1967 – Jürgen Rinnsal

Jürgen Bach/Rinnsal.

Diesen halbreifen Mann lernte ich kennen, als ich wieder einmal von München aus nach Regensburg gefahren war, um einige Tage bei meinen Eltern zu verbringen. Nun war es zu dieser Zeit schick, das kleine, aber feine Café „Martini“, in der Nähe des Bahnhof zu besuchen, obwohl es mir immer Herzklopfen bereitete, allein dort einzukehren. Und weil andere das auch taten, konnte man immer wieder mal interessante Leute kennen lernen.
Da sitzt dann an kleinen runden Tischen manchmal nur eine Person, die verträumt an seinem – was auch immer – trinkt und läßt die Augen wandern. Man selbst tut das auch, wenn auch noch gehemmt und unsicher. Aber hin und wieder finden sich doch zwei, die über die Entfernung hinweg ins Gespräch kommen, um sich dann an einen gemeinsamen Tisch niederzulassen.

Ja, so fing es mit Jürgen an.
Zuerst redeten wir über belangloses Zeug, wie z. B. wo man herkommt und was man so macht. Und dann fragten wir natürlich auch, wie wir hießen. Er fragte mich zuerst. Und ich sagte, wie ich es meistens machte: „Ich heiße Hildegard und bin die Tochter des Beton-Geyers.“ Und er erwiderte darauf: „Und ich bin der Sohn des Fürsten!“
(Er meinte natürlich den Fürsten von Thurn und Taxis.)
Das verschlug mir vor Ehrfurcht die Sprache und sagte nichts darauf, denn ich glaubte ihm.
Wie auch immer, wir saßen noch eine Zeitlang zusammen, dann bot er mir an, mich nach Hause zu fahren, was ich annahm. Nun, ich denke, daß er mir wohl nicht geglaubt hatte, daß der Beton-Geyer, der in Regensburg einen guten Namen hatte, tatsächlich mein Vater war. Als er mich aber dann vor meinem Elternhaus absetzte, muß ihn bewußt geworden sein, daß ich die Wahrheit gesagt hatte.

An diesem Tag haben wir uns ganz artig verabschiedet, ohne Kuß und so, aber mit dem Versprechen, uns wiedersehen zu wollen.

Als ich dann im Haus war, suchte ich gleich meine Eltern auf und erzählte ihnen voller Begeisterung, daß ich einen Sohn des Fürsten von Thurn und Taxis kennengelernt hatte. Ich weiß nicht mehr, ob diese solch eine Bekanntschaft für möglich gehalten haben, aber ich kann mich nicht erinnern, daß sie das angezweifelt hatten.
(Dazu muß man wissen, daß es in unserer Familie nicht unüblich war, daß man adelig heiratete oder gar selbst geadelt worden war. Der Vater meiner Mutter, also mein Großvater war Victor von Strauß und Torney gewesen, denn sein Großvater, auch ein Victor, war vom Kaiser Franz von Österreich wegen seiner Verdienste in den erblichen Adelstand erhoben worden. Und selbst in der Linie meines Vater gibt es drei Ahninnen, die adelig gewesen waren. Siehe dazu die Aufstellung meiner Vorfahren.)

Aber, der Knabe Jürgen hatte mich angelogen. Beeindruckt von meiner Ansage, die Tochter des Fabrikanten Geyers zu sein, hatte er spontan seine Aussage gemacht – so wie man manchmal, wenn man jemanden seine Behauptung nicht glaubt und darum erwidert: „Und ich bin der Kaiser von China!“

Jedenfalls war er dann so fair, mir bei unserem nächsten Treffen, seinen richtigen Namen zu sagen: „Jürgen Bach“. Da erklärte er mir auch, daß ihm mein Vater gut bekannt war, denn sein Vater hatte ein kleines Unternehmen, welches häufig mit der Firma meines Vater in geschäftlicher Beziehung stand. Und daß ich tatsächlich dessen Tochter war, muß ihn ziemlich beeindruckt haben.

Nach seinem Bekenntnis mußte ich nun auch meine Eltern über den Irrtum aufklären. Sie nahmen das hin und es war nie wieder ein Gesprächsthema zwischen uns. Mit inzwischen mit 21 Jahren und der so erlangten Volljährigkeit, hatte ich alle Freiheiten.

Dann war es aber so, daß mein Aufenthalt in Regensburg nicht lange dauern konnte, denn in München hatte ich meine Arbeit im Kinderladengeschäft eines Onkels. Also mußten sich immer wieder einmal unsere Wege trennen. Was dann bleibt, sind Telefongespräche und Briefe.

Der erste Brief von ihm ist vom 1. März 1967:

Meine liebe Struppi!             
(Warum dieser Name? – vielleicht wegen meiner Haare, die wegen der Naturlocken manchmal nach allen Seiten weg stehen, was mich selbst wohl immer am meisten gestört hat.)

Zunächst herzlichen Dank für Deinen spontanen Telefonanruf. Ich habe mich sehr darüber gefreut, obwohl es zeitlich etwas unglücklich gekommen ist. Ich hatte gerade Besuch von Werner (seinem Freund), der aus der Schweiz zurückgekommen ist. So war ich bestimmt etwas abgelenkt und nicht so lieb, wie ich es sein wollte. Du bist mir doch nicht böse? Hoffentlich hast Du dich wieder gut eingelebt und die Arbeit macht wieder Spaß. Ich wollte, ich könnte auch in München arbeiten und Dich öfters mal sprechen und zusammen nett ausgehen. In München kann man dies viel besser als in Regensburg.
Und nun zu dem Bild. (Umso eines hatte ich ihn gebeten.) Normalerweise oder noch besser, immer, habe ich es bis jetzt abgelehnt mein Konterfei in bekannte (das strich er aus und ersetzte es durch „fremde“) Damenhände zu legen. Nicht, weil ich mir zu kostbar bin, sondern aus der Überlegung heraus, möglicherweise Nachfolger zu bekommen, herumgezeigt zu werden und später für ungültig erklärt irgendwo ein jämmerliches Dasein fristen.
(Sein Selbstwertgefühl war wohl etwas unterentwickelt. Wie gut, daß das alles bereits 43 Jahre her ist, sonst würde ich das nicht so offenherzig niederschreiben!)
Auch kann ich mit gut vorstellen, daß man mich nach öfterer Betrachtung satt kriegt, so wie ich mich manchmal satt habe.
Gut dabei ist, daß dieser Zustand meist nicht lange währt und ich mir danach wieder ganz gut bin. Ich hoffe, Du wirst mir, abgesehen von kleinen Unterbrechungen, immer gut sein, und in dieser Hoffnung sende ich Dir einen ernsten fast männlichen Jürgen. (Bei Nichtgefallen Bild zurück an Absender.) Ich habe den Jürgen „noch in groß“ und wünsche mir Deine Zuneigung ebenso, daß Du den Großen auch noch haben willst, und später vielleicht den ganz Großen dazu (für immer).
So, und nun wieder ganz im Ernst. Samstag gibt Jörg Klein eine Party. Es würde mich sehr freuen, wenn Du mit von der Partie wärst. Vielleicht kannst Du mich telefonisch benachrichtigen, ob es klappt. Freitagabend 20 Uhr. Darf ich mich schon auf Dich ein klein wenig freuen?
Für heute herzliche Grüße und tausend Bussi       Dein Jürgen.

Leider weiß ich nicht mehr genau, wie ich auf diesen Brief reagiert habe. Zu der Party kam ich aber mit Sicherheit nicht, denn es war für mich aus sehr knappen finanziellen Gründen immer schwierig von München nach Regensburg zu fahren – egal mit welchen Beförderungsmittel. Das Gehalt, daß mir mein Onkel für meine Arbeit bezahlte, reichte immer gerade für das aller Notwendigste. (Er war der Besitzer des Kinderladens.) Und dabei war mein Arbeitstag lang. Er dauerte von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends. Dazu kam, daß ich nur jedes zweite Wochenende einen ganzen Samstag und Sonntag frei hatte.
Wie auch immer, seine Art fing mir bereits auf die Nerven zu gehen. Trotzdem war ich noch nicht so weit, diese Beziehung zu beenden, konnte ich doch damit punkten endlich einen „festen“ Freund zu habe. Und so zog sich diese Verbindung weiter hin und wurde ein bißchen seltsam.

Der nächste Brief, den er mir schickte, lautet dementsprechend:

Regensburg, den 28. 3. 1967

Sehr geehrter Geschäftsfreund!
Anläßlich unserer geschäftlichen Verbindung, kurz vergangener Zeit , möchte ich mich nun schriftlich bei Ihnen melden.
Ostern habe ich gut, ohne nennenswerte Ereignisse, hinter mich gebracht. Der Betrieb (ich) läuft wieder in normalen Bahnen, womit ich nicht sagen möchte, daß mein Besuch bei Ihnen mir beruflichen Schaden zugefügt hätte. Ich möchte das gern mit einer Zeichnung erläutern. (Wie sie schon einmal beim Kneitinger (eine in Rgbg sehr bekannte Gastwirtschaft). Meine Kurve unterscheidet sich Dank Ihres wertgeschätzten, äußerst liebevollen (da habe ich mich wohl zusammen gerissen) Einflusses etwas von der Ihren. (grafische Zeichnung einsetzen!)

In Ihrem Schreiben vom 14. 3., das ich hiermit beantworte, versicherten Sie mir wortwörtlich, keine andere geschäftliche Verbindung (also keinen anderen Mann) einzugehen, betontermaßen meine Ware einwandfrei und gut sei. Sie äußerten den Wunsch eines Abonnements. (Da muß ich ja wohl ziemlich bescheuert gewesen sein, um so zu handeln.) Heute bin ich selbst der Überzeugung, die Konkurrenz kocht auch nur mit Wasser und hat ihre Ware etwas aufwendig und undurchsichtiger verpackt. Der Inhalt ist nicht so leicht überschaubar. Der Reiz genügt, der Kunde kauft. Ob er besser kauft, bleibt dahin gestellt.
(Also eines muß ich ihm zugestehen, sein Deutsch war wesentlich besser als meines, das oftmals peinlich schlecht war! Ich war Legasthenikerin, was ich damals aber selbst nicht wußte.)
Ihr Ratschlag, meiner Frau Mama von meiner guten Ware abzugeben, hat gute Zinsen gebracht und beste Arbeitsbedingungen geschaffen. Ein gutes Betriebsklima ist das A und O einer guten Existenz.
Ihr abruptes Abbestellen meiner Lieferung (da muß ich ihm wohl bereits telefonisch mitgeteilt haben, daß ich keinen weiteren Kontakt mehr mit ihm wollte), veranlaßten mich mein Programm gänzlich umzustellen und die Produktion und Kapazität zu erweitern.
Das Pädagogikstudium ermöglicht es mir schwierige komplizierte Geschäftspartner zu bedienen und selbst eine Promiskuität (= Vermischung / Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern) als Selbstverständlichkeit mit Vergnügen und ohne seelische Erregung zu genießen. (Da hatte er zu dick aufgetragen und außerdem gelogen. Er verbarg dahinter seinen, ihm von mir zugefügten Schmerz. Denn gehandelt hat er entgegengesetzt!)
Sollten Sie diesbezüglich bei einem anderen Geschäftspartner (Freund) in Schwierigkeiten kommen, stehe ich Ihnen gerne mit ganzer Kraft zur Verfügung, Ihr lädiertes, oft mißbrauchtes psychisches Gleichgewicht durch Psychoanalyse und Verständnis meinerseits wieder herzustellen.

Mit vollster Wertschätzung (in Liebe) hochachtungsvoll Jürgen Bach.

P.S.: Mein letzter Brief, nachts geschrieben, entstand aus einer psychogenen Depression und war ein schlechter Scherz. Ich bitte dies zu entschuldigen. (Na ja, das muß man ihm zugestehen, daß er Selbsterkenntnis besaß und dafür grade stand, was er geschrieben hatte.)

Und was stand in diesem Brief? Das folgt jetzt:

Dienstag Nacht.

Meine liebe Hilde!
Noch einmal bekommst Du von mir einen Brief der Liebe. Es isst der schmerzlichste und zugleich schönste Brief, den ich jemals geschrieben habe. Muß ich Dich ganz aus meinem herzen reißen, wo Du in meinen Gedanken noch lebst und atmest, wo ich Dich getragen habe, daß es so schön sein kann zu lieben? Bisher habe ich nur mich selbst geliebt.

Alle Liebe, die mir von anderen geschenkt wurde, sogar die der Mutter, habe ich dadurch zerstört.
Ich danke Gott, daß man die Liebe einer Mutter nicht so leicht brechen kann. Heute konnte ich aus dem großen Schatz der Mutterliebe schöpfen. Es war mir der einzige Trost für den Verlust der Deinen. Ich schäme mich nicht!
Dein Buch der Kinder darf und kann ich nicht behalten. Es erinnert mich bei jedem Ansehen, wie gern ich Kinder von Dir hätte. Wo Deine Liebe fehlt ist alles sinnlos geworden.
So habe ich doch nicht die Probezeit der 3 Monate bestehen können und danke Dir, durch dich allein zum Manne gereift, für alle Liebe und für jede Minute, die ich bei Dir sein konnte – Jürgen.

Also ich den Satz – durch dich allein zum Manne gereift – gelesen hatte, wurde mir doch ziemlich mulmig. Ich bin mir heute, nach 53 Jahren nicht mehr ganz sicher, ob er damit gemeint hat, daß ich die erste Frau war, mit der er Sex hatte. Aber als ich seinen Brief damals gelesen habe, war ich mir ganz sicher, daß er genau das meinte und das Gefühl, das ich dabei hatte, war kein gutes, eher ein leichtes Entsetzen. Es war tatsächlich ein einziges Mal im Keller meines Elternhauses – in einem kleinen Zimmerchen dort unten stand ein Schlafsofa – spontan zu dieser körperlichen Vereinigung gekommen.
(Und natürlich ohne Verhütung. Und so sehr ich mir Kinder wünschte, ihn als den Vater dafür wollte ich auf keinen Fall. Ein Jahr vorher mußte ich miterleben, daß meine jüngere Schwester sich von ihrem Freund ein Kind erschlich – der sie dann heiraten mußte – war aber mit ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau, mit ihren 18 Jahren, total überfordert. Dementsprechend hielt auch ihre Ehe nur knappe 2 Jahre. )
Aber immer noch hielt ich an dieser, mir unlieb gewordenen Freundschaft fest. Das änderte sich erst, als bei einem Spaziergang mit ihm folgendes geschah: In freier lieblicher Natur – zwischen lichten Bäumen – fing er wieder einmal an mich leidenschaftlich zu küssen. Er steigerte sich derart hinein, daß er nicht einmal merkte, daß ich es nur noch erduldete. Ich hielt auch dann noch still, als er schließlich – aber bekleidet – sein Geschlecht an meinem Bein solange auf- und abrieb, bis er zum Orgasmus kam. Das ekelte mich derart an, daß ich beschloß, mit ihm Schluß zu machen. Wann oder wie ich das machte, ist mir entfallen. Aber ich tat es. Nur er konnte das nicht gleich akzeptieren.

Sein letzter Brief ist vom – 3. 5. 1967

Regensburg, den 3. Mai 1967

(Keine Anrede)  
Herzlichen Dank für das Verständnis, das Du meiner Schlamperei entgegengebracht hast. Da ich nur noch selten in Regensburg bin und mir meine Post nicht nachgeschickt wurde, (meine Mutter ist im Urlaub) komme ich erst heute dazu mich für Deine Hilfsbereitschaft zu bedanken. Es wäre sehr nett von Dir, wenn ich das Buch „Was halten sie vom Mondschein“ auch noch wieder kriegen könnte. Es gehört meiner Mutter. Ich habe es ohne ihr Wissen genommen und beim letzten Mal heimlich bei dir zurück gelassen. Ich dachte, es würde Dir Freude machen darin zu lesen. Vielleicht hast Du es auf Deinem Bücherbord gefunden (ja, habe ich) und hinein geschaut. Im Rahmen der Gleichberechtigung und ich hoffe, Du siehst das ein, wäre ich Dir sehr dankbar für ein Bild von Dir. Ich möchte eins, wahrscheinlich aus dem selben Grund, aus dem Du meines behalten hast. Bestimmt ist, daß es nicht so rum-kugelt, wie bei Dir, sondern schön in meine Sammlung eingereiht wird. (Wenn Du wünscht, bekommst du einen Ehrenplatz im Album mit Eichenlaub und Nelken.) Herzliche Grüße, vielen Dank im voraus – Jürgen.
PS: Vielleicht kann ich das Buch abholen, wenn ich zufällig mal in München bin.

Und nach München kam er dann tatsächlich einmal völlig unangemeldet. Er fuhr eines Tages mit einem schicken weißen Auto – er hatte es extra für diese Fahrt gemietet – auf das Grundstück meines Onkels, auf dem sich auch meine kleine 1 Zimmer Wohnung befand. Was er sich von dem Besuch erhofft hatte, erfüllte sich aber nicht. Ich war von seinem Erscheinen völlig überfordert und genervt, was mich aber nicht daran hinderte, ihn ganz energisch aufzufordern, sofort wieder heim zu fahren. Er sträubte und wand sich, aber schließlich blieb ihm nichts anderes übrig.

Das war das letzte Mal, daß ich ihn sah. So dachte ich jedenfalls. Es waren inzwischen 2, 3 Jahre vergangen – ich lebte wieder in Regensburg – als ich ihm noch einmal begegnete. Bei einem Besuch im „Kneitinger“, saß er zufällig an dem Nebentisch. Als er mich erkannte, freute er sich sichtbar, während meine Gefühle eher gegenteilig waren. Ich ließ mir aber nichts anmerken, und so kamen wir sogar ins Gespräch. Voller Freude erzählte er mir, daß er in einigen Tagen heiraten würde. Auch sagte er, daß seine Zukünftige sich wünschte, er würde sich zu diesem Anlaß sein ziemlich langes Haar schneiden lassen. „Das möchte ich aber nicht!“ erklärte er. Und ich dachte bei mir, daß die junge Frau einen schweren Stand haben wird, wenn er sich jetzt schon weigerte, ihr zu liebe diesen Gefallen zu tun. Diese Meinung behielt ich aber für mich. Ich war nur froh und erleichtert, daß ich mit ihm nichts mehr zu tun hatte.

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