Eine Woche im August 1997

Folgendes Szenario ging voraus:
Im Jahr vorher – 1996 – hatte ich mich räumlich von meiner Familie getrennt, mir eine Wohnung am Wagingersee gemietet, um dort zu versuchen wieder körperliche und nervliche Kraft zu erlangen.
Und im Jahr darauf – also 1997 – geschah, was ich nun berichte.

Liebe Söhne, die Ereignisse, die sich anläßlich des einwöchigen Besuches von Vater und  Christoph im August 1997 abspielten, schreibe ich jetzt gleich nieder, weil sie mich, vier Tage nach ihrer Abreise noch immer sehr stark bewegen..
Wie ihr wißt, ist es zu diesem Zeitpunkt über ein Jahr her, daß ich hier in Oberbayern allein in meiner gewählten Abgeschiedenheit von euch lebe, wenn man von eueren sporadischen Besuchen absieht. Und endlich fühle ich mich – wie seit langem nicht mehr – wohl und bin voller Dankbarkeit, daß euer Vater mir diesen Aufenthalt finanziert. Und ich bin voller Hoffnung, hier endlich meine fast tödliche Erschöpfung zu überwinden, die ich seit langer Zeit mit mir herumschleppte. .

Nun bin ich zwar alleine – und glaubt mir, ich vermisse euch alle oft sehr schmerzlich -, aber nicht einsam. Dazu habe ich zu viele Pläne und selbst gestellte Aufgaben, deren Erledigungen mich erfreuen. Ich muß euch nicht mehr ständig um mich haben, um mich zufrieden zu fühlen. Ich denke mir, ich habe meine mütterlichen Triebe bis zur Neige erfüllt. Trotzdem freue ich mich jedes mal auf euer Kommen. Um so mehr betrübt es mich, wenn es so ausgeht, wie letzte Woche. Die Erinnerung daran macht mir richtiggehend Herzeleid!
Und das ist die Geschichte:.

Das Telefon läutet. Ich nehme den Hörer ab und melde mich: „Fischer!“.

“Ich bin es, Liebling!“ antwortet Josef, mein in Regensburg zurückgelassener Ehemann, mit dem ich, wie ihr wissen solltet, im September sechsundzwanzig Jahre verheiratet bin..

“Hallo, mein Schatz,“ erwidere ich erfreut, „geht es dir gut?“.

“Ja!“ sagte er. „Jetzt, wo ich deine Stimme höre, geht es mir gut!“.

Bei seiner Antwort kommt es mir gleich in den Sinn, wie sehr er doch unter unserer Trennung leidet, sie aber hinnimmt, da er weiß, wie nötig ich sie habe. Doch ich schiebe diesen Gedanken rasch bei Seite, der nichts bringt. Geschehen ist geschehen und ich habe für alle meine Entscheidungen – wie sich im Lauf meiner Geschichten herausstellen wird – einen guten Grund!.

“Und?“ frage ich. „Wann kommt ihr?“ .

Seit Wochen war geplant, daß er und Christoph, zum Zeitpunkt von dessen Geburtstag herkommen sollten, damit wir ihn gemeinsam feiern konnten. Nur ein endgültiger Termin stand noch nicht fest..

“Wir kommen erst am Sonntag und nicht, wie geplant Freitagabend“, antwortet Josef. „Ein Freund von Florian gibt am Samstag eine Weinprobe und dazu hat Florian mich eingeladen.“.

Daß er „das“ nicht auslassen wollte, leuchtete mir sofort ein. Für ihn, der ein Weinkenner und Weinliebhaber war, er, der einen guten Tropfen immer zu schätzen wußte, war das eine gute Gelegenheit, kostenlos auf seine Kosten zu kommen. “Außerdem,“ fuhr er fort, „möchte Christoph den Roland (das ist dessen langjähriger Schulfreund und Spezel) mitbringen. Aber der ist über das Wochenende bei einem Rollenspiel und kommt erst Sonntagmittag zurück. Dir ist es doch recht, wenn er mitkommt?“.

“Aber ja, natürlich!“ erwidere ich, und denke mir, daß mir alles recht ist, wenn der „kleine“, am kommenden Dienstag neunzehn Jahre alt werdende, geliebte Sohn zufrieden ist..

Großer Kummer liegt hinter ihm und ich würde zumindest versuchen, ihn nicht zusätzlich zu belasten. Ganz so, wie es einer guten Mutter eben zusteht.

“Wir werden aber eine ganze Woche bleiben,“ sprach Josef in meine Gedanken hinein. „Jetzt, da er sich endgültig von Bettina getrennt hat, braucht er ein bißchen Abstand und Abwechslung. Stell dir vor, gestern war er bei mir und hat wegen der Sache heftig geweint.“.

“Wieso denn das?“ frage ich alarmiert.

“Ach, der dumme Kerl hat ihr doch tatsächlich die Sache von dem anderen Mädchen erzählt. Sie hat ihn daraufhin angeschrien und ihm gesagt, daß sie ihn haßt, wie nie jemanden zuvor.“

“Wie konnte er das nur tun!“ sage ich erregt. „Ich habe ihm doch ausdrücklich davon abgeraten, es ihr zu erzählen, als er mich fragte, ob er ihr beichten sollte, daß er mit ihr geschmust hat. Er hätte doch wissen müssen, wie sehr er sie damit kränken würde. Ganz egal, was zwischen den beiden vorgefallen ist, haben sie doch sehr aneinander gehangen und ihr das zu sagen, mußte sie nachträglich verletzen.

“Ich habe ihm auch abgeraten,“ erwiderte mein, manchmal so feinfühliger Gatte. „Ich habe ihm gesagt: ‘Ein Gentleman genießt und schweigt’.“.

“Und warum hat er es ihr dann trotzdem gesagt?“ fragte ich aufs Höchste erstaunt und verwundert..

“Er dachte sich, dann käme sie leichter über die Trennung hinweg. Aber jetzt ist „er“ über ihren Haß äußerst verletzt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie bitterlich er geweint hat.“.

Ach Josef, natürlich kann ich mir vorstellen, wie bitterlich er geweint hat. Er ist schließlich mein Sohn. Immer obenauf und anspruchsvoll, geliebt und verwöhnt von seinen Eltern und doch so verletzlich, wenn es nicht nach seinem Willen geht. – Oder gerade deswegen?.

“Na gut,“ sagte ich, „dann kommt erst einmal her. Und bringt den Roland ruhig mit, der wird ihn schon wieder aufmuntern. Mit ihm ist es ja nie langweilig.“.

“Ja, da hast du recht!“ erwiderte Josef. „Dann kannst du uns also Sonntagnachmittag erwarten.“.

Der bewußte Sonntag zog sich in die Länge. Ich hatte Zutaten für ein gutes Empfangsessen besorgt und mir ausgerechnet, wann sie ungefähr kommen könnten, damit ich sie zu diesem Zeitpunkt mit einem guten Mahl empfangen konnte. Vor allem Josef war immer regelrecht ausgehungert, wenn er hier eintraf.
 Gegen 14 Uhr der erste Anruf von Christoph. „Hallo, Mami, der Roland ist jetzt vom Rollenspiel zurück. Wir werden in circa einer Stunde abfahren.“.

“Ist recht, meine Sohn, ich freue mich auf euch!“.

Der zweite Anruf erfolgte gegen 16 Uhr..

“Hallo Mami, wir fahren jetzt los. Beim Roland hat es doch etwas länger gedauert, als erwartet.“.

Und ich: “Ist gut, mein Sohn, das geht schon in Ordnung.“ .

Was sollte ich mich groß aufregen, wenn sie sich nicht an ihre Zeitpläne hielten? Waren sie nicht eh der Meinung, ich hätte nichts anderes zu tun, als auf sie zu warten. Warum sollte ich sie also eines Besseren belehren und so Mißstimmung vorprogrammieren. Ich hatte mir fest vorgenommen, mich in der Woche ihres Hiersein zusammen zu nehmen und ihnen ihre Angewohnheiten, die mich dazu getrieben hatten, von ihnen wegzuziehen, nachzusehen. Was ist schon eine Woche, hatte ich mir gesagt, die wirst du locker überstehen..

.Aber denken und erleben ist zweierlei!.

Gegen siebzehn Uhr dreißig kamen sie endlich an, mit Entschuldigungen über ihre, nun doch wesentliche Verspätung. Ich winkte ab. Glücklich, sie gesund bei mir zu wissen, umarmte ich sie zärtlich voller Freude..

Vertraut mit ihrer Bummelei, war mein Essen bei ihrem Eintreffen gerade fertig geworden und wir konnten, trotz der späten Stunde, bei warmen Wetter und einem herrlichen Sonnenuntergang im Garten speisen..

Während des Essens fragte ich sie dann: „Wer wird wo von euch schlafen? Könnt ihr alle im Wohnwagen unterkommen?“.

Dieser Wohnwagen war eine praktische Sache. Seit acht Jahren stand er drei Kilometer von meiner jetzigen Wohnung entfernt auf einem Bauernhof bei liebgewonnenen Freunden. Und am See, einige Kilometer vom Bauernhof entfernt, stand – welche ein Luxus – unser Katamaran. Das war einer der Gründe, warum ich mir gerade hier einen neuen Wohnort ausgesucht hatte. Ein anderer Grund bestand aus der Tatsache, daß mir hier von klein auf alles sehr vertraut war, weil meine Eltern bereits mit mir und meinen Geschwistern oft hierher gefahren waren – als Abwechslung zum Zwingsepp in der Nähe von Inzell und einigen wunderschönen Ferien am Ammersee. Und dieser Tradition folgend, hatten Sepp und ich zuerst mit Florian und später zusammen mit Christoph, immer wieder in dieser zauberhaften Gegend unsere Ferien verbracht, bis wir endlich am Wagingersee zum Urlaubmachen seßhaft wurden. Der nahe Standort des Wohnwagens hatte den erfreulichen Nebeneffekt, daß ich meine Lieben nicht in meiner Wohnung beherbergen mußte, wenn sie mich besuchten, denn das belastete mich manchmal immer noch. Und das taten sie auch willig, von einigen Ausnahmen mal abgesehen. .

Aber egal, wer von ihnen wo schlafen würde, hatte ich mir für diese eine spezielle Woche fest vorgenommen, mich in Geduld zu fassen, meine Arbeiten – die mich viel Konzentration und Kraft kosteten – zurückzustellen und zu hoffen, daß meine Nerven mitspielten..

Christoph antworte auf meine Frage sofort mit leichter Entrüstung: „Nein, das geht auf keinen Fall. Roland und ich haben beide unsere Computer dabei. Dazu brauchen wir den kleiner Tisch. im Campingwagen. Für Vati ist dann kein Platz mehr!“.

“Na, gut,“ erwiderte ich friedlich, „dann muß er eben bei mir nächtigen.“.

Ganz recht war das mir nicht, bedeutete es doch, daß ich vermehrt würde Rücksicht nehmen müssen und mein Tagesablauf weit mehr gestört würde, als ich es mir erhofft hatte. Er hatte so seine kleinen Angewohnheiten, die mir im Lauf unserer Ehe immer mehr auf die Nerven gegangen waren. .

Ach, was soll’s, eine Woche halte ich aus, redete ich mir gut zu und zeigte ein fröhliches Gesicht, als ich sagte: „Wir haben das ja bereits praktiziert. Schläft er halt im Wohnzimmer auf einer Matratze.“.

Josefs Gesicht strahlte bei dieser Ankündigung. Er liebte es in meiner Nähe zu sein. Immer stand ihm etwas eine gewissen Angst im Nacken, ich könnte mich eines Tages doch noch ganz von ihm trennen. Deshalb war er seit meinem Wegzug auch stets bemüht mich mild zu stimmen und Ärger zu vermeiden. Er wußte nur zu gut um meinen seelischen Zustand.

Er erfüllte mir jede Bitte und oftmals mehr als das, was Christoph bereits des öfteren zum Anlaß genommen hatte – vor allem in den Monaten vor meinem Auszug, als er und ich uns fast feindlich gesinnt waren – zu sagen: „Papi kriecht dir in den Hintern, bloß, damit du nicht böse auf ihn bist!“.

Eine Aussage, die mich maßlos verärgern konnte und der ich meistens heftig widersprach, denn sie stimmte so nicht. Wenn überhaupt, dann kroch er ihm in den Hintern. Und Christoph nützte das manchmal schamlos aus. Aber das wollte er nun wiederum nicht zugeben..

Wenn Josef mir jetzt, nach so vielen Jahren Ehe,  häufig meinen Willen tat, dann wußte er genau warum..

Jedenfalls war damit die Unterbringung geregelt. Josef machte dazu noch die launige Bemerkung, daß wir vielleicht…, vielleicht… wieder einmal zärtlich mit einander werden könnten. .

Diese Anspielung überging ich elegant. Darauf einzugehen würde Streß bedeuten. Seit über drei Jahren hatten wir keinen Sex mehr mit einander praktiziert und war deshalb ein wunder Punkt in unserer Beziehung. .

Einer von vielen, die mich aus Regensburg vertrieben hatten..

Nicht, daß er nicht gewollt hätte, aber er kriegte „ihn“ nicht mehr hoch. Dabei könnte ich diese Komponente unserer Ehe akzeptieren, wenn er nur nicht immer wieder seine abhanden gekommene Potenz unter Beweis stellen wollte. Wie oft hatte er mich an der Nase herumgeführt, indem er mir Versprechungen in Bezug auf zärtliche Stunden gemacht hatte und sie dann einfach, wenn der Zeitpunkt gekommen war, um sie einzulösen, einfach vergaß, oder mit einer Ausrede (tut mir leid, aber jetzt bin ich wirklich schon zu müde,  oder – es ist mir heute schon zu spät – ect. ect.) fallen ließ..

Und ich reagierte immer auf zweierlei Arten darauf – und keine davon war gut: Entweder machte ich ihm – was allerdings selten vor kam – eine Szene und schleuderte ihm meinen Frust ins Gesicht, was ihn verschreckte und in sein Schneckenhaus kriechen ließ, oder – und das war meistens der Fall – ich gab mich verständnisvoll, weinte aber, wenn ich alleine in meinem Bett lag, wo es keiner merkte, oft bitterlich. .

Sieht man aber von diesem Umstand einmal ab, dann ist er ein großartiger Freund. Ich hätte keinen besseren Mann wie ihn finden können. Wie er hat mich noch kein Mann geliebt. Im Verlauf unserer Ehe hat er gelernt den Menschen, der ich bin, voll und ganz zu schätzen und immer für mich dazu sein, wenn ich ihn brauche.

Von wie vielen Ehemännern kann man das schon sagen?.

Nach meinem Vater war er der einzige, der meine negativen Eigenschaften geduldig hinnahm und tolerierte. Das verband uns stark, neben all der Liebe, die wir für einander empfanden. (Und heute – 2020 – immer noch empfinden!)

Er konnte schließlich nichts dafür, daß seine Libido, aus welchen Gründen auch immer, nicht so stark entwickelt war wie meine. Sollte ich ihm daraus einen Vorwurf machen? Schließlich war „Das“ nicht die Anlass unserer ehelichen Verbindung gewesen.

Aber wie auch immer, er hatte trotz seiner Leistungsschwäche immer noch „Lust“, es mir manchmal zu „besorgen“. Und wenn er hin und wieder darauf Anspielungen machte, konnte er sauer reagieren, wenn ich – schlau geworden aus Erfahrung – nicht darauf einging. Aus diesem Grund versuchte ich solche Situationen zu vermeiden. Zu viele Enttäuschungen hatten mich vorsichtig und mißtrauisch gemacht. Sicherlich, ich hätte nur zu gerne mit ihm „geschlafen“, ich war sogar oft richtiggehend scharf auf ihn – eine Tatsache die man bei Menschen in unserem Alter (er war inzwischen fast sechzig und ich hatte meinen fünfzigsten Geburtstag seit einem Jahr überschritten) – vielleicht nicht mehr erwartete.

So wiegelte ich, um ihn nicht zu belasten, meistens ab, wenn er in späteren Jahren unserer Ehe zu „balzen“ anfing. Es wurde ja doch meistens nichts daraus und der ewige Frust wegen dieser Sache belastet mich mehr, als ich es wahrhaben woll.

Trotz alledem ist mir ein gewisser Humor geblieben. Ich kenne einen Witz, der gut zu Josefs Situation beschreibt:.

Eine Frau geht zum Arzt und klagt ihm sein Leid: „Wissen sie, Herr Doktor, bei meinem Mann geht nichts mehr. Können Sie mir ein Medikament verschreiben, damit es wieder klappt, ich bin schon ganz fusselig deswegen.“.

“Ja, ja, liebe Frau,“ beruhigt sie der Arzt, „dafür habe ich ein ganz ausgezeichnetes Mittel. Es basiert auf einem Bienenpräparat. Mischen sie es ihm täglich ins Essen und sie werden, es wird wieder.“.

.Die Frau kauft das Mittel und tut, was der Arzt empfohlen hat.

Nach zwei Wochen treffen sie sich zufällig auf der Straße.

Neugierig fragte der Arzt die Frau: „Na, Frau Meier, hat die Medizin schon gewirkt?“

“Ach, Herr Doktor,“ erwidert sie, „summen und brummen tut er schon, aber nicht stechen!“

Und so ist mein lieber Josef. Er summt und brummt, aber er sticht nicht..

 Das Wissen um diese Tatsache läßt mich hin und wieder innerlich leicht zittern, aber ich versuche wenig davon nach außen kommen zu lassen..

Eine Woche – sage ich mir wiederum – hältst du durch, noch dazu, wo du ihren Besuch doch so ersehnt hast. Und dennoch – da ist als Widerspruch zu dem, wie ich mich gebe, die kleine, die ganz winzig kleine Hoffnung, daß es in dieser Woche doch einmal mit uns beiden klappen könnte. Nach fast sechsundzwanzig jähriger Ehe ist sie immer noch nicht ganz verstummt und erloschen und es ärgert mich, weil es so inkonsequent ist. Aber was soll man machen, so ist das Leben.

Nach dem späten Abendessen fuhr Josef die beiden Jungens zum Wohnwagen und half ihnen sich samt ihrer geliebten Computer einzurichten. Wie gut verstand ich sie, daß sie sie bei sich haben wollten, bin ich doch selbst ein – nun, man kann wohl sagen – Computerfreak.

Für den nächsten Morgen machten wir eine Zeit zum Frühstücken aus, welches ich spät ansetzte, damit sie ausschlafen konnten – denn wie ich sie einschätzte, würden sie noch lange an ihren Computern sitzen.

Josef richtete sich für die Nacht sein Lager im Wohnzimmer und ging gleich zu Bett.

Auch ich ging zu Bett, aber ich konnte noch nicht einschlafen. Dazu war ich noch viel zu aufgekratzt. Ich schaltete den Fernseher ein und sah mir einen Spielfilm an – immer ängstlich darauf bedacht Josef in seiner Nachtruhe nicht zu stören. Ich wußte nur zu gut, daß er im Gegensatz zu mir, die so etwas meisten nicht stört, keinen richtigen Schlaf finden würde, so lange er Licht sah oder Geräusche hörte. Eine seiner kleinen Angewohnheiten, die für mich sehr lästig waren, fragt er dann oft nach, ob etwas nicht in Ordnung sei. Dabei ist immer alles in Ordnung. Unbewußt will er mich damit zwingen, auch endlich Ruhe zu geben. Aber seit vielen Jahren kann ich erst einschlafen, wenn mir buchstäblich vor Übermüdung die Augen zufallen. Dabei würde ich gern eher Schluß machen, weil meinen Nerven das gut täte, doch solange ich nur leicht müde bin, liege ich oft stundenlang wach, weil meine Gedanken mich dann nicht einschlafen lassen und mich quälen.

Und so schleiche ich mich jedes mal, wenn ich auf die Toilette muß oder mir in der Küche noch etwas zum Naschen hole mit einem schlechten Gewissen durch meine eigene Wohnung.

Bei einem opulenten Frühstück gegen Mittag am nächsten Tag, das wir wegen des herrlichen Wetters – und das in diesem Jahr wahrlich spärlich gesät war – wieder im Garten zu uns nahmen, planten wir den weiteren Tagesablauf. .

Die beiden Knaben waren zwar noch etwas übernächtigt, da sie es doch tatsächlich geschafft hatten, bis um fünf Uhr in der Früh an ihren Computern zu sitzen. Dementsprechend waren ihre Wünsche für den Tag noch etwas unbestimmt. Ich lachte verständnisvoll, als sie es erzählten. Sollten sie es ruhig ausnützen. Für was hatten sie schließlich Ferien..

Christoph würde das kommende Schuljahr voll eingespannt sein, um ein „hoffentlich gutes“ Fachabitur hinzulegen und Roland befand sich im zweiten Jahr seiner Ausbildung, die ihn forderte.

Doch das kräftige Frühstück belebte ihre Lebensgeister. Sie wurden munter und unternehmungslustig.

Für mich hatte ich einen Einkaufsbummel geplant. Also bat ich Josef mich in die nächst größere Stadt zu fahren, weil ich in meinem kleinen Ort nicht alles so günstig bekam wie dort. Überhaupt war das Einkaufen manchmal etwas beschwerlich für mich. Wir konnten uns kein zweites Auto leisten und so war ich gezwungen alle Besorgungen entweder Zufuß oder mit dem Fahrrad zu machen. So hob ich größere Einkäufe immer bis zu seinen Besuchen auf.

Er sagte gleich froh gelaunt zu – Einkaufen tut er für sein Leben gern. Auf die Frage, ob die Jungens mitkommen wollten, stimmten sie zu meinem Erstaunen, denn es würde einige Zeit dauern, all das zu besorgen, was ich mir vorgenommen hatte, ebenfalls zu. Roland kannte die Stadt (Traunstein) noch nicht und war neugierig sie zu sehen..

Danach wollten meine drei Männer dann an den See, den Katamaran auftackeln, segeln, schwimmen und sonnenbaden.

Als Josef mich fragte, ob ich an den See mitgehen würde, winkte ich ab. Ich rechnete mir aus, daß ich nach den Besorgungen einige Zeitlang meine Ruhe brauchte, um mich zu erholen. Außerdem würde ich für das Abendessen kochen und wollte das ohne Streß tun.

Für mich selbst richtete ich ja nie viel zu essen her, seit ich hier war, aber damit wären meine Männer nicht zufrieden. Für sie mußte es schon etwas üppiger sein, und das braucht seine Zeit. Außerdem erschöpfen sich meine Kräfte immer noch schnell und ich muß mit ihnen sehr haushalten..

Josef war sich dessen inzwischen bewußt und bestand nicht auf mein Mitkommen, obwohl er sich darüber gefreut hätte. Auch versüßte ihm die Vorfreude auf ein gutes Abendessen den Verzicht.

Wie vorhergesehen, dauerte der Einkauf mehrere Stunden. Der Tag war sehr warm, fast schwül und wir waren alle froh, als wir wieder in meiner Wohnung kamen. Die „Drei“ hatten sich gut gehalten und verstauten sogar noch sämtliche Einkäufe in meiner Küche. Ich sank jedoch erschöpft und ermüdet auf den Stuhl vor meinem Computer. Fürs Erste hatte ich meine Pflicht erfüllt und wollte mich nur noch ausrasten. Ohne sie weiter zu beachten startete ich den Computer und rief das Programm „FreeCell“ auf.

Und dem Ersteller dieses Programmes sei hier an dieser Stelle Dank gesagt, für die Entwicklung dieses Spieles. Es ist diese Spiel, das mich in den vergangenen Wochen über viele trübe Stunden gerettet hat. Anders als bei anderen Kartenspielen kommt es bei ihm in erster Linie auf den eigenen Grips an. Wenn man klug taktiert, ist fast jedes Spiel zu gewinnen. Und weil auch ich – wie jedermann – gern gewinnt, kehrt über das Spielen meine Gelassenheit zurück und bringt mir Genugtuung und Freude. Etwas, was ich dringend brauche.

Viele Dinge, die ich in der Vergangenheit mit Elan und zeitaufwendiger Schaffensfreude angepackt hatte, waren nicht immer so von dem Erfolg gekrönt worden, wie ich es mir in meiner Naivität vorher ausgemalt hatte – und das zieht mich dann schon mal runter! Mit „FreeCell“ kann ich das zur Zeit wieder ausgleichen. Es bringt zwar kein Geld ein, aber es beruhigt mein Gemüht. Nach einigen erfolgreich gelösten Spielen bin ich dann wieder motiviert und kann mich – nun wieder aufgebaut – meinen Pflichten zuwenden.

Eines ist bei diesem Spiel auch noch von Wichtigkeit für mich: Es lenkt mich von meinen Gedanken ab – von all diesen belastenden Gedanken, die mich hier häufig befallen. Das Spiel fordert meine ganze Konzentration und läßt für einige Zeit keinen Spielraum für trübe Erinnerungen. Habe ich einige Spiele siegreich gemeistert, bin ich auch wieder eher bereit, mich den Widrigkeiten des Lebens zu stellen..

So war es auch an diesem Tag.
Zwei, drei Stunden lang amüsierte ich mich mit meinem Computer und meine Kräfte, die beim Einkaufen aufgezehrt worden waren, kehrten zurück. Zwischendurch richtete ich die Speisen für das Abendessen zu und war gerade damit fertig, als meine „Männer“ zurückkehrten..

Das Essen war ganz nach ihrem Geschmack und so verbrachten wir einen fröhlichen und harmonischen Abend. Vor allem auch deshalb, weil wir das Thema „Bettina“ – Christoph’s Verflossene – tunlichst vermieden. .

Zur späten Stunde fuhr Josef die beiden jungen Männer in ihr Quartier. Eben so spät würde er sie am nächsten Morgen wieder abholen..

“Nicht vor zwei Uhr!“ erklärte Christoph. .

Aha, dachte ich, da werden sie wohl wieder bis in die Morgenstunden an ihren Computerspiele sitzen. Na gut, sollten sie!.

Und was würden Josef und ich bis zu ihrem Eintreffen machen?.

“Hör mal, Josef!“ sagte ich zu dem mir Angetrauten, kurz bevor jeder von uns beiden sich in sein Zimmer zurückzog, „Ich werde morgen Vormittag meine Runde am Trimm-dich-Pfad machen. Hast du Lust mitzugehen?“.

“Oh ja, sehr gern“, erwidertet er voller Begeisterung, was mich freute.

Seit er, mehr oder weniger von Christoph dazu gezwungen/überredet, mit ihm zusammen und sozusagen als Spätberufener, Karateunterricht nahm, war er körperlich wieder viel flexibler geworden. Außerdem wollte er, der etwa acht Jahre älter war als ich, mir in sportlichen Dingen nicht nachstehen und keine Schwäche zeigen. Eine Tatsache, die ich zugegebener Maßen manchmal ausnütze, um ihn fit zu halten – wenn er sich im Bett schon nicht trimmen woll.

“Gut, dann ist das abgemacht. Du wirst sehen, wie wunderschön der Pfad besonders am Morgen ist. Schlaf gut und Träum’ was Schönes.“ .

Ich nahm ihn in den Arm und drückte ihn zärtlich. Das nahm er zum Anlaß mich voller Feuer zu küssen. Zwiespältig erwiderte ich diese Küsse. Wollte er schon wieder summen und brummen? Ich löste mich von ihm und sah ihn fragend an. Er verstand meinen Blick sofort.

“Nein, meine Liebe, heute nicht mehr! sagte er. „Ich bin völlig geschafft. Laß uns mal sehen, wie es morgen ist.“.

“Das kann ich verstehen!“ erwiderte ich..

Und ich verstand wirklich. Er hatte eine anstrengende Woche hinter sich und mußte einen Erholungsprozeß abwarten, bevor er eheliche Pflichten erfüllen konnte. Zwar glaubte ich nicht so recht, daß es soweit käme, aber ich hoffte immer noch. .

Ach ja, ach ja, es ist die Hoffnung, die die Darniederliegenden immer wieder aufrichtet, auch wenn das Erhoffte oft nicht eintritt. Aber man kann ja nie wissen!

Wie jeden Tag, den ich seit meinem Hiersein verbrachte, nahm ich auch den nächsten Morgen mein Müsli im Bett ein.

Seit dem Umzug hatte ich meine Essgewohnheiten umgestellt und in folge dessen bereits zwölf Kilogramm abgenommen. Eine Sache, die mich stolz machte und befriedigte.

Seit Christoph’s Geburt hatte ich so nach und nach – ausgehend von einem Gewicht von sechzig Kilo – bis zu zweiundachtzig Kilo zugelegt, was mir stank, wenn ich es auch nicht zugeben wollte. Aber bei all dem Streß, den ich über viele Jahre hinweg mit der Familie über mich ergehen ließ, hatte ich den des Abnehmens nicht auch noch auf mich nehmen können. Kaum eines meiner Kleidungsstücke hatte mir vor dem Umzug mehr gepaßt und mit den wenigen Neuen, die unser schmales Haushaltsbudget erlaubte, mußte ich gezwungener Maßen auskommen. Doch jetzt war meine Figur geschmolzen und voller Freude werde ich mich in den nächsten Wochen daran machen, die zu weit gewordenen Kleider abzuändern..

Als ich mein Müsli, zusammen mit dem obligatorischen Getränk – eine bekömmliche Mischung aus Muckefuck und löslichem Bohnenkaffee – zu mir genommen hatte, – dazu lese ich immer eines meiner Edelcomichefte, die meinem neuen Tag einen erfreulichen Start gewährleisten – sah ich nach meiner besseren Hälfte.

Bis jetzt hatte er sich noch nicht gerührt, also schien er noch zu schlafen. Leise öffnete ich die Wohnzimmertür. Im  Zimmer herrschte wegen der geschlossenen Rolläden eine diffuse Dämmerung. Josef lag auf seinem Matratzenlager – zu mehr reichte es in meiner kleinen Wohnung nicht, weshalb ich es ja begrüße, wenn die Familie im Wohnwagen nächtigt – fast ganz verborgen unter seiner Decke. Gerührt betrachtet ich das, was ich von ihn gerade noch erkennen konnte und dachte, wie gern ich ihn doch hatte.

Josef fing an sich zu regen. Um diese Zeit war sein Schlaf eh nur noch leicht. Sicherlich hatte er das Öffnen der Tür gehört, war aber noch unwillig aufzustehen.

“Na, mein Lieber, wie hast du geschlafen?“ fragte ich ihn..

Er dehnt und streckte sich, knurrte etwas wie „Sehr gut!“, schlug die Decke beiseite und forderte mich mit einer Handbewegung auf,  mich neben sich zu legen. Das tat ich. Ich kuschelte mich an ihn und wir schmusten ein wenig, wobei er darauf achtete, mich nicht auf den Mund zu küssen. Am Morgen, wenn er seine Zähne noch nicht geputzt hat, geniert er sich immer das zu tun. Und es ist auch besser so. Wegen einer ständig latent vorhandenen Halsentzündung ist sein Atem zu diesem Zeitpunkt tatsächlich wenig angenehm.

Das Schmusen machte ihn munter..

“Hast du schon gefrühstückt?“ fragte er..

“Natürlich!“ erwiderte ich. „Und wie sieht es bei dir aus? Willst du ebenfalls erst Frühstücken, oder gehst mit mir jetzt gleich einmal die Trimm-dich-Runde drehen?“.

“Jetzt gleich?“ sagte er gespielt erschrocken..

“Ja“, sagte ich. „Jetzt gleich! Je früher wir gehen, um so schöner ist es. Solange es draußen noch frisch ist, ist es auch nicht so anstrengend. Heute wird es bestimmt wieder sehr heiß. Ich mache jetzt die Läden auf, dann wirst du sehen, daß die Sonne von einem makellos blauen Himmel scheint.“.

Meinen Worten ließ ich die Tat folgen. Auch öffnete ich die Terrassentür, so daß ein Schwall würziger Luft, geschwängert vom Duft frisch geschnittener Gräser all der Wiesen, die in der Nähe meiner Wohnung lagen, hereinströmte.

„Atme das tief ein“, sagte ich zu ihm. „Dann wird es dich doch nicht mehr im Bett halten.“

“Gut, du hast mich überzeugt!“ erwiderte er und wälzte sich aus den Federn. „Ich putze mir (aha!) nur noch die Zähne. Frühstücken werde ich anschließend in Ruhe, wenn ich mich nach dem Trimmen geduscht habe.“

Der Weg zum Trimm-dich-Pfad führte uns für über eine Wiese gegenüber meines Ortsteils, hin zu einem bewaldeten, circa zwei Kilometer lang gestreckten Hang.

Am Anfang gingen wir es ruhig an, um uns aufzuwärmen. Gemächlich stiegen wir an seiner rechten Flanke an grasenden Kühen vorbei, bis zum höchsten Punkt und folgten dann einer kleinen Straße nach links. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick über die beiden oberbayrischen Seen (den Waginger- und den Tachinger-See) und ebenso über einen guten Teil der Alpen. Leichter Dunst lag noch in der Luft und das heimelige Zirpen von Grillen. All das genossen wir in vollen Zügen.

In dieser Beziehung harmonieren wir auf schönste Art und Weise..

Alles war, bis auf die Geräusche der Natur, still und ein besinnlicher Friede lag über dem Land. .

Josef nahm meine Hand in seine. “Wirklich, ich beneide dich um dein Hiersein“, sagte er erfüllt von den Schönheiten um uns herum..

“Ich weiß, mein Lieber“, erwiderte ich in dem Bewußtsein, daß er es nicht ganz so meinte, wie es klang und fügte hinzu: „Es ist ja abzusehen, bist du auch hierher ziehen kannst.“.

“Ja“, sagte er. „Darauf freue ich mich. Und das ist auch das einzige, was mich bei der Stange hält!“.

“Ja, ja“, sagte ich und tätschelte seinen Arm, „du bist schon sehr tapfer. Und ich bin auch sehr stolz auf dich. Mit Christoph ist es bestimmt nicht immer so leicht. So viel Arbeit wie jetzt, hast du auch noch nie bewältigen müssen. Deinen ganzen Haushalt, die Wäsche für dich und Christoph und – last not least – das Kochen, das du in deinem hohen Alter (das meinte ich natürlich scherzhaft) auch noch lernen mußtest. Da hast du einiges zu bewältigen. Wirklich ich bin sehr stolz auf dich!“.

Er lächelte geschmeichelt, doch gleichzeitig wehrte er es ein wenig geniert ab.

“Zu so vielem, was du in deinem Leben gemeistert hast, werde ich es wohl nicht bringen, aber ich tue mein Bestes.“

Ich erwiderte darauf nichts. Wir wußten beide, daß er recht hatte. Bedingt durch meine Art hatte ich manches auf mich genommen, wo manch einer (oder eine) gestreikt hätte und hatte mir viel Arbeit und Mühe angetan..

Nun ging es vorbei an einer Wallfahrtskirche, die ziemlich in der oberen Mitte des Hügels stand. Von da aus neigte sich der Weg nach unten zum anderen Ende. Über fast einhundert Stufen stiegen wir nun bis ans linke unter Ende. Ab da ging es nach einer scharfen Linkskurve – jetzt, wo wir uns durch den fast drei Kilometermarsch erwärmt hatten – im Dauerlauf zur ersten Übungsstation. Arme schwingen! Und auf und ab! Und gut durchatmen!

Die erste Strecke zieht sich etwas, so daß man außer Puste ankommt. Und im Lauf weiter zur Nächsten. Achtzehn Stationen im ganzen. Kein Teil des Körpers kommt bei den Übungen zu kurz.

Friedlich laufen wir neben einander her und freuen uns an der gemeinsamen Betätigung. Der Trimm-dich-Pfad verläuft im unteren Teil an einem kleinen Bach entlang. Das Wasser spring über Steine und Hürden und plätschert, glitzernd in der Sonne. Die Stimmung ist so zauberhaft, daß ich mich unwillkürlich frage, warum es nicht immer so sein kann. Aber rasch schiebe ich diesen negativen Gedanken beiseite. Denke positiv, denke positiv… eine Maxime, die ich mir in vielen Jahren angewöhnt habe. Und sie funktioniert!

Durch die Bäume des Abhangs wirft die Sonne goldene Flecken auf den Weg. Nun ist es fast völlig still. Nur unser leichtes Schnaufen ist zu hören. Kein Gezirpse und auch das frühlingshafte Vogelgezwitscher ist nicht mehr zu hören.

Nach einigen Stationen frage ich Josef: „Geht’s dir gut? Ist es dir nicht zu anstrengend?“

Er schüttelt den Kopf und wir machen weiter.

Der Pfad steigt dann wieder erst leicht an, wird steiler, fällt ab und steigt dann wieder an. Er steigt und fällt, wie bei einer Achterbahn. Ich versuche im Dauerlauf so lange durchzuhalten, wie es meine verrauchte Lunge zuläßt und der Schmerzgrad meiner Füße. So oft habe ich diesen Pfad, seit ich hier wohne schon absolviert, aber immer noch gehorchen meine Muskeln noch nicht so, wie ich es ihnen abtrotzen will. Andererseits ist mein Körper wieder um einiges stärker geworden als zum Beginn meines Trainings.

Josef läßt sich keine Anstrengung anmerken. Er hält mit mir weitgehend mit, auch wenn ihm natürlich nicht alle Übungen so gut gelingen wie mir. Ich bewundere ihn! Der „alte Knabe“ macht sich gut.

Im Gegensatz zu ihm keuche ich erheblich, als wir für den zweiten Teil des Pfades wieder nach oben steigen. Dieses Stück gehe ich langsamer an, um wieder zu Atem zu kommen. Mein Herz pocht merklich und ich spüre das Schlagen im ganzen Körper..

Im oberen Drittel zieht sich der Trimm-dich-Pfad wie im unteren Teil von einem Ende bis zum andern durch den bewaldeten Hang. Und auch hier gehts auf und ab, so daß man sich ganz schön anstrengen muß, ihn zu bewältigen. .

Bei manchen Übungen muß ich über Josef lachen, der glaubt, auf Anhieb Übungen an Geräten ebenso gut zu können wie ich. Um ihn zu trösten erzähle ich ihm, daß ich zu Beginn oftmals tagelang Muskelkater hatte und meine Fertigkeit nur durch ständiges Weitermachen erhielt.

Am Abend erklärte er dann den Buben – zu meinem großen Erstaunen -, daß meine Übungen doch um einiges anstrengender sind, als sein Karatetraining, was mich innerlich schmunzeln ließ.

Endlich haben wir es geschafft! Wir sind beide Schweiß überströmt, aber wir fühlen uns toll!

Gemächlich gehen wir nun den Weg zurück, den wir am Anfang gekommen waren. Vorbei an der Wallfahrtskirche – nun diesmal von der anderen Seite -, den Hang hinunter, über den Steg des kleinen Baches und über die Wiese, bis wir meine Wohnung erreichen.

Meine Kleidung klebt getränkt von Schweiß an meinem Körper..

“Was hältst du davon, wenn wir jetzt zusammen duschen?“ frage ich Josef. „Wir können uns dann gegenseitig den Rücken schrubben. Alleine ist das immer ein bißchen schlecht zu bewerkstelligen.“

“Oh ja, das machen wir“, stimmt er sofort zu..

Wir entkleiden uns und steigen in meine Wanne, die mir als Duschersatz dient. Seit Josef vor einigen Wochen eine Spritzschutzwand mitgebracht und die ich montiert hatte, kann man sich herrlich abseifen und waschen..

Unbefangen, wie schon lange nicht mehr, bearbeiten wir uns gegenseitig mit einen Stück Seife. Erst schrubbte er meinen Rücken und dann ich seinen und ließen den Seifenschaum von den stetig herunter rinnenden Wasserstrahlen wieder abwaschen. .

Als er sich mir wieder zuwendete, hatte er einen leichten „Ständer“.

“Schau an, schau an“, sagte ich neckisch, „was haben wir denn da!“.

Josef grinste! Und dann berührte er meine Brüste und kniff mich sanft in die Brustwarzen.

Dadurch ermutigt, nahm ich die Seife und begann ihm zuerst den Bauch und dann sein Geschlecht einzuseifen. Erst seinen Penis und dann seine Hoden. Ich massierte ihn sanft, doch mit einem gewissen Nachdruck. Geschmeichelt und erfreut, nahm er es hin.

Ich muß schon sagen, so eine Intimität hatte zwischen uns beiden schon lange nicht mehr geherrscht. Sollte ich mir nun vielleicht Hoffnungen machen, daß das zu mehr führen konnte?

Aber gewitzt durch jahrelange Erfahrungen mit ihm und um ihn nicht zu bedrängen, machte ich ihm keine weiteren Avancen und überließ ihm die Initiative. Ich hatte mir von ihm genügend „Körbe“ geholt und sie immer schlecht verkraftet. Wenn er wirklich Lust auf Sex hätte, würde er es mir schon mitteilen.

Und tatsächlich, für den Moment schien er mehr nicht zu wollen, weil er keinerlei weiteren Signale in diese Richtung machte.

Doch wie gerne hätte ich mich hier – jetzt und sofort – von ihm „vernaschen“ lassen. So sauber und lecker, wie wir gerade waren. Und warum nicht auch einmal in der Wanne? Ich schluckt also meine leichte Enttäuschung hinunter und stieg aus der Wanne..

Während sich Josef rasierte, richtete ich ihm das Frühstück..

Mit den Buben war noch für zwei, drei Stunden nicht zu rechnen und wenn Josef erst einmal gesättigt war, „griff“ er eventuell doch noch an. Mein ganzes Sein sehnte sich nach seiner Umarmung! Aber es hatte keinen Sinn ihn zu etwas zu zwingen. Ich hatte längst eingesehen, daß ich seine „Lust“ nur schwer herausfordern konnte und dabei viele Absagen eingesteckt..

Manchmal fragte ich mich, wie er in aller Seelenruhe behaupten konnte, mich zu lieben, wenn das nicht einherging mit sexuellem Begehren. Das konnte und werde ich wohl nie verstehen!

Aber, wie ich schon erwähnte – ich habe es doch erwähnt, oder? – wollte ich uns diese Woche nicht verderben. Und wenn ich einseitig auf meiner Forderung bestehen würde, würde es uns die paar Tage verderben. Dazu war mir ihr Hiersein zu kostbar. Also hieß das für mich: Steck zurück! Und das tat ich. Aber es ließ einen kleinen Stachel zurück.

Als er sein Morgenmahl in der Küche zu sich nahm, setzte ich mich an meinen Computer und baute mich mit FreeCell wieder auf.

Zirka eine Stunde später kam er ins Wohnzimmer und sagte: „Ich bin fertig mit Essen. Wenn es dir recht ist, dann richte ich jetzt die Anschlüsse für den CD-Spieler her, damit ich abends Musikhören kann. Anschließend hole ich Christoph und Roland ab. Die müssen inzwischen einen Mordshunger haben.“

“Tu’ das, mein Lieber“, antwortete ich friedlich, meine Enttäuschung vor ihm verbergend. Also wieder nichts! Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß ich leicht zu zittern anfing.

Oh Gott, dachte ich, daß kann ja heiter werden. Würde er tatsächlich die ganze Woche verstreichen lassen, ohne sich mir zu nähern? Ganz im Gegensatz zu seinen versteckten Andeutungen?

Ach was, sage ich mir, sei nicht so dumm und bestehe nicht darauf, es gibt Wichtigeres. Im Grunde wußte ich ja genau, wie peinlich es ihm war, mit seinen, seit einigen Jahren immer stärker werdenden Potenzschwierigkeiten fertig zu werden – auch wenn er es nie zugab. Um das zu überspielen summte und brummte er eben immer wieder einmal ab und zu und gab sich ganz als starker Mann, in der Hoffnung ich kaufte ihm das ab. Und ich, die ich wußte, wie sehr es sich täglich im Büro abrackern mußte, tat so, als glaubte ich ihm. Er war so lieb in vielen anderen Dingen und hielt immer zu mir, wenn ich von Leuten, die meinen Schritt, mich von der Familie getrennt zu haben nicht verstanden, angegriffen wurde, daß ich schon aus Dankbarkeit für dieses Verhalten das andere tolerieren wollte. .

Aber wie gesagt, ein Stachel blieb. Das schlimme ist, daß er immer wieder von selbst darauf zurückkommt. Täte er das nicht, wäre es wesentlich leichter für mich. Allem Anschein nach wollte er tatsächlich gern Sex mit mir machen, konnte es aber nicht. Die Gründe dafür kann ich nur erraten und werde sie an anderer Stelle analysieren.

Ich wäre ja im Stande meine Hoffnungen auf Sex mit ihm zu begraben und ihn als liebevollen Freund zu akzeptieren, wenn nur er nicht immer wieder alles aufrühren würde.

Aber es gibt vieles, das ich an ihm liebe. Immer gibts halt bei allem Schönen auch einen Wehmutstropfen. Man muß lernen Prioritäten zu setzen.

Trotzdem fragte ein stiller Winkel in meinem Herzen ganz leise nach, ob ich diese Woche in aller Gelassenheit überstehen würde. Oh meine Nerven, bitte haltet durch!!!

Gegen zwei Uhr holte er die Knaben. Liebevoll umarmte ich meinen Sohn, küßte ihn auf die Wange und gratulierte ihm zu seinem neunzehnten Geburtstag. Gerührt drücke er mich fest an sich.

Ach ja, was kann er doch für ein lieber Junge sein!

Dann nahm er seine Geschenke entgegen.

Anschließend, nachdem auch die Beiden ihr verspätetes Frühstück intus hatten, verzogen sich die drei an den See.

Bevor sie abfuhren, fragte mich Josef noch mal, ob ich mitkommen wollte. Aber ich wehrte ab. Christoph erwartete für seinem Ehrentag sein Lieblingsessen und dazu brauchte ich Ruhe und Muße, um es zu zubereiten. Der Nachmittag war bereits fortgeschritten und ich wollte mich nicht abhetzten. Komme ich erst einmal in diesen Zustand, dann passiert es mir immer noch, daß ich leicht mal durchdrehe und das mochte ich ihnen – gerade an diesem Tag – nicht zumuten. .

Pünktlich mit ihrem Eintreffen, war ich dann auch tatsächlich mit allem fertig. Christoph’s – und nicht nur sein’s – Lieblingsessen bestand aus Schweinelendchen, die in dünnen Scheiben geschnitten in eine Raine kamen. Darüber wird dick ein geriebener milder Käse (vorzugsweise Emmenthaler) gestreut und über alles süße Sahne gegossen. Als Beilage reiche ich dazu Reis und bunten Salat. Die Nachspeise bestand aus süßem Quark, dessen Zubereitung ich selbst kreiert hatte. Statt der üblichen süßen Sahne nahm ich einen tüchtigen Schuß Distelöl. Das macht ihn sehr cremig, ist bekömmlich und schmeckt herrlich frisch.

Wie nicht anders zu erwarten hauten sie rein wie die Scheunendrescher..

Roland, der dieses Gericht noch nie gegessen hatte, aß begeistert und war voller Lob für meine Kochkunst.

“Wirklich, Mami“, sagte auch Christoph, „das schmeckt wieder einmal himmlisch.

Animiert durch die beiden fiel auch Josef in den Lobgesang mit ein.

Bescheiden wehrte ich ab, freute mich aber trotzdem. Dabei mußte ich an etwas denken, was Christoph vor einigen Jahren, nach einem ebenso guten Essen, einmal zu mir gesagt hatte. Begeistert hatte er damals gemeint: „Warum machst du eigentlich kein Restaurant auf?“

Das hat mir natürlich sehr geschmeichelt – vor allem, weil es aus vollem Herzen kam.

Doch was für ein Gedanke! Ich bin – in aller Bescheidenheit gesagt – tatsächlich eine gute Köchin, aber deswegen gleich ein Restaurant zu eröffnen, du liebe Güte, das hätte ich nicht geschafft. Gereizt hätte es mich manchmal schon, aber man muß lernen seine Grenzen zu erkenne.

Nach dem Essen saßen wir eine Weile satt und zufrieden auf der Terrasse und unterhielten uns.

Immer noch war es angenehm warm. Im Osten schickte sich die Sonne an unterzugehen und verhieß für den nächsten Tag ein ebenso schönes Wetter wie den heutigen.

Irgendwann – es dämmerte bereits – traten Josef und Christoph auf den Rasen vor der Terrasse und fingen an Karateübungen vorzuführen. Das wiederum animierte mich dazu ihnen meine wiedergewonnene Gelenkigkeit zu zeigen. Schließlich alberten und balgten wir uns wie junge Hunde. Es war herrlich!

Zu Roland, der wären einer Pause neben mich getreten war, sagte ich: „Sind wir nicht eine tolle Familie?“

Er erwiderte aus vollem Herzen nur mit einem Wort: „Beneidenswert!“

Leicht betroffen sah ich ihn an. „Ist es in deiner Familie nicht so?“ fragte ich ihn verwundert.

“Ach du liebe Güte, nein! Mein Vater ist die meiste Zeit nicht da. Und wenn, dann kümmerte er sich mehr um meinen großen Bruder.“

Ich legte meine Hand auf seinen Arm und sagte zu ihm: „Das tut mir wirklich leid für dich! Aber je eher du dich damit abfindest, um so leichter ist es. Ich kenne diese Situation von meiner Mutter. Die hat meine Geschwister auch mir vorgezogen. Meine Verbitterung hat erst geendet, als ich lernte auf ihre Aufmerksamkeiten zu verzichten. Mach’ dir nichts daraus, es gibt viele andere schöne Dinge im Leben.!“

“So sehe ich es auch“, erwiderte dieser reizende Junge – ein Ausspruch, den ich erstaunlich reif für sein Alter fand.

Die Nacht war hereingebrochen und Sterne zeigten sich am Himmel, als wir schließlich ins Haus zurück gingen. Auf dem Weg dorthin, legte mir Christoph seinen Arm um die Schulter und meinte: „Deine Nachbarn müssen uns ganz schön für verrückt halten!“.

Ich lachte und erwiderte: „Das macht gar nichts! Hier ist man einiges gewöhnt und die Menschen sind viel toleranter als die in der Stadt. Die werden nicht gleich sauer, wenn es  mal etwas lauter zugeht. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich hier so wohl fühle.“

Darauf hin drückte er mich noch einmal herzlich und wandte sich dann Roland zu.

Kurz darauf begehrten sie zum Wohnwagen gefahren zu werden. Wegen des Geburtstages hatten sie eine Verabredung mit den beiden Töchtern der Bauersleute, bei denen unser Wohnwagen stand, vereinbart.

Und dazu am Vortag zwei teuere Flaschen Likör besorgt, den sie den Mädchen kredenzen wollten. Als ich über den Preis eine Bemerkung machte, hatte ich anschließend gerade noch einmal einen Streit abbiegen können..

Leicht patzig hatte Christoph nämlich auf meinen Hinweis erwidert: „Es ist ja schließlich von meinen Geld!“.

“Ist ja gut“, schwächte ich sofort ab. „Du hast ja recht.“  Und dachte bei mir: Laß dich ja nicht auf keinen Streit ein. Das bringt nichts!

Er gab sich damit zufrieden und hatte es gleich wieder vergessen..

Nur in mir bohrte es noch etwas nach – und zwar aus gutem Grund.

Einige Wochen zuvor hatte er mir telefonisch mitgeteilt, daß er dreihundert Mark für ein Zusatzgerät für den Computer benötigte und angefragt, ob ich ihm das Geld leihen würde. Doch das wollte ich nicht. Seit meinem Auszug wohnte er in einem Studentenheim und bekam ein – für unsere Verhältnisse – reichlich bemessenes Taschengeld. Er hatte jetzt mehr zur Verfügung, als zu der Zeit, da wir noch alle zusammen in einer Wohnung lebten. Das führte dazu, daß er angefangen hatte so nach und nach immer größere Anschaffungen zu machen und, wenn es nicht reichte, sich Fehlendes zu borgen. Diese Entwicklung sah ich mit einer gewissen Besorgnis. Da ich nach wie vor die Finanzen unserer drei Haushalte verwaltete, wußte ich genau, was wir uns leisten konnten und was nicht. Andererseits litt er manchmal mehr unter der jetzigen Situation, als er sich anmerken ließ und ein extra Trostpflaster würde unsere Beziehung festigen. Noch einmal könnte ich seine Haltung, die er in den Monaten vor meinem Auszug, den er für völlig überflüssig hielt und sich mir deswegen häufig richtiggehend feindselig verhielt, nicht mehr verkraften. Zwar schien er zum jetzigen Zeitpunkt wohl manches anders zu sehen und betrachtet es inzwischen mit mehr Abstand, aber meine, im Geheimen immer noch etwas verwundetet Seele, ließ mich wachsam bleiben.

So fand ich einen begehbaren Weg, ihm das Gewünschte doch zukommen zulassen..

“Hör zu, meine Sohn“, sagte ich zu ihm. „Dein Geburtstag ist in drei Tagen, mal sehen, ob Papi und ich dir dann einen etwas größeren Betrag als sonst geben können. Bist du damit einverstanden?“

Darauf ging er gleich erfreut ein. Er wußte aus Erfahrung, daß ich eine freigebige Ader besitze und nur mit dem Geld knauserte, weil ich haushalten mußte. Dabei bedeutet mir Geld nicht besonders viel. Man braucht es zum Leben. Aber wenn man s

Schulden macht, dann muß man hinterher um so mehr sparen. Ich war immer stolz darauf, wenn ich Josef’s Konto nicht überziehen muß.

Und so hatte er von Josef und mir die dreihundert Mark zu seinem Fest bekommen. Unter anderen Umständen wären nur einhundert Mark – eben das Übliche – in seinem Gratulationsumschlag gewesen. Das es so üppig ausfiel, verdankte er seinem Wunsch nach einer besseren Ausstattung seines Computers – eine Maßnahme, die ich nur zu gut nachempfinden konnte – und der Tatsache, daß ich ihn bei Laune halten wollte.

Aber zuzusehen, wie er diese großzügige Gabe zu einem erheblichen Teil an alkoholische Getränke verschwendete, ärgerte mich. So war es nicht ausgemacht! Doch was blieb mir anders übrig, als mich still zu halten, wollte ich seinen manchmal heftig aufbrausenden Zorn nicht wecken.

Ich schluckte es, wie ich schon vieles geschluckt hatte. Doch spurlos ging es nicht an mir vorüber. Ich wußte, daß, wenn Weiteres in dieser Art und Weise auf mich zukommen würde, mein Maß an Geduld für ihn, wie auch für seinen Vater, bald wieder verbraucht wäre.

Und was soll ich sagen, so kam es auch!

Am nächsten Vormittag – die Buben schliefen wieder lange bis in den Morgen hinein – fragte ich Josef, ob er mit Christoph und Roland geklärt hätte, wie die beiden sich ihre Beteiligung am Lebensunterhalt während dieser Woche vorgestellt haben. Beide mußten Zuhause ja auch für sich aufkommen und deshalb sah ich nicht ein, sie die ganze Woche hindurch frei zu halten. Wenn ich schon die Arbeit des täglichen Kochens auf mich nahm, dann sollten sie gefälligst ihren Obolus dazu beitragen.

“Hast du mit ihnen überhaupt darüber gesprochen?“ bohrte ich nach.

“Nicht so richtig“, antwortete er.

“Was heißt das, nicht so richtig?“

“Als ich Christoph gegenüber eine Andeutung machte, reagierte er etwas erstaunt und meinte, er und Roland seien eingeladen worden.“

“Ja, schon, für die zuerst ausgemachten zwei Tage, um seinen Geburtstag zu feiern. Aber inzwischen ist eine ganze Woche daraus geworden. Hast du da nicht noch einmal mit ihm geredet?“.

Josef schaute geniert und erwiderte kleinlaut: „Nein, das habe ich nicht.“

“Ist schon gut“, erwiderte ich Angesichts seiner Zerknirschtheit. Wenn er seinen Dackelblick aufsetzt, kann ich ihm kaum böse sein. Obwohl ich ich sein sollte. Mit seiner Handlungsweise, hatte er wieder einmal mir den „Schwarzen Peter“ zugeschoben und zwang mich – mehr oder weniger – selber mit dem Sohn zu sprechen. Immer versucht er sich vor unangenehmen Dingen zu drücken. Das kenne ich nur zu gut von ihm. Andererseits war ich nicht ganz unschuldig an seinem Verhalten, hatte ich selbst es ihm in der Vergangenheit oft nur zu leicht gemacht, Unangenehmes auf mich abzuwälzen. Und wenn es gar nicht anders ging – und ich weiß, daß man es ihm nicht ansieht oder gar zutraut -, und ich unwillig reagierte, dann hatte er auch schon mal Druck ausgeübt, um das Gewünschte zu erreichen..

Drei Tage noch, sagte ich mir zum wiederholten Mal im Stillen. Entspanne dich und reg’ dich nicht auf – die gehen vorbei. Denk daran, wieviel Sehnsucht du nach ihnen hast, wenn sie fort sind.

Doch als er gegen zehn Uhr die beiden Buben gebracht hatte, ging es Schlag auf Schlag.

Ich weiß, daß euch die Vorkommnisse gering erscheinen mögen, aber in meiner damaligen Verfassung, ertrug ich nur sehr wenig. Schon Kleinigkeiten brachten mich aus dem Gleichgewicht.

Die Bäuerin, auf derer Hof unser Wohnwagen stand, schrieb nebenbei für einen Zeitungsverlag kleine Artikel und laß deshalb die Zeitung immer aufmerksam durch. Eine Annonce hatte ihr Interesse geweckt und dabei gleich an mich gedacht. Sie hatte ihn ausgeschnitten und ließ ihn mir durch Christoph  überreichen. Sie wußte, daß ich einschlägige Arbeit suchte und war der Meinung, daß dieses Spezielle mich interessieren würde. In dem Ausschnitt ging es um eine Werbefirma, die eine Grafikerin mit Computererfahrung suchte.

Nun, eine ausgebildete Grafikerin war ich zwar nicht, aber ich hatte seit Monaten viele Entwürfe angefertigt, die dem sehr nahe kamen. Es war noch keine Woche her, daß ich z.B. mit den Einladungen zur Hochzeit des jungen Paares, das im selben Haus wohnte wie ich, fertig geworden war. Vom Entwurf, bis hin zum Layout hatte ich alles selbst nach ihren Wünschen gestaltet und dann circa zweihundert Exemplare ausgedruckt. Das fertige Produkt war allgemein als besonders gelungen bezeichnet worden. Und so fühlte ich mich schon irgendwie für diese Stelle geeignet. Fragen konnte ich ja mal! Fragen kostete nichts!

Als ich das meinen Lieben mitteilte, stellten die beiden Buben meine Qualifikation sofort in Abrede. Mit aufwendigen Worten erzählten sie mir, was man dazu alles bräuchte. Ich wußte das alles selbst und sagte das auch. Aber sie blieben bei der Ansicht, daß ich keine Ahnung hätte und so ärgerte ich mich über ihre Ignoranz.

“So“, sagte ich aufgebracht, „und was ist das?“

Ich riß einen Ordner aus dem Regal, legte ihn auf den Tisch und öffnete ihn.

“Was glaubt ihr denn, was das ist? Und das ? Und das?“

Vor ihren Augen entfaltete ich einen Fensterbildentwurf nach dem anderen. Vom kleinsten Motiven hin zu großflächigen, ganzen Fensterscheiben bedeckenden Entwürfen. Seit über drei Jahren arbeitet ich an diesem Hobby und war darin eine Meisterin geworden.

“Was glaubt ihr wohl, wie all die Fensterbilder entstanden sind, die ihr in meiner Wohnung oder in Josef seiner sind? Das, was ich mache, kommt Grafiken sehr nahe“, erklärte ich immer noch wütend.

Christoph schwieg dazu. Wenn ich mich in solch einer Stimmung befand, dann reagierte er seit einiger Zeit immer mit Schweigen, in der Hoffnung, sie geht vorüber. Aber Roland sagte kleinlaut und, wie mir schien beeindruckt: „Ich hatte ja keine Ahnung!“

Das stimmt mich gleich wieder versöhnlich. Natürlich hatte er keine Ahnung. Wie sollte er auch? Aber daß Christoph mir immer noch so wenig zutraute, – er, der eigentlich wissen mußte, was ich schon alles geleistet hatte – das hatte mich in Rage gebracht..

Und um ihnen einen weiteren Beweis meiner Arbeiten zu zeigen, kramte ich ein Exemplar der Hochzeitseinladungen hervor.

Ach hätte ich es nur nicht getan! Andererseits – und das wurde mir hinterher erst klar – war es gut so. Ich ersparte mir damit eine große Blamage.

Doch zuerst einmal kam weiter Ärger auf mich zu.

Im Bewußtsein meiner Tüchtigkeit, legte ich vor den Buben und Josef die Anzeige auf den Tisch.

“Allerdings muß ich zugeben“, sagte ich, „daß es einen kleinen Rechtschreibfehler enthält. Aber Gisela ( das ist die junge Frau, für die ich es gemacht hatte) meint, es fällt nicht auf.“

Josef  griff sich das Blatt und sagte: „Das sieht man doch sofort!“

Alarmiert und wie elektrisiert fragte ich: „Was?“

“Den Schreibfehler!“

Das konnte nicht sein. Ich selbst hatte ihn nicht entdeckt und Klaus, Giselas Partner erst beim wievielten Mal durchlesen. Da konnte Josef ihn doch nicht auf den ersten Blick erkenne. Noch dazu, wo er sich ganz am Ende des Textes befand. Selbst er konnte nicht so schnell lesen.

“Wo?“ bohrte ich weiter.

“Da in der zweiten Zeile.“

Das mochte ich nicht glauben. Sollte es der Wahrheit entsprechen, wäre es sehr peinlich für mich.

Ich ließ es mir von ihm zeigen.

Josef hielt mir das Blatt hin. „Du hast unser, statt unserer Hochzeit geschrieben.“

Und tatsächlich! Was niemanden von uns aufgefallen war, hatte er mit einem Blick gesehen..

“Ach du liebe Güte!“ sagte ich bestürzt, und mir wurde angesichts dieses weiteren Fehlers ganz heiß und komisch zu Mute. Ich sah erneut die Arbeit nochmals auf mich zukommen, zu der ich viele Tage gebraucht hatte und weigerte mich das zu akzeptieren. So fuhr ich Josef, und wahrscheinlich auch deshalb, weil ich noch etwas gereizt wegen der Buben war, an: „Mensch, sei bloß still. (Gisela, von der ich den Auftrag hatte, stand über uns auf ihrem Balkon und goß ihre Blumen und ich wollte nicht, daß sie das mitbekam). Hättest du nicht deinen Mund halten können?“

Daraufhin stand Josef sofort auf und ging gekränkt ins Wohnzimmer. Nun tat es mir schon wieder leid, daß ich ihn so angegriffen hatte und lief hinter ihm nach.

“Ich tauge wirklich zu gar nichts!“ sagte er dort heftig zu mir. „Alles mache ich falsch! Ich werde jetzt meine Sachen packen und heim fahren!“

So ist er! Wenn etwas schief geht, dann kann auch er überreagieren. Und er erreichte mit seinem Ausspruch, daß ich mich noch schlechter wegen meines Angriffes fühlte.

Mühsam nahm ich mich zusammen. Wenn er heim wollte, dann müßten die Buben auch weg. Aber auch er sollte noch nicht fahren. Ich hatte mich doch auf ihren Besuch gefreut. Es mußte doch möglich sein, daß ich diesen kleinen Zwist wieder beilegen konnte.

Also sah ich ihn bittend an und sagte: „Tut mir leid! Tut mir wirklich leid! Das war ganz dumm, was ich da gesagt habe. Wenn ich es recht bedenke, bin ich dir sogar dankbar, daß du den Fehler gesehen hast. Und um ehrlich zu sein, ist es sogar gut so. Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist. Jetzt sind die Einladungen noch nicht weggeschickt und du ersparst mir damit eine riesige Blamage. Ich war bereits wegen des anderen Fehlers drauf und dran alles noch einmal neu zu drucken und bin eigentlich froh, daß ich es jetzt doch noch machen muß. Stell dir einmal vor, was die Leute, die die Einladungen bekommen sollen, von mir gedacht hätten. Nicht nur ich wäre blamiert gewesen, sondern auch noch Gisela und der Klaus. Damit hätten weder sie noch ich renommieren können.!“

Nach dieser Rede war Josef, mein lieber Josef, sofort wieder versöhnt. Das ist das Schöne an ihm – er ist nie nachtragend.

Nach dieser leidigen Geschichte machten sich meine drei Männer auf, um an den See zu fahren. Sie wollten das schöne Wetter ausnützen – denn, wer konnte sagen, wie lange es noch so bleiben würde. Da mich aber der Morgen mehr mitgenommen hatte, als ich mir anmerken lassen wollte, blieb ich wieder alleine Zuhause. Ich brauchte meine Ruhe und zur Erbauung das Spiel am Computer. Am See würde ich ja doch nur untätig herumsitzen und darauf warten, bis es zurück ging. Mir war es lieber, mich in meinem Heim zu beschäftigen. Das lenkte mich ab und vertrieb mir düster Gedanken..

Kurz, nachdem sie abgezogen waren, packte ich dann doch gleich den Stier bei den Hörner – wie man so schön sagt –  und machte mich gleich zu Gisela auf, um ihr den zweiten Rechtschreibfehler zu zeigen. Besser, sie erfuhr es von mir, bevor ein anderer es ihr sagte. Jetzt konnte ich es gerade noch hinbiegen, wenn ich die ganze Auflage neu ausdruckte.

Aber wie peinlich war es mir! So richtig peinlich! Andererseits war ich auch wütend! So sehr ich auch aufpaßte, immer wieder passierten mir so dumme Fehler! Dabei wußte ich genau, daß ich mehr denn je achtgeben mußte, damit mir so etwas nicht unterlaufen konnte. Der Dauerstreß der letzten Jahre bewirkte, daß ich manchmal richtig gehende Bewußtseinstrübungen hatte, ebenso wie mein Blick immer wieder einmal umflort war. Doch hier in meiner Abgeschiedenheit weigerte ich mich das zur Kenntnis zu nehmen. Hier, bei all der Ruhe, konnte es nur besser werden! Und Untätigkeit lag mir nicht, also machte ich meine Arbeit und ignorierte meine latenten Schwächen, was dann zu solchen Fehlern führte.

Doch Peinlichkeit hin oder her, Gisela, zu der ich ein gutes, freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte, würde mir den Kopf nicht herunterreißen.

Ich klopfte bei ihr an. Sie wußte immer, daß, wenn es klopfte, nur ich es sein konnte und rief: „Komm herein, Hildegard.“ Ich öffnete die Tür. Und weil ich sie nicht sah, fragte ich: „Wo steckst du?“

“Ich bin im Arbeitszimmer!“ antwortete sie.

Also ging ich dort hin.

“Hallo, grüß dich!“ sagte ich.

Gisela, die am Bügeln war, grüßte zurück.

Und was führt dich zu mir?“ fragte sie.

Bevor ich antwortete, sah ich mich im Zimmer um. Auf dem Schreibtisch lagen zu verschiedenen Haufen geordnet die Hochzeitseinladungen. So wie es aussah, hatte sie mit dem Zusammenfalten noch nicht begonnen. Das beruhigte mich, konnte damit doch vermieden werden, daß auch sie diese Arbeit zweimal machen mußte.

Zur Sicherheit fragte ich aber doch erst einmal nach, wie viele Einladungen sie bereits zusammengelegt hat.

“Eigentlich noch keine“, erwiderte sie und das beruhigte mich etwas.

“Tja“, sagte ich, „ich muß dir etwas gestehen. Leider haben wir noch einen Rechtschreibfehler in den  Einladungen entdeckt.“

Ich nahm eine der Seiten und hielt es ihr unter die Nase.

“Schau“, sagte ich und deutete auf das falsch geschriebene Wort, „ ich habe anstatt unserer unser Hochzeit geschrieben. Keiner von uns hat es bemerkt, aber Josef sah es sofort. Ich kann dir gar nicht sagen, wie peinlich mir das ist. Mit diesem zweiten Fehler kannst du sie unmöglich weggeben, damit blamiert ihr euch und ich auch. Das ist kein Renommee für meine Arbeit. Deshalb möchte ich die ganze Auflage noch einmal drucken. Jetzt bin ich ganz froh, daß noch ein Fehler aufgetreten ist. Ich wollte schon wegen des ersten Fehlers alles neu drucken. Ich hoffe nur, du brauchst es erst in einigen Tagen!“

Gisela reagierte großartig.

“Ja“, sagte sie lächelnd und war gar nicht verärgert, „das haben wir wirklich nicht gesehen. Ist das nicht erstaunlich, wo wir es doch schon so oft durchgelesen haben?“

“Ja“, erwiderte ich. „Erstaunlich und verwunderlich. Aber man liest oft über solche Kleinigkeiten hinweg. Trotzdem würde es dem einen oder anderen auffallen, und das wäre schlimm. Du weißt ja, daß ich die Hoffnung hege, ebenfalls von deinen Verwandten, Freunden oder Bekannten einen Auftrag zu bekommen, wenn ihnen die Arbeit, die ich für euch gemacht habe, gefällt. Aber wenn sie Schreibfehler in der Einladung entdecken, werden sie sich hüten etwas von mir machen zu lassen. Und darum drucke ich nochmals alles neu. Also, wieviel Zeit habe ich?“

“Es reicht, wenn du es bis Ende nächster Woche fertig hast“, antworte sie. „Vorher komme ich sowieso nicht zum Zusammenfalten.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen.

“Na großartig!“ sagte ich erleichtert. „Dieses Mal werden sich aber keine Fehler mehr einschleichen. Du weißt ja, wie abgespannt ich manchmal noch bin, doch werde ich jetzt noch mehr aufpassen als vorher. Und wenn was ist, dann kommst du und sagst es mir.“

Mit frohem Herzen und guter Stimmung schied ich von ihr.

Ich war schon aus dem Grund erleichtert, weil ich hatte in meinem Leben schon oft erleben müssen, daß man mich wegen eines Fehlers zur Sau gemacht hatte. Dabei sind Fehler menschlich und sogar notwendig, um daran zu reifen. Aber ich erlebte nicht häufig, daß jemand so großzügig damit umgeht wie Gisela, was für unsere gute Beziehung sprach.

Ruhigen Gewissens verschob ich die Arbeit bis zu dem Zeitpunkt auf, da meine Lieben mich wieder verlassen hätten. So lange sie da waren, würde ich mich doch nicht darauf konzentrieren können.

Doch lange hielt meine gehobene Stimmung nicht an.

Wieder obenauf beschloß ich, mir Christoph, gleich, wenn die drei vom See zurückkamen, zur Brust zu nehmen, um eine gewisse Kostenübernahme des Essensgeldes mit ihm zu besprechen.

Diese Gelegenheit ergab sich, als er nach seiner Rückkehr zu mir in die Küche kam, wo ich letzte Hand an das Abendessen legte.

Froh gelaunt und sonnenverbrannt, erzählte er mir, was er und Roland am See getrieben hatten. Er war so gut aufgelegt wie lange nicht mehr und Hemmungen stellten sich bei mir ein, bei dem, was ich ihm nun sagen wollte. Aber es half nichts! Da mußte ich durch!

.

“Hör mal, Christoph“, fing ich an. „Nach dem Roland und du länger bleibt, als ursprünglich vorgesehen, möchte ich, daß ihr etwas zum Unterhalt beitragt.“.

Weiter kam ich nicht!

Christoph verzog gleich sein Gesicht und sagte mit leicht kläglicher Stimme, die dem eines kleinen Kindes gleicht und das er gerne benützt, um etwas zu erreichen: „War nicht ausgemacht, daß wir eingeladen sind?“

“Für zwei Tage.a!“ erwiderte ich. „Aber für eine ganze Woche, nein.“

“Und von was soll ich das bezahlen? fragte er mich schmollend. „Ich habe für dieses Monat nur noch vierzig Mark! Und Roland ist auch schon knapp dran.“ Und setzte mit schelmischen Gesichtsausdruck etwas hinzu, das typisch für ihm war: „Wenn ihr uns freihaltet, wird es euch nicht ärmer machen!“

Nun hätte ich ihm sagen können, daß er reichlich zu seinem Geburtstag bedacht worden war. Und wenn er davon teuere Getränke kaufen konnte, konnte er auch einen Verköstigungsbeitrag leisten. Oder daß er, wenn er Zuhause geblieben wäre, dafür ja auch Geld ausgeben müßte. Und vor allem – was seinen letzten Satz betraf – es uns schon ärmer machte. Doch ich sprach es nicht aus. Es hätte bestimmt zu einer Diskussion geführt, bei der ich wahrscheinlich, so oder so, aus Schwäche, wieder den Kürzeren zog.

Rasch überlegte ich mir, wie ich darauf reagieren sollte und fand es plötzlich nicht mehr wert, das weiter zu verfolgen. Also lenkte ich ein. Harte Auseinandersetzungen mit ihm, im Jahr zuvor, hatten mich so sensibilisiert, daß ich sie fürchtete. Zu diesem Zeitpunkt wäre es womöglich nicht so weit gekommen, denn er war wieder sehr viel weicher geworden, aber warum etwas riskieren? Warum ihm die Stimmung verderben? sagte ich mir. Sei froh, daß er gut drauf ist und euer Verhältnis sich entschärft hat.

“Also gut! Also gut!“ erwiderte ich ihm nach diesen Überlegungen. „Lassen wir es dabei. Seid ihr eben eingeladen!“

Daraufhin gewann er seine gute Laune zurück und verzog sich aus der Küche.

Da stand ich nun und versuchte damit klar zu kommen, daß er mich zu etwas überredetet hatte, das ich so nicht wollte. Immer wieder verstand er es, mir Dinge abzuringen, die er brauchte. Schon den Tag zuvor hatte er eine Soundkarte aus meinem Computer ausgebaut, damit Roland sie während seines Aufenthaltes hier für seinen benutzen konnte. Willig und gutmütig hatte ich es gestattet. Ständig fragte er nach diesem und jenem. Und ich sagte ständig: „Ja, ja, nimm es dir!“

Aber so allmählich hatte ich es satt. Ich war doch kein Selbstbedienungsladen. Sie vergnügten sich und mir blieb die Arbeit. Zwar waren sie willig beim Aufdecken und Abräumen, aber das war ja wohl selbstverständlich, wenn ich sie schon bekochte.

Während all der Tage hatte ich von meinem Sohn noch kein einziges Dankeschön erhalten. Selbst wegen seines Geschenkes mußte ihn sein Vater erst daran erinnern, daß er sich auch bei mir zu bedanken hat. Alles nimmt er als Selbstverständlichkeit hin. Wenn er Dankbarkeit empfand, dann wußte er es gut zu verbergen.

Aber was konnte ich groß tun? Jeder Widerstand von meiner Seite würde zu einem Streit führen, wie ich aus Erfahrung wußte und das wollte ich vermeiden. Nicht während dieser paar Tage. Letztendlich würde nur ich darunter leiden, sobald sie wieder fort waren. Also schluckte ich auch dies.

Und dann kam der nächste Morgen.

Die beiden Buben wollten an diesem Tag gegen neun Uhr abgeholt werden, damit sie – weil es der vorletzte war – ausreichend Zeit am See verbringen konnten.

Während dieser Nacht träumte ich etwas, das bezeichnend für meine Situation war.

Vor dem Einschlafen hatte ich mir noch einen Film mit Rutger Hauer – einem Schauspieler, den ich sehr mochte (und immer in Sorge, Josef dabei nicht zu stören), angesehen. Beim Schlafen erschien mir dann in meinem Traum ein Mann ähnlichen Typs, der mich umwarb. Plötzlich war ich nackt und er schmuste mit mir. Das weckte meine Lust auf Sex, konnte mir aber nicht vorstellen – ganz so, wie ich es in der Wirklichkeit ständig erlebte -, daß es zum Vollzug des Aktes käme. Dann lag der Mann auf mir. Immer noch zweifelte ich an dem endgültigen Vollzug. Doch während ich noch zweifelte, spürte ich sein Glied hart in mich eindringen. Zwei, drei kräftige Stöße erfüllten mich lustvoll. Dann verflüchtigte sich mein Traum zu anderen Bildern.

Gegen acht Uhr dreißig wachte ich auf, weil Josef in mein Zimmer kam.

Noch etwas schlaftrunken ließ ich ihn unter meine Decke schlüpfen. Eine kurze Weile lagen wir beisammen und kuschelten. Dann fiel mir mein Traum wieder ein und eine gewisse Wachsamkeit – gepaart mit Trauer, daß es nur ein Traum gewesen war – kehrte zurück. Und dann bemerkte ich, daß Josef bereits geduscht und Zähne geputzt hatte. Er roch frisch und sauber und angenehm nach seinem Körperspray. Alle Alarmglocken in meinen Hirn begannen zu läuten!

“Josef“, sagte ich streng, „du wirst doch jetzt keinen Sex wollen?“

“Doch!“ erwiderte er etwas verschämt, und fügte hinzu: „Ich habe mich schon richtig scharf gemacht!“
Ich dachte mich trifft der Schlag!
“Jetzt!!!“ wiederholte ich. „Jetzt, wo du in einer knappen halben Stunde die Buben abholen sollst? Ich glaube du tickst nicht richtig. Die ganzen Tage vorher hätten wir ausreichend Zeit dafür gehabt, aber da wolltest du ja nicht. Und ausgerechnet jetzt, wo die Zeit knapp ist, willst du Sex!“

Ich war empört, hielt mich aber immer noch zurück und ließ nicht alles raus, was ich empfand.

Er wand sich bei meinen Worten und gab schließlich zu, daß der Zeitpunkt wahrhaftig schlecht gewählt war.

“Wie hast du dir das nur vorgestellt?“ hakte ich nach. „Wenn wir nach über drei Jahren schon einmal zusammen kommen, dann möchte ich nicht unter Zeitdruck stehen.“

“Ich weiß es nicht!“ sagte er kleinlaut.

Oh ja, das konnte ich gut nachvollziehen. Doch im Gegensatz zu ihm wußte ich, warum er gerade an diesem Morgen kam. Hätte es nicht geklappt, hätte er seine Erektion nicht halten können, dann wäre das eine gute Ausrede für einen schnellen Abgang. Ich kannte ihn schließlich! Doch immer noch riß ich mich zusammen und sagte zu ihm, doch lange nicht so barsch, wie es in mir rumorte: „Geh’ aus meinem Bett!“

Das tat er sofort. Mit einem gemurmelten „Es tut mir leid!“ ging er nach draußen und zog sich an. Dann hörte ich ihn mit dem Auto wegfahren, um die Jungens zu holen.

Ich blieb noch eine Weile liegen und überdachte die vergangene Situation. Das war ja wieder einmal typisch für ihn! Meine Gefühle bewegten sich zwischen Lachen und Weinen.

Aber ich mußte mich zusammenreißen, denn in wenigen Minuten kämen sie zurück. Ich verdrängte alle aufgewühlten Gedanken, stand auf, bekleidete mich und richtete das Frühstück her.

Fast gelang es mir unbeteiligt zu scheinen, als die drei beim Essen saßen. Aber auch sie kannten mich genau. Sie konnten in meinem Gesicht lesen, was ich mühsam unterdrückte. Feinfühlig – und womöglich, weil Josef ihnen gesagt hatte, daß er Mist gebaut hatte – gingen sie etwas behutsamer mit mir um, als sonst. Sie alberten nicht wie häufig und vermieden Fragen nach meinem Wohlbefinden. Nach dem Motto – nur nicht den Tiger in ihr wecken!

Ich war froh, als sie sich schließlich an den See verzogen.

Alleingelassen überfiel mich mit einem Schlag, weil ich es nicht mehr kontrollieren konnte, der ganze Frust der vergangenen Tage. Matt sank ich vor meinem Computer auf den Stuhl. Aber selbst FreeCell war nicht mehr im Stande mir jetzt Trost zu spenden. All ihre kleinen Gedankenlosigkeiten kam mit hoch, bis Ströme von Tränen der Enttäuschung und er seelischen Pein über meine Wangen rollten. Ich kam mir so ausgenutzt vor. Ich gab ihnen mit vollen Händen und sie ließen mich leer zurück. Wie oft hatte ich das in all den Jahren meiner Ehe erfahren müssen, was einer der Gründe meines Ausziehens gewesen war. Auszuziehen war mir der einzig gangbare Weg aus unserem familiären Dilemma erschienen. Und meistens funktionierte es auch. Wenn sie mich besuchten, hielten meine Nerven zwei, drei Tage stand, wie ich jetzt wieder erfahren hatte, aber wenn sie länger blieben, drehte ich durch.

Trotzdem dachte ich nicht an Scheidung, dazu hingen wir viel zu sehr aneinander. An Selbsttötung hingegen schon eher mal. Was hatte mein Leben noch für einen Sinn? Wem konnte ich noch nützen in all meiner Kraftlosigkeit und seelischen Erschöpfung? Und wer war da, wenn ich jemanden brauchte? Auf wen konnte ich mich stützen? Wer nahm mich in die Arme und gab mir Liebe, die mich erfüllt und aufgefüllt hätte, was ich in vielen Jahren reichlich gegeben hatte? Niemand!!! Immer mußte ich alle Kraft aus mir selbst schöpfen. Aber den Gedanken an Suizid verwerfe ich immer schnell wieder, wenn ich an meine Lieben denke. Zu wissen, wie entsetzt sie wären und mit wieviel Unverständnis sie meinen Freitod zur Kenntnis nehmen würden, nein!!!, das kann ich ihnen nicht antun. Solch eine drastische Bestrafung verdienen sie nicht. Und deshalb brauche ich Abstand! Ja, Abstand brauchte ich dringend. Und Zeit und Muße, um die Dinge zu tun, die mich befriedigten – wenn mich schon sonst niemand befriedigte, damit ich mich daran wieder hochziehen konnte.

Gerechter Weise muß ich jedoch zugeben, daß meine „Männer“ dieses Verlangen jetzt verstehen, tolerieren und fördern. Also, nimm dich zusammen Hildegard! Laß dich nicht hängen! Andererseits sind meine Tränen wie ein heilsamer Strom, der einigen Frust fortschwemmt.

In mein Weinen hinein, hörte ich plötzlich unseren Wagen kommen. Rasch wischte ich mir die Tränen vom Gesicht und erfrischte es mit kaltem Wasser.

Josef, der sich seit langem ganz gut in mich hineinversetzen kann, hatte es am Badeplatz nicht lange gehalten. Jetzt war er zurückgekommen, um mit mir zu sprechen. Mit verweintem Antlitz öffnete ich ihm die Tür, als er läutet. Es sofort bemerkend, wie es um mich stand, sagte er bekümmert: „Ach Hildegard! Es tut mir leid!“ Und hatte wieder seinen Dackelblick aufgesetzt.

Darauf hätte ich viel antworten können. Aber was hätte das gebracht? So viel Streit lag hinter uns und ich war es müde, mich zu streiten. Ich wußte wie er und meine beiden Buben waren und durchaus gewillt, sie so zu nehmen, wie es ihrer Art entsprach. Nur Abstand und Zeit, um mich von ihnen zu erholen, war alles, was ich jetzt wollte. Und so unterdrückte ich Worte der Bitternis, die mehr geschadet als genützt hätten. Aber vorerst hatte ich genug von ihnen. Und deshalb sagte ich nur zu ihm: “Josef, ich möchte daß ihr morgen nach Hause fahrt!“

Mehr nicht! Mehr brauchte es auch nicht!Er war sofort einverstanden. Im Grunde kam es ihm wohl ganz gelegen. Wir hatten einige schöne Stunden mit einander verbracht und nun konnte es nur noch schlechter werden.

Selbst das Wetter begann sich einzutrüben. Für den kommenden Tag war Regen vorhergesagt. Die Situation zwischen uns würde zunehmend belastend werden, blieben sie die restlichen zwei Tage.

Das er keine Einwände erhob, erleichterte mich gleich etwas,  war doch somit abzusehen, wann ich mich wieder entspannen konnte. Nach dem das geklärt war, ermunterte ich ihn, zum See zurückzufahren und den Tag mit den Buben zu genießen.

“Mach’ dir um mich keine Sorgen!“ gab ich ihm mit auf den Weg. „Ich komme schon wieder klar.“

Und er erwiderte: „Gott sei Dank! Ich bin froh, daß du so veranlagt bist.“

Ich fragte später nicht danach, aber Josef schien mit Christoph und Roland über die verfrühte Abfahrt gesprochen zu haben. Als sie am späten Nachmittag zurückkehrten, sprach in meiner Gegenwart niemand davon. Allerdings übten sie eine leichte Distanz mir gegenüber aus. Sie wollten wohl in keinem Ameisenhaufen herum stöbern, denn meine Niedergeschlagenheit konnte ich nun nicht mehr gut verbergen.

Die Jungens stritten sich noch etwas mit Josef wegen des nächsten Vormittags, da sie darauf bestanden, nochmals zu segeln.

“Gerade jetzt, wo endlich ein richtiger Wind aufkommt, willst du uns nicht mehr lassen!“ sagte Christoph erbost zu ihm. „Es war schon ärgerlich genug, daß du es uns heute verboten hast, wo es so toll gegangen wäre. Immer bist du so ängstlich!“

Josef zog bei diesen Worten die Stirn in die Höhe, zuckte mit den Schultern und lächelte etwas verlegen. „Du weißt ja wie ich bin!“ erwiderte er.

Wir alle wußten wir er war! Wir wußten, daß er ein kleiner Angsthase war! Vor allem wenn es um seine Familie ging. Aber diesmal sprang er über seinen Schatten und willigte ein, sie den nächsten Vormittag noch einmal bei starkem Wind segeln zu lassen – was ja auch kein Problem ist, denn einen Katamaran wirft so schnell nichts um.

Doch dann kam es nicht mehr dazu. Die gedrückte Stimmung, die zwischen Josef und mir herrschte, aber auch das nun wesentlich schlechter gewordene Wetter, schien es ihnen zu vermiesen.

Tadellos räumten sie vor der Abfahrt den Wohnwagen auf – schau, schau, es geht also doch -, so daß Josef voll des Lobes war, als er sie früh am nächsten Tag abholte.

Ein letztes Frühstück, dann packte auch Josef seine sechs Sachen – sieben kann ich nicht sagen, denn einen Teil vergaß er in der Aufregung – und mit herzlichen Umarmungen, in die bei mir Erleichterung gemischt war, fuhren sie ab.

Mit zwiespältigen Gefühlen sah ich ihnen winkend nach, so lange ich sie noch sehen konnte.

Kaum waren sie um die untere Ecke meines Ortes verschwunden, befiel mich unverhofft starkes Heimwehgefühl nach ihnen und Trauer. Wieder einmal hatte sich meine leise Hoffnung auf ein eheliches Beisammensein mit Josef nicht erfüllt. Immer wieder war ich zwar gut genug, ihnen die Tage angenehm zu gestalten, ohne groß etwas zurück zu bekommen. Ich kehrte in meine Wohnung zurück, vergoß ein paar Tränchen und spielte zum Trost zwei Stunden lang FreeCell.

Glücklicherweise dauerte meine Trauer nicht lange. Eine Schutzfunktion, die ich mir in den langen Jahren meiner Ehe angewöhnte hatte und die nach einiger Übung, nun ohne mein bewußtes Dazutun ansprang, sorgte dafür, daß meine Gedanken auf Wichtigeres gelenkt wurden. Immer noch waren da die nochmals zu druckenden Hochzeitseinladungen meiner Hausmitbewohner, mit deren Erledigung ich schnellstens beginnen sollte. Und das tat ich! Bis um Mitternacht saß ich über dieser Arbeit, vergaß allen Kummer und fiel anschließend todmüde ins Bett..

Ausgeruht am nächsten Morgen kehrte der Kummer zwar zurück, aber damit war ich vertraut. Es würde noch zwei, drei Tage dauern, bis ich ihren Besuch soweit überwunden hätte, daß ich leichteren Herzens daran zurück denken konnte.

Und so, meine lieben Söhne, war es dann auch.
Drei Tage verbrachte ich damit die Einladungen neu, und diesmal fehlerfrei, anzufertigen. Das befriedigte mich und ließ meine Gelassenheit in einem Maß zurückkehrten, daß ich mit einem neuerlichen Schlag, der in dieser Woche noch auf mich wartete, gut zurecht kam.

Doch davon irgendwann später!

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