß ich es kaum mehr ertragen konnte und jegliches Interesse an meiner Ehe verlor, packte ich wieder einmal die Koffer und den Florian und fuhr für einige Tage fort. Ich brauchte dringendst einen Tapetenwechsel und Zeit, um unbeeinflußt über meine Zukunft nachdenken zu können. Ich mietete mich in einer Pension ein. In der zauberhaft schönen ländlichen Landschaft hoffte ich meine Nerven zu beruhigen und auch sonst zur Ruhe zu kommen. Und ich mußte den Tatsachen ins Auge schauen. So wie es aussah, hatte ich mich damit abzufinden, nicht mehr schwanger zu werden. Ich konnte doch nicht für den Rest meiner Tag darauf warten es doch noch zu werden. Mit diesem ständigen Frust in meinem Herzen war ich für den kleinen Florian keine gute Mutter, denn er bekam viel zu viel mit und das hatte er nicht verdient. An Josef dachte ich mit keinen guten Gedanken. Er hatte es mir eingebrockt. Hätte er sich von Anfang an mehr bemüht, wäre uns vieles erspart geblieben. Er wußte um seine geringe Zeugungsfähigkeit und auch, daß sie mit der verstreichenden Zeit nicht besser werden konnte. Wie hatte er sich da auch noch von seiner Mutter überreden lassen können, sich mir zu entziehen? Was blieb mir denn noch in solch einer Ehe? Und wenn ich schon keinen Sex bekam, so wollte ich doch wenigsten die zwei Kinder, die ich mir so wünschte und von denen ich mir erhoffte, daß sie mich so ablenkten, daß anderes nicht so gewichtig war. Und gerade dieser Wunsch schien sich für mich nicht mehr erfüllbar.
Als Stierfrau habe ich auch meine vernünftigen Momente und darum schob ich für die Ferientage erst einmal alles beiseite. Meine Gedanken und Gefühle mußten sich ausruhen. Ich selber mich im allgemeinen Erholen.

Ich widmete mich ganz dem kleinen Florian, der es genoß, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch für ihn war es eine Erholung, nicht ständig zwischen seiner Omi und mir aufgerieben zu werden. Ihre Art mit ihm umzugehen war erschreckend für mich. Immer lobte sie ihn für alles was er machte in den höchsten Tönen. Nie kritisierte sie ihn. Malte er zum Beispiel Bilder aus, und das tat er schlampig und ungenau, und ich sagte ihm dann, daß er sich ruhig etwas mehr anstrengen könnte, brauchte er damit nur zu seiner Omi laufen, die seine Werke lobte. Dann sah er mich triumphieren an. Stieß er sich an Möbeln, weil er so schnell und hastig war, schimpfte sie mit den “bösen Möbeln”, anstatt ihn zu Besonnenheit zu mahnen. Einmal hatte sie ihn auf den Arm genommen und ließ ihn nicht herunter, obwohl er es wollte und schlug sie daraufhin ins Gesicht. Da verteidigte sie auch noch dieses Verhalten. Mit all dem wollte sie erreichen, daß sie die liebe gute Omi war. Ich hingegen war zum Ausgleich oft viel strenger mit ihm, als es nötig gewesen wäre, wenn sie sich anders verhalten hätte. Dann war ich die böse Mutti.
Bei einem Mittagessen in dem Feriengasthof lernte ich einen netten Mann kennen. Wir fanden Gefallen an einander, und als es sich ergab, hatte ich keine Hemmungen mehr, seine Geliebte zu werden. Ja ich forderte es sogar heraus. Ich wollte endlich einmal wieder meinen verschmähten Körper spüren, wollte spüren, daß ich geliebt und begehrt wurde, das ich noch eine Frau war. Auf wen hätte ich noch Rücksicht nehmen sollen? Etwa auf meinen Mann, der nur noch mit mir schlief wenn der Eisprung zu erwarten war? Was konnte es ihm noch bedeuten, wenn ein anderer tat, was er mir nur unwillig gab? Und ich verheimlichte es ihm auch nicht. Als es geschehen war, rief ich Josef an, und sagte es ihm. Ich sagte ihm auch, daß er nicht verrückt zu spielen brauchte, denn er sei es gewesen, der mich buchstäblich in diese Situation getrieben hatte. Er und seine Mutter. Er nahm es ganz gut auf, obwohl ich seiner Stimme anhörte, daß er deswegen keinesfalls erfreut war. Seine Stimme klang traurig und resigniert. Aber ich machte mich hart dagegen. Wenn ich soviel zu ertragen hatte, war er jetzt auch einmal daran. Es lag ja in vielem bei ihm, ob sich etwas zwischen uns änderte. Jedenfalls konnte ich somit nicht in Schwierigkeiten geraten, falls Florian am Telefon, wenn er mit ihm sprach, es ihm sagen würde. Es kam mir nie in den Sinn, den Jungen zum Lügen zu bewegen. Was ich tat, das wollte und konnte ich auch verantworten. Josef konnte doch nicht im Ernst erwarten, das ich fast wie eine Nonne mit ihm weiter leben würde, degradiert zu einer Hausangestellten. Nur das Hausangestellte besser dran sind als Ehefrauen, denn sie werden bezahlt und haben ihre freien Tage, an denen sie machen konnten was sie wollte, ohne dafür jemanden Rechenschaft abzulegen. Oder konnte er doch? Aber ich war doch noch jung und meine natürlichen Triebe überkamen mich, ob ich es wollte oder nicht und wollten befriedigt werden. Manchmal trieben sie mich schier zum Wahnsinn, wie es mir vorkam, vor allem an den Tagen meines Eisprung meinte ich es oft nicht mehr aushalten zu können. Da half es auch nicht mehr, wenn ich mich selbst befriedigte. Ich wollte auch mal einen Penis in mir spüren. Ich wollte auch einmal einen Mann spüren, der mich streichelte und küßte und meine Begierde stillte mit seinem Körper. Und wenn er es nicht konnte oder wollte, würde eben ein anderer an seiner Stelle mir Gutes tun, beschloß ich. Und es tat mir wirklich gut. Nur war ich nicht mehr die unerfahrene naive Jugendliche, mit all den anerzogenen Hemmungen, jetzt wußte ich wo es lang geht. Ich besaß mehr Erfahrung und konnte zeigen, wo es gut tat und schämte mich nicht deswegen.
Der Mann, den ich dort im Urlaub kennen gelernte, war ein potenter, zärtlicher und ausdauernder Mann. Diese Art von körperlicher Liebe war eine neue Variante meiner Erfahrungen darin. Zum ersten Mal gab es einen Mann, der nehmen konnte, ohne deswegen Komplexe zu bekommen. Einen Mann, der sich auch während der Zeit, die wir miteinander verbrachten, liebevoll mit Florian beschäftigte. (Josef drückte sich immer davor, wenn es ging).

Ein Blick auf die Uhr. 21:45. Höchste Zeit für mich ins Bett zu gehen. Ich merke, daß ich versucht bin, so vieles auf einmal aufzuschreiben, aber die Zeit reicht dafür nicht aus. Es kommt mir vor, als versuchte ich einen dreifachen Hamburger mit darauf geschichteten Zutaten auf einmal zu essen. Aber daß schafft man auch nicht. Also, morgen weiter.

Gestern Abend beim Einschlafen ist mir wieder eingefallen, daß es durchaus auch einen handfesten realen Grund für Josefs Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit mir gab, es war mir nur nicht mehr gegenwärtig. Eine Grund, der ihm auch den Verkehr mit anderen Frauen vermiest hätte. Ziemlich am Anfang unserer Ehe bekam er eine Pilzerkrankung an seinem Glied. Und ganz ohne Frage steckte er mich damit auch an. Und während es deswegen in meiner Scheide zu einer Entzündung kam, die juckte und brannte und alles feuerrot werden ließ, hatte er ähnliche Symptome, nur daß sich bei ihm außerdem noch die Haut über der Eichel schälte. Die entblößte Stelle darunter war sehr schmerz- und druckempfindlich, gleich einer aufgeschürften Wunde. Wir ließen uns natürlich sofort beide behandeln und es heilte bald wieder ab. Doch kaum hatten wir einen unserer seltenen Sexualverkehre, ging es wieder von vorne los.
So ging es über einige Jahr hin zu und ich konnte mir nicht vorstellen, warum das so war. Schließlich entdeckte ich die Ursache doch noch. Jetzt in der Ehe hielt es mein Mann anscheinend nicht mehr für so wichtig sich täglich gründlich und vor allem dem Unterleib zu waschen.

Ich habe mir das Geschriebene durchgelesen und festgestellt, daß ich versäumt habe, mitzuteilen, daß die seltenen Umarmungen meines Mannes immer sehr schön für mich waren. Das ist ja auch der springende Punkt, warum ich sie so vermißte und so verzweifelt bin, daß er mir sie so selten gönnt. Er verstand, es wie keiner vor ihm, mich zu befriedigen. In gewisser Hinsicht war er darum auch immer wie der erste wirkliche Mann für mich. War es wieder einmal so weit, daß er es auch wollte, dann konnte er sich auch anstrengen. Zuerst küßten wir uns, dann streichelte er mich immer so lange bis ich zum Orgasmus kam und drang dann erst in mich ein, um so lange zu zustoßen, bis auch er seinen hatte. Seltsamerweise berührte er dabei aber kaum je meine Brust. Machte er es doch einmal oder nahm gar meine Warze saugend in den Mund, saß er mich immer etwas fragend dabei an, so als könnte er meinen, ich hätte etwas dagegen. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein und sein Blick bedeutete etwas ganz anderes. Fragte ich ihn aber, wußte er keine Antwort. Vielleicht wollte er mir den Grund auch nicht sagen. Und noch etwas: Er hatte es durchaus gern und es erregte ihn auch stark, wenn ich sein Geschlecht in meinen Mund nahm und daran saugte und leckte. Als ich ihn aber einmal um den gleichen Dienst bat, er solle mir meine Scheide lecken, lehnte er es zuerst einmal ab. Als ich weiter darum bat, tat er mir den Gefallen. Er strich dazu erst einmal alle Schamhaare zur Seite, um gut mit seinem Mund hinzu gelangen und dann drückte er ihn auf meine Scheide. Er hatte kaum mit der Zunge begonnen mich zu berühren, bekam er einen Brechreiz. So wie es ist, wenn man den Finger zu tief in den Rachen steckt. Er wich zurück. Da wollte ich ihn nicht länger dazu überreden. Ich begriff, daß er sich aus irgend einem Grund davor ekelte; und nie wieder habe ich ihn gebeten es nochmals zu tun.

So weit das. Aber es gab auch eine andere Seite in ihr. Und falls man es bisher nicht heraus lesen konnte, gab es auch immer wieder Zeiten, in denen ich regelrecht glücklich war. Das erscheint logisch, wär ich sonst nach dreiundzwanzig Jahren immer noch mit Josef verheiratet? Und ich weiß, daß im wesentlichen die guten, die schönen Tage überwiegen. Aber man erlebte sie meistens als so selbstverständlich, daß man sie nicht so im Gedächtnis behält. Die schlechten Tag hingegen wiegen schwer, verletzten oft und bleiben besser haften.
Meine Ehe war (ist) so, wie der Pfarrer es bei der Trauung gesagt hatte. Und seine Worte: “Haltet zusammen in guten und “bösen” Tagen,” wirken heute immer wieder in mir nach. Ich mag mich hier in dem Buch emotional austoben und schreiben wie es mir ums Herz ist, weil ich mich wieder einmal in einer ehelichen und persönlichen Talsohle befinde, so kenne ich doch gut die andere Seite meiner Ehe, die mich bei der Stange bleiben läßt. Es ist doch keine Kunst in guten Tagen zusammen zu halten. Die Bewährungsprobe kommt doch erst in den schlechten, den bösen Tagen. Da zeigt sich erst, ob man aus wahrer Liebe geheiratet hatte. Da zeigt sich erst, ob das andere “Ich” einem mehr bedeutete als das eigene “Ich”. Fast in jeder meiner Krisen half es mir, darüber nachzudenken, aus welchen Gründen ich meinen Mann geheiratet hatte. Und immer wieder kam ich dann zu dem Ergebnis, daß er die Eigenschaften immer noch hatte, aus denen ich ihn genommen hatte. Zum Teil waren sie wegen der verschiedensten Umstände überdeckt, aber sie waren da. Besonders gut schnitt er ab, wenn ich ihn mit anderen Männern verglich. Gegen keinen anderen würde ich ihn eintauschen. Auch heute noch nicht. Das Problem mit seiner Sexualität war mir, wenn auch unklar, vor meiner Ehe mit ihm bewußt gewesen. Und das ich mich in dieser Hinsicht so aktiv entwickeln würde, war, um ehrlich zu bleiben, eigentlich nicht sein, sondern mein Problem. Ich konnte guten Gewissens nicht sagen, er hätte mir etwas vor gemacht. Daß sich wegen seiner Mutter solche derartigen Schwierigkeiten entwickeln würde, konnte er sicherlich auch nicht voraussehen. Kam ich an diesen Punkt an, ging es wieder aufwärts mit mir. Funktionierte dieses System einmal nicht mehr, überlegte ich mir andere Kunstgriff, um meine Ehe zu retten, wie man bisher lesen konnte.

Doch zurück von diesem Abstecher.

Noch immer war mein Wunsch nach einem zweiten Kind nicht erfüllt. Und es lief die Geschichte mit meinem Seitensprung. Mit dem Mann schlief ich während meines Urlaubs nur einmal in der vorletzten Nacht. Und das nur sehr diskret, denn die Pensionswirtin hatte ein Auge auf mich geworfen, da sie ja wußte, das ich verheiratet war. Außerdem duldete sie keine fremden Männer in ihrem Haus. Doch mein Zimmer lag zur ebener Erde und da schlüpfte er eben zum Fenster herein. Florian schlief sehr fest in einem anderen Bett und bekam nichts davon mit. Das war auch besser so. Ich wollte den Jungen nicht verwirren. Den übernächsten Tag fuhr sich nach Hause zurück. Josef hatte mich dringen gebeten zu kommen. Eine große Einladung bestand uns einen Tag später bevor und er wollte dort nicht ohne mich erscheinen. Und absagen konnte er nicht, da viele Kollegen anwesend sein würden mit ihren Frauen und die Tuscheleien, warum er samt Frau nicht gekommen sein, wollte er nicht ertragen. Ich gab ihm nach und kam heim. Die Feier wurde zu einer Katastrophe für mich. Dieses erzwungene Fröhlichsein, daß sich Verstellen, das unterdrücken meiner negativen Gefühle, die ich Josef gegenüber immer noch empfand, brachten meine Nerven zum Flattern. Ich bekam eine heftige Migräne und es wurde mir schlecht. “Bring mich schnell nach Hause”, flüsterte ich meinem Mann zu. Er sah mich nur an, nahm die Tränen in meinen Augen war und erhob sich. Hastig entschuldigte er sich bei unseren Tischnachbarn und dann eilten wir hinaus. Endlich draußen, erbrach ich mich in eine Wiese. Mir war so elend zu mute und ich fühlte mich am Ende. Ich hatte so eine schöne unbeschwerte Woche verbracht und hatte jetzt das Gefühl in mein Gefängnis zurück gekehrt zu sein.
Als es mir etwas besser ging – Josef stand sichtlich erschüttert neben mir – fuhren wir schweigend nach Hause. Sobald wir uns dort befanden, beschwor mein Mann mich: “Bitte rede mit mir! So kann es nicht mehr weiter gehen!” Daraufhin bestürmte ich ihn förmlich: “Hilf mir! Hilf mir doch Josef! Ich kann nicht mehr! Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Das ist doch kein Leben mehr für mich!” und nach diesem Ausbruch schwieg ich wieder erschöpft. Ich glaubte nicht, daß er eine Lösung für mich hatte. Er war in vielen so viel Unsicherer und Unselbständiger als ich. Und er! Er schüttelte nur traurig den Kopf und sagte leise: “Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann. Ich möchte es ja, aber ich weiß nicht wie.” Da brach weiteres aus mir heraus: “Ich liebe diesen Mann, ich liebe ihn und ich lasse mir diese Liebe nicht nehmen. Und dich kann ich im Moment nicht um mich haben. Ich wünsche, daß du zu deiner Mutter ziehst, damit ich für eine Weile die Wohnung für mich allein habe. Wenn du es nicht tust, kann ich für nichts mehr garantieren.”
Und so kam es schließlich. Er packte seine Kleider und zog zu ihr.
Wegen Josef’s Umzuges zu seiner Mutter hegte ich eine gewisse Hoffnung im Herzen. Ich schickte ihn nicht weg, um freie Bahn für meinen Liebhaber zu haben, von dem ich inzwischen wußte, daß er eine feste Freundin hatte und sich mir eher aus Mitgefühl hingegeben hatte. Ich hoffte sehr, daß seine Mutter ihm so lästig wurde, ihn so nervte, wie mich oft, daß er endlich ganz klar begriff, was ich wegen ihr durchzustehen hatte. Wenn ich mich nämlich wegen ihr bei ihm beschwerte, tat er es immer als geringfügig ab, als übertrieben, als überempfindlich. Er bekam ja die meisten ihrer kleinen Häßlichkeiten nicht mit. Doch die beiden zusammen, ohne Aussicht, Florian und mich in der nächsten Zeit sehen zu dürfen; nur sie beide allein in einer Wohnung, so wie früher, mußte ihm – meiner Meinung nach – endlich die Augen öffnen. Um so mehr, als er in mir die meiste Zeit eine tolerante, geduldige und nachsichtige Gefährtin hatte, die ihm weitgehend seine Freiheiten ließ und seine Nachlässigkeiten übersah.
Mein Seitensprung besuchte mich noch einmal in meiner Wohnung. An diesem Nachmittag gaben wir uns noch einmal einer leidenschaftlichen Umarmung hin. Nach dem er gegangen und meine Erregung abgeklungen war, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, daß ich mit Sehnsucht an meinen Mann dachte. Ich analysierte erstaunt meine Gefühle und mußte feststellen, daß ich die innige Verbundenheit, die wir trotz aller Schwierigkeiten hatten, mit keinem anderen Mann erreichen würde. Mochten andere Männer potenter sein als meiner, aber so eine Liebesfähigkeit hatte vorher kein anderer gezeigt als er. Wie hätte er sonst immer wieder meinen Willen erfüllt, wenn ich ihn wegschickte. Zwar mit triftigen Gründen und um mich zu schützen, aber er hatte mir deswegen nie gezürnt, nie einen Aufstand oder eine Szene gemacht. Immer war er traurig gegangen. Traurig wahrscheinlich auch deswegen weil er nichts anderes für ich tun konnte, als zu gehen; mich mir selber zu überlassen und zu hoffen, daß ich mich fange. Denn, wenn er es gekonnte hätte, hätte er gern mehr getan. Selbst, wenn er meine Handlungen nicht richtig verstehen konnte, begriff er doch immer meine Verzweiflungen und tat, was immer er konnte, um sie zu lindern.
Das Alleinsein in der Wohnung, zusammen mit dem kleinen Florian, tat mir gut. Ich erholte mich körperlich und geistig und machte mir dann mit aller Strenge und Vernunft klar, daß ich meinen Mann nun wirklich nicht wegen einer fleißigen unteren Körperhälfte geheiratet hatte. Ich war ja vor meiner Ehe kaum an Sex interessiert gewesen, da vorher niemand es verstanden hatte diese Seite bei mir ins Schwingen zu bringen. Juckte es mich nun zwischen den Schenkeln, dann besorgte ich es mir eben selber. Das war an sich keine Sache, wegen der ich mir Gedanken machte, das tat ich etwas seit meinem fünfzehnten Lebensjahr. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, es in der Ehe tun zu müssen, wenn die Lust unbezwingbar wurde. Ich konnte doch nicht ahnen, daß ausgerechnet, dieser freundliche, zuvorkommende und etwas zurückhaltende Josef schaffte, was andere nicht erreicht hatten. Und er hatte mir nie etwas anderes vorgemacht oder mich getäuscht. Das ich mir gewisse Vorstellungen von unserem Eheleben zu erträumen begann, lag in der Natur der Sache. Es lag an der sicheren Geborgenheit, die ich bei ihm empfand. Und ich hatte ihn auch nicht getäuscht. Ich hatte mich immer so gegeben, wie ich bin. Ich tat es schon aus dem Grund nicht, da ich genau wußte, wie schnell so ein Verstellungsmanöver in sich zusammen fallen kann. Es waren die Umstände, die auf uns zukamen, die unerwarteten Fallen des Lebens, die uns täuschten. Es war mein Körper, der mich täuschte. Ich mußte mir wieder einmal klar machen, daß er immer noch das war, was ich gewollt hatte und daß er sehr darunter litt, von mir getrennt zu sein.
Die Tage bei seiner Mutter mußten eine Hölle für ihn gewesen sein. Später erzählt er mir davon, obwohl ich von ihm keine Einzelheiten hören wollte. Ich hatte sie ja zur genüge kennengelernt. Sie nahm ihn in Beschlag und behandelte ihn als wäre er ein ungezogener Junge. Jedes Kleidungsstück das er anzog, jeder Bissen Essen den er in den Mund steckte, jeder seiner Wege, die er in seiner Freizeit tat, wurden einer Kontrolle unterzogen. Nach vierzehn Tagen, in denen wir uns nicht gesehen und nichts von einander gehört hatten, rief er mich an. “Wie geht es dir und Florian?” fragte er mich zaghaft. Da mußte ich innerlich lächeln. Wie gut kannte ich ihn im Grunde doch und heiter antworte ich: “Uns geht es gut. Und wie geht es dir?” Was eine dumme Frage war, denn ich stellte mir lebhaft vor, wie es ihm ging. “Ich halte es hier nicht mehr aus!” brach es aus ihm heraus. “Wenn ich noch länger hierbleiben muß, drehe ich durch. Bitte laß mich nach hause kommen. Ich verstehe jetzt genau, wie du dich fühlen mußt wegen meiner Mutter. Ich hatte verdrängt, daß sie so ist. Und ich hatte sie ja auch nicht mehr so oft am Hals wie du. Es ist schrecklich mit ihr.” Wie hätte ich ihn da noch abweisen können? Er tat mir leid, so wie ich mir leid getan hatte und ich liebte ihn. Noch am selben Tag kam er zurück und war überglücklich.
Josef verhielt sich sehr fair wegen meiner kurzen Affäre. Er hatte darüber nachgedacht und erkannt, daß er seinen Teil der Schuld daran hatte, daß ich so weit gegangen war. Er zeigt nun Verständnis für meine Lage und meine Gefühle und ließ mich nie spüren, daß es von mir Unrecht gewesen war. Um seinetwillen, der ja nichts dafür konnte, daß die Natur ihm schlechte Zeugungschancen gegeben hatte, was ich inzwischen begriffen hatte, gab ich den Wunsch nach einem weiteren eigenen Kind erst mal auf. Wir konnten ja froh sein überhaupt ein eigenes bekommen zu haben. Wie viele Ehepaare hatten nicht einmal das.
Aber wie schon gesagt, war das Sexuelle nur ein Teil meines Verdrußes. Und es ist ganz klar, daß es auch immer wieder Zeiten gab, daß ich aus den verschiedensten Gründen keinen Grund oder keine Zeit zum Klagen hatte, in denen ich regelrecht glücklich war.
Das Alleinsein in der Wohnung, zusammen mit dem kleinen Florian, brachte mich eines Tages dann doch wieder zur Vernunft. Ich erholte mich körperlich und geistig und machte mir dann mit aller Strenge und Vernunft klar, daß ich meinen Mann nun wirklich nicht wegen seiner unteren Körperhälfte geheiratet hatte. Ich war ja vor meiner Ehe auch kaum an Sex interessiert, da vorher niemand es verstanden hatte diese Seite bei mir ins Schwingen zu bringen. Juckte es mich zwischen den Schenkeln, dann besorgte ich es mir eben selber. Daß war keine Sache für mich, daß tat ich seit ich fünfzehn war. Ich konnte doch nicht ahnen, daß ausgerechnet, dieser freundliche, zuvorkommende und etwas zurückhaltende Josef schaffte, was andere nicht erreicht hatten. Er hatte mir jedenfalls nie etwas vorgemacht oder mich getäuscht. Das selbe konnte ich eigentlich auch von mir behaupten. Es waren die Umstände, die uns täuschten. Es war mein Körper, der mich täuschte. Auf ein zweites Kind wollte ich aber nicht, auch im Interesse von Florian, der als einziges Enkelkind meiner Schwiegermutter, unter ihrer übertriebenen Fürsorge, zu leiden hatte (wie auch ich), verzichten. Wir besprachen das Ganze und Josef war mit einer Adoption einverstanden oder damit, mich einer Fremdbefruchtung durch einen Arzt zu unterziehen, falls die Adoption zu lange dauern würde oder gar nicht klappen würde. Ich nehme an, daß die darauf folgende Entspannung unserer Eheprobleme und unserer Nerven dazu beitrugen, mich doch noch schwanger werden zu lassen.
Nach dem das zweite Kind gesund aus der Klinik entlassen wurde, begann für uns eine sehr glückliche Zeit. Das was ich mir erhofft hatte trat ein. Kein Anzeichen dafür, daß ich es nicht schaffen würde, wie der Arzt es mir prophezeit hatte. Ich konnte es sogar ohne Schwierigkeiten stillen, was mir eine tiefe Befriedigung gab und das Aufziehen des Kleinen leicht machte. Es war um so befriedigender, da ich es bei Florian nicht gekonnt hatte, weil eine dumme Kinderschwester in der Klinik, in dem ich in zu Welt gebracht hatte, mir den Jungen verdorben hatte. Sie hatte es auf eine fast böse hinterhältige Art und Weise getan. Jedes Mal, wenn sie mir den Jungen anlegte, umschloß sie von hinter mit ihrer rechten Hand seinen Hals, drückte mit den Fingern unterhalb seiner Ohren so fest, bis er rot im Gesicht schreiend den Mund öffnete, den sie dann auf meine Warze drückte. Er bekam einen regelrechten Horror geben meine Brust. Und ich war zu verunsichert, um sie zu stoppen. Nach einigen mißglückten Versuchen gab ich die Einwilligung, ihm die Flasche zu geben, denn ich konnte das nicht mehr ertragen und das war was sie sicherlich beabsichtigt hatte. Zu meiner Zeit war man noch nicht darauf aus, Mütter stillen zu lassen. Es machte den Schwestern nur unnötige Mühe. Aber noch heute verspüre ich einen großen Hass auf sie, wenn ich daran denke. Denn, den Jungen konnte ich lange nicht an meine Brust kuscheln, weil er sich dagegen sträubte.
Bei dem zweiten Kind versuchten sie auch ähnliches, aber ich war reifer und härter geworden und nicht mehr bereit, mit mir und dem Kind machen zu lassen, was andere wollten, selbst wenn es ein Arzt war. Zum großen Glück konnte ich beim Stillen von Christoph einen Teil dieser bedrückenden Gefühle überwinden.
Beschäftigt mit zwei lebhaften Kindern hatte ich nun weder die Zeit noch die Lust mich weiter mit meiner dominierenden Schwiegermutter zu befassen und wehrte mich zum ersten Mal energisch gegen sie. Dieses Mal zog ich das zweite Kind so auf, wie ich es instinktiv empfand und verbat mir ihre Einmischungen. Nun war es auch nicht mehr so wichtig für mich oft Sex zu haben und ich gab mich mit dem zufrieden, was Josef bereit war mir zu geben. Meine Tage waren mit den beiden Kindern und dem Haushalt ausgelastet, so daß ich Abends froh war, schnell schlafen zu können. Florian, der bis dahin noch keine einzige Nacht seines Lebens durchgeschlafen hatte – er war inzwischen vier Jahre alt und schlief nun, als ich den Kleinen zu ihm in sein Zimmer stellte, jede Nacht tief und fest. Er liebe den kleinen Bruder von Anfang an und war nie eifersüchtig auf ihn.
Die Jahre vergingen. Dann kam der Umzug in eine weitere Bleibe. Die Probleme die dort begannen habe ich ja weitgehend geschildert. Geschildert habe ich auch wie ich versucht damit fertig zu werden. An dieser Stelle bin ich dann abgeschweift.

Josef hatte ich für einige Zeit ausquartiert und wohnte in einer kleinen Bude. Dort fühlte er sich im Großen und Ganzen recht wohl. Jeden Tag nach dem Büro kam er bei uns vorbei und machte Arbeiten im Haus und im Garten, die längst fällig waren und die er vorher immer übersehen hatte. Ich brauchte ihm jetzt nicht mehr zu sagen, was zu tun war, er suchte und fand jeden Tag einen Grund (sprich Arbeit) zu kommen. Ich lächelte innerlich über ihn. Ich war freundlich zu ihm, und dankbar, das er es so gut verkraftete. Er brachte seine schmutzige Wäsche und ich gab sie ihm sauber und gewaschen zurück. Und er merkte sehr schnell, was ich mit diesem Experiment erreichen wollte. Nämlich sein Verständnis für meine Situation in der Familie. Hatte er bereits so seine Schwierigkeiten seinen kleinen Haushalt aufrecht zu erhalten, mit Putzen, Einkaufen und seinem bißchen Essen herzurichten, wieviel mehr mußte ich dann möglicherweise leisten in einem Haus mit Garten, den zwei Kindern und den immer gegenwärtigen Schulden, die uns kaum Spielraum für Extras ließen. Hatte er jetzt, was öfters vor kam, für das Wochenende nicht richtig vorgesorgt, kam er leicht verlegen zu mir und bat mich darum. Ich habe, so weit ich es in Erinnerung habe, ihn nicht deswegen in Verlegenheit gebracht oder wäre höhnisch deswegen gewesen, nach dem Motto, jetzt siehst du mal, wie das ist, sondern ihm immer gegeben, was er benötigte. Seine Einsicht in meine Lage, und damit hielt er auch nicht hinter dem Berg, genügte mir als Genugtuung. Und überhaupt, war das ganze von mir auch nicht als Bestrafung gedacht. Er sollte nur Dinge erfahren, die er nicht kannte. Denn selbst den Popo kann man sich nur mit einer Zeitung auswischen, wenn man vergessen hat neue Klorollen zu kaufen. Nach ca. vier Monaten ergab es sich, daß die Studentin, der ich inzwischen, um die finanziellen Kosten möglichst klein zu halten, sein Zimmer vermietet hatten, auszog. Das war der Moment seiner Rückkehr in unser Haus.
Diese Experiment hatte sich gelohnt. Ab da nörgelte er nicht mehr herum, wenn nicht alles wie am Schnürchen lief. Auch stellte er nun schon öfter mal freiwillig seine Arbeitskraft zur Verfügung, ohne das ich ihn ausdrücklich darum bitten mußte. Vor allem war ich ihm dankbar, wenn er mir das tägliche Einkaufen ab nahm. Kam er doch meistens tipptopp angezogen aus dem Büro, während ich mich nach den Arbeiten im Haus und Garten erst hätte waschen und umziehen müssen. Und ich war doppelt dankbar, daß es so gut ausgegangen war, denn es hätte auch anders kommen können, darüber war ich mir im Klaren.

1:02 nachts, ich geh jetzt schlafen.

Weiter ging es mit uns, wie in anderen Ehen auch – auf und ab.
Zwar wurde ich häufig von anderen Leuten wegen meine Ehe und um meinen Mann beneidet, da von unseren Schwierigkeit nicht viel an die Öffentlichkeit drang. Außerdem ist Josef ein Mensch, der von seiner Erziehung her schon dazu neigt, Negatives zu verheimlichen. So konnte er es in den ersten Jahren unserer Ehe nur schwer verkraften, wenn ich mit einer guten Freundin über unsere Probleme sprach. Aber ihre lagen nicht weit entfernt von den meinen und es war ganz natürlich sich deswegen auszusprechen. Hielt ich mich seinetwegen doch eine Zeitlang zurück und versuchte es zu unterdrücken, hatte ich das Gefühl ich müßte platzen oder es stellte sich eine resignierende dumpfe Gleichgültigkeit ein, bei der man mich nicht mehr recht erreichen konnte. Nach meinem ersten Zusammenbruch hatte ich während einer Müttererholung gelernt damit umzugehen. Dort lernte ich zu erkennen, wie unsinnig es war, nicht drüber zu reden. Wie negativ es sich auf mich auswirkte, wenn ich schlecht behandelt wurde, über Gebühr belastete und man mir dann auch noch den Mund verbat. Kein Mensch kann das aushalten. Die Regel “Reden ist Silber, Schweigen Gold”, stimmt nicht ganz. Da gefällt mir eine andere schon besser die besagt “Lerne Schweigen ohne zu Patzen” und wer will schon, daß man platzt. Sicherlich muß man nicht immer mit allem herausplatzten, aber immer zu allem Schweigen macht ernstlich krank. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Heute rede ich was ich will und das was ich rede, kann ich auch verantworten. Und da ich gerade beim Reden bin, fällt mir dazu noch das Lügen ein, daß ja mit dem Reden manchmal Hand in Hand geht.
Dazu habe ich verschieden Einstellungen.
Natürlich habe ich als Kind und als Heranwachsende gelogen. Ich log aus Angst, wie viele auch. Vor allem aus Angst vor Strafe, aber auch um mir einen Vorteil zu verschaffen. Später als Erwachsene wollte ich das nicht mehr nötig haben und vermied es zu lügen. Ich lernte mit der Wahrheit zu leben, denn die Lüge macht nichts besser und fällt früher oder später auf einen zurück. Und immer mit der Angst zu leben, bis eine Lüge aufflog, dafür war ich eines Tages zu gereift.
Lange Zeit in meiner Ehe log ich deshalb auch nicht. Ich log weder meinen Mann noch meine Kinder an. Wie oft wäre es scheinbar leichter gewesen ihnen eine gnädige Lüge vorzusetzen anstatt der Wahrheit. Wie oft weinten meine Kinder, wenn ich ihnen die Wahrheit sagte, anstatt ein Ausrede zu gebrauchen. Doch der Erfolg war, daß sie mir immer vertrauten. Sie wußten, was ich auch sagte, sie konnten sich darauf verlassen. Wie viel Angst vor Entdeckung hatte ich mir erspart, als ich Josef gleich meinen Seitensprung gesagte.
Aber das war die eine Seite davon.
Inzwischen habe ich das Lügen wieder gelernt und habe keine Bedenken deswegen. Heute hat sich meine Einstellung nochmals verwandelt. Jetzt lüge ich, wenn es mir nötig erscheint, wenn ich mich damit schützen kann. Kommt man mir auf die Schliche, dann stehe ich auch zu meiner Lüge ohne mich zu verteidigen und sage dann häufig: “Na und, du wolltest doch angelogen werden. Hätte dir die Wahrheit denn besser gefallen?” Denn inzwischen habe ich dazu gelernt und manche Leute können die Wahrheit nicht vertragen. Es sind aber meistens Menschen, die mir nichts bedeuten, denen ich keine Rechenschaft schuldig bin. Sie sollen mir gefälligts den Buckel herunter rutschen mit ihrem scheinheiligen Getue. Heute brauche ich ihr Wohlwollen nicht mehr, wenn sie es nicht ehrlich meinen.
Auf jeden Fall war es in meiner Ehe so, daß wenn es abwärts ging, mir manchmal war, als müßte ich davonlaufen, als breche die Welt zusammen und nichts mehr hätte einen Sinn. Ging es aufwärts, umarmte ich die ganze Welt, liebte meinen Mann und die Kinder. Also alles ganz normal.

09. Juni 1994

Es ist ein Dienstag und ich habe beschlossen mit meiner Familie ein Experiment zu machen. Und ich hoffte, es lange genug durchzuhalten, damit meine Familie begreift, was ich damit bezwecke. Wie weit ich damit komme, kann ich nicht wissen, auch nicht, ob und wie es sich entwickeln wird. Sicher ist für mich nur, daß ich es machen muß, um endlich wieder einen guten und für mich sinnvollen Lebensrhythmus finden, aus dem mich Ehe, Schwangerschaft, Kinder und Haushalt geworfen haben. Natürlich hat das von mir angestrebte Experiment seine Gründe und kommt nicht aus einer plötzlichen Laune heraus. Um das zu verstehen, werde ich einige meiner Gründe noch im Einzelnen erklären. Der Anstoß dazu ist mein seit Monaten andauernder Frust, den ich durch meine Familie (und anderen Umstände) erleide und der mich an dem Sinn meines Daseins zweifeln läßt; ja, sogar der Gedanke an Selbstmord ist mir bereits mehrmals gekommen, auch wenn ich dann wiederum denke, daß man nicht so leicht aufgeben darf. Wer kann schon wissen, wie es ein Jahr später aussieht und ob dann nicht vieles besser ist, wenn ich mich darum bemühe. Bin ich denn nicht gerade dazu verpflichtet, mich selber um mein Wohlbefinden zu kümmern, anstatt darauf zu warten, das Andere es für mich tun? Und das bringt mich auch gleich wieder auf das Experiment zurück, welches ich mir vorgenommen habe und das dazu dienen soll, mein Leben zu ändern. Nun, ein Teil des Frustes und der Unbefriedigung meiner Tage liegt in der Anhäufung von den nicht Erfüllungen der kleineren und größeren Pflichten meiner Familie (bestehend aus dem sechsundfünfzigjährigem Mann, dem zwanzigjährigem Florian und dem fünfzehndreiviertel-jährigem Christoph). Ich denke nicht, daß sie die Dinge die sie treiben und die mir den Frust verursachen, tun, um mich damit zu treffen, das ist mir schon klar, sondern es ist nur ihre Nachlässigkeit, Faulheit und Gedankenlosigkeit.

12:28, ich mache jetzt Pause! 13:53, es geht weiter! 1:01, es ist weit nach Mitternacht und ich muß jetzt schlafen gehen. Meine Regelblutung hat eingesetzt und ich habe beim Sitzen Schmerzen. Noch eine Tablette und dann ab ins Bett.

Mittwoch! Ich habe lange geschlafen und mir dann bei einem Kaffee einen Spielfilm im Bett angesehen. Es war nicht meine Art so etwas zu tun, aber jetzt erlaubte ich mir hin und wieder so etwas. So oft sehe ich meine Familie vor dem Fernseher, auch wenn sie Besseres zu tun hätten, aber das bleibt liegen und unerledigt. Gönne ich mir eben auch einmal etwas mehr Spaß. Gestern hatte ich noch folgendes Gespräch mit meinem Mann. Ich war, nach dem ich mit dem Schreiben aufgehört hatte nach, unten auf die Terrasse gegangen, um mich nach der Schreiberei zu entspannen. Er lag auf der Liege und döste vor sich hin. Als er mich bemerkte fragte er mich, ob ich eine Arbeit für ihn hätte. Ich sagte kurz angebunden: “Nein!” Er tut im Haushalt in der Regel nur etwas, wenn ich mit ihm nicht zufrieden bin, ansonsten kann er über die Arbeit fallen, ohne sie zu bemerken. Doch nun hat er in den letzten Tagen, seit meinem Schweigen, tatsächlich die seit Monaten lockeren Türbeschläge festgeschraubt. Ich konnte es kaum glauben. Aber das ist typisch für ihn. Für eine Weile schwiegen wir wieder. Dann fragte er von neuem, ob er einkaufen gehen könne. Ich antwortete ihm nicht, denn ich denke, daß er einkaufen kann, er hat es ja schon oft getan. Dann, wieder nach einiger Zeit, seine Frage, was wir bräuchten und ich antwortete darauf: “Ich weiß es nicht.” Ich hatte keine “Lust” mir darüber den Kopf zu zerbrechen, sollte er doch einmal selber darüber nachdenken; denn das gehört zu meinem Experiment. Ich wollte sehen, was er macht, wenn ich ihm nicht alles vorkaue, denn er hat sich in so vielen Dingen von mir, aus Bequemlichkeit, abhängig gemacht. Erst saß er noch ratlos herum, ging dann aber in die Küche. Dort liegt meistens ein Zettel, auf dem ich den Tag über aufschreibe, was für den Haushalt benötigt wird. Gestern stand nichts darauf und das wird ihn verunsichert haben. Schließlich ist er doch zu dem Entschluß gekommen, was er einkaufen könnte, denn er fragte mich, ob ich ihm Geld geben könnte. Darauf antwortete ich ihm: “Ich habe kein’s mehr.” Das stimmte zwar nicht ganz, denn ich besaß noch etwas aus meinen eigenen Verdiensten; aber davon ich wollte nichts mehr nehmen, hatte ich doch in den letzten Wochen bereits über sechshundert Mark davon zum Haushalt dazu geschustert. Ich ging im mein Zimmer zurück. Sollte er doch machen was er wollte. Sollte er doch einmal zusehen, wie es war, wenn er etwas alleine entscheiden mußte. Dabei, daß muß man sich einmal vorstellen, ist er der Chef einer eigenen Abteilung, in der er laufend Entscheidungen treffen muß. Warum gebärdete er sich nur im eigenen Haushalt so unselbstständig? War das nur reine Bequemlichkeit? Leicht machte er es mir dadurch nicht. Später am Abend fragte er mich dann noch, ob er Geld abheben sollte. Auch darauf antwortete ich ihm nicht. Es war doch zu offensichtlich, daß, wenn kein Geld mehr da ist, welches besorgt werden muß. Und siehe da, als ich heute Mittag nach unten in die Küche kam, lagen dort siebenhundertfünfzig Mark unter meiner Notizrolle. Na also, es geht doch.
Vielleicht erscheint das alles herzlos, aber mein Frust brauchte dieses Ventil. Auf mein Herz und meine Gefühle wird seit so langer Zeit keine Rücksicht genommen, daß ich das jetzt tun muß. Ein jeder in meiner Familie scheint zu glauben, das ich meine alleinige Befriedigung aus den Arbeiten im Haus und Garten und die Schufterei für meine Familie ziehen muß. Aber das ist nicht so. Wäre ich ein einigermaßen dummer Mensch, mit niedrigem geistigem Niveau, ja dann wäre sicher alles in Ordnung. Aber mein Gehirn arbeitet seit jeher auf vollen Touren und ich lasse mir diese Behandlung nicht mehr länger gefallen. Für die nächste Zeit arbeite ich auch nur noch ausschließlich nach dem Lustprinzip. Denn wie oft muß ich von ihnen hören: “Dazu habe ich keine Lust!” und niemand fragte sich, ob ich all die Arbeit, die ich mache, mit Lust tue.
An dieser Stelle könnte man natürlich einwenden, daß mein Mann schließlich das Geld verdienen würde und ich deshalb mit dem was mir geboten wird zufrieden sein müßte, was ja auch zu einem gewissen Grad richtig ist. Aber mit dem verdienen des Familienunterhaltes scheinen seine Pflichten auch schon erfüllt zu sein. Er kümmert sich nicht um Finanzielles, ärgert sich nur, wenn andere mehr Geld hatten oder mehr verdienten als er, tut aber nichts, um das zu ändern. Auch kümmert er sich nicht um die schriftlichen Angelegenheiten, die für gewöhnlich im Haushalt anfallen. Am Anfang unserer Ehe hatte ich ihn gebeten einen Teil davon zu übernehmen, was er auch machen wollte. Aber, nach dem er, vor allem Rechnungen, aus Bequemlichkeit nie rechtzeitig bezahlte und dafür immer wieder die Mahnungen ins Haus flatterten, übernahm ich es wieder selbst. Das Risiko einzugehen, das eine Versicherung im Versicherungsfall nicht bezahlen würde, nur weil die Prämie nicht rechtzeitig bezahlt worden war, war mir zu hoch. Ich fühlte mich, im Gegensatz zu ihm, immer dafür verantwortlich und er gab diese Pflicht erleichtert ab. Er war auch nie dafür zu ständig, wenn es um die Renovierung unseres Hauses ging. Als wir vor fünfzehn Jahren als Mieter in das Haus einzogen, war es schlimm abgewohnt und es mußte vieles gemacht werden. Zwar brauchten wir keine hohe Miete zu bezahlen, dafür aber viel Arbeit und Material hineinstecken. Doch anstatt mir zu helfen, mußte mein Mann in den folgenden Wochen und Monaten, immer ganz dringend an den Wochenenden einem Freund auf der Jagt helfen. Während er also nach einem acht Stunden Tag im Büro ausruhte, schuftete ich von sieben Uhr morgens bis meistens um elf Uhr nachts im dem Haus. Ich wußte doch, wie sehr er eine schöne Wohnung schätzte (wie ich auch) und damals fand ich sein Verhalten fast noch normal. Begehrte ich auf, verstand er es mich zu beschwichtigen, oder er entzog sich mir einfach. An schönen Tagen fuhr er außerdem alleine an einen See zum Baden, denn die Kinder mitzunehmen war ihm zu beschwerlich und ich ließ ihn auch noch gewähren, ich dumme Kuh. Also hatte ich alles am Hals. Die Renovierung, den Haushalt und die Kinder. Als Belohnung für meine Mühe bekam ich nichts, nicht einmal Sex!
Die Arbeiten an dem Haus zogen sich hin. Ein verwilderter Garten, der die Mißgunst der neuen Nachbarn seit langem auf sich zog, denn unsere Vorgänger hatte darin seit langem nichts mehr gemacht, wollte auch hergerichtet werden. So arbeitet ich von früh bis spät, von Monat bis Sonntag. Ich tat es mit Freude, denn auch ich wollte ein schönes Haus und einen schönen Garten. auch kam ich bei all der Arbeit nicht dazu über meine Situation nachzudenken, dafür war ich am Ende eines Tages viel zu müde und erschöpft. Dann fing mein Gatte an, meine Arbeit zu kritisieren und mir zu sagen, was und wie ich die Sachen zu machen hätte, ohne mir aber dabei zu helfen. Eine Zeitlang versuchte ich damit klar zu kommen, um es nicht zu einem Streit kommen zu lassen.

13:36, Zeit für eine Pause. 15:07, es geht weiter.

Christoph ist inzwischen von der Schule heim gekommen. Er hat zu mir herauf gerufen: ” Mami!” – mein Arbeits- und Schlafzimmer liegt unter dem Dach – und ich habe ihm gesagt, er soll sich etwas aus der Gefriertruhe zum Essen machen. Das ist kein Problem für ihn, denn dahinein habe ich viele guten Sachen gekauft, um in der nächsten Zeit vom lästigen Kochen befreit zu sein, und mich vorwiegend meiner Schreiberei widmen zu können. Und er kann sich aussuchen was ihm schmeckt.
Doch zurück zum eigentlichen Thema.
Vor meinem vierzigsten Geburtstag plante ich für unsere Terrasse, daß übrige Haus war inzwischen soweit von mir in Ordnung gebracht worden und auch der Garten hatte eine gewisse Pflege erfahren, eine Überdachung samt Pergola. Ich erklärte meinem Mann meinen Plan und auch die fertig durchdachte Ausführung, wie ich sie mir in allen Einzelheiten vorgestellte. Und gewitzt durch seine vorherigen Einmischungen frage ich ihn, ob er sich selber dem Ganzen annehmen wollte. Wenn nicht, würde ich mir seine Einmischung bei den Arbeiten verbieten. Er war mit der Überdachung einverstanden und überließ mir die Ausführungen. Er wußte, daß ich das schaffen konnte. Bei einem Sägewerk ließ ich mir, nach meinen detaillierten Angaben die verschiedenen Balken zuschneiden und brachte sie nach und nach auf dem Kofferdach unseres Autos nach Hause. In einem Baumarkt holte ich, was ich an Schrauben und anderem Zubehör benötigte. Dann fing ich zum Basteln an. Ich wußte ganz genau, wie ich es zu machen hatte. Doch als mein lieber Mann, der ja um vier Uhr seinen Dienst beendete, nach Hause kam und mir dann bei der Arbeit zusah, konnte sich bald nicht mehr beherrschen und fing ungefragt mit seinen Verbesserungsvorschlägen an. Ich verbat mir seine Einmischungen. Mitarbeiten wollte er nicht, da konnte er sich auch seine Ratschläge sparen. Doch er gab keine Ruhe. Immer wieder versuchte er mich zu beeinflussen mit Worten wie ” macht dies, tu jenes”. Schließlich war ich so entnervt, daß ich einen Zusammenbruch bekam. Ich kapselte mich ab, weinte über Stunden hysterisch und wollte ihn nicht mehr sehen. Da merkte er wohl zum ersten Mal, daß er den Bogen überspannt hatte und ängstigte sich um mich. Er liebte mich ja, und das hatte er wohl nicht gewollt. Ich aber war so erschöpft von der Arbeit, der Verantwortung für alles, um dann immer noch sein belehrendes Gerede, das überflüssig war, zu ertragen. Ich war restlos fertig und brauchte zu all dem Abstand. Seit langem einmal wieder nahm ich Psychopharmaka, denn mein Nervenkostüm war am flattern. In den darauf folgenden Tagen, als ich wieder ruhiger wurde, überlegte ich, unter welchen Umständen ich in Zukunft weiter mit ihm zusammenleben könnte. Ich versuchte vor allem die Gründe für sein Verhalten heraus zu finden, denn ich glaubte nicht wirklich, daß er mir das antat, um mich zu verletzen. Und mich von ihm trennen, daß wollte ich auch nicht. Aber so wie bisher ging es nicht mehr weiter. Ich kam zu der Erkenntnis, daß er im Grunde genommen überhaupt keine Ahnung hatte, was ich alles zu leisten hatten. Er machte seinen Job und das war’s dann auch schon für ihn. Er konnte leicht meckern, wenn ich beim Einkaufen einmal vergessen hatte, etwas Bestimmtes mit zu besorgen. Denn wie kann man nur Brot oder Milch oder Klopapier vergessen mitzubringen, wenn das doch nur Kleinigkeiten sind. Dabei ist das ganz einfach, hin und wieder solche Dinge zu vergessen. Ein Familienmitglied brauchte nur den jeweils letzte Teil einer Sache verwendete haben, ohne das ich es merkte. Wenn sie es dann nicht auf meinen Einkaufszettel geschrieben hatten, der immer in Griffnähe in der Küche liegt, und um das ich sie schon so viele Male gebeten hatte, schon “vergaß” ich es zu besorgen. Und weiter noch, wer von meinen Männern machte sich je Gedanken, wie all die schmutzige Wäsche wieder sauber und gebügelt in den Schränken landete. Oder, oder, oder!
Dabei fällt mir ein, das ich meinen “Männer” einmal eine Liste mit Dingen aufschreiben ließ, die ich zu tun habe und eine, was sie zu tun haben, da auch der älteste Sohn einmal bemerkte, er könne gar nicht verstehen, warum ich meine Ruhe haben wollte.
Es war vor zwei Jahren und ich besuchte einen anstrengenden Computerkurs. Weil ich zu der Zeit immer schon um sechs Uhr aufstand, um vor dem Unterricht, der täglich vier Stunden dauerte, noch wichtige Sachen zu erledigen und für den Rest des Tages, die Arbeit die ich zu machen hätte, plante, konnte ich mich nicht, wie im gewohnter Art um meinen Nachwuchs kümmern. Als die Listen am Abend geschrieben worden waren und verglichen wurden, gab es dazu keinen weiteren Kommentar. Die Listen sprachen für sich selber. So hatte ich in der nächsten Zeit etwas mehr Luft für meinen Kurs und meine sonstigen Arbeiten.
Das nur nebenbei, weil es mir wichtig erscheint und ich es sonst vielleicht vergesse aufzuschreiben.
Wegen meines Mannes kam ich dann auf die Idee, ihn einmal selbst erfahren zu lassen, was es heißt für vieles selbst sorgen zu müssen. Wenn er mich wirklich liebte, sollte er für einige Zeit ausziehen und nur für sich selber sorgen. Diese Erfahrung hatte er noch nie in seinem Leben machen müssen. Immer war jemand da, der ihm die lästigen kleinen Dinge des Alltags abgenommen hatte. Vor mir seine Mutter und seit unserer Eheschließung ich. Er konnte ja keine Ahnung davon haben! Diese Idee schien mir in der momentanen verfahrenen Situation das einzig Richtige zu sein und gab mir wieder Hoffnung. Irgendwie schaffte ich es, im diese Idee dann auch plausibel zu machen. Ich sagte ihm, daß davon die weitere Existenz unserer Ehe abhängen würde und wenn er mich wirklich so liebte, wie er mir immer wieder beteuerte, würde er es für mich tun. Schweren Herzens stimmte er zu, denn er sah wohl auch ein, daß es so nicht weiter gehen konnte. Er würde für die Monate seines Auszugs nichts Großartiges brauchen und um seine Wäsche würde ich mich weiter kümmern. Es reichte mir schon, wenn er wenigsten alle anderen Dinge einmal allein erledigen müßte. Er suchte und fand in der Nähe ein nettes Apartment, welches wir uns zusammen anschauten.

16:24, Pause! Enterprise läuft und ich möchte mir den Rest des 2. Teils ansehen. 18:58, und weiter geht es!

Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja ich weiß es schon. Mit einem Teil unserer vorhandenen Möbel richtete sich mein Mann – mit der Hilfe unseres älteren Sohnes – seine neue Unterkunft ein und fand sie recht gemütlich. Da ich ihm zugesichert hatte, daß er jederzeit bei uns vorbeischauen könne, wenn es etwas Wichtiges gäbe, fand er dann beinahe jeden Tag etwas Wichtiges, daß er nun unbedingt erledigen mußte. Reparaturen, die längst fällig waren und die ich bei der Fülle meiner sonstigen Arbeiten bisher nicht auch noch machen konnte, wurden nun so nach und nach von ihm erledigt. Dann kam es schon mal vor, daß er mich am Sonntag um ein Stück Brot oder Milch oder sonst etwas bat, weilEr vergessen hatte es zu besorgen. Ich ließ mir nicht viel anmerken, wenn er wieder einmal etwas brauchte und gab es ihm. So merkte er schnell, worum es mir mit meiner Forderung an ihn ging. Angst davor, das er sich mir entfremden könnte, oder daß er die Situation ausnützen würde und sich eine Freundin zulegen würde, hatte ich nie. Sicher, das hört sich überheblich an, doch im Grunde meines Herzen war ich von seiner Liebe zu mir überzeugt, sonst hätte ich ihm das nicht zugemutet. Er war und ist auch kein Frauenheld, obwohl ihn die Frauen ganz gern haben. Es liegt an seiner kompetenten, aber doch auch bescheidenen, ruhigen Art, gepaart mit häufig viel Humor. Die meisten der Frauen, die ihn und mich zu kennen glauben, meinten auch, das ich ihn gar nicht verdient hätte. Aber sie sehen auch nicht, was unter der Oberfläche los ist. Und was ist unter der Oberfläche los? Das für mich am belastendsten, wie sich im Lauf der Jahre herausstellte, war sein Nichtbedürfnis nach körperlicher Liebe und das unter der Bettdecke nichts los war. Da hatte ich nun, was ich mir gewünscht hatte – einen Mann, der mich wirklich liebte und einen guten, verläßlichen Freund, der es zudem als erster verstand meine schlummernden geschlechtlichen Triebe zu erwecken, sie aber oft nicht befriedigte. Er schmuste und küßte mich zwar immer gern – auch heute noch – doch immer dann, wenn ich glaubte, es ginge jetzt zur Sache, zog er sich zurück. Manchmal meinte er dann Scherzhaft: “So das muß für heute reichen.” In den zwei Jahren vor unserer Heirat glaubte ich in seinem Verhalten den Einfluß einer strengen katholischen Mutter zu spüren, womit ich auch nicht ganz falsch lag. Sie hatte einen sehr starken Einfluß auf ihn und wenn er bei mir war, in meinem Elternhaus, kam regelmäßig um zehn Uhr abends ihr Kontrollanruf (das ist nicht gelogen und er war bereits über dreißig), daß es nun Zeit für ihn wäre, nach Hause zu kommen, was er auch befolgte. Ich fand das schon seltsam, aber auch irgendwie komisch und machte mir darüber keine weiter Gedanken. Damals jedenfalls noch nicht, die Gedanken kamen später. In meiner Naivität glaubte ich ernsthaft, daß sich das mit unserer Heirat ändern würde, denn seine Anhänglichkeit war groß und seine Küsse leidenschaftlich. Wenn er erst einmal dem Einfluß seiner Mutter entzogen war, würde sich etwas ändern. Aber denkste! Wir heirateten und schon in der Hochzeitnacht hatte ich das unbestimmte Gefühl, das er nur mit mir schlief, weil es eben die Hochzeitnacht war. Fürs erste Drängte ich ihn nicht weiter, denn einen Sexprotz hatte und wollte ich ja sowieso nicht. Doch die Zeit verging und mein Verlangen nach ihm, den ich ja auch liebte wurde immer stärker. Aber immer wieder wies er meine, jetzt schon oft zaghafteren Versuch ihn zu Verführen ab. Ich denke, daß er oft nicht einmal begriff, wie sehr er mich damit verletzte. Ich versuchte es mit meinen begrenzten Mitteln ihn aus der Reserve zu locken, bis ich mich durch sein Verhalten so gedemütigt fühlte und es weitgehend unterließ. Dann, wie sollte es anders sein, wollte ich ein Kind. Er wußte, wie gerne ich ein Kind wollte. Gerade mal um den Eisprung herum, konnte ich nun damit rechnen, daß er mich in die Arme nahm und mich mit seinem Schwanz beglückte, was mich aber eigentlich nicht beglückte, denn ich spürte, er tat es nur aus Pflicht. Dann verging Monat um Monat und ich wurde nicht schwanger. Ich wurde unglücklich. Der Weg zu Arzt war vorbestimmt. Zuerst ich, daß ist ja klar. Doch als man bei mir kein Hindernis um schwanger zu werden finden konnte, ging auch er, wenn auch nicht gern, zum Arzt. Bei ihm wurde dann eine Verminderung der Spermien festgestellt, die gerade so an der Grenze lag und empfahl ihm eine Behandlung, welche die Spermienanzahl vermehren sollte. Der Arzt, der uns beiden das mitteilte, sagte am Ende des Gesprächs noch zu mir: “Und junge Frau, drängen sie ihren Mann nicht so häufig, dann kommt es von ganz allein.” Dazu schwiegen mein Mann und ich aus verschiedenen Gründen. Er wohl, weil er dazu nicht zu sagen hatte, ohne sich selber zu verraten und ich, weil ich dazu zu viel zusagen gehabt hätte. Aber ich wollte meinen Mann nicht bloß stellen damit, daß ich dem Arzt sagte, daß er kaum je mit mir Verkehr hatte, wenn er es nicht selber zugeben wollte. Aber am liebsten hätte ich dem Arzt ins Gesicht gerufen: “Einmal im Monat, halten sie das wirklich für zuviel!” Man nimmt ja zu oft aus falschen Motiven heraus Rücksicht. Denn daß ich das dem Arzt nicht gesagt hatte, hinterließ bei ihm wohl den falschen Eindruck, es könnte so sein, wie er es angenommen hatte. Andererseits, was kümmerte mich seine Meinung über mich? Und wie es das Schicksal wollte, kurz darauf, bevor noch die Behandlung bei meinem Mann erfolgen sollte, war ich schwanger. Ich war überglücklich. Nach dem wir uns dreieinhalb Jahre kannte und nach eineinhalb Jahren Ehe, war ich endlich schwanger. Was kümmerte mich jetzt noch, ob Josef mit mir schlafen wollte oder nicht. Ich war schwanger, ich war selig und ließ ihn die meiste Zeit mit meinen Forderungen nach Sex in Ruhe.
Das Kind (Florian) kam gesund auf die Welt und ich war glücklich wie noch nie. Anfangs war Josef etwas eifersüchtig auf ihn, aber ich zeigte ihm, daß er immer an erster Stelle bei mir kam. Ich tat sogar, als würde ich das Kind ihm zuliebe vernachlässigen, da legte er seine Eifersucht ab. Es ist erstaunlich, daß er überhaupt eifersüchtig war, aber tatsächlich war er es immer in reichlichem Maß. Im Grunde genommen weiß ich bis heute nicht so recht, was er in mir sieht und warum er so an mir hängt. Das körperlich war es jedenfalls nie, auch wenn er immer wieder einmal behauptet, das er mich begehrt. Wenn es so ist, kann er es wirklich sehr gut verbergen.
Das erst Jahr nach Florians Geburt verging schnell und weil ich so viel Freude mit ihm hatte, wünschte ich mir bald ein zweites Kind. Er sollte kein Einzelkind bleiben. Doch jetzt mischte meine Schwiegermutter, stärker als zuvor, mit. Hatte sie sich sonst schon des öfteren hinter meinen Mann verschanzt, wenn sie bei mir etwas erreichen wollte und auf Granit gestoßen war, ihn konnte sie noch immer beeinflussen und über ihn erreichen was sie wollte. Und sie wollte nicht, daß wir ein zweites Kind bekamen. Sie sagte mir klipp und klar, daß dann der (von ihr vergötterter) Enkel, den sie mir am liebsten weggenommen hätte, wenn sie gekonnt hätte, zu kurz kommen würde und wir uns außerdem aus finanziellen Gründen kein zweites Kind leisten konnte. Damals verstand ich nicht, warum meine Schwiegermutter diese Macht über meinen Mann ausüben konnte. Heute weiß ich es! Er hatte schlichtweg Angst vor ihr. Und viel Respekt war da sicherlich auch noch mit im Spiel. Diese Angst vor ihr lernte ich leider auch noch kennen, auch wenn es heute nicht mehr so ist und wir uns heute achten und gernhaben. (Zum Thema Schwiegermutter werde ich ersuchen zu einem späteren Zeitpunkt ein Buch heraus zu geben, um jungen Menschen eine Möglichkeit zu geben, mit ihrer eigenen besser fertig zu werden, falls notwendig).
Mein Mann gehorchte seiner Mutter und verweigerte mir in den nächsten Monaten weitgehend, den für ihn sowieso schon ungeliebten akrobatischen Teil unserer Ehe. Es wurde die Hölle für mich. Ich war verzweifelt und depressiv, denn mein Kinderwunsch war unvermindert stark. auch war es nicht so, daß wir noch jung genug waren um lange noch länger mit dem Zweiten zu warten. Ich wurde bald dreißig und Josef war inzwischen siebenunddreißig. Als ich sein Verhalten nicht mehr aushielt, zog ich mit dem einjährigen Sohn zu meinen Eltern, die im Gebirge lebten. Bei ihnen wollte ich einige Wochen verbringen und mir überlegen, wie es weiter gehen sollte. Die latente Hörigkeit meines Mannes zu seiner Mutter machte mir Angst und sie selbst auch. Es dauerte nicht lange und mein Mann reist mir nach. Er vermißte mich schrecklich und sagte mir das auch. “Meine Mutter ist mir scheißegal”, sagte er in seiner Erregung zu mir. ” Soll sie doch machen was sie will. Du bist mir auf jeden Fall das Wichtigste auf der Welt. Bitte komm zurück. Du sollt auch ein weiteres Kind haben.” Ich wollte aber ein weiteres Kind nur dann haben, wenn er es auch wollte. Ich stellte mir vor, wie er es ablehnen würde, nur weil es mein alleiniger Wille gewesen war, es zu bekommen. Aber auch er war jetzt überzeugt, daß ein zweites Kind für die Familie gut sei. (Für mich sind Eltern, die “bewußt” nur ein Kind haben, große Egoisten, die nicht wissen was sie versäumen, wenn sie auf dieses Glück verzichten).
Ich fuhr mit ihm zurück, nach Hause. Ab da mühte er sich redlich mich schwanger zu bekommen. Es wurde monatlich der Eisprung gemessen, um gezielt mit einander zu kopulieren. Doch es geschah nichts. Über Monate hinweg immer wieder die Erwartung, um dann mit dem Einsetzten der Regelblutung furchtbar enttäuscht zu sein. Wer das nie mitmachen mußte, kann sich nicht vorstellen, wie grausam das ist. Die Jahre vergingen und Florian war inzwischen dreieinhalb Jahre alt. Josef ließ sich wieder vom Arzt untersuchen und das Ergebnis war nicht gut. Die Anzahl der Spermien war weiter gesunken und eine erneute Schwangerschaft zwar nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich. Jetzt war ich dreiunddreißig und die Zeit lief mir langsam davon. Von Monat zu Monat wurde ich trauriger, wenn es wieder nicht geklappt hatte. In fremde Kinderwägen konnte ich nicht mehr hineinschauen, ohne sofort in Tränen auszubrechen. Ich war in einem Zustand, den ich kaum beschreiben kann, den ich aber nie wieder erleben möchte. Irgendwie lebte ich nicht mehr in einer realen Welt, so nahm mich der Wunsch nach einen weiteren Kind gefangen. Wenn ich mein damaliges Verhalten heute analysiere, so komme ich zu dem Ergebnis, daß ein zweites Kind für mich, unter anderen, bedeutete, mich besser vor meiner herrschsüchtigen Schwiegermutter schützen zu können. Ein zweites Kind würde mich glücklich machen, dem Florian ein Geschwisterchen sein und mir wenig Zeit lassen, für die üblichen Akttakten der Mutter meines Mannes. Als mein seelischer Zustand sich soweit verschlechtert hatte, daß ich es kaum mehr ertragen konnte, packte ich wieder einmal den Florian und fuhr für einige Tage fort. Ich mietete mich in einer Pension ein. In einer zauberhaft schönen ländlichen Landschaft hoffte ich meine Nerven zu beruhigen und auch sonst zur Ruhe zu kommen. So wie es aussah, mußte ich mich damit abfinden, nicht mehr schwanger zu werden. Ich konnte nicht für den Rest meiner Tag darauf warten es doch noch zu werden. Mit diesem Frust in meinem Herzen war ich auch für den kleinen Florian keine gute Mutter und das hatte er nicht verdient. An Josef dachte ich mit keinen guten Gedanken. Er hatte es mir eingebrockt. Hätte er sich von Anfang an mehr bemüht, wäre uns vieles erspart geblieben. Er wußte um seine geringe Zeugungsfähigkeit und auch, daß sie mit der verstreichenden Zeit nicht besser werden konnte. Wie hatte er sich da auch noch von seiner Mutter überreden lassen können, sich mir zu entziehen. Was blieb mir denn viel in dieser Ehe; und wenn ich schon keinen Sex bekam, so wollte ich doch wenigsten die zwei Kinder, die ich mir so wünschte. Und doch schien dieser Wunsch für nicht mehr erfüllbar.
Als Stierfrau habe ich so meine vernünftigen Momente und darum schob ich für die Ferientage erst einmal alles beiseite. Meine Gedanken und Gefühle mußten sich ausruhen. Ich widmete mich ganz dem kleinen Florian, der es genoß, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei einem Mittagessen in einem Gasthof lernte ich dann einen netten Mann kennen. Wir fanden Gefallen an einander, und als es sich ergab, hatte ich keine Hemmungen seine Geliebte zu werden. Auf wen hätte ich Rücksicht nehmen sollen. Etwa auf meinen Mann, der nicht mit mir schlafen wollte. Was konnte es ihm schon bedeuten, wenn es ein anderer tat. Ich verheimlichte es ihm auch nicht. So konnte ich nicht in Verlegenheit gebracht werden, falls sich Florian am Telefon, wenn er mit ihm sprach, verplappern würde. Es kam mir nie in den Sinn, den Jungen zum Lügen zu bewegen. Was ich tat, das wollte und konnte ich auch verantworten. Es war ja Josef selbst, der mich in diese Situation trieb. Er konnte doch nicht im Ernst erwarten, das ich in der Art einer Nonne mit ihm weiter leben würde. Oder konnte er doch? Ich aber war noch jung und meine natürlichen Triebe trieben mich. Manchmal bis zum schieren Wahnsinn, wie es mir vorkam. Und wenn er es nicht konnte oder wollte, würde eben ein anderer an seiner Stelle mir Gutes tun. Und es tat mir gut. Der Mann, den ich da kennen gelernt hatte war ein potenter, zärtlicher ausdauernder Mann. Auf diese Art hatte ich noch keine Bettgeschichte erfahren. (Wie sollte ich auch, fehlte mir dazu im Wesentlich die Erfahrung).

21:45, höchste Zeit für mich ins Bett zu gehen. Ich merke, daß ich versucht bin so vieles auf einmal aufzuschreiben, so wie, wenn man einen dreifachen Hamburger mit Zutaten schichtet, den man aber dann auch nicht auf einmal essen kann. Also, morgen mehr von allem.

12. Juni 1994
Ich weiß nicht warum mir immer wieder Dinge passieren, die ich eigentlich nicht möchte. Natürlich habe ich eine gewisse Ahnung, denn es kann nur Gutmütigkeit, Naivität oder schlichtweg Dummheit sein. Wie zum Beispiel unser letzter Urlaub. Und wenn man es genau nimmt ,wollte ich ihn nicht einmal machen, weil wir zu der Zeit finanziell so in den Miesen standen, daß es fast nicht mehr darauf ankam, ob es fünfhundert Mark mehr waren oder nicht. Und deshalb sind wir dann auch gefahren. Das heißt, gefahren sind wir eigentlich nur deshalb, weil unser Herrn Sohn Christoph mit seinen fünfzehneinhalb Jahren, seine erste große Liebe, die an unserem Urlaubsort wohnte, unbedingt besuchen wollte. Ach, ich kann ihnen sagen, das ist ganz schön anstrengend und nervend. Er ist so verliebt, daß schon die Andeutung von mir, wir könnten es uns in diesem Jahr nicht leisten hin zu fahren oder wenn doch, dann nur wenige Tage, ihm die Tränen in die Augen trieb. Wirklich, das ist keine Lüge. Da stand dieser, schon fast erwachsene junge Mann vor mir, körperlich muskulös und schlank vom Training in seinem Karatekurs und hatte tränennasse, schimmernde Augen. Nun ja, ich schmolz dahin. Teils war ich ja stolz auf ihn, daß er so treu an seiner Evi hing, hatte er doch an seiner Schule mehr als genug Gelegenheit sich einem anderen Mädchen zuzuwenden und anderen teils hat man ja auch so seine Liebschaften hinter sich und weiß, wie es schmerzt, den geliebten Menschen nicht sehen zu können. Dieser Anlaß gab mir aber auch gleich die gute Gelegenheit, noch einige Konzessionen mit ihm auszuhandeln, denn in der letzten Zeit war er oft motzig und flegelhaft gewesen und er sollte es sich wenigstens etwas verdienen, daß wir trotz Geldmangels die Kosten für die Reise auf uns nahmen. So verlangte ich von ihm beispielsweise, daß er mir in den Tagen vor der Abfahrt vermehrt im Haushalt hilft. Vor allem das tägliche Geschirrmaschinenmausräumen und hin und wieder einmal die Räume durchsaugen sollte er erledigen. Und überhaupt könnte er durchaus ein bißchen freundlicher sein, ich liefe ja auch nicht den ganzen Tag mit einer Leidensmiene herum, wenn mir etwas nicht paßte. Man muß sich im Leben schon ein bißchen zusammen nehmen, auch wenn einem nicht alles nach seinem Willen ging. Und ich muß sagen, die Liebe ist wirklich eine Himmelsmacht. Er war mit allem einverstanden und hielt sich auch im Großen und Ganzen an das Abgemachte.
Das war aber nur die eine Seite. Die andere Seite war, daß unser älterer Sohn Florian, mit seinen zwanzig Jahren, auch mitkommen wollte; das aber zusammen mit seiner Freundin und einem Freund. Im Grunde gab es dagegen nichts einzuwenden, wenn auch er sich an einige Regeln halten würde. So sagte ich ihm in aller Deutlichkeit, ich es wünsche, daß ich sich selber verpflegen und weitgehend für sich selber sorgen sollten. Dazu gehörte das Wohnen in eigenen Zelt und das Zubereiten ihrer Mahlzeiten und das sie auch alleine einzunehmen hätte, damit wir nicht von einander abhängig wären. Gewitzt durch langjährige Erfahrung, wußte ich, daß gerade im Urlaub eine möglichst große Eigenständigkeit der verschiedenen Personen zu einem reibungslosen Ablauf des Zusammenlebens führte. Und gerade im Urlaub, möchte ich mich auch einmal richtig gehen lassen und nicht wieder auf die verschiedensten Wünsche der Familienmitglieder eingehen. Da unsere Buben beide bereits über fünfzehn Jahre alt waren, glaubte ich, ihnen das ohne weiteres antun zu können. Doch Theorie und Praxis sind nun einmal bekanntlich zwei verschieden Faktoren. Zwar erwiderte mir mein Großer auf meine Forderungen, daß das ja wohl ganz klar sei, aber dann klappte es doch nicht. Es ging mit dem Knatsch schon los, als ich in meiner Harmlosigkeit und weil ich doch nicht wissen konnte, daß Florian Sabine nichts davon gesagt hatte, sie fragte, ob der Michael bei ihnen mitfahren würde. Sie schaute mich daraufhin erst einmal mit großen erstaunten Augen an und fragte dann nach einer kurzen Pause etwas pikiert: “Was, fährt der auch mit?” Ihr Tonfall ließ mich aufhorchen und gleich hakte ich nach: „Ja, sicher, wußtest Du es nicht? Hat Dir denn Florian nichts gesagt? Das steht doch schon seit langem fest.” Ich sah sie dabei prüfend an. Ihr Gesicht verzog sich wie bei einem Kind, daß das Gewünschte nicht bekommt und ihre Augen schimmerten plötzlich verdächtig. “Na, na,” versuchte ich ich zu beruhigen. „Ich dachte, ihr versteht euch so gut und jetzt willst du nicht, das der Michael mitfährt. Das verstehe ich nicht. Ihr hängt doch sonst immer miteinander herum.” „Nun ja, sonst schon, aber wenn wir wegfahren, dann hängen die zwei womöglich zusammen und ich kann sehen, wo ich bleibe. Außerdem kann ich ihn eigentlich nicht so gut leiden. Früher hat er immer so an mir herum getatscht und das kann ich nicht ausstehen!” erklärte sie mir. Auch du liebe Güte, dachte ich bei mir, da sieht man mal wieder, daß nicht alles so ist, wie es den Anschein hat. Da meint man, ich seinen wer weiß wie mit einander befreundet und dann das. Aber ich hatte auch Verständnis für ihre Lage und wollte außerdem, das wir nicht schon mit Problemen wegfuhren. “Wenn das so ist,” sagte ich zu ihr, “dann werde ich mit dem Michael reden und ihn bitten zuhause zu bleiben. Er kann genau so gut ein andermal mit kommen.” Worauf sie aber sofort abblockte. “Nein, nein, wenn es jetzt schon so ausgemacht ist, möchte ich es nicht ändern,” sagte sie, aber ich merkte ihr an, daß ihr dieses Zugeständnis schwer fiel. “Schau mal, Sabine,” erklärte ihr ihr. “Es ist doch so, daß jeder von euch sein eigenes Zelt besitzt und ich werde dann den Michael mehr bei uns beschäftigen.” Diese Aussage glaubte ich machen zu können, weil Florians Freund sich gerne bei unserer Familie aufhielt und uns auch schon mal besuchte, selbst wenn Florian gar nicht da, um dann stundenlang bei uns herumzusitzen. Er machte dann seine Witze und ich blödelte mit ihm mit. Mein Mann reagierte dann schon hin und wieder eifersüchtig, was töricht war, denn als “Mann” zog Michael mich nun wirklich nicht an (noch dazu war er kaum älter als Florian, auch wenn das nicht unbedingt ein Grund gewesen wäre, mich zurück zuhalten, denn es gibt Frauen in meinem Alter, die es mit noch jüngeren Burschen treiben). Ich wußte, daß ihm unsere unbeschwerte Art, mit der wir mit einander umgingen, gefiel, denn seine Eltern sind, übrigens genau so wie die Eltern von Sabine, geschieden und seine Mutter und ein leicht unterbelichteter Bruder, geben ihm nicht das, was er scheinbar glaubte bei uns zu finden. Schon von jeher habe ich ein großes Mitgefühl für Menschen empfunden, die scheinbar nicht so gut im Leben weg kommen. Michael ist einer davon. Auch wenn es nicht viel bringt und er es wahrscheinlich nicht wollte, wenn er meine Gefühle wüßte, kümmerte ich mich mehr um ihn, als ich sollte. Mit der Sabine geht es mir auch ähnlich. Auch sie scheint ein armes Hascherl zu sein und so bemühte ich mich, wieder einmal mehr um jemanden, als für mich gut war. Denn eigentlich kann ich es nicht mit ihr, um es vorsichtig auszudrücken. Nicht das ich mir direkt unsympathisch ist, nein das nicht, aber auf irgendeine Art und Weise geht sie mir gegen den Strich. Allein schon ihre Figur! Sie ist leider sehr dick, was alleine noch kein Grund wäre sie nicht zu mögen. Aber auch ihre Kinderstube und Erziehung lassen zu wünschen übrig und oft wirkt sie muffelig und mürrisch. Doch was soll’s, daß ist ja schließlich nicht mein Problem, sondern das vom Florian. Er hat sie sich ausgesucht und er muß mit ihr auskommen. Und allem Anschein nach, liebt er sie heiß und innig, trotz ihrer körperlichen Fülle. Oder gerade deswegen, wer weiß das schon. Nach einigem hin und her, kamen wir jedenfalls überein, alles so zu lassen, wie es geplant war. Wer von uns aber letztendlich Michael mitnehmen würde, entschied sich erst in letzter Minute, wenn sein Dienstende an diesem Tag feststand. Hätte er früh genug aus, würden ihn Florian und Sabine mitnehmen, ansonsten nahmen wir ihn eben mit. Man wird es abwarten müssen.
Zwei Tage später, als Michael bei uns hereinschaute, ergab sich ein Gespräch mit ihm über die Sache mit Sabine. Ich wollte es so nicht auf sich beruhen lassen und möglichem Ärger für das gemeinsame Wochenende vorbeugen. Ach, wie naiv von mir! Zwar gab es den Ärger dann nicht zwischen den jungen Leuten, sondern kam in ganz anderer Art auf mich zu. Jedenfalls sagte ich ihm in aller Offenheit und mit leichtem Herzklopfen, wie sich Sabine zu seiner Mitfahrt geäußert hatte. Er war gleich ziemlich empört darüber, das muß ich schon sagen. “Das verstehe ich nicht,” sagte er aufgeregt zu mir, “wir sind doch sonst auch zusammen und da hat sie doch noch nie so reagiert.” Fast tat es mir schon leid, überhaupt etwas zu ihm gesagt zu haben, aber jetzt hatte ich schon angefangen und wollte es nicht feig abbrechen. “Ich glaube, sie hat angst, daß sie nicht viel von Florian hat, wenn du mitfährst,” erklärte ich ihm. „Sie meint, daß ihr dann zusammen Dinge unternehmt, bei denen sie ausgeschlossen ist, wie beispielsweise beim Segeln.” “Ach, so ein Schmarren,” sagte er lebhaft. “Ich war doch schon einmal mit ihrem Mann und Christoph unten, ohne daß sie dabei waren, was soll das also?” Worauf ich etwas lahm antwortete: “Ich weiß es auch nicht so genau, „denn das wußte ich wirklich nicht. Meine zaghafte Andeutung, er sollte eventuell dieses Mal aufs Mitfahren zu verzichten, lehnte er entschieden ab, was ich bewunderte. „Es ist jetzt schon so lange ausgemacht,” erklärte er mir, „und jetzt will ich auch mitkommen, auch wenn es dem gnädigen Fräulein nicht gefällt. Ich kann gar nicht glauben, warum sie meint, wir würden uns nicht verstehen,” setzte er noch hinzu. Ich versuchte ihn zu beruhigen und bat ihn, sich die Tage über, um des lieben Friedens willen, an uns, meinen Mann und mich zu halten, was er versprach. Insgeheim bewunderte ich ihn irgendwie. Wenn mich jemand nicht dabei hätte haben wollen, hätte ich mich schnell verschreckt und gekränkt zurück gezogen. Er bewies mir mit seiner Unnachgiebigkeit eine Selbstsicherheit, die ich bei ihm eigentlich nicht vermutet hätte, das muß ich schon sagen.
An dieser Stelle gestehen ich, daß ja mein Mann von Anfang an dagegen gewesen war, die ganze Bagage mit zunehmen. Da bei ihm aber meistens egoistische Gründe im Vordergrund stehen und ich eigentlich den großen Sohn auch einmal wieder gerne um mich haben wollte, denn seit er mit seiner Sabine zusammen war, sah man ihn kaum noch, stimmte ich ihn um. Vielleicht hätte ich das lieber nicht tun soll, denn was ich dann mitmachte, war schlimm für mich. Aber wer weiß das schon im Voraus! Dabei hätte ich gewarnt sein müssen, gingen doch bereits die Meinungsverschiedenheiten mit den jungen Leuten voraus, die sich nicht rechtzeitig miteinander ausgesprochen hatten. Ich denke mir oft, daß es wirklich falsch verstandene Rücksichtnahme ist, wenn sie nicht offen zu einander sind. Hätte Florian nämlich seiner Sabine ehrlich gesagt, daß der Michael auch mitkommt, von der er wußte, daß sie seinen Freund nicht so gern mochte, weil er sie früher, als unser Sohn sie noch nicht kannte, oftmals – so wie ich es ausdrückte – angetascht/berührt hatte und was sie nicht ausstehen konnte. Worüber sie mein vollstes Verständnis hatte, denn so etwas kann auch ich nicht ausstehen. Bei so einer Situation hat ein Mann einmal von mir, in aller Öffentlichkeit, eine heftige Watschen bekommen, weil er mir, wie unabsichtlich, mit seiner Hand über den Busen gefahren war und es, nach einer Warnung von mir, es nicht mehr zu tun, trotzdem noch einmal tat. So schnell konnte er dann gar nicht mehr reagieren, wie es auch schon patschte. Das war übrigens das zweite Mal, daß ich einen erwachsenen Mann geschlagen habe. – Ich selbst bin allerdings als Erwachsene noch nie geschlagen worden. Das hätte sich bei mir niemand getraut. Aber ich habe auch, um ehrlich zu sein, nie jemand dazu einen Anlass gegeben). – Weil ich verständlicherweise von diesen Vorfällen nichts wußte, und wir den Michael bereits schon einmal eingeladen hatten, woraus aber dann nichts geworden war, hatten wir jetzt nichts dagegen hatten, daß er mitfuhr. Ich hatte doch keine Ahnung, daß die jungen Leute, die sonst auch immer zusammenhingen, sich über die zwei gemeinsamen Tage nicht freuen würden. Und keinerlei Ahnung hatte ich, daß die junge Dame nicht wußte, daß Michael mitkam und schon gar keine, daß sie so gereizt darauf reagieren würde. Und unser lieber Florian hatte ja auch nichts dergleichen gesagt, was bei ihm nicht weiter verwunderlich ist, denn mit Mitteilungen war er immer schon besonders sparsam. Hätte ich gewußt, wie es um Sabine stand, hätte ich meinen Mund gehalten und es Florian überlassen, mit der, von ihm geschaffenen Situation fertig zu werden. Schließlich hatte er ja Sabine verschwiegen, daß Michael mit von der Partie war. Auch war da noch der Umstand, daß Michael keinen Führerschein und deshalb kein Auto besaß und es darum für ihn schwierig war irgendwo hin zu kommen. Er war darauf angewiesen, daß Florian oder Sabine ihn mitnahmen, denn jeder von ihnen hatte ein eigenes Auto. Und weil Michael ein humorvoller, hilfsbereiter und netter Kumpel ist, läßt Florian nichts auf ihn kommen läßt. Aber auch nichts auf seine Sabine, was ihn dann wohl in solche Situationen bringt, wie die, daß seine beiden Freunde mitfahren und die eine dem anderen, plötzlich aus einer gewissen Panik, dabei zu kurz zu kommen, über einen Umweg (mich!) offenbart, daß sie ihn nicht leiden kann. Dabei haben wir, mein Mann und ich, aus schon erwähnten Gründen nicht viel für Sabine übrig. In solchen Situationen erkenne ich so recht die Bedeutung mancher Sprichwörter: „Den kann man nicht riechen!“ So geht es mir mit der Sabine, ich kann sie nicht riechen. Ich wundere mich oft, daß Florian das nichts ausmacht. Aber ehrlich gesagt, er hat die Sauberkeit auch nicht gerade gepachtet und gleich und gleich gesellt sich ja gern. Wenn er mir mal wieder seine Wäsche zum Waschen hinlegt und ich seine Unterhosen in die Maschine stecke, frage ich mich schon, daß Sabine so eine Schweinerei, wie seine Hose nach einigen Tagen tragen, nichts ausmacht. Diese Hosen kann ich nur mit spitzen Fingern anlangen, so verpißt und schmutzig sind sie häufig. Vor allem, wenn er einige Tage bei ihr Übernachtet, nimmt er sich anscheinend keine Wäsche zu wechseln mit, und entsprechend sieht sie dann aus. Dabei habe ich bestimmt alles versucht, um ihn zur Sauberkeit zu erziehen. Nicht gerade mit allerletzter Konsequenz, denn ich bin der Meinung, daß eine gewisse freie Entscheidung auch Kindern zu kommt. Auch ist es mir, ich gebe es zu, lästig, immer und ewig hinter ihnen her zu sein und darauf zu achten, daß sie ihre Sachen alle richtig machen. Das gehört für mich zu einer Art von Lebensqualität, entscheiden zu dürfen, wie sauber man sein darf, auch wenn es für andere nicht so angenehm ist, und das gestehe ich auch meinen Kindern (und mir selber) zu. Und dann stellt man fest, daß es außerdem ein großer Unterschied ist zwischen den eigenen Kindern und anderen. Was ich einiger Maßen gelernt hatte bei Florian zu akzeptieren, denn auch er riecht manches Mal ziemlich streng – um es mal milde aus zu drücken – störte mich das bei Sabine sehr. Ihr Duft hing häufig, wenn ich uns besucht hatte, noch lange in unseren Räumen auf eine sehr unangenehme Art und Weise. Bis auf den Florian störten sich alle Familienmitglieder daran. Aber ich hatte mir geschworen, mich so gut wie immer möglich aus dem Privatleben meiner Kinder heraus zu halten und beeinflußte auch dahin gehend meinen Mann. Ich selbst hatte es gehaßt, eingeengt und gegängelt zu werden. Das wollte ich meinen Kindern ersparen und hatte ihnen immer die frei Entscheidung gelassen, mit wem sie verkehren wollten.
Josef war von seiner Mutter, als ihr einziges Kind, so eingeengt worden, daß er sich oft nur mit Notlügen einen Freiraum schaffen konnte, in dem er einiger Maßen leben konnte. Daran erinnerte ich ihn immer, wenn er versuchte, unsere Kinder versuchte zu sehr einzuengen. Sicher wußte ich, daß er es in guter Absicht tat, aber kann man Kinder in Watte packen?
Wie auch immer, schließlich war am Freitag unser Abreisetag da und wir fuhren los. Florian konnte bereits am Freitag um 14 Uhr mit seiner Sabine abfahren. In der Zwischenzeit hatte nämlich Michael bei mir angerufen, um mir mitzuteilen, daß er noch dienstlich unterwegs sei und es nicht schaffen würde rechtzeitig zurück zu sein, um mit ihnen mitzufahren. Also würden wir ihn nun mitnehmen müssen, was kein Problem war, ich würde nur beim Einräumen der Gepäckstücke im Auto, einen Platz für ihn frei lassen müssen. Das ging gut, denn zum Wagingersee nehmen wir immer den kleinen Anhänger mit, so daß wir nicht alles gedrängt ins Auto einräumen müssen. Bis wir dann auch wegkamen, war es fünf Uhr. Es ging leider nicht früher. Josef kam erst kurz nach drei Uhr aus dem Büro nach Hause und hatte noch nichts eingepackt. Ich selbst hatte zwei sehr anstrengende Wochen hinter mir und wollte mich nicht mehr hetzen lassen. Josef, Christoph und ich würden ja neun Tage bleiben und so hatte ich an vieles zu denken. So mußte ich nicht nur an meine eigenen persönlichen Dinge denken, sondern auch an Handtücher, Bettwäsche, Geschirr und Geschirrtücher und an verschiedene Lebensmittel, denn das Wochenende stand bevor und ich wollte nicht dort noch einkaufen gehen müssen. Allein aus der Gefriertruhe holte ich mehrere Kilo Fleisch von der letzten Schweineschlachtung heraus, denn für den Samstag hatte ich die jungen Leute zum Grillen einladen. Ansonsten würden sie sich selber versorgen, dachte ich! In der Mitte der Woche, wollte ich dann auch noch die Eltern von Christophs Evi, diese ihrem Bruder und die ganzen Aichers, unsere Bauernfamilie, bei denen unseren Wohnwagen stand, dazu einzuladen. Das Fleisch normal zu kaufen, hätte unser Mittel natürlich überstiegen, aber so, aus der Gefriertruhe heraus, konnte ich schon auch einmal etwas großzügig sein. Und bis dann eben alles so fertig war und ich noch einmal durch das Haus gegangen war, fuhren wir, fast zwei Stunden später als vorgesehen, los. Darüber machte ich mir aber keine Gedanken. Es war jetzt lange hell und wir würden noch rechtzeitig vor dem Dunkelwerden ankommen. Florian hatte bis dahin sicherlich sein Zelt aufgestellt, und für die Zelte von Christoph und Michael benötigte man nur kurze Zeit. Die Fahrt war angenehm. Auch mit dem Wetter hatten wir großes Glück. Es schoben sich zwar schwere dunkle Wolken von rechts und links vor uns her, aber es kam nicht zum Regnen. Die beiden Buben und mit ihnen unsere Katze Daisy, verschliefen fast die ganzen zweieinhalb Stunden. Michael, weil er sehr müde war – er war an diesem Tag bereits seit fünf Uhr morgens unterwegs gewesen – und Christoph aus Gewohnheit. Katze Daisy, die seit seiner zartesten Jugend mitfuhr und der unser Wohnwagen samt Umgebung zur zweiten Heimat geworden war, saß auf meinen Schoß, dem kühlsten Platz im Auto, denn immer wieder schickte die Sonne ihre Strahlen durch die bedrohlichen Wolken und heizte uns ein. Ansonsten lag sie mit Vorliebe auf der hinteren Ablage und schlief, die Pfoten über ihr Gesichtchen gelegt, den festen Schlaf der Gerechten. Darin unterschied sie sich in keiner Art und Weise von den Buben. Endlich kamen wir an. Bereits von der Hauptstraße aus konnten wir erkennen, daß Florian sein Zelt erst begann aufzustellen. Ich hatte ihm für den Fall der Fälle, daß wir länger brauchten, den Wohnwagenschlüssel mit gegeben, damit sie, wenn sie ankamen, und das Wetter kühl war, hinein gehen und es sich darin warm machen könnten. Jetzt war es fast acht Uhr, als wir kamen und sie jetzt erst damit beschäftigt ihr Zelt aufzustellen. Die Begrüßung fiel kurz aus, denn gleich begannen die Probleme. Auf meine Frage, warum sie das Zelt noch nicht aufgestellt hätte, erklärten sie, daß es die ganze Fahrt über geregnet hatte – daß waren die Regenwolken, die über uns geschwebt, aber verschonten hatten. Bei ihrer Ankunft war die Luft kalt und Sabine froh, daß sie bei den Bauern in der warmem Stube unterschlüpfen durften. “Warum hast du denn nicht im Wohnwagen geheizt?” fragte ich Florian, aber er zuckte nur mit Achseln. Da wußte ich, daß es ihnen zu viel gewesen war, die paar Teile, die dazu heraus geräumt werden mußten, wegzuräumen und hatten den leichteren Weg, die freundlich angebotene Stube, angenommen. Dann, als sie ahnten, daß wir bald da sein würden, und die Nacht näher rückte, hatten sie sich aufgemacht ihr Zelt aufzustellen. Das heißt, Florian stellte auf und Sabine stand, gut verhüllt daneben. Dann fragte mich Florian auch noch, warum das Innenzelt nicht dabei sein. Ich war höchst erstaunt über seine Frage. Seit es das letzte Mal, von ihm selbst benutzt worden war, hatte es niemand mehr gebraucht. Er selbst hatte es bei dem letzten Mal zusammen gelegt, aber nicht ordentlich verstaut.

30. Juni 1994
Gestern Abend beim Einschlafen ist mir wieder eingefallen, daß es durchaus auch einen handfesten realen Grund für Josefs Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit mir gab, es war mir nur nicht mehr gegenwärtig. Ziemlich zum Anfang unserer Ehe bekam er eine Pilzerkrankung an seinem Geschlecht. Ohne Frage steckte er mich damit auch an. Während es in meiner Scheide juckte und brandte und alles feuerrot war, hatte er ähnliche Symptome, nur daß sich bei ihm außerdem die Haut über der Eichel schälte. Die entblößte Stelle darunter war sehr schmerzempfindlich, gleich einer aufgeschürften Wunde. Wir ließen uns sofort beide Behandeln und es heilte. Doch kaum hatten wir (selten) doch einmal Verkehr, ging es wieder von vorne los. Es ging über Monate und ich konnte mir nicht vorstellen, warum das so war. Schließlich entdeckte ich die Ursache doch noch. Mein Mann hielt es jetzt in der Ehe nicht mehr für wichtig sich täglich seinen Unterleib zu waschen.
Entschuldigung, aber gerade hörte ich da im Haus eine Tür gehen. Mal sehen wie spät es ist. Aha 12:30.
Ich bin zur Tür gegangen und habe “Hallo” gerufen. Mit verschlafener Stimme hat mir der jüngere Sohn geantwortet. “Warst du heute nicht in der Schule?” fragte ich ihn verwundert. “Nein,” antwortete er mir. “Und warum nicht?” fragte ich weiter. “Ich hatte so schlimme Kopfschmerzen, ” erwiderte er mir. Darauf sagte ich nichts mehr. Aber das ist wieder einmal typisch für ihn. Am Abend vorher war er noch zu seinem Karatetraining gegangen, bei dem er sich immer recht reinhängt und das bis einundzwanzig Uhr dreißig dauert. Anschließend hatte noch im Wohnzimmer ferngesehen. Ich hatte es wohl bemerkt, aber nichts gesagt, denn er hätte mich nur angefaucht, wenn ich ihm gesagt hätte, er solle ins Bett gehen. Dafür hat er heute die Schule geschwänzt, um sich von den gestrigen Strapazen zu erholen. Das hat er in Folge schon öfters so gemacht. Doch was soll ich noch machen? Er ist fast zu groß für Erziehungsversuche. Und wenn er jetzt noch nicht weiß wo es langgeht, lernt er es nie mehr. Und ich will auch,(das gehört mit zu meinem Experiment) daß er die Folgen für sein Handel erfahren kann. Dieses Schuljahr schafft er eh nicht mehr, daß ist jetzt ziemlich sicher, also was soll ich noch groß dagegen tun. Seit Beginn dieses Schuljahres macht er das schon so. Dabei hatte er mir versprochen, sich zu bessern. Ob das an seinem Alter liegt? Er beruhigt mich immer wieder damit, daß er mir sagt, daß er noch einer der wenigen ist, die noch nicht durchgefallen sind. Na danke, wenn das ein Trost sein soll. Allerdings sagte er mir auch, daß er in diesem Jahr kein Ziel vor Augen hatte, wofür es sich gelohnt hätte sich anzustrengen. Jetzt hat er eines. Er weiß nun anscheinend genau, was er beruflich werden will und möchte sich im neuen Schuljahr anstrengen. Ich werde mich hüten, das als bare Münze zu nehmen, denn Versprechungen dieser Art hat er bereits viele gemacht und sie dann doch nicht eingehalten. Auf seine Aussagen habe ich also nicht viel geantwortet. Nur, um ihn nicht zu entmutigen, erfreut getan. Ich warte ab, was kommt. Das was ich will, kommt sicher nicht und ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, das er im Leben zurecht kommt und bei all dem Lernen und dem später Berufsleben Freude an seinem Dasein hat.
Und jetzt zurück zu meinem Mann. Aber er wusch sich nicht nur selten den unteren Bereich seines Körpers, er wechselte auch nur alle Tage einmal seine Unterhosen, wie ich bei der Wäsche feststellen konnte. Seine ein bis zwei Unterhosen pro Woche hatte viel gelbe Flecken auf der vorderen Seite und eine dicke braune verwischte Spur da wo sie den After bedeckte. Einige Zeit lang nahm ich es schweigen hin, denn ich vermutete, daß es ihm peinlich sein würde, darüber zu reden und ich wollte in aus Liebe nicht in Verlegenheit bringen. Als sich aber die Pilzerkrankung immer wieder periodisch wiederholte, mußte ich ihn zur Rede stellen. All die Behandlungen würden doch nie zu einem Ergebnis führen, wenn er sich nicht sauber hielt. Es war ihm peinlich. Aber er sah letztendlich ein, daß es daran liegen konnte. Ganz überzeugt war er anfangs allerdings nicht. Ich aber forderte vom ihm energisch, daß er sich von nun an jeden Tag eine frische Hose anzuziehen hätte. Er tat es und mit der Pilzerkrankung wurde es besser. Besser wurde nicht die wunde Stelle auf seiner Eichel. Mit dieser wollte er natürlich nicht mit mir verkehren, denn daß hineinstecken seines Penisses im meine Scheide bereitete ihm Schmerzen. Wieder ließ er sich behandeln. Eines Tages gestand er mir, daß der Arzt die Krankheit als Mönchskrankheit bezeichnet hätte. Mir gingen die Augen auf. Das würde bedeuten, daß er sich selber so heftig und oft befriedigte, daß sich sein Penis davon so entzünden konnte. Was war nur los mit ihm. Mit mir zusammen wollte er sich kaum befrieden, sondern tat es still und heimlich allein, während ich mich nach ihm verzehrte und manchmal bittere Tränen weinte, weil er mich vor dem Einschlafen, noch dazu nach einer heftigen Küsserei, wieder einmal, wenn auch freundlich, abgewiesen hatte. Warum nur tat er es. Ich zermarterte mir den Kopf. Fand er mich nicht begehrenswert? Meine diesbezüglichen Fragen wehrte er aber immer entrüstet ab. Fragte ich ihn aber dann nach seinem Grund, wußte er nichts zu sagen. So allein gelassen stellte ich mir die verschiedensten Ursachen vor. Konnte es immer noch der prüde Einfluss seiner Mutter sein? Oder lag es doch an mir und er wollte es nur nicht zugeben? War ich ihm nicht hübsch genug? Ich wußte es nicht, versuchte aber damit zu leben. Und die Krisen die es deswegen gab, habe ich immer irgendwie überstanden.

01. Juli 1994

Das wars im großen und ganzen, was ich zu meinem “Eheleben” zu sagen hatte. Wie in anderen Ehen ging es auf und ab. Zwar wurde ich häufig von anderen um meine Ehe und um meinen Mann beneidet, da ich von unseren Schwierigkeit nicht viel an die Oberfläche ließ. Und Josef ist eh ein Mensch, der von seiner Erziehung her schon dazu neigt, negatives zu verschweigen. Ging es abwärts, war mir manchmal, als müßte ich davon laufen. Ging es aufwärts, umarmte ich die ganze Welt. Also alles ganz normal.
Die Kinder wurden größer. Auch wenn ich es nicht recht wahr nahm, wurde die Arbeit für mich nun doch weniger. Meistens kommt einem das deshalb nicht so zu Bewußtsein, weil die eigene Kraft im Lauf der Jahre weniger wird.
Seit Jahren tat ich nun Tag aus Tag ein immer wieder die selben Dinge, die sich im Zusammenhang mit dem Haushalt ergaben. Dabei hatte ich Talente, die ich mir fest vorgenommen hatte, später einmal, wenn die Kinder mich nicht mehr so brauchten, zu nützen.
Doch ins Berufsleben, so hatte ich geglaubt, würde ich nie wieder zurück kehren. So früh hatte ich damit begonnen und immer meine Schwierigkeiten mir Vorgesetzten gehabt, daß ich mir das nun nicht auch noch antun wollte. Josefs Gehalt war zwar nicht riesig, aber bei den bescheidenen Wünschen die wir hatten, kamen wir einigermaßen damit zurecht. Jedenfalls redete ich mir das ein, denn es hätte nichts genützt, mehr zu verlangen. Eines Tages jedoch überkam es mich wie eine Vision. Wenn ich jetzt doch nochmal ins Berufsleben einsteigen würde, könnten wir uns Dinge leisten, von denen wir vermieden hatten, davon zu träumen. Gedacht getan. Ich begann nach geeigneter Arbeit zu suchen. (Über dieses Kapitel gibt es ein eigenes Buch). Und scheiterte, und scheiterte und scheiterte! Es war kein Wunder. Ich hatte mir doch tatsächlich eingebildet, ich könnte da anknüpfen, wo ich vor über zwanzig Jahren aufgehört hatte. Das Leben in und mit meiner Familie hatte mich gewissermaßen wie in einem Glashaus leben lassen. Ich hatte keine Ahnung mehr, was draußen vor sich ging. Da nützte es auch nichts, daß ich es rein geistig wollte.
Nach den ersten Fehlschlägen, ging ich systematischer vor. Ich analysierte meine Lage. Gute Ratschläge von Freunden halfen auch weiter. Schließlich meldete ich mich bei einem Computerkurs an, da diese Fähigkeiten dem jetzigen Zeitgeist entsprachen. Für vier Monate setzte ich mich wieder von Montag bis Freitag vier Stunden täglich auf die Schulbank. Ich fand es toll. Es war lange nicht so anstrengend als die Hausarbeit und wesentlich interessanter. Jeden Tag stand ich um sechs Uhr auf, um mit allem, was sonst noch erledigt werden mußte, fertig zu werden. Trotzdem blieb nun vieles liegen.Für den Unterricht hatte ich außerdem immer viel zu lernen, und damit ich nicht schlapp machen würde, bat und forderte ich von meiner Familie nun endlich einmal verstärkt mit zu helfen im Haushalt.

10:01, ich habe einen Friseurtermin und muß jetzt gehen.

Um 23:02 wollte ich weiter schreiben, aber dann tat ich es doch nicht. Irgendwie ist mir ein bißchen die Luft ausgegangen nach all dem, was ich mir bereits vom Herzen geschrieben habe. Und es war den ganzen Tag über so heiß, daß ich nicht viel Lust zum Schreiben hatte. Eben habe ich das Licht ausgemacht zum Schlafen, aber meine Gedanken sind bei meinem Buch und bei dem was ich bisher geschrieben habe. Wenn ich all das, was ich bisher so preisgegeben habe, über denke, kann man sich vielleicht fragen, warum ich noch bei diesem Mann blieb, mit dem ich nicht mehr glücklich war. Ich werde versuchen ehrlich darauf zu antworten. Dazu frage ich mich selbst erst einmal: Ist es meine eigene Unfähigkeit und Bequemlichkeit in meinem weiteren Leben ohne ihn fertig zu werden? Diese Frage stellte ich mir schon oft. War es das? Schreckte ich davon zurück, selber wieder Geld verdienen zu “müssen”? Diese Frage kann ich nicht ohne weiteres verneinen. Es ist mir ja schon immer klar gewesen, daß ich mich im Berufsleben nicht gerade sehr bewehrt hatte, auch wenn ich es Notgedrungen machte, um meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Trotzdem hatte ich Josef nicht geheiratet, um finanziell gesichert zu sein. Es war eine schon eine Liebesheirat. Und heute nach so langer Berufsentfremdung habe ich nicht mehr die Fähigkeiten dort anzuknüpfen, wo ich vor dreiundzwanzig Jahren aufgehört habe. Ich habe es versucht, mehrmals und ehrlich versucht, aber ich bin gescheitert. Und leider nicht nur das, wir haben dadurch auch viel Geld verloren, weil skrupellose Geschäftemacher meine Situation erkannten und für sich Profit daraus schlugen. Ich habe mich zwar weitergebildet mit Englisch und EVD- Verarbeitung, als ich merkte, daß mir das weiter helfen könnte und bin ganz gut darin, aber ich kann keinen Chef mehr ertragen, der mir sagt, wo es lang geht. Zu lange war ich gezwungen Entscheidungen zu treffen, die niemand außer mir übernehmen wollte für die Familie, daß ich Fähigkeit zum Unterordnen verloren habe.
Und dann ist da immer noch die Vorstellung, wie es mit Josef sein könnte. Das ist das Schlimmste für mich. Es ist wie an Weihnachten, wenn die Erwartungen immer höher steigen und der heimliche Blick durchs Schlüsselloch ins Weihnachtszimmer hinein einem einen kleinen Ausschnitt der zu erwartenden Herrlichkeiten zeigt, die Tür aber verschlossen bleibt und die Feier ohne dich statt findet. Und dann noch diese steten Rücksichtnahmen auf alle möglichen Menschen, die von dem Wohlbefinden unserer Ehe irgendwie abhängen. Wie würden die Kinder darauf reagieren? Wie würde seine Mutter, mit der ich mich inzwischen so gut verstand und die bereits vierundachtzig Jahre alt ist, damit fertig werde? Er ist ihr einziger Sohn und all ihre Gedanken und Hoffnungen gelte immer nur uns.
Und dann ist da noch Josef, von dem ich weiß, daß er mich liebt und der im Wesentlichen nicht richtig begreift, was ihm geschieht. All die Jahre hat er die Augen geschlossen vor meinen Problemen, in der Hoffnung, daß wenn er sich ruhig hält, die Probleme von alleine verschwinden. Der vielleicht auch gehofft hatte, ich würde mit den Jahren ruhiger werden und mein Geist und Körper das Verlangen verlieren von ihm befriedigt zu werden. Aber ich bin noch keine fünfzig Jahre alt. Was soll ich nur tun? Was kann ich tun? Was ist das Richtige, wenn ich etwas tue? Nun ja, ich muß Geduld haben. Mit meinem Experiment, habe ich ja bereits begonnen etwas zu bewirken. Nach und nach zeigen sich die ersten Veränderungen bei meinen “Männern”, durch meine Schweigsamkeit. Ich antworte nicht mehr auf Fragen, die sie hundert mal bereits gestellt haben und deren Antwort sie mit einiger Überlegung selber wissen. Ich Antworte nicht mehr auf Fragen wie: Hast du dieses oder jenes gesehen? Wenn sie nicht aufräumen, sollen sie doch zusehen, wie sie die verschlampten Dinge wiederfinden. Ich lasse ihre Sachen dort lieben, wo sie sie hingelegte haben, denn ich bin nicht mehr für den Schweinestall zuständig, denn sie verursachen.

02. Juli 1994
Als ich vor einer Stunde in die Küche hinunter ging, war Josef schon aufgestanden. Er hatte eingekauft und saß nun auf der Terrasse bei seinem einsamen Frühstück. Ich machte mir einen Kaffee, als er zu mir kam. Er wünschte mir einen guten Morgen und ich er widerte ihn. Dann deutete er auf ein Körbchen mit Erdbeeren und sagte mit leicht belegter Stimmer, wobei er sich vorher noch räusperte:” Die sind von der Palme (ein in der Nähe gelegene Obstplantage). Ein Pfund kostet 2 DM.” Ich antwortete darauf nichts. Vermutlich sollte das ein Annäherungsversuch sein. Diese Geste zeigt so deutlich seine Hilflosigkeit, daß es mich fast rührt. Aber wir haben im Moment so eine Fülle von reifen Beeren, angefangen von Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren im eigenen Garten, daß es wirklich überflüssig ist noch welche zu kaufen.
Auf meinem Weg nach unten habe ich kurz in das Zimmer des älteren Sohnes geschaut, da Musik heraus klang. Ich vermutete ihn nicht zu Hause. Er lümmelte angezogen auf seinem Bett und sah fern. Das Zimmer ein einziges Chaos. Mit einem Blick sah ich überall gebrauchtes Geschirr herumstehen. Schmutzige Wäsche lag verteilt herum. Sein Schreibtisch ein einziger Haufen Unrat. Die Dinge auf dem Regal ungeordnet und schlampig hineingestellt, die Schranktüre halb offen, mit heraushängender Wäsche. Wortlos schloß ich die Türe wieder. Seit Jahren ertrage ich diesen Zustand, weil ich ihn nicht ändern kann. So vieles habe ich versucht, um ihm etwas Ordnung bei zu bringen, jetzt wird er irgendwann mit seiner eigenen Erziehung beginnen müssen. Etwas später kam mir nach. “Ich bin extra gekommen, um aufzuräumen,” sagte er und stellte einen Schwung schmutzigen Geschirrs auf die Küchenablage. Aha, dachte ich, merkt er doch, daß es so nicht mehr weiter geht. Für gewöhnlich ist er jetzt immer ab freitagabends bei seiner Freundin und taucht erst wieder Sonntagsabends auf. Ich hatte mich ein wenig mit dem netten Nachbarehepaar über den Gartenzaun hinweg unterhalten, als er auch schon wieder fortging. Kurze Zeit darauf ging ich in mein Zimmer um weiter zu schreiben. Auf dem Weg dahin, schaute ich nochmals in sein Zimmer hinein. Sollte er wirklich aufgeräumt haben? Ich konnte es nicht so recht glauben, schließlich kenne ich ihn doch recht gut. Und wirklich, das Zimmer sah fast so aus wie zu vor. Nicht einmal sein Bett hat er gemacht. Und überhaupt, seit ich ihm nicht mehr sage, beziehe es jetzt sofort mit frischer Wäsche, hat er es nicht mehr frisch bezogen. Das ist über vier Wochen her. Der obere Rand der Zudecke ist schon grau vor Schmutz und das Bettlaken voller Flecken. Es graust mich das zu sehen. Aber er ist volljährig und hat das Recht so zu leben wie er will. Ich möchte ihm das nicht nehmen. Eines Tages wird, so hoffe ich, bei ihm der Knoten noch platzen. Oft denke ich darüber nach, was aus dem süßen Baby geworden ist, das ich mir so sehnlich gewünscht hatte. Es sind im Grund nur kleine Dinge, die mich an ihm stören, denn er ist ein netter, großer und gutaussehender Junge, der sich mit allen Leuten gut versteht und der überall Anerkennung findet. Aber auch kleine Macken können auf die Dauer gesehen, lästig sein. Es sind für gewöhnlich die kleinen Dinge, die meine Nerven reizen, weil ich denke, sie könnten doch so leicht abgestellt werden. Aber als Mutter mache ich mir Sorgen, daß er diese Unarten mit in sein Erwachsenen Leben mitnimmt und dann doch Schwierigkeiten deswegen bekommt. Jetzt beschränken sie sich vorwiegend auf den häuslichen Bereich. Seit September im vorigen Jahr hat er eine feste Freundin und ich setzte für eine Zeitlang meine Hoffnung darauf, daß ihr Einfluß ihn in Punkto Ordnung bessern würde. Es war ein Fehlschluß. Scheinbar macht es ihr nichts aus, wenn er sich tagelang nicht wäscht, tagelang seine Wäsche, vor allem seine Unterhosen nicht wechselt, so daß er stinkt. Wenn er ins Haus kommt, kann ich ihn riechen, bevor ich ihn sehen oder hören. Seine Freundin ist nicht unsympathisch. Aber sie ist wirklich sehr dick und auch sie hat einen Körpergeruch an sich, das einem Übel werden werden kann. Und das empfinde nicht nur ich so. Ich frage mich, warum sie sich nicht täglich waschen. Sie haben doch Sex miteinander, da muß der Geruch doch stören. Sind ihre Nasen denn so unempfindlich dagegen? Mich hat und würde das immer stören. Ein sauberer gepflegter Körper ist doch das mindeste, was man erwarten kann, wenn man so eng zusammen ist und wenn man Liebe macht. Florians Wäsche wasche ich seit Beginn des Experimentes nicht mehr. Vielleicht sieht er ja nie bewußt, wie verdreckt seine Wäsche ist, wenn er sie in die Wäsche gibt. Seine Unterhosen habe ich dann nur mit spitzen Fingern angelangt und den Atem angehalten, daß ich den Geruch nicht bemerken mußte. Seit den vier Wochen, in dem es so geht, hat er einmal gewaschen und die gewaschene Wäsche liegt seitdem – zum Glück wenigstens getrocknet – im Keller. Da liegt und liegt sie und ich muß mich beherrschen, sie nicht doch aufzuräumen. Es ist erstaunlich, daß er noch saubere Wäsche zum Anziehen findet. Aber jetzt habe ich ihm verboten, seine Freundin weiter mit zu uns nach Hause zu bringen. Ich bin sehr verärgert über sie. Warum? Sie war im Wesentlich der Auslöser, wenn auch nicht der Grund, für meinen Entschluß zu einem Experiment. Sie war der Tropfen, der mein Faß zum Überlaufen gebracht hat. Mag er sie lieben, so wie sie ist, daß ist seine Sache, aber ich muß mich doch nicht weiter mit ihr befassen.
Was ist geschehen? Vor vier Wochen, hatten wir sie, Florian und Sabine, eingeladen ein Wochenende mit uns an unserem Urlaubsort zu verbringen. Meine Bedingung war allerdings, daß ein jeder etwas für sich bleiben sollte, damit es zu keinen Verwicklungen kommt. Ich habe da schon so meine Erfahrungen. Sie waren einverstanden, das war, was sie auch wollten. Doch kaum angekommen, versuchte Sabine ständig das Kommando zu übernehmen. Da wie insgesamt sechs Leute waren und wir daran gewöhnt, dort zu tun, was jeder einzelne von uns tun wollte, störte ich es mich sehr. Ihr “Tun wir dies, tun wir das”, versuchte ich zuerst geduldig und freundlich abzuwehren. Bekam sie nicht, was sie vorschlug, zog sie eine leicht beleidigte Schnute. Damit erreichte sie, vor allem bei Florian, daß er sogleich nach ihrer Pfeife tanzte. Ich sah mir das an. Ich sah mir das stundenlang an. Immer wieder versuchte sie, wie meine Schwiegermutter in ihren besten Zeiten, uns zu manipulieren. Bekam sie ihren Willen, war sie fröhlich und aufgekratzt, bekam sie ihn nicht, wirkte sie beleidigt. Als sie Florian, vor meinen Augen dann auch noch regelrecht schikanierte, weil er, als sie ihn um einen Gefallen bat, nicht sogleich aufsprang und ihn erfüllte, riß meine Geduld. Zum ersten Mal sagte ich ihr, trotzdem immer noch in milder Art und Weise, meine Meinung zu ihrem Verhalten.

12:05, ich gehe mir jetzt einen Kaffee holen. 12:31 – gehts weiter.

Bereits auf dem Weg nach unten, als ich mir meinen Kaffee holte, kam mir ein gewisser unangenehmer Duft entgegen. Das ist auch so ein Punkt, den ich haße. Josef sitzt auf der unteren Toilette und macht sein Geschäft. Dazu nimmt er sich immer etwas zu lesen mit. Wenn dann sein Haufen im Klo liegt, vergißt er wegen des Lesens, rechtzeitig zu spülen. Der Duft dieses Häufchens dringt dann durch die Tür und durchzieht das Haus. Wie oft habe ich ihn schon gebeten, sofort danach zu spülen, aber wenn er glaubt ich bin nicht in der Nähe, tut er es wieder nicht. Es stinkt mir dann, denn meine Nase ist leider sehr empfindlich. Dieses Kloverhalten hatte er sich zu Hause bei seiner Mutter angewöhnt, da sie ihn anscheinend nie in Ruhe seine Zeitung lesen ließ. Irgendwie kann ich ihn schon verstehen, denn sie konnte es nicht sehen, wenn man scheinbar untätig herum saß. Ständig hatte sie irgendwelche Aufträge für ihn zu erledigen. Also war die Toilette der einzige Ort, in der er vor ihr Ruhe hatte, denn sie konnte schlecht kontrollieren, ob er tatsächlich schon fertig war damit oder nicht. Jetzt ist es so eine Gewohnheit von ihm, die er nicht mehr lassen kann. Es ist ihm anscheinend mehr Genuß beim Scheißen, wenn er dabei Lesen kann. Der ausströmende Geruch, der sich dann zum Teil in seine Kleider hängt, scheint ihn nicht zu stören. Hört er mich dann vorbei gehen, spült er schnell hinunter. Aber dann nützt es nichts mehr. Für eine Weile riecht es noch und ich kann es nicht leiden. Es stinke mir. In unserer Ehe hat er genügend Freiraum, seine Zeitung ausgiebig zu lesen. Ich jage ihn nicht ständig herum.
Was mich zurückbringt zu Sabine, Florians Freundin. Meine Meinung, die ich ihr damals sagte, war, daß der Junge für sie fünfmal mehr laufen und springen würde, als je für mich und sie sollte doch etwas mehr Nachsicht mit ihm haben. Sie selber saß wie eine dicke fette Made da und benützte ihn für jede Kleinigkeit wie einen Laufburschen. Sie schluckte meine Ermahnung. Aber lange konnte sie sich nicht beherrschen. Jeder von uns sollte an diesem Wochenende tun was er wollte, aber sie wollte, daß wir das tun, was sie wollte. Sonntagmorgens, alle außer Christoph saßen beim Frühstück, fragte sie, was mit ihm ist. Eine eigentlich eher harmlose Frage. Aber ich rastete innerlich aus. So beherrscht wie nur irgend möglich, sagte ich zu ihr, daß der Junge sie nichts angehe. Beleidigt zog sie eine Schnute. Da konnte ich mich nicht länger zurück halten. “Hör mal, Sabine, ” habe ich zu ihr gesagt, “kümmere dich nicht immer wieder um Dinge, die dich nichts angehen. Wir sind gewöhnt, daß wir hier an unseren freien Tagen machen was wir wollen.” Als Erklärung für meinen Ausbruch setzte ich noch hinzu: “Du benimmst dich wie früher meine Schwiegermutter, die hatte auch immer etwas auszusetzen. Ich habe keine Lust, daß nochmals zu erfahren. Ich will, wenigstens hier, unkontrolliert leben.” Jetzt war sie wirklich sauer und zeigte es auch. Florian sprang ihr sogleich hilfreich zur Seite und sagte zu mir, ich solle sie zufrieden lassen. Ich sagte: ” Es geht nicht darum, daß ich sie in Frieden lasse, sondern, daß sie uns zufrieden läßt. Ich mache ihr doch keine Vorschriften, aber sie hat ständig etwas zu bemängeln. Es reicht mir jetzt.” Das Ende vom Lied war, daß sie sich weigerte mit zu frühstücken. Das war mir egal. Sie konnte leicht einmal eine Mahlzeit ausfallen lassen. Doch kaum waren wir eine halbe Stunde mit dem Frühstücken fertig, als sie Florian aufforderte, mit ihr zum Essen zu gehen. Ich hatte eine Stinkwut deswegen auf sie. Aber noch einmal beherrschte ich mich und ließ mir nicht anmerken, wie mich das traf und mit Sicherheit war das so von ihr gedacht. Sie wollte mir damit zeigen, daß sie bei Florian erreichen konnte, was sie wollte. Das war ihr Triumph. Auf dieses unreife Verhalten ging ich jedoch nicht ein und ließ sie ziehen. Ich hatte nicht den Nerv mir wegen einem Streit mit ihr auch noch den anderen den Tag zu verderben.
Am späten Nachmittag fuhren sie Florian und der gemeinsamer Freund von ihnen zurück. Christoph, Josef und ich blieben noch die Woche über bis zu nächsten Wochenende. Kaum waren sie weg, brach es aus mir heraus. Ich schimpfte und zeterte wie ein Rohrspatz. Ich nannte sie eine blöde Kuh und Schlimmeres. Ich mußte mich austoben, sonst wäre ich geplatzt. Nach diesem Anfall legten sich Josef und ich etwas hin. Jetzt erholte ich mich etwas. So friedlich neben ihm liegend, hätten wir uns einmal wieder lieben können. Zaghaft berührte ich ihn mit meiner Hand, was ihn aber, fast unmerklich, zurückzucken ließ. Deprimiert nahm ich meine Hand weg. Es wäre ja auch zu schön gewesen.
Vor dem Einschlafen in dieser Nacht, überfiel mich das Erlebte und mein Herz begann zu Schmerzen vor Mitgefühl für Florian. Er hat seine Sabine so gern und sie ging manchmal so herrisch mit ihm um, und er lief und sprang und tat, was immer er für sie konnte und nur weil er einmal nicht gleich aufgesprungen war, hatte sie ihm, vor unseren Augen, eine Szene gemacht, so daß ich sehen konnte, wie er für einen kurzen Augenblick verletzt war. Und dann wieder einmal Josefs Weigerung, mit mir Zärtlich zu werden, denn von sich aus kam an diesem Tag nichts mehr. Die Gedanken daran wälzten sich in meinem Kopf hin und her, bis die ersten Tränen kamen. Schließlich weinte ich so heftig, daß ich mein Bettzeug nahm und ins Zelt ging, daß wegen der Nässe, von Florian und Sabine nicht abgebaut werden konnte. Josef kam mir nach, denn es war feucht darin und kühl, aber ich sagte ihm, er solle mich in Ruhe lassen.
Stundenlang weinte ich. Es waren so viele Tränen in mir, daß ich glaubte nie mehr damit aufhören zu können. Was hatte ich nicht alles von meiner Mutter erdulden müssen und was alles von meiner Schwiegermutter. Und was alles von meinem Mann und den Kindern. Sollte das jetzt von den Freundinnen meiner Söhne fortgesetzt werden. Ich hatte es satt. Ich hatte alles so gründlich satt. Ich arbeitet und schuftete wie verrückt, um meiner Familie ein schönes Haus und einen schönen Garten zubereiten und hatte nicht mal meine Ruhe vor Übergriffen an freien Tagen. Ich weinte solange, bis Kopfschmerzen einsetzten. Da ging ich nochmals zum Wohnwagen zurück um mir zwei Schmerztabletten zu holen. Aber auch nach ihrer Einnahme, lag ich noch lange wach und immer wieder liefen mir die Tränen herunter. Gegen morgens, es dämmerte schon, schlief ich endlich ein.
Der Rest der Woche verging friedlich. Ich hatte mir Arbeit mitgenommen und widmete mich ganz ihr. Josef ging Baden und Segeln und Christoph war mit seiner Freundin Eva beschäftigt.
Wieder Zuhause, hatte ich fast alles überwunden, als mich Christoph am Dienstagmittag von der Schule aus anrief, um mir mitzuteilen, daß er gleich von dort aus, zu einem Freund gehen würde. Ich legte nur noch wortlos auf. Damit war das Maß endgültig voll. Das scheint auf den ersten Blick lächerlich zu sein, hatte aber seinen Grund. Oft hatte ich ihn bereits gebeten, nach der Schule erst heim zu kommen. Er sollte zuhause essen und sich um seine Schularbeiten kümmern, bevor er wieder anderen Aktivitäten nach ging. Wie oft hat er das ignoriert und hatte sich bei seinem Freund zum Mittagessen eingeladen, auch wenn es der Mutter des Freundes scheinbar nichts ausmachte. War er bei ihm, sah ich Christoph erst gegen Abends wieder. Meistens war er dann zu müde um noch viel zu lernen. Sein Klassenlehrer hatte mich vor Wochen, nach dem Halbjahreszeugnis bereits darauf vorbereitet, daß er dieses Schuljahr nicht bestehen würde, wenn er jetzt nicht Dampf machen würde. Aber immer wieder entzog er sich dem Lernen. Häufig eben auf die Art, daß er nach der Schule eben nicht heim kam, sondern zu seinem Freund ging. Zwar erklärte Christoph immer wieder, daß sie beide miteinander lernen würde, aber seine Prüfungsnoten wurden nicht besser. Daher mein Verbot, nach der Schule zum Freund zu gehen. Ich dachte, wenn er nach der Schule heimkam, hätte ich eine bessere Kontrolle über ihn. Aber egal ob bei dem Freund oder zu Hause, er lernte sowieso kaum oder zu spät für seine notwendigen Prüfungen. Und als an dem Dienstag sein Anruf kam und er mein Verbot ignorierte (woran man entnehmen kann, daß ich nicht streng genug sein kann, um Verbotenes auch durchzusetzen), war es nur eins von vielen Dingen in einer langen Reihe und ich konnte dem nichts mehr hinzu setzen.

03. Juli 1994
Gestern hatte ich keine Lust mehr weiter zu schreiben. Mein Stimmungspunkt war tief unten und ich habe nur noch im Bett gelegen, Ferngesehen und dabei geraucht. Das brachte mir dann eine Migräne ein, die bis heute morgen dauerte. Nach dem auch Schmerztabletten nicht mehr halfen, fuhr ich mit schmerzendem Kopf an einen kleinen See in unserer Nähe. Ich schwamm einmal hinüber zur anderen Seite und nach eine Rast wieder zurück. Diese sportliche Betätigung vertrieb dann endlich meine Kopfschmerzen. Wieder Zuhause, fühlte ich mich frisch und fit. Also machte ich mich über die Bügelwäsche, die sich seit vierzehn Tagen anhäuft. Zwei Stunden lang habe ich gebügelt und dann Pause gemacht, obwohl noch immer Wäsche zum Bügeln daliegt.
Die Jungens sind beide mit verschiedenen Zielen zum Baden ausgeflogen. Josef sitzt auf der Terrasse und liest. Ich glaube aber, daß er das rein aus Verlegenheit macht. Seit ich nicht mehr mit ihm rede, verläßt er nach dem Büro kaum noch das Haus. Sonst hatte er nie Schwierigkeiten seinen privaten Aktivitäten nach zugehen. Sonst ist er an solch schönen Tagen immer zum Baden gefahren, egal ob ich mitkonnte oder nicht. Den Samstagnachmittag verbrachte er meistens bei seinen Schützenkameraden am Schießplatz. Da ist er gestern auch nicht hingegangen, obwohl ihn niemand aufgehalten hat. Sogar die letzten zwei Serenaden, zu denen ich immer mit ging, mich aber jetzt weigere ihn zu begleiten, hat er deshalb auch nicht besucht und lieber die Karten verfallen lassen. Er scheint unter meiner Schweigsamkeit zu leiden, aber es macht mir nichts mehr aus. Und warum auch? Er konnte jahrelang mein Leiden über seine sexuelle Enthaltsamkeit ertragen und anderem mehr.
Wie oft schon in den Jahren unserer Ehe habe ich ihn immer wieder gebeten, sich rechtzeitig die Zehennägel zu Schneiden. Aber immer wieder finde ich Socken von ihm in der Wäsche, die gestopft werden müssen, weil seine zu langen starken Nägel die Socke durchstoßen haben. Jede seiner Nachlässigkeiten hatte zur Folge, daß ich noch mehr leisten mußte. Eine andere Sache war jene, daß er manchmal seine Hemden beim Ausziehen nicht aufknöpfte, dabei Knöpfe abriß und ich sie wieder anzunähen hatte. Und immer wieder störte ich mich daran, daß er beim Kaffeewasserkochen den Kessel randvoll machte und deshalb unnötigerweise Energie verschwendete. Außerdem ließ er Lichter brennen, die nicht benutzt wurden, dabei waren wir dringendst angewiesen zu sparen.
Jede seiner Nachlässigkeiten hatte zur Folge, daß ich noch mehr leisten mußte. Je nachlässiger er war im Umgang mit Strom und Wasser, um so mehr mußte ich sparen und das knappe Geld einteilen.

Und die Buben sind auch nicht besser. Oft fragte ich mich, warum sie sich denn kein gutes Beispiel an mir nahmen, warum eher dem schlechteren ihres Vaters folgten? War es einfach bequemer so für sie? Hatten sie es nicht nötig sich anzustrengen, weil er es oft nicht tat? Ja, so war es häufig. Kaum sagte ich zu ihnen: “Räumt eure Sachen auf!” bekam ich zurück: „Der Papi räumt doch auch nicht auf.” Wie schwer war es dann für mich ihnen zu erklären, daß er nicht immer aufräumen müßte, weil er dafür ins Büro ging, um den Lebensunterhalt für uns zu verdienen. Zum Teil sahen sie das ein, aber nur zum Teil. Sie beobachten ihn zu oft untätig, wenn er zu Hause war. Die Macherin war ich. Womöglich war ich aber eher eine Abschreckung für sie, wenn sie mich schuften sahen. Und ich mußte um so mehr schuften, je weniger sie mir halfen. Lange Zeit hatte ich nicht die nötige Härte und Konsequenz, sie für Arbeiten im Haus anzuspannen. Bevor ich mir ihre Jammereien anhören mußte, tat ich es lieber selber, um wenigstens meine Nerven zu schonen. Brachte ich sie doch einmal dazu, wurden die Arbeiten schlecht oder nur Teilweise getan. Es war ein Kreuz. Selbst jetzt, nachdem ich viel stärker auf sie einwirke, weil es so nicht weiter ging, brauche ich mich auf dem Weg durch Haus und Garten nur umzusehen, um irgendwelche von Sachen ihnen zu entdecken, die herumliegen. Allerdings lasse ich sie jetzt liegen.
Seit dem Wochenende, an dem ich mit Christoph weg gewesen war, liegt immer noch sein Kopfkissen auf der Terrasse. Er hatte es an dem Wochenende in der Nacht, unbemerkt wegen Nasenbluten, verschmutzt. Ich habe es hier dann sofort mit kaltem Wasser gereinigt und über einem Balken im Garten getrocknet. Dann, weil es nach Regen aussah, auf einen Stuhl in der überdachten Terrasse gelegt. Da liegt es jetzt immer noch. Vor einigen Tagen habe ich Wäsche, die nicht zum Bügeln war, zusammen gelegt und die liegt auch immer noch da, wo ich sie hingelegt hatte. Seit ich nicht mehr sage, tut dies, tue jenes, bleibt vieles unerledigt. Ich bin gespannt, wann sie einmal von selber die Dinge erledigen, die sie machen müssen. Ich jedenfalls bin nicht mehr ihr Hausmädchen! Ich mache nur noch die Sachen, die sie nicht können. Ich verwalte noch das Geld, sonst können wir uns bald aufhängen, denn mit den Schulden , die wir haben, muß ich ganz genau aufpassen, was eingekauft wird und was nicht. Infolgedessen kaufe ich auch die meisten Lebensmittel ein. Viel ist es zur Zeit nicht, weil ich nicht mehr viel esse. Seit der Geburt unseres zweiten Sohnes – nun ich will nicht gerade sagen, daß ich darunter leide – habe ich Übergewicht. Hatte ich vorher bei einem Meter zweiundsiebzig gerade mal sechzig Kilo, so wog ich die letzten fünfzehn Jahre, mit einigem Auf und Ab, bis an die achtzig Kilo. Es war mir nicht mehr wichtig schlank zu sein. Josef sah meine Figur eh nicht an, für ihn zählte nur, das ich gut gelaunt war und funktionierte. Funktionierte ich einmal nicht und hatte einen von meinen seltenen Frustausbrüchen, beherrschte er immer wieder die selbe Taktik, um damit fertig zu werden. Er wehrte sich nicht dagegen, zog sich zurück und wartete solange bis mein Anfall vorüber war. Irgendwie wußte er in seinem Innersten, daß meine natürliche Vernunft schließlich über all dem Siegen würde. Daß ich all den Frust in mir verschließen würde, weil es so sinnlos erschien, dagegen anzukämpfen und die Alternativen auch nicht gerade erfreulich für mich waren, verschlechterte sich meine Gemütszustand zeitweise so sehr, bis es wieder zum Eklat kam. Aber jetzt in meiner selbst gewählten Isolation finde ich die Gelegenheit abzuspecken. Ich möcht mein altes Gewicht zurück haben. Denn in all den Jahren habe ich mich nicht wirklich damit abgefunden dicker zu sein als früher, auch wenn ich anderes sagte. Und ich tue es nur für mich. Mit meinem Alter muß ich mich abfinden, aber ich muß mich nicht mit meinem dicken Bauch, den großen Brüsten und den fetten Schenkeln abfinden. Dazu gönne ich mir soviel Ruhe, wie ich brauche, um nicht wegen Streß zu essen. Ich esse Obst und Gemüse, das jetzt reichlich im Garten wächst und trinke viel. Bin ich müde, übergehe ich das nicht mehr so wie einst, sondern ruhe mich aus. Da ich mich ja auch weigere länger unermüdliche Hausfrau zu sein, geht das ganz gut. Es bin ja nicht ich, die die meiste Unordnung und den meisten Schmutz macht. Ich betrachte mich nun als voll berufstätig und nehme jetzt die gleichen Privilegien in Anspruch wie mein lieber Mann. Da ich auch keine Köchin mehr sein will, habe ich heute auch nichts gekocht. Josef kann sich selbst etwas zum Essen machen. Der Kühlschrank und die Tiefkühltruhe sind gut gefüllt, er braucht sich also nur zu bedienen. Für mich hat, außer meiner Mutter, als ich noch zu hause war, auch nie jemand gekocht.
Dabei fällt mir noch etwas ein. Es ist das Verhalten meines Mannes wenn er krank ist. Du meine Güte, was macht er nur für ein Theater, wenn es ihm nicht gut geht. Einmal, er hatte eine leichte Nierenentzündung und lag im Bett, ging ich mit den beiden Buben für einige Stunden am Sonntagnachmittag aus. Ich merkte wohl, daß ihm das nicht so recht war, auch wenn er es nicht direkt sagte. Ich hatte ihm noch eine Kanne mit Tee hingestellt und ihn gebeten diesen zu trinken, bevor wir gingen. Wieder zurück gekommen, stellte ich fest, daß er keinen Tropfen davon getrunken hatte. Am nächsten Morgen war seine Körpertemperatur gestiegen und ich brachte ihn zum Arzt. Durch den Flüssigkeitsmangel waren die Bakterien in seiner Niere angestiegen und verursachten das Fieber. Auf dem Nachhauseweg vom Arzt, sagte er wütend zu mir, daß das alles meine Schuld sei. Ich schwieg betroffen. Er hatte es doch tatsächlich geschafft, nur deshalb nichts zu trinken, weil ich ihn für einige Zeit allein gelassen hatte und wollte mich damit bestrafen, indem er seine Krankheit dadurch verschlimmerte, indem er sich weigerte viel zu trinken.
Ein anderes Mal, hetzte er mich an einem Sonntag durch die Stadt um bei einer Apotheke ein Abführmittel für ihn zu holen. Er hatte Blähungen und lief mit schmerzverzerrter Mine durch das Haus. Zu erst nahm ich ihn nicht sonderlich ernst, denn ich weiß ja auch, was Blähungen verursachen können. Und da er den Tag vorher Stuhlgang gehabt hatte, konnte es noch nicht so schlimm sein. Auf meine gezielten Fragen deswegen reagierte er so gereizt, daß man meinen könnte, er sei der einzig, der das je mitmachen hat müssen. Letztendlich benahm er sich derart, daß ich es mit der Angst bekam und den Notarzt anrufen wollte. Das wollte er aber dann auch nicht. Also fuhr ich mit dem Auto zu verschiedenen Apotheken, bis ich das Passende für ihn bekam. Mit dem Einlauf und seinem darauf folgenden Stuhlgang, kam dann alles wieder in Ordnung und ich atmete auf.
Es muß in seiner Familie liegen, daß Männer sich im Krankheitsfall so zimperlich benehmen. Ich hatte meiner Schwiegermutter, als wir uns besser verstanden, die Geschichte einmal erzählt. Da hat sie gelächelt und folgende andere Geschichte zum Besten gegeben. “Ich kenne das von meinem Mann,” begann sie. “Ich war noch nicht lange verheiratet, als ich ihn eines Tages im Bett vorfand, in dem er sich stöhnend wälzte. Ich erschrak mich bei seinem Anblick fast zu tode. Ich wußte ja nicht, was er hatte und was ich tun sollte. Auf meine Fragen antwortete er nichts und stöhnte nur lauter. Da bin ich schnell zu meinem Schwager hinuntergelaufen, um ihn um Hilfe zu bitten. Ich wollte, daß er den Arzt holte. Aber er sagte nur energisch: ,Das kenne ich von meiner Alten. Er hat nur sicher Blähungen. Warte nur, daß haben wir gleich. Du bleibst hier und ich schaue mal nach ihm.’ Und schon ist er die Treppen hinaufgegangen. Ich bin aber hinter ihm nach geschlichen, weil ich wissen wollte, was er machen würde. Drinnen hörte ich ihn grob zu meinen Mann reden. ,Wie kannst du nur deine Frau so erschrecken? Wegen ein paar Blähungen solchen Zirkus zu machen. Ja schämst du dich nicht? Wärst du meine Frau, würde ich dir jetzt ein paar hinten drauf geben. Reiß sich doch zusammen. Du ängstigt deine Frau, so wie du dich benimmst. Ich mach dir jetzt gleich mal einen Einlauf, dann wird es schon wieder.’ Und so war es auch. Danach hat er es nicht mehr gewagt, mich so wieder damit zu erschrecken. Na ja, und Josef ist halt der Sohn seines Vaters. Der Onkel Karl (das war ihr Bruder) hat auch manchmal mit dieser Sache Schwierigkeiten, aber er würde sich niemals so gehen lassen. Er weiß dann immer, was er zu tun hat. Damit belästigt er keinen anderen. Sicherlich, es muß schon sehr schmerzhaft sein, aber es kommt darauf an, wie man sich dann benimmt.” Soweit die Geschichte meiner Schwiegermutter.
Aber nach der Sache mit meinem Mann kaufte ich kurz darauf einen Irrigator, um im Notfall vorbereitet zu sein. Allerdings habe ich ihn für ihn noch nie anwenden müssen. Es blieb ein einmaliger Fall. Zumindest läßt er sich nicht mehr anmerken, wenn er doch Blähungen haben sollte. Er ist oft so empfindlich, weil er nicht weiß, was wirkliche Schmerzen sind. Ich brauche nur daran zu denken, was ich jeden Monat am Beginn meiner Periode auszuhalten habe. Die Schmerzen, die ich da ausstehe, sind kaum schlimmer als Wehenschmerzen. Tatsächlich fand ich die Entbindung der Kinder deswegen auch nicht als übermäßig schmerzhaft, weil ich daran gewöhnt war. Und das waren Schmerzen, bei denen oft keine Schmerzmittel halfen. Also lernte ich sie durchzustehen. Es wird schon so sein, daß ich deshalb oft nicht das richte Mitgefühl für seine Wehwehchen entwickelte und das verärgerte ihn. Ist Josef erkältet, liegt er im Bett und stöhnt und tut, als würde sein letztes Stündlein schlagen.
Am Anfang unserer Ehe habe ich ihn in solchen Situationen gepflegt und gehätschelt. Aber als ich auch hin und wieder krank war, und mir in der Regel selber helfen mußte, oft nebenbei noch den Haushalt versorgte, verschwanden meine fürsorglichen Gefühle. Ist er krank, kann er zuhause im Bett liegen und sich kurieren, denn immer ist ein Mitarbeiter da, der für ihn einspringt und der Haushalt geht ihn ja nichts an. Bin ich krank, dann springt niemand für mich ein, sondern ich versuche, so gut es geht, nebenbei alles zu erledigen was nötig ist. Das letzte Mal, daß er sich so aufgeführt hatte, liegt noch nicht lange zurück. Es war am Ende der bewußten Woche, an deren erstem Wochenende auch Florian mit seiner Sabine, dabei gewesen war. Ich hatte ihn an dem letzten Samstag allein zum Segeln geschickt, da er sonst nicht so oft dazu kommt. Ich wollte mich gerade hinlegen, als ein Anruf kam, ich müsse sofort zu ihm. Er hatte sich, gerade als er das Boot in den See hineinschieben wollte, an einer Glasscherbe den Fuß aufgeschnitten. Erschrocken fuhr ich zu ihm. Im Stillen hoffte ich, es wäre nicht so schlimm. Es war auch nicht “so” schlimm, aber schlimm genug, daß er genäht werden mußte. Ich fuhr ihn ins nächste Krankenhaus zur Notaufnahme, wo die Wunden betäubt und genäht und anschließend daran verbunden wurden. Beim Wohnwagen angekommen brachte ich ihn ins Bett. Es schien ihm soweit ganz gut zu gehen und er wollte etwas schlafen. Mit den Hausleuten hatte ich ausgemacht, an diesem Abend zu kommen. Ich wollte die Übernachtungskosten bezahlen und mich noch etwas mit ihnen unterhalten. Da sie mich zu einem Gläschen Wein einluden, dauerte es ein wenig länger als ich ursprünglich vorgesehen hatte. Auf dem Weg zum Wohnwagen zurück, hörte ich in seiner Nähe eine Geräusch, wie von einer brüllenden Kuh. Das verwunderte mich nicht, da ja der Kuhstall gleich in der Nähe war. Ich dachte noch, vielleicht kalbt gerade eine von ihnen, dann klingt es so. Aber kaum öffnete ich die Tür zum Wohnwagen, sah ich auch schon meinen Irrtum ein. Josef lag mit hochroten Kopf im Bett und wand seinen Körper vor Schmerzen. “Du liebe Güte,” rief ich besorgt, “was ist denn los.” Was eigentlich eine dumme Frage war, denn ich konnte mir denken was los war. “Ich habe solche Schmerzen! ” antwortete er und bog sich vor uns zurück. “Und wir haben keine starken Schmerzmitteln.” fügte er hinzu. “Warum hat mir die Ärztin nur keine mitgegeben,” jammerte er. “Na ja,” sagte ich, “wir haben doch selber genug Tabletten da.” “Nein,“ jammerte er weiter, “die reichen nicht aus, meine Schmerzen sind viel zu stark. Geh nochmal hinunter und frag die Aichers, ob sie was Starkes haben.” Ich also wieder zu ihnen hinunter und frage, ob sie starke Schmerztabletten haben. Aber sie haben auch nichts stärkeres als ich selber. Wieder zu Josef zurück. Ich sage ihm, daß die Aichers keine stärkeren Schmerztabletten haben als wir und ich werde ihm jetzt zwei von den unseren geben. “Nein,” stöhnt er auf, “die werden eh nicht helfen.” Ich werde wütend, lasse es mir aber nicht anmerken. Aber ich werde energisch. “Du nimmst jetzt die Tabletten und damit basta!” sage ich. Ich hole sie und gebe sie ihm zusammen mit einem Glas Wasser. Leidend nimmt er sie und weil ich ihm keine Gelegenheit gebe, sie nicht zu nehmen. Ich bin mir ganz sicher, daß sie schnell wirken werden. Nach fünfzehn Minuten geht es ihm besser, die Schmerzen werden leichter. Nachdem wie der sich aufgeführt hatte, habe ich damit gerechnet, daß er mich die ganze Nacht über wachhalten wird. Aber er schläft schnell ein und die ganze Nacht ruhig durch. Danach bin ich mir ganz sicher, daß er sich nur wieder so aufgeführt hatte, weil ich nicht bei ihm geblieben bin. Er hätte sich ja mit Leichtigkeit, als die Schmerzen nach dem nachlassen der Spritze, selbst die Tabletten nehmen können, sie lagen ganz in seiner Nähe. Dadurch das er es nicht tat, wollte er mir mitteilen, was ihm passiert, wenn ich mich nicht ständig um ihn kümmerte. Aber das macht mich so wütend. Er bemüht sich nur um mich, wenn er Lust hat, versucht aber immer wieder mit seinem Verhalten, uns von einander abhängig zu machen. Aber ich will das nicht mehr. Ich will nicht, das er von mir abhängig ist, genauso wenig, wie ich von ihm abhängig sein will. Ich quäle niemanden mit Launen, wenn es mir schlecht geht. Ich ziehe mich dann nur zurück, versorge mich mit dem was ich brauche und möchte nur nicht belästigt werden, bis es mir wieder besser geht. Warum nur macht er so einen Zirkus? Was treibt ihn dazu, wenn er sich krank fühlt oder krank ist, sich so unmännlich zu gebärden? Ich gestehe, daß ich ihn dann im Stillen verachte. Warum forderte er so meine Aufmerksamkeit, während er mich nur braucht, wenn er es will? Und behauptet dann noch, er liebe mich. Seit dem letzten August, als wir im Urlaub waren, hat er nur zweimal mit mir geschlafen. Wie viele Abende liege ich in meinem Zimmer (jeder hat sein eigenes) und weiß, er sieht fern und warte, daß er kommt, um Zärtlichkeiten mit mir auszutauschen. Aber er kommt nicht und mein Frust steigert sich. Stelle ich ihn zur Rede, hat er viele Gründe, warum er es nicht tut, nur den wahren Grund, den sagt er nie. Es sind immer die Umstände daran schuld, nie er.
Manchmal denke ich, wenn er offen aussprechen würde, daß er meinen Körper ablehnt, wäre es leichter für mich. Es wäre zwar hart, aber ich könnte andere Perspektiven entdecken. Würde er das eingestehen, müßte ich keine Rücksicht mehr auf ihn nehmen. So aber läßt er mich in Ungewißheit. Wahrscheinlich liebt er mich, wahrscheinlicher noch ist, daß er mich braucht. Zum Teil bilde ich für ihn einen Schutz gegen den Rest der Welt.
Sehr eigenartig benimmt er sich nämlich, wenn ich meine Tage habe. Dann will er mit mir herumknutschen und betätschelt mich. An diesen Tagen kann er sicher sein, daß kein Geschlechtsverkehr stattfinden kann. Seitdem ich das registriert habe, lasse ich mich von ihm an diesen Tagen nicht mehr berühren. Ich lasse mir doch nicht Appetit machen, nur um dann nicht essen zu können. Und weise ich ihn in einer solchen Situation zurück, dann ist der Gute sogar noch beleidigt. Ach, lehre mich die Männer kennen!
Und so mag es sein, wie es will. So geht es nicht weiter. Ich muß mein Leben selber in die Hand nehmen. Ich verachte Menschen, die nur darauf warten, bis andere etwas für sie tun, nur um sich dann darüber aufzuregen, wenn sie das falsche für sie getan haben. Und so mag es sein, wie es will. So geht es jedenfalls nicht weiter. Und deshalb ist das ein weiterer Grund, warum beschlossen habe, nun doch wieder berufstätig zu werden. Das gibt mir die Möglichkeit, mich von ihm abzunabeln. Bin ich denn ein Ding, das man nur beachtet, wenn es gerade mal paßt? So habe ich mir meine Ehe nicht vorgestellt. Darum habe ich auch beschlossen, nun doch wieder berufstätig zu werden. Das gibt mir den Grund, mich von ihm abzunabeln. bin ich denn ein Ding, das man nur beachtet, wenn es gerade paßt? So habe ich mir die Ehe nicht vorgestellt. Und immer wieder kommt mir dann der Gedanke, ob er mich letztendlich gar nur geheiratet hatte, um seiner Mutter zu entkommen? War ich die einzige seiner Freundinnen, die es verstanden hatte ihr Paroli zu bieten? War er zu schwach, sich mit ihr auseinander zu setzten? Das scheint mir heute sicher zu sein. Auf der anderen Seite, konnte ich nicht übersehen, daß sie immer eine starke Persönlichkeit gewesen war und es verstanden hatte, ihn kurz zu halten. Ich sah auch ein, daß er es nie leicht mit ihr gehabt und sie aufkeimenden Widerstand weitgehend bei ihm gebrochen hatte. Irgendwie bildete ich einen Schutzwall zwischen den beiden. Immer wieder nahm ich all meinen guten Willen zu hilfe, um möglichen brisanten Situationen entgegenzuwirken. Daß meine Nerven und meine Kraft sich dabei erschöpften ist sicherlich verständlich. Oft kam ich mir wie eine Mutterkind- und Ehetherapeutin vor, nur daß ich mich schließlich selber immer wieder therapieren mußte, um dazwischen nicht unterzugehen. Während sie und ich inzwischen gut auskommen und unbefangen mit einander umgehen, kann er sich von seinen früheren Verhaltensmustern nicht trennen. Manchmal glaubt er sogar, ich würde so handeln wie sie. als wären wir der gleiche Typ. Und damit hat er nicht einmal ganz unrecht. Gereizt doch sein Verhalten, ertappe ich mich dabei, daß ich tatsächlich in manchen Situationen eine Haltung einnehme, die der ihren von früher her, ähnelt. Das erstaunt mich und macht mich nachdenklich. War es so, daß wir auf ihn reagierten oder reagierte er auf uns? Ich weiß es nicht mit letzter Sicherheit. Betrachte ich ihn aber in seinem Verhalten, erscheint es eher möglich, daß wir auf sein Tun oder nicht Tun reagierten. Selbst harmlose Fragen von mir, macht er zu einem Problem, weil er glaubt, es stecke mehr dahinter, als ich sage und benimmt sich dementsprechend. Dann fühle ich mich verletzt. Ich bin nicht seine Mutter! Ich bin großzügig, geduldig, weitherzig und nachsichtig. Wäre ich wirklich wie seine Mutter, könnte er mich nicht so behandeln, wie er es tut. Das hätte sie sich nie von ihm gefallen lassen. Warum also immer wieder diese Gedankenlosigkeit? Nach all den Jahren sollte er es doch nun endlich besser wissen. Ich ließ ihm doch weitgehend seine Ruhe und versuchte mich, um des Friedens willens, lange Zeit mit meinem geschlechtslosen Leben abzufinden. Da er mir immer wieder mal versicherte, es würde sich daran etwas ändern, glaubte ich ihm auch lange Zeit. Ich war mir sicher, er mochte Geschlechtsverkehr. Dann aber stellte ich fest, daß er es sich häufig selbst besorgte. Ich konnte das Sperma riechen, wenn er die damit beschmierten Papiertaschentücher am Morgen in die Toilette warf und nicht einmal runterspülte. Immer wieder zerbrach ich mir den Kopf über sein Verhalten. Nun, heute kenne ich den waren Grund. Er ist schlicht und einfach zu faul dazu. Er ist dazu genau so faul, wie er sich vor anderen Dingen drückt. Es ist ihm zu mühsam, sich sexuell mit mir zu befassen. Und er scheut die Möglichkeit, dabei gestört zu werden. Denn sind wir wirklich einmal bei der Sache, genügt es bereits, daß eines der Kinder an seinem Zimmer vorbei geht, schon fällt seine Erektion zusammen.
Heute weiß ich auch, daß er Sex mit dem Kopf macht, nicht mit dem Gefühl, nicht mit mit seinen Sinnen. Für ihn ist es eine Art von Leistung, die er glaubt bringen zu müssen. Ich habe es nie geschafft, so sehr ich es auch versuchte, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Ich habe es nicht geschafft, ihn davon zu überzeugen, daß gerade seine Bemühungen es verhindern, daß er und ich uns bei der Liebe gut fühlen. Seine Muskeln sind dann regelrecht hart und verspannt und sein gerötetes Gesicht macht den Eindruck eines Leistungssportlers.

18:41, Zeit für eine Pause. 0:14, Gedanken vor dem Einschlafen.

Ich denke: Was für ein Leben! Mein Mann wollte seiner Mutter entfliehen und hat das durch seine Ehe mit mir erreicht. Ich war meiner Mutter entflohen, als ich ihn kennen lernte und suchte einen Freund und Geliebten. Den Freund habe ich gefunden, aber nicht den Geliebten. Ich denke: Seit Jahren lebe ich fast isoliert. Ich lebte fast ausschließlich für und durch meine meine Familie. Und jetzt wo ich sie abschüttle lebe ich fast nur für das Schreiben. Ich lebe in unserem Haus und in meinem Zimmer fast wie eine Nonne. Dabei hält man mich für suspekt, wegen der Reden die ich führe, wenn ich einmal welche führe. Ist das nicht komisch? Was für ein Leben!

04. Juli 1994

Wie ich heute morgen ins Wohnzimmer komme, liegt da immer noch die frische Wäsche für Josef auf dem Tisch. Inzwischen ist mehr dazu gekommen, aber Josef hat sie noch nicht weggeräumt. Warum tut er es nicht? Ich nehme ihm die schwererer Arbeit damit ab und er bräuchte sie nur mitnehmen und in seinen Schrank einzuräumen. Wenigstens hat er die Menge Hemden, die ich ihm gebügelt hatte, aufgeräumt.
Gestern dachte ich für eine Weile, daß er doch noch zum Schwimmen gefahren ist, weil er und das Auto weg waren. Dann jedoch fiel mir ein, daß er sicherlich zusammen mit seiner Mutter in die Kirche ist. Das tut er jeden Sonntag. Er traut sich kaum, es einmal zu unterbrechen. Bei ihm bin ich mir nie sicher ob er es aus Religiosität tut oder weil er sich nicht mit seiner Mutter anlegen will. Die ersten Jahre unserer Ehe bin ich gern und freiwillig mit ihm jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Es war mir wichtig, vieles gemeinsam mit ihm zu tun. Als die Kinder da waren, hatte ich keine Lust mehr dazu. Dem Druck den meine Schwiegermutter auf mich ausübte, um mich doch dazu zu bringen, widersetzte ich mich. Mit über dreißig Jahren, war ich nun alt genug zu tun, was ich wollte. Ich konnte doch nicht mein Leben damit verbringen immer nur Gehorsam zu sein und den Willen anderer zu tun. Lange Zeit hatte ich es getan, um Streit deswegen zu vermeiden. Als ich jedoch sah, daß ich damit zu kurz kam, meine Wünsche weitgehend ignoriert wurden und ich in einen seelischen Zustand kam, der mich deprimierte, begann ich verschiedenes zu ändern. Also wehrte ich mich gegen Unzumutbares und ließ es öfters einmal auf einen Streit ankommen. Wenn nichts anderes half, drohte ich mit Scheidung.oder setzte mich von meinem Mann zeitweise ab. Das wirkte immer. Tief in meinem Inneren hatte ich die Gewissheit, daß mein Mann, wenn ich ihn verlassen würde, zu seiner Mutter zurück gemußt hätte und daß dies das letzte war, was er wollte. Auf diese Art erreichte ich mehr Freiheiten und mehr Luft zum Atmen. bis sich altes Verhalten wieder einspielte.
Ach ja, ich erinnere mich an so vieles.Befreit von dringlichen Sorgen, überfielen mich die Gedanken, wie und warum so vieles anderes gekommen war, als ich vermutet hatte.
Da ist zum Beispiel die religiöse Erziehung unser Kinder. Kurz vor unserer Hochzeit war ich zum Katholischen Glauben übergewechselt, weil ich glaubte, daß Gott weder katholisch noch evangelisch ist. Es war mir wichtig eine gemeinsame Konfession für unsere Familie zu haben, und für Josef wäre es unmöglich gewesen zum evangelischen Glauben überzutreten. Hätte er das gemacht, hätte seine Mutter der Schlag getroffen. Wir wollten auch nichts tun, was sie noch mehr belasten würde, weil es ihr schon schwer genug ankam, den einzigen Sohn herzugeben. Also wurde ich katholisch. Meine Familie machte mir deswegen keine Schwierigkeiten und in dem katholischen Priester, bei dem ich konvertierte, fand ich einen verständnisvollen, erfahrenen Mann, der von mir nicht verlangte, daß ich den ganzen Rosenkranzklimbim lernen und mitmachen mußte. Dieses gedankenlose herunterleiern von Gebeten, hat mich schon immer abgestoßen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Gott diesen Menschen mehr Gehör schenken würde, als jenen die ein kurzes einfaches Gebet sprachen. Sie kamen mir vor wie flehende Kinder, die ihren Eltern in den Ohren lagen, weil sie etwas wollten, und die dann häufig davon genervt, ihre Kinder abweisen. Und da es ich war, die seine Religion annahm, verlangte ich von Josef, daß er die Erziehung dafür übernahm. Als noch keine Kinder geboren waren, sagte er es mit leichten Sinn zu. Wahrscheinlich konnte er sich keine Vorstellung davon machen, was auf ihn zu kam. Sobald Josef dieses Versprechen aber einlösen mußte, lief es folgender Maßen ab. Am Anfang, als ich auch noch regelmäßig zur Kirche mitging, war es kein Problem, die Kinder mitzunehmen. Später ging ich nicht mehr mit. Zum Teil war es eine Trotzreaktion von mir, daß gebe ich zu, weil er sich so wenig um unser intimes Eheleben kümmerte. Er verweigerte sich mir zu oft, also verweigerte ich ihm, was ihm, vor allem wegen seiner Mutter, am Herzen lag. Zum anderen hatte ich mich mit Gott überworfen, weil er meine Gebete nicht erhörte, und es mir in meiner Ehe und mit der Erziehung der Kinder so schwer erging. Und ich war sauer, daß eine Frau, wie meine Schwiegermutter, die “so” christlich war, mir das Leben scheinbar ungestraft zur Hölle machen durfte. Ich war ja da, um auf sie aufzupassen. Sie wurden größer und irgendwann wollte ich nicht mehr mit. Nun wäre es an ihm gelegen, sein mir gegebenes Wort deswegen zu halten und die Kinder zum Kirchgang anzuhalten. Aber was geschah? Er wollte am Sonntag immer ausschlafen, also ging er nicht in die Morgenmesse. Dafür ging er am Abend. Für die Kinder war es dann meistens zu spät, die mußten schließlich am anderen Morgen in die Schule. Oft bat ich ihn, sich zusammen zu reißen und am Sonntag früher aufzustehen, was er auch versprach, aber nie tat. Schließlich gab ich es auf. Ich sah nicht ein, für eine Pflicht einzuspringen, die er erfüllen konnte, aber aus Bequemlichkeit nicht tat. Und selbst seine Mutter konnte ihn, wie sie es sehr gerne gesehen hätte, zu keiner anderen Einsicht bringen, was sehr erstaunlich war. Aber wenn es um seine Interessen ging, konnte er stur sein, Mutter hin oder her. Ich hatte mit dem wachsendem Haushalt schon mehr Pflichten übernommen, als ich verkraften konnte und paßte. Also besuchten unser Kinder nur noch selten die Kirche. Zwar kam es immer wieder einmal zu Auseinandersetzungen zwischen seiner Mutter und ihm, aus denen ich mich wohlweislich heraus hielt. Mich konnte sie in diesem Zusammenhang nicht belasten, denn ich hatte ja die Ausrede, daß ich von ihrem Glauben nicht viel verstand und sie überhaupt froh sein konnte, das ich ihren Glauben angenommen hätte. Einmal sagte ich während einer Debatte darüber zu ihr: “Ich weiß gar nicht was du willst, es hätte ja dein Sohn zu meinem Glauben überwechseln können, statt ich zu seinem, dann könnte ich nun die Kinder in meinem Glauben richtig erziehen.” Worauf sie entrüstet geantwortet hatte: “Das wäre überhaupt nicht in Frage gekommen.” Und genau so war es. Es war nie die Frage, daß, wenn einer von uns den Glauben wechseln würde, wer das sein sollte. Ich selbst hätte mich zwar um die religiöse Erziehung gekümmert, wenn es mir noch wichtig gewesen wäre. Aber das war mir nicht mehr. Zu sehen, wie Menschen, die angeblich am Glauben hingen, es fertig brachten, andere zu unterdrücken und zu bevormunden, nahm mir einen Großteil meines eigenen Glaubens. So erzog ich, ohne weiter in die Kirche zu gehen und ohne meine Kinder dazu zu zwingen, sie dahin gehend, sie zu hilfsbereiten, gewaltfreien und freundlichen Menschen zu erziehen, was mir weitgehend gelungen ist.

Dazu noch folgendes: In meiner Kindheit und Jugend war ich war ich sehr gläubig. Später fiel ich wegen schlechter Erfahrungen ganz davon ab. Inzwischen jedoch habe ich zurückgefunden und sehe ich mich als eine Christin an. Ich liebe den Menschen Jesus Christus. Das was er war und die Werte, die er uns mit seinem Leben vermittelt hat, haben ihren Stellenwert nie verloren. Ohne diese Werte könnte man kein ausgeglichenes Leben führen. All meine Probleme habe ich weitgehend im Bewußtsein meines Christentums bewältigt. Ich glaube allerdings nicht, daß es einen Gott gibt. Das widerspricht meinem gesunden Menschenverstand. Ich würde mir wünschen, daß es einen gibt, aber es kann keinen geben. Für mich ist das kein Widerspruch zu der Behauptung, daß ich Christ bin. Christus war ein Mensch, dem nachzueifern sich lohnt. Es lohnt sich gut, hilfreich und freundlich zu sein. Es ist nicht nötig, andere Menschen zu übervorteilen. Macht auszuüben macht nur einsam! Wie treffend sagte doch einmal eine Bekannte zu mir: „Ein Pelzmantel und ein toller Wagen lächeln mich nicht an, aber Menschen die mich mögen, lächeln mich an und das erwärmt mein Herz!” Und damit hat sie recht. Was sind schon all die Dinge die man mit Geld kaufen kann, die über das Notwendige hinaus gehen, wenn man es nicht versteht, Güte und Liebe zu geben, um dafür das gleiche zu empfangen. Sie können nur dann etwas bedeuten, wenn man es erreicht, ohne dafür andere auszubeuten und zu übervorteilen. Es sollte doch nicht so sein, daß ich nur aus dem Grund mehr habe, weil ich anderen dadurch mehr nehme. Mich daran zu halten, ist für mich auch eine Form des Christ seins. Auch Menschen, die mir Ungutes tun und die ich nicht leiden kann, freundlich zu behandeln und nicht Böses mit Bösem zu vergelten, ist für mich Ausdruck meines Christ seins.
Das beste Beispiel dazu ist meine Schwiegermutter. Was hatte sie mir in den ersten Jahren meiner Ehe zugesetzt. Was hatte sie mir für Schwierigkeiten gemacht und versucht mich unter ihre Fuchtel zu bringen. Sie war wohl der Meinung, sie hätte jetzt statt einem Kind ein weiteres, das es galt zu bevormunden. Aber im Grunde konnte sie nichts dafür. Dieses Muster hatte sich im Lauf des Zusammenlebens mit ihrem Sohn gebildet und er hatte ihr nichts dagegen gesetzt. Für sie gab es keinen Grund, warum es so nicht weiter gehen sollte. Und ich war wegen meiner Erziehung, die mich gelehrt hatte älteren Menschen gegenüber zurückhaltend zu sein, in den ersten Jahren zu gehemmt und zum Teil auch eingeschüchtert, um mich dagegen zu wehren. So sehr ich mich aber über sie und Josefs Verhalten, der ihr Verhalten billigte und mich nicht vor ihr Schützte, ärgerte und krank machte, war ich doch in der Lage, sie zu verstehen. Ich verglich ihr nie gleiches mit gleichem, obwohl ich das gekonnt hätte. Hätte ich zurückgeschlagen, hätte ich bösartig und rachsüchtig reagiert, dann wären die Fronten so verhärtet, daß kaum ein Weg mehr zu einer Versöhnung möglich gewesen wäre. Und damit hätte ich sehr schnell meine Ehe ruiniert. Das Band zwischen Mutter und Sohn war lange sehr stark und einen Keil dazwischen zutreiben hätte nichts gebracht. Also versuchte ich es auf meine Art, damit fertig zu werden. Ich verteidigte mich, wenn es darauf an kam, bestand darauf, daß innerhalb meiner Familie getan wurde, was Josef und ich wollten und vermied es sie anzugreifen. Meine Meinung war, daß sie irgendwann einmal bereifen würde, daß ich nichts gegen sie hatte, aber daß Recht darauf besaß mein eigenes Leben zu führen. In dem ich ihr nicht gleiches mit gleichem vergalt, nahm ich ihr die Möglichkeit, tatsächlich einen Grund zu haben, mich abzulehnen. Es war sehr hart und kostete mich viel Selbstüberwindung, denn die Versuchung, ihr einmal eins auszuwischen war groß. Wenn diese Versuchung an mich herantrat, dachte ich immer, wie Jesus in solch einer Lage gehandelt hätte und das Wissen darüber, gab mir die Kraft zu widerstehen. Es gab mir auch die Kraft in ihr mehr zu erkennen, als sie sich nach außen hin zeigte. Ich erkannte, daß sie auch nur ein Mensch mit Ängsten und Sorgen war, eine Frau, die traurig war, weil sie nach der Heirat ihres Sohnes alleine in ihrer Wohnung leben mußte war. So lange war sie schon Witwe. So lange schon lebte sie mit einem Sohn zusammen, der zwar in seinem Beruf tüchtig war, sich aber ansonsten unschlüssig und hilflos gab. Was er nicht wirklich ist! Es ist nur seine Bequemlichkeit. Also läßt er sich schieben und sich sagen, was getan werden muß. Als ich meine Schwiegermutter kennen lernte wirkte sie auf mich hart und energisch. In jede unserer Diskussionen, die sie von uns beiden mitbekam, mischte sie sich ein. Also vermied ich so etwas in ihrer Gegenwart, so gut es ging, für Jahre. Die innerlichen Kämpfe, die ich dadurch erduldete, waren schlimm und brachten mich oft an den Grund meiner Kraft und meiner Geduld. Also ich diesen Punkt erreicht hatte, brachte mich der Gedanke, mir das Leben zusammen mit Florian – denn den hätte ich ihren damaligen gieren Klauen nicht überlassen – wieder zur Vernunft.
Damals war ich soweit, daß ich mich bereits auf der Autobahnbrücke in der Nähe unserer Stadt sehen sah, den damals zweijährigen Jungen in meinen Armen und darüber hinweg steigen, um in die Tiefe zu stürzen. Dieses Bild vollzog ich so oft in meinen Gedanken, bis es mir eklich erschien, es zu tun. Dann erst war ich bereit andere Alternativen ins Auge zu fassen. Ich dachte, es ginge nicht an, daß irgend ein Mensch mich soweit treiben durfte. Es gab andere Auswege, als den selbstgewählten Tod. Dies führte dann zu meinem Entschluß, mich zeitweise von Josef und damit auch von seiner Mutter zu trennen. Und ich beschloß zu kämpfen. Da ich mich nicht wirklich von meinem Mann trennen wollte, mußte ich andere Weg finden, um mir und meinem Kind den Mann und Vater zu erhalten. Und ich setzte voraus, daß meine Schwiegermutter mir nicht wirklich schaden wollte. Sie konnte nicht wirklich wollen, daß die Ehe ihres Sohnes zerbrach. Sie war mit Beginn der Ehe ihres Sohnes einsam geworden. Ihr Lebensinhalt, war ihr genommen und damit mußte sie erst einmal lernen fertig zu werden. Für einige Zeit schottete ich mich von ihr ab und konnte mich körperlich und seelisch erholen. Ich legte mir eine Strategie zurecht, wie ich in Zukunft mit den dringendsten Problemen umgehen könnte. Ich beschloß, mich nicht mehr so wegen ihrer Übergriffen zu ärgern und mich aufzuregen. Im Grunde konnte sie doch nichts erreichen, wenn ich es nicht wollte. Und ich wollte es freundlich tun. Und so machte ich es auch. Es war eine schlimme Zeit. Aber ich hielt durch. Wenn sie wieder einmal etwas von mir wollte, das ich nicht wollte, sagte ich es ihr freundlich aber gestimmt. Bekam sie dann ihre fast hysterischen Anfälle und beschimpfte mich, ließ ich sie allein. Josef, der natürlich dann immer zwischen uns stand, bat ich nur darum, daß wenn er mich schon nicht vor ihr verteidigte, sich wenigstens nicht einzumischen. Das tat er erleichtert. Er konnte nur profitieren, wenn es zwischen ihr und mir klappen sollte. Nach jedem Zwischenfall war ich die erste, die ihr wieder die Hand zur Versöhnung reichte. Lange Jahre ging es so zwischen ihr und mir weiter. Ich begriff allmählich nicht mehr, wie ein Mensch so stur, so hartnäckig sein konnte. Warum konnte sie die Besitzansprüche an ihren inzwischen vierzigjährigen Sohn nicht aufgeben? Und warum erweiterte sie auch noch auf unseren kleinen Sohn? Sie verhielt sich so unnatürlich und zäh dabei, bis ich wieder einmal nicht mehr weiter wußte, nicht wußte, wie mich daraus friedlich zu befreien.
So vieles hatte ich versucht, so viele Kompromisse gemacht, nur um zu erleben, daß es zu keiner Einsicht bei ihr führte und sie weiterhin unser Leben bestimmen wollte. So konnte es keinesfalls weiter gehen. Die Feststellung, sie sei womöglich unbelehrbar und ihr Einfluß auf uns nicht zu bremsen, ließen mich einen drastischen Schritt tun. Ich zog mich ganz von ihr zurück und brach den Kontakt ab, um nicht an ihr zu zerbrechen. Meine vordringlichste Aufgabe war schließlich das Wohl meiner eigenen Familie und die litt unter diesen Mißständen. Auf meinen Mann konnte ich nicht zählen, denn der fing zum Stottern an, wenn er nur von ihr redete. Er war auch nur ein Opfer und er kannte sie ja besser als ich und wußte zu was sie fähig war, wenn sie sich durchsetzten wollte. Gegen meinen Bruch mit ihr, konnte er aber nichts einwenden, wollte er nicht riskieren, daß ich ihn gleich mit abservierte. Ich hatte jetzt zwei Kinder zu versorgen und meine ganze Fürsorge hatte ihnen zu gelten und nicht einer uneinsichtigen alten Frau.. Dadurch, daß ich mit meiner Schwiegermutter jeden Kontakt abbrach, gab ihnen und mir die Chance entspannter mit einander umzugehen, was sie oft vereitelt wußte, in dem sie meine Erziehungsmaßnahmen, vor ihnen, in Frage gestellte und das dann zu Spannungen geführt hatte, wenn sie sich dann weigerten zu tun was ich ihnen befohlen hatte. In dem sie nachgiebiger war als ich, wenn es um die Pflichten der Kinder ging, trug das nicht gerade zu einer gesunden Entwicklung ihres Charakters bei. Meistens hatten sie es dann auszubaden, wenn ich trotzdem darauf bestand. Sie sahen oft nicht ein, daß sie etwas machen sollten, von denen ihr Omi gesagte hatte, daß brauchten sie nicht zu tun. Daß das zu Streit führte, kann man sich sicher gut vorstellen. Und das solche Konflikte allen nicht gut bekamen sicherlich auch. Dabei verlangte ich nicht einmal, daß mein Mann sich von ihr fernhielt. Nein! Ich forderte ihn geradezu heraus, sich um sie zu kümmern. Schließlich war sie ja seine Mutter. Aber waren wir in der Vergangenheit häufig am Wochenende bei ihr gewesen, fand mein Mann jetzt immer öfters Gründe, sie auch nicht zu besuchen. Aber das war sein Problem. Er hatte jetzt wohl auch endlich genug von ihren Einmischungen, die unsere Ehe immer wieder stark gefährdeten. Denn sicherlich bearbeitete sie ihn, wenn er bei ihr war, er wußte aber, daß ich nicht mehr nachgeben würde. Und diese Unnachgiebigkeit war für mich eine Frage des Überlebens. Josef war jetzt Teil meiner Familie und nicht mehr ihrer. Er war ihr keinen Gehorsam mehr schuldig und so hatte auch er einen Entwicklungsprozess durchzumachen. Ich erkenne an, daß es für die beiden vielleicht noch schwerer sein mußte, als für mich. Sie hatten ja so viel mehr Zeit, als ich, sich mit Dingen zu befassen, die sie wollten, die ich aus Zeitnot nicht hatte. Nach einem Zwischenfall mit ihr in unserem Haus, als sie von mir verlangte, ich sollte Florian eine Tracht Prügel verabreichen, weil er sich ihrem Willen widersetzte, verwies ich sie energisch aus dem Haus. Eineinhalb Jahre lang herrschte danach absolute Sendepause zwischen ihr und mir. Und erst, als Florian seine Erstkommunion feiern sollte konnte und wollte ich sie weiter ausschließen. So Herzlos war ich dann doch nicht. Ich wußte genau, was ihr das bedeutete und auch Josef. Mit ihrer Ausschließung hätten nun alle ihre Verwandten erfahren, wie es zwischen uns stand. Bisher hatte sie hatte es nämlich immer meisterlich verstanden, den Bruch zwischen uns vor ihnen zu verheimlichen und ich hatte nichts getan, um es ihnen auf die Nase zu binden. Bei all unseren Differenzen wollte ich sie nicht deren Genugtuung aussetzen. Sie war wegen ihres Verhaltens auch bei einigen von ihnen nicht sonderlich beliebt. Ich hatte es nicht nötig mich auf diese Art bei ihr zu revanchieren. Damit hätte ich nur Öl ins Feuer geschüttet und die Sache zwischen uns nur unnötig verschlimmert. Immer noch hoffte ich auf ihr Einlenken und ihre Einsicht, uns unser Leben so leben zu lassen, wie wir es wollten.
Bei Florians Kommunionsfeier gab sie sich zurückhaltend und nett. Ich selber tat auch nicht, was das gefährden konnte. Zum ersten Mal tastete wir uns behutsam ab. Zum ersten Mal erhob sich in mir die Hoffnung, doch noch mit ihr auskommen zu können. Letztendlich lag es nicht an mir. Ich wollte nur mein Leben mit der Familie leben, so wie ich es wollte. Ich konnte es nicht so leben, wie sie es sich vorstellte. Geprägt durch unsere unterschiedlichen Erfahrungen, konnte es auch nicht gut gehen. Und kein Erwachsener Mensch sollte auf Dauer der Willkür eines anderen ausgesetzt sein.
Für eine Weile ging es recht gut mit ihr. Wir pflegen wieder den Kontakt zu einander, was auch Josef glücklich machte. Doch nach und nach begannen ihre alten Verhaltensmuster sich wieder einzuschleichen. Endgültig machte dann ein Schlüsselerlebnis ihr klar, wie unrecht sie sich verhielt.
Und das will ich etwas ausführlicher berichten: Es war an einem Neujahrsmittag. Zur Feier des Tages hatten wir sie zum Essen in einen ländlichen Gasthof eingeladen. Es war ein schöner sonniger Tag. Es lag kein Schnee und für die Jahreszeit ziemlich warm. Anschließend an das Essen gingen wir an der Donau entlang spazieren, die in der Nähe vorbei floß. Wie Kinder nun einmal sind, wagte sich Florian – er mag damals ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein – sich mit einem großen Stock, immer wieder zu nah ans Wasser und stocherte mit dem Stock herum. Mehrmals verbot ich es ihm, denn das Ufer war klitschig und ich hatte Angst er könnte ausrutschen und hineinfallen. Aber er hörte immer nur für eine kurze Zeit, um es dann wieder zu machen. Plötzlich stand er bis zu den Knien im Wasser. Dabei hatte er noch Glück, denn der Fluß war tief und hatte eine starke Strömung. Sofort kroch er erschrocken an der Uferböschung wieder heraus. Bevor ich nun handeln konnte, übernahm Schwiegermutter das Kommando. Sie packte ihn am Arm und wollte ihn schnellstens zum Auto ziehen. Doch so leicht wollte ich ihn nicht davon kommen lassen. Nicht nur, daß er ungehorsam war, hatte er uns auch noch einen gehörigen Schrecken eingejagt. Dafür wollte ich ihn eine Lektion erteilen. “Einen Augenblick,” sagte ich energisch zu meiner Schwiegermutter, „wenn er nicht gehorchen kann, soll er die Folgen jetzt auch etwas zu spüren bekommen. Soll er doch spüren, wie sich die Nässe und Kälte anfühlt!” Aber es war ja nicht sonderlich kalt und ich wußte, daß ich seine Gesundheit nicht gefährdete, wenn er nicht gleich ins Warme kam. Sie aber wollte ihn weiter zehren. Da nahm ich ihn ihr aus der Hand, um so, als wollten wir den Spaziergang, den er mit seiner Unfolgsamkeit einem jähen Ende bereitete hatte, in Richtung Auto fort zu setzten. Sie gebärdete sich daraufhin, wie in ihren schlechtesten Zeiten. Aufgebracht beschimpfte sie mich als Rabenmutter, die die Gesundheit ihres Sohnes aufs Spiel setzte, was natürlich Unsinn war. Aber ihr Verstand verließ sie aus Sorge um den Jungen völlig. Da sie aber bei mir nicht erreichte, schickte sie sogleich ihren Sohn voraus, der schon mal den Wagen öffnen sollte, was der auch eingeschüchtert tat. Und als sie sah, daß ich nicht dazu zu bewegen war, schneller mit Florian zum Wagen zu gehen, lief auch sie zum Wagen. Dort erwartete sie mich mit bitterböser Mine. Aus Wut über mein, für sie in ihrer übertrieben Sorge, unmenschliches Verhalten, wollte sie sich sofort an mir rächen. Sie sagte, sie würde mit mir im Auto nicht zurückfahren, sondern einen Bus nehmen. Jetzt reichte es mir aber. Ich hatte ihr kindisches Verhalten gründlich satt und ich wollte es ihr nicht mehr durchgehen lassen. Ich nahm sie fest am Arm und sagte energisch sie solle sofort einsteigen. Am Anfang weigerte sie sich noch, aber dieses Mal war ich die Stärkere. Zum ersten Mal traute ich mich über sie zu bestimmen. Als sie meine Festigkeit spürte, und das ich ihr dieses Mal nicht nachgeben würde, stieg sie ein. Auf dem ganzen Weg nach Hause sprach sie kein Wort mit uns – Josef hatte sich Gott sei dank herausgehalten, und blickte nur stur zum Fenster hinaus. Trotzdem war es ein kleiner Sieg für mich. Wir setzten sie bei ihrer Wohnung ab und wortlos verließ sie den Wagen.

13:21 – ich muß eine Pause machen. Aber das Thema ist noch nicht zu ende, denn das Beste kommt noch. 19:10 – Ich war in der Zwischenzeit schwimmen, denn das Sitzen am Computer macht mich steif und ungelenkig und dann bekomme ich Kopfschmerzen. Das Schwimmen lockert meine Glieder und festigt meine Muskeln. Danach bin ich wieder fit und frischer und bereit zu neuen Taten.

Jetzt zurück zu meiner Schwiegermutter. Natürlich hatte Florian keinen Schaden durch sein unfreiwilliges Bad genommen. Dazu war es an dem Tag nicht kalt genug gewesen. Ich hatte ihm noch eine gehörige Standpauke gehalten, wegen seines gefährlichen Ungehorsames. Es hätte ja an der Stelle im Fluß auch gleich unter gehen könne, so daß ihn der Fluß und der war ja nun wirklich eiskalt, mitgerissen hätte. Was dann passiert wäre, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Und ich hatte ihm erklärt, daß auch er dazu beitragen kann den Frieden in der Familie zu erhalten oder zu gefährden und er sah es ein. Ich denke, er hatte, trotz meiner Warnung, nicht mit einem Rutsch ins Wasser gerechnet und als es passierte, darüber selber ziemlich erschrocken war. Ich mußte nicht weiter auf ihn einreden, denn daß er hineingerutscht war, erschien mir für ihn Lehre genug.
Am Nachmittag darauf bügelte ich Wäsche. Dabei kommen und gehen meine Gedanken, wie Bienen die im Stock ein- und aus fliegen. Ich dachte an meine Schwiegermutter und wie sie den vorherigen Tag wohl nervlich verkraftete hatte. Mehrmals war ich in Versuchung sie anzurufen, um wieder einmal für gutes Wetter zu sorgen. Obwohl es lächerlich war, daß so eine Situation wieder einmal entstanden war. War es für sie denn so schwer sich zurück zuhalten, wenn es um unsere Kinder ging, obwohl Josef und ich in deren Nähe waren? Was trieb sie nur immer wieder dazu, uns die elterlichen Pflichten aus der Hand zu nehmen? Ich konnte es nur ahnen. Doch dann entschied ich mich dagegen. Immer war ich es in der Vergangenheit gewesen, die zuerst die Friedenshand gereicht hatte. Immer hatte mich ihr Alleinsein zum Einlenken veranlaßt. Dabei hatte ich so gehofft, daß sie nach den eineinhalb Jahren, in denen ich sie mied, versuchen würde, es anders, besser als vorher zu machen. Resigniert und traurig, da ich es für sinnlos hielt und sie anscheinend unverbesserlich war, beschloß ich dieses Mal nicht bei ihr anzurufen. Während ich noch darüber nachgrübelte, klingelte das Telefon. Am anderen Ende war die keineswegs mehr wütende, sondern kleinlaute und einlenkbereite Schwiegermutter. Ihre Bereitschaft zu einem derartigen Zugeständnis, machte mich sofort bereit zu einem guten Gespräch mit ihr. „Weißt du,” sagte ich sanft zu ihr, “ich kann dich ja gut verstehen, daß du immer so besorgt bist, aber du gibst uns, wenn du mit dabei bist, keine Chance, selbst zu handeln. Immer kommst du uns zuvor. Wahrscheinlich hätte ich das Gleiche getan, was du gestern mit Florian vorhattest, aber dann hast du wieder einmal schneller gehandelt als ich. Ich wollte nur für einen kleinen Augenblick die Möglichkeit, mich mit der Lage zu befassen, um dann erst zu handeln. Mit deiner Voreiligkeit nimmst du mir und Josef diese Chance. Ich habe außerdem die Pflicht, mein Kind für das, was es getan hat, zur Rechenschaft zu ziehen. Und ich möchte das auf meine Art und Weise tun.” Darauf erwiderte sie: “Es tut mir leid, daran habe ich in dem Monaten nicht gedacht. Ich wollte nur, daß der Junge keinen Schaden erleidet.” “Und wenn schon,” antworte ich. “Die kalten nassen Füße konnten ihm nicht schaden. Schlimmer, als es war, konnte es nicht werden. Das Auto stand nicht mehr weit von uns entfernt und auf die paar Minuten mehr, die es dauert normal, statt im Laufschritt dahin zu gelangen, kam es wirklich nicht an. Das langsame Gehen war meine Strafe für ihn. Er sollte die nassen Hosenbein so richtig genießen. Die Kinder glauben so oft nicht, was wir aus Erfahrung kennen, und tun immer wieder gefährliche Dinge, die wir ihnen aus Angst um sie und Liebe verbieten.” “Du hast ja recht damit, soweit habe ich nicht mitgedacht!” hörte ich von ihr, zu meiner Überraschung. Das waren nun wirklich ganz neue, noch nie gehörte Töne. Und plötzlich hatte ich einen Geistesblitz. War das eventuell die Gelegenheit ihr meine Meinung, in aller Freundschaft natürlich, zu sagen? Es war sie! “Hildegard,“ begann ich, „ich will dir jetzt einmal etwas sagen. Stell dir einmal vor, den Kindern geschieht tatsächlich einmal etwas und du bist dabei und handelst für uns. Aber es geht dann nicht gut aus und wir müßten vor Gericht, wegen Verletzung der Aufsichtspflicht. Nun müßte ich dem Richter erklären, daß ich es nicht selbst tun konnte, weil du uns daran gehindert hast. Was glaubst du wohl, was der Richter uns darauf antworten würde? Er würde sagen: „Was geht mich ihre Schwiegermutter an. Sie sind die Eltern der Kinder, sie haben die gesetzliche Aufsichtspflicht, sie haben sich um sie zu kümmern, nicht ihre Schwiegermutter. Oder sind sie aus irgend einem Grund nicht fähig für sie zu sorgen? Sollte ich ihm dann antworten, daß du mir keine Chance läßt, zum Handeln? Das du immer wieder einmal unsere Verantwortung übernimmst, ohne das wir es wollen. Denk einmal darüber nach.” Darauf erwiderte sie einsichtig. “Du hast ja recht. So habe ich es noch nie gesehen. Ich mache mir halt Sorgen um euch alle.” “Du kannst dir Sorgen machen, so viel du willst doch damit wirst du nichts verhindern, was unausweichlich ist. Selbst wir können bei aller Sorge und Sorgfalt nicht alles verhindern, was auf die Kinder zu kommt. Im Grunde verstehe ich dich ja, aber du hattest deine Familie und die Verantwortung damit, lasse jetzt Josef und mich auf unsere Art für die Kinder sorgen, wie wir es verstehen. Wir werden ihnen schon nicht schaden.” Hastig erwiderte sie darauf: „Du liebe Güte, daß habe ich nie angenommen. Du bist wirklich eine gute Mutter, daß sage ich allen immer wieder. Ich weiß ja, daß du alles für die Buben tust, was sie brauchen!” entgegnete sie mir. Es war schön für mich, daß sie das zugab. Ich freute mich, daß sie eine gewisse Objektivität nicht ganz verloren hatte. Nochmals bedanke ich mich bei ihr für das gute Gespräch und in Eintracht beendeten wir es. Danach ging es tatsächlich aufwärts mit ihr. Dafür bewunderte ich sie. Es mußte sie viel Disziplin gekostet haben, sich in Zukunft so zu beherrschen, daß es von ihrer Seite aus nur noch selten zu Übergriffen und Einmischungen kam. Und selbst da, konnte ich nun besser mit ihr Umgehen. Sie wurde nicht mehr wütend, wenn ich sie deswegen um Zurückhaltung bat und nahm alles gelassener. Endlich begriff sie, daß all ihre Sorge nicht verhindern konnte, daß uns, aus welchem Grund auch immer, dadurch Schaden erspart bliebe.
Heute sind wir gute Freundinnen. Kommt es jetzt zu kritischen Momenten in denen ich merke, sie will sich einmischen, genügt es, wenn ich freundlich zu ihr sage: “Bitte, Hildegard, halte dich da raus!” Dann lächelt sie zurück und schweigt. Als Gegenleistung erzähle ich ihr vieles von dem, was sich in unser Familie tut, auch wenn es unangenehme Dinge sind. Sie weiß jetzt, daß sie immer auf mich zählen kann und daß ich aufrichtig mit ihr bin. Das ist mehr als ihr Sohn ihr gibt, der seine Hemmungen ihr gegenüber nie richtig ablegen kann. Was natürlich kein Wunder ist! Zu lange Zeit hatten sie miteinander verbracht und das nicht immer in Harmonie und Frieden. Sie weiß, daß ich sie verstehe und sie erst nehme. Heute hat sie ihre Härte und die Verkniffenheit, die sich früher in ihrem Gesicht abgezeichnet hatte, verloren und ist weich geworden und strahlt Lebensfreude aus. Aber das ist nicht nur mein Verdienst. Zum großen Teil ist es ihr eigener. Sie hatte sich in ihrem Alter nochmal bemüht, sich zu ändern.nach Jahren der Verantwortung diese in andere Hände zu legen, war hart für sie. Und das danke ich ihr mit Anerkennung und Liebe und sie gibt mir das gleiche zurück. Heute reden wir, wenn wir uns treffen, vertraut mit einander. Ich habe sie in den letzten fünf Jahren oft ermuntert, über ihren Kummer, den sie mit ihrer Mutter und ihrem Mann hatte, zu sprechen. Endlich konnte sie jemandem mit Verständnis, immer Verdrängtes – denn sie war so erzogen, daß sie Probleme mit keinem anderen besprach, weil Familienprobleme das Haus nicht verlassen durften – erzählen. Ihrem Mann und ihrer Mutter konnte sie damit nicht mehr schaden, die waren seit vielen Jahren tot, aber sich selbst konnte sie damit helfen. Sie hatte sich so oft über ihre Mutter geärgert, welche ihre jüngere Schwester bevorzugte und häufig ungerecht zu ihr war. Von ihr wurde sie als Erwachsene sogar noch geschlagen, wenn sie es wagte ihr zu widersprechen. Dabei war sie die Tochter, die mehr für ihre Eltern tat, als die jüngere Schwester. Das ihre Mutter das nicht honorierte kränkte sie immer sehr. Ich ermunterte sie, daß auszusprechen. Indem sie mir diese Ungerechtigkeiten mitteilte und ich ihr bestätigte, wie ungerecht das gewesen war, löste sich mit der Zeit ihr bitter seelischer Knoten und ließ sie freier und unverkrampfter werden. Ich kannte ja ihren Tenor all die Jahre vorher, in denen sie mir, vor allem dann, wenn es Schwierigkeiten mit Josef gab, weiß machen wollte, daß so etwas bei ihr nie vorgekommen sei. Sie hatte es verdrängt. Sie glaubte immer noch, sie würde damit den Menschen, die sie liebte, in ihrem Andenken schaden. Aber sie schadete nicht ihnen, sondern sie hatten ihr Schaden zugefügt und auch noch von ihr verlangt darüber zu schweigen und nicht außerhalb des Hauses gelangen ließ. Ich hielt und halte das für seelische Grausamkeit.
Ich weiß ja wie so etwas zu geht. Mein Mann, der eine ähnliche Erziehung genossen hatte, wie zuvor schon seine Mutter und vielleicht auch, weil es ihn als Mann sowieso peinlich war, wenn man negatives über ihn weitererzählte, verbat mir am Anfang unserer Ehe, mit anderen über unsere Probleme zu sprechen. Allerdings hielt ich mich nur ganz am Anfang unserer Ehe daran. Als ich merkte, daß er sein mich belastendes Fehlverhalten nicht geneigt war, abzustellen, sah ich nicht mehr ein, darüber zu schweigen. Ärgerte ich mich bereits darüber, daß er manches selber nicht tun oder lassen wollte, ärgerte es mich zweimal mehr, wenn ich dann auch noch still sein hätte müssen. Dazu war ich zu frei erzogen worden und zu lange selbstständig gewesen, als daß ich mir von ihm auf Dauer den Mund hätte verbieten lassen. So nach dem Muster: Lerne schweigen ohne zu platzen!
Heute ist sie in vielen Dingen wacher, aufmerksamer und geduldiger. Und wenn nötig kritischer in Dingen die sie früher toleriert hatte. In Fragen der Religion, die sie immer blindlings hingenommen hatte, wie sie kamen, wurde sie unter meinem Einfluß skeptischer und nachdenklicher. So lernte sie z.B. zu erkennen, daß es auch in ihrer Religion Mißstände gab, die untolerierbar waren. Das befreite sie von einer gewissen Hörigkeit zu ihrer Kirche, die sie unflexibel und starr gemacht hatte. Sogar jetzt während ich das schreibe, muß ich lächeln, denn sie wagte es inzwischen, sich mißbilligend gegenüber einem Priester zu äußern, über den sie sich geärgerte hatte, weil der sein hohes Amt dazu benutzte, um sich ihr gegenüber einen Vorteil zu verschaffen (Dieser hatte ihr und ihrer Freundin bei einem Pfarrfest, ohne ein Wort oder ohne darum zu bitten, ihren Sonnenschirm, unter dem sie saßen, weggenommen, um sich selber damit Schatten zu geben.) und was ganz ungewöhnlich von ihr war. Das er es als selbstverständlich ansah, daß die beiden Damen sich einem Priester nicht widersetzen würden, fand meine Schwiegermutter unerhört. Das sie es dann wagte, sich bei mir darüber zu beschweren und zu sagen, wie sehr sie das geärgert hatte, war noch viel unerhörter von ihr und ich freute mich für sie, daß sie solchen Frust nun aussprechen konnte. Und so habe ich in dieser Hinsicht keine Klagen mehr. Ganz im Gegenteil! Heute zeigt sie wesentlich mehr Verständnis, wenn ich mit Josef und den Kindern nicht zurecht komme, da ich sie mehr Informieren, als früher; etwas das ich vorher unterließ, um ihren Einmischungen auszuweichen. Nur mit bei meinen Männern liegt noch vieles im Argen.

05. Juli 1994
Endlich hat Josef seine Wäsche aus dem Wohnzimmer weggeräumt. Hat er doch noch bemerkt, daß es seine ist. Sonst wurde sie immer nur, nach Aufforderung von mir, erledigt. Seit zwei Tagen streicht er außerdem die hintere Gartentüre und das bei dieser Hitze. Wenn ich noch mit ihm sprechen würde , würde ich zu ihm sagen: “Du bist wohl verrückt! Seit Monaten willst du es machen, und nun, weil ich mit dir auf Abstand gegangen bin, und du deswegen denken mußt, ich wäre böse auf dich, machst du es. Du hättest doch wirklich warten könne, bis es nicht mehr so heiß ist.” Und er hätte geantwortet: “Meinst du? Du hast sicherlich recht. Auf einige Tage mehr oder weniger kommt es nicht an, nicht wahr.” Und ich hätte es ihm bestätigt. Überhaupt merkt ich langsam eine Veränderung. Es ist so friedlich in unserem Haus, seit ich nicht mehr mit ihnen rede. Josef hängt nach dem Büro auch nicht mehr nur vor dem Fernseher herum. Er macht jetzt schon mal die Küche oder staubsaugt wenn nötig. Und übrigens, richtig böse bin ich gar nicht auf meine Familie. Sie weiß es ja nicht anders und hatte wohl gedacht – wenn sie überhaupt gedacht hatte – , es ging immer so weiter. Immer so weiter mit einer Mutter die das Hausmädchen klaglos spielt. Doch ich bin dabei meinen Horizont zu erweitern. Es genügt mir nicht mehr eine frustrierte Hausfrau und Ehefrau zu sein. Es hat auch keinen Zweck, Josef, gegen einen anderen Mann einzutauschen, denn ich bin sehr wählerisch und den Mann, den ich an seiner Stelle möchte, gibt es nicht. Ich kann heute keine Kompromisse mehr machen, dafür bin ich zu alt. Und im Grunde will ich Josef auch nicht eintauschen. Irgendwie ist man doch sehr aneinander gewöhnt. Ich habe ihm soviel gegeben, mein Einsatz für ihn und für die Familie waren immer so groß, daß für andere Menschen wenig übrig blieb. Dazu verspüre ich weder Lust, noch hatte ich die Kraft dazu. Die Kraft, die ich noch besitze und die, die ich durch die Ruhe in unserem Heim jetzt gewinne, möchte ich für meine Arbeit, die mich befriedigt, verbrauchen.
Heute hatte eine meiner EDV-Schülerin Unterricht bei mir. Das ist eine der Gelegenheiten für ein Extrataschengeld. Seit ich im letzten Jahr meinen Computer-A-Schein gemacht habe, gebe ich Privatstunden. Das ist auch einer der Gründe, warum ich möchte daß sich etwas in unserm eingefahrenen Familiensystem ändert. Denn wie kann ich berufliche Tätigkeiten bewältigen, wenn sie nach wie vor glauben, im Haushalt ginge alles seinen Gang, wie all die Jahre vorher, als ich nur für den Haushalt zuständig war. Immer habe ich mich auf Arbeiten gestürzt, die mich befriedigen sollten, weil die Befriedigung, die ich gebraucht und gewollt hätte, nicht bekommen habe.
Die Schülerin ist ein nette vierundfünfzigjährige Dame. Während des Unterrichts, kamen wir auf unsere Probleme zu sprechen und ich äußerte mich freimütig zu den meinen. Daraufhin erzählte sie mir mehr von sich. Und siehe da, sie hat im Wesentlichen die gleichen wie ich. Wahrscheinlich geht es mehr Frauen so wie mir. Frauen, die eigentlich gut in ihrer Ehe mit materiellen Dingen versorgt sind und die nach landläufiger Meinung zufrieden sein sollten. Aber sie sind es nicht! Und warum nicht, wo sie doch scheinbar alles haben? Es sind die Frauen, die Köpfchen haben, die nicht nur ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigen wollen, sondern auch ihre Geistigen.
Und so ist es! So lange man von der Familie bis obenhin mit Arbeit und Sorgen eingedeckt wird, kommt man nicht zum Denken. Was nicht heißt, daß man es nicht kann. Allein die Tatsache, daß die Mehrzahl der Haushalte reibungslos funktionieren, könnte manch einen Politiker neidisch machen gegenüber einer Hausfrau, machte er sich je die Mühe darüber nachzudenken. Egal wie viel oder wie wenig der Mann verdient, die meisten Frauen vollbringen das Kunststück damit auszukommen. Sie haben nicht die Möglichkeiten der Parteien, Steuern zu erheben oder diese zu steigern, wenn ihnen am Monatsende das Geld nicht reicht. Hausfrauen haben die Fähigkeit ihrer Familie zu erklären, daß und warum gespart werden muß. Und überhaupt Politiker! Wenn ich über sie nachdenke, überkommt mich die Wut. Es wäre längst an der Zeit, daß sie von Frauen abgelöst würden. Eine Partei, nur aus Hausfrauen gebildet, würde die marode Wirtschaft schnell ins Lot bringen, davon bin ich überzeugt. Aber die wenigsten Frauen haben diesen Drang nach Macht, wie Männer und die wenigen, die sich in der Politik tummeln, haben es meisten schwer, also bleibt alles beim Alten.
Das aber nur nebenbei. Ich habe nämlich noch was auf dem Herzen. Und nochmal geht es um meinen Mann. Und es hat mit Geistigem zu tun. Es hat sich nämlich bei ihm seit Monaten ein Verhalten mir gegenüber eingeschlichen, daß mir zuwider ist.
Kurz was dazwischen!
Meine Zigaretten sind mir ausgegangen und weil es mir peinlich ist, selbst welcher in unserer nahe gelegenen Gartenkantine zu holen – dort war ich seit Jahren nicht mehr -,fragte ich meinen älteren Sohn, der auch mal wieder zu Hause ist, ob er mir den Gefallen täte, mir welche zu besorgen. Gleichzeitig sagten er und mein lieber Josef, der es auch gehört hatte: “Ja!.” Es erheiterte mich und macht mich gleichzeitig nachdenklich, wie aufmerksam Josef ist, weil er denkt, ich hätte etwas gegen ihn. Was ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Mir wäre es aber lieber, er stände zu seiner Art und gäbe sich jetzt nicht so unterwürfig. Ich weiß aus Erfahrung genau, es wird nicht lange dauern, dann ist er wieder obenauf, sobald ich meine Einsamkeit und Schweigsamkeit aufgebe. Aber das habe ich noch nicht vor. Der jetzige Zustand gibt mir endlich etwas Zeit. Zeit in der ich mich auf mich und auf die Arbeit, die ich machen will konzentrieren kann. Sicher ist das Egoismus, aber es ist ein lebenserhaltender Egoismus.
Im Lauf unserer Ehe kam immer öfters vor, daß er mich nicht ausreden ließ. Oft fiel er mir ins Wort und den Satz, bevor er noch wissen konnte, was ich sagen wollte. Häufig antwortete er mir, kaum daß ich angefangen hatte zu reden. Und meistens waren die Antworten dann falsch und es kam zu Mißverständnissen. Zu erst versuchte ich mit viel Geduld damit umzugehen. Ich bat ihn, mich doch aussprechen zu lassen. Aber er machte sich keine Mühe. Es wurde immer schlimmer. Dann fiel er mir auch ins Wort, wenn ich mit anderen sprach. Schließlich ging es soweit, daß er Fragen beantworte, die an mich gestellt wurden. Wirklich ich versucht es mit Humor und Geduld, dachte das kann er doch auf Dauer nicht mit mir machen. Als es aber immer öfters geschah, begann ich mich zu wehren. Ich rede mit ihm, sagte ihm, daß mich das stören würde. Er hörte zu, verstand mich, änderte sich aber nicht. Als er wieder einmal eine an mich gestellte Frage beantwortet – ich hatte schon den Mund geöffnet und Luft dafür geholt – war meine Geduld mit ihm zu Ende. Ich wandte mich ihm zu und sagte ohne Rücksicht auf die fragenstellende Person und ohne Rücksicht auf ihn, verärgert: “Na hör mal, was soll denn das? Ich kann doch für mich selber reden. Noch bin ich nicht zu dumm oder zu stumm dafür!” Es war schon eine peinliche Situation, aber er hatte es nicht anders verdient. Sonst fragt er wegen jedem Scheißdreck, wie oder was er machen soll und ist dann so unbeherrscht, weil es im dem speziellen Fall um Geld ging. Wenn es um Geld geht, verliert er sowie leicht seinen gesunden Menschenverstand. In dem Fall ging es um meine Glasbilder, die ich bei einer Galerie ausstellen durfte, und die Besitzerin mich gefragt hatte, ob ich die Motive dafür selber entwerfen würde und Skizzen dazu mitgebrachte hätte. Daß er mir die Antwort abnehmen wollte ist sicher von ihm nicht böse gemeint gewesen und war seinem Eifer entsprungen. Aber ich habe mich in diesem Moment gefühlt wie ein zwar begabtes doch kleines Kind, daß noch nicht für sich selber sprechen kann. Ich glaube, daß meine heftige Reaktion für die beiden unangenehm war, aber ich ignorierte es. Bei manchen Menschen muß man eben die Holzhammermethode anwenden, weil sie sonst nie etwas mitbekommen. Und bei meinem Mann hatte ich alles andere schon im Guten versucht. Mit dieser Kombination aus Geldgier und Manipulation meiner Person, hatte er uns ein Jahr vorher in eine schlimme Schwierigkeiten gebracht, die uns anstatt Geld zu bringen, viel Geld kosteten. Es war die Zeit, als ich begann mich nach einer geeigneten Tätigkeit umzuschauen. In einem Büro war ich gescheitert, weil mir nach den langen der Berufslosigkeit, die Kenntnisse fehlten und ich mich überschätzt hatte. Also wollte ich es mit einer freiberuflichen versuchen, so daß ich auch meine Zeit selber einteilen konnte. In der Zeitung stand ein Inserat, das mich interessierte und ich machte mit dem Mann, der sich auf meinen Anruf hin meldete einen Besprechungstermin aus. Die Firma stellte sich als “Christliches Eheinstitut” heraus. Zuerst war ich skeptisch. Doch der Mann wirkte seriös und vertrauenerweckend. Er konnte mir zwei Möglichkeiten der Zusammenarbeit anbieten. Die eine war die freie Mitarbeit als Beraterin, die andere als Lizenznehmerin. Beides barg ein finanzielles Risiko. Umsonst war beides nicht zu haben. Ich sprach mit meinem Mann darüber. Verlockend war die Sache schon, das gebe ich zu. Noch dazu, wo ich gern mit Menschen zusammen bin, es aber kaum sein kann. Die Voraussetzungen waren auch alle da. Ich hatte seit dem Computerkurs mein eigenes Büro und die Zeit dafür würde ich mir nehmen. Wir überlegten alle für und wider und beschlossen dann gemeinsam, erst einmal, wenn überhaupt, mit dem Beratervertrag anzufangen. Ich hatte ja keine Ahnung, wie so etwas lief und konnte, wenn es gut ging, mit dem Lizenzvertrag die Sache erweitern. So wurde es dann mit dem Mann – er selber war Lizenzvertreter und handelte im Auftrag seiner Firma – besprochen und abgeschlossen. Der Vertrag dafür kostete 3 000,– DM. Zu den Bedingungen des Vertrag gehörte, daß wir beide, mein Mann und ich, an einer Schulung der Firma teilnehmen mußten, was uns nur recht war, hatten wir doch keinerlei Erfahrungen in diesen Dingen.
Noch kurz vor dem Schulungsbeginn hatte ich meinen Mann darum gebeten, sich zurück zu halten. Es sollte der Anfang meines neuen Berufes sein und nicht seiner. Er versprach es. Doch gleich von Anfang an, redete er, als ging es um ihn und ich, ich schwieg erschlagen. Das Ehepaar, dem die Firma gehörte und welches auch die Schulung vornahm, machte einen sehr guten gediegenen Eindruck auf uns. Das schöne Haus in dem sie wohnten machte Eindruck auf uns und vermittelte uns den Erfolg ihrer Arbeit. Durch geschickte Manipulation, brachten sie Josef schließlich so weit – er sah schon das große Geld – daß er mich überredete, statt des Beratervertrages, für den wir bereits 3000,– DM bezahlt hatten, doch gleich den Lizenzvertrag abzuschließen, welcher 14 000.–DM kostete. Ich wollte zuerst nicht. Das Risiko schien mir zu groß. Aber das Ehepaar ließen nicht locker, malten uns den Verdienst in den schönsten Farben und überzeugten Josef, der mir sagte, ich soll es machen. Ich war müde und mürbe und gab nach. Irgendwie im Hinterstübchen meines Kopfes dachte ich immer noch, so ist es nicht richtig, aber ich hatte nichts mehr dagegen zu setzen. Wenn Josef nicht gewollt hätte und mich mit meinem mehrmaligen “Nein” unterstützt hätte, würde ich den Vertrag nicht gemacht haben. Also unterschrieb ich. Auf dem Nachhauseweg von der Schulung hatte ich eine regelrechte Panikstimmung, ließ Josef aber nichts anmerken. Ich hätte ja nicht unterschreiben müssen. Ein wirkliches energisches “Nein, ich will nicht!” hätte ja genügt.
Schließlich arbeitete ich vier Wochen lang angestrengt für die Firma als Lizenzteilnehmerin, bis mir nach und nach klar wurde, daß dieses Geschäft für mich zu schmutzig ist. Dafür hatte ich weder die Skrupellosigkeit noch die nötige Herzlosigkeit, dem suchenden Kunden, häufig ihr letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Ohne einen Pfennig Verdienst zog ich mich nach einem Monat zurück. Und obwohl die Firma von uns dafür 14 000,–DM eingesteckt hatte, wollte sie noch weiter 6 000,–DM laut Vertrag von uns haben. Das zahlten wir aber nicht und sie haben anscheinend genug Dreck am Stecken, denn sie forderten auch nichts gerichtliches ein, obwohl sie damit drohten.
Und so machten wir eine sehr teuere Erfahrung. Mit über 20 000,–DM Schulden blieben wir auf der Strecke und wollten eigentlich Geld verdienen und keines verlieren.

Detaillierte Aufzeichnungen darüber gibt es in dem Kapitel: „Das Eheinstitut.“

Josef, der mutmaßlich sich einen Teil der Schuld an der Misere gibt, weil er mich zu dem Vertrag gedrängt hat, zahlt jetzt allerdings, ohne sich zu beschweren, von seinem Gehalt die Schulden. Ich weiß, daß er sich darüber grämt, doch jetzt lasse ich ihn nichts mehr für mich bestimmen. Dann habe ich auch keinen Grund deswegen mit ihm böse zu sein. Die Folgen der Schulden muß letztendlich ja doch ich tragen. Ich bin es doch, die mit dem reduzierten Gehalt auskommen muß.
Nach diesem Verhängnis machte ich mich umgehend ans Schreiben. Ich hatte immer schon geschrieben, auch wenn ich nicht oft dazu kam. Aber bereits seit meiner frühesten Jugend hatte ich eine Vorliebe dafür.

Heute 2021 – mit 75 Jahren – weiß ich, das sind die Gene, die mir von meinen Vorvätern vererbt worden sind. Vor allem meine Ururgroßvater Victor von Strauß und Torney (erkundigen kann man sich über ihn im Internet) hat diese über seinen Sohne, dann dessen Sohn und schließlich über dessen Tochter, die meine Mutter war, an mich weiter gegeben. Diese Gene schlummern manchmal über einige Generationen und kommen dann wieder zum Vorschein.

Wenn es mir schon nicht vergönnt war, eine Geld bringende Arbeit zu finden, sollte es wenigstens eine befriedigende sein. Den Traum, von etwas mehr als dem gewöhnlichen hatte ich erst einmal ausgeträumt. Ein wenig Taschengeld nebenher verdiente ich immer noch mit meinen Computer-Unterrichtsstunden und auch den Kontakt zu den Menschen, denen ich ihn gab. Aber die Familie machte nicht so mit, wie ich es mir vorgestellt hatte. Immer wieder hinterließen sie Arbeiten für mich, die sie selber gut hätten erledigen können. Das nahm mir die Zeit zum Schreiben, wie ich wollte, bis mir die Geduld endgültig riß und ich mich auf das Experiment versteifte. Und das schon seit fünf Wochen.
Oft frage ich mich, was wohl in Josefs Kopf so vor sich geht. Die beiden Buben nehmen es nicht so tragisch und ich halte mein Schweigen bei ihnen auch nicht so streng ein, wie bei ihm. Denn, wenn die zwei Jungens auch nicht ganz so sind, wie ich es gern hätte, ist es ja auch zum Teil die Schuld meiner Erziehung, das weiß ich genau. Also kann ich sie nicht zu sehr belasten. Josef aber hat mich aus Liebe erwählt und mir Versprechungen gemacht, die er später nicht eingehalten hat. Ich aber habe ihm sein Leben so schön wie möglich gemacht und er hat sich eher selten beschwert. Denn habe ihm folgendes gegeben: Mein gutes Verhältnis zu seiner Mutter, das auch auf ihn abfärbt und das der ganzen Familie nützt. Zwei anständige nette Jungens (auch wenn ich manchmal daran zweifle), die wissen wo es im Leben lang geht. Ein, mit wenigen Mitteln, gemütlich und nett eingerichtetes Haus, in dem jeder sein eigenes Reich besitzt. Einen Garten, der wegen seiner Originalität und Vielseitigkeit, von vielen bewundert wird. Und mich, die sich bemüht hat, seine Art zu nehmen wie sie ist und ihn zu lieben und zu achten und ihn nicht zu sehr fertig zu machen, weil er so gut wie kein Intimleben mit mir hat. Und dafür werde ich mich jetzt selber belohnen, wenn es schon kein anderer tut. Und meine Belohnung für mich ist die Freiheit, zu tun was ich will, es ist die Abnabelung von meiner Familie, das Reduzieren der von mir erwarteten Leistungen für sie. Dafür brauche ich sie nicht zu verlassen, es sei denn Josef geht mein jetziger Zustand so gegen den Strich, daß er es von sich aus wollte. Aber das glaube ich nicht. Morgen werden ich ihn nun doch einmal fragen, wie es mit uns weiter gehen soll. Mal sehen, was dabei heraus kommt. Aber so wie ich ihn kenne, wird ihm alles recht sein, wenn ich nur bleibe. Und tief in meinem Innersten gestehe ich mir ein, daß es auch nicht das ist, was ich will. Auch ich bin bequemer geworden. Und es ist schon angenehm, daß er jeden Monat das Geld zum täglichen Leben mitbringt, weil ich dazu nicht mehr fähig bin, da mache ich mir nichts vor. Und außerdem liebe ich ihn und habe immer noch die zärtlichsten Gefühle für ihn, das wird sich wohl nie ändern, auch wenn ich es manchmal aus Ärger nicht mehr wahr haben will, denn so ist das bei den Stierfrauen. Bei all meinem Frust durch ihn, würde es mir doch das Herz brechen, wüßte ich ihn wirklich verzweifelt und ohne Hoffnung auf ein gutes Ende unser Differenzen. Und um bei ihm aushalten zu können, genügt mir meisten ein Vergleich mit anderen Männern, bei dem er immer am Besten abschneidet. Im Grunde weiß ich genau, daß ich den richtigen Mann geheiratete hatte. Die Tage und Wochen vergehen und so wie es ist, kann es nicht bleiben. Irgendwann muß ich wieder mit ihm reden. Er ist ja so empfindlich und er fühlt sich bestimmt nicht wohl in seiner Haut, wegen meiner Schweigsamkeit. Er ist bestimmt ziemlich verunsichert. Aber so wie ich ihn kenne, wird ihm alles recht sein, wenn ich nur bleibe; Die Alternativen wären für ihn schlimmer als für mich.

09. Juli 1994
Gestern Nachmittag sind Josef und Christoph noch nach Waging zu unserem Feriendomizil gefahren. Vorher hatte ich Josef angedeutet, daß ich jetzt zu einer Aussprache bereit sein, doch wegen ihrer Fahrt kam es nicht mehr dazu. Diese Aussprache möchte ich ohne zeitlichen Druck hinter mich bringen und nicht zwischen Tür und Angel. Aber etwas anderes habe ich an diesem Wochenende getan. Ich schrieb Florian, dem älteren Sohn, einen Brief. Ich konnte nicht länger mitansehen, wie es in seinem Zimmer zugeht. So sehr ich meine Gefühle deswegen auch zu unterdrücken versuche, kommen sie doch immer wieder hoch, fällt mein Blick in seinen Schlafraum. Diese Unordnung und Dreck verunsichern mich zu tiefst, weil ich meine, daß wenn er es nicht ändert, es eines Tages auf ihn zurückfällt. Ich bin mir bewußt, daß er jetzt mit seinem Leben selber fertig werden muß, aber ein wenig Ordnung hat noch keinem geschadet. Und wenn er es jetzt nicht lernt, wann dann? So lange schon warte ich darauf, daß er sich von allein dazu aufrafft, doch bisher warte ich ohne Erfolg darauf. Wenn ich ihm schreibe, so dachte ich, geht es ihm vielleicht eher unter die Haut, als meine ständiges Reden und Mahnen.

Und so schrieb ich ihm folgenden Brief:
Regensburg, den 6. Juli 1994
Lieber Florian!
Ich muß Dir heute schreiben, weil das, so oft von mir zu Dir gesagte, scheinbar keine Wirkung erzielt. Sicherlich wirst Du Dir immer vorgenommen haben Dich zu bessern, wenn ich Dich um mehr Ordnung und Sauberkeit gebeten habe, aber Du hast es dann aus Bequemlichkeit nicht getan. Heute fand ich unter meiner Schmutzwäsche eine unglaublich verdreckte Unterhose von Dir vor. An ihr konnte ich ablesen, daß Du sie tagelang getragen und Dich in der Zeit auch nicht gewaschen hast. Das veranlaßte mich wieder einmal mir Gedanken über Dich zu machen. Es ist jetzt einundzwanzig Jahre her, als ich mit Dir schwanger war. Das war so eine große Freude für mich, daß ich wie auf Wolken ging und all die Schwierigkeiten, die Deine Fischer-Omi mir damals machte, unwichtig erschienen. Wie Du weißt, mußte ich zwanzig Wochen lang streng liegen, damit Du gesund geboren werden konntest. Ich tat es mit Freuden, denn Dein Vater und ich wünschten uns Dich so sehr. Leider hat Deine Omi durch ihre damalige ständige Einmischerei erreicht, daß ich Dich nicht immer so ungezwungen erziehen konnte, wie ich es gewollt hätte und die Streitereien, die es deswegen gab, haben Dich sicher oft verunsichert und geängstigt. Sicherlich war ich wegen ihr auch oft strenger zu Dir, als ich es wollte, denn sie ließ Dir alles durchgehen. Für sie warst und bist Du immer der Größte gewesen. Und Du bist auch ein sehr netter Junge, den ich von ganzem Herzen liebe. Aber gerade aus dieser Liebe heraus mache ich mir immer wieder Sorgen um dich. In der letzten Zeit bemühe ich mich Dich damit in Ruhe zu lassen. Du wirst dieses Jahr einundzwanzig und solltest nun wissen wo es lang geht. Und im Grunde weißt Du es auch. Aber wenn ich in Dein Zimmer schaue oder Deinen schlechten Körpergeruch wahrnehme, wenn Du an mir vorübergehst, zweifle ich an mir. Was habe ich falsch gemacht, daß Du das nicht ändern willst? Vor vierzehn Tagen oder sind es schon drei Wochen her, stellte ich Dir ein Ultimatum. Entweder Du sorgtest für mehr Ordnung in Deinem Zimmer, oder Du würdest ausziehen müssen. Bereitwillig wie immer hast Du versprochen, es zu tun. Aber es ist alles beim Alten geblieben. Was soll ich nun tun? Immer wieder hatte ich in der Vergangenheit die Hoffnung, daß, wenn Du erst einmal eine Freundin hättest, Dich ihr zuliebe bessern würdest. Jetzt hast Du Deine Sabine, aber auch das hat nichts geändert an Deiner Schlamperei. Sie scheint sich nicht an Deiner Unsauberkeit und Deiner schmutzigen Kleidung zu stören. Vielleicht traut sie sich aber auch nur nichts zu sagen, um Dich nicht zu kränken und um Dich nicht zu verlieren. Ich kenne das aus der ersten Zeit mit Deinem Vater. Leider mußte auch ich ihm erst beibringen, sich öfters und gründlicher zu waschen und täglich, vor allem die Unterwäsche, zu wechseln. Mir war es unangenehm es ihm zu sagen und ihm war es peinlich, daß ich es ihm sagte. Aber, Florian, so wie jetzt kannst Du doch nicht weiter machen. Ich sehe ja, wie gut Du in Deinem Beruf zurecht kommst und bin darüber von Herzen froh. Ich sehe auch, daß Du gut bei den Menschen Deiner Umgebung ankommst und bei ihnen beliebt bist, und darüber freue ich mich. Aber sie sehen auch nicht, was ich sehe. Noch nicht! Das Sabine darüber hinweg sieht, finde ich nicht gut. Zwei Menschen die sich zusammen getan haben, haben eine gewisse Verantwortung für einander. Sie sollten sich im Guten ergänzen. Ein Teil meiner Ablehnung gegen sie, liegt denn wohl auch darin, daß sie Dich nicht positiv beeinflußt. Du sie allerdings anscheinend aber auch nicht. In ihrem Alter sollte sie nicht so dick sein (auch wenn es toll von Dir ist, daß Du sie so nimmst wie sie ist) und wenn sie jetzt nicht daran arbeitet, wann dann? Auch mit ihrer Sauberkeit ist es nicht so weit her. Gerade dicke Menschen schwitzen mehr als andere und da ist peinliche Sauberkeit besonders wichtig. Sie ist mir nicht unsympathisch und es tut mir leid, daß sie in ihrer Familie nicht den Halt und das Verständnis findet, wie Du es im Großen und Ganzen bei uns hast. Im Grunde sollte es mir vielleicht auch egal sein, wie Du Dich verhältst, denn noch einige Zeit und Du wirst nicht mehr in unserem Haushalt leben und ich brauche Deine Schlamperei nicht mehr zu erdulden. Wirst Du dann weiterhin, außer Deinem Beruf, nichts anderes tun, als Dich mit Freunden zu treffen und den Rest Deiner freien Zeit vor dem Fernseher zu verbringen? Nur ein Bruchteil der Zeit, die Du dafür aufwendest, würde genügen um Ordnung zu halten und Dich zu waschen. Du weißt, daß ich in meiner Jugend auch nicht ordentlich war, daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Aber es kam die Zeit, da ich es lernte. Wann kommt bei Dir diese Zeit? Ich warte jetzt schon so lange darauf. Jeden Tag sehe ich im Keller Deine Wäsche liegen, die seit drei Wochen darauf wartet fertig gemacht zu werden. Einen Teil hast du gewaschen, aber der liegt noch genauso dort wie der Rest der Schmutzigen. Ich habe extra für Dich einen Wäschebehälter gekauft, damit Du Deine Schmutzwäsche hinein legen kannst. Der aber steht nun im Keller und in Deinem Zimmer häufen sich überall die schmutzigen Sachen. Immer öfters frage ich mich, wo Du überhaupt noch frische Kleider zum Anziehen her nimmst? Dein Bett hast Du schätzungsweise seit vier Wochen nicht mehr frisch bezogen und ich frage mich wiederum, ob es Dich dabei nicht graust, wenn du in diesem stinkenden Bett schläfst? Kannst Du es nicht riechen? Anscheinend nicht, sonst würdest Du es frisch beziehen. Florian, ich liebe Dich. Wenn es nicht so wäre, könntest Du mir egal sein. Aber ich bin Deine Mutter und meine Gedanken sind so oft bei Dir. Leider können wir auch nicht mehr so gut miteinander reden, denn ich bin Dir gegenüber mißtrauisch, da Du uns, Deinen Vater und mich, in der Vergangenheit manchmal angelogen hast, um Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Es tut mir weh, aber ich verstehe das auch. Jeder von uns hat das schon einmal mitgemacht. Aber es gibt kaum etwas, was ich Dir nicht verzeihen würde. Ich habe auch immer Verständnis dafür gehabt, wenn Du mich bestohlen hattest. Und ich will Dir jetzt auch offen sagen, daß ich immer noch glaube, daß Du mir die einhundertfünfzig DM weggenommen hast, als ich im Urlaub war. Aber ich werde Dich deswegen nicht mehr bedrängen. Du allein kennst die Wahrheit deswegen und wenn Du damit leben kannst, kann ich es auch. Und noch etwas, geliebter Sohn. Ich bemerke mit großer Sorge, daß du mit Deinem Geld nicht auskommst. Als Du noch einhundert DM Taschengeld im Monat kriegtest, kamst Du damit zurecht und hattest deswegen meine ganze Bewunderung, auch wenn ich es vielleicht nicht so zeigte. Du weißt, daß ich Dir gern immer etwas leihe, lieber noch, als zu zulassen, daß Du es Dir von anderen geben läßt. Doch das Ausleihen ist keine Basis für die Zukunft. Sicherlich hast Du einen Nachholbedarf an käuflichen Dingen, denn wir mußten immer sparsam sein und konnten Dir und Christoph wenig Wünsche erfüllen. Aber zum Ausgleich dafür hattet Ihr immer all unsere Liebe und unser Zuwendung, was sich auch bei Euch positiv bemerkbar macht. Zum unserem großen Glück haben wir mit Dir nicht die Sorgen, die häufig andere Eltern haben. Die Sorgen, die ich mir wegen Dir mache, sind im Grunde genommen gering und ich hoffe von ganzem Herzen, daß Du sie jetzt bald angehst und ein Ende machst, mit Deiner Schlamperei. Im Grunde schadest Du nur Dir selber damit. Und damit bin ich am Ende meines Briefes. Aber Du sollst noch wissen, daß, was auch immer Du jetzt tun wirst, es keinen Einfluß haben wird auf meine Liebe zu Dir. Es mag schon sein, daß ich mich weiterhin aufrege und mich auch ärgere, wenn Du Dich nicht änderst, aber Du bist volljährig und sollst Dein eigenes Leben führen. Ich will meine Erziehung an Dir aufgeben, beginne Du nun sie zu vervollständigen. Mit all meiner Liebe Mutti.

Den Brief steckte ich in einen Umschlag und schob in in den Spalt zwischen seiner Tür und dem Türrahmen. Später am Abend kam er zu mir – ich hatte ihn gar nicht kommen hören – und bedankte sich. Ich fragte ihn: “Warum?” Denn ich war beschäftigt und hatte den Brief im Moment vergessen. „Wegen des Briefes”, sagte er. Er setzte sich zu mir und redete mit mir. Er erklärte mir, warum er nicht Ordnung halten konnte. „Ich habe zur Zeit so viel Arbeit, daß ich geschafft nach Hause komme und dann keine Lust habe aufzuräumen.” Aber das ist, was ich bereits weiß, ich bin ja nicht blind. Seit gestern ist er auch nicht zu hause, sondern bei seiner Freundin, und seine persönlichen Dinge bleiben nach wie vor unerledigt. Allerdings bezahlt er nun einen Teil seiner Schulden, bei mir. Als er im letzten Jahr zum ersten Mal selber Geld verdient hatte, ist er damit gleich so verschwenderisch umgegangen, so daß ich ihm Geld zuschießen mußte. Dann ging er im Herbst nochmals auf die weiterbildende Schule, und konnte dann natürlich seine Schulden nicht bezahlen. Im Frühjahr ist er dann endgültig mitten im Schuljahr abgesprungen, sagte uns aber wochenlang nichts. Dabei haben wir ihn nicht gezwungen, weiter auf die Schule zu gehen. Wir hatten nur zur Bedingung gemacht, daß wenn er noch weiter lernen wollte, es sofort tun mußte und nicht in einigen Jahren, so wie er es vorschlug. Wir befürchteten nämlich, daß er es in einigen Jahren nicht mehr schaffen würde, weil er dann den Anschluß verpaßt hatte. Mit dieser Regelung war er einverstanden gewesen und hatte sich einschreiben lassen. Dann lernte er seine Freundin kennen, die seit Jahren ihr eigenes Geld verdiente und als Schüler konnte er da nicht mithalten. Aber zusammen ausgehen kostet halt Geld und wir waren nicht in der Lage ihm reichlich Taschengeld zu geben. Ob es letztendlich dieser Grund war, weswegen er klammheimlich von der Schule abging, spielte für uns eigentlich keine Rolle. Nach dem er immer wieder Andeutungen machte, die Schule vorzeitig verlassen zu wollen, hatten wir nur zur Bedingung gemacht, daß, wenn er damit aufhören wollte, er wenigstens so lange zur Schule gehen müsse, bis er Arbeit gefunden hätte. Ich wollte damit vermeiden, daß er untätig herumhängt. Was er in diesen Wochen getan hat, werde ich wohl nie ganz erfahren. Er tat jedenfalls so, als würde er jeden Tag zur Schule gehen, um unser Verdacht nicht zu erwecken. Ich war sehr wütend, aber auch traurig auf ihn, als es heraus kam. Das hatte ich nicht um ihn verdient. Aber seine Trägheit läßt ihn wohl nicht anders handeln. Josef und ich stritten deswegen aber nicht mit ihm oder beschimpften ihn. Wir zeigten ihm nur unsere Betroffenheit wegen seiner Heimlichkeiten. Vor allem ich hatte immer gedacht, daß er so viel Vertrauen zu mir haben könnte, daß er ohne Angst alles erzählen würde. Daß es nicht der Fall war, verletzte mich. Aber wahrscheinlich hatte ich ihn einfach nur zu sehr unter Druck gesetzt. Was soll’s, bei Kindern muß man immer auf Überraschungen gefaßt sein, im Guten wie im Bösen. Und dann machte ich ihm bewußt Druck. In der Folgezeit strich ich ihm sämtliches Taschengeld. Er war volljährig und hatte seinen Beruf mit Auszeichnung beendete. Ich sah nicht ein, daß ich ihn weiterhin ernähren sollte. Wenn er schon nicht zur Schule ging, sollte er zusehen, wie er zu Geld kam. Mit dieser Maßnahme hoffte ich zu erreichen, daß er sich schnellstens um eine Arbeit bemühte. Angst ihn infolgedessen auf eine schief Bahn zu schieben, hatte ich erstaunlicher Weise nie. Und er kam auch auf keine. Doch bis er eine fand, das dauerte und dauerte. Oft kroch er erst um die Mittagszeit aus dem Bett. Dann kam es vor, daß ich mich mit ihm zu streiten begann, weil er sich in meinen Augen nicht ausreichend um eine Arbeit kümmerte. Er behauptet zwar immer wieder, daß er es tat, aber der Erfolg war gleich null. Und ich konnte beim besten Willen nicht erkenne, wann er es machte. Im Verlauf der Wochen wurde ich müde, mich mit ihm abzugeben. Es langte mir. Meine Kräfte erlahmten bei den Versuchen ihn zu motivieren. Und er war nicht der einzige, der an ihnen zehrte. Er wollte ein Gammelleben, bitte sollte er es haben. Also ließ ich ihn links liegen. Ich tat es nicht im Zorn. Meine eigenen Erfahrungen halfen mir dabei, es nicht zu ernst zu nehmen. Auch ich werde bockig, wenn man mich zu sehr in eine Sache hineindrängen möchte und dann ist es besser man läßt mich in Ruhe. Sabine war es, die ihm schließlich eine Arbeit in ihrer Firma verschaffte. Das war toll von ihr, wenn sie auch damit seine Bequemlichkeit unterstützte, was mir weniger gefiel. Aber meine Mann und ich atmeten erleichtert auf, als er in seinem Beruf anfangen konnte. Dort ist er sehr tüchtig, daß muß man ihm lassen. Inzwischen hat er die Probezeit hinter sich und verdient gut. Darum ist er nun auch in der Lage seine Schulden bei mir abzuzahlen. Und darauf bestehe ich, denn im Leben wird ihm kaum etwas geschenkt. Er muß wissen, daß, wenn er sich Geld leiht, dieses irgendwann zurückgezahlt werden muß. Auf diesem Weg lernt er vielleicht auch, sich so wenig wie möglich zu borgen. Als Mutter besteht natürlich immer wieder die Gefahr für mich, daß ich ihm all das ersparen möchte, aber das wäre grundfalsch.

13. Juli 1994
Das Wochenende ohne Josef und Christoph verging für mich friedlich, mit arbeiten und ausruhen. Florian sieht man kaum noch. In seiner Freizeit ist er immer mit Sabine und einem Schwarm Freunde zusammen.

Als ich dann am Sonntagabend, das Auto meines Mannes hörte, überflutete mich eine heftige Sehnsucht nach ihm. Doch ganz schnell unterdrückte ich sie wieder. Ich hatte ja von ihm nichts zu erwarten, dachte ich bei mir. Aber diese spontane Sehnsucht ließ mich ihn, als er ins Haus hereinkam, fragen, ob er Lust hätte, noch mit mir zureden. Er war sofort dazu bereit. Zunächst räumte er noch das Auto aus und kam dann in mein Zimmer. Er setzte sich zu mir. Den Kopf hielt er gesenkt und sein Gesicht hatte den traurig-trotzigen Gesichtsausdruck eines Kindes. Ich wartete darauf, daß er anfangen würde, aber er schwieg. Also mußte ich beginnen. „Nun denn, Josef, hast du inzwischen über uns nachgedacht? Wie stellst du dir von, wie es mit uns weiter gehen soll? “fragte ich ihn. Sichtlich niedergeschlagen antworte er: “Ich werde alles tun, was du willst! Ich bin ja von dir abhängig!” Das ließ sich gar nicht gut an. Aber spontan erwiderte ich: “Das bin ich auch. Ich bin auch von dir abhängig. Du verdienst schließlich das Geld und ich bin nicht mehr fähig selbst eins zu verdienen.” Gleichzeitig mit meinen Worten erkannte ich, daß das Gespräch so zu nichts führte. Ich machte mir klar, daß er wahrscheinlich müde und abgespannt von der langen Heimfahrt war, und es dumm von mir gewesen war, ihn so spät noch um eine Unterredung zu bitten. Ich hatte nur auf meine Gefühle gehört, anstatt meinen Verstand arbeiten zu lassen. Jetzt aber funktionierte er wieder. “Tut mir leid, Josef,” sagte ich zu ihm, “es hat wohl nicht viel Sinn, jetzt darüber zu reden. Ich hätte dich heute nicht mehr darum bitten dürfen. Du bist bestimmt müde. Also schau zu, daß du ins Bett kommst und schläfst.” Er zögerte einen Moment und ging dann wortlos aus dem Zimmer.

Alleingelassen, grübelte ich seinen Worten “Ich werde alles tun, was du willst. Ich bin ja von dir abhängig,” nach. Seltsamerweise erschreckten sie mich irgendwie. Bedeuteten ich das, was ich immer einmal vermutete hatte? Liebte er mich doch nicht so, wie ich es immer geglaubt hatte? Gab er sich immer nur dann Mühe mit mir, weil er sonst Angst haben müßte, daß ich ihn verlassen würde und er dann allein wäre? Und weil Alleinsein für ihn bedeuteten würde, daß er mit Dingen fertig werden mußte, die ich ihm immer abgenommen hatte? War ich immer nur Mittel zum Zweck gewesen und kam daher sein mäßiges sexuelles Interesse an mir? Ich wußte nicht mehr was ich denken sollte. Aber die Möglichkeit, daß es so sein konnte, daß das der Schlüssel zu seinem Verhalten war, lag nahe und Tränen stiegen in mir auf. Wenn es da war, warum er sich an mich klammerte, dann war ich diejenige, die ihn im Grunde immer mehr geliebt hatte, als ich mir eingestehen wollte. Niemals hätte ich mir sonst so viel Arbeit gemacht, um es uns schön zu machen. Und all die Probleme, die ich für ihn übernommen hatte, um es ihm leichter zu machen. Das kann man nur aus Liebe tun! Folglich liebte er mich doch nicht so, wie er es immer wieder mal beteuerte; denn was hat er für mich getan, um daß zu beweisen? Es war zu spät und ich zu müde, um weiter darüber zu sinnieren. Es würde sich an einem anderen Tag ein weiteres Gespräch ergeben und das würde besser verlaufen – so hoffte ich jedenfalls – und legte mich schlafen. Diese Gelegenheit ergab sich gleich am nächsten Tag. Da ich am Morgen immer länger schlafe, weil ich häufig bis in die Nacht hinein arbeite, sah ich Josef erst wieder, als er an diesem Tag vom Büro nach Hause kam. “Wenn du willst,” sagte er gleich beim Hereinkommen, „können wir heute miteinander reden. Gestern war ich wirklich zu müde dazu.” “Ja gut, das ist mir schon recht,” erwiderte ich und war von Herzen froh, daß er es von selber anbot. Dann, so hoffte ich, würde er nicht nur stumm mit mir zusammen sitzen. Wir trafen uns im Wohnzimmer, der neutralen Zone für uns beide. Er sah mich nicht an und sein Gesicht wirkte verschlossen. Wieder machte er nicht den Anfang für das Gespräch, also tat ich es. “Nun gut, Josef,” sagte ich zu ihm, “ich frage dich noch einmal: wie soll es jetzt mit uns weiter gehen.” “Sag du mir erst einmal, was ich ändern soll,” erwiderte er darauf. „Na ja, es sind zwei Hauptpunkte, die mir am meisten zu schaffen machen,” erklärte ich ihm. “Erstens fehlt mir deine körperlich Nähe, und das hat nicht einmal etwas mit Sex zu tun. Und zweitens belastet es mich, daß wir nicht mehr miteinander reden können. Es ist für mich, als würden wir seit langem zwei verschiedene Sprachen sprechen und keiner von uns beiden kann den Sinn der Worte erkennen.” “Das ist schon wahr, ” sagte er, “ich habe nicht mehr viel Geduld, daher kommt das! Im Büro ist es nicht nötig, daß ich viele Worte mache. Wenn ich etwas sage, dann wird es eben so gemacht.” “Da ist alles recht und schön, aber du bist doch nicht mein Chef. So kannst du mich doch nicht behandeln. du mußt doch noch einen Unterschied machen zwischen dem Büro und deiner Familie!” entgegnete ich. “Das sehe ich ein,” sagte er. “Ich weiß schon, daß ich mich gehen lassen.” Erleichtert hörte ich, daß er Einsichtig war und davon aufgemuntert sprach ich weiter. “Ich habe dich geheiratete, weil du für mich der beste Freund warst, den ich je hatte und weil ich dachte, daß wir dann legal miteinander zärtlich sein und Sex haben könnten. Aus irgend einem Grund bildetet ich mir damals ein, du wärst nur so zurückhalten, weil deine Mutter vorehelichen Geschlechtsverkehr verurteilte. Aber auch verheiratet hast du mich kaum begehrt. Was glaubst du, wie ich mich oft deswegen fühlte, wie schmerzhaft und demütigend es war? Dabei hattest du vor mir andere Freundinnen. Hast du mit denen denn keinen Verkehr gehabt?” “Doch schon,” antwortete er. “Allerdings nicht häufig. sie wohnten ja alle weiter weg, so daß wir nicht oft zusammen waren.” „Aber hat es denn mit ihnen geklappt und gab dir mit ihnen das Zusammensein Befriedigung oder gab es eine, die dir den Sex vermiest hat?” bohrte ich weiter. “Ich weiß noch ganz genau, wie verklemmt du am Beginn unser Freundschaft warst. Du hast dich ja nicht einmal nackt vor mir ausgezogen.” Darauf antwortete er schnell: “Nein, nein, das war schon in Ordnung. Nur eben nicht oft.” „Aber jetzt sei einmal ehrlich, Josef, deinen ersten Geschlechtsverkehr hast du doch erst spät erlebt? Du bist dieser Frage immer ausgewichen, wenn ich es wissen wollte. Weich dieses Mal nicht aus und sei offen! Wie alt warst du tatsächlich beim ersten Mal?” Was ich mit diesen Fragen erreichen wollte, war mir zwar nicht ganz klar, aber ich hielt die Antwort darauf wohl für aufschlußreich. Und so war ich gespannt, ob er es heute endlich sagen würde. Wenn er es zugab, war es ein Zeichen seines guten Willens zu einer wirklichen Verständigung mit mir, denn dieses Thema war ihn immer peinlich. Aber dieses Mal wand er sich nicht mit vager Antwort heraus. Nach einer winzigen Pause des Überlegens sagte er schlicht und einfach: “Sechsundzwanzig! Ich war sechsundzwanzig!” Nun brauchte ich eine kurze Pause zum Nachdenken. Da hatte er mich über all die Jahre in dem Glauben gelassen, daß er zwei-oder dreiundzwanzig Jahre alt gewesen sei beim ersten Mal. Also war es ein Problem für ihn gewesen und hatte mir deshalb das wahre Alter verschwiegen. Und irgendwie erscheint es ja auch nicht ganz normal, wenn ein Mann so spät erst sein erstes sexuelles Erlebnis hat. Das muß er auch so empfunden haben, sonst hätte er es nicht verschleiern brauchen. Aber ich konnte mir leicht denken, warum es so gewesen war und damit hielt ich nicht hinterm Berg. “Also weißt du,” sagte ich zu ihm, „immer wieder hatte ich den Eindruck, daß alles was mit Sex zusammen hängt, dir unangenehm ist. Und wenn es so ist, dann kann nur deine Mutter daran schuld sein. Was sie getan hat, dich so fühlen zu lassen, weiß ich nicht genau, aber das sie etwas getan, ist sicher. Immer noch befürchtest du, du müßtest dich ihr unterordnen. Und du fühlst dich gehemmt und unsicher, auch bei mir, weil wir uns etwas ähnlich sind. Immer wieder scheinst du sie und mich in einen Topf zu werfen und reagierst bei mir, als wäre ich sie. Das ist wirklich sehr kränkend für mich. Ich bin nicht wie deine Mutter und ich möchte von dir nicht behandelt werden, als wäre ich sie. Ich glaube, Josef, du solltest einmal überlegen, ob du eine Therapie machen solltest. Ich kann doch sehen, wie verkrampft du oft bist. Und es geht auch nicht nur um mich, es geht in erster Linie um dich. Ich komme schon klar, mit meinem Leben, habe es ja immer gemußt. Ich rapple mich immer wieder auf. Aber wenn du so weiter machst, kannst du schnell einmal einen Infarkt bekommen. Es ist schrecklich für mich zu sehen, wie du immer wieder unter Druck stehst. Wie oft deutest du eine harmlose Frage von mir falsch und siehst darin Probleme auf dich zukommen, nur weil du es von deiner Mutter her noch so in dir hast. Mach dich endlich von ihr frei. Du bist ihr nichts schuldig. Du tust für sie sowieso mehr, als andere verheiratete Männer ihren Müttern geben. Jeden Sonntag gehst du mit ihr in die Kirche. Und sei ehrlich, wenn sie es nicht wollte würdest du nicht so häufig gehen.” „Wahrscheinlich nicht,” unterbrach er mich. !Auf der anderen Seite ist es eine der wenigen Gelegenheiten sie zu sehen.” “Ja, aber wenn du nicht wüßtest, daß sie es will und sie dir nicht damit in den Ohren liegen würde, gingst du nicht so oft zur Kirche, nicht wahr?” „Wahrscheinlich nicht,” antwortete er daraufhin nochmals. Das hatte ich vermutet. Während ich alle zwei Wochen einmal meine Schwiegermutter, mit der ich mich jetzt bestens verstand, für einen Nachmittag zum Essen einlud, vermied er es, längere Zeit mit ihr zusammen zu sein. Immer noch fürchtete er ihre ihm unangenehmen Fragen und konnte damit nicht ungezwungen umgehen. Wenn sie ihn etwas fragte, daß er nicht beantworten wollte, weil die Frage zu persönlich war, geriet er in einen Gewissenskonflikt. Er schaffte es nicht, wie ich, zu ihr zu sagen: ‘Darauf möchte ich nicht antworten!’ Er befürchtete, daß sie ihn dann zur Schnecke machen könnte, wie früher. Er hatte noch nicht richtig mitbekommen oder konnte nicht glauben, daß auch seine Mutter einen Umwandlungsprozess hinter sich hatte und längst nicht mehr so war wie früher. Sie nachsichtiger und einsichtiger geworden und hielt sich im Hintergrund. Aber ihr Stachel steckte doch tief in ihm drinnen. Und deswegen dachte ich, daß eine Therapie ihm gut tun würde. “In einer Therapie könntest du endlich einmal über alles sprechen, was in deiner Kindheit mit dir geschehen ist,” sagte ich zu ihm. “Vielleicht wirst du dann gelöster. An mir kann es nicht liegen. Ich lasse dir so viel Spielraum, wie du brauchst. Aber es kränkt und ärgert mich maßlos, von dir behandelt zu werden, als würde ich dir Schwierigkeiten machen. Wie oft schon hast du geglaubt, ich würde etwas anders meinen, als ich sagte, nur weil deine Mutter früher so zweideutig mit dir geredet hat und du immer auf der Hut sein mußtest. Und wie schon gesagt: Wenn du dich davon nicht befreist, schadest du dir in erster Linie selber. Gerade Männer in deinem Alter sind extrem gefährdet. Ein wenig anstrengen mußt du dich allerdings schon. Ich habe doch nicht geheiratet, um mit dir wie Bruder und Schwester zusammen zu leben. Noch bin ich eine relativ junge Frau, obwohl ich mich manchmal uralt fühle. Es sei denn, du willst nichts mehr von mir wissen und begehrst mich wirklich nicht.” Auf diese Rede hin, bekam er einen roten Kopf und antwortet ganz entschieden: „Das kannst du mir glauben, ich liebe und begehre dich sehr! Deine Idee mit der Therapie ist nicht schlecht. Und das Geld dafür (damit sieht es bei uns gerade mal wieder schlecht aus) werden wir schon aufbringen,” fügte er hin. “Wir werden das nicht selber bezahlen müssen,” erklärte ich ihm.” Mit deinen Symptomen, deiner latenten Impotenz und deiner gesundheitlichen Verfassung, wird das bestimmt die Krankenkasse übernehmen.” Soweit hatte er noch nicht gedacht, nahm es aber freudig an. “Du hast recht, das könnte gehen. Ich bräuchte mir nur von meinem Arzt ein Attest ausstellen lassen. Er weiß bestimmt einen guten Therapeuten für mich.” Ich konnte ihm deutlich ansehen, wie der Gedanke daran ihn aufheiterte. “Aber, du sollst es in erster Linie für dich tun,” wiederholte ich mich. “Du brauchst es nicht für mich zu tun. Wenn du dich erst einmal lernst zu entspannen, klapp wahrscheinlich auch alles andere.” “Das ist schon wahr,” erwiderte er. “Es ist bei mir keine körperliches Problem, sondern ein seelisches. Die kleinste Kleinigkeit genügt bereits, um mich unsicher werden zu lassen.” “Wegen mir wäre das nicht nötig. Ich fresse dich nicht gleich, wenn du nicht spurst. Du siehst doch selbst, wie unbeschwert unsere zwei Buben im Grunde genommen aufwachsen. Ich mache ihnen nicht die Schwierigkeiten, wie du sie mit deiner Mutter gehabt hast. Ich rede ihnen nicht in alles hinein. Und ich lasse sie auch dann Dinge entscheiden, wenn ich anderer Ansicht bin. Und dir gegenüber bin ich doch nicht viel anders. Aber dann steht immer wieder deine Mutter wie ein Schatten über dir. Schau zu, daß du das ablegen kannst. Wahrscheinlich fühlst du dich dann besser und unserer Ehe käme es zugute. Und noch etwas! Ich bitte dich, bemühe dich endlich wieder zu zuhören. Fall’ mir nicht ständig ins Wort. Oft glaubst du die Antwort schon zu kenne, bevor ich sie ausgesprochen habe und schon gibt es das schönste Mißverständnis. Und antworte bitte erst, wenn du über die Frage nachgedacht hast. Sehr häufig antwortest du, ohne zu überlegen und gehst nicht auf die eigentliche Frage ein. Auch das ärgert mich und das müßte nicht sein.” „Ja, ich weiß, daß ist wegen meiner Ungeduld,” erwiderte Josef.”Daran werde ich jetzt arbeiten. Und die Therapie werde ich machen.”
Weiter gab es nichts mehr zu besprechen. Ich hatte ihm mein Herz ausgeschüttet und er hatte den Willen gezeigt, etwas an sich zu verändern. Ganz im stillen glaubte ich zwar nicht so recht daran, daß er tatsächlich die Therapie angehen würde. Er hatte in der Vergangenheit schon so oft etwas versprochen, um es dann auf den Nimmerleinstag zu verschieben. Wegen seiner fortschreitenden Unfruchtbarkeit hatte er z.B. nach der Geburt von Christoph nichts mehr unternommen, obwohl wir nach ihm gern ein drittes Kind gehabt hätten. Durfte ich trotzdem hoffen? Doch irgendwie war es mir nicht mehr so wichtig wie früher. Was immer er machte, es war seine Entscheidung. Für mich hatte ich die Beschäftigung gefunden, die ich immer schon machen wollte und die mir eine tiefe Befriedigung schenkte. Zum Weiterhoffen auf eine Änderung in unserem Eheleben war mein Kampfgeist merklich abgestumpft und meine Reserven des Leidens erschöpft. Daß ich trotzdem versuchte, einigermaßen mit ihm klar zu kommen, tat ich für uns alle. Die Atmosphäre im Haus sollte sich wieder verbessern.
Am Tag darauf fragte er mich, sowie er aus dem Büro nach hause gekommen war, ob ich mit ihm zum Schwimmen gehen würde. Ich hatte ihn das selbe fragen wollen und sagte: “Ja.” Auf der Fahrt zu unserem Badesee saß er neben mir auf dem Beifahrersitz. Obwohl ich ihn nur von der Seite sehen konnte, erfaßte ich seine Stimmung. “Sag mal, Josef, du bist doch nicht etwas verlegen? fragte ich ihn. „Ich glaube schon,” antwortete er. “Ja wirklich, ich bin verlegen.” “Aber warum? Doch nicht wegen mir?” “Doch, doch, es ist schon wegen dir. Ich liebe dich so sehr und ich möchte, daß es wieder gut wird zwischen uns beiden. Heute war ich bereits bei meinem Arzt und habe mir Blut für die Werte abnehmen lassen. Wenn er nächste Woche die Werte weiß, werde ich mich um den Termin bei einem Therapeuten kümmern.” Na, da war ich aber sprachlos. Das hatte ich, wie man weiß, nicht erwartet. Es freute mich, machte mich aber nicht euphorisch. Dreiundzwanzig Jahre Ehe, da geht man alles langsamer an. Ich werde ja sehen wie es weiter geht. Im Moment jedenfalls, waren meine Ehewolken ein Stück zerrissen und ein Hoffnungsschimmer blitzte durch.
Und das Fazit meiner Ehe ist, daß mir der gute Freund geblieben ist. Wer braucht schon einen Mann mit einem fleißigen Unterleib, aber einem leeren Hirn. Letztendlich versagen die Kräfte im Unterleib und zurück bleibt das leere Hirn. Aber ein wirklich guter Freund, bleibt immer ein guter Freund. Und das ist mein Mann. Ich danke dir Josef!

Weitere für mich wichtige Notizen !

Die Erziehung der beiden Jungen war oft schwer. Sie haben lange nicht gelernt das Eigentum des anderen zu akzeptieren. Da frage ich mich schon: Konnte es daran liegen, daß mein Mann seine kleinen Ticks pflege, mit denen er mich manchmal zur Weißglut bringen konnte. Einer davon war sein Tick wegen Pflanzen. Dazu Erklärungen auf einer anderen Seite!

Gerade fällt mir noch eine komische Episode ein:

Einmal hatte ich eine Erkältung und legte mich früher als gewöhnlich ins Bett, aber die beiden Buben waren noch auf. Als ihre Zeit gekommen war, daß ich sich hinlegen sollten, konnte ich von meinem Zimmer aus folgendes Gespräch mit anhören. Mein Mann: „Also Jung’s, jetzt auf und Marsch ins Bett!” Die beiden unisono:”Nein, wir wollen noch nicht!” Mein Mann danach etwas energischer: “Los macht schon, geht jetzt!“ Die beiden maulten und sagten: „Es ist noch so früh, laß uns noch ein bißchen aufbleiben!” Meines Mannes Stimme hob sich jetzt energisch und drohend: „Geht jetzt, sonst setzt es was!” was allerdings eine leere Drohung von ihm war und das wußten sie. An dieser Stelle war ich schon bereit einzuschreiten, doch Neugier hielt mich davon ab. Die Neugier zu erfahren, ob er sich doch noch durchsetzen konnte. Und als die beiden Buben sich immer noch weigerten ins Bett zu gehen, kam von ihm die letzte große Drohung, die die beiden schließlich ins Bett treib. Er warnte sie folgendermaßen: „Wenn ihr jetzt nicht sofort ins Bett geht, hole ich eure Mutti!” Ich mußte bei seinen Worten lachen. Es war mir nicht peinlich, daß ich als der Buhmann hingestellt wurde, wußte ich doch, daß meine ruhige feste Art es war, die sie zum Gehorchen bewegte.