1998 – 1920, Feichten, Wagingersee.

Erlebnisse aus meiner Zeit in Feichten, Oberbayern.

Meine liebe Buben, ich war total erschöpft an Leib und Seele, als ich mir nach über 24 Jahren Ehe eine Auszeit von eurem Vater und euch Beiden verordnete. Ich entschied das für mich, nachdem niemand aus unserer Familie wahrhaben wollte, wie schlecht es mir ging und ständig ignorierte wurde, daß ich fast keine Kraft mehr zum Weiterleben hatte.
Und so war ich im April 1996, Hals über Kopf, nach einer Auseinandersetzung mit dir, meinem jüngeren Sohn, die mich wahnsinnig aufgeregt hatte, an den Waginger-See zu unserem Wohnwagen gefahren, um mich dort wieder einigermaßen zu erholen. Völlig fertig an körperlicher und nervlicher Kraft, brauchte ich über eine Woche, bis ich endlich etwas klarer sah und zu dem Entschluß kam, der meine schlechte Verfassung bessern sollte. Mein Entschluß war, mir in der wunderschönen Umgebung von Waging, die ich seit meiner Kindheit kannte, eine kleine Wohnung zu mieten. 173 km von Regensburg entfernt, hoffte ich, weitgehend von euch in Ruhe gelassen zu werden, um mich gründlich erholen zu können.

Noch an Ort und Stelle sah ich die Anzeigen nach einer Wohnung durch und fand auch eine. Sofort, als ich die kleine ca. 65 qm große Wohnung in Begleitung eines Maklers betrat, hatte ich das gute Gefühl, nach Hause zu kommen. Hell war sie und freundlich, und vom Wohn- und Schlafzimmer aus gelangte man über eine kleine Terrasse in den Garten, was ich toll fand.

Nach zwei Tagen Bedenkzeit entschloß ich mich, trotz der etwas hohen Miete, die mich zur äußersten Sparsamkeit zwingen würde, zur Anmietung.

Keine Alarmglocken läuteten, keine Stimmen warnten mich, diese Wohnung nicht zu nehmen. Dabei waren durchaus Fakten vorhanden gewesen, die mich stutzig hätten machen können. Das eine war, daß die Wohnung in dem Zweifamilienhaus dem Sohn eines geschiedenen Ehepaares gehörte, dessen Rechte ein Rechtsanwalt vertrat und das andere, daß sie bereits seit über 1 1/2 Jahren leer stand. Die Gründe für dieses Leerstehen erfuhr ich leider erst später, aber da war der Mietvertrag bereits unterschrieben. Vielleicht hätte ich es mir noch anders überlegt, wenn ich dieses Wissen früher gehabt hätte, andererseits war/bin ich keine Frau, die immer gleich das Schlimmste befürchtete. Außerdem stellte sich mir Herr RA Th., der Vermögenspfleger des Kindes Michael H., mit dem ich zuerst telefonisch gesprochen hatte und später schriftlich die Vermietung abwickelte, als netter und umgänglicher Mann dar, von dem nicht zu befürchten war, daß er mir Steine in den Weg legen würde.
Aber was dann auf mich zukam, hätte ich mir in meinen wildesten Phantasien nicht ausgemalt.

Doch noch war es nicht so weit!

Zuerst fuhr ich wieder nach Hause, um euch, meinen Lieben, mein Vorhaben zu unterbreiten. Wie von mir nicht anders erwartet, legte mir euer Vater keine Hindernisse in den Weg für meinen Umzug – schließlich war er ja weder blind noch total unsensibel. Meine Erschöpfungszustände konnten ihm nicht entgangen sein.
„Wenn du meinst, daß es dir hilft, dich gründlich zu erholen,“ sagte er, „dann steh’ ich hinter dir!“

Die nächsten Wochen waren dann noch einmal sehr anstrengend für mich, weil ich für meinen Umzug alles allein regeln mußte. Geschafft habe ich das nur, weil ich mir ständig vor Augen hielt, daß diese Mühsal bald ein Ende haben würde. Das glaubte ich jedenfalls, und hätte ich diesen Glauben nicht gehabt, dann hätte ich… ja, was hätte ich dann wohl getan? Ihr wißt ja selbst, daß sich zwei Frauen aus meinem Bekanntenkreis – die eine im Dezember 1995 und die andere im März 1996 – selbst getötet hatten.
Naturgemäß ist „Mann“ oder „Frau“ von so etwas natürlich ziemlich betroffen, wenn sie davon hören oder lesen, aber ich war es eigentlich nicht. Hin und wieder war auch mir diese Möglichkeit des zur Ruhekommens durch den Sinn gegangen und so verstand ich in etwa ihre möglichen Motive. Das einzige, was mich von diesem Schritt abhielt, war der tiefe Schmerz, den ich damit meinem Mann und euch antäte. Aber verlockend war die Aussicht des sich Hinlegens und nicht mehr Aufwachens schon, und wenn Frau Hofmann (die künftige Vermieterin) mit ihren Attacken früher angefangen hätte,  wer weiß… wer weiß…

Aber noch war ich trotz aller Anstrengungen, die das Auflösen des Reihen-Hauses mit sich brachten, guten Mutes! Bald würde ich ja nach Oberbayern ziehen und dort die dringend benötigte Ruhe und Entspannungen finden.

Aber dann kündigten sich schon erste kleine Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der neuen Wohnung an. Mit Brief vom 10.6.96 – das war fünfunddreißig Tage vor meinem Umzug – kam die Nachricht von Herrn RA Thaler, daß seine Funktion als Vermögenspfleger beendet ist. Aber er teilte mir auch mit, daß mein Mietverhältnis davon in seiner Wirksamkeit nicht betroffen sei und ich mich künftig an den neuen Pfleger, Herrn RA P. in München, wenden sollte. Als PS hatte er geschrieben: Mietzahlungen leisten Sie bitte nicht auf das im Vertrag angegebene Konto, sondern dahin, wo es der neue Pfleger bestimmt!

Ich fand es nun zwar bedauerlich, daß Herr Thaler, den ich am Telefon so nett gefunden hatte, nicht mehr für meine Mietsache zuständig war, machte mir aber weiter keine großen Gedanken. Ich war der Meinung (und ist das nicht eigentlich selbstverständlich), daß der neue Pfleger sich in gleicher Art und Weise der Sache annehmen würde und sich bei mir melden würde. Als ich aber nach knapp einem Monat noch nichts von ihm gehört hatte und mein Umzugstermin immer näher rückte, wurde ich doch etwas unruhig und unsicher. Und so schrieb ich Herrn RA P. am 5.7.96 einen Brief, in dem ich ihm mitteilte, daß ich auf eine Nachricht von ihm warten würde, denn ich wüßte nach dem Wechsel der Pfleger nicht, auf welches Konto ich die Miete bezahlen sollte und… auch die Sache mit der Kaution sei noch nicht geregelt.

Und dann wartete ich wieder!

Als am 11.7.96, vier Tage vor meinem Umzug, immer noch keine Nachricht von Herrn RA Piehlmeier eingetroffen war, schrieb ich ihm einen zweiten Brief. Dieses Mal fiel er allerdings etwas pampig aus, denn ich war zu dem Zeitpunkt sehr gereizt. Das Haus, in dem wir 17 Jahre lang, mit bestem Einvernehmen zum Vermieter, bewohnt hatten, war ausgeräumt, meine Möbel, Kleider, Geschirr und was sonst so dazugehörte verpackt und bereit gestellt. Alles war fertig zum Einladen und Fortbringen und deshalb hätte ich gern gewußt, wer mich bei meiner Ankunft in Feichten empfangen und mir die Wohnung übergeben würde.  Aber allem Anschein nach hatte der neue Pfleger keine Lust, sich um mich zu kümmern.

Um aber nun mein Mietverhältnis nicht zu gefährden – schon gar nicht, nachdem ich von dem Ehepaar, mit dem ich künftig zusammen in dem Haus wohnen würde, einige sehr unschöne Dinge über Frau Hofmann, der Mutter des Eigentümers, erfahren hatten (sie strebte z.B. mit allen Mitteln den Auszug des Ehepaares an, hatte einmal derer Kellerraum gewaltsam geöffnet, weil sie der Meinung gewesen war, der gehöre nicht zur oberen Wohnung) – wollte ich mit meinem Brief Vorsorge treffen. Die Vorstellung, dort mit all meinen Sachen anzukommen, um dann vielleicht wieder weggeschickt zu werden, weil mein Mietvertrag nun doch nicht gültig sei, verursachte mir rechtes Unbehagen. Und so teilte ich Herrn Piehlmeier mit, daß ich nicht länger warten mochte, bis er sich mit mir in Verbindung setzen würde und schickte ihm zu diesem Behuf einen Scheck für die erste Monatsmiete und einen für die Kaution, mit der Bitte, diesen verantwortungsvoll anzulegen. Diesen Schritt begründete ich derart:

“Leider sehe ich mich zu diesem Schritt gezwungen, da ich nicht das Risiko eingehen will, daß mein Mietvertrag aus Gründen der nicht rechtzeitigen Mietzahlung gefährdet wird!”
(Überweisen war ja nicht möglich, denn es fehlten mir die Angaben zu einem Konto.) Ich unterzeichnete das Schreiben mit „Hochachtungsvoll“, eine Floskel, die mir falsch vorkam, denn ich empfand keine Hochachtung für den Mann, der mich, aus welchen Gründen auch immer, so hängen ließ.

Vier Tage später hatte ich leider immer noch keine Nachricht. Aber keine Nachricht ist im gewissen Sinn auch eine. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, daß man mir sicherlich mitgeteilt hätte, wenn ich die Wohnung nicht hätte beziehen dürfte.

Zusammen mit euch und eurem Vater belud ich am 15.07.96 die Umzugswägen und dann fuhren wir los. Unterwegs wappnete ich mich, falls mir beim Eintreffen in Feichten der Pfleger oder Frau Hofmann die Tür doch noch weisen würden. Gott sei Dank waren diese Befürchtungen aber unnötig. Bei meiner Ankunft wartete nämlich keine Menschenseele auf mich, der für die Wohnungsübergabe zuständig gewesen wäre. Nun, daß war nicht lustig, anderseits deutet ich es aber so, daß meinem Einzug nichts im Wege stand. Zwar empfand ich (und mit mir meine ganze Familie) es seltsam, daß so gar niemand mich empfing, aber was konnte ich dagegen tun? Nichts!!! Ich mußte die Wohnung in Besitz nehmen, eine andere Möglichkeit hatte ich nicht.
Und wenn die junge Frau aus der oberen Wohnung, keinen Ersatzschlüssel gehabt hätte, hätte man die Wohnungstür aufbrechen müssen, um überhaupt hinein zu gelangen.

Apropos aufbrechen: Eine große Mühe wäre das nicht gewesen, da ein Vormieter sie schon einmal im Rausch gewaltsam aufgetreten und dabei den Türrahmen so stark beschädigt hatte, daß man nur leicht dagegen drücken brauchte, um die Tür aufspringen zu lassen, denn es hatte sich niemand die Mühe gemacht, diesen Schaden zu beheben. (Im übrigen befand sich ein ähnlicher Schaden, wie ich später feststellen konnte, auch an der Schlafzimmertür.)

Schließlich stand dem Umräumen meiner Habseligkeiten aus den Autos heraus und hinein in die Wohnung nichts mehr im Weg.

Doch halt! Um später keinen überzogenen Regressansprüchen Folge leisten zu müssen, besichtigte ich zusammen mit meiner Familie und dem Ehepaar aus der oberen Etage zuerst die Wohnung im leeren Zustand, denn ich war zwar willens für Schäden aufzukommen, die ich eventuell verursachen würde, aber keinesfalls für solche, die ich bereits vorfand.

Der Tag neigte sich dem Abend zu, als endlich alles aus den Wägen in die Wohnung gebracht war. Dann habt ihr euch von mir verabschiedetet und ich merkte euch an, daß ihr bereits jetzt schon schmerzliche Sehnsucht nach mir haben würdet. Josef selbst wollte mich kaum aus seinen Armen entlassen, aber es ging ja nicht anders. Schließlich fuhrt ihr ab, zurück nach Regensburg.

Trotz der späten Stunde und trotz meiner Erschöpfung, zwang ich mich zu einer letzten Arbeit für diesen Tag. Im kahlen Schlafzimmer baute ich mein Bett zusammen und richtete es zum Schlafen her. Als ich endlich lag, empfand ich meine große Erschöpfung doppelt, trotzdem fand ich lange keinen Schlaf. Bitterer Kummer bedrückte mich wegen dem vermeintlichen Verlust meiner Familie und schließlich schossen mir die Tränen in die Augen. Lange weinte ich so vor tiefer Trauer und erst im Morgengrauen fiel ich in einen Erschöpfungsschlaf.

In den folgenden Wochen glich fast ein Tag dem anderen. Täglich schlief ich bis in die Mittagsstunden hinein und zwang mich dann, nach und nach meine Möbel zusammen zu bauen und die Wohnung einzurichten. Um körperlich wieder fit zu werden, stieg ich täglich auf mein Fahrrad und radelt mindestens eine Stunde durch die Gegend. Zuerst war es äußerst mühsam, aber nach und nach kehrten meine Kräfte wieder etwas zurück. Aber die Abende und Nächte waren immer noch hart. Kaum legte ich mich nieder, in der Hoffnung Schlaf zu finden, kamen die Gedanken an euch und Josef und lösten Tränen aus. Um mich davon abzulenken, schaute ich lange in den Fernseher oder las bis zum Gehtnichtmehr. Meistens war es dann drei oder vier Uhr Morgens, bis mir endlich die Augen zufielen. Doch nie bleibt alles, wie es ist! Alles ist einem Wandel unterworfen!

Als meine Tage endlich ruhiger und gleichmäßiger verliefen, fing ich mich schließlich wieder einigermaßen und arrangierte mich mit meiner Situation.

Nachdem meine Wohnung schließlich fertig eingerichtet war, besann ich mich auf die Dinge, die ich mir für meine Zeit in Feichten vorgenommen hatte. Zum einen war da die schriftliche Arbeit an meinem autobiographischen Roman und zum anderen die Herstellung von Fensterbildern und Strickpuppen.
Bilder einfügen!

Und ‚last not least‘ mein Pensum an der Erweiterung meiner Englischkenntnisse. Auch nahm ich mir vor, wieder Computer-Schüler zu unterrichten, was ich später auch mit Erfolg tat. Das meiste davon war mir im täglichen Trott der Regensburger Wohnung verwehrt gewesen zu realisieren, was mich (neben vielen anderen kleinen Dingen) so häufig bedrückt und frustriert hatte. Doch nun konnte ich es tun. Endlich! Endlich hatte ich die nötige Ruhe und Muse dazu!

Meine Mitbewohner in der oberen Wohnung waren freundliche junge Menschen, die auf mich äußerste Rücksicht nahmen, und von der „Verwaltung“ meiner Wohnung ging auch noch keine „Gefahr“ aus. Im Gegenteil – von denen hörte und sah ich nichts!!! Inzwischen hatte man mir, und zwar von verschiedenen Seiten, so mache „Story“ von dem geschiedenen Ehepaar Hofmann, die das Nießrecht am Haus besaßen, erzählt, aber ich wog mich in der Hoffnung, daß alles geregelt sei und ich mir keine Sorgen deswegen zu machen bräuchte.

Bis zu Frau Hofmanns erstem Erscheinen, fast 11 Monate nach meinem Einzug – ja, ja, ihr habt schon richtig gelesen -, kam ich nur einmal mit einem der an dem Haus Beteiligten zusammen.

An einem Nachmittag hatte mich meine Nachbarin zu sich auf die Terrasse zum Kaffee gebeten, um mich dort mit Herrn Alois H. bekanntzumachen. So ging ich mit und begrüßte in ihrer Wohnung ihn und seine zweite Frau. Er war nett und erlaubte mir auf meine Frage hin, meinen Gartenanteil so zu gestalten, wie ich es für richtig hielt. Und so war er bis dato der Einzige, der wenigsten ein bißchen Interesse an mir zeigte.
Aber seltsam war es schon, daß der Pfleger und Frau H. sich nicht meldeten! Schließlich wäre das eine oder andere wegen der zukünftigen Nebenkostenabrechnung zu regeln gewesen, aber ich konnte doch schließlich niemanden dazu zwingen, seine Pflicht zu tun.
Kurz nach meinem Einzug hatte ich selbstverständlich wenigstens mein zuständiges Stromversorgungsamt angerufen und ihnen meinen Einzug und den aktuellen Zählerstand mitgeteilt. Aber was war mit den übrigen Zählern? Wie konnte eine Abrechnung erfolgen, wenn die Stände von Wasser, Warmwasser und Heizung nicht festgehalten wurden?
Ich fragte diesbezüglich meine Mitmieter und wurde dahingehend aufgeklärt, daß noch kein Mieter des Hauses je eine Nebenkostenabrechnung erhalten hatte.
Nun gut …, dachte ich mir, kann mir auch recht sein, und grübelte nicht weiter über diesen Umstand nach.
Ich bezahlte einen monatlichen Anteil von 100,– DM für Nebenkosten, was mir angesichts der kleinen Wohnung – und den Kosten, die ich für uns früher dafür verbrauchte hatte – ausreichend erschien und ließ es damit bewenden.

Die Wochen vergingen und aus Wochen wurden Monate. In regelmäßigen Abständen kamt ihr mit eueren Freundinnen und auch Josef und seine Mutter mich besuchen. So sehr ich mich darüber auch freute, war ich doch auch immer wieder erleichtert, wenn ihr abgefahren seid. Nach wie vor kostetet ihr mich viel Kraft – eine Kraft, die ich noch nicht zurück gewonnen hatte.
Und wie sollte ich auch? Über zwanzig Jahre lang hatte ich euch bis zur völligen Erschöpfung alles gegeben, was ich konnte und das war in wenigen Monaten nicht mehr aufzuholen. Außerdem saß ich in Feichten ja auch nicht untätig herum, sondern arbeitete für meinen Lebensunterhalt.
Außerdem war es auch nicht so sehr das körperliche, was mich belastete! Nein, es war immer schon mehr das psychische gewesen, das mich so erschöpft hatte.

Und dann bahnten sich in Feichten, da, wo ich mich eigentlich erholen sollte, schleichend neuerliche psychische Belastungen an.
Ein davon war die Sache mit der Mülltonne!
Als ich in die Wohnung einzog, gehörte zu dem Haus eine einzige 80 l Mülltonne. Wie ich bald herausfand, reichte die aber nicht einmal für die obere Partei! Sie hatten einen Säugling, dessen Windeln die Tonne immer schnell füllten. Herr Tradler mußte sogar, weil die Tonne nur jede zweite Woche entleert wurde, immer wieder den Inhalt fest in die Tonne stopfen, um Platz zu schaffen für weitere. Das reichte aber immer noch nicht und so mußten sie Übriggebliebenes ihren Eltern zum Entsorgen mitgeben. Und nun fiel auch noch mein Restmüll an und machte die Situation gänzlich untragbar. Also trachteten die Tradlers danach, diesen Zustand zu beenden! Frau Tradler rief schließlich Herrn RA Piehlmeier an und bat ihn Frau Hofmann auszurichten, sie möge doch eine zweite Tonne zur Verfügung stellen. Frau Hofmann selbst anzurufen hatte Frau Tradler nicht genug Mut, weil diese Monate vorher, als sie „ihrem Haus“ wieder einmal einem Besuch abgestattet hatte, unerwartet in ihre Wohnung und dann ins Bad eingedrungen war. Völlig ahnungslos saß dort Frau Tradler in der Wanne. Eine Stunde vorher war sie erst vom Krankenhaus zurückgekommen, in dem sie entbunden hatte und badete nun, als Frau Hofmann bei ihr auftauchte und sie derart schroff behandelte, daß sie hinterher total verstört war.

Dies und anderes hatten bei ihr schließlich derartige Ängste gegenüber Frau Hofmann ausgelöst, daß sie es vermied in Kontakt mit ihr zu treten. War es aber unvermeidlich, dann nahm sie sich Schützenhilfe zur Seite wie ihren Mann oder mich.
In ihrem Gespräch mit Herrn RA. Piehlmeier warf sie auch die Frage auf, ob denn das Konto, auf das sie und ich die Miete einzahlten (hier scheint es wohl irgendwelche Unklarheiten gegeben zu haben) noch das Richtige sei und er erklärte, er würde sich darum kümmern.
Aber wieder tat sich nicht, nichts, nichts…, und langsam wurden wir sauer. Was konnten wir noch tun? Wer konnte, wer würde uns helfen? Wie konnten wir Druck ausüben, um etwas bei den Verantwortlichen des Hauses zu erreichen?
Aber halt, war da nicht noch das Vormundschaftsgericht? War es nicht, wenn auch indirekt, für die Verwaltung des Hauses ihres Mündels zuständig?
Die Tradlers und ich dachten JA! Und so schrieben wir gemeinsam am 1. Oktober 1996 einen Brief an diese Institution.
Im wesentlichen beschwerten wir uns darüber, daß Herr RA Piehlmeier jedes Anschreiben und telefonische Anfragen bisher mit Schweigen beantwortet hatte. Des weiteren machten wir dem Vormundschaftsgericht klar, daß dringend eine zweite Mülltonne benötigt würde, daß unbedingt Heizöl gebunkert werden mußte (der Winter stand vor der Tür und in den Tanks befanden sich gerade mal noch knappe 1000 l) und warfen die Frage nach dem Konto für die Miete auf. Den Brief beendeten wir mit der Hoffnung, bald von ihnen zu hören.
Aber diese Hoffnung hätten wir uns sparen können, denn vom Vormundschaftsgericht kam keine Antwort. Aber wer nun endlich etwas von sich hören ließ, das war Herr RA Piehlmeier. Das Vormundschaftsgericht hatte „ihm“ unser Schreiben zukommen lassen und endlich bequemte sich wenigstens er, darauf zu reagieren.
Es dauerte zwar fast einen Monat, bis seine Reaktion kam, aber immerhin!

Er schrieb: Sehr geehrte Frau Fischer,
in dem auch von Ihnen unterzeichneten Schreiben vom 01.10.96 an das Amtsgericht München, fordere ich Sie auf, mir sofort (diese „Sofort“ stieß mir sogleich sauer auf, denn von der Gegenpartei war noch nie etwas erfolgt und ich sollte nun etwas tun und das SOFORT, – das war doch sehr ungerecht!) die angeblich mit mir geführte Korrespondenz vorzulegen.
Soweit ich mich erinnern kann und nach Durchsicht meiner Unterlagen gibt es von Ihnen die beiden Schreiben vom 05.7. und 11.07.1996 (ja, ja… die beiden Schreiben, auf die er nicht geantwortet hatte), das Schreiben vom 05.07. ist am gleichen Tag an Fr. Hofmann weitergeleitet worden. (Und die hatte sich ja auch nicht der Mühe unterzogen, darauf zu reagieren.)
Ich setze Ihnen hiermit eine Frist von einer Woche (diesen Satz muß man am besten zweimal lesen: Ich setze Ihnen hiermit eine Frist von EINER WOCHE…! Mich überkam, angesichts dieser Forderung, großes Stauen. Meine Schreiben wurden ignoriert, aber mich forderte man um Stellungnahme auf und setze außerdem gleich eine “Frist”! Vielleicht hätte ich dem Herrn RA Piehlmeier auch eine stellen sollen, vielleicht hätte er ja dann meine Briefe beantwortet) ab Zugang dieses Schreibens, mir gegebenenfalls weitere Korrespondenz außer der oben genannten vorzulegen, insbesondere zum Heizölkauf, zu den Mülltonnen und auch zu den angeblichen Problemen mit den Mietzahlungen.
Mit freundlichen Grüßen…

Dieser Brief machte mich zitternd. Teils kam es vor Zorn, teils aus ängstlicher Überlegung heraus, was da nun wieder auf mich zukam. Lange überlegte ich, wie ich darauf reagieren sollte. Als sich mein Zittern wieder etwas gelegt hatte, schrieb ich zwei Tage später, am 31.10.96, einen langen Brief. Der Kürze halber und um euch nicht zu ermüden, folgt eine Zusammenfassung:

Sehr geehrter Herr Piehlmeier!
Ich verspüre Bestürzung wegen Ihres Schreibens und frage Sie, welch weitere Korrespondenz ich denn noch hätte angeben sollte. Die zwei Briefe und das Telefonat mit Frau Tradler haben „nicht“ ausgereicht, um die Verantwortlichen für die beiden Wohnungen zu mobilisieren, also gab ich es auf, weiter an Sie zu schreiben. Meine vergebliche Hoffnung war auch, daß jemand mich bei der Ankunft in der Wohnung empfangen würde. Außerdem habe ich die halbe Julimiete, weil der Scheck noch nicht eingelöst worden war, den ich Ihnen dafür geschickt hatte,  zusammen mit der Augustmiete überwiesen. Dann wurde der Scheck doch noch am 24.07. bei meiner Bank abgebucht, was dazu führte, daß ich einen weiteren Monat warten mußte, um einen Dauerauftrag zu tätigen, denn erst mußte ich ja nun wieder die doppelt bezahlte halbe Miete abziehen.
Außerdem ist bis heute der Scheck über 1000,– DM für die Kaution, der sich in Ihren Händen befindet, nicht eingelöst.

Im weiteren Verlauf teilte ich ihm noch mit, daß er sich nicht wundern dürfe, daß man bei solcher Vorgeschichte sich an das Vormundschaftsgericht gewandt habe. Und, daß es mir fern läge, irgendwelchen Ärger zu machen oder zu provozieren, aber ich sei schon lange nicht mehr so hängen und im Stich gelassen worden. Schließlich sei ich nach Feichten gezogen, um dort Ruhe und Frieden zu finden und nicht, um wieder in einen Konflikt zu geraten, für deren Ursache (die Querelen des Ehepaares Hofmann) ich nichts konnte.

Ich schloß den Brief mit „freundlichen Grüßen“, auch wenn ich es nicht so empfand. Freundliches hatte ich selbst von den beiden übrigen Verwaltern meiner Wohnung noch nicht erhalten und ungute Gefühle breiteten sich in mir aus.

Auf diese Schreiben hin kam mit Datum vom 4.11.96 erstaunlich schnell eine Antwort:
Sehr geehrte Frau Fischer,
im Nachgang zu meinem Schreiben vom 29.10.96 darf ich nochmals darauf hinweisen, daß auch nach Auffassung des Landgerichts Traunstein die Nießbrauchrechte für Herrn und  Frau Hofmann nach wie vor bestehen, dem zufolge Ihr Mietverhältnis ausschließlich mit Herrn und Frau Hofmann besteht, nicht mit meinem minderjährigen Pflegling. Deshalb bin ich auch für irgendwelche Abwicklungsfragen aus dem Mietverhältnis nicht zuständig. Bitte wenden Sie sich dazu ausschließlich an Herrn und Frau Hofmann, die sich dann intern abstimmen müssen. Von Herrn RA Thaler haben Sie seinerzeit eine falsche Auskunft erhalten, der meinte, daß er durch die Kündigung der Nießbrauchrechte Mietverträge direkt zwischen Eigentümer (meinem Pflegling) und Ihnen begründen kann, was von vornherein nicht haltbar war und jetzt auch vom Landgericht Traunstein bestätigt wurde. Für Abwicklungen des Mietverhältnisses bin ich also nicht zuständig.
Mit freundlichen Grüßen

Dieser Brief brachte mir etwas Klarheit, aber noch mehr Verwirrung. Wieso wies er nochmals darauf hin, das er für mich nicht zuständig war? Er hatte mir doch noch nie mitgeteilt, wer nun eigentlich mein Ansprechpartner in Sache Vermietung war. Alles was ich wußte, hatte ich den Informationen des Herrn RA Thaler entnommen und an das hatte ich mich in Ermangelung anderer Anweisungen gehalten. Aber den hatte man ja von dem Fall abgezogen und die neue Mieterin erst einmal einziehen lassen. Außerdem entnahm ich dem Schreiben, daß mein Mietvertrag  nun doch nicht gültig sein sollte. Wie konnte das alles sein? Konnte man mich nun womöglich von einem Tag zum anderen an die Luft setzten? Aber das erschien mir widersinnig. Dadurch, daß man mich widerspruchslos hatte einziehen lassen, war für mich klar, daß ich auch rechtens in meiner Wohnung lebte.
Trotzdem war das alles für mich schrecklich und nervenaufreibend und Unruhe breitet sich in mir aus. Nachdem aber dann Tag für Tag verstrich, ohne daß von Seite der Vermieter sich etwas tat, beruhigte ich mich wieder ein bißchen. Nun gut, unsere Forderungen nach Öl, Mülltonne und die Beantwortung nach der Richtigkeit des Mietkontos war zwar auch immer noch nicht geklärt, aber damit konnten, ja damit mußten wir leben.
Die Tradlers und ich lösten das Problem schließlich mit Hilfe von Herrn Tradlers Bruder Simon. Er kam jeden Freitag mit seinem Anhänger, lud darauf die Wertstoffe von den beiden Haushalten und nahm auch gleich noch die Restmüllmengen mit. Damit war wenigsten das geordnet.
Aber was das Öl anbelangte, da mußte ich und meine Mitbewohner nun dringend aktiv werden. Wir besprachen uns und orderten das Öl schließlich in eigener Regie. Die Rechnung schickten wir an …   – das weiß ich nicht mehr; ich vermutet aber an einen der geschiedenen Eheleute Hofmann. Und die Miete… nun die lief über Dauerauftrag weiter, so wie bisher.

Das Jahr verstrich, der Herbst hatte die Bäume entlaubt und die Natur legte sich schlafen.

Noch im Oktober hatte ich, mit Erlaubnis von Herrn Hofmann, meinen Gartenanteil bearbeitet, um ihn für das Frühjahr vorzubereiten. Ich hatte mir zwar geschworen, nie wieder besondere Maßnahmen in dieser Hinsicht vorzunehmen, aber ich kam nicht dagegen an. Es lag mir einfach im Blut! So grub ich z.B. in mühevoller Arbeit einen fünfzig Zentimeter breiten Streifen rund um den äußeren Bereich meines Rasens um. Mühevoll deshalb, weil jede Menge Steine das Einstechen beschwerlich machten. Diese mußten dann herausgeholt, in einem Eimer gesammelt und fortgebracht werden.
Es kam sehr viel zusammen und deshalb stellte sich mir die Frage: wohin damit? Aber auch dafür hatte ich eine Lösung. Immer wieder hatten Besucher, in Ermangelung einer anderen Möglichkeit, ihr Auto rechts neben der Auffahrt zum Haus auf dem Rasen abgestellt, was mit der Zeit in dem weichen Boden tiefe Rillen hinterlassen hatte. In diese Rillen füllte ich die Steine und ebnete das Ganze. Dann besorgte ich mir mit Hilfe von Simon und seinem Anhänger Gartenerde aus Freilassing. Diese Erde schaufelte ich auf die steinige Fläche und säte neues Gras an. Somit war dieses Rasenstück wieder eben und künftig besser als Parkplatz benutzbar.
Das war viel und anstrengende Arbeit gewesen, von den Kosten für mich ganz zu schweigen. Gut, daß ich keinen Dank erwartete, denn ich bekam keinen – ganz im Gegenteil … – doch davon später.
Jedenfalls entstand durch mein Graben und Steine auslesen schließlich eine hufeisenförmige Rabatte. Auf die gab ich Pferdemist und hakte ihn unter. Den hatte ich vom Bauernhof oberhalb meiner Wohnung mit einer Schubkarre geholt – die Pflanzen und Blumen sollten im Frühjahr schließlich genügend Nährstoffe vorfinden und es mir mit reichlicher Blüte danken. Damit war mein Bereich des Garten zur zukünftigen Verschönerung fertig gewesen. Aber da gab es noch einen Bereich, der mir unschön in die Augen stach. Sicherlich, ich war dafür nicht zuständig, aber die Tradlers, die sich eigentlich dieser Angelegenheit hätten annehmen sollen, kamen häufig nicht dazu. Sie hatten zwar im Frühsommer diesen Bereich, bei dem es sich um eine unregelmäßig breite, links neben der Auffahrt liegende, sanft ansteigende Böschung handelte, auf der sich nach der wunderschönen Frühjahrsblüte, überall Gras und Unkraut breitgemacht hatten, gesäubert. Danach war er dann wochenlang weitgehend nackt da gelegen, weil es an anderen Blumen und Pflanzen weitgehend gefehlt hatte, bis wiederum Gras und Unkräuter sich ihren Platz zurückeroberten.
Tagaus, tagein sah ich von meiner Küche aus diesen verwilderten Streifen und mein Gärtnerherz wünschte sich auch hier eine Veränderung. Und weil meine Rabatte so gut gelungen war – auch das Wetter spielte immer noch mit -, machte ich mich darüber.
Fünf Tage brauchte ich dazu sie herzurichten, denn auch sie war über und unter der Erde voller Steine. Gras und Unkraut, das dazwischen wuchs, war häufig nur mit großen Klumpen von feuchtem Lehm an ihren Wurzeln abzutragen. Aber wohin damit? Der Komposthaufen jedenfalls eignete sich für diese Art von „Abfall“ sicher nicht.
Nun, eines muß man mir lassen – an Ideen fehlte es mir selten. Und als ich so darüber nachdachte, wurde eine geboren: ich würde im Garten eine Treppe machen!
Wenn ich nämlich aus meinem Wohn- oder Schlafzimmer über die Terrasse in den Garten hinaustrat, zog sich linker Hand ein kleiner Hang hin, der, beginnend mit dem Hauseck, sich zur Straße hin abflachte. Und wenn ich mal einen Sprung zu den Tradlers hinauf zu deren Terrasse machen wollte, hatte ich die Wahl zwischen einer kleinen Kletterei, oder den Umweg nach vorn, zur nahen Straße, über das weniger steile Stück. Aber das war oft lästig! Also beschloß ich, eine Treppe zu bauen, die für alle das Hinauf- und Herunterkommen erleichtern sollte. Und in die Treppenabsätze würde ich die anfallenden Erd-, Stein- und Unkrautabfälle füllen.
Gedacht, getan! Was ich sonst noch an Material für die Treppe brauchte, war alles vorhanden. Neben der Garage lagen vier Meter lange Leichtmetallrohre, für die Herr Tradler, keine Verwendung mehr hatte. Er überließ sie mir und schnitt sie mir außerdem in 50 cm lange Stücke. Als nächstes besorgte ich mir einen großen Vorschlaghammer und trieb die ersten zwei Rohrstücke am unteren Ende des Hangs, in einem Abstand von neunzig Zentimetern, parallel in die Erde. Dahinter legte ich das 1 Meter lange Teilstück einer Bohle (einst war sie ein Bestandteil des Holzzaunes zum unteren Nachbargrundstückes gewesen, das, einmal weggebrochen, von niemanden mehr befestigt worden war und auch nie mehr befestigt werden konnte, denn die Pfosten, an denen sie und ihre Verwandten einst hin genagelt worden waren, standen auch nicht mehr) und kippte den ersten Eimer mit dem Ergebnis meiner Ausgraserei in den entstandenen Raum. Anschließend trat ich es fest, um die Bohle zu stabilisieren.
Zug um Zug ging es nun. Jedes mal, wenn ich wieder einen Eimer gefüllt hatte, leerte ich ihn in die zukünftige Stufe und verteilte das Material so, daß eine Ebene entstand. Als diese fertig war, trieb ich wieder zwei Rohrstücke in die Erde – jetzt ging es schon ein Stück den Hang hinauf – und legte wieder ein Bohlenstück dahinter und füllte mit den Rasen-, Lehm-, Erde- und Unkrautabfällen auf. Stufe um Stufe ging es so weiter. Als fünf Tage herum waren, freute ich mich über das doppelte Ergebnis meiner Arbeit und Mühe: die Böschung bei der Auffahrt zum Haus war säuberlich von allem was dort nicht wachsen sollte befreit und am Hang gegenüber präsentierte sich die Treppe. Aber noch war ich nicht ganz zufrieden! Ich stellte mir die Frage, wie lange die Böschung so sauber bleiben würde, bis sich erneut Gras und Unkräuter ihren Platz zurückerobert hätten?
Und auch die Treppe entsprach noch nicht ganz meinen Vorstellungen. Wenngleich die einzelnen Stufen auch eben getreten worden waren, sah sie doch, bedingt durch das verwendete Füllmaterial, unansehnlich aus. Aber auch dafür fand ich schnell eine Lösung und die hieß: Rindenmulch!

Wieder einmal stellte sich der stets hilfsbereite Simon zur Verfügung und fuhr mich mit seinem Auto samt Anhänger nach Freilassing.

An dieser Stelle muß ich es einmal loswerden, daß es eine Zumutung ist, wie teuer Baumärkte ihren Rindenmulch anbieten. Wenn ich darauf hätte zurückgreifen müssen, hätte ich mein Vorhaben abgeblasen, denn das hätte meinen Geldbeutel überfordert.
Hoch türmte der Schaufelbagger den Mulch in den großen Anhänger, und als es zum Bezahlen ging, kostet das gerade mal zwanzig Mark. Das machte mich glücklich, denn für dieses Geld hätte ich nicht einmal zwei Säcke Rindenmulch bekommen!
Wieder Zuhause angekommen machte ich mich gleich daran, ihn eimerweise zu verteilen. Zuerst – um das Auge zu erfreuen und um das Erdreich vor neuerlicher Verunkrautung und Verkrustung zu bewahren – bedeckte ich damit die Böschung. Und ich mußte es dick aufhäufen, wenn es denn Wirkung zeigen sollte. Denn wenn ich es schon machte, dann wollte ich es auch richtig machen. Deshalb war erst ca. ein Drittel der Böschung fertig, als ich die erste Fuhre aufgebraucht hatte. Also fuhren Simon und ich wieder nach Freilassing und holten weiteres Mulchmaterial.
Nach insgesamt drei Fahrten nach Freilassing war die Böschung dann fertiggestellt und zeigte ein erfreuliches Bild. Dunkelbraun bot sie sich dar, aufgelockert von ein paar großen Steinen und den wenigen Büschen, die wohl Frau Hofmann einst angepflanzt hatte.
Ich besichtigte mein Werk und war zufrieden! Dabei dachte ich an das kommende Frühjahr und daran, wie wundervoll sich meine aus Regensburg mitgebrachten Dahlien – einmal eingepflanzt – dort machen würden.
Aber noch war ich nicht ganz fertig. Als nächstes – dafür mußte wiederum ein Anhänger mit Rindenmulch geholt werden – schüttete ich reichlich Mulch auf die Gartentreppenstufen, verteilte ihn und trat ihn fest. Nun sah auch die Treppe richtig gut aus. Rechts und links davon hatte ich, von oben bis unten, einen schmalen Streifen Erde umgestochen, den ich nun ebenfalls mit Rindenmulch bedeckte – auch hier würde ich im kommenden April Dahlien einpflanzen.
Mit innerer Vorfreude stellte ich mir vor, wie es im kommenden Jahr aussehen würde: Die Treppe in ihrem erdfarbenen Kleid, eingesäumt von bunten Blüten und dem Grün des Rasen.
Fast war ich nun mit meiner Gartenarbeit fertig, nur ein Letztes gab es noch zu tun. Meine in mühevoller Plackerei entstandene Rabatte, die sich vom oberen Rand der Treppen, um den Rasen herum bis fast zum Haus hinzog, sollte schließlich auch noch eine Decke aus Rindenmulch bekommen. Und das geschah dann auch!

Die Arbeit im Garten hatte mir, trotz der schweißtreibenden Mühe, viel Freude bereitet und jetzt hätte ich mich gern – im geistig, seelischen Sinn – ruhevoll zurückgelehnt, um mein Dasein in Feichten zu genießen und um mich zu erholen. Und das wäre mir auch geglückt, wenn da nicht immer wieder der mehr oder weniger lastende Druck gewesen wäre, was mir wohl von Vermieterseite drohen konnte.
Wenigsten war mit Datum vom 25.11.1996, ca. vier Monaten nach dem ich ihn verschickt hatte, endlich mein Kautionsscheck eingelöst worden. Das nahm ich als gutes Zeichen! Als Zeichen dafür, daß man meinen Mietvertrag nicht anfechten würde, so wie das den Tradlers seit geraumer Zeit, bis hin zu gerichtlichen Terminen, geschah. Aber auch, wenn er nun eingelöst war, vermißte ich in dieser Sache, nach weiterem wochenlangen Abwarten, die Sorgfalt meiner Vermieter, denn ich hätte jetzt einen Nachweis über das Anlegen meiner 1000 DM erwartet. Aber keine derartige Nachricht ging bei mir ein. Weil ich mich aber immer noch häufig in einem nervlichen Erschöpfungszustand befand, ließ ich es vorerst auf sich beruhen.

Der Winter zog ins Land mit Schnee und eisiger Kälte und deckte Felder und Wiesen mit weißen Decken zu und setzte Bäumen und Büschen hohe Mützen auf.

Wenn ich in meinem Wohnzimmer vor dem Computer bei meiner Schreiberei saß, schaute ich hin und wieder aus dem Fenster und erlebte bei dem Anblick der ruhenden Landschaft friedvolle Augenblicke. Oft kam aber dann auch gleich wieder die Sorge, wie lange das wohl andauern würde. Und die nächste Beunruhigung ließ nicht lange auf sich warten.

Im Januar fing es an! Erst war es nur kurzzeitig, aber dann kam es immer öfters. Vorzugsweise in der Nacht wurde ich dann geweckt, weil ein minutenlanger, unangenehmer Ton durch die Schlafzimmerwand an meine Ohren drang. Zuerst ignorierte ich es noch! Wenn es auftrat, wartete ich ab, bis es vorbei war und schlief dann wieder ein. Als sich im Lauf der nächsten Wochen diese Störung aber häufte, wurde ich doch unruhig. Es war nicht nur wegen meiner unterbrochenen Nachtruhe – das war lästig, aber nicht so schlimm, ich konnte ja auch zu anderen Zeiten ruhen -, sondern vielmehr wegen meiner Vermutung, daß dieses Geräusch eine defekte Maschine von sich gab. Und als mir schließlich auch tagsüber diese Geräusche auffielen, ging ich ihnen auf den Grund. Im Heizungskeller wurde ich dann fündig. Dort fand ich heraus, daß bei laufender Ölpumpe hin und wieder kein Öl angesaugt werden konnte und das verursachte dann dieses Brummen. Hatte sich die Pumpe einige Minuten lang bemüht, schaltete sie sich wieder ab, um es später erneut und dann eventuell mit Erfolg zu probieren. Als ich das sah, wurde mir klar, warum es manchmal einfach nicht warm wurde in meiner Wohnung, so daß ich gezwungen war, bei der Arbeit einen Mantel anzuziehen.
Nachdem ich mich schon einmal aufgerafft hatte, meine Nase in Dinge zu stecken, die mich eigentlich nichts angingen, denn für die Heizung war eigentlich Herr Tradler zuständig, sah ich mich in dem Heizungsraum gleich einmal gründlich um. Ich wollte feststellen, ob darin ansonsten alles in Ordnung war. Aber leider war da einiges gar nicht in Ordnung! An der linken Wand, hinten im oberen Bereich, hatte sich der Ausdehnungsbehälter aus seiner Wandverankerung gelöst und wurde nur noch mit einem langen schmalen Brett gerade mal notdürftig, an seinem Platz gehalten. Das sehend fragte ich mich, wie lange das gut gehen würde? Wenn das relativ stark durchgebogene Brett brechen würde, gab es bestimmt eine riesige Schweinerei. Dann ging der Behälter eventuell zu Bruch, das Wasser darin würde in den Raum fließen und die daran angeschlossenen Rohre würden brechen oder sich doch zumindest stark verbiegen.
Vor Verständnislosigkeit schüttelte ich den Kopf . Gab es denn niemand von der Hausverwaltung, der sich um solch wichtige Belange kümmerte? Daß Herr Tradler keine Lust mehr dazu hatte, bei all den Querelen, die mit Frau Hofmann auszutragen waren, konnte ich gut verstehen. Ständig standen er, seine Frau und Kind, kurz davor, hinaus geschmissen zu werden. In solch einer Situation hätte auch ich nicht mehr getan, als unbedingt nötig.
Bei weiterem „Herumschnüffeln“, fand ich dann auch noch den Grund für den starken Ölgeruch, der sich bis in den Gang vor der Heizungstür hinaus zog und über den ich mich immer schon gewundert hatte. Da war doch tatsächlich in dem Abluftrohr ein Handteller großes, durch gerostetes Loch, durch das ein Teil der Abluft in den Raum entweichen konnte. Also wirklich, hier lag einiges im Argen. Und wen kümmerte es? Scheinbar niemanden!
An der Wand über dem Heizkessel steckte hinter dünnen Rohren, verpackt in einer Plastikhülle, eine Wartungsliste. Ich zog sie hervor und studierte die eingetragenen Daten. Was ich da las, ließ mich leicht erschauern. Nach Fertigstellung des Hauses hatte man der Heizung in den ersten Jahren regelmäßig eine jährliche Inspektion zukommen lassen, diese aber dann nach dem 19.10.1992 – letzte Eintragung der Liste – einfach ausgesetzt. Nun wunderte ich mich nicht mehr, daß die Heizung in einem schlechten Zustand war. Und gleich stieg in mir die Frage auf, ob das denn zulässig war. Gab es da nicht eine regelmäßige Wartungspflicht? Und kam denn nicht der Kaminkehrer zweimal im Jahr zum Kehren und sah sich bei dieser Gelegenheit solche Schäden  und Störungen an? War er denn nicht verpflichtet derartige Mißstände abzustellen?
Fragen über Fragen, welche ich beschloß zu klären. Schließlich wohnte ich in dem Haus und jede Beeinträchtigung betraf mich und meine Mitbewohner in erster Linie. Aber vorerst wartete ich noch ein wenig ab – ich scheute etwas die Konsequenzen.

Ende Februar – draußen war es immer noch bitterkalt – wurde ich es endlich leid, immer wieder die auskühlende Wohnung und die mich . vor allem in der Nacht, störenden Geräusche, zu ertragen. (Daß es meinen Mitbewohnern ähnlich erging, war mir dabei auch kein Trost. Die Tradlers konnten – im Gegensatz zu mir – wenigstens ihren Kachelofen im Wohnzimmer anfeuern, der dann behagliche Wärme auch im Flur und Nebenzimmer verbreitete, so daß sie nicht in allen Räumen frösteln mußten.) Hinzu  kam auch noch meine Sorge, daß die Heizung womöglich in Bälde ganz den Geist aufgeben würde. Also wirklich… so ging es nicht weiter! Ich beschloß zu handeln, weil niemand sonst das in die Hand nahm.
Um alles in meiner etwas schwierigen Mietsituation ja richtig zu machen, rief ich Herrn Hofmann in München an und beschrieb ihm meine Beobachtungen.
„Wenn Sie einverstanden sind,“ sagte ich dann zu ihm, „veranlasse ich, daß sich der Herr Unrein, der seinerzeit die Heizung eingebaut hat, das anschaut.“
Mit diesem Vorschlag war Herr Hofmann sofort einverstanden.
„Wissen Sie,“ erwiderte er, „ich bin ja froh, wenn sich überhaupt einmal jemand darum kümmert!“ Und er versprach die Rechnung zu begleichen, die ich ihm zuschicken würde.
Nachdem das geklärt war, folgte mein Telefonat mit der Heizungsfirma.

Das Gespräch mit der Frau des Herrn Unreins, die das Telefonat entgegennahm, gestaltete sich zuerst etwas schwierig. Als sie nämlich begriffen hatte, daß es um die Heizung im Hause Hofmann ging, weigerte sie sich zuerst einmal strikt, ihren Mann zum Nachsehen zu schicken. Ihr Argument dazu lautete: „Wir hatten immer die größte Mühe, von ‚Denen‘ unser Geld zu bekommen!“ Dem fügte sie hinzu: „Da geht mein Mann bestimmt nie mehr hin!“
„Ich bitte Sie herzlich,“ erwiderte ich eindringlich, „tun Sie es doch! Jetzt geht es ja nicht um die Hofmanns, sondern um uns Mieter. Wir müssen darunter leiden, wenn die Heizung ausfällt und nicht diese. Wenn Sie das umstimmen kann, verspreche ich Ihnen, mit meinem Ehrenwort, daß ich Ihnen persönlich Ihre Auslagen ersetzte, sollten Hofmanns tatsächlich nicht bezahlen!“
Diese Beteuerung stimmte Frau Unrein schließlich doch um!
Eine Zeitlang sprachen wir noch über die Hofmanns, schilderte uns gegenseitig die Mißlichkeiten, die man im Umgang mit ihnen erleben kann und kamen uns so menschlich näher. Am Schluß versprach mir Frau Unrein ihren Mann gleich am nächsten Tag zu schicken – was mich sehr erleichterte – und beendeten dann das Gespräch in gutem Einvernehmen.

Frau Unrein hielt ihr Wort! Am nächsten Vormittag fuhr ein Wagen mit der Aufschrift der Heizungsfirma vor das Haus. Ich öffnete die Tür und begrüßte den Mann der dem Wagen entstieg und sich als Herr Unrein vorstellte. Dann sprach er gleich nochmals, wie tags zuvor seine Frau am Telefon, die Probleme mit Hofmanns an – etwas, das ihn immer noch deutlich ärgerte und nahe ging – und ließ sich erst danach, nach dem ich ihm gesagt hatte, wie gut ich seine Erregung verstand,  in die Heizung führen.
Er sah sich alles genau an und wiegte dann bedenklich seinen Kopf. „Also, wirklich,“ sagte er, „es ist höchste Zeit, daß hier etwas getan wird. Sie können von Glück sagen, daß die Heizung überhaupt noch funktioniert. Aber lange hätte sie es bestimmt nicht mehr getan!“
„Eben das war meine Befürchtung,“ erwiderte ich. „Verstehen Sie nun meine dringliche Bitte an Sie, zu kommen?“
Oh ja, er verstand sie nur zu gut!
Wir besprachen noch dies und das und am Ende sagte Herr Unrein zu, die Heizung am nächsten Tag zu reparieren und die längst fällige Reinigung und Wartung vorzunehmen.

Und so geschah es! Am nächsten Morgen traf er wieder ein und brachte alle nötigen Dinge für die Instandsetzung mit. Rasch, sauber und ordentlich machte er seine Arbeit!
Nach Beendigung verabschiedete ich ihn mit herzlichem Dank und der nochmaligen Zusicherung, seine Rechnung nötigenfalls selbst zu begleichen.
Und die brachte der Postbote am 04.03.1997. Ich öffnete den Umschlag und sah Posten für Posten durch. Am Schluß fand ich, daß der Betrag von DM 470,– und ein paar Zerquetschten, nicht teuer ausfiel, denn es hatte doch einiges getan werden müssen: Wartung, Reinigung und Einstellung des Brenners,   Brenner – Abgasauswertung mit Gasanalysegerät, Kesselreinigung und neue Öldüse.
Dann ein neues Flexcon-Membran-Gefäß (als Ersatz für das aus der Wand gerissene, das bei genauerer Betrachtung bereits rostige Löcher aufgewiesen hatte.)
Dann noch Kupfer-Löt-Bogen (für das Entlüftungsrohr), Rotguß Löt-Übergangsnippel (ebenfalls Entlüftungsrohr) Lötmaterial, Rauchrohr – feueralumiert, Länge 1000, 2,5 Std. Montage und die Fahrtpauschale.
(Für die Fahrtpauschale verlangte Herr Unrein nur 20 Mark, was angesichts seiner zweimaligen Fahrt von Petting nach Feichten und zurück wirklich sehr kulant war.)

Als nächsten Schritt in dieser Sache, schrieb ich einen Brief an Herrn RA Piehlmeier, mit der Bitte, die Rechnung sofort zu begleichen und teilte ihm im weiteren Verlauf mit, daß, wenn sie nicht baldigst erledigt würde, (mit Bezahlungen ihrer Rechnungen hatten die beiden Hofmanns anscheinend immer wieder so ihre Schwierigkeiten, denn ein Mann vom Wasserwerk kreuzte eines Tages bei mir auf und versuchte mich über deren Verhältnisse auszufragen, weil die Wasserrechnung nicht bezahlt wurde) die Tradlers und ich zukünftig unsere Unkostenpauschale auf ein eigenes Konto einzahlen würden, damit anfallende Kosten damit beglichen werden konnten.
Und sollte die Bezahlung der Heizungsreparatur nun tatsächlich nicht erfolgen, würde ich die Rechnung selbst bezahlen und dann von der Miete abziehen, denn ich stünde bei Herrn Unrein im Wort, daß er sein Geld so oder so bekommen würde.
Am Schluß fügte ich noch hinzu, daß ich über den Betrag von 1000 DM für das Anlegen der Kaution immer noch keinen Nachweis hätte und auch hier bald einen erwartet.

Daß ich mich in dieser Angelegenheit überhaupt an Herrn Piehlmeier wandte, obwohl er sich dahingehend geäußert hatte, er sei für meine Mietbelange nicht zuständig, hing damit zusammen, daß ich weder von Herrn noch von Frau Hofmann eine Adresse besaß, an die ich mich hätte wenden können.

Und so kam denn mit Datum vom 11.03.1997 auch prompt die entsprechende Antwort, die in etwa so lautete:
Sehr geehrte Frau Fischer,
ich habe Ihr Schreiben erhalten und umgehend an Fr. Hofmann weitergeleitet.
Nochmals versuche ich Ihnen zu erklären, daß ich für diese Dinge nicht zuständig bin. Wenn überhaupt (dieses “wenn überhaupt” bedeutete wohl, daß selbst er nicht wußte, ob mein Mietverhältnis gültig war oder nicht, was eine schöne Bescherung für mich darstellte), haben Sie ein Mietverhältnis mit den Nießbrauchberechtigten.
Bitte wenden Sie sich in Zukunft direkt an Frau Hofmann, und zwar bevor Sie irgendwelche Kosten auslösenden Maßnahmen in Auftrag geben!
Ich gehe davon aus, daß Sie ohne Rücksprache die Arbeiten haben durchführen lassen, so daß Sie grundsätzlich selbst dafür haften. (Gott sei Dank, war dem aber nicht so! Ich hatte vorausschauend „Rücksprache“ gehalten. Und wenn auch nur mit Herrn Hofmann, so ging das doch  in Ordnung, war er bis dato als Nießnutzer immer noch an dem Haus beteiligt.) Bitte klären Sie die Kostenübernahme durch Frau Hofmann mit dieser selbst ab. (Alles schön und gut, aber wie hätte ich das machen sollen? Ich hatte weder Anschrift, noch Telefonnummer dieser Dame. Und ganz ehrlich, selbst wenn ich eine gehabt hätte, wäre es mir auch im Traum nicht eingefallen sie zu kontaktieren, nachdem diese sich selbst noch „nie“ bei mir gemeldet hatte.)
Den Scheck hinsichtlich der Kaution über DM 1.000,00 habe ich umgehend an Frau Hofmann weitergeleitet. Bitte setzen Sie sich auch deswegen mit Frau Hofmann direkt in Verbindung.
Eine Fotokopie dieses Schreibens erhält Frau Hofmann.
Mit freundlichen Grüßen

Nachdem ich das Schreiben gelesen hatte, wußte ich, daß ich die Bezahlung der Heizungsreparatur durch Frau Hofmann vergessen konnte. Darum wandte ich mich an den einzigen Menschen, der wenigstens ein wenig Interesse an dem Haus und seinen Mietern zeigte – an Herrn Hofmann, denn er hatte mir ja versprochen, für die Kosten aufzukommen. Ich rief ihn an und gab ihm, nachdem er sich tatsächlich willig zeigte den Betrag zu begleichen, Betrag, Kontonummer, Bankinstitut und Bankleitzahl an. In diesem Gespräch beteuerte er nochmals, wie froh er sei, daß ich mich für die Belange des Hauses einsetzte und sprach seinen Dank dafür aus.
Mit leichterem Herzen, wegen des guten Einvernehmens, beendete ich am Ende das Gespräch.

Und dann wartet ich ab. Ich rechnete mir aus, daß es ungefähr eine Woche dauern konnte, bis das Geld überwiesen und auf dem Konto der Heizungsfirma landen würde. Als die Woche vorüber war, rief ich bei den Unreins an, immer daran denkend, daß ich bei ihnen wegen der Bezahlung im Wort stand und fragte nach, ob sich schon etwas getan hätte. Aber der Betrag  noch nicht auf ihren Bankauszügen vermerkt.
Umgehend rief ich wieder Herrn Hofmann in München an. „Nein,“ erklärte er mir auf meine Frage nach einer Überweisung, „das Geld konnte noch nicht überwiesen werden, weil meine Bank zum Zahlen die Rechnung benötigt. Ohne Rechnung keine Überweisung!“
Ich machte mir zu dieser Aussage so meine eigenen Gedanken, versprach aber umgehend die Rechnung an ihn zu schicken und tat es tatsächlich noch am gleichen Tag.

Ein Letztes tat ich noch in dieser Sache an diesem Tag: Ich rief Frau Unrein an und erklärte ihr, warum sie ihr Geld noch nicht bekommen hatten. „Sie sehen aber,“ sagte ich zu ihr, „daß ich mein Versprechen halte und mich darum kümmere!“ – was Frau Unein freundlich anerkannte.

Und dann wartete ich wieder!

Daß in der Zwischenzeit keinerlei Nachrichten von Frau Hofmann kam, verwunderte mich nicht mehr. Irgendwie hatte ich es nicht anders erwartet.

Als wieder über eine Woche vergangen war, rief ich wiederum Frau Unrein an. Aber nochmals mußte sie auf meine Frage nach Eingang des Geldes bedauernd verneinen.
Das war ärgerlich! Nein, das war sehr ärgerlich!!! Sollten die Leute in allem, was sie mir von den beiden Hofmanns erzählt hatten, doch recht haben?
Wie auch immer, letztendlich war das nebensächlich. Wichtig war nur, daß die Firma endlich ihr Geld bekamen.
„Wenn es Ihnen recht ist,“ sagte ich zu Frau Unrein und hatte dabei gar kein gutes Gefühl, „dann warten Sie und ich noch eine Woche ab, und wenn es dann noch immer nicht eingegangen ist, überweise ich es Ihnen.“
Damit erklärte sich Frau Unrein einverstanden, die schon begann sich Sorgen um mich zu machen, weil ich in dieser Sache so aktiv sein mußte.

Die Woche wurde abgewartet und dann noch eine, und zu meinem langsamen Verdruß, daß man mich und die Firma so lange hinhielt, noch eine. Dann war meine Geduld am Ende. Am 24.04.1997 – fast zwei Monate nach Ausstellung der Rechnung – schickte ich der Firma einen eigenen Scheck, und mit gleichem Datum einen Brief an Herrn Hofmann. Hier in Kurzfassung:

Sehr geehrter Herr Hofmann!
Ich habe die Rechnung der Firma Unrein bezahlt, nachdem diese immer noch offen ist und werde den Betrag von der Maimiete abziehen. Sollten Sie aber das Geld inzwischen auch überwiesen haben (wer es glaubt wird selig), geht der Betrag selbstverständlich auf Ihr Konto zurück.
(Und nun folgte ein Satz, der einen weiteren Meilenstein dokumentiert, wie mit Mietern im Hofmannhaus verfahren wird.)
Zu meinem Bedauern mußte ich feststellen, daß der gesamte Stromverbrauch für die Heizung über meinen Zähler läuft, so daß mein Verbrauch nur unwesentlich niedriger ist, als der des Ehepaars Tradlers, die immerhin zu dritt sind.
Wenn ich bei meinem Einzug darauf aufmerksam gemacht worden wäre (eine rein hypothetische Erwägung von mir, denn inzwischen nahm ich an, daß man mir im Fall einer Wohnungsübergabe das verschwiegen hätte), daß der Heizungsstrom über meinen Zähler mitläuft, hätte ich mir natürlich den Zählerstand in der Heizung notiert, so daß ich den genauen Stromverbrauch der Heizung von meinem hätte abziehen können. So konnte ich nur einen überschlägigen Betrag errechnen. Ich habe es jedoch großzügig zu Ihren Gunsten getan und hoffe, Sie sind mit dieser Regelung einverstanden.
Mit freundlichen Grüßen

Oh ja … der Stromverbrauch! Als ich mit Datum vom 15.03.1997 die erste Jahresverbrauchsabrechnung vom der OBAG erhalten und kontrolliert hatte, staunte ich nicht schlecht! Innerhalb von 201 Tagen sollte ich 1440 kWh verbraucht haben. Das erschien mir gleich etwas zu hoch (war ich doch immer sehr sparsam mit meinen Strom verzehrenden Geräten umgegangen), und so suchte ich mir zum Vergleich die letzte Stromabrechnung aus unserer gemeinsamen Zeit in Regensburg heraus und errechnete, was wir damals an Strom benötigt hatten (und euer Vater und du, Christoph, hatte bei Gott nun wirklich nie damit gespart).
Die einfache Rechnung ergab: 5 803 kWh : 3 = 1934.33 : 365 x 201 = 1065.21 kWh für ein ganzes Reihenhaus! Da staunte ich, denn ich hatte innerhalb des gleichen Zeitraums 1440 kWh für die kleine Wohnung verbraucht! Annähernd 375 kWh mehr! Ich konnte das einfach nicht glauben! Aber wenn ich wirklich soviel verbraucht hatte, wo war dann das Strom verzehrende Gerät, das mir das eingebrockt hatte? Ich überdachte und überprüfte alle infrage kommenden elektrischen Geräte, kam aber für den Moment zu keiner Klärung.
Doch dann fügte es sich, daß ich für vier Tage nach Regensburg fahren würde. Vor meiner Abreise zog ich alle Elektrostecker  aus den Dosen – sogar den von meinem Kühlschrank, den ich im Verdacht hatte, daß er eventuell ein Stromfresser sei – und notierte mir den Zählerstand bevor ich abfuhr.
Und siehe da, als ich nach den vier Tagen zurückkehrte, waren auf meinem Zähler 16 kWh  mehr als vor meiner Abreise. Nun … die konnten nun wirklich nicht aus meiner Wohnung stammen! Aber woher kamen sie dann? Mit detektivischem Gespür machte ich mich auf die Suche nach dem Gerät, das diese 16 kWh während meiner Abwesenheit verbraucht hatte. Und ich wurde fündig – es war die Heizanlage!!! Das zu testen war leicht! Immer wenn ich bei laufender Heizung, deren Geräusch man bis in die Wohnung hörte, in meinem Flur, wo sich der Sicherungskasten befand, eine bestimmte Sicherung ausschaltete, erstarb das Geräusch und erwachte erst wieder, wenn ich den Sicherungshebel zurück schob.
Jetzt hatte ich den Übeltäter! Und damit wurde mir auch bewußt, daß der Heizungsstrom für das ganze Haus über meinen Zähler und somit über meinen Geldbeutel lief.
Um das zu untermauern, suchte ich einen in Feichten ansässigen Mitarbeiter der OBAG auf und stellte ihm mein Problem dar. Der Mann wußte sofort, um was es ging!
Wörtlich sagte er zu mir: „Die Hofmanns haben damals aus Kostengründen bewußt auf einen eigenen Stromableser für die Heizung verzichtet!“

Oh ja, darauf hatten sie verzichtet, und auch darauf, ihre Mieter davon in Kenntnis zu setzen, so daß die jeweilige Partei in der kleineren Wohnung, den Heizungsstromanteil für die fast doppelt so große, obere Wohnung mit bezahlt hatte. Aber bitte… was soll’s… das war deren Angelegenheit gewesen – nur ich wollte da nicht mitmachen! Und da sich ja von den Verantwortlichen niemand um mich kümmerte, regelte ich es auf meine Weise. Ab da notierte ich mir den Zählerstand von dem kleinen Zwischenzähler in der Heizung (Herr Hofmann hatte seinerzeit darauf bestanden, daß er dort angebracht wurde), ermittelte Monat für Monat die kWh und Kosten und zog den Betrag  von meiner Miete ab. Das erschien mir nur gerecht! Schließlich beinhaltete meine monatliche Unkostenpauschale auch die Kosten für die Heizung.
Diese Angelegenheit war für mich ärgerlich gewesen, aber nachdem ich sie auf diese Weise geregelt hatte und sich niemand deswegen rührte oder beschwerte, legte sich mein Ärger (wenigsten in dieser Angelegenheit).
Doch ein anderer rumorte immer noch in mir. Nach wie vor hatte ich keinen Nachweis darüber, ob, wo und wie meine Kaution angelegt worden war. (Und es würde auch noch einige Zeit vergehen, bis ich sie doch noch in Händen halten würde.) Zwar hatte ich an dem Tag, an dem ich Herrn Hofmann mitgeteilt hatte, daß ich die Heizungsrechnung nun selbst bezahlt hätte und ihn auf die Sache mit dem Heizungsstrom und den Kosten deswegen hinwies, auch einen Brief an Frau Hofmann geschrieben und ihr mitgeteilt, daß ich von Herrn RA Piehlmeier wüßte, daß sie für die Verwaltung meiner Kaution zuständig sei und sie aufgefordert mir – mit einer Frist von 14 Tagen – einen Nachweis darüber zu schicken.

Zur Erinnerung – das war am 24. 04.1996 gewesen!

Aber hatte ich auch erwartet, daß auf mein Schreiben eine Antwort folgen würde? Eigentlich schon! Ihr wißt ja, ich bin ein unverbesserlicher Optimist! Aber als ich dann doch keine erhielt, wunderte ich mich bei der Vorgeschichte auch nicht mehr sehr. Und so hakte ich auch nicht nach, als die Frist verstrich und Frau Hofmann den verlangten Nachweise nicht geschickt/gebracht hatte. Warum also weiter Geld und Zeit vergeuden, wenn man mich so hartnäckig ignorierte?
Zwar machte mich inzwischen alles, was mit meinem Mietverhältnis zusammenhing, manchmal sehr unruhig und ängstlich, aber immer wieder verdrängte ich es auch genauso häufig. Schließlich war ich nach Feichten gezogen, um meinen schlechten Gesundheitszustand zu verbessern, der vor allem in reichlich zerrütteten Nerven bestanden hatte. Und nun sah es so aus, als würde ich auch hier nicht das so dringend benötigte zur Ruhekommen finden.

Die nächsten Wochen waren aber dann tatsächlich ruhig!

Ich arbeitete, machte lange erholsame Spaziergänge und empfing an Wochenenden meine Familie mit einigermaßen entspanntem Gemüt. Das änderte sich schlagartig, als am 03.06.97 ein Brief von Herrn Piehlmeier eintraf. Auch dieser nur in aller Kürze:

Sehr geehrte Frau Fischer,
namens und im Auftrag meiner Mandantin Frau Gerda Hofmann informiere ich Sie drüber, daß Herr Hofmann auf sein Nießbrauchrecht verzichtet hat (oh nein, dachte ich gleich, das darf nicht wahr sein! Er war der einzige, der sich wenigstens ein bißchen um uns Mieter im Haus gekümmert hat), so daß nun allein Frau Hofmann Ihre Vermieterin ist. (Das wird ein Triumph für sie gewesen sein, denn darauf hatte sie zielstrebig hingearbeitet!)
Meine Mandantin beabsichtigt am Samstag, dem 07.06.1997, 14.00 Uhr eine Wohnungsbesichtigung bei Ihnen durchzuführen, ins besonders um die Zählerstände (Wasser, Strom, Ölstand für die Heizung) abzulesen und die entsprechenden Nebenkostenabrechnungen zu erstellen.
Mit freundlichen Grüßen…

Na endlich, dachte ich mir, als ich ihn gelesen hatte. Endlich würde ich die Frau kennen lernen, von der ich schon so viel gehört hatte. Und gleichzeitig fragte ich mich, ob diese wohl wirklich so schlimm war, wie man sie mir geschildert hatte. Also wartete ich neugierig auf ihren Besuch.

Der entsprechende Samstag war ein strahlend schöner Tag. Zusammen mit euerem Vater, der an diesem Wochenende zu Besuch war, hätte ich wohl einen schönen Ausflug unternommen. Aber das ging ja nun nicht, weil ja Frau Hofmann angekündigt war. Also saßen wir zusammen mit Frau Tradler, die vor Angst und Aufregung eine Zigarette nach der anderen rauchte, ab 13 Uhr auf meiner Terrasse und warteten. Wir warteten bis 14 Uhr – Frau Hofmann kam nicht. Wir warten bis 15 Uhr – Frau Hofmann war immer noch nicht da. Wir gaben nochmals eine halbe Stunde dazu und als Frau Hofmann danach immer noch nicht erschienen war, gaben wir die Warterei leicht entnervt auf; denn nun, so schätzten wir, würde sie ja doch nicht mehr kommen.
Und so war es auch! Völlig nutzlos hatten wir Drei auf Frau Hofmann gewartet und einen schönen Nachmittag vergeudet – ein Minuspunkt mehr für diese Frau!
Eine Woche verging und wieder kam ein Samstag.
Ich hatte den Vormittag über an meinem autobiographischen Roman geschrieben und rüstete mich gegen 14 Uhr für meine Radtour.
Das Wetter war sonnig und warm – die Bewegung an der Luft würde mir nach stundenlangem Sitzen vor dem Computer gut tun.
Gut gelaunt, allerdings auch etwas geschafft, kam ich nach zweistündiger Fahrt wieder nach Hause. Ich machte mir einen Kaffee und setzte mich wieder an meinen Computer, um zur Erholung ein bißchen Solitär zu spielen. Der Nachmittag war praktisch vorbei und ich erwartete nicht mehr gestört zu werden, als gegen 17 Uhr 30 die Türklingel ging. Leicht erstaunt fragte ich mich, wer das wohl sein konnte. Ich öffnete die Tür und ging auf die Haustüre zu. Hinter deren Scheibe zeichneten sich die Profile einer Frau und eines Mannes ab, die mir, soweit ich das durch die gemaserte Glasscheibe erkennen konnte, unbekannt waren. Leicht verärgert, daß man mich so kurz vor Anbruch des Abends noch störte, aber bemüht, nicht unfreundlich zu erscheinen, öffnete ich die Tür. Die beiden Menschen, die dahinter gewartet hatten, waren mir tatsächlich unbekannt. Aber die fremde Frau lächelte mich an, sagte: „Grüß Gott, Frau Fischer!“ und machte dann sogleich Anstalten, an mir vorbei ins Haus zu gehen.
Ich aber hob meine rechte Hand, mit der offenen Fläche nach außen, um sie zu stoppen und sagte: „Einen Moment! Wer sind Sie überhaupt?“
Das Lächeln auf dem Gesicht der Fremden verschwand schlagartig. „Ich bin die Frau Hofmann,“ erwiderte sie mit eingeschnappter Stimme, „und wir haben heute einen Termin miteinander.“
Ach du liebe Güte, dachte ich leicht entsetzt, jetzt ist sie doch tatsächlich einmal aufgetaucht. Diese schlanke, hochgewachsene Frau, mit dem halblangen, schwarz gelocktem Haar, war also die berühmt berüchtigte Frau Hofmann.
„Oh nein,“ sagte ich mit fester Stimme, „das haben wir nicht! Ihr Anwalt hatte Sie vor einer Woche angemeldet, aber an diesem Tag sind Sie ja nicht gekommen.“
“Ach, mein Anwalt,“ erwiderte sie pikiert, „der hat das falsch gemacht. An diesem Tag hätte ich nicht kommen können, weil… (sie gab irgend ein Familienfest an, welches genau weiß ich nicht mehr).“
„Und heute kommen Sie so einfach hereingeschneit,“ sagte ich. „Sie hätten sich doch wenigstens telefonisch anmelden können!“
„Wenn Sie und Frau Tradler eine Geheimnummer haben, kann ich ja nicht anrufen!“ sagte Frau Hofmann aufgebracht.
Wie ihr wißt, verhielt es sich aber so, daß ich überhaupt kein Telefon besaß, also auch keine Geheimnummer haben konnte. Aber Herr Piehlmeier hatte die Nummer von Tradlers, weil Frau Tradler sie ihm telefonisch mitgeteilt hatte. Frau Hofmann hätte also durchaus anrufen können.
Ich kämpfte kurz mit mir selbst. Sollte ich Frau Hofmann wieder fortschicken, so wie sie es verdient hatte, oder sollte ich sie in meine Wohnung lassen und es hinter mich bringen? Nun, ich entschied mich schließlich für das letztere. Sie wieder fortzuschicken, würde nur unnötigen Ärger verursachen. Jetzt, wo sie schon einmal da war, hatte ich endlich die Gelegenheit, diese Frau, auf die ich schon lange neugierig gewesen war, etwas kennen zu lernen. Ich schluckte also meinen Ärger hinunter, legte ein kleines Lächeln auf mein Gesicht, machte eine einladende Bewegung auf meine Wohnungstür zu und sagte: „Nun gut, wo Sie schon da sind – in Gottes Namen – dann kommen Sie halt herein.“
Frau Hofmann warf den Kopf leicht in die Höhe und stöckelte mit arrogantem Gehabe an mir vorbei, ohne sich um ihren zurückbleibenden Begleiter zu kümmern.
Sie hatte ihn mir nicht vorgestellt und – selbst wenn sie es getan hätte, sah ich zu diesem Zeitpunkt keinen Grund, diesem ebenso Einblick in meine Wohnung zu gewähren. Bevor ich ihr nachging, gab ich der auf der Treppe stehenden Frau Tradler, die, angelockt durch unsere Diskussion, aus ihrer Wohnung heruntergekommen war, einen Wink mit der Hand (ich brauchte sie als Zeugin, falls irgend etwas passieren würde) und ging mit ihr im Schlepptau hinter Frau Hofmann her.
Frau Hofmann durchschritt den Flur der kleinen Wohnung und trat in das Wohnzimmer ein. Dort kam ihr „Daisy“, meine/unsere Katze entgegen, die gern jeden Besucher begrüßte, und sofort kommentierte sie deren Erscheinen.
„Wer hat Ihnen erlaubt eine Katze zu halten?“ fragte sie mit einer Stimme, der man reichlich Unmut anhörte.
Ich ermahnte mich zu Geduld und Sanftmut und erwiderte ruhig: „Ihr geschiedener Mann, Frau Hofmann!“
Frau Hofmann tat das mit einem Schnauben ab und fing an das Zimmer zu mustern. Was sie da sah, freute sie gar nicht. Dabei war das, was sie verärgerte, wirklich schön.
„Und wer,“ sagte sie mit einer weit ausholenden Handbewegung, die auf die Fenster im Wohnzimmer aufmerksam machte, „hatte Ihnen DAS erlaubt? Sie betreiben hier ja ein Gewerbe. Oh nein, das geht auf keinen Fall!“

einfügen Fensterbilder

„DAS“ waren die wunderschönen Fensterbilder, die ich in verschiedenen Größen und Formen angefertigt und in den verschiedenen Fensterrahmen mit kleinen, kaum sichtbaren Nägeln angebracht hatte.

Fortsetzung!

„Nein,“ fuhr Frau Hofmann fort, „das geht so nicht! Da werden ja die ganzen Rahmen kaputt!“ Und für mich völlig aus dem Zusammenhang gerissen setzte sie noch eins drauf: „Und überhaupt, Sie kriegen sowieso die Kündigung!“

Ich fing an innerlich zu zittern, blieb äußerlich aber so ruhig und freundlich wie ich konnte. Zu oft hatte ich schon mit ähnlich schwierigen Menschen zu tun gehabt, um zu wissen, daß ich es nur schlimmer machen würde, wenn ich mich hinreißen ließ und es ihr mit gleicher Münze zurückgeben würde. Aber ein wenig in die Schranken mußte ich Frau Hofmann schon weisen. Schließlich war das meine Wohnung, für die ich bezahlte.

„Frau Hofmann,“ sagte ich ruhig, „Sie haben sich seit meinem Einzug vor fast einem Jahr nicht um mich gekümmert und können doch jetzt nicht alles in Frage stellen. Alles was ich mir hier erlaubt habe, tat ich mit der Zustimmung Ihres geschiedenen Mannes!“

Das quittierte sie mit einem Achselzucken und ging nicht weiter darauf ein. Dann entdeckte sie hinter mir Frau Tradler. Mit einem leichten Aufschrei ging sie auf sie zu. „Aber, das ist ja Frau Tradler,“ sagte sie mit so erfreuter Stimme, daß man glauben konnte, sie sehe eine lang vermißte Freundin und nicht die Frau, mit der sie seit einiger Zeit über ihren Anwalt/Anwältin einen heftigen Streit führte, weil sie deren Mietvertrag nicht anerkannte und sie vor die Tür setzen wollte.

Die zwei Frauen reichten sich die Hände zum Gruß und Frau Tradler sagte ein paar unverbindliche freundliche Worte, aus derer leicht zittriger Klangfärbung ich herauslesen konnte, wie sehr die Anwesenheit von Frau Hofmann sie verunsicherte.

Irgendwie ergab es sich dann, daß Frau Hofmann eine Diskussion über ihren Mann und die besondere Situation der Vermietung des Hauses beginnen wollte. Das schmetterte ich aber ab, indem ich erklärte, das würde mich nicht interessieren und sei überhaupt für mich nicht relevant. So schnell wie möglich wollte ich die ganze Angelegenheit hinter mich bringen, um wenigsten noch den Rest des Tages für angenehmere Dinge zu nutzen.

„Bitte, kommen Sie zur Sache!“ sagte ich drängend zu Frau Hofmann, weil ich keinerlei Lust verspürte mit dieser Frau länger als nötig zusammen zu sein.

„Ach ja, und übrigens, haben Sie mir einen Nachweis für das Anlegen meiner Kaution mitgebracht?“

Wie erstaunlich… sie hatte! Sie zog einen großem braunen Umschlag aus ihrer Tasche, klappte den Verschluß auf, zog ein Blatt heraus und überreichte es mir. Ich überprüfte das Schriftstück und entnahm dieser Kopie, daß meine 1000,– DM auf einem Sparbuch der Stadtsparkasse München angelegt worden waren.

Na ja, dachte ich mir erleichtert, wenigsten das war richtig und korrekt erledigt! und legte es auf meinem Schreibtisch ab.

„Frau Fischer, ich würde gern mal Ihren Mietvertrag sehen!“ sagte Frau Hofmann kurz darauf.

Meinen Mietvertrag?! dachte ich befremdet, und kam nicht gleich auf das, was mir etwas später dazu noch einfallen würde. Da ich aber vorerst keinen Grund fand, warum ich ihn ihr nicht zeigen sollte, tat ich ihr diesen Gefallen. Aus einem meiner Regale holte ich den entsprechenden Ordner hervor, suchte ihn zwischen den verschiedenen Unterlagen, nahm ihn heraus und gab ihn ihr.

Frau Hofmann blätterte ihn durch und überprüfte die Eintragungen. Anscheinend war alles in Ordnung, denn schließlich reichte sie ihn mir ohne Kommentar zurück und ich legte ihn zu der Kaution auf den Schreibtisch.

Und dann sprach Frau Hofmann die Bitte nach einer Kopie davon aus.

„Was?“ fragte ich leicht verwirrt. „Eine Kopie? Heute noch? Wie soll ich denn das machen?” und kam immer noch nicht auf das Naheliegende.

Was auch immer Frau Hofmann mit einer Kopie wollte, sah ich doch keinen Grund, warum ich ihr diese Bitte nicht gewähren sollte und sann nach einer Lösung.

„Wissen Sie was,“ sagte ich zu ihr, als ich eine gefunden hatte, „ich werde am Montag eine anfertigen lassen und schicke Sie Ihnen dann!“

Damit war Frau Hofmann einverstanden.

Ich klappte den Ordner zu und stellte ihn im Regal an seinen Platz. Anschließend kehrte ich zurück zu meinem Schreibtisch, vor dem Frau Hofmann stehengeblieben war.

Was dann geschah, empört mich heute immer noch, wenn ich daran erinnert werde! Nie hätte ich mit so etwas gerechnet! Bis zu diesem Zeitpunkt war ich zwar ungehalten über die Art und Weise, wie diese Frau sich bei mir eingeführt hatte, war aber trotzdem voll gutem Willen, deren Besuch für beide Seiten so friedlich wie möglich ablaufen zu lassen.

Ohne besonderen Grund ließ ich meinen Blick über die Papiere auf meinem Schreibtisch gleiten und bemerkte mit plötzlich einsetzenden  Herzklopfen, daß sowohl mein Mietvertrag, wie die Kopie über meine Kaution nicht mehr auf den anderen Schriftstücken, die zuvor schon dort gewesen waren, lagen. Ohne auch nur weiter darüber nachzudenken sagte ich mit energischer Stimme: „Frau Hofmann, geben Sie mir sofort den Mietvertrag und die Kopie der Kaution zurück!“

Und Frau Hofmann, die sich nicht gescheut hatte, mich in meiner eigenen Wohnung zu bestehlen, wurde bei diesen Worten weder sichtbar verlegen, noch errötete sie. Sie öffnete nur ihren Umschlag und gab mir die beide Unterlagen zurück.

Sie entschuldigte sich nicht und gab auch keine Erklärung für ihr Handeln ab.

Schwach vor Glück, daß es mir gelungen war, diesen Coup zu verhindern und auch weil ich Streit vermeiden wollte (ich wußte genau, wie unangenehm solche Menschen werden konnten, wenn man sie in die Ecke trieb), ließ ich es ebenfalls dabei bewenden.

Aber nun war mir erst recht daran gelegen, die Visite von Frau Hofmann voranzutreiben und forderte sie auf, die weiteren Räume der Wohnung zu besichtigen. Also begaben wir uns zu dritt in das Schlafzimmer. Frau Hofmann sah sich um, fand aber keine Beanstandungen. Dann gingen wir ins Bad. Wie in den anderen Räumen ließ sie ihren Blick schweifen und bemerkte an der Holzdecke einen hellen halbmondartigen Fleck, der die eine Seite der Deckenlampe umgab.

„Wo,“ so fragte sie aufgebracht, „ist die andere Lampe? Da war doch vorher eine andere Lampe. Das kann man doch genau sehen!“

„Als ich eingezogen bin, war da keine Lampe!“ erwiderte ich. „Und wenn da eine gewesen war, dann war das bestimmt die von Tradlers!“ und blickte bei diesen Worten Frau Tradler an, damit sie meine Worte bestätigen konnte, was diese auch tat. „Und sollte vor Tradlers Einzug eine Lampe im Bad gewesen sein,“ fuhr ich fort, „dann habe ich keine Ahnung, wo diese geblieben ist!“

Frau Hofmann akzeptierte diese Antwort, machte kehrt und wandte sich weiteren Besichtigungen zu.

Viel gab es in der kleinen Wohnung ja nicht mehr zu sehen. Da war nur noch die Küche und der Flur, sie fand aber bei beiden keinerlei Grund zu Beanstandungen.

Anschließend stöckelte sie mit klickenden Geräuschen zum Wohnzimmer zurück und trat von dort aus auf die Terrasse. Frau Tradler und ich folgten ihr. Draußen schloß sich uns Frau Hofmanns Freund?/Bekannter? an, der dort gewartet hatte.

Mit kritischen Blicken ließ sie ihre Augen über den Vorgarten schweifen. Ich konnte das nicht begreifen! Meines Erachtens gab es an ihm nichts zu bemängeln, denn er war wunderschön geworden, nach all der Arbeit, Mühe und Kosten die ich im Herbst hineingesteckt hatte. Und er dankte es mir nun mit reichlicher Blütenpracht. Wirklich wahr…  so schön war er noch nie gewesen. Aber nicht nur ich sah das so, sondern auch alle meine Nachbarn hatten mir das bestätigt.

Das Gras lag frisch geschnitten wie ein grüner Teppich vor unseren Augen, umgeben von den Rabatten, auf denen üppig Dahlien, Sonnenblumen und Tagetes blühten. Aber hatte Frau Hofmann ein Lob dafür, einen Dank an die Frau, die das geschaffen hatte? Mitnichten! Das einzige, das sie daran interessierte, waren die drei Tomatenstauden, die hoch zwischen Dahlien und Sonnenblumen herausragten.

Sie streckte deutend Arm und Finger aus und fragte: „Was ist das denn?“

Als ich es ihr erklärt hatte, sagte sie: „So, so!“ machte kehrt und ging zurück.

Weil der Freund/Bekannter von Frau Hofmann mir etwas verloren vorkam, (Verlorenheit regt immer an meine Gutmütigkeit) forderte ich ihn auf, ebenfalls einzutreten. Bis jetzt hatte er kein Wort zur Unterhaltung beigetragen, aber ich fühlte instinktiv, daß von ihm keinerlei Bedrohung ausging. Frau Hofmann jedenfalls ignorierte ihn und er kam er sich sicherlich etwas einsam und ausgeschlossen vor. Er bedankte sich und folgte mir, die ich meinerseits Frau Hofmann und Frau Tradler folgte. Die beiden hatten inzwischen das Wohnzimmer und den Flur durchquert und dann den Gang zum Waschkeller und Heizung betreten. Dort schlossen wir wieder auf.

An der Wand des Kellerflures hatte Frau Hofmann inzwischen die Doppeltüren des darin eingelassenen Hauptsicherungskasten geöffnet. Was sie daraus ersehen wollte war mir zwar schleierhaft, denn alle Kosten die im Zusammenhang damit anfielen, trugen ihre Mieter, erinnerte mich aber an mein Problem mit dem Heizungsstrom.

„Frau Hofmann,“ sagte ich deshalb, „ist Ihnen eigentlich bewußt, daß der gesamte Heizungsstromverbrauch für das Haus über meinen Zähler geht?“

Sofort und entrüstet erwiderte sie: „Nein, das kann nicht sein!“

Ich widersprach und versuchte es ihr zu erklären. Doch Frau Hofmann sah die Gründe nicht ein, wollte auch nicht weiter darüber diskutieren, wandte mir deshalb gelangweilt den Rücken und fing an sich Richtung Heizung zu entfernen. Zum ersten mal erhob ich meine Stimme etwas lauter, wurde aber übertönt, weil nun gleichzeitig der Mannes ebenfalls sprach. Er hatte sich meine Argumente wohl etwas besser angehört und überdacht. Er rief sie zurück und erklärt es ihr noch einmal an meiner Stelle.

„Schau her!“ sagte er. „Frau Fischer hat recht! Hier sind nur zwei Hauptsicherungen! Eigentlich müßte hier noch ein dritter Sicherungskasten für Heizung und die übrigen Hausinstallationen sein.“

Und sieh da … Frau Hofmann hatte tatsächlich die Fähigkeit zum Einlenken und tat es.

Als ihr Freund/Bekannter mit seinen Erklärungen fertig war, gab sie schließlich zu, daß ich recht gehabt hatte.

„Aber,“ sagte sie sogleich in dem Versuch sich aus der Affäre herauszumanövrieren, die ihr unangenehm war, „meine Schuld war ‚DAS‘ nicht! Dafür war mein Mann zuständig!”

Darauf erwiderte ich nichts. Ich hatte schon mitbekommen, daß alle guten Dinge im Haus auf das Konto von Frau Hofmann gingen und alle negativen auf das ihres geschiedenen Mannes. Und wer war ich, daß ich das hätte beurteilen können?

Nachdem Frau Hofmann aber so einen eklatanten Fehler zugegeben hatte – noch dazu darauf hingewiesen von ihrem Freund/Bekannten – wurde sie erstaunlicherweise etwas zugänglicher. Die Stimmung verlor ihre unterschwellige Gereiztheit und die Gespräche wurden etwas flüssiger. Selbst Frau Tradler taute nun etwas auf und unterhielt sich mit Frau Hofmann. Diesem Gespräch hörte ich nur mit halben Ohr zu, denn nachdem das mit dem Strom geklärt war, dachte ich wieder an den versuchten dreiste Diebstahl meiner wichtigen Papiere. Und plötzlich fiel mir auch ein, daß ja zwei Mietverträge existierten. An diese Tatsache hatte ich nicht gedacht, als wir uns  darüber unterhalten hatten. Dieser zweite Mietvertrag war mit meiner Unterschrift versehen an Herrn RA Thaler gegangen und der wiederum hatte ihn bestimmt an Herrn RA Piehlmeier geschickt, als seine Verantwortung für das Kind Michael Hofmann beendet war. Freudig erregt, daß mir nun das Verschicken einer Kopie erspart bleiben würde, wartete ich eine Gesprächspause der beiden anderen Frauen ab. Als diese eintrat, sagte ich: „Ach, übrigens, Frau Hofmann. Ich habe noch einmal wegen des Mietvertrages nachgedacht. Es gibt einen Zweiten, und ich bin mir ganz sicher, daß Herr Piehlmeier den hat.“

„Ach der Herr Piehlmeier,“ sagte sie daraufhin mit einer wegwerfenden Handbewegung und aufgebrachten Stimme, „der hat ihn nicht. Der hat ihn verschlampt. Und überhaupt hat der sowieso nichts zu sagen!“

Weiter ging sie nicht auf die Sache ein, bestand aber auch nicht noch einmal darauf, daß ich ihr eine Kopie zuschicken sollte.

Zu diesem Zeitpunkt hielt es Frau Tradler für angebracht, sich zu verabschieden. In ihrer Wohnung wartete ein Besuch auf sie, dem sie eine Woche vorher, wegen des angemeldeten Besuches von Frau Hofmann abgesagt und auf diesen Samstag verlegt hatte.
Die Besichtigung der unteren Wohnung war abgeschlossen und zu dem, was jetzt noch kommen konnte, war ihre Anwesenheit nicht unbedingt mehr notwendig.

Nachdem sie uns verlassen hatte, ging Frau Hofmann in den Waschkeller. Dort sah sie sich die Stände der zwei Wasserzähler für die Waschmaschinen an – eine Handlung, zu der sie sich als Verwalterin des Hauses wohl genötigt sah. Was sie daraus aber schließen konnte, entzog sich meinem Verständnis. Aber das Ablesen brachte Frau Hofmann plötzlich auf folgende Frage: „Sagen Sie mal, Frau Fischer, wer hat eigentlich die Zählerstände bei Ihrem Einzug abgelesen?“

„Niemand!“ erwiderte ich und fuhr dann fort: „Außer beim Strom! Den habe ich natürlich bei meinem Einzug notiert und an die OBAG telefonisch durchgegeben. Aber bei den übrigen Zähler… nein da ist nichts geschehen. Als ich Herrn Tradler deswegen gefragt habe, hat er mir gesagt, daß noch nie abgelesen wurde und folglich gab es für dieses Haus auch noch nie eine Nebenkostenabrechnungen.“

„Ja, aber,“ entgegnete sie, „ Herr Thaler hätte das doch tun müssen!“

„Und wie hätte er das machen sollen?“ fragte ich. „Waren Sie es nicht gewesen, die den Wechsel der Anwälte herbeigeführt hatte… vier Wochen vor meinem Einzug? Wenn es jemand hätte machen sollen, dann wären Sie, Ihr geschiedener Mann oder Herr Piehlmeier dafür verantwortlich gewesen!“

Es wunderte mich nicht, daß Frau Hofmann darauf verzichtete, weiter nachzubohren. Jedes mal, wenn ich ihr mit stichhaltigen Argumenten kam, verstummte sie.

Von der Waschküche aus führte eine Tür zu meinem Keller, den ich Frau Hofmann nicht vorenthalten wollte. Ich öffnete die unverschlossene Tür, knipste das Licht an und lud Frau Hofmann zum Eintreten auf.

„Aha“ und „so, so!“ waren ihre Kommentare als sie sich in dem niedrigen Raum umgesehen hatte und dann wieder hinausging.

Ich war herzlich froh, daß ich erst kürzlich meinen Krempel ordentlich aufgeräumt und den Boden gereinigt und so den Raum vorzeigbar gemacht hatte. Als letzte verließ ich den Raum und schloß die Tür hinter mir zu. Dann folgte ich den beiden Vorausgehenden. Dabei fiel mir noch etwas ein.

„Ach ja, Frau Hofmann, ich muß Ihnen noch etwas sagen,“ sagte ich. „Als es im Frühjahr tagelang stark geregnet hat, stand mein Keller ca. 10 cm unter Wasser. Dabei haben sich meine 30 Umzugskartons derart mit Wasser vollgesogen, daß sie fast unbrauchbar sind. Jeder hat fünf Mark gekostet! Kann ich damit rechnen, daß Sie die ersetzen?“

Frau Hofmann hatte gute Nerven, das muß man ihr lassen. Sie drehte sich bei meinen Worten nicht einmal um, murmelte nur in etwa „Mit sowas kommen Mieter immer!“ ihrem Freund/Bekannten zu und ging weiter.

Ich musterte abschätzend ihren Rücken. Sollte ich es doch noch zu einem Streit kommen lassen? War es das wert? Aber nein, entschied ich, das war es nicht wert!

Seit eineinhalb Stunden führte ich Frau Hofmann bereits durch Wohnung und Kellerräume und fühlte mich allmählich müde und ausgelaugt. Ich hoffte inständig, daß ein baldiges Ende abzusehen war. Aber da war noch der Heizungsraum, den man besichtigen mußte und in dessen Zusammenhang ich Frau Hofmann meine Reparaturmaßnahmen zeigen wollte. Ach ja, und die Sprache auf Heizöl mußte ich auch noch bringen. Die 3000 im Herbst des Vorjahres gekauften Liter, neigten sich bedenklich dem Ende zu.

Als wir dann im Heizungsraum waren, schaut Frau Hofmann sich alles an, was ich ihr zeigte. Sie überzeugte sich vom Ministand des Öls in dem Tank und versprach baldige Abhilfe. Und soweit wäre ja alles in Ordnung gewesen, wäre Frau Hofmann nicht plötzlich eingefallen, ein Verbot für das Betreten des Heizungsraum durch mich auszusprechen. Dagegen verwehrte ich mich. Ich machte geltend, daß es nur mir zu verdanken sei, daß die Heizung sich jetzt in einem tadellosen Zustand befand und damit weit höhere Kosten für die Verwalter vermieden worden waren.

Aber was auch immer Frau Hofmann zu ihrem Verbot getrieben hatte, sie blieb dabei. Um das zu untermauern kündigte sie an, daß sie in nächster Zeit ein neues Schloß anbringen lassen würde, so daß ich ab diesem Zeitpunkt auf keinen Fall die Heizung nicht mehr betreten konnte.

Und damit hatte Frau Hofmann endlich doch noch einen Triumph. Damit hatte sie ein Mittel, mich zu… – ja zu was? Ärgern? Demütigen? Weil ich es ihr erzählt hatte, wußte sie, daß, wenn man die Heizung nicht hin und wieder auf Handbetrieb stellte, es in der kalten Jahreszeit manchmal stundenlang empfindlich kühl in den beiden Wohnungen blieb. Weshalb das so war und warum der Heizungsfachmann diesen Mangel bei seinen Reparaturen nicht abgestellt hatte, entzog sich meinem Wissen. Und was ich ob dieser Ankündigung empfand, wäre Ärger und Demütigung nicht die richtigen Ausdrücke gewesen. Schon eher war es Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Ja, das war es! Bis zu einem gewissen Grad, war ich dieser Frau tatsächlich ausgeliefert. War es das, was Frau Hofmann wollte? Machtausübung? Sie, die mächtige Vermieterin kontra abhängiger Mieterin.  Wollte sie Schikane einsetzen, um mich soweit zu bringen, daß ich schließlich von mir aus kündigte? Und daß sie mich loswerden wollte, war mir nun schon klar, daß hatte sie mir gleich mit ihren ersten Sätzen deutlich gemacht. Sie wollte die Frau loswerden, die nicht ihre eigene Wahl war, die sich so gar nicht unter ihr beugen wollte und ihr nicht verängstigt nach dem Mund redete! Aber soweit würde ich es nicht kommen lassen, daß ich mich von jemanden unter Druck setzen lassen würde, deren Kundin ich im weitesten Sinn war; schließlich und endlich bezahlte ich für das Recht in der Wohnung zu leben.

Vorerst aber galt es mit Pokergesicht den neuerlichen Hieb einzustecken. Ich hatte nicht vor mit der Frau zu debattieren, zu streiten oder ihr meine Verletzlichkeit zu zeigen. Oh nein, diese Genugtuung würde ich ihr nicht geben! In weitaus schlimmeren Situationen meiner Vergangenheit hatte ich die Fähigkeit erlernt, ein entspanntes Gesicht zu bewahren, auch wenn es in mir schon brodelte. Und das gelang mir auch jetzt und ich verzichtete auf weitere Einwände. Der nächste Winter war noch fern, und wer wußte schon, ob Frau Hofmann ihren Worten auch die Tat folgen ließ.

Langsam folgte ich Frau Hofmann, die sich bei ihrem Freund/Bekannten eingehakt hatte und ihn in den äußeren Flur führte. Dort blieb sie stehen, drehte sich zu mir um und sagte: „Was meinen Sie Frau Fischer, soll ich jetzt noch zu Tradlers hinaufgehen?“

Die Frage war nur zu berechtigt, wußte sie doch eben so gut wie ich, daß Tradlers Besuch hatten. Und sie bewies mit ihrer Frage – das muß ich ihr lassen -, daß sie nicht ganz ohne Feingefühl war. So war es glücklicherweise für mich ein leichtes, ihr, vor allem auch angesichts der späten Stunde, denn es ging inzwischen auf 20 Uhr zu, davon abzuraten.

Frau Hofmann warf kurz und abschätzend noch einen Blick die Treppe hinauf, die zu Tradlers Wohnung führt, zog dann aber den Mann an ihrer Seite in meine Wohnung.

Ich seufzte innerlich. Hatte Frau Hofmann denn immer noch nicht genug gesehen? Hatte sie diese Räume immer noch nicht genügend ausgekostet? Anscheinend nicht!

Sie führte nun ihren Freund/Bekannten unbekümmert und ungeniert durch alle meine Räume. In der Küche sagte sie zu ihm, mit der Hand auf die Fliesen zeigend (die – das gebe ich ehrlich zu – wirklich sehr geschmackvoll waren): „Das habe ich selbst gemacht!“

„Sie haben das selbst gemacht? Selbst gefliest?“ hakte ich sogleich erstaunt und mit betonender Stimme nach. Meinem Vater hatten früher ein Betonsteinwerk, mit Fliesenlegerabteilung gehört und so wußte ich genau, wie dieses Handwerk funktionierte und welche Arbeit das Verlegen von Fliesen machte. Sollte Frau Hofmann also tatsächlich das selbst gemacht haben, würde sie einiges an Hochachtung bei mir gewinnen.

Aber kaum hatte ich die Frage gestellt, berichtigte sich Frau Hofmann dahingehend: „Na ja, selbst ausgesucht!“

Vor knappen zwei Stunden war ihr bei dem versuchten Diebstahl von Mietvertrag und Kautionskopie keine Peinlichkeit anzusehen gewesen. Aber jetzt konnte sie eine gewisse Geniertheit nicht ganz verbergen, daß ihr im Beisein ihres Freundes/Bekannten eine falsche Aussage über die Lippen geschlüpft war. Eine Aussage, die sie nur gemacht hatte, um ihm zu imponieren und um sich in ein gutes Licht zu setzen. Schade, schade, daß ich ihr das vermasselt hatte. Ich tat das aber nicht in böser Absicht, sondern nur spontan aus Unglauben heraus!

Schließlich und endlich gab es beim besten Willen nichts mehr in der Wohnung zu sehen oder deswegen zu besprechen, aber immer noch machte Frau Hofmann keine Anstalten sich zu verabschieden. Inzwischen war mir das aber schon egal geworden. Ich hatte ein bestimmtes Limit hinter mir und war nun ganz ruhig und gelassen. Zu diesem Zeitpunkt besann ich mich sogar auf meine gute Kinderstube und bot den beiden Menschen etwas zu trinken an. Sie einigten sich auf Mineralwasser – der Mann mußte an diesem Tag ja noch nach München zurückfahren – und so brachte ich ihnen Wasser und Gläser und schenkte ihnen ein.

Frau Hofmann trank durstig mehrere Züge, holte dann Zigaretten aus ihrer Tasche und fragte, ob sie eine rauchen dürfe.

„Aber ja, bitte!“ sagte ich, weil ich selbst Raucherin war und Verständnis für dieses Laster hatte.

Während sie dann so dastand, angelehnt an meinen Arbeitstisch – ich hatte ihnen wohlweislich keine Sitzgelegenheit angeboten, sonst würde ich sie wohl immer noch nicht so bald los werden – fragte ich sie, ob ihr denn meine Fensterbilder so gar nicht gefallen würden, worauf der ansonsten meist schweigsame Mann sofort begeistert seine Meinung kund tat. Er hatte an der Terrassentüre gelehnt, ging nun aber durch das Wohnzimmer und sah sich die Bilder genauer.

„ Ja doch,“ sagte er, „sie sind toll! Schau mal, Gerda, dieses da und das da, die sind besonders schön. Findest Du nicht auch?“

Dieser Begeisterung konnte sich Frau Hofmann nicht entziehen. Zum ersten Mal, seit diese beiden Menschen zu mir gekommen waren, ging sie liebevoll auf ihn und das was er gesagt hatte ein.

Es ist ihr Freund und nicht nur ein Bekannter, vermutete ich nun schlagartig. Gleichzeitig wunderte ich mich, daß diese Frau, von der ich so viel Ungutes gehört und die es mir in den  vergangen zwei Stunden nicht immer leicht gemacht hatte, so einen „Netten“ abbekommen hatte. Das sprach für sie und deshalb gab ich ihr dafür in Gedanken einen Pluspunkt.

Nachdem auch Frau Hofmann sich nun für meine Bilder erwärmte, was mir schmeichelte und mich milde stimmte, fiel mir ein, daß ich da noch etwas drauf setzen konnte. Zugegeben, als mir das einfiel, führte ich es aus, um ein wenig zu protzen und anzugeben. Aber die Beiden sollten ruhig wissen, daß sie es nicht mit einer X-beliebigen Person zu tun hatten.

„Ach ja, Frau Hofmann,“ sagte ich, „Sie können das nicht wissen, aber außer meiner Arbeit an den Fensterbildern, arbeite ich auch noch als Schriftstellerin. Ein Buch habe ich bereits verlegen lassen. Wollen Sie das mal sehen?“

Frau Hofmann bejahte das. Also holte ich aus einem Regal einen schmalen Paperback-Band hervor und reichte ihn ihr.

Frau Hofmann blätterte das Büchlein durch und ich kommentierte es.

„Die Geschichte des ‚Löwenkindes‘,“ erklärte ich, „entstammt aber nicht meinen eigenen Ideen.  Abgeleitet habe ich sie den zwölf Gesängen, die mein Ururgroßvater Victor von Strauß und Torney, er war Philosoph, Chinaforscher und Schriftsteller – (das auszusprechen, war mir ein köstliches Vergnügen und ging mir fließend über die Lippen, auch wenn ich es so schlicht und bescheiden wie möglich aussprach – schließlich waren das die reinsten Tatsachen), verfaßt hatte und ich habe sie in Romanform gebracht, da sie in der ursprünglichen Fassung (altdeutsch und in hexametrischer Versform) nur schwer zu lesen sind. Mein Vater hat sie meinen Geschwistern und mir in unserer Kindheit einmal vorgelesen. Als er starb, erbte ich den Band, las ihn selbst noch einmal und war wieder so begeistert davon, daß ich es schade gefunden hätte, wenn anderen Menschen diese Geschichte nicht zugänglich würde. Und so ist dann dieses Büchlein entstanden. Es ist aber nicht mein einziges Buch. Ein weiteres liegt fertig zum Verlegen in meinem Regal und an einem anderen arbeite ich gerade.“

War Frau Hofmann von meinen Worten beeindruckt? Ich glaube schon! Wie ich sehen konnte, las sie gerade das Vorwort, das im Wesentlichen meine Ausführungen bestätigte.

Frau Hofmann murmelte einige anerkennende Worte als sie damit fertig war und reichte es ihrem Freund. Auch er war, das kann ich ohne Übertreibung sagen, beeindruckt. Bevor er es mir zurückgab, fragte ich Frau Hofmann, ob sie es als Geschenk annehmen würde. Sie wollte und ich überließ es ihr.

Gleich, nachdem sie ihrem Freund das Büchlein gereicht hatte, hatte sie sich noch eine Zigarette angezündet und sich wieder gegen den Arbeitstisch gelehnt. Ich beobachtete sie, wie sie dort so stand, blaugrauen Dunst in die Luft blasend und fragte mich, ob ich die beiden nun von mir aus hinaus komplimentieren konnte. Aber etwas im Gesicht von Frau Hofmann hielt mich davon ab. Langeweile und sanfte Erschlaffung hatte sich dort breit gemacht und da wußte ich, daß sie nun genug hatte. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis Frau Hofmann von sich aus zum Aufbruch drängen würde. So beschloß ich, es mir und ihnen zu ersparen „hinaus gebeten“ zu werden.

Und so war es dann auch!

Plötzlich, als würde sie erwachen, sah sich Frau Hofmann noch einmal um und gab dann das Zeichen zum Aufbruch. In einer einigermaßen friedlichen Stimmung schieden Frau Hofmann und ihr Freund von mir. Endlich! Gott sei Dank!

Etwas später – ich lag schon im Bett und konnte nicht einschlafen, weil ich immer noch aufgewühlt war von Frau Hofmanns Besuch – ließ ich ihn in Gedanken Revue passieren. Dabei fiel mir ein, daß Frau Hofmann nicht, wie von ihrem Anwalt angekündigt, die Zählerstände von Wasser, Strom (?), Ölstand und Heizung abgelesen hatte. Aber selbst wenn sie es getan hätte, dachte ich bei mir, wäre es sowieso unsinnig gewesen. Sie selbst hatte veranlaßt, daß im November des Vorjahres ein Mitarbeiter der Firma Brunata die Zählerstände notiert hatte; wobei ihr bedenken müßt, daß die Abrechnung des Stroms sie überhaupt nichts anging, da diese Kosten direkt von uns Mietern bezahlt wurden. Was also hätte ihr ein Ablesen gebracht? Nichts! Es wäre nur eine überflüssige Handlung gewesen. Aber warum hatte sie es ankündigen lassen? Nun, diese Frage hätte alleine Frau Hofmann selbst beantworten können. Und wie diese Antwort ausgefallen wäre, wäre nicht uninteressant gewesen. 

Dann kam mir noch etwas in den Sinn. Voll unguter Gefühle wurde mir bewußt, daß Frau Hofmann seit ihrer Einsetzung als alleinige Vermieterin nun sämtliche Schlüssel des Hauses besaß – folglich also jederzeit das Haus und die Wohnungen betreten konnte. Würde sie das wohl ausnutzen und die Wohnungen betreten, wenn sie wieder einmal kam und feststellte, daß keiner im Haus war? Ich machte mir große Sorgen deswegen, denn ausschließen konnte ich das nicht, so wie sich Frau Hofmann in der Vergangenheit benommen hatte. Also beschloß ich, in den nächsten Tagen das Türschloß zu meiner Wohnung auszutauschen. Dieser Gedanke beruhigte mich schließlich so weit, daß ich einschlafen konnte.

Eigentlich hatte ich ja die Hoffnung, daß nach dem Besuch von Frau Hofmann einige Zeit vergehen würde, bis diese sich wieder melden würde, aber meine Hoffnung trog.

Am Dienstag der darauf folgenden Woche, läutete es an meiner Tür. Weil ich keinen Besuch erwartete und seit dem Vortag mit einer fiebrigen Erkältung im Bett lag, fühlte ich mich durch das Klingeln empfindlich gestört. Deshalb überlegte ich mir, ob ich überhaupt nachsehen sollte, wer das war. Doch dann siegte meine Neugier. Ich schlüpfte in meinen Morgenmantel und öffnete. Vor dem Haus stand Frau Hofmann! Gleich stellte sich bei mir ein leichter Schrecken ein.

Was will die nun schon wieder? fragte ich mich. Noch dazu wieder völlig unangemeldet. Aber dann beruhigte ich mich ein bißchen, als Frau Hofmann mir erklärte, sie sei „nur” gekommen, um Heizöl zu bringen.

Das war ja schön und gut, aber mußte sie mich dazu extra aus der Wohnung herausklingeln? Erstens befand sich der Einfüllstutzen außerhalb des Hauses in der Nähe von Tradlers Terrasse – ich konnte also zum Auffüllen nichts beitragen – und zweitens hatte Frau Hofmann mir noch vor drei Tagen unmißverständlich klar gemacht, daß ich mich um die Heizung nicht mehr kümmern durfte. Aber was soll’s! Ich machte gute Mine zum bösen Spiel, nahm es dankend zur Kenntnis und verzog mich wieder in mein Bett – das Betanken ging auch ohne mich problemlos über die Bühne.

Im nachhinein war ich froh geöffnet zu haben, denn ich hatte Bedenken, was die Hemmschwelle von Frau Hofmann betraf. Angenommen, sie hätte die Wohnung betreten, weil sie annehmen mußte, ich sei nicht zu Hause, dann hätte es für zwei Menschen eine peinliche Überraschung gegeben. Aber annehmen kann man ja viel! Vielleicht tat ich Frau Hofmann ja unrecht und es wäre nicht dazu gekommen. Wie auch immer – noch einmal nahm ich mir vor, das Türschloß so bald als möglich auszuwechseln.

Drei Tage vergingen und dann kam wieder ein Brief von Herrn Piehlmeier. Mit Schreiben vom 19.06.97 teilte er mir mit, daß Frau Hofmann für den 21.06.97 eine weitere Besichtigung meiner Wohnung wünscht. Da der Brief am Freitag ankam, ließ er mir kaum Spielraum zum Handeln. Immer noch schwer erkältet und in dem Bewußtsein, daß Frau Hofmann in meiner Wohnung alles hatte ansehen können, was es zu sehen gab, und auch, weil ich an diesem Tag den Besuch meines Mannes und seiner Mutter erwartete, versuchte ich Frau Hofmann telefonisch zu erreichen, um ihr für diesen Tag abzusagen. Schließlich bekam ich Frau Hofmanns Sohn an den Hörer. Ich stellte mich ihm vor und bat ihn seiner Mutter auszurichten, daß mir ihr Besuch nicht passen würde, sie aber jederzeit kommen könne, wenn sie sich zu einem abgesprochenen Termin einstellen würde. Ich fügte noch hinzu, daß ich ihr den Zutritt zu meiner Wohnung verweigern würde, sollte sie trotz meiner Absage erscheinen.

Mit diesem Telefonat, so dachte ich, wäre der neuerliche Besuch von Frau Hofmann abgewendet. Aber weit gefehlt!

Am Samstag, dem 21.06.97 – ca. um 17 Uhr 30 – klingelte es an meiner Tür. Nichts Gutes ahnend, öffnete ich absichtlich nicht diese, sondern ging durch das Wohnzimmer nach draußen und stellte dort mit einsetzenden Herzklopfen fest, daß tatsächlich Frau Hofmann gekommen war. Anstatt einer Begrüßung sagte ich ihr sogleich, daß ich sie nicht ins Haus lassen würde.

Das quittierte sie mit der Erwiderung: „Dafür habe ich jetzt Zeugen, die bestätigen können, daß Sie mir den Zutritt verweigern.“ Damit meinte sie ihren Freund und eine weitere weibliche Person.

Ich erwiderte leicht aufgebracht: „Bitte, Frau Hofmann, ich habe Ihnen doch ausrichten lassen, daß es mir heute nicht paßt.“

Und sie: „Mir wurde aber nichts ausgerichtet!“

An dieser Stelle mischte sich ihr Freund ein und sagte: „Ich habe es dir gleich gesagt! Ich habe es dir gleich gesagt!“ Und seine Wiederholung klang irgendwie beschwörend, als ob er ihr von dem Besuch dringend abgeraten hätte.

Auf diese Worte ging Frau Hofmann aber nicht ein, sondern sagte nun provozierend: „Ach, wer weiß, ob Sie tatsächlich angerufen haben?!“

Mir verschlug es angesichts dieser Dreistigkeit die Sprache. Noch bevor ich sie wiederfand, hatte sich bereits mein Mann, bereits in der Früh angekommen war, aus seiner Liege im Garten aufgerichtet, ging rasch und sichtbar empört auf die kleine Gruppe zu und sagte pointiert: „Was? Sie wollen meine Frau der Lüge bezichtigen?“

Mehr brauchte er nicht zu sagen, schon nahm sich Frau Hofmann zurück. Nein!… auf dieser Aussage wollte sie nun doch nicht beharren, die offensichtlich nur ein kleiner böswilliger Angriff hatte sein sollen.

„Frau Hofmann“, sagte ich nun besänftigend, „Sie können jederzeit kommen, wenn Sie sich entsprechend anmelden. Aber ich finde es nicht richtig, daß Sie mir Ihren Besuch ohne Absprache aufdrängen und noch dazu über Ihren Anwalt, der mir mehrmals erklärt hatte, daß diese Sachen nur zwischen uns abgemacht werden sollen.“

Dann machte ich Frau Hofmann auf den Mietvertrag aufmerksam, in dem stand, daß der Vermieter die Wohnung zum Feststellen unaufschiebbarer Hausarbeiten betreten darf, solche Besichtigungen aber abzustimmen seien. Außerdem hatte ich Frau Hofmann ja erst eine Woche vorher ohne deren Anmeldung in meine Wohnung hereingelassen, in der sie sich über eine Stunde lang aufgehalten und meine Geduld sehr strapaziert hatte. Bei dieser Besichtigung hatte sie sich eingehend überzeugen können, daß die Wohnung in ihrer Substanz und auch sonst in Ordnung war. Damit hatte ich meinen guten Willen gezeigt! Es gab also keinen Grund, sie ein weiteres Mal hereinzulassen.

Schließlich akzeptierte Frau Hofmann das, wollte nun aber wenigstens ins Haus eingelassen werden.

Nun war es aber so, daß die Tradlers an diesem Tag nicht zu Hause waren. Bevor sie abgefahren waren, hatte Frau Tradler mir ans Herz gelegt, ich dürfe Frau Hofmann, sollte sie ihren Termin diesmal tatsächlich einhalten, auf keinen Fall ins Haus lassen, weil sie befürchtete, diese würde mit einem Zweitschlüssel ihre Wohnung öffnen und sich dort umsehen.

(Falls ihr nun glaubt, diese Befürchtung sei aus der Luft gegriffen, dann weise ich euch darauf hin, daß Frau Hofmann zu einem späteren Zeitpunkt durchaus ohne Erlaubnis bewohnte Räume betreten hat und – nicht zu vergessen bereits betreten hatte – denkt nur an die Sache, als sie plötzlich im Badezimmer von Tradlers auftauchte, in dem die frisch entbundene Frau Tradler nach ihrem Klinikaufenthalt ein Bad nahm und ihr dort eine Szene machte.)

Ihr diesen Gefallen zu tun, war ich gerne bereit. Meine Mitbewohner standen mir auch immer zur Seite, wenn es gegen ungerechtfertigte Angriffe von Frau Hofmann ging und so nahm ich die nicht ganz leichte Aufgabe auf mich, Frau Hofmann den Zutritt ins Haus zu verwehren.

Das erboste sie sehr! Da ihr aber seitens ihres Freundes keine Hilfe angeboten wurde – ganz im Gegenteil, er drängte sie sogar zum Abfahren – wandte sie sich mit wütendem Gesicht wortlos um und stöckelte zum Auto. Wenigstens ihr Freund hatte den Anstand zum Abschied zu grüßen, bevor er sich ebenfalls, zusammen mit der anderen Frau – deren Identität im Dunkeln blieb – zu seinem Wagen begab und abfuhr.

Erleichtert, wenn auch leicht zitternd, schmiegte ich mich in die Arme meines Mannes. Wieder hatte ich einen Besuch von Frau Hofmann hinter mich gebracht und konnte nun den Rest des Wochenendes in Ruhe mit ihm verbringen. Allerdings wußte ich tief in mir, daß meine Weigerung ein Nachspiel haben würde. Frau Hofmann war nicht die Frau, die sich so etwas ungestraft gefallen lassen würde. Aber das verdrängte ich in der Gewißheit, daß ich darauf erst zum gegebenen Zeitpunkt reagieren mußte.

Und wie schnell Frau Hofmann reagieren würde, das erfuhr ich auch bald.

Am Tag darauf – Sonntag um ca. 14 Uhr – hörte ich ein Auto vorfahren und kurz darauf läutete es an meiner Tür. Ich sah zuerst einmal aus dem Küchenfenster, weil ich anhand der Marke erkennen wollte, wer das sein könnte. Es war aber kein mir bekannter Wagen, sondern ein Polizeiauto. Während ich zur Tür ging, um zu öffnen, überlegte ich scharf, was die Polizei von mir wollte.

Obwohl es blöd ist, löst der Anblick von Polizei doch häufig etwas Unbehagen bei den meisten Menschen aus. Da ich mir aber keiner „Schuld“ bewußt war, verdrängte ich schnell dieses, auch bei mir entstandene Gefühl. Ich öffnete die Haustür und begrüßte die beiden jungen Beamten freundlich.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte ich.

„Sind Sie Frau Fischer?“ kam die Gegenfrage.

„Ja!“ bestätigte ich.

„Wir haben eine Anzeige erhalten, der wir nachgehen müssen. Eine Frau Hofmann hat angegeben, daß Sie ihr….“

Natürlich ging es um die Sache, bei der ich Frau Hofmann den Zutritt zum Haus verweigert hatte, und nun benutzte sie die Polizei, um an den Haustürschlüssel zu kommen. Sollte sie aber gedacht/gehofft haben, mich mit dem von ihr eingefädelten Erscheinen der Polizeibeamten einschüchtern zu können, dann hatte sie sich getäuscht. Die Angelegenheit war leicht zu erklären und würde kein so gutes Licht auf die Anzeigerin werfen. Ich lächelt also die beiden Männer an und bat sie einzutreten, um ihnen in meinem Wohnzimmer, in aller Ruhe die Sachlage zu schildern. Dort erzählte ich ihnen von Frau Hofmanns unerwünschtem Besuch, davon, daß sie trotz meiner Bitte, davon Abstand zu nehmen, doch erschienen war und wie es dazu gekommen war, daß Tradlers das Haustürschloß ausgewechselt, Frau Hofmann aber keinen Schlüssel gegeben hatten.

Zu diesen Ausführungen nickten die Polizisten verständnisvoll mit den Köpfen. Die Beiden waren nett und hatten so gar nichts Einschüchterndes an sich, daß ich schließlich meine Verwunderung darüber aussprach, daß Frau Hofmann, die wußte, daß bereits die Anwälte der beiden zerstrittenen Parteien eine Absprache für den Zeitpunkt der Übergabe des Schlüssels ausgehandelt hatten, sie überhaupt zum Herkommen bemüht hatte – noch dazu an einem Sonntag!!!

„Na ja,“ sagte der eine, „wir müssen halt jedem Hinweis nachgehen. Aber wir haben uns schon gedacht, daß an der Geschichte nicht viel dran ist.“

„Und was geschieht jetzt?“ fragte ich.

„Wahrscheinlich nicht viel! Wahrscheinlich gar nichts mehr!“ war seine Antwort.

Und so war es auch. Man hatte sich in bestem Einvernehmen getrennt, und dann hörte ich nie wieder etwas von ihnen.

Frau Hofmanns nächste Attacke galt nicht mir, sondern ging an Adresse ihres abgesetzten Rechtsanwalts, Herrn Thaler. Der schrieb mir daraufhin einen Brief. Mit Datum von 24. 06.1997 teilte er mir unter andern mit: Leider ist für mich die Angelegenheit noch nicht ganz abgeschlossen. Frau Hofmann läßt auch mich nicht in Ruhe. Da sie nun eine Betriebskostenabrechnung zu machen gedenkt, will sie von mir die Zählerstände (Strom, Wasser, Heizölstand) wissen.

Ich bitte Sie, mich deshalb baldmöglichst zurückzurufen.

Mir freundlichen Grüßen

Zurückrufen konnte ich aber leider nicht, weil ich ja noch kein Telefon hatte. Natürlich hätte ich mit dem Fahrrad nach Waging fahren können, um von dort aus anzurufen, aber das war mir zu diesem Zeitpunkt zu unbequem. Außerdem erreicht ein Brief einen Empfänger auch schnell und ist billiger als ein Telefonat. Also schrieb ich ihm. Folgend das wichtigste daraus:

                                                                                                                                              Feichten, den 26.06.1997

Sehr geehrter Herr Thaler,

wie Sie sehen können, habe ich Ihnen eine Abschrift meines Schreibens an das Vormundschaftsgericht mit gesandt. Darin habe ich die ganze leidliche Geschichte, die ich hier inzwischen mitmachen mußte niedergeschrieben.

Die Sache mit der Betriebskostenabrechnung hatte Frau Hofmann bereits im November in die Wege geleitet. Eine Frau von der Brunata war da und hat sich alle Daten notiert. Eine Kopie davon gab ich Frau Hofmann bei ihrer ersten Visite mit. Somit sollte das für Sie vom Tisch sein. Die Frau hat anscheinend ein sehr kurzes Gedächtnis, und ist auch sonst wirklich sehr unangenehm.

Im Hinblick auf eventuell zu erwartenden Schwierigkeiten mit ihr, frage ich hiermit an, ob Sie bereit wären, mich, falls es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung kommen sollte, zu vertreten. Klugerweise hat mein Mann, nachdem kurz nach meinem Einzug die ersten Probleme auftauchten, eine Rechtsschutzversicherung für diese Wohnung abgeschlossen, so daß ich einem eventuellen Prozeß in Ruhe entgegen schaue.

Mit freundlichen Grüßen

Diesen Brief gab ich dann meinem immer freundlichen Postboten zum Abschicken mit.

Beim Schreiben des Briefes war mir eine weitere Inkorrektheit von Frau Hofmanns aufgefallen. Wie ich Herrn Thaler geschrieben hatte, hatte ich ihr die Brunataableseliste ausgehändigt. Jetzt fiel mir wieder ein, daß ich ihr diese nur gegeben hatte, weil Frau Hofmann mich darum gebeten hatte. Und ich hatte sie ihr gegeben, weil es mir damals nicht so wichtig erschienen war, sie zu behalten. Aber beim Schreiben war mir plötzlich bewußt geworden, daß diese Kopie nur für mich als Bewohnerin der Wohnung, bestimmt gewesen war, folglich hatte Frau Hofmann auch keinen Anspruch darauf. Im nachhinein ärgerte ich mich, daß ich damit einen – vielleicht wichtigen – Nachweis aus der Hand gegeben hatten. Gott sei Dank genügte aber ein Anruf bei der Brunata und sie schickten mir eine weitere Kopie.

In meinem Brief an Herrn Thaler hatte ich eine Kopie von dem Bericht an das Vormundschaftsgericht beigelegt. Ebenfalls am 26.06.97 geschrieben, umfaßte er sieben Seiten und legte Punkt für Punkt meine Probleme im Zusammenhang mit meinem Mietverhältnis dar.

Fairer Weise hatte ich auch eine Kopie an Herrn RA Piehlmeier geschickt, da es darin auch um ihn ging.

Ich tat es nur, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, also erwartete ich von ihm auch keine Stellungnahme. Als aber dann doch eine kam – und das bereits sechs Tage später – verweigerte ich die Annahme.

So viele Briefe waren schon – wegen was eigentlich? eigentlich nur wegen Nichtigkeiten – hin und her gegangen und ich hatte keine Lust mehr, mich nun auch noch mit seinen Rechtfertigungen auseinanderzusetzen. Sicherlich, das war nicht gerade freundlich und höflich, aber ich wollte endlich zur Ruhe kommen! Das war schließlich der Grund, warum ich den ganzen aufreibenden Umzug von Regensburg nach Feichten unternommen hatte. Aber zur Ruhe sollte ich noch lange nicht kommen. Mit meinem Einzug in die Hofmannsche Wohnung hatte ich mir einen Bärendienst erwiesen.

Seit Frau Hofmanns Besuchen lebte ich nun ständig beunruhigt an einem Ort, der eigentlich zu meiner Erholung gedacht gewesen war. Zwar ging ich wie gewohnt meiner Arbeit nach, war mir aber stets bewußt, daß jederzeit eine Störung mein Dasein in Feichten schwierig machen könnte. Und es dauerte auch nicht lang, bis die nächste eintraf.

Am 17.07.97 kam, drei Wochen nach Abschicken meines Berichtes an das Vormundschaftsgericht, endlich von dort eine Antwort:

Sehr geehrte Frau Fischer!

In Beantwortung Ihres Schreiben vom 26.06.97 an das Vormundschaftsgericht wird folgendes mitgeteilt:

In Anlage erhalten Sie Schreiben in Ablichtung des Vermögenspflegers Michael Hofmanns vom 01.07. und 11.07.97 zur Kenntnisnahme, auf die inhaltlich verwiesen wird. Eine vormundschaftsgerichtliche Maßnahme ist nicht veranlaßt, da das durch den Pfleger vertretene Kind zwar Eigentümer des Hausgrundstückes ist, auf Grund des bestehenden Nießbrauchs nach derzeitigem Aktenstand nur Frau Gerda Hofmann noch die Rechte des Vermieters inne hat. Die Rechte und Pflichten aus einem gegebenen Mieterverhältnis sind daher unmittelbar zwischen Ihnen und Frau Hofmann wahrzunehmen bzw. durchzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Ach, so war das also! Das Vormundschaftsgericht hatte zwar Frau Hofmann als Nießbrauchberechtigte eingesetzt und somit zur Verwalterin und wollte oder konnte nun aber nicht dafür sorgen, daß diese, abgesehen von ihren unbestreitbaren Rechten, auch den Pflichten ihrer Mieterin gegenüber nachkam. Was konnte ich dazu noch zu sagen?! Nur das eine, daß ich mich nunmehr völlig schutzlos fühlte.

Außerdem hatte Herr RA Piehlmeier noch die, wenn auch etwas laue, Genugtuung, daß sein Brief doch noch die Empfängerin erreichte, denn er legte seinem Schreiben an das Vormundschaftsgericht eine Kopie bei, die mich über diesen Umweg doch noch erreichte.

Natürlich habe ich die dann auch gelesen.

In seinem Schreiben an das Vormundschaftsgericht vom 11.07.97 legte er dar, daß ich die Annahme seines Briefes verweigert hat – ein, wie er meinte, sehr bezeichnender Vorgang in dieser ganzen Angelegenheit. Und er betrachte diese Angelegenheit, vorläufig jedenfalls, als erledigt.

Soweit es ihn betraf, war es das auch, wie sich im Lauf der Wochen und Monate herausstellte.

Und das ist sein letzter Brief: Der einst verweigerte!

01.07.1997

Ihr Schreiben vom 26.06.1997

Sehr geehrte Frau Fischer,

zu Ihrem Schreiben möchte ich, soweit es mich betrifft, in aller Kürze antworten:

  1. Von Anfang an war ich vom Vormundschaftsgericht München nur als Pfleger für den minderjährigen Michael Hofmann, dem Eigentümer des von Ihnen bewohnten Anwesens bestellt. Später hat mich dann Frau Hofmann gebeten auch in einzelnen Mietangelegenheiten für sie tätig zu werden, so wie geschehen. Wie ich Ihnen jeweils geschrieben habe, waren Sie zu den verschiedenen Zeitpunkten damals bei mir an der falschen Adresse und ich habe Sie regelmäßig an Frau Hofmann weiter verwiesen bzw. Ihre Schreiben dorthin weitergeleitet. Ansonsten hatte ich damals mit Ihrem Mietverhältnis und dem von der Fa. Tradler absolut nichts zu tun.
  2. Ihre beiden Schecks (Miete und Kaution) habe ich sofort an Frau Hofmann weitergeleitet, die entsprechenden Verwendungen sind Ihnen offensichtlich inzwischen nachgewiesen worden
  3. Interessant ist, daß Herr Hofmann sich sogar bereit erklärt hat, Kosten für die Heizungswart- und Reinigung zu übernehmen. Nicht verständlich ist mir in diesem Zusammenhang, daß er froh sei, wenn sich überhaupt jemand um so etwas kümmert, da Herr Tradler immerhin die Funktion des Hausmeisters inne hatte und immer noch inne hat und dafür auch eine reduzierte Miete bezahlt. Was soll also das Ganze?
  4. Der von mir in meinem Schreiben vom 02.06.1997 mitgeteilte Besichtigungstermin für 07.06.97 war eindeutig und ausdrücklich von Frau Hofmann so festgesetzt worden, ich habe hierfür sogar eine Aktennotiz erstellt, ein Irrtum meinerseits ist ausgeschlossen. Warum Frau Hofmann am 07.06.97 nicht kam, entzieht sich meiner Kenntnis.
  5. Offensichtlich kam Frau Hofmann dann am 14.06.1997 unangemeldet, ich habe jedenfalls von dieser Terminverschiebung nichts gewußt.
    Ich habe keinen falschen Termin gesetzt, sondern den von Frau Hofmann vorgegebenen Termin mitgeteilt.
  6. Selbstverständlich habe ich Ihren Original-Mietvertrag in meiner Akte, ich habe ihn von Herrn Kollegen Thaler erhalten. Zwischen mir und Frau Hofmann hat es noch nie ein Gespräch über die Existenz dieses Mietvertrages oder einem eventuellen Verlust gegeben, dies war noch nie ein Thema.
  7. Ob und was ich in dieser Angelegenheit zu sagen habe, kläre ich selbstverständlich mit Frau Hofmann direkt.
    Richtig ist, daß Frau Hofmann in der gerichtlichen Auseinandersetzung von einer Anwältin, Frau Grewe, vertreten wird. Selbstverständlich kümmert diese sich darum, soweit es das Räumungsverfahren Tradler betrifft. Mir ist nicht bekannt, ob sich Frau Kollegin Grewe auch um andere Dinge außerhalb dieses konkreten Gerichtsverfahrens kümmern soll oder vielleicht auch sollte, weil es damit im Zusammenhang steht.
  8. Sie – also mich – über die drohenden Schwierigkeiten wegen des Mietverhältnisses von vornherein aufzuklären, war nicht meine Pflicht, sondern einzig und allein die des Herrn Kollegen Thaler, mit dem Sie auch den Mietvertrag geschlossen haben. Offensichtlich hat es Herr RA Thaler auch versäumt, die Zählerstände (Strom, Wasser, Heizölstand) abzulesen, da ich trotz mehrfacher Anfragen von dort keine Antwort erhalte.
  9. Ich habe Frau Hofmann gegenüber niemals Ihre Briefe als „unverschämt“ bezeichnet, auch wenn ich tatsächlich dafür nicht zuständig war.

Dies und andere Punkte werde ich selbstverständlich auch mit Frau Hofmann klären.

Mit freundlichen Grüßen

Dieser Brief war in mancher Hinsicht doch recht aufschlußreich für mich.

Zu 1. ist zu sagen, daß er mir das ja nun wirklich hinreichend klar gemacht hatte, obwohl ich nicht verstand, warum er sich nicht die Mühe machte, mir Frau Hofmanns Adresse mitzuteilen, damit ich mich im Bedarfsfalle auch an sie wenden konnte. Es kann doch nicht die Pflicht einer Mieterin sein, ihrer Vermieterin hinterherzuforschen. Oder doch???

Zu 2. … kein Kommentar.

Zu 3. … daß es aus meiner Sicht selbstverständlich schien, daß wenigsten einer der Verantwortlichen des Hauses – und zum Zeitpunkt der Heizungsreparatur und Wartung war nun einmal auch noch Herr Hofmann mit verantwortlich – sich für die Übernahme dieser Kosten bereit erklärte. Und natürlich war er froh gewesen, daß ich mich darum gekümmert habe, denn Herr Tradler hatte, nach all den Differenzen mit Frau Hofmann, das Handtuch geworfen und sah keinen Grund, weiter seinen Hausmeistertätigkeiten nachzukommen. Vielleicht dachte er sich zu diesem Zeitpunkt auch, daß, wenn sein Mietvertrag nicht gültig sein sollte???, auch seine Verpflichtung als Hausmeister nicht gültig ist.

Zu 4…. und 5…. ist anzumerken, daß es typisch für Frau Hofmann zu sein scheint, Termine auszumachen, um sie dann und wann nicht einzuhalten, genauso wie ihre fadenscheinigen Ausreden, die sie dann hervorbringt.

Zu 6. …, daß es auch für mich selbstverständlich gewesen war, daß Herr RA Piehlmeier von Herrn Thaler den Mietvertrag erhalten hatte.

Als ich damals zu Frau Hofmann gesagt hatte, daß ihr Anwalt den Vertrag haben müßte, da war ihre Aussage „Der hat ihn nicht! Der hat ihn verschlampt!“ ja wohl eine Schutzbehauptung, eine Lüge gewesen, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, welches mich beinahe den Verlust meines – wie ich inzwischen endlich erfahren hatte „gültigen“ – Mietvertrages gekostet hätte.

Zu 7. … – Bei der Aussprache zwischen Herrn Piehlmeier und Frau Hofmann wäre ich gern ein Mäuschen gewesen, um diese mithören zu können . Ich konnte mir gut vorstellen, daß seine Geduld mit dieser Frau auch seine Grenzen hatte. So ist es für mich vorstellbar, daß er womöglich erleichtert war, daß sie nun einer Kollegin den Vorzug gab. Anderseits mag die simple und profanere Erklärung darin liegen, daß er vielleicht keine Zulassung für das Gericht in Traunstein besaß.

Zu 8. … Ja, es wäre schön gewesen, wenn Herr Thaler mich über die Mietverhältnisse aufgeklärt hätte. Anderseits war sein Verschweigen erklärlich, ging es ihm ausschließlich darum, endlich wieder einen Mieter für die Wohnung zu bekommen, um mit der zusätzlichen Miete einen Teil der laufenden Kosten zu begleichen. Aber daß er, nachdem man ihn durch Herrn Piehlmeier ersetzt hatte, über seine Zeit als Pfleger hinaus, trotzdem noch die Zählerstände hätte ablesen sollen, darüber wunderte ich mich sehr. Wäre das nicht Sache der Hofmanns gewesen oder des neuen Pflegers? Wie auch immer – in dieser Angelegenheit ist so oder so viel geschlampt worden.

Zu 9. … ,daß Frau Hofmann geäußert hat, Herr Piehlmeier halte meine Briefe für unverschämt, der das aber bestreitet, kann nur bedeuten, sie selbst fand sie unverschämt. Weil sie aber nicht den Mut hatte, es mir selbst ins Gesicht zu sagen, schob sie es einem anderen in den Mund.

Soweit dazu!

Ab da hörte ich nichts mehr von Herrn Piehlmeier.

Aber damit war nicht etwa das Briefeschreiben an sich beendet. Statt dessen bekam zur Abwechslung Frau Tradler mal einen Brief. Da dieses Schreiben auch mich betraf, gab sie ihn mir später zum Lesen. Mit Datum vom 4.8.1997 teilte ihr Frau RA Grewe mit:

Sehr geehrte Frau Tradler,

in vorgenannter Angelegenheit zeige ich ausweislich anliegender Vollmacht an, daß ich Frau Gerda Hofmann, anwaltschaftlich vertrete. Meine Mandantin berichtete mir, daß sie bei einem angekündigten Besuchstermin (Ha, ha, angekündigt!… Zwei Tage vor ihrem Erscheinen und noch dazu von den Mietern aufgefordert, von diesem Termin Abstand zunehmen) am 21.6.97 gegen 17.00 Uhr das Haus nicht betreten konnte. Sie selbst waren offensichtlich nicht anwesend. Das Schloß der Haustüre ist offensichtlich ausgewechselt worden, da der Schlüssel meiner Mandantin nicht mehr aufsperrte. Die Mieterin im Erdgeschoß hat meiner Mandantin den Zutritt verboten.

Namens und in Vollmacht meiner Mandantin fordere ich Sie hiermit auf, unverzüglich, spätestens jedoch bis zum 18.August 1997 meiner Mandantin den Zugang zum Haus wieder zu gewähren und sicherzustellen. Sie haben dazu das ursprüngliche Schloß wieder einzubauen und sind auch keinesfalls befugt, meiner…

(Hier endet das Blatt, die zweite Seite hatte ich nicht zum Lesen. War auch nicht notwendig, mir reichte schon der Anfang! )

Schon während des Lesens stellte sich bei mir Empörung ein. Aber es war eine reichlich sinn- und hilflose Empörung. Was immer ich tat und sagte schien nutzlos zu sein, angesichts einer Frau, die Ärger machen wollte.

Daß die Tradlers damals das Schloß ausgetauscht hatten, war rein zu ihrem Schutz geschehen, weilFrau Hofmann sich einmal gewaltsam Zutritt verschafft hatte und die darauf von der Polizei abgeführt wurde und später Hausverbot bekam.

Was aber die Vorwürfe in dem Brief anging, soweit sie mich betrafen, so wollte ich wenigstens die nicht unerwidert lassen.

In dem Brief, den ich am 8. August 97 an die neue Anwältin von Frau Hofmann schrieb, stellte ich den wahren Tatbestand fest. Ich verheimlichte ihr auch nicht meine Sorge, die mich erfüllte – jetzt, wo die Tradlers, unter dem massiven, gerichtlich von Frau Hofmann angestrebten Druck, das Feld räumten und in Kürze ausziehen würden. Meiner Mitstreiter beraubt, sah ich mich noch schutzloser der Frau ausgeliefert, die keinen Mieter in ihrem „Haus“ duldete, der nicht von ihr selbst ausgewählt worden war. Mit sämtlichen Schlüsseln des Hauses versehen, konnte sie ungehindert jede beliebige Tür öffnen, und ich hatte so meine Zweifel, ob sie in meiner Abwesenheit vor meiner Wohnungstür halt machen würde. Aus diesem Grund bat ich die Anwältin, Frau Hofmann auszurichten, daß auch ich mich nach einer anderen Wohnung umsehen würde.

Ja, nun war es so weit! Nun machte auch ich mir Gedanken über einen neuerlichen Umzug. Finanziell, körperlich und nervlich gesehen, würde das zwar wieder eine große Belastung für mich bedeuten, aber als Lohn winkte mir eine neue Heimstatt, in der ich hoffentlich und endlich ein friedvolleres Dasein erlangen würde. Aber bis dahin sollten noch einige Monate vergehen!

Vorerst erlebte ich, wie die Tradlers ihren Umzug vorantrieben. Sie hatten eine schöne Wohnung gefunden, die größer und um 200,– DM billiger war, als die im hofmannschen Haus. Und was noch wichtiger war – sie gehörte einem Mann, dem das Wohl seiner Mieter am Herzen lag.

Außerdem erlebte ich, daß man mich bei all dem nicht vergaß.

Eines Abends kam der Simon (zur Erinnerung, das war Herrn Tradlers Bruder) und tauschte mir kostenlos das Wohnungsschloß gegen ein neues aus. Eine Last wich damit von mir! Wenigstens in dieser Hinsicht konnte ich beruhigt sein, konnte die Sorge vergessen, daß man meine Wohnung ohne meine Zustimmung betreten würde.

Und wahrlich – ich hatte wegen dieses Austausches nicht die geringsten Skrupel. Insgeheim erwartete ich zwar in den folgenden Wochen, Frau Hofmann würde mich deswegen einmal zur Rede stellen, aber das traf glücklicherweise nie ein.

Dafür kamen erneut andere Unannehmlichkeiten auf mich zu.

Eines Tages im September bat Frau Tradler mich um meine Anwesenheit in ihrer Wohnung am kommenden Samstag, weil sich Frau Hofmann mitsamt ihrer Anwältin angemeldet hatte. Mit diesem Besuch realisierte Frau Hofmann die für sie längst fällige Inspizierung der oberen Wohnung.

Zu ihrem Erscheinen hatte Frau Tradler zwar ihre eigene Anwältin dazu gebeten, aber das schien ihr nicht genug zu sein. Diese ansonsten durchaus resolute zierliche Frau, hatte eine Heidenangst vor Frau Hofmann und wollte Schützenhilfe, soviel sie nur bekommen konnte.

Nun, den Gefallen würde ich ihr gerne tun.

Der Samstag kam und alle stellten sich ein.

Ich setzte mich, nach dem ich die obere Wohnung betreten hatte, an den Eßtisch der Tradlers und verfolgte meist schweigend, was um mich herum vor sich ging.

Frau Hofmann benahm sich zivilisiert – was wohl die Anwesenheit ihrer Anwältin ausmachte – und beanstandete nach Besichtigung der Wohnung als Einzigstes ein winziges Stück fehlender Fliese in der Küche. Frau Tradler regte sich wegen dieser Kleinlichkeit auf, versprach aber, das zu beheben. Anschießend wurden die Modalitäten für den kommenden Umzug besprochen.

Als ich merkte, daß für Frau Tradler alles gut ablief und ich nicht mehr von Nöten war, verabschiedete ich mich und kehrte in meine Wohnung zurück.

Es mag vielleicht 1/4 Stunde vergangen sein, als ich von meinem Wohnzimmerfenster aus Frau Hofmann und ihre Anwältin, Frau Grewe, in den Garten kommen sah. Frau Grewe hielt immer noch ihren Notizblock und einen Stift in den Händen, bereit niederzuschreiben was Frau Hofmann ihr mitzuteilen hatte.

Sie näherten sich meiner Reklametafel und stellten sich davor auf. (Diese Tafel hatte ich als Reklame zum Verkauf meiner Fensterbilder dort aufgestellt.) Lebhaft redete Frau Hofmann auf ihre Anwältin ein, worauf diese anfangen wollte etwas auf ihren Block zu schreiben.

Ach du liebe Güte, dachte ich mir, jetzt werden sie doch nicht noch einen Prozeß wegen dieser Tafel anstreben.

Ich wußte, daß sie ein Dorn in Frau Hofmanns Augen war, von dem sie nun wohl anstrebte, ihn mit Hilfe eines Gerichtes herauszuziehen. Aber dem kam ich zuvor. Ich ging nun ebenfalls rasch in den Garten und gesellte sich zu den beiden Frauen.

„Ist damit etwas nicht in Ordnung?“ fragte ich.

Leicht keifend erklärte mir daraufhin Frau Hofmann, was damit alles nicht in Ordnung war. Ihre Rede gipfelte am Ende in der Aussage, daß man schließlich nicht wissen könne, welch schlimme Menschen man damit in das Haus zöge.

„Nun gut, Frau Hofmann!“ sagte ich. „Wegen dieser Reklametafel möchte ich mich wirklich nicht mit Ihnen streiten. Noch morgen werde ich sie entfernen. Aufwiedersehen!“ Und damit ging ich ins Haus zurück.

Selbstverständlich hielt ich mein Wort.

Am folgenden Tag baute ich den Stein des Anstoßes ab. Niemand hatte sich an dem Schild gestört und nie hatte es bisher Unannehmlichkeiten für das Haus mit sich gebracht. Aber wenn Frau Hofmann meinte, es müsse weg, dann tat ich es eben weg. Wenn Frau Hofmann aber geglaubt hatte, mir damit zu schaden, dann hatte sie sich getäuscht. Das Geschäft mit meinen Fensterbildern und Strickpuppen ging sowieso mehr als schleppend, da konnte das Entfernen der Schautafel auch nichts mehr verschlechtern.

Hätte Frau Hofmann das gewußt, wer weiß, ob sie dann genau so erpicht darauf gewesen wäre, das Schild entfernen zu lassen. Womöglich nicht!

Mitte Oktober hatten die Tradlers dann ihren Umzug hinter sich. Leichten Herzens waren sie aus der Wohnung geschieden, in der sie häufig mit Ungemach gelebt hatten. Anschließend zogen mit Handwerkszeug und Farbe drei ihrer Freunde ein, um sie aufs Beste zu renovieren und streichen. Als auch das getan war, erschienen nochmals die Parteien (Tradlers mit Anwältin, Frau Hofmann mit der ihren und ich), wegen der Ab- und Übernahme. Wir durchwanderten die kahlen Räume, die mit ihren sauber geweißten Wänden und den gereinigten Böden einen guten Eindruck machten, und fast jeder war angetan von der perfekt geleisteten Arbeit. Alle – bis auf Frau Hofmann! Daß sie anfing pingelige Kritik zu üben, lag sicherlich daran, daß sie hoffte, einen Teil der Kaution behalten zu können. Aber weit kam sie damit nicht! Ihre eigene Anwältin fiel ihr ins Wort und erklärte, daß es an der Wohnung wirklich nichts auszusetzen gäbe. Daraufhin gab Frau Hofmann leicht verlegen auf. Und so wurde die Übergabe erfolgreich abgeschlossen und endete mit Frau Hofmanns Zusicherung, den Tradlers in den nächsten Tagen ihre Kaution zurückzuerstatten.

(Das tat sie aber nicht! Sie fand später Ausreden über Ausreden, um sich von diesem Geld nicht trennen zu müssen.

Am 29.12.1999 rief ich Frau Tradler an, um nachzufragen, ob sie nun endlich ihr Geld bekommen hätten. Aber nein, sie hatten es noch nicht! Zwei Jahre waren inzwischen vergangen und die Tradlers mußten immer noch um ihre ca. 2 500,00 DM kämpfen. Wirklich bitter für sie!)

Nach Tradlers Auszug war ich ganz allein in dem Haus.

In der Folgezeit hörten Frau Hofmanns Benachrichtigungen über ihre diversen Anwälte zwar erst einmal auf, aber dafür erschien sie – nun im Besitz fast sämtlicher Schlüssel – öfters an den Samstagen, was ihr mancherlei Gelegenheit bot, mich zu schikanieren.

Da war vor allem die Sache mit der Aschentonne!

Ich hatte gedacht, daß ich jetzt endlich auch einmal meinen Abfall dort hineingeben könnte, aber falsch gedacht! Frau Hofmann hatte kurz nach Tradlers Auszug begonnen den Hobby- und einen der Kellerräume auszuräumen und hatte alles, was sie nicht mehr brauchte, in die Tonne gesteckt, bis sie so voll war, daß nichts mehr hineinging. Darüber ärgerte ich mich sehr! Aber was sollte ich dagegen tun? Mich deswegen mit Frau Hofmann zu streiten? Nein! Das brachte nichts! Das wußte ich nun hinlänglich genug. Also schluckte ich meinen Ärger hinunter und brachte zudem am nächst fälligen Abholtag die Tonne nach vorn zur Straße, damit man sie ausleeren konnte. Aber schon am Wochenende darauf, füllte Frau Hofmann sie wieder randvoll auf. Jetzt hatte ich aber die Nase voll! Jetzt reichte es mir! Sollte Frau Hofmann doch zusehen, wohin sie in Zukunft ihren Müll hineinstecken konnte. Ich würde die Tonne jedenfalls nicht mehr zum Entleeren wegbringen!

Und so stand die Tonne dann auch wochenlang ungeleert herum, während ich weiterhin gezwungen war meinen Abfall anders zu entsorgen.

Frau Hofmanns Aktivitäten nahmen nun die verschiedensten Formen an.

Einmal erschien sie mit einem älteren Mann und besichtigte mit ihm zusammen das Haus. Kurz bevor sie an diesem Tag wieder nach München zurückfuhr, erwischte sie mich im Hausflur und bat mich, aus diesem meinem Schuhschrank und die beiden Bilder von den Wänden zu entfernen. Als Grund gab sie an, daß der sie begleitende Mann ein Malermeister sei, der demnächst den Flur renovieren würde. Um keine Diskussion aufkommen zu lassen sagte ich kurzerhand zu. In Wirklichkeit hatte ich aber nicht die Absicht das auch zu tun. Wirklich nicht! Ich würde zuerst einmal abwarten, bis er wirklich auftauchte, dann wäre immer noch Zeit genug, die paar Sachen zu entfernen, denn ich sah nicht ein, warum ich auf eine bloße Ankündigung von Frau Hofmann den Schuhschrank in meine Wohnung herein nehmen sollte, in der ich keinen geeigneten Platz für ihn hatte. Und daß es eine bloße Ankündigung war, stellte sich später heraus.

Ein anderes mal forderte sie mich auf, meinen Kompostbehälter aus Plastik, der neben ihrem vergammelten Behälter aus Holzlatten, im Garten hinter dem Haus, neben dem Zaun des Nachbargrundstückes, stand, wegzutun. Auch hierfür hatte sie eine Erklärung: Am Montag würde ein Mann kommen und das Abwassersystem des Grundstückes richten.

Diese Ankündigung fand ich – nun schon gewitzt – keiner Erwiderung wert. Wieder würde ich erst einmal abwarten, ob tatsächlich jemand auftauchte. Und siehe da – es kam niemand!

Ich fragte mich, was das wohl sollte. Was hatte Frau Hofmann davon, mir solche Ankündigungen zu machen, deren Ausführungen dann nicht erfolgten? Darauf gab es für mich selbst zwei Antworten:
1. Sie hatte wirklich vor das Angekündigte erledigen zu lassen, fand aber keine Arbeitskräfte zum entsprechenden Zeitpunkt, die das auch ausführten, oder
2. sie wollte meinen Widerspruchsgeist herausfordern, um so eventuell einen Kündigungsgrund zu konstruieren.

Sollte 2. ihr Grund gewesen sein, so mußte ich sie enttäuschen. Mit Menschen, wie Frau Hofmann, hatte ich gelernt weitgehend sanftmütig umzugehen. Diskussionen wurden von deren Seite häufig unsachlich geführt und brachten daher selten ein zufriedenstellendes Ergebnis. Da war es besser nachgiebig zu erscheinen und dann abzuwarten.

Diese Taktik bewährte sich auch in diesem Fall, und siehe da – Frau Hofmann kam auch nicht mehr darauf zu sprechen.

Ihr Glück, sonst hätte ich ihr was erzählt – etwas vom Einhalten vorhergesagter Dinge.

Nun, da die obere Wohnung frei und zur Weitervermietung zu Verfügung stand, sollte sie auch neue Mieter bekommen. Wie genau Frau Hofmann das handhabte, blieb mir ein Rätsel – ich bekam nur die Auswirkungen zu spüren.

Eines Nachmittags – ich arbeitete wie so oft an meinem Roman – fielen mir Leute auf, die vor meinem Fenster hin- und hergingen. Zuerst versuchte ich sie zu ignorieren. Als diese Leute aber nach einer halben Stunde immer noch draußen standen – ganz offensichtlich warteten sie auf etwas – ging ich nach draußen, um sie nach dem Grund ihrer Warterei zu fragen. Gleich, nachdem sie mich erblickten, stellte sich sichtbar frohe Erleichterung auf ihren Mienen ein, das aber rasch wieder verschwand, als sich der Irrtum aufklärte, weil ich ja nicht die von ihnen erwartete Frau Hofmann war.

Es kam dann heraus, daß Frau Hofmann einem Makler die Wohnung zur Vermietung anvertraut hatte. Der hatte auch Mietwillige gefunden und dann einen Termin mit Frau Hofmann ausgemacht, an dem sie nach Feichten kommen sollte, damit sie zusammen die Wohnung besichtigen konnte. Nun warteten sie schon seit „einer“ Stunde auf Frau Hofmann (komisch, dachte ich, ich habe ihre Ankunft gar nicht richtig mitbekommen – die halbe Stunde vorher, ist gänzlich unbemerkt an mir vorübergegangen), wer aber nicht erschienen, das war sie!

Damit fiel mir der „Schwarze Peter“ zu, ihnen zu sagen, daß sie nicht weiter zu warten bräuchten, denn Frau Hofmann würde bestimmt nicht mehr kommen. Selbst Frau Hofmann war eine Zeitüberschreitung von einer Stunde nicht zuzutrauen. Wenn sie kam, dann kam sie schon einigermaßen pünktlich. Aber an diesem Tag hatte sie ihren Termin mit dem Makler und seinen Klienten entweder vergessen – was jedem mal passieren kann, oder aber sie hatte ihn absichtlich ignoriert, weil ihr die Fahrt nach Feichten zu mühselig war. Wie auch immer – zuzutrauen war ihr das eine wie das andere. Aber helfen tat das den Menschen, die fröstelnd im Freien auf sie warteten, nicht. Ich sprach zwar voller Mitgefühl mein Bedauern für ihre lange, ergebnislose Warterei aus, konnte sie damit aber nicht besänftigen. Sie waren stinksauer auf Frau Hofmann – vor allem aber der Makler!

„Na, die wird was von mir hören!“ sagte er sehr erbost und aufgebracht. „Und einen anderen Makler kann Sie sich auch suchen!“

Auch seine Klienten gaben nun ihrer Empörung über das Versetztwerden Ausdruck. Daß sie gewartet und nun auch noch unverrichteter Dinge wieder abfahren mußten, verärgerte sie gewaltig!

Das waren die ersten Interessenten gewesen. Ihnen folgten – wie sollte es anders sein – weitere.

Die nächsten waren ein elegantes, schon etwas älteres Ehepaar.

Zuerst bekam ich von ihrem Besuch wenig mit. Ich bemerkte nur, daß Frau Hofmann mit jemanden im Haus herumgeisterte – ihre Schritte waren auf der Treppe und dann in der Wohnung über mir zu hören. Eine Zeitlang später fiel die Haustür ins Schloß und zwei Autos fuhren wieder ab. Ruhe kehrte ins Haus zurück.

Ca. eine viertel Stunde danach – ich hatte gar kein Auto vorfahren hören – läutete es an meiner Wohnungstür. Ich ging leicht beunruhigt hinaus und sah, daß vor der Haustüre Leute standen. Frau Hofmann konnte es nicht sein, die war doch weggefahren. Oder doch nicht? War sie zurückgekommen? Aber nein, die bräuchte ja nicht zu klingeln, die hatte ja einen Schlüssel. Also war das jemand anderes. Ich öffnete, um zu sehen, wer da was von mir wollte.

„Bitte, entschuldigen Sie die Störung!“ sagte ein mir unbekannter Mann, der auf das Öffnen der Tür gewartet hatte. „Meine Frau und ich haben vorhin die obere Wohnung besichtigt und wollten jetzt gerne einmal mit Ihnen deswegen reden. Wir haben extra etwas abgewartet, bis wir sicher waren, daß Frau Hofmann nicht mehr da ist, wenn wir mit Ihnen reden. Wir würden gern wissen, ob Sie uns darüber etwas sagen können.“

Ich überlegte nicht lange und bat das Ehepaar einzutreten. Während ich die Haustür schloß, überlegte ich rasch, was ich ihnen darauf antworten sollte. Sollte ich ihnen die Wahrheit sagen oder sollte ich ihnen die Schwierigkeiten, die Frau Hofmann machen konnte, wenn ihr etwas quer kam, lieber verschweigen. Ich dachte an das, was mir erspart geblieben wäre, wenn man mich rechtzeitig aufgeklärt hätte und entschied mich für die Wahrheit.

Als ich diese dem Paar erläutert hatte, erwiderte der Mann: „So etwas haben wir uns schon gedacht! Frau Hofmann hat sich etwas seltsam benommen und deshalb sind wir zurückgekommen, um mit Ihnen zu reden. Die Wohnung ist ja recht schön, aber wenn ein Vermieter derartige Schwierigkeiten macht, dann nehmen wir lieber Abstand davon, sie zu mieten.“

„Es kann ja sein, daß sie sich Ihnen gegenüber ganz anders verhält!“ sagte ich, um gerecht zu sein. Aber der Mann und seine Frau waren sich einig. Sie würden dieses Risiko nicht eingehen. Sie bedankten sich bei mir und verabschiedeten sich.

Am darauf folgenden Samstag kam Frau Hofmann mit einem jungen Paar. Wieder hörte ich erst Schritte und Stimmen über mir. Kurze Zeit später klangen sie aus dem unteren Flur zu mir herein, als sie sich in den Keller begaben. Anschließend gingen sie noch einmal in die obere Wohnung zurück. Diese Gelegenheit benutzte ich, um rasch aus meinem Kellerraum eine Flasche Mineralwasser zu holen. Ich war höchst erstaunt, als ich dabei feststellen mußte, daß in meinem Keller das Licht brannte.

Bisher hatte ich es nie für nötig erachtet, diesen Raum zu versperren. Erstens hatte ich sowieso nichts zu verbergen, zweitens war ich mir immer sicher gewesen, daß Tradlers kein Interesse daran hatten, darin herumzuschnüffeln. Aber daß Frau Hofmann jetzt einfach – und noch dazu mit fremden Leuten  – hineingegangen war, machte mich wütend – das war eine Verletzung meiner Privatsphäre. Und das würde ich ihr auch nicht durchgehen lassen, selbst wenn es bedeutete, daß ich mich mit ihr wieder mal anlegen mußte. Etwas, das immer an meinen Nerven zerrte.

Ich ging zuerst einmal in meine Wohnung zurück und lehnte die Türe nur an. Dann wartete ich auf den Moment, in dem Frau Hofmann mit ihrem Besuch von oben herunter kamen. Als ich sie schließlich hörte, ging ich ihnen ein Stück entgegen. Frau Hofmann war bereits herunten, das junge Paar noch auf der Treppe.

Ich versuchte das Zittern, das sich wegen meiner Wut in mir breitgemacht hatte, in meiner Stimme zu unterdrücken, als ich meine Vermieterin nun ansprach.

„Frau Hofmann,“ sagte ich gut hörbar, „wenn Sie schon in meinem Keller herumschnüffeln, dann machen Sie wenigstens beim Verlassen das Licht wieder aus!“

Frau Hofmann machte eine starke abwinkende Bewegung mit der Hand und erwiderte zischend: „Seien Sie doch still!“

Aber so leicht ließ ich sie nicht davon kommen. Deshalb wiederholte ich meinen Satz noch einmal akzentuiert, um sicher zu sein, daß ihn auch jeder der Anwesenden verstanden hatte.

Befremdung und Bestürzung zeigten sich daraufhin auf den Gesichtern der Wohnungssuchenden. Was sie dachten, wußte ich natürlich nicht, ich konnte nur hoffen, daß sie die richtigen Schlüsse daraus zogen. Dann drehte ich mich um und ging in meine Wohnung zurück. Drinnen zündete ich mir erst einmal eine Zigarette an – wirklich, diese Frau zerrte stark an meinen, sowieso schon stark belasteten, Nerven. Wieder einmal dachte ich darüber nach aufzugeben und mir wie Tradlers eine andere Wohnung zu suchen, beschloß dann aber abzuwarten. Ohne Frau Hofmanns Anwesenheit fühlte ich mich immer noch wohl in dieser Wohnung und wollte das nicht so einfach aufgeben. Ich hegte die vage Hoffnung, daß Frau Hofmann nicht ständig jede Woche nach Feichten kommen konnte. Irgendwann würde ihr diese ständige Hin- und Herfahrerei zu lästig werden – noch dazu, weil sie dazu immer einen Fahrer brauchte – und ihre Visiten einstellen. Das würde aber – so rechnete ich mir aus – nur geschehen, nachdem neue Mieter eingezogen waren. So beschloß ich, mich in Zukunft völlig aus dieser Sache herauszuhalten.

Daß ich das konnte, bewies ich mir selbst eine Woche später.

An diesem Samstagnachmittag, gegen drei Uhr, stieß ich auf meinem Weg nach draußen auf Frau Hofmann, die wohl gerade angekommen war. Ich grüßte sie und wollte ohne weitere Worte an ihr vorbei, als sie mich ansprach:

„Frau Fischer, ich kriege jetzt gleich Besuch, die sich die Wohnung anschauen werden!“ sagte sie. „Bleiben Sie dann in Ihrer Wohnung, ich möchte Sie hier draußen nicht sehen!“

Na, diese Forderung war ja wohl ein starkes Stück. Gab sie mir jetzt Ausgehverbot, um ihre Vermietung nicht zu gefährden? Ja, ganz offensichtlich! Das signalisierte, daß sie beunruhigt war. Ihre Sorge, ich könnte ihr wieder in die Quere kommen, war zwar unbegründet, aber das konnte sie ja nicht wissen. Trotzdem – angesichts dessen, was sie mir schon alles zugemutet hatte, hegte ich nicht die Absicht, es ihr leichter zu machen. Darum war es schon ein wenig boshaft, als ich ihr mit sanfter Stimme und lächelnd erwiderte: „Vielleicht bleibe ich drin, vielleicht auch nicht!“

Verdammt noch mal, sollte sie doch schmoren! Diese Frau ließ kaum eine Gelegenheit aus, wenn es darum ging ihre egoistischen Pläne durchzusetzen. Wenn sie dabei andere Menschen verletzte, ging sie mit erstaunlicher Gleichgültigkeit darüber hinweg. Aber was soll’s – ich war ja nicht mit ihr verheiratet. Mir stand immer die Möglichkeit offen auszuziehen. Ich konnte ihr entfliehen, Frau Hofmann sich selbst aber nicht.

Nach meiner kurzen Erwiderung, die demonstrierte, daß ich mir nicht verbieten ließ, meine Wohnung zu verlassen, wann immer ich wollte, ging ich an Frau Hofmann vorbei in den Garten.

Als die Wohnungssuchenden kurze Zeit später eintrafen, war ich jedoch wieder in meinen Räumen. Dort blieb ich auch, aber nur, weil es keine Notwendigkeit gab, nicht dort zu bleiben. Darüber mag Frau Hofmann sehr erleichtert gewesen sein.

In der folgenden Zeit blieben Wohnungsbesichtigende aus und ich war im Unklaren, ob sie schon vergeben war oder nicht. Im Grunde war es mir ja egal, trotzdem fragte ich aus reiner Neugier Frau Hofmann einmal, ob sie bereits Mieter für die Wohnung hätte. Das bejahte sie und nannte mir einen Termin, an dem sie einziehen würden. Als dieser Termin aber heranrückt und schließlich verstrich, ohne daß sich etwas tat, wußte ich einmal mehr, was ich von Frau Hofmanns Aussagen zu halten hatte.

Wie gesagt, Wohnungssuchende blieben aus – wer aber nicht ausblieb, das war Frau Hofmann. Fast jeden Samstag stellte sie sich nun ein. Oft kam sie mit einem pensionierten Malermeister, mit dem zusammen sie Renovierungsarbeiten vornahm. Er war ein freundlicher, meist stiller Mann und machte mir keine Schwierigkeiten. Anders Frau Hofmann! Immer wieder ersann sie einen Grund, mich aus meiner Wohnung herauszuklingeln.

Beim ersten Mal schob sie die Ausrede vor, sie wolle mir den längst fälligen zweiten Haustürschlüssel geben. Dann verwickelte sie mich aber in ein Gespräch, welches mit dem Schlüssel nicht das Geringste zu tun hatte. Ja, es stellte sich sogar heraus, daß Frau Hofmann den Schlüssel gar nicht dabei hatte. Daraufhin kürzte ich das Gespräch ab und verschloß mich in meiner Wohnung.

Inzwischen war es tief im November. Ich arbeitet an meinen Fensterbildern und meinem Roman, soweit meine Kräfte das zuließen.

Eines Nachmittags saß ich vertieft vor meinem Computer und merkte zuerst nicht, daß etwas vor sich ging. Draußen war es leicht diesig und auch die Dämmerung hatte eingesetzt. Erst als ein Schatten zum wiederholten Male an meinem Fenstern vorbei strich, wurde ich darauf aufmerksam. Ich erhob mich vom Stuhl, ging zur Terrassentür und schaute hinaus. Auf meinem Rasen vor dem Wohnzimmerfenster stand ein Mann, den ich auf Anfang Mitte sechzig schätzte und musterte das Haus. Seine Kleidung war zu dünn für diese Jahreszeit und machte einen leicht verwahrlosten Eindruck; aber er hatte ein gutes Gesicht. Ich überlegt kurz, ob ich ihn ignorieren – er könnte ja ein böser Bube sein – oder ob ich ihn fragen sollte, ob und was er hier suchte.

Meine Neugier siegt! Wenn er wirklich böse Absichten hatte, könnte ich mich immer noch schnell in meine Wohnung zurückziehen und die Tür zwischen uns verriegeln.

Das war dann aber nicht notwendig! Es stellte sich heraus, daß er auf Betreiben von Frau Hofmann nach Feichten gefahren war. Sie suchte einen Hausmeister für das Haus und er hatte sich auf ihr Inserat gemeldet. Für heute hatten sie einen Termin abgemacht, um alles zu besprechen und nun wartete er schon seit zwei Stunden auf sie – wie er mir erzählte.

„Ach, du liebe Güte!“ rief ich voller Mitleid aus, weil mir sofort klar war, daß der Mann umsonst auf Frau Hofmann wartet. „Was haben Sie denn die ganze Zeit da draußen gemacht, während Sie gewartet haben?“

„Na ja, ich bin ein paar Mal ums Haus gegangen (aha, daher also die Schatten, die mir schließlich aufgefallen waren) und habe mir alles angesehen und einen Teil der Zeit habe ich im Auto verbracht.“

Das war somit beantwortet. Aber ich hatte eine weitere Frage: „Sagen Sie mal, frieren Sie denn nicht?“

Die Antwort darauf fiel derart aus, daß ich mir ein Herz nahm und den Mann erst einmal herein bat, in die Wärme meines Wohnzimmers. Sollte er sich doch noch als Wüstling heraus stellen, dann würde ich mich schon zu wehren wissen.

Er war aber keiner – er war nur ein armes Würstchen, das angelockt von den großartigen Ausführungen und Versprechungen von Frau Hofmann hierher gekommen war, um sich dann fast etwas abzufrieren, weil sie nicht kam und – auch nicht kommen würde. Das machte ich im sehr schnell klar. Er nahm es einigermaßen gelassen hin. Wenigstens hatte jetzt seine Warterei ein Ende.

Wir plauderten ein Weilchen miteinander, bis ich feststellte, daß sich seine verfrorene Haut wieder rosig färbte. Dann schickte ich ihn auf den Nachhauseweg.

Ich machte mir so meine Gedanken über das neuerliche Wirken von Frau Hofmann. Aber hätte es etwas gebracht, sie damit zu konfrontieren? Bestimmt nicht! Wahrscheinlich hätte sie geleugnet, ihn herbestellt zu haben oder es mit einem Achselzucken abgetan. Also ließ ich es sein – ich hatte auch so genug Ärger mit ihr.

Und der nächste wartete schon auf mich! Es nahm kein Ende und würde wahrscheinlich erst enden, wenn ich auszog. Aber noch war ich dazu nicht bereit.

So war ich auch nicht weiter überrascht, als – wie sollte es anderes sein – wieder an einem Samstag Frau Hofmann bei mir klingelte. Diesmal machte ich nicht gleich auf, sondern fragte durch die Tür hindurch, was sie wolle.

„Ich habe Ihren Hausschlüssel dabei, den möchte ich Ihnen geben!“ rief sie zurück.

Trotz meines Mißtrauens, daß Frau Hofmann mich eventuell wieder wegen einer anderen Sache herauslocken wollte, öffnete ich die Tür. Und siehe da, mein Mißtrauen war berechtigt! Dieser Frau  war jedes Mittel recht, um sich mit mir zu streiten. Sie baute sich vor mir auf, stemmte die Hände in die Hüften und fuhr mich an: „Wirklich Frau Fischer!“ sagte sie. „Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen, daß Sie nicht in den Heizungskeller gehen dürfen. Aber“ und damit warf sie den Kopf etwas nach hinten, „damit ist jetzt Schluß! Jetzt hat er ein neues Schloß! Und an der Wand ist ein kleiner Kasten angebracht worden, in dem der Schlüssel hängt. Den Schlüssel dazu bekommt der neue Mieter – nur der darf ab jetzt den Heizraum betreten.“

Nachdem sie das abgelassen hatte, drehte sie sich um und stolzierte davon. ‘Der habe ich es aber gegeben!’ mochte sie dabei wohl gedacht haben.

Auch recht, dachte ich mir. Mach nur so weiter, dann bist du mich bald los und zog mich meinerseits zurück.

Daß ich nun nicht mehr im Heizungskeller die Temperatur regeln konnte war schon ein Handicap für mich. Die Heizung hatte so ihre Tücken und wenn ich sie tagsüber nicht auf Handbetrieb stellte, konnte es sein, daß ich mitten am Tag in der Wohnung fror! Und ich fror recht schnell, wenn ich stundenlang vor meinem Computer saß. Ach ja und den zweiten Haustürschlüssel hatte ich immer noch nicht!

Um es kurz zu machen: Den Haustürschlüssel erhielt ich nie. Frau Hofmann läutete in dieser Sache zwar ein drittes Mal an meiner Tür, aber ich öffnete ihr auch diesmal nicht. „Was wollen Sie schon wieder?“ fragte ich sie durch die Tür hindurch.

„Frau Fischer, ich habe hier Ihren Schlüssel in der Hand, den will ich Ihnen geben!“ kam es von der anderen Seite.

Daß sie betonte, sie habe den Schlüssel in der Hans, zeigte mir deutlich, daß selbst sie damit rechnete, ich würde ihr nicht mehr glaubte.

Aber ich hatte genug wegen dieser Angelegenheit und erwiderte: „Wissen Sie was, den brauche ich nicht mehr! Den können Sie behalten!“

„Aber warum denn?“ fragte sie. „Ich habe ihn wirklich. Machen Sie auf und ich gebe ihn Ihnen.“

„Nein!“ sagte ich. „In dieser Sache haben Sie mich lange genug an der Nase herumgeführt. Ich brauche ihn nicht mehr und damit Schluß. Und hören Sie auf, mich ständig zu belästigen.“

„Ich belästige Sie doch nicht“, kam leicht empört ihre Antwort durch die Tür.

„Doch, das tun Sie!“ gab ich zurück. „Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, ich habe zu arbeiten.“

Ich wartete gar keine Antwort mehr ab, sondern ging in mein Wohnzimmer.

Etwas später begegnete mir Frau Hofmann dann zufällig im Flur. Ich war aus dem Waschkeller gekommen und Frau Hofmann die Treppen herunter. Sie blickte mich mit einem seltsamen Blick an und sagte: „Ich weiß schon, Frau Fischer, daß Sie mich für dumm halten!“

Ich erwiderte nichts, schenkte ihr ein besonders schönes Lächeln und ging in meine Wohnung. Dabei dachte ich: Du kannst dir gar nicht vorstellen, für wie dumm ich dich halte! Das hast du oft genug bewiesen! Denn wie war das noch einmal mit dem Komposthaufen gewesen? Ach ja richtig! Anfang November hatte sie den ganzen alten Kompost beiseite geräumt, ihren Holzbehälter neu platziert und anschließend mit dem Kompostmaterial wieder aufgefüllt. Das hatte sie recht ordentlich gemacht – fleißig war sie, das muß ich ihr lassen. Die ganze Sache hatte nur eine kleinen Schönheitsfehler, und das stellte sich bei dem nächsten heftigen Regen heraus.

Drei Tage hintereinander hatte es damals sehr heftig geregnet. Und jedes mal, wenn es regnete, sickerte das Wasser die leicht zum Haus und den benachbarten Grundstücken abfallende Wiese hinunter. Bei den Nachbargrundstücken stieß es schließlich auf die Betonbarriere der Zaunfundamente, sammelte sich dort, schoß daran entlang und verschwand schließlich im Abwasserrohr. Bisher!!! denn nichts stand ihm im Weg. Aber damit war es nach Frau Hofmanns Kompostneuordnung vorbei. Als sie den Kompostbehälter neu einrichtete hatte, hatte sie ein eigentlich untrügliches, sichtbares Zeichen – einen ca. 15 cm breiten, vom Regenwasser ausgewaschenen Streifen entlang der Zaunfundamente – übersehen oder ignorierte und den Behälter bündig an das Fundament gerückt. Das Wasser – und es war viel an den drei Regentagen -, das plötzlich nicht mehr hinter dem Kompost vorbeifließen konnte, sammelte sich zuerst vor dem Hindernis, bahnte sich dann einen Weg durchs Gras und direkt auf die Wand unserer Garage zu. Dort versickerte drei Tage lange das kleine Bächlein zwischen Erde und Wand. Ob das der Wand gutgetan hat? Wohl kaum! Daß ich das für dumm gehalten habe? Wen sollte es wundern!

Der November ging vorüber, die Adventszeit begann.

Jetzt, wo ich die Heizung nicht mehr selbst einstellen konnte, war es tagsüber recht kühl in meinen Räumen. Solange ich in Bewegung war, machte mir das nicht viel aus; wenn ich mich aber an meinen Computer setzte, mußte ich einen Wintermantel anziehen und mir eine Wolldecke um meine Beine schlagen. Damit mußte ich zurecht kommen, denn ich sah nicht ein, Frau Hofmann darum zu bitten, die Heizung höher einzustellen. Solch eine Bitte hätte sie mir womöglich nur zu gern mit fadenscheinigen Ausreden abgeschlagen.

Aber selbst sie hatte ihre Probleme damit.

Ungefähr ab diesem Zeitpunkt blieb sie, um die Renovierung im Haus voranzutreiben, das eine und andere mal über ganze Wochenende im Haus. Nun bekam selbst sie die Auswirkungen der ungenügenden Heizleistung am eigenen Körper zu spüren. Vor allem nachts, wenn sie und ihr Gehilfe behelfsmäßig auf Liegen – oder waren es Liegestühle? – im Hobbyraum schliefen.

Es konnte nicht anders gewesen sein, denn wie läßt es sich sonst erklären, daß sie es wieder einmal wagte, mich herauszuklingeln.

In einem Anfall von Großmütigkeit öffnete ich ihr diesmal die Tür.

„Und was gibt es jetzt schon wieder?“ fragte ich mit Beherrschung in der Stimme Frau Hofmann.

„Ach bitte, Frau Fischer, könnten Sie mir bei der Heizung helfen – irgendwas stimmt damit nicht!“

Mit dieser Bitte kam sie mir gerade recht. Soviel Ungemach und Steine hatte mir diese Frau schon in den Weg gelegt und erdreistete sich nun, mich um solch einen Gefallen zu bitten. Aber nicht mehr mit mir – das machte ich ihr gleich deutlich.

„Also wirklich, Frau Hofmann, das können Sie nicht von mir erwarten! Sie verbieten mir den Raum zu betreten, haben sogar ein neues Schloß angebracht, damit ich ganz sicher nicht mehr hinein kann und wollen jetzt, wo etwas nicht in Ordnung ist, daß ich nachschaue. Oh nein! das tue ich ganz bestimmt nicht!“ Und dann kam mir eine Idee und ich fügte hinzu: „Rufen Sie doch Herrn Unrein an, der ist dafür zuständig.“

Kläglich erwiderte sie: „Der kommt aber nicht!“

Aha, dachte ich mir, das hat sie also schon probiert. War also nicht viel los mit dem guten Verhältnis zwischen ihnen, mit dem Frau Hofmann einst geprahlt hatte. Das behielt ich aber für mich. Auch so war Frau Hofmann genug bestraft, wenn sie nachts frieren mußte. Und das würde sie, wenn sie niemanden fand, der ihr in dieser Sache half. Ich jedenfalls würde es nicht tun.

„Tut mir leid!“ sagte ich, obwohl es mir wirklich nicht leid tat. „Aber da müssen Sie schon zusehen, wie Sie selbst damit klarkommen! Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe!“ Mit diesen Worten schloß ich die Tür zwischen uns.

Frau Hofmann nervte mich! Sie beschäftigte meine Gedanken immer wieder derart, daß ich mir sagte, das könne nicht Sinn und Zweck meines Daseins in Feichten sein, und dachte wieder einmal an Kündigung. Aber noch schreckte ich vor dieser Lösung zurück – vor allem jetzt, wo die kältesten Monate des Winters noch vor mir lagen. Irgendwie mußte ich zurecht kommen. Schließlich war es die Woche über doch immer recht ruhig und friedlich – Zeit genug, mich von ihren Attacken zu erholen. Aber wie lange noch? Nun man wird sehen!

Zunächst einmal fanden sich für die obere Wohnung Mieter. Frau Hofmann teilte mir voller Stolz mit, daß Anfang Dezember neue Mieter einziehen würden.

Der Tag nahte und tatsächlich fuhr ein Möbelwagen vor, aus dem allerlei in die Wohnung getragen wurde.

Ich erwartete nun, daß die Leute auch einzogen, aber noch war es nicht so weit; es mußten noch Einbauten – z.B. eine neue Küche – vorgenommen werden. Das und das Anliefern anderer Möbelstücke zog sich hin.

In der Zwischenzeit waren auch die Renovierungsarbeiten in Hobbyraum und Garage abgeschlossen worden und anschließend hatte sich Frau Hofmann über den Heizungsraum gemacht. Die Kratzgeräusche drangen bis in meine Wohnung, als sie dort maroden Putz von den Wänden schabte. Daß ich sie auch am Sonntag ertragen mußte, nahm ich einigermaßen gelassen hin. Frau Hofmann zu bitten, an diesem Tag die sonntägliche Ruhe einzuhalten, hätte ihr nur Grund zu weiterem Streit gegeben.

Dann fiel wegen eines elektrischen Handwerksgerätes einmal der Strom im hinteren Teil des Kellers aus.

Weißt du es noch Florian mein Sohn? Ich saß gerade mit dir und deiner Freundin Sabine beim Sonntagsfrühstück zusammen, als es läutete. Ich dachte mir gleich, daß das doch wieder nur Frau Hofmann sein konnte und wollte zuerst nicht öffnen. Aber dann meintest du: „Sei doch nicht so!“

Also ging ich dir zuliebe an die Tür und machte sie auf. Ich hatte mich nicht getäuscht! Eine aufgeregte Frau Hofmann stand davor.

„Frau Fischer,“ sagte sie erregt und mit Nachdruck, „wir haben hinten keinen Strom mehr! Bitte schalten Sie ihn wieder ein.“

Ich verzog leicht grübelnd meine Stirn und überlegte, was außer der Heizung noch an meinen Stromzähler hängen konnte. Mir fiel aber  nichts ein! Trotzdem ging ich zu dem Verteilerkasten in meinem Flur und öffnete ihn. Ich überprüfte jeden Schalter, aber keiner war nach unten gekippt, was das Fallen einer Sicherung angezeigt hätte. Dieses Ergebnis teilte ich Frau Hofmann mit. 

„Das kann nicht sein!“ erwiderte sie ungläubig.

„Doch, es ist aber so!“ sagte ich. Dann gab ich mir einen Ruck und bat Frau Hofmann einzutreten. Nur wenn sie selbst sich überzeugen konnte, daß ich die Wahrheit gesagt hatte, würde eine weitere Diskussion unterbleiben.

Frau Hofmann musterte den Inhalt des Sicherungskasten kritisch und gab schließlich zu, daß der Stromausfall tatsächlich von meiner Wohnung aus nicht behoben werden konnte. Sie wirkte nun etwas hilflos als sie mich fragte: „Aber woran kann es dann liegen?“

„Haben Sie schon im Hauptsicherungskasten nachgesehen?“

„Ja! Aber da ist auch keine Sicherung gefallen!“

„Tja,“ sagte ich, „dann kommt nur noch der Sicherungskasten in der oberen Wohnung in Frage. Jetzt sehen Sie mal, was dabei herauskommt, wenn man spart. Hätten Sie damals gleich eine dritte Hauptsicherung für die Flure und Kellerräume installieren lassen, anstatt sie auf die beiden Wohnungen zu verteilen, dann wäre das jetzt überflüssig gewesen.“

Das mochte Frau Hofmann gar nicht gern hören. Deshalb bedankte sie sich auch nicht für den Hinweis, sondern entfernte sich ohne Erwiderung.

Als kurz darauf aus dem Keller wieder das Geräusch eines elektrischen Gerätes in meine Wohnung drang, wußte ich, daß Frau Hofmann mit einem Zeitschlüssel die obere Wohnung betreten und von dort aus das Problem behoben hatte.

Am 01.01.98 zogen meine neuen Mitbewohner schließlich ein. Es waren nette Leute, mit einem lieben dreijährigen Mädchen. (Überhaupt sind die meisten Menschen nett, es fällt nur so stark ins Gewicht, wenn sie es einmal nicht sind!)

Kaum länger als eine Woche waren sie in der neuen Wohnung, da wurde ein Mißstand beseitigt, den ich – wie so vieles, was Frau Hofmann mir zumutete – mit Gleichmut ertragen hatte. Ich hatte Frau Hofmann darauf nicht angesprochen, weil ich wußte, sie hatte diese Einschränkung meiner Lebensqualität absichtlich herbeigeführt. Ihr die Freude zu machen, sich mit mir darüber zu streiten, gönnte ich ihr nicht. Aber die neuen Mieter konnten damit nicht leben.

Und was war das? Es ging um das Warmwasser!

Frau Hofmann hatte den Regler dafür so weit heruntergefahren, daß nur noch lauwarmes Wasser aus der Leitung kam. Wochenlang hatte ich nur noch geduscht und das so rasch wie möglich, denn der Raum war ja auch meistens nicht sonderlich warm. Das änderte sich nun. Endlich wurde es in meinen Räumen wieder wärmer und auch aus der Leitung kam endlich wieder heißes Wasser. Gut, daß Frau Hofmann die beiden Wohnungen nicht getrennt beheizen konnte, sonst hätte sie das womöglich getan.

Aber selbst das wäre mir inzwischen egal gewesen, denn Ende Januar trat ein weiteres Problem auf, dem ich mich stellen mußte. Euer Vater stand kurz vor der Pensionierung, würde nun aber trotzdem nicht, so wie besprochen, zu mir nach Feichten ziehen. Seine Gründe waren einleuchtend und akzeptabel! Er konnte unmöglich als einziger Sohn, euerer Oma, die im März 88 Jahre alt wurde und einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch hinter sich hatte, im Stich lassen. Nach fast zweijähriger Trennung hätte ich aber euren Vater – und er mich – gern wieder in meiner/seiner Nähe gehabt.

Ich überlegte hin und her, wobei Frau Hofmanns Schikanen mir halfen rasch einen Entschluß zu fassen und entschied an einem schönen sonnigen Märztag, ihr die Wohnung aufzukündigen und nach Regensburg zurückzuziehen. Kaum hatte ich diese Entscheidung getroffen, fiel eine große Last von mir ab. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich den Fängen dieser Frau entkam.

Kurz und bündig war das Schreiben, das ich per Einschreiben (damit sie nicht sagen konnte, es nicht erhalten zu haben) abschickte:

Sehr geehrte Frau Hofmann!

Hiermit kündige ich meinen Mietvertrag zu der Wohnung in Feichten, Ludwig-Felber-Straße 7, fristgerecht zum 30.06.98.

Hochachtungsvoll

Ich hatte es nicht erwartet und es kam auch nicht – eine Antwort oder Betätigung auf meine Kündigung. Gefreut hat sich Frau Hofmann aber bestimmt, endlich die aufsässige Mieterin loszuwerden.

Das gab sie eines Tages auch deutlich zu erkennen. Wegen irgend etwas war es zwischen uns beiden zu einem Streitgespräch gekommen, das ich schließlich abkürzte mit der Bemerkung „Regen Sie sich doch nicht auf, lange müssen Sie mich ja eh nicht mehr ertragen.“

Frau Hofmann erwiderte darauf bissig: „Na, Gott sei Dank! Drei Kreuzerl werde ich hinter Ihnen machen, wenn Sie draußen sind!“

Darüber konnte ich bloß lachen.

Am Wochenende nach Absenden meiner Kündigung war wieder einmal der Besuch eures Vater fällig. Nachdem er angekommen war, erzählte ich ihm gleich davon. Er war begeistert! Und so fuhr er diesmal am Sonntagabend nicht alleine nach Regensburg zurück, sondern in meiner Begleitung. Eine Woche blieb ich bei euch und suchte mir während dieser Zeit eine neue Wohnung. Ich hatte Glück, denn gleich die dritte, die ich mir gemeinsam mit euerem Vater anschaute, war die richtige. Beruhigt und mit einem guten Gefühl kehrte ich nach Feichten zurück.

Während der Wochen die nun folgten bereitete ich ohne Hektik meinen Umzug vor. Tagelang packte ich meine Siebensachen in die mehr und weniger beschädigten und angeschimmelten Kartons. Toll war das nicht, aber dreißig Neue zu kaufen, das Stück für fünf Mark, das sah ich nicht ein. An Geschirr und Kleider hielt ich nur zurück, was ich notwendig brauchte – das verstaute ich erst an meinem letzten Tag in Feichten. Als das erledigt war, zerlegte ich sämtliche Schränke und Regale in ihre Einzelteile und stapelte sie im Wohnzimmer. Daneben nahm ich mir aber auch die Zeit, meinen Gartenanteil, den ich mit so viel Liebe und Mühe instandgesetzt hatte, weitgehend in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Mit boshafter Freude harkte ich sämtlichen Rindenmulch, der die Unkraut- und Grasbildung auf den Rabatten verhindert hatte, zu einem großen Haufen zusammen. Ich hatte ihn bezahlt und aufgebracht, da konnte ich ihn auch wieder entfernen. Euer Vater hat ihn dann an einem Wochenende mit dem Anhänger abgeholt und in seinen Garten geschaufelt.

Sobald das getan war, grub ich die vielen Knollen und Zwiebeln der Frühlingsblumen aus, deren erstes zartes Grün herausspitzten. Zwei Jahre zuvor hatte Frau Tradler sie, zusammen mit einer Nachbarin, eingesetzt.

„Nimm sie nur mit!“ war ihre Antwort, als ich sie anrief und fragte, ob ich sie haben könnte. „Die Gerda ist so kleinlich, dann sind wir es auch! Ach ja und vergiß nicht die Rollos im Bad und das Regal im Wohnzimmer; irgend eine Verwendung wirst du dafür schon haben – ich möchte nicht, daß die Gerda das bekommt!“ 

Nun, deswegen konnte ich sie beruhigen. Ich versicherte ihr, nichts zurückzulassen, was Frau Hofmann nicht selbst bezahlt oder angebracht hatte. Selbst die Ablage über der Badewanne, von der ich wußte, daß Herr Tradler sie angebracht hatte, war bereits abgeschraubt und verpackt. In meinem neuen Bad würde sie mir die gleichen guten Dienste leisten wie hier.

Eines blieb mir jetzt im Garten noch zu tun – das Einebnen der Treppe zum oberen Gartenteil, die ich in stundenlanger Arbeit mühevoll errichtet und die auch Frau Hofmann schon zu schätzen gelernt hatte.

An einem der schönen Frühlingstage packte ich es an. Ich streifte mir Arbeitshandschuhe über und zog zuerst einmal die runden Metallstücke aus der Erde. Stufe um Stufe nahm ich damit den Bohlen ihren Halt, so daß ich diese anschließend leichter wegnehmen konnte. Die entfernten Teile legte ich in eine Ecke meiner „noch“ Terrasse – auch für sie würde ich später im Garten eures Vaters eine Verwendung finden. Dann kam der schwierigste Teil – das Einebnen der Erdstufen. Zwei Stunden später hatte ich das aber auch hinter mir.

Ich musterte mein Werk und war zufrieden. Sobald der Grassamen aufgegangen war, den ich über das braune Hangstück verteilt hatte, würde von der ehemals vorhandenen Treppe kein Zeichen mehr zu sehen sein. 

Die Tage reihten sich aneinander und mein Umzugstermin rückte immer näher.

An den letzten drei Wochenenden brachte euer Vater jedes mal den Anhänger mit. Der wurde von uns mit Dingen bepackt, die ich dem Umzugswagen nicht anvertrauen wollte. Vor allem waren das meine Kübelpflanzen, die in meinem Kellerraum überwintert hatten.

Es war ein fortgeschrittener Sonntagnachmittag, an dem ich zusammen mit eurem Vater diese Arbeit in Angriff nahmen. Daß ausgerechnet Frau Hofmann sich diesem Nachmittag erkoren hatte, die Wände des Flurs zu meinem Keller von losem Putz zu befreien, war für alle Betroffenen hinderlich.

Sie kniete in der Nähe zum Waschkeller, durch den hindurch es zu dem Keller ging. Jedes mal, wenn ich und euer Vater mit einem der großen, schweren Pflanztröge an ihr vorbei wollten, mußte sie ihre Arbeit unterbrechen und aufstehen. Zweimal ließ sie sich das kommentarlos gefallen, aber beim dritten Mal konnte sie sich nicht mehr beherrschen und polterte los: „Muß da jetzt immer hin- und hergelaufen werden? Ja Kruzifix noch einmal!“ Den letzten Satz schrie sie laut heraus.

Ich schüttelte beim Vorbeigehen nur den Kopf. Ihr darauf zu antworten schien mir müßig. Ich hätte ihr nur Offensichtliches sagen können: Daß nämlich ich und nicht sie in dem Haus wohnte. Und daß ich für diese Recht bezahlte und daß eigentlich ich Gründe zum Schreien hätte, nachdem Frau Hofmann schon wochenlang meine Sonntagsruhe störte.

In der offenen Tür zum Hobbyraum war, angelockt durch Frau Hofmanns Schreien, ihr Freund erschienen. „Was hat Sie denn?“ fragte er mich leise, mit einer Deutung seiner Hand in ihre Richtung.

„Ach!“ erwiderte ich. „Sie regt sich auf, weil wir ständig hin und her gehen. Aber wir müssen auch unsere Arbeit tun!“

Er nickte verständnisvoll und erklärte dann freundlich: „Wir bleiben nicht mehr lang, höchstens noch eine halbe Stunde. Ist es möglich, daß Sie solange warten?“

„Also wirklich nicht länger?“ erwiderte ich sogleich einlenkend.

Und er: „Nein, bestimmt nicht!“

„Na gut! Aber ich hoffe, es dauert wirklich nicht länger, denn mein Mann muß ja heute auch wieder nach Hause zurück.“

Euer Vater und ich nahmen den abgestellten Trog wieder auf und trugen ihn zum Anhänger. Jetzt blieb uns nur zu warten. Wir setzten uns ins Wohnzimmer, von dem aus wir ihr Abfahren beobachten konnten.

Tatsächlich dauerte es dann nicht einmal mehr die angesagte halbe Stunde. Noch vor Ablauf derselben, wurde draußen ein Motor gestartet, Türen schlugen zu und dann rollte der Wagen die Auffahrt zum Haus hinunter und bog in die Straße ein.

Gott sei Dank, dachte ich. Ich bin froh, daß ich sie nicht mehr lange ertragen muß.

Anfang Mai war ich mit der Auflösung meiner Wohnung fast fertig. Jetzt galt es noch zwei Wochen zu warten und dann… Feichten Adieu!

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt bekam ich meinen ersten und einzigen Anruf von Frau Hofmann. Ihre Stimme klang etwas unsicher als sie mir den Grund ihres Anrufes mitteilte.  „Eh, Frau Fischer, wann ziehen Sie denn nun aus?“ fragte sie und fügte als Erklärung hinzu: „Ich muß ja schließlich wissen, wann ich jemanden von der Brunata schicken kann, damit die Zählerstände abgelesen werden können.“

Weil ich wußte, wie scharf Frau Hofmann darauf war, daß sie endlich von „ihrer“ Wohnung Besitz nehmen konnte, ergab sich hiermit eine gute Gelegenheit, ihr eins auszuwischen.

„Ich verstehe ihre Frage nicht!“ erwiderte ich. „Sie wissen doch, daß mein Mietvertrag erst am 30.06.98 ausläuft und daß dann erst das Ablesen fällig wird.“

„Ja, aber… “ wollte Frau Hofmann einwenden, aber ich gab ihr keine Gelegenheit zu einer Diskussion darüber.

Etwas unhöflich schnitt ich ihr das Wort ab und sagte: „30.6., so wie es sich gehört. Und nun Aufwiedersehen!“ Dann legte ich den Hörer auf.

An einem der folgenden Tage ergab sich zwischen mir und meiner neuen Mitbewohnerin aus dem oberen Stockwerk ein Gespräch. Eine Passage daraus betraf Frau Hofmann.

„Hat sich Frau Hofmann Ihnen gegenüber irgendwie geäußert, daß ich ihr gesagt habe, sie dürfe erst nach Ablauf des Mietvertrages in meine Wohnung?“ fragte ich sie.

Zuerst zögerte die Frau etwas, kam dann aber mit der Sprache heraus. „Ja, das hat sie! Sie hat gesagt, Sie täten das nur, um sie zu ärgern.“

„Und damit hat sie recht!“ gab ich zu. „Sie hat mich schon so viel Kraft und Nerven gekostet, daß ich dieser Versuchung nicht widerstehen konnte. Ich werde Ihnen aber, bevor ich nächste Woche abfahre, die Wohnungsschlüssel geben, und möchte Sie bitten, diese dann Frau Hofmann auszuhändigen. Bei meinem Einzug habe ich sie von meiner Nachbarin bekommen und werde sie an meine Nachbarin – in diesem Fall sind Sie das – wieder zurückgeben!“ erklärte ich wohl wissend, daß Frau Hofmann sich darüber zwar sehr aufregen, sich aber nicht scheuen würde, die Wohnung sofort bei ihrem nächsten Kommen in Beschlag zu nehmen.

Ende Mai – endlich war der Umzugstag gekommen.

Ihr und euer Vater seid an diesem Samstag um 10 Uhr angekommen, und innerhalb von drei Stunden waren alle meine Sachen in die zwei Lieferwagen gepackt worden.

Wie versprochen übergab ich vor der Abfahrt meiner Nachbarin noch den Wohnungs- und Haustürschlüssel und dann kehrte ich mit leichtem Herzen Feichten den Rücken zu.

Die ersten Tage in meinem neuen Heim packte ich nach dem Notwendigstem vor allem meinen Computer aus und schloß ihn an. Dann schrieb ich gleich einen Brief an Frau Hofmann. Mit Datum vom 4.Juni 1998 teilte ich ihr mit, daß ihr die Wohnung nun wieder zur Verfügung stände.

Es folgten weitere Mitteilungen, die auch folgenden Satz enthielten: Sollten Sie, was ich fast nicht mehr glauben kann, mir doch noch die Brunata-Abrechnung zukommen lassen, dann haben Sie ja jetzt meine neue Adresse! …und endete mit einem PS, das lautete: Die Kaution auf dem Sparbuch steht selbstverständlich nun Ihnen zur Verfügung! (Das hatte folgende Gründe, die später noch zur Sprache kommen.)

Die nächste Zeit war für mich angefüllt mit der Einrichtung meiner Wohnung und dem Auspacken der Kartons. Hin und wieder dachte ich an Frau Hofmann mit einem unguten Gefühl, denn daß die Sache mit ihr schon ausgestanden war, daran konnte ich nicht glauben. Was aber dann auf mich zukam, hätte ich mir in meinen wildesten Phantasien nicht ausmalen können.

Es ging los mit einem Brief, auf den ich sofort reagieren mußte. In ihrem Schreiben vom 24. Juni 98 teilte mir Frau RA Grewe folgendes mit:

Sehr geehrte Frau Fischer,

in vorgenannter Angelegenheit wurde ich von Frau Gerda Hofmann, mit ihrer Vertretung beauftragt.

Mit Schreiben vom 25.03.98 kündigten Sie zum 30.06.98 den Mietvertrag über die Wohnung in Feichten.

Aus diesem Mietverhältnis hat meine Mandantin noch Ansprüche gegen Sie.

1. Nach dem Mietvertrag waren und sind Sie verpflichtet, die Wohnung bei Auszug ordnungsgemäß geweißelt zu übergeben. Im jetzigen Zustand ist die Wohnung nicht als ordnungsgemäß geweißelt zu bezeichnen. Ich fordere Sie daher auf, bis spätestens

                                               Dienstag, den 30. Juni 1998

die Wohnung ordnungsgemäß zu weißeln. Sollte sich die Wohnung bis zu diesem Zeitpunkt nicht in einem ordnungsgemäß geweißelten Zustand befinden, wird die Arbeit einer Malerfirma übertragen werden. Die dadurch entstehenden Kosten hätten selbstverständlich Sie zu tragen.

2. Des weiteren haben Sie bis einschließlich Mai 98 dreimal die Miete um insgesamt DM 1 000,00 gemindert. Ich gehe insoweit davon aus, daß Sie insoweit vor hatten, die Mietzahlungen mit einem eventuellen Kautionsrückzahlungsanspruch aufzurechnen. Eine Aufrechnung mit den Kautionsrückzahlungsanspruch ist und war Ihnen jedoch verwehrt, da noch Ansprüche meiner Mandantin bestehen, insbesondere hinsichtlich der Weißelung der Wohnung. Ich fordere Sie daher auf, ebenfalls bis 30. Juni 98 die DM 1 000,00 auf das oben angegebene Konto zu überweisen. Inkassoberechtigt versichere ich anwaltlich.

3. Die Junimiete wurde von Ihnen ebenfalls noch nicht bezahlt. Auch diesbezüglich fordere ich Sie auf, bis zum 30. Juni 98 die ausstehende Miete auf das oben angegebene Konto einzuzahlen.

Sollten Sie den oben genannten Verpflichtungen nicht fristgemäß nachkommen, werden ohne weitere Zwischenschritte gerichtliche Maßnahmen gegen Sie eingeleitet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Nach Lesen diese Briefes war ich gezwungen sofort zu handeln. Am Donnerstag hatte ich ihn erhalten und bis Dienstag bleiben mir nur wenige Tage, den Forderungen nachzukommen. Erschwerend kam hinzu, daß die anberaumte Zeitspanne sich über ein Wochenende erstreckte. Natürlich hatte ich nicht vor, die Geldbeträge zu überweisen, weil das noch der Klärung bedurfte, aber um die ordnungsgemäße Weißelung würde ich mich selbstverständlich kümmern.

Vor meinem Auszug hatte ich zwar alle Räume Zug um Zug ausgeweißt, aber ich räumte gedanklich ein, daß womöglich die Wohnzimmerdecke nicht ganz so geworden war, wie sie sollte. Ich hatte das nicht mehr überprüfen könne, denn sie war noch nicht völlig getrocknet, als wir von Feichten abgefahren waren. Um mich aber zu vergewissern ob und wenn ja, wieviel nachgebessert werden mußte, rief ich Frau Hofmanns  Exschwägerin, die einige Häuser weiter wohnte,  am Freitagvormittag an und mit der ich mich während meiner Zeit in Feichten angefreundet hatte.

Nach freundlicher Begrüßung und dem Austauschen von Neuigkeiten kam ich auf den Punkt. „Liebe Maria, ich habe eine große Bitte an dich. Ich weiß, es wird dir schwerfallen, aber könntest du trotzdem nachher einmal in meine ehemalige Wohnung gehen und sie dir anschauen. Die Gerda behauptet, sie sei nicht richtig ausgeweißelt und ich würde gern wissen, in wieweit das zutrifft.“

Maria zögerte mit der Antwort und ich befürchte schon, daß sie mir die Bitte abschlagen würde – aber so war es nicht ganz.

„Also nein!“ sagte sie schließlich. „Ich gehe da bestimmt nicht runter. Aber wart‘ einmal, ich gebe dir meinen Schwiegervater. Vielleicht geht der ja runter.“

Der Hörer wurde gewechselt und dann sprach ich mit dem alten Herrn Hofmann. Ich erklärte ihm die Situation und er versprach mir daraufhin, diese Aufgabe zu übernehmen.

„Sie sind ein Schatz!“ sagte ich überglücklich.

Eine Stunde später rief er zurück und berichtete mir, daß er und sogar Maria, die sich doch noch überwunden hatte ihn zu begleiten, in meine Ex-Wohnung gegangen waren. Nach einigen Informationen, über seine Begegnung dort mit seiner Ex-Schwiegertochter, unterbrach ich ihn und sagte: „Das weitere können Sie mir später erzählen. Mein Mann und ich setzen uns sofort ins Auto und fahren runter!“

Eine halbe Stunde danach befanden wir uns tatsächlich auf dem Weg nach Feichten/Waging. Was sich dort ergab dokumentieren zum Teil die handschriftlichen Aufzeichnungen eures Vater, die er während dieser Tage vornahm:

  1. Fahrt von J. u. H. Fischer am 26.06. nach Waging (170 km). Bei Ankunft um ca. 16 Uhr 30, Anruf bei Hr. Thaler (Rechtsanwalt), um Rat für das Vorgehen wegen Fr. Hofmann einzuholen, da durch Besichtigung d. Wohnung in Feichten durch Hofmann senior u. Schwiegertochter am Vormittag des gleichen Tages festgestellt wurde, daß die Wohnung von Fr. G. Hofmann belegt ist.
    H. Thaler riet uns, diese Situation auf Fotos festzuhalten.
  2. Bei Ankunft in Feichten, L.F.7, trafen wir Fr. H. im Garten an. Auf unser Verlangen die Wohnung fotografieren zu wollen, versuchte sie Frau Fischer mit körperlichem Einsatz (sie drängte sie von der offenen Haustüre fort), von d. Betreten der Wohnung abzubringen. Sie ließ von diesem Verhalten ab, als Frau Fischer ihren Mann zu Hilfe rief und sie konnten die Wohnung betreten, wobei sie Frau H. Fischer „Sie dummes Luder!“ beschimpfte.
  3. Wir machten Aufnahmen, die festhielten, daß Fr. Hofmann mit einem älteren Mann seit mehreren Tagen die Räume bewohnten. Des weiteren überzeugten wir uns, daß nur noch wenige qm an der Wohnzimmerdecke der Nachbehandlung bedurfte, was keine Stunde Arbeit in Anspruch nehmen würde.
  4. Bei Aufforderung, uns einen Wohnungsschlüssel zu geben (wir wollten die Nacharbeiten am nächsten Tag vornehmen) verweigerte sie uns die Herausgabe mit der Aussage, sie möchte uns dies nicht tun lassen, weil sie damit eine Fa. beauftragen wird.
  5. Bevor wir die Wohnung wieder verließen, machte Fr. Hofmann uns d. Vorwurf, wir hätten diverse Sachen, z.B. Deckenlampen entfernt. Dies wiesen wir von uns, da sich in der Wohnung beim Einzug diese Dinge nicht befunden haben.
    Durch diese Unterstellung wies H. Fischer daraufhin, daß seine Frau mit anderen Unzulänglichkeiten (2 beschädigte Türrahmen an d. Schloßbefestigung Eingangs- u. Schlafzimmertür) – die vom Vorvormieter H. Seibold gewaltsam eingetreten worden waren – zurechtkommen mußte.
    Diese Aussage konterte sie folgendermaßen: „Das haben Sie doch selbst gemacht!“
    Das wiesen wir von uns u. sie meinte dann höhnisch: „Dann waren es die Tradlers!“ – was wir ebenfalls bestritten.
    H. Fischer hatte während d. Aufenthaltes seiner Fr. d. Wohnungseingangstürrahmen provisorisch repariert, da sich diese Türe trotz Versperrens mit leichtem Druck hätte öffnen lassen können.
  6. Anruf bei Fr. Rechtsanwältin Grewe zur Klärung d. Wohnungsbetreten. Diese konnte nicht erreicht werden, deshalb meine Bitte um Rückruf auf den Anrufbeantworter, was bis Samstag d. 27.06. nicht erfolgte.
  7. Fr. Hofmanns Forderung, ihr die Kaution zu überlassen, lehnte meine Frau (also ich) ab mit d. Begründung, daß ihre Nachbarn als Vormieter der oberen Wohnung trotz Fr. Hofmanns Versprechen im Beisein zweier Anwältinnen, ihnen diese sofort zurückzuerstatten, diese bis heute nach 8 Monaten immer noch nicht bekommen haben.
  8. Fr. Hofmanns Forderung an uns, die letzte Monatsmiete zu bezahlen, wies Fr. Fischer ebenfalls zurück, da sie ihrerseits noch Forderungen (fällige Nebenkostenabrechnungen aus d. Zeit ihrer Mietdauer u. Wasserschäden an Sachen die im Kellerraum untergebracht waren), hat.
  9. Nur durch Zufall kam Fr. Fischer auf den versuchten Betrug, ihr die gesamten Stromkosten d. Heizungsanlage aufzurechnen. Seitens eines Mitarbeiters der OBAG war bekannt, daß d. Ehepaar Hofmann damals wissentlich wegen Mehraufwand auf den 3. Zähler verzichtet hatte, die Mietparteien davon aber nicht in Kenntnis setzten.

Hier endet der Bericht, weil ich euerem Vater gesagt hatte, er solle es gut sein lassen und sich weitere Mühe sparen; aber das, was er nicht enthält, wird nun von mir nachgetragen:

Nach unserem Eintreffen in Waging und einem Telefongespräch mit Herrn RA Thaler, der uns im Verlauf des Gespräches geraten hatte, die Situation in der Wohnung fotografisch festzuhalten, standen wir vor einem kleinen Problem. Wie sollten wir so kurzfristig und vor allem umsonst an einen Fotoapparat kommen, denn der von eurem Vater war zu Hause geblieben? Mir kam aber gleich eine Idee. „Komm!“ sagte ich zu Josef, „wir versuchen uns einen zu leihen.“

Also suchten wir in Waging einen Fotoladen auf, erklärten der jungen Verkäuferin unser Anliegen und boten ihr 100 DM als Kaution, wenn sie uns einen Apparat borgen würde. Zu unserem Glück zeigte die Verkäuferin Verständnis und ging darauf ein. Dann suchten und bezahlten wir die passende Filmrolle und die Fachfrau legte ihn für uns gleich ein.

„Eins noch!“ sagte ich, bevor wir den Laden verließen. „Wenn wir den Film heute noch zurückbringen, können Sie ihn uns dann bis Montag entwickeln? An diesem Tag haben wir einen Termin mit unserem Anwalt und dem würden wir die Fotos gern mitbringen!“

Die Frau überlegte kurz und sagte dann: „Ja, das läßt sich machen! Montag um 10 Uhr können Sie ihn sich abholen!“

Höchst erfreut bedankten wir uns bei ihr, grüßten sie zum Abschied und machten uns auf den kurzen Weg nach Feichten.

Abweichend von eures Vaters Bericht, hielten wir aber nicht gleich bei dem Haus an, in dem ich gewohnt hatte, sondern fuhren daran vorbei. Zwei Häuser weiter oben parkten wir ihm Hof von Maria und ihrer Familie, stiegen aus und gingen zur Eingangstür. Auf mein Läuten hin öffnete Maria selbst die Tür und wir zwei Frauen nahmen uns zur Begrüßung herzlich in die Arme. Mit eurem Vater tauschte sie einen festen Händedruck und sagte als er ihr mit den Worten „Das ist unser Dankeschön an dich!“ eine Magnumflasche Sekt in die Hand drückte: „Das hätt’s fei nicht gebraucht!“

„Oh doch,“ widersprach ich energisch. „Das braucht es schon! Ich weiß genau, wie hart es dich gekommen ist, dort runter zu gehen!“

„Ja, das war es!“ bestätigte sie ehrlich und bedankte sich für das Geschenk. „Und jetzt kommt‘s herein!“

Sie führte uns ins Wohnzimmer, in dem Kaffee und Kuchen auf uns warteten und bat uns Platz zu nehmen.

„Das hätte es auch nicht gebraucht!“ sagte ich lächelnd, mit einer Geste auf den gedeckten Tisch.

Maria lächelte zurück und meinte nur: „Schon!“

Wir setzte uns also, Maria teilte Kaffee und Kuchen aus und dann begann das Erzählen. Hier das wesentliche unserer Gespräche:

„Die Gerda ist ganz schön erschrocken,“ sagte Maria, „als sie mich und den Schwiegervater kommen sah! Ganz weiß ist sie plötzlich im Gesicht geworden!“

„Na, dann wird ihr ein weiteren Schrecken bevorstehen,“ unterbrach ich sie an dieser Stelle, „denn sie wird nicht damit rechnen, daß wir so prompt auftauchen.“

Maria und euer Vater nickten dazu zustimmend mit dem Kopf.

„Sie hat uns aber ohne weiteres in die Wohnung hineingelassen!“ fuhr Maria fort. „Und dort kam es dann auch gleich zu Streitereien mit ihr. Ich hab ja nicht viel gesagt, aber der Schwiegervater wußte einiges, was er ihr schon lange sagen wollte. Und irgendwann fing sie an, dir Schimpfwörter zu geben. Sie sagte du bist ein richtiges Miststück und so eine Schlampe, eine eklige und ich hab dem Schwiegervater zugeflüstert: ‚Merk dir, was sie sagt, das könnte wichtig werden!‘ 

Und dann, während der Besichtigung, habe ich gesehen, daß im Schlafzimmer Bettzeug lag. Die Gerda hat zwar die Tür schnell zugemacht, aber ich glaube schon, daß sie dort übernachtet. Hineingelassen hat sie uns jedenfalls nicht. Ich bin dann gegangen, aber der Schwiegervater ist noch geblieben, weil er sich endlich einmal seinen Ärger wegen ihr von der Seele reden wollte.“ (Zur Erinnerung: er war auch der Ex-Schwiegervater von Fr. Hofmann.)

„Ich muß dir wirklich noch einmal herzlich danken, Maria,“ sagte ich. „Ich finde es ganz toll und mutig, daß auch du runter gegangen bist!“

Maria aber schwächte diese Worte nur bescheiden ab.

Mit einem „So, so,“ kam ich dann auf die Beleidigungen zurück, die Frau Hofmann vor zwei Zeugen entschlüpft waren, und lächelte leicht in dem Bewußtsein, daß mir damit ein weiteres Mittel im Kampf gegen Frau Hofmann in die Hand gegeben war.

„ Ein richtiges Miststück und eine Schlampe, eine eklige hat sie mich genannt. Nun, damit wird unser Anwalt bestimmt etwas anfangen können! Und ob das mit ihrem Wohnen in der Wohnung stimmt, daß werden wir hernach schon feststellen!“

Nach einer Stunde drängte ich, weil ich mir wünschte, das vor mir Liegende wäre schon hinter mir, zum Aufbruch. Und so trennten wir uns, versehen mit gegenseitigen besten Wünschen für die Zukunft und eilten, bewaffnet mit dem Fotoapparat, unserem Ziel entgegen.

Frau Hofmann war gerade im Garten beschäftigt, als wir uns ihr von oberhalb näherten. Auf ihrer Höhe blieben wir stehen und sprachen sie an. Sie erhob sich aus ihrer gebückten Haltung, und als sie uns erkannt hatte, trat tatsächlich sogleich Erschrecken und ungläubiges Erstaunen in ihr Gesicht. Zögernd kam sie näher. Und ich selbst fühlte mich unruhig; das hatte sich nach den vielerlei Problemen in Gegenwart dieser Frau eingestellt. Aber ihr das zu zeigen, diesen Triumph würde ich ihr niemals gönnen. Mit beherrschter Stimme sagte ich: „Grüß Gott, Frau Hofmann! Wir sind gekommen, um uns die Wohnung anzusehen!“

„Das werden Sie nicht, weil ich Sie nicht hineinlasse!“ konterte sie sofort mit erhöhter Stimme.

„Oh doch, das werden Sie schon!“ erwiderte ich sanft. „Sie haben mir durch Ihre Anwältin einen Termin setzen lassen und den werde ich auch einhalten – zumindest, was das Ausweißeln betrifft. Außerdem ist sie bis zum Dienstag immer noch meine Wohnung!“

„Aber Sie haben für diesen Monat keine Miete mehr gezahlt!“ empörte sich Frau Hofmann.

„Und dafür habe ich meine Gründe!“ wandte ich ein. Dann kürzte ich die Diskussion ab und setzte mich in Richtung auf die offene Haustür in Bewegung.

Noch bevor ich diese völlig erreicht hatte, eilte Frau Hofmann an mir vorbei und baute sich davor auf. „Ich lasse Sie nicht rein!“ sagte sie mit trotzigem Gesicht.

„Und ich werde die Wohnung doch betreten!“ sagte ich und machte einen Schritt auf Frau Hofmann zu, weil ich an ihr vorbei in den Flur wollte.

Wie sehr Frau Hofmann daran lag, daß ich die Wohnung nicht in Augenschein nehmen konnte, erfuhr ich postwendend. Sie packte mich am Arm und drängte mich zurück. Ich blieb trotz dieser Dreistigkeit gelassen. Ja selbst das leichte Zittern in meinem Innern legte sich nun schlagartig. Ich erhob kaum meine Stimme, als ich mit einem einzigen Wort euren Vater um Schützenhilfe rief. Fast vergnügt sagte ich „Josef!“  und sofort löste sich die Hand von meinem Arm.

„Dann kommen Sie halt herein!“ wechselte Frau Hofmann daraufhin ihre Taktik und ihre Stimme verriet, wie erregte sie über dieses Aufgeben war. „Kommen Sie herein!“ wiederholte sie ihre Aufforderung forciert. „Sie können sich ruhig alles anschauen!“ Mit einem Schritt auf die Seite machte sie den Eingang frei, konnte sich aber nicht den Satz „Sie sind ja so ein dummes Luder!“ verkneifen als ich an ihr vorüber ging.

„Hast du gehört, was Sie gesagt hat?“ fragte mich euer Vater, als er zu mir aufschloß.

 „Ja!“ antwortete ich. „Darauf werden wir aber jetzt nicht eingehen. Ich möchte mich mit ihr nicht streiten. Wir werden uns das aber merken, genauso wie ihre anderen Beleidigungen. Herr Thaler kann daraus bestimmt was machen. Jetzt laß uns erst einmal die Wohnung besichtigen.“

Schon beim Betreten sahen wir, daß sie als Unterkunft genutzt wurde. Im Flur stand neben Putzeimer und Farbtöpfen, ein Korb mit Lebensmitteln, eine Eierhorde lag herum und weitere Dinge, die zum Essen und Trinken gedacht waren.

„Mach‘ Fotos davon!“ forderte ich eueren Vater auf, der damit in seinem Element war und gleich mehrere Aufnahmen schoß.

Vom Flur aus gingen wir in das Schafzimmer. Dort nahmen wir zwei Polstermatratzen in Augenschein, auf denen Kissen und Decken lagen. Abgerundet wurde dieses Arrangement von einer Stehlampe.

Unangefochten durch Frau Hofmann fotografierte Josef das vorgefundene.

„Komm, es reicht!“ sagte ich, packte ihn am Arm und zog ihn weiter. „Laß uns jetzt das Wohnzimmer anschauen!“

Ich ging voraus, euer Vater und Frau Hofmann kamen hinterher.

Nachdem ich den großen, hellen Raum einer Musterung unterzogen hatte, wandte ich mich an Frau Hofmann, die nach ihrer beleidigenden Äußerung vorgezogen hatte zu schweigen.

„Also, Frau Hofmann, ich gebe zu, die Decke muß wirklich noch einmal nachgestrichen werden. Heute ist es dafür aber schon zu spät. Wir müssen erst Farbe besorgen und werden es morgen machen!“

Plötzlich fand Frau Hofmann ihre Stimme wieder, und dazu ihre ablehnende Haltung. „Ich möchte aber nicht, daß Sie das machen! Ich möchte, daß eine Firma das macht!“

Wie kann sie nur so lügen, dachte ich mir, weil ich genau wußte, daß Frau Hofmann diese Arbeit keiner Firma, sondern ihrem Gehilfen, dem älteren Mann übertragen würde, den ich beim Hereinkommen im Flur zum Keller herumwerkeln gehört hatte. Er war ihr Mann für alles – gutmütig und billig.

So, so, dachte ich, ging aber während meiner Erwiderung nicht drauf ein.

„Eins müssen Sie mir mal erklären, Frau Hofmann!“ sagte ich nun etwas leicht genervt angesichts dieser sturen Frau. „Wie können Sie Ihre Anwältin beauftragen mir einen Termin zum Streichen der Wohnung zustellen zu lassen, nur um mir jetzt zu erklären, Sie möchten nicht, daß mein Mann und ich das tun? Wenn Sie uns die Wohnung nicht streichen lassen, dann sind wir nämlich ganz umsonst hergekommen und müssen uns von Ihrer Anwältin später auch noch vorwerfen lassen, unsere Pflicht nicht erfüllt zu haben. Wissen Sie überhaupt, was uns das Herfahren und dreimalige Übernachten kosten wird? Und Sie wollen uns unverrichteter Dinge wieder abfahren lassen, nur um uns später eine Rechnung über die Malerarbeiten zu schicken? Was ist nur los mit Ihnen? Können Sie denn nicht auch einmal etwas nachgeben? Ich bin und war immer bereit meinen Pflichten nachzukommen und Sie werden mich nicht daran hindern am Montag die Wohnung zu streichen! Ach ja und was die Kaution betrifft, die Ihre Anwältin in Ihrem Auftrag von mir fordert, die wird dann ja wohl hinfällig.“

„Das sehe ich aber nicht so!“ erwiderte Frau Hofmann. „Die haben Sie ja schließlich verwohnt!“

Ich sah, daß euer Vater ob dieser Behauptung protestieren wollte, kam ihm aber zuvor. „Da kann ich nur lachen!“ erwiderte ich. „Laut Mietvertrag ist die Kaution dazu gedacht Schäden in einer Wohnung zu bezahlen, die ein Mieter hinterläßt. Sobald die Decke gestrichen ist, gibt es in dieser Wohnung aber nichts mehr, was zu machen ich verpflichtet wäre. Oder wissen sie noch einen Raum, in dem nachgestrichen werden muß?“

Das verneinte Frau Hofmann und gab sich damit sogar einmal ehrlich. Aber noch war sie nicht ganz bereit in dieser Sache aufzugeben. Sie setzte zu einer weiteren Erklärung an, aus welchem Grund die Kaution ihr doch zustände und legte mir in einer Geste der Beschwichtigung die Hand auf den Arm.

Daraufhin wich ich zurück und sagte: „Rühren Sie mich nicht an!“

„Ich habe Sie nicht angerührt!“ verteidigte sich Frau Hofmann.

Ich konnte nicht glauben, daß ich das hörte. Meine Geduld mit dieser Frau hatte seine Grenzen und so erwiderte ich mit erhobener Stimme: „Natürlich haben Sie mich berührt!“

„Ach, schreien Sie mich doch nicht so an!“ konterte Frau Hofmann.

‘Schreien nennt sie das’, dachte ich mir, und langsam wurde ich der Spielchen von Frau Hofmann müde. Jetzt wird sie erleben wie es ist, wenn ich wirklich schreie. Ich holte tief Luft und stieß einen so gellenden Schrei aus, daß von den kahlen Wänden ein Echo widerhallte. Dann sah ich die ziemlich verdatterte Frau Hofmann freundlich an und sagte mit sanfter Stimme: „Sehen Sie, ‚SO‘ klingt es wenn ich schreie!“

Von meinem Schrei angelockt erschien nun der ältere Mann und wollte wissen, was das zu bedeuten hatte.

Da Frau Hofmann immer noch zu erschüttert war, um es ihn zu erklären, übernahm ich das. Als ich meinen Bericht beendet hatte, zeigte der Mann ein betrübtes Gesicht. Er tadelte keinen der beiden Parteien, machte aber deutlich, daß auch er keine Lösung zu dem Dilemma beisteuern konnte.

Angesichts dieses kleinen freundlichen Mannes, der viel Sympathie für Frau Hofmann empfand, aber auch für mich immer ein freundliches Wort gefunden hatte, kam ich plötzlich auf eine naheliegende Idee, die unser Problem beheben konnte. Gedacht, getan!

„Wie wäre es,“ sagte ich zu ihm, „wenn ich Ihnen Geld gebe und Sie erledigen in meinem Auftrag das Streichen der Decke?“

Bei diesem Vorschlag hellte sich sofort seine Mine auf. Erst zögerte er noch etwas, weil er Zeit brauchte, darüber nachzudenken, stimmte dann aber zu. Nur Frau Hofmann wollte sich dem widersetzen, weil sie ihre Kaution davonschwimmen sah. Aber mit vereinter Überzeugungsarbeit meinerseits – nach meinem „Urschrei“ fühlte ich mich wieder ruhig und gelassen -, eures Vaters und des Malermeisters, erreichten wir schließlich auch ihre Zustimmung. Wir einigten uns nach kurzer Verhandlung auf 170,00 DM für Farbe und Arbeitszeit und als Gegenleistung auf eine schriftliche Bestätigung von dem Mann, der, – wie ich nun erfuhr – sich Lobensteiner schrieb. Mit der sollte er uns versichern, daß er

die ordnungsgemäße Ausweißelung gewährleistet.

„Ich werde aber nicht unterschreiben!“ mischte sich Frau Hofmann ein. Na ja, sie konnte wohl nicht anderes.

„Das brauchen Sie auch nicht!“ antwortete ich ihr friedlich, denn im Moment gab es für mich keinen Grund, meine ehemalige Vermieterin zu reizen. „Es genügt völlig, wenn Herr Lobensteiner unterschreibt.“

Da dieser nicht recht wußte, wie solch ein Schreiben lauten sollte, setzte ihm euer Vater einen kurzen Text auf. Er las und akzeptierte ihn.

Euer Vater und ich eilten nochmals zur Maria, die dieses kurze Schreiben auf ihrer Schreibmaschine abschrieb, gingen zurück und legten es dem Mann zur Unterschrift vor. Laut las er den Wortlauf vor:

„Hiermit bestätige ich, Herr Lobensteiner, von Beruf Malermeister, daß mit der Bezahlung von 170,– DM an mich (erhalten von dem Ehepaar Fischer) für die Erledigung der restlichen Malerarbeiten in der Wohnung Feichten, Ludwig-Felber-Straße 7 unten, die ordnungsgemäße Ausweißelung gewährleistet wird.

Feichten, den 27.6.1998.“

Er nickte zustimmend mit dem Kopf – das Geld steckte bereits sicher in seiner Brusttasche -, setzte seine Unterschrift darunter und überreichte ihn mir.

„Und ich?“ klinkte sich an dieser Stelle Frau Hofmann ein, mit einer Stimme, die einem kleinen Mädchen gehören konnte. „Ich möchte auch unterschreiben!“

Ich machte mir nicht die Mühe, sie zu erinnern, daß sie sich noch vor kurzem geweigert hatte zu unterschreiben. Ich fühlte, daß Frau Hofmann sich ausgeschlossen vorkam und das mit ihrer Unterschrift kompensieren wollte. Außerdem ist das so noch viel besser, dachte ich und gab ihr kommentarlos das Schriftstück.

Nachdem auch Frau Hofmann unterschrieben hatte, gab es keinen Grund mehr zum Bleiben und euerer Vater und ich verabschiedeten uns nun rasch.

Auf unserem Weg zurück nach Waging, waren wir beide in gehobener Stimmung.

„Das hätten wir geschafft. Wegen der Kaution kann sie uns nicht mehr dran kriegen!“ frohlockte ich.  „Jetzt noch den Film zum Entwickeln bringen und dann können wir uns für heute entspannen!“

Wir fuhren zum Fotoladen, übergaben der Verkäuferin den Apparat und die Filmrolle, die euer Vater bereits entfernt hatte und bekamen im Gegenzug unsere eingesetzten 100,– DM zurück.

„Eine Bitte habe ich noch!“ sagte ich, weil mir plötzlich einfiel, daß man später vielleicht bezweifeln konnte, daß die Bilder wirklich an diesem Tag gemacht worden waren. „Schreiben Sie uns bitte eine Bestätigung, die beweist, daß die Aufnahmen am heutigen Tag gemacht wurden. Das brauchen wir eventuell, wenn es zu einer Verhandlung kommt.“

Für die nette Frau war das kein Problem und tat uns den Gefallen.

Mit der nochmaligen Zusicherung, daß die Fotos am Montag abgeholt werden konnten, verließen wir das Geschäft.

„Du wirst sehen,“ sagte ich auf der Fahrt zu unserem Quartier zu Josef, „auch mit Herrn Thaler wird am Montag alles klappen! Du brauchst dir also keine Sorgen deswegen zu machen!“

„Nach dem, was du mir von ihm erzählt hast, glaube ich das auch!“ war sein kurzer Kommentar.

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir mit Wandern, Schwimmen, Segeln und Sonnenbaden.

Einen Rückruf von Frau RA Grewe erhielten wir nicht, aber das war nun nicht mehr wichtig. Einen Teil ihrer Forderungen hatte ich auf meine Weise erfüllt und für den Rest würde sich auch eine Lösung finden.

Am Montag holten wir pünktlich um 10 Uhr die Fotos ab und anschließend fuhren wir nach Traunstein. Unsere Verabredung mit Herrn Thaler sollte um 11 Uhr stattfinden – das würden wir locker schaffen.

Herr Thaler, den ich nur aus Telefonaten und Briefen kannte, entpuppte sich als der zuvorkommende Mann, den ich ihn mir vorgestellt hatte. Wir setzten uns zusammen und besprachen das weitere Vorgehen. Im Verlauf der Unterredung unterzeichnet ich eine Vollmacht, die es ihm ermöglichte meine Vertretung zu übernehmen und euer Vater teilte ihm Namen und Nummer meiner Rechtsschutzversicherung mit. Eineinhalb Stunden später trennten wir uns in gutem Einnehmen und fuhren nach Regensburg zurück.

In den Tagen, die folgten, war mir leicht ums Herz. Ich war dankbar, daß ich wieder etwas Kraft hatte, solche Strapazen anzunehmen und durchzustehen. Leider hielt dieses Gefühl nur bis Anfang Juli vor, denn jetzt ließ Frau Hofmann über ihre Anwältin Druck machen:

1.Juli 1998

Sehr geehrte Frau Fischer,

in vorgenannter Angelegenheit teilte mir meine Mandantin soeben mit, daß Sie nicht dreimal die Miete gemindert haben, wie ich in meinem Schreiben vom 24.06.98 irrtümlich annahm, sondern nur zweimal, nämlich im April und Mai um jeweils 330,00DM. Außerdem ist auch noch die Junimiete in Höhe von DM 730,00 offen. Ich fordere Sie daher nochmals auf, den ausstehenden Betrag in Höhe von DM 1.390,00 bis spätestens 7. Juli 1998 auf mein Konto zu überweisen. Sollte bis zu diesem Datum kein Geldeingang zu verzeichnen sein, wird ohne weitere Zwischenschritte ein gerichtliches Mahnverfahren gegen Sie eingeleitet werden.

Sobald meiner Mandantin die Nebenkostenabrechnung vorliegt, wird diese mit der von Ihnen geleisteten Kaution in Höhe von DM 1.000,00 verrechnet werden. Vorher kann und muß die Kaution nicht herausgegeben werden.

Mit freundlichen Grüßen

                               Anja H. Grewe

Die Androhung eines gerichtlichen Mahnverfahrens war ein starkes Stück. Ich ärgerte mich darüber, aber Sorgen machte ich mir zunächst nicht. Noch war mein Gegenzug, den Herr Thaler vorbereitete, nicht erfolgt. Wenn Frau Grewe den erst einmal bekommen hatten, würde man weiter sehen.

Die Kopie seines Schreibens an Frau Grewe, die Herr Thaler mir zuschickte, trug das Datum 06. Juli 1998.

Vorab per Fax  08031 – 38 19 71

(Sehr gut, dachte ich, Herr Thaler hat die Frist eingehalten, die Frau Grewe mir gestellt hatte.)

Sehr geehrte Frau Kollegin Grewe,

ich zeige an, daß mich Frau Hildegard Fischer beauftragte, ihre rechtlichen Interessen wahrzunehmen und lege meine Vollmacht im Original vor.

Ihre Zahlungsaufforderung vom 01.07.1998 wird zurückgewiesen; vielmehr macht meine Mandantin gegen Ihre Mandantin Forderungen auf Zahlung von DM 889,28 sowie auf Rechnungslegung und Auszahlung der Zinsen für die Kaution und Abrechnung über die Nebenkosten 1995 – 1997 geltend.

Wegen der Abrechnung über die Nebenkosten für die Jahre 1995 und 1996 wird gegen die von Ihrer Mandantin geforderte Mietzahlung vorsorglich ein Zurückbehaltungsrecht geltend gemacht.

  1. Meine Mandantin fordert ein Schmerzensgeld von DM 1.250.– wegen schwerer Beleidigung.
    Am Freitag, den 26.06.1998 äußerte Ihre Mandantin gegenüber den Zeugen Maria Hofmann und deren (Schwieger-) Vater, meine Mandantin sei „ein richtiges Miststück“ und „so eine Schlampe, eine eklige“.
    Am selben Tag versuchte sie, meine Mandantin am Betreten der von ihr gemieteten Wohnung zu hindern und wurde ihr gegenüber handgreiflich. Da meiner Mandantin ihr Ehemann zu Hilfe kam, ließ sie wieder von ihr ab und rief ihr nach: „Sie sind ja so ein dummes Luder!“
    Ein Schmerzensgeld von DM 1.250,– erscheint zur Sühne für diese Beleidigungen angemessen. Meine Mandantin behält sich ausdrücklich vor Strafanzeige zu stellen.
  2. Apropos Strafrecht: Ihre Mandantin ließ den Strom für die Flurbeleuchtung und die Heizungsanlage auf den Zähler meiner Mandantin laufen, ohne sie darüber aufzuklären, obwohl sie die Tatsache, daß kein getrennter Zähler vorhanden war, kannte. Der Zähler war bei der Erstellung der Elektroinstallation beim Bau des Hauses auf ihre und ihres Mannes Anweisung „eingespart“ worden, was ein Mitarbeiter der OBAG bezeugen kann.
    Aufgrund der sehr hohen Stromrechnung war meiner Mandantin dieser Umstand aufgefallen, und sie konnte ihren Nachteil durch einen pauschalierten Abzug wieder ausgleichen. Ein Versuch des Betruges liegt aber eindeutig vor! Strafanzeige wird daher vorbehalten.
  3. Meine Mandantin mußte nutzlose Aufwendungen in Höhe von DM 369,28 machen, die von Ihrer Mandantin im Wege des Schadensersatzes zu erstatten sind.
    Sie hatten meine Mandantin aufgefordert, die Wohnung bis spätestens 30.06.1998 „ordnungsgemäß zu weißeln“. Um dies zu tun, fuhr meine Mandantin zusammen mit ihrem Ehemann am Freitag, 26.06.1998, nach Waging und mieteten sich in einer Ferienwohnung ein, da sie den Wohnungsschlüssel bereits Ihrer Mandantin übergeben hatte und Ihre Mandantin selbst die Wohnung bezogen hatte.
    Ihre Mandantin verweigerte meiner Mandantin zunächst den Zutritt zur Wohnung; um den Zustand der Wohnung und den Umfang der erforderlichen Nacharbeiten feststellen zu können, konnte schließlich doch die Wohnung betreten werden.
    Ihre Mandantin ließ nun jedoch verlauten, meine Mandantin respektive ihr Mann dürften die Malerarbeiten nicht selbst durchführen, sondern müßten den bereits anwesenden Malermeister Lobensteiner beauftragen. Um diese geringfügige, jedoch leidige Angelegenheit zu erledigen, beugte sich meine Mandantin dieser Forderung. Die sodann geschlossene Vereinbarung lege ich in Abschrift vor.
    Da diese Aktion auch telefonisch oder brieflich hätte abgewickelt werden können, wäre eine Anreise meiner Mandantin nicht erforderlich gewesen. Ihre Mandantin hat sich zudem vertragswidrig verhalten, indem sie sich einer Renovierung durch meine Mandantin widersetzte.
    Meine Mandantin macht daher vergebliche Aufwendungen für die Anreise, sowie für drei Übernachtungen für sie und ihren als Helfer mitgereisten Ehemann geltend. Es sind 3 Übernachtungen zu erstatten. Diese waren bereits in Voraus gebucht worden. Aufgrund der geänderten Sachlage mußte vor Ort noch ein Rechtsanwalt aufgesucht werden.
    Die Übernachtungskosten belaufen sich auf 3 x DM 60,– = DM 180.—
    Die Fahrtkosten belaufen sich auf 2 x 182 km x 0,52 DM/km =  DM 189,28
  4. Meine Mandantin hatte von den Mieten für April und Mai 1998 insgesamt DM 1.000,– eingehalten und mit der Kaution verrechnet. Mit dieser Vorgehensweise hat sich Ihre Mandantin am 26.06.1998 einverstanden erklärt. Sie hat ausdrücklich erklärt, nachdem die Vereinbarung über die Malerarbeiten geschlossen war: „Das mit der Kaution ist ja nun erledigt!“
    Ihre Rechnerei und Aufrechterhaltung der Forderung wird daher zurückgewiesen.
  5. Gegen die verbleibende Mietforderung für Juni 1998 wird zunächst mit der unter Ziffer 3 beschriebenen Forderung und sodann mit der Forderung auf Zahlung von Schmerzensgeld aufgerechnet.
  6. Abschließend sei noch angeführt, daß meine Mandantin zu dem Auszug aus der Wohnung allein durch den andauernden Psychoterror durch Ihre Mandantin getrieben wurde. Sie belästigte sie immer wieder sonntags mit Besuchen, bei denen sie sie wiederholt äußerst herablassend anredete, beleidigte und zu provozieren suchte. Sie versuchte auch, meiner Mandantin den Mietvertrag sowie die ihr von Ihrer Mandantin kurz zuvor überlassene Kopie über die Anlage der Kaution zu stehlen. Ihre Mandantin wurde jedoch, nachdem sie die Unterlagen bereits eingesteckt hatte, entlarvt.

Nach alledem wäre meine Mandantin bereit, auf den überschießenden Betrag ihrer Forderungen zu verzichten, wenn Ihre Mandantin bis spätestens 28.Juli 1998 folgende Ansprüche meiner Mandantin erfüllt:

  • Rechnungslegung über den mit der Kaution erzielten Gewinn sowie Auszahlung auf mein Kanzleikonto
  • Abrechnung über die Nebenkosten für 1995 bis 1997

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Das hat er sehr gut hinbekommen, dachte ich mir als ich mit dem Lesen fertig war. Vor allem das mit dem Psychoterror fand ich gut, denn das traf genau den Kern der Sache! Nun bin ich gespannt, was sie darauf erwidern werden.

Und die Erwiderung kam.

28. Juli 1998

Sehr geehrte Herr Kollege Thaler,

in vorbezeichneter Angelegenheit erwidern wir Ihren Schriftsatz vom 6.7.98 wie folgt:

  1. Die Schmerzensgeldforderung Ihrer Mandantin wegen Beleidigung wird zurückgewiesen.
    Die von Ihnen genannten Beleidigungen wurden von unserer Mandantin nicht geäußert.
    Vielmehr kamen am 26.6.1998 die Eheleute Hofmann und eröffneten unserer Mandantin sie wollen sich in der Wohnung umsehen.
    Im Anschluß daran kam es, wie schon des öfteren zwischen den Eheleuten Hofmann und unserer Mandantin zum Streit. Die Eheleute Hofmann äußerten in dem Streitgespräch insbesondere, unsere Mandantin hätte sich das Haus unter den Nagel gerissen. Auch behaupteten die Eheleute Hofmann schon des öfteren, das Haus solle demnächst versteigert werden. Aufgrund dieser Behauptung hin wird gegen die Eheleute Hofmann in Kürze ein Hausverbot ausgesprochen werden.
    Auch versuchte unsere Mandantin nie, Frau Fischer am Betreten der Wohnung zu hindern und wurde ihr gegenüber auch nicht handgreiflich. Auch die Worte „Sie sind ja so ein dummes Luder“ wurden von meiner Mandantin nie geäußert.
    Dies alles kann durch den damals anwesenden Maler, Herrn Lobensteiner bezeugt werden.
  2. Der Strom für die Flurbeleuchtung lief nie auf den Zähler Ihrer Mandantin.
  3. Ein Aufwendungsersatz in Höhe von DM 369,28 steht Ihrer Mandantin gegen unsere Mandantin nicht zu.
    Zum einen wußte unsere Mandantin nichts davon, daß Frau Fischer vorhatte, am 26.6.98 nach Waging zu kommen. Zum anderen war unsere Mandantin gehalten, die Wohnung aufgrund ihrer Schadensminderungspflicht schnellstmöglich weißeln zu lassen.
    Im übrigen ist auch nicht nachvollziehbar, warum ein Aufenthalt mit 3 Übernachtungen nötig sein soll, um zu zweit eine Wohnung fertig auszuweißeln.
  4. Ob unsere Mandantin sich mit einer Verrechnung der Kaution mit den rückständigen Mietzinszahlungen einverstanden erklärt hatte, bleibt einer näheren Prüfung vorbehalten.
  5. Die Aufrechnung Ihrer Mandantin mit Schmerzensgeldansprüchen und Aufwendungsersatzansprüchen geht fehl, da diese Ansprüche, wie oben ausgeführt, nicht bestehen.
  6. Die Rechnungslegung über den Kautionsgewinn geht Ihnen in Kürze zu. Es wird jedoch schon jetzt daraufhin gewiesen, daß der mit der Kaution erzielte Gewinn die Sicherheit erhöht, eine Auszahlung an Ihre Mandantin daher nur stattfindet, wenn alle gegenseitigen Ansprüche aus dem Mietverhältnis geklärt sind.
    Die Abrechnung über die Nebenkosten der Jahre 95 bis 97 geht Ihnen in Kürze zu.

Mit freundlichen Grüßen

Alexander Kohut – Rechtsanwalt

Nachdem ich die Abschrift gelesen hatte, wußte ich nicht recht, ob ich darüber lachen oder weinen sollte. Zu einem Teil war ich fassungslos über das Geschriebene, zum anderen hilflos. Wieder und wieder las ich das Schreiben und analysierte es dabei. Da war vor allem die Sache mit den Beleidigungen. Konnte es sein, daß Herr Kohut Frau Hofmann wirklich geglaubt hatte?  Hatte er keine Zweifel gehabt, nachdem Frau Hofmann die Anschuldigungen gegen sie vernommen und dann – wie ich mir lebhaft vorstellen konnte – vehement abgestritten hatte? Wenn Frau Hofmann jetzt behauptete, sie hätte diese Äußerungen nicht gemacht, dann bezichtigte sie damit vier Menschen der Lüge. Aber welchen Grund hätten die vier Menschen haben sollen, sich solche Behauptungen auszudenken und sie ihr in den Mund zu schieben? Wäre solch ein Verhalten nicht infam gewesen und hätte das ihren Anwalt nicht dazu veranlassen sollen, das sofort ahnden zu lassen? Daß der das nicht tat, mag seine eventuell vorhandenen Zweifel durchblicken lassen.

Es ärgerte mich auch, daß Frau Hofmann sich nicht scheute, Herrn Lobensteiner, der meiner Sicht nach ihr nur Gutes zukommen ließ, in die Sache mit hineinzuziehen. Als ihr die beleidigende Äußerung „Sie sind ja so ein dummes Luder!“ herausrutschte, war er ja gar nicht anwesend gewesen. Er war ja erst nach meinem gigantischen Schrei auf der Bildfläche erschienen. Würde Frau Hofmann, wenn es wirklich zu einer Verhandlung kommen sollte, ihn trotzdem veranlassen, falsch auszusagen? Möglich wäre das!… beantwortete ich mir die Frage selbst. Das eine zog das andere nach sich. Eine Lüge führt häufig zur nächsten.

Nun hätte ich meinerseits meinen Anwalt veranlassen können, dagegen einzuschreiten, aber ich weigerte mich, auf so kindische Streiterei einzugehen. Ich ließ es auf sich beruhen und wartete den nächsten Schritt der Gegenseite ab. Viel konnte mir nicht geschehen – da war ich mir ganz sicher.

Der nächste Schritt manifestierte sich in mehreren Schreiben, die Herr Thaler mir zusandte.

Als erstes war das sein Brief an mich selbst:

17. August 1998

Sehr geehrte Frau Fischer,

ich sende Ihnen das Schreiben der Rechtsanwälte Grewe & Kohut vom 06.08.1998, das die Nebenkostenabrechnung vom 01.12.1996 – 30.11.1997 enthält.

Zugleich muß ich das Mandat niederlegen und Ihnen Ihre Unterlagen zurückgeben. Bitte beauftragen Sie einen anderen Rechtsanwalt mit Ihrer Vertretung.

Nach § 43a IV BRAO ist es einem Rechtsanwalt verboten, widerstreitende Interessen zu vertreten.

Nach der Rechtsprechung ist dieses Verbot insbesondere verletzt, wenn bei einem Mieterverhältnis einmal auf Vermieter- und einmal auf Mieterseite Beistand geleistet wird, Dabei kommt es allein auf die objektive Lage an, nicht darauf, ob der Rechtsanwalt auch subjektiv dachte, widerstreitende Interessen zu vertreten.

Da dieses Verbot mit empfindlichen Sanktionen bewehrt ist, kann ich nicht anders handeln.

Für die Zukunft wünsche ich Ihnen dennoch alles Gute, und Erfolg im Kampf mit Frau Hofmann.

Mit freundlichen Grüßen

Über dieses Niederlegen seines Mandates war ich nicht weiter verwundert. Ich selbst hatte ihn einmal am Telefon gefragt, ob er denn nicht in einen Interessenskonflikt kommen würde, wenn er meine Sache übernahm. Das hatte er damals aber verneint, und dafür mag er seine Gründe gehabt haben. Ein Verlust oder gar ein Kümmernis war seine Niederlegung aber nicht für mich – einen neuen Anwalt/Anwältin konnte ich sofort wiederfinden. Ärgerlich war nur, daß ich überhaupt einen Anwalt brauchte. Ärgerlich war, daß Frau Hofmann wegen jeder Kleinigkeit ihre Anwälte einschaltete und mich gezwungen hatte, auch einen heranzuziehen. Aber das würde ich nicht mitmachen. Ich beschloß mit der Suche nach einem neuen Anwalt/Anwältin solange zu warten, wie es ging und nahm mir das nächste Schreiben zum Lesen vor.

6. August 1998

Sehr geehrter Herr Kollege Thaler,

in vorgenannter Angelegenheit erhalten Sie anliegend die Nebenkostenabrechnung für den Zeitraum vom 01.12.96 bis zum 30.11.97, woraus sich eine Nachzahlung Ihrer Mandantin in Höhe von DM 1.040,34 ergibt.

Die Nebenkosten für den Zeitraum vom 15.07.96 bis zum 30.11.96 konnten bisher noch nicht abgerechnet werden, da unsere Mandantin bislang noch keine Kenntnis über die Zählerstände zum Zeitpunkt des Einzuges Ihrer Mandantin hat.

Dies liegt daran, daß die Vermietung an ihre Mandantin nicht von unserer Mandantin durchgeführt wurde, sondern von Ihnen selbst.

Da Ihrerseits unserer Mandantin ein Hausverbot erteilt wurde, hatte unsere Mandantin auch keine Gelegenheit, die Zählerstände abzulesen.

Wir gehen insoweit davon aus, daß Sie die Zählerstände festgestellt haben, als Frau Fischer einzog und bitten um Übermittlung der Zählerstände.

Da Sie für Herrn Michael Hofmann als Pfleger bestellt waren und insoweit auf Vermieterseite in dieser Angelegenheit tätig waren, zeigen wir uns verwundert, daß Sie nunmehr die Interessen der Frau Fischer, also der ehemaligen Mieterin, wahrnehmen.

Ohne Ihnen irgend etwas unterstellen zu wollen, halten wir dieses Vorgehen zumindest sehr problematisch und behalten uns vor, den Sachverhalt den zuständigen Stellen zu unterbreiten.

Sollten Sie sich hinsichtlich der Auskunft über die Zählerstände auf Ihre Verschwiegenheitspflicht berufen, weisen wir schon jetzt darauf hin, daß wir ein solches Vorgehen nicht akzeptieren werden.

Sofern Sie die Zulässigkeit der Übernahme des Mandats von Frau Fischer noch nicht hinreichend überprüft haben, bitten wir dies nachzuholen, um ggf. die erforderlichen Schritte durchzuführen.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Anja H. Grewe

Auch diese Schreiben überraschte mich – vorbereitet durch Herrn Thaler’s Brief – nicht weiter; nur insofern, daß man wieder einmal von ihm die Zählerstände erwartete und daß die am 28. Juli angekündigte Rechnungslegung über den Kautionsgewinn fehlte. Auf die paar Zinsen, die bei Anlegung von 1.000,– DM auf ein Sparbuch innerhalb von eineinhalb Jahren erwirtschaftet wurden, konnte ich zwar verzichten, aber nicht so gern auf ein gegebenes Wort.

(Mußte ich aber, denn Herr Kohut hat seines nicht gehalten. Bis heute, das ist der 06.12.1999, blieb man mir den Nachweis schuldig.)

Ich schüttelte meine aufsteigende Verärgerung ab und nahm mir ein weiteres Schreiben vor. Es war die Reaktion von Herrn Thaler auf Frau Grewes Schreiben.

17. August 1998

Sehr geehrte Frau Kollegin Grewe,

ich muß Ihnen leider mitteilen, daß mir die Zählerstände bei Einzug von Frau Fischer nicht bekannt sind.

Sie können mir auch nicht bekannt sein, da ich durch Beschluß des Amtsgerichts München vom 24.05.1996 von meinem Amt als Vermögenspfleger für Michael Hofmann entpflichtet wurde. Mit Schreiben vom 10.06.1996 gab ich sämtliche Unterlagen an den neuen Pfleger, Herrn RA Piehlmeier, heraus. Diesem oblag es, die Wohnung an Frau Fischer zu übergeben.

Ihren Hinweis auf die Möglichkeit, in derselben Sache für beide Seiten tätig gewesen zu sein, nehme ich dankbar auf.

Es ist richtig, daß ich namens Ihrer Mandantin den Mietvertrag mit Frau Fischer abschloß. Zwar hatte ich dabei gedacht, ausschließlich die Interessen meines Mündels zu wahren, da die Mieteinnahmen zur Tilgung von Krediten benötigt wurden und die Zwangsversteigerung des Anwesens meines Mündels wegen rückständiger Raten drohte; da jedoch letztendlich die Zustimmung Ihrer Mandantin zum Vertragsabschluß notwendig war, komme ich nach intensiver Überprüfung der Rechtslage zu dem Ergebnis, daß der Vorwurf der Vertretung widerstreitender Interessen im Streitfall nicht einfach von der Hand zu weisen sein wird.

Ich habe daher mit gleicher Post das Mandat der Frau Fischer niedergelegt, ihr meine Handakte herausgegeben und sie gebeten, einen anderen Kollegen mit der Wahrnehmung ihrer Interessen zu beauftragen.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Ein Absatz in diesem Schreibens erfüllte mich mit Befriedigung – und zwar der, in dem Herr Thaler erklärte, warum er die Zählerstände nicht wissen konnte und daß es Herrn Piehlmeier oblegen hätte, die Wohnung an mich zu übergeben.

Das hatte ich mir doch auch schon immer gedacht, daß das seine Pflicht gewesen wäre. Doch diese Pflicht hatte er von sich gewiesen, mit der Aussage, das wäre die Aufgabe der Nießbrauchberechtigten gewesen.

Es wäre interessant zu erfahren, wer denn in dieser Sache nun recht hatte. Nun, vielleicht erfahre ich das ja noch!

Wenn Herr Piehlmeier recht hat, dann hätte mir Frau Hofmann die Wohnung übergeben müssen, denn nach dem Wechsel der Pfleger galt für sie das Hausverbot, wie ich glaube, nicht mehr. Ihre Gründe, das nicht zu tun, konnte ich mir leicht vorstellen.

Wollt ihr sie wissen? Nun, Herr Thaler hatte sie gegen ihren Widerstand – sie wollte nämlich, daß die untere Wohnung leer blieb – doch soweit gebracht, daß sie einer Wiedervermietung schriftlich zustimmte. Später muß sie das bereut und geärgert haben und sah deshalb keinen Grund, der neuen Mieterin entgegenzukommen. Und das hat sie ja dann auch immer wieder praktiziert.

Ein letztes Schreiben war übriggeblieben: Die Nebenkostenabrechnung! Die hatte ich mir bis zuletzt aufgehoben.

Gespannt überflog ich die Seite, an deren Ende die Summe von DM 1040,34 auf mich wartete. Diesen Betrag sollte ich, lt. Frau Hofmanns Aufstellung, nach Abzug meiner 1 200,00 DM im voraus geleisteten Zahlungen, ihr noch schuldig sein!

Angesichts dieser Summe konnte ich nur ungläubig den Kopf schütteln.

Seit Beginn meiner Ehe hatte ich jährlich solche Kosten überprüft, hatte also Übung in diesen Dingen und einen gewissen Überblick, was sie ausmachen durften. Ich holte den entsprechenden Ordner mit Abrechnungen früherer Jahre aus dem Schrank, schlug ihn auf, nahm die Unterlagen aus dieser Zeit hervor und stellte Vergleiche an.

Im Abrechnungszeitraum vom 28.12.93 – 21.12.94 hatten wir damals z. B. eine jährliche Belastung…

beim Wasser              324,86 DM

beim Kanal                241,92 DM

beim Gas                  1.023,04 DM                            (an Stelle des Heizöls), das machte insgesamt                             1.589.82 DM aus. 

Nun nahm ich noch unsere sonstigen Nebenkosten über ca. 110,– DM x 12 = 1.320,– DM dazu, die in der Miete pauschal enthalten waren und kam auf eine Jahresgesamtbelastung von 2909,82 DM. Das teilte ich durch die Anzahl der drei Personen, die in dem Reihenhaus gewohnt hatten und durch 12 Monate. Die Rechnung ergab eine monatliche Belastung von 80.83 DM pro Monat und Person.

Das selbe machte ich mit der Abrechnung aus dem Zeitraum vom 21.12.94 – 21.12.95…

Wasser                       334.48 DM

Kanal                        252,72 DM

Gas                          1.250,35 DM

Die Summe von       1.837.55 DM + 1.320,00 DM = 3.157,55 DM : 3 : 12, ergab 87,71 DM.

Sicherlich, die Rechnerei berücksichtigt nicht alle Faktoren, die sich aus den unterschiedlichen Wohnverhältnissen ergaben, aber sie zeigten mir trotzdem, daß mit Frau Hofmanns Abrechnung etwas nicht in Ordnung sein konnte. Allein in dem vorliegenden Fall, ergab sich für mich eine monatliche Nebenkostenbelastung von 186,70 DM. Das war über das Doppelt hinaus, was ich früher dafür aufwenden mußte.

Selbst in meiner neuen Wohnung zahlte ich gerade mal 110,– DM für Heiz- und Nebenkosten. Und das war schon um 10,– DM höher als der Vormieter bezahlt hatte, weil das völlig ausreichend war, wie meine Vermieterin mir versichert hatte.

Reg‘ dich nicht auf, beruhigte ich mich selbst, du wirst schon dahinterkommen, wenn sie falsche Beträge angegeben hat! Und sollte sie sich einbilden, daß du die Nebenkostenabrechnung ungeprüft und unangefochten zahlen wirst, dann belehre sie eines anderen!

Akribisch genau ging ich bei meiner Überprüfung vor und fand auch gleich den ersten Fehler. Natürlich die Mülltonnenabrechnung! – wie sollte es anders sein. Es war mir ein Rätsel, wie Frau Hofmann, die sich so hartnäckig geweigert hatte eine zweite Mülltonne bereit stellen zu lassen, diese nicht existierende jetzt ebenso hartnäckig in Rechnung stellte:

Abfall – Entsorgungsgebühren Behälter 80 Liter für 1 Jahr DM 360,00 stand in ihrem Bescheid. Da die Tradlers aber immer nur eine Tonne für sich allein benutzt hatten, müßte es heißen:

Abfall – Entsorgungsgebühren Behälter 0,– DM, und damit konnte ich meine Nachzahlung bereits um 360,00 DM senken.

Aber weiter, es gab bestimmt noch andere Minderungsgründe, da war ich mir ganz sicher. Ich fand sie und fragte mich, ob Frau Hofmann sich nicht schämte oder wenigstens von leisen Skrupeln geplagt wurde, wenn sie so entdeckbare Verrechnungen zu ihren Gunsten vornahm. Sie schien wirklich zu glauben, daß ich sie nicht aufspürte. Wer aber wie ich erst einmal mehrere Jahre als Buchhalterin gearbeitet hatte, dem steckt ein detektivischer Spürsinn im Blut. Sicher, es dauerte seine Zeit, bis ich Summe für Summe verglichen hatte, kam dann aber einer weiteren Unregelmäßigkeit auf die Spur. Bei den Kosten für Heiz- und Warmwasser wurde ich fündig. ½ von 430,95 DM stellte sie mir da für Servicekosten in Rechnung. Wenn überhaupt, dann doch eher nur 1/3. Aber auch das erübrigte sich, denn diese Kosten waren bereits in den Heiz- und Warmwasserkosten berücksichtigt und noch einmal minderte sich so meine Nachzahlung um 215.30 DM.

Um den dritten Fehler aufzudecken, brauchte ich ziemlich lang. Irgendwie saß ich deswegen auf der Leitung! Immer und immer wieder hatte ich die einzelnen Posten der Brunata-Rechnung überprüft und verglichen, als es mir schließlich wie Schuppen von den Augen fiel: Natürlich, DAS war es! Die Kanal- und Wasserkosten waren höher als die Heizkosten! Sie waren mit DM 706,42 generell zu hoch. Wieder nahm ich meinen Ordner zu Hilfe auf und nahm das Gesuchte heraus.

Mittels zwei REWAG – Abrechnungen, die den Zeitraum vom 28.12.93 – 21.12.94 und 21.12.94 – 21.12.95 umfaßten, stellte ich einen Vergleich her. Für den Zeitraum zwischen 93 und 94 hatte ich für Kanal und Wasser 566.78 DM bezahlt. Ich teilte die Summe durch die drei Personen und kam auf eine Einzelbelastung von 188,93 DM.

Nach dieser Berechnung wußte ich genau, daß mit der Brunatabrechnung etwas nicht stimmen konnte. Um das zu untermauern, nahm ich mir noch das Ausrechen von Wasser und Kanal aus dem Zeitraum 94 – 95 vor. In diesem Abrechnungszeitraum hatte ich 587,20 DM für den Jahresverbrauch bezahlt (das war etwas höher als im Jahr davor – wir hatten wohl häufig den Garten gegossen), geteilt durch 3 (das waren die drei Personen im Haus, das Kind nicht eingerechnet) machte 195,73 DM pro Person und Jahr. Und ich sollte nun einen Beitrag leisten, der das um das dreifache überstieg!!!

Ich konnte das nicht fassen! Sicher, räumte ich gedanklich ein, das eine und andere Mal wart ihr, meine Familie, zu Besuch gewesen, aber ihr hatte doch nicht so viel Wasser verbraucht, um den Betrag von 706,42 DM zu rechtfertigten.

Als ich mit meinen Überlegungen soweit gekommen war, wollte ich nun auch wissen, wie die Brunata diesen Preis hatte errechnen können. Meine nochmalige Überprüfung der Abrechnung löste diese Frage. Darin war für Wasser der Gesamtbetrag von 573,79 DM und für den Kanal 1050,– DM angeben. Bei dem Betrag für den Kanal stutzte ich sogleich! 1050,– DM… das war fast das Doppelte wie für das Wasser! Wieso so viel? Ich konnte mich nicht erinnern, daß Arbeiten am Kanal vorgenommen worden waren, die das gerechtfertigt hätten. Aber vielleicht waren sie durchgeführt worden, sinnierte ich, und man hatte mich nur nicht darüber informiert. Wie auch immer, das zu klären, verschob ich auf einen späteren Zeitpunkt.

Jedenfalls ergab sich aus den beiden Preisen – durch den Jahresverbrauch, mal meines Verbrauches, der mit sage und schreibe 57,77 cbm angegeben war, die Summen von DM 242,11 und 444,87. Zusammen mit den Abrechnungskosten von DM 18,33 machte das 706,42 DM aus.

Das war bestimmt zu viel, da war ich mir sicher! Allein der angegebene Verbrauch von 57,77 cbm Wasser konnte nicht stimmen, war ich doch immer sehr sparsam damit umgegangen.

Neugierig geworden, auf welchen Verbrauch die Tradlers pro Person bei dieser Rechnung kamen, zog ich rechnerisch vom Jahresverbrauch, der 136,35 cbm betrug, meine angeblichen 57,77 cbm ab. Das ergab einen Rest von 78,58 cbm, den ich durch drei (Mann, Frau und ein Kind) teilte. Über die herausgekommene Summe von 26,19 cbm pro Person konnte ich wieder nur ungläubig staunen. Das war weniger als die Hälfte meines Verbrauches. Und die Tradlers hatten sicherlich nicht so gespart wie ich!

Ach Gott, dachte ich mir, was soll das noch werden! Aber ich ließ mich nicht entmutigen und nahm die nächste Abklärung vor.

Ich schaute mir die Einzelpreise von Wasser und Kanal pro cbm auf der Brunata-Rechnung an und stellte fest, daß sie für Wasser mit 4,21 DM und beim Kanal mit 7,70 DM angesetzt waren.

Auch das ist viel zu hoch, dachte ich mir, und zog noch einmal meine Unterlagen zum Vergleichen heran. Auf denen ersah ich, daß der cbm Wasser während meiner in Betracht kommenden beiden Zeitabrechnungsräumen in Regensburg 1,93 DM gekostet hatte und der cbm Abwasser 2,31 DM.

Nun war ich verwirrt! Konnte es sein, daß die Preise dafür in Waging und Umgebung so viel höher lagen als in Regensburg?

Ich ging der Frage auf den Grund, rief in Waging beim Gemeindeamt an und zog Erkundigungen ein.

Ein freundlicher Sprecher teilte mir auf meine entsprechende Frage mit, daß der cbm Wasser 1,50 DM betrug und, soviel er wußte, denn das lag nicht in seinem Bereich, 2,50 DM für den cbm Abwasser. Ich bedankte mich für diese Auskunft und legte den Hörer auf. Jetzt war ich mir erst recht sicher, daß die Brunata-Abrechnung gravierende Fehler enthielt. Wie ich mein Wissen aber anwenden würde, darüber war ich mir noch nicht sicher – das würde die Zeit mit sich bringen.

Zunächst wartete ich nach dem Erhalt der Schreiben einige Tage ab, um nervlich wieder in Form zu kommen. Dann setzte ich mich am 24. August 98 vor meinen Computer und schrieb einen Brief an Frau RA Grewe:

Sinzing, den 24. August 1998

Sehr geehrte Frau Grewe,

mit Schreiben vom 18.08.98 übersandte mir Herr RA Thaler die Nebenkostenabrechnung Ihrer Mandantin Frau Gerda Hofmann.

Nun bin ich grundsätzlich bereit, den Restbetrag der meine angezahlten 1200,– DM übersteigt zu bezahlen, aber die jetzige Nebenkostenabrechnung ist so, wie ich sie bekommen habe, nicht in Ordnung.

  1. Der Abfallbehälter, der zwei Mietparteien – die vier Personen umfaßte – zur Verfügung stand, hatte ein Fassungsvermögen von 80 l (was, nebenbei gesagt, immer zu wenig war, so daß ich meinen Abfall häufig meinem Mann nach Regensburg mitgab), kostete an Gebühr für 1997 360,– DM.
    Frau Hofmann berechnetet mir aber die Hälfte von sage und schreibe „zwei“ Abfallbehälter zum Tarif für 1998 zu 720,–DM. (Den Tradlers übrigens ½ von zwei Tonnen zum Preis von 680,–DM).
    Ich finde es reichlich kühn von Frau Hofmann, die dem Ehepaar Tradler und mir, bis zu unserem Auszug eine zweite Tonne verweigerte, aber nun für zwei kassieren will. Wenn ich mich überhaupt – und auch nur kulanter Weise – an den Kosten dazu beteilige, dann höchstens zu einem Viertel, was 360:4= 90,–DM ausmachen würde.
  2. Meine Heizkosten von 645,48 DM errechneten sich aus den Brennstoffkosten von 1635,78 DM und den Servicegebühren von 430,59 DM, also alles inklusive. Frau Hofmann berechnete mir aber die Heiz- und Warmwasser-Servicekosten noch einmal, ging gleich in die Vollen und verlangt ½ von DM „430,95“  macht bei ihr 215,30 DM. (Übrigens nur mir! Den Tradlers hat sie diesen Betrag nicht in Rechnung gestellt. Das ließ in mir die Frage aufkeimen, ob Frau Hofmann mit der Berechnung schlichtweg überfordert war, oder ob sie mich einfach nur übers Ohr hauen… hier muß ich „will“ schreiben, denn das Resultat steht noch aus.
  3. Wasserkosten: Bei einem Gesamtverbrauch von 136,35 cbm, den vier Personen beanspruchten, errechnete die Brunata für mich einen Verbrauch von 57,77 cbm. (Fam. Tradlers Verbrauch betrug 78,58 cbm.) Das kann ich so nicht gelten lassen, denn ich kann nicht glauben, daß Fam. Tradler auf diese Weise zu einem Durchschnittsverbrauch von 26,32 cbm kommt und ich als Einzelperson mehr als das Doppelte verbrauchte.
    Da Frau Hofmann mir keine Ablesestände des Wasserverbrauchs zugeschickt hat, fordere ich Sie hiermit auf, das nachzuholen, damit ich die Richtigkeit meines Verbrauchs überprüfen kann.

Nun liegt es an Ihrer Mandantin mir eine korrekte Nebenkostenabrechnung zu zustellen. Sollte das nicht der Fall sein, werde ich das Vormundschaftsgericht davon in Kenntnis setzen und Beschwerde einlegen.

Ach ja, und dann möchte ich mich noch bedanken, daß Sie, Frau Grewe, mir dieses Mal nicht wieder eine „Fünftagefrist“ zum Begleichen der Rechnung gesetzt haben und es unterließen, mir Beine machen zu wollen, in den Sie schrieben: „Sollten Sie Ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, werden ohne weitere Zwischenschritte gerichtliche Maßnahmen gegen Sie eingeleitet werden!“ Ich komme mir doch gleich nicht mehr so schäbig vor, als wäre ich eine kleine, unbelehrbare Gaunerin.

Ich habe ja durch Frau Hofmann viel Kummer, Streß und finanzielle Einbußen hinnehmen müssen und Geduld und immer wieder Nachsicht ihren Angriffen gegenüber gezeigt, aber wie im Leben hat alles seine zwei Seiten: Die ganze „Affäre Feichten“ wird sich gut in meinem neuen Roman einfügen, der übrigens der Hauptgrund meines Umzugs nach Feichten war.

Wenn ich allerdings geahnt hätte, was mich dort erwartet, hätte ich eine andere Wohnung gemietet und diese gemieden wie ein heißes Eisen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Floskel „Mit freundlichen Grüßen“ bereitet mir Unbehagen – viel lieber hätte ich geschrieben „Mit den schlechtesten Wünschen“. Weil ich mir aber klar machte, daß Anwälte im wesentlichen das wiedergaben, was ihre Klienten von ihnen verlangten, unterdrückte ich das Verlangen danach.

Ich las das Schreiben noch einmal durch und setzte meine Unterschrift darunter. Dann steckte ich es in einen Umschlag und schrieb Adresse und Absender darauf. So, sagte ich befriedigt zu mir selbst, der kann jetzt ab gehen.

Einen Termin hatte ich der Rechtsanwältin nicht gestellt, weil mir das so kindisch und kleinlich vorkam, aber eine Antwort darauf – irgendwann – hatte ich schon erwartet. Aber so lange ich auch wartete, Frau Grewe hielt es nicht für nötig, zurückzuschreiben.

Die einzige Reaktion kam von Frau Hofmann, die mir eine zweite Version der Nebenkostenabrechnung für den Zeitraum 1.12.96 – 30.11.97  zuschickte.

Diesen hatte sie in der Weise nachgebessert, daß für die Abfalltonne nun ein Betrag von 226,67 DM angesetzt war (Frau Hofmann war für ihre Berechnung wieder von zwei Tonnen ausgegangen) und die doppelten Kosten für Service waren entfernt. Trotzdem ergab sich nach diesen Kürzungen immer noch ein ausstehender Betrag von 688,33 DM.

Diesen Bescheid legte ich nach dem Durchlesen aber erst einmal beiseite. Noch standen zwei weitere Nebenkostenabrechnungen aus, die ich erst einmal abwarteten wollte.

Und schließlich kamen sie!

Als ich mir die Nebenkostenabrechnung 15.07.96 – 30.11.96 vornahm, sagte ich zu mir selbst: „Na, dann will ich mal sehen, ob Frau Hofmann diesmal alles korrekt abgerechnet hat.“  Das wäre schön gewesen, aber leider war das nicht so!

Die erste Unregelmäßigkeit fand ich gleich bei den Abfall-Entsorungsgebühren.

Wieder hatte mir Frau Hofmann den 3. Teil von zwei Tonnen zu einem Preis von 680,– DM in Rechnung gestellt, obwohl doch wirklich keine zweite vorhanden gewesen war.

Die Hartnäckigkeit, mit der Frau Hofmann mir unbedingt eine zweite Tonne berechnen wollte, brachte mich auf den Gedanken, ob diese Tonne womöglich irgendwo anders stand und nahm mir vor, später Nachforschungen darüber anzustellen. Jedenfalls kam auf diese Art, umgerechnet auf die 4 ½ Monate ein Betrag von 85,– DM zustande.

Die Berechnungen von Gebäude-, Haftpflicht- und Brandversicherung schienen in Ordnung zu sein – soweit ich das an Hand der mitgeschickten Unterlagen beurteilen konnte -, ebenso wie die Grundsteuer.

Aber dann, bei meinen Überprüfungen der Brunata-Zahlen, wurde ich stutzig und stellte mir die Frage, wie man zu diesen Ergebnissen gekommen sein konnte. Niemand hatte bei meinem Einzug in Feichten die Zählerstände von Heizung, Kalt- und Warmwasser abgelesen; trotzdem waren der Brunata Daten übermittelt worden, an Hand dessen sie Kosten für mich erstellt hatten.
Jedenfalls schienen mir bei dieser Aufstellung die Kosten für Heizung und Warmwasser einigermaßen realistisch zu sein, aber die für Wasser/Kanal mit DM 396,40 für 4 ½ Monate waren es bestimmt nicht.

Rasch rechnete ich aus, wieviel ich dann für ein Jahr hätte bezahlen müssen: 396,40 : 4,5 x 12 = 1.058,06 DM!

Ich lachte ob dieser Zahl ungläubig auf. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verrechnet und gab die Zahlen noch mal in meinen Rechner ein. Aber ich hatte mich nicht getäuscht – da stand zum zweiten Mal 1057,06. Ich schüttelte den Kopf und sagte mir: Nein, das kann nicht stimmen!

Und ich sage euch, meine lieben Buben, wenn das wirklich doch stimmen sollte, dann freß‘ ich einen Besen.

Jedenfalls suchte mir dann gleich einmal die angegebene Wassermenge und die Kosten pro cbm heraus. Lt. Brunata hatte ich in 4,5 Monaten 45,05 cbm Wasser verbraucht, bei einem cbm Wasserpreis von 3,69 DM und einem cbm Kanalpreis von 4,73 DM. Allein die Menge von 45,05 cbm, was pro Monat ca. 10,01 cbm ausmachte, konnte unmöglich stimmen. Und wie waren sie zu den erhöhten cbm-Preisen gekommen – wer weiß?… Mir war das schleierhaft!

Und überhaupt… – diese Frage stellte sich mir besonders zwingend – war die Nebenkostenabrechnung denn rechtens, nachdem für diesen Zeitraum keine Meßdaten festgehalten worden waren? Auch das werde ich zu gegebener Zeit klären, nahm ich mir vor.

Immer und immer wieder verglich ich die Nebenkostenabrechnung mit den anderen Brunata-Abrechnungen und kam schließlich auf eine weitere Ungereimtheit!

Bei einer Überprüfung welche Kosten zu welchem Datum gehörten, stellte ich fest, daß die Gesamtkosten lt. Abrechnung der Fa. Brunata von DM 3351,23 mit dieser Abrechnung überhaupt nichts zu tun hatten. Das waren die Gesamtkosten für den Zeitraum vom 1.12.1997 – 30.11.98. Aber wo war dann die Brunata-Abrechnung für den Zeitraum vom 15.07.96 – 30.11.96?

Ich suchte und suchte!.. Weil ich sie aber nicht fand, fiel mir schließlich ein, daß Frau Hofmann mir keine geschickt hatte und mir auch nicht hatte schicken können, weil es mangels Ablesung keine gab.

Nach dieser Erkenntnis, legte ich erst einmal alles beiseite, denn so würde ich nicht weiterkommen. Eine Nebenkostenabrechnung stand ja noch aus, mal sehen wie die ausfiel!

Als sie endlich eintraf, entdeckte ich bei der Überprüfung gleich deren ersten Fehler!

Nebenkostenabrechnung vom 1.12.97 – 30.06.98 stand da! Das war falsch, denn ich war nicht am 31.06.98 ausgezogen, sondern kurz vor dem 31.05.98.

Sicher… ich weiß, daß Frau Hofmann sich auf die Kündigungsfrist bezog, die erst am 30.06.98 abgelaufen wäre. Aber es war doch so gewesen, daß sie selbst es sehr begrüßt hatte, daß ich einen Monat früher ausgezogen war. Danach konnte sie endlich den ungemütlichen Hobbyraum verlassen und in die verlassene Wohnung übersiedeln, die ihr mit Bad und Warmwasser mehr Bequemlichkeiten bot. Daß sie dies nun nicht berücksichtigte, zeigte mir einmal mehr, wie unfair Frau Hofmann die Angelegenheit behandelte.

Ich sage euch, es kann nicht anders gewesen sein, sonst hätte sie diesen Monat, den sie selbst in der Wohnung verbrachte, mir nicht angerechnet und anrechnen lassen.

Das war das eine! Mal sehen was sie sonst noch auf Lager hat!

Und gleich sah ich schon das Nächste. Wieder hatte sie mir anteilig Gebühren für zwei Abfalltonnen berechnet. Daran war ich inzwischen schon gewöhnt und lächelte nur leicht grimmig darüber. Sollte es aber zu einem gerichtlichen Verfahren kommen, dann würde ich mich weigern, diese zu bezahlen, denn ich hatte während dieses Zeitraumes nicht einmal die „einzig vorhandene“ benützen können, weil Frau Hofmann sie mit ihrem Müll vollgestopft hatte.

Die nächsten fünf Posten schienen in Ordnung zu sein – mit denen hielt ich mich nicht auf. Aber dann… dann kamen die Heizungskosten!

726,63 DM stellte mir die Brunata für die letzten 6 Monate in Rechnung. Das waren um 151,33 DM mehr als man mir in der vorhergehenden Periode für ein ganzes Jahr berechnet hatte. Ihr könnt euch vorstellen, daß mir das sehr unwahrscheinlich vorkam! Wieder begann ich mit meinen Überprüf- und Berechnungen. Dabei fand ich heraus, daß sich allein schon der um 30 Tage längere Abrechnungszeitraum erhöhend auf meine Kosten auswirkten. Und wie ich so die verschiedenen Angaben verglich, entdeckte ich außerdem, daß bei dieser Abrechnung der Verbrauch an Heizöl um 664 l höher lag, als im Jahr zuvor.

Wie konnte das nun wieder sein? Die obere Wohnung – zweimal so groß wie meine ehemalige – war den ganzen Dezember über leer gestanden und auch die untere war, nachdem Frau Hofmann sie nicht mehr gebraucht hatte, einige Zeit unbewohnt gewesen.

Das war aber noch nicht alles! Als ich die Daten vom Vorjahr mit denen des Folgenden verglich, stellte ich fest, daß ich im Vorjahr für 12 die Monate 9,18 Heizeinheiten zu einem Preis von 574,70 DM – macht pro Einheit 62,60 DM aus – verbraucht hatte und in den folgenden 6 Monaten 5,41 Heizeinheiten zum Preis von 726,63 DM, was pro Monat 121,11 DM ausmachte. Damit fielen meine Heizkosten für das letzte halbe Jahr um das Doppelt höher per Einheit aus, als im Jahr zuvor. Also, wenn das mit rechten Dingen zuging, dann wußte ich auch nicht mehr weiter!

Und weiter ging es mit meiner Überprüfung!

Auf der Rechnung entdeckte ich nun, daß der einst vorgenommene Eichaustausch mit 313,61 DM mir anteilig berechnet wurde. Ich kannte mich in solchen Dingen ja nicht aus, aber ich fragte mich, ob das zulässig war. Bei einem Eichaustausch handelte es sich schließlich um ein Gerät, das fest mit dem Heizungssystem verbunden wurde und somit zum Haus gehörte. War es möglich, daß ein Vermieter die Kosten dafür seinen Mietern aufdrücken durfte? Das war wieder eine von den Fragen, die es zu klären gab, wenn es hart auf hart käme.

Bei den Wasser- und Kanalkosten auf dieser Rechnung waren die Preise endlich einmal mit DM 126,73 erstaunlich gering. Jawohl, so entsprachen sie schon eher meinen Vorstellungen. Der Preise von DM 1,76 für einen cbm Wasser und 2,50 DM für den Kanal deckten sich fast mit den Angaben, die ich aus Waging bekommen hatte. Und auch der Verbrauch hatte sich auf monatliche 4,2 cbm gesenkt.

Oh ja, damit konnte ich schon eher leben! Sicherlich wäre er noch etwas niedriger gewesen, wenn Frau Hofmann die Wasseruhren gleich nach meinem Auszug hätte ablesen lassen! Weil sie das aber nicht getan hatte, fragte ich mich, ob das allein schon den Tatbestand eines Betruges erfüllen würde.

Wie auch immer – wenn Frau Hofmann nicht klagen würde, täte ich es auch nicht, obwohl es wirklich einige Gründe dafür gab. Aber ich bin kein Streithansel und wartete weiterhin ab, was sie und ihre Anwälte noch für mich auf Lager hatten.

Zunächst sah ich auf der Abrechnung einen weiteren Eintrag, den ich nicht akzeptieren wollte. Statt meiner vorausgezahlten 600,– DM für Nebenkosten, gab Frau Hofmann an, ich hätte nur 430,25 DM bezahlt. Daß sie nun versuchte, auf diese Art wieder zu dem Geld zu kommen, daß ich ihr wegen des Heizungsstroms von meiner Miete abgezogen hatte, konnte mich auch nicht mehr erschüttern. Aber ob sie damit auch durchkommt, das werden wir ja noch sehen!

Das Letzte was mir auf dieser Kostenabrechnung nicht paßte war, daß Frau Hofmann sämtliche Nebenkosten für sieben, statt der tatsächlichen sechs Monate berechnet hatte. Das bewirkte, daß ich Kosten zu tragen hätte, die sie selbst durch das Bewohnen der Räume verursacht hatte.

Wirklich, die Frau hatte Nerven!

Trotzdem war ich ihr nach all dem nicht einmal mehr böse. Im Gegenteil, irgendwie tat sie mir leid! Vieles von dem, was sie mir mit ihren Abrechnungen zumutete, war so übertrieben, daß ich mich im Fall einer gerichtlichen Verhandlung leicht dagegen wehren konnte und dann würde sie ganz schön dumm dastehen. Aber würde es soweit kommen? Nun, man wird sehen!

Wieder verlegte ich mich aufs Warten! Immer noch stand von Seiten Frau Hofmann der Nachweis über die Zinsen aus meiner Kaution aus, ebenso wie die Kopien über Wasserablesung, Wasser- und Ölrechnungen. Bevor ich die nicht in Händen hielt und nachprüfen konnte, war ich sowieso nicht gewillt, irgend etwas zu zahlen.

Die nächsten Wochen und Monate durfte ich mich in dieser Sache etwas entspannen, denn weder von Frau Hofmann noch von ihren Anwälten kam ein Lebenszeichen. Aber dann, als ich schon anfing zu hoffen, sie hätten sich die Sache überlegt und eingesehen, daß ihre Forderungen unsinnig waren und sie abgeblasen hätten, lag Anfang Februar ein Brief von Frau Hofmann in meinem Briefkasten.

Ach, du liebe Güte, dachte ich  mir, nachdem ich dem Absender entnommen hatten, von wem er stammte, hört das denn nie auf?

In meiner Wohnung und öffnete ich den Umschlag und zog mehrere Blätter heraus. Auf einigen waren die Angaben über die letzte der drei Nebenkostenabrechnung und das Letzte war ein Schreiben von ihr selbst.

München, den 08.02.1999

Sehr geehrte Frau Fischer,

nach Überprüfung der Banküberweisungen (Kontoauszüge) Ihrer Mietzahlungen u. Nebenkostenvorauszahlungen ergeben sich folgende Fehlbeträge,

Vorauszahlungen Nebenkosten lt. Mietvertrag monatl. DM 100,00

Vom 01.12.97 – 30.06.98 = 7 Monate                                                        DM 700,00

Bezahlt wurden lt. Kontoauszügen                                                            DM 430,25

                                                                                              = 700,00 DM

                                                                                              – 430,25 DM

Fehlbetrag                                                                               = 269,75 DM

                                                                                              ===========

Monatsmiete u. Nebenkosten Juni 1998 keine Banküberweisung                  = 730,00 DM

Restforderung / Nachzahlung                                                                                                   = 999,75 DM

Bitte um Überweisung auf das Ihnen bekannte Bankkonto

Mit freundlichen Grüßen – Hofmann Gertraud

Wie war sie nur auf den Betrag von 430,25 DM gekommen, fragte ich mich, nachdem ich das kurze Schreiben gelesen hatte, denn ich hatte in diesem Zeitraum weit mehr abgezogen. Aber was soll ’s, tat ich das ab, denn ich hatte keine Lust mehr, mich weiter mit ihren Ungereimtheiten abzugeben.

Ca. 14 Tage vergingen und ich wurde wieder mit einem Brief bedacht. Darin befand sich eine Aufrechnung von Herrn RA Kohut, der zu Folge ich insgesamt an Nebenkosten 1.871,29 DM zu bezahlen hätte. Und er fuhr fort: Des weiteren haben Sie auch die Miete für Juni 98 in Höhe von 730,– DM netto (was meint er mit NETTO???) noch nicht an unsere  Mandantin entrichtet. Die Forderungen unserer Mandantin gegen Sie aus dem Mietverhältnis beläuft sich somit noch auf DM 2.601,29.

Wir bitten Sie, diesen Betrag bis spätestens Freitag, den 7. Mai 1999 auf unser oben angegebenes Konto zu überweisen.

Da Sie sich mit der Zahlung der Junimiete 98 seit dem 05.06.98 in Verzug befinden, sind auch die nötigen Kosten unserer Inanspruchnahme insoweit von Ihnen als Verzugsschaden zu ersetzen.

Die hier entstandenen Kosten, soweit Sie von Ihnen zu ersetzen sind, entnehmen Sie bitte anliegender Kostennote, mit der Bitte, diesen Betrag der Forderung von DM 2.601,29 hinzuzusetzen und ebenfalls binnen oben gesetzter Frist auf unser Konto zur Einzahlung zu bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Alexander Kohut – Rechtsanwalt

Soweit dazu und zur Ergänzung nun die -siehe unten!

Rechtsanwaltkostenberechnung

Berechnet nach der Bundesgebührenordnung für Rechtsanwälte (BRAGO)

7,5/10 Geschäftsgebühr gem. §§ 11, 118 l Ziff.1 BRAGO                                           67,50 DM

Wert: 730,00 DM

Post- und Telekommunikationsentgelt gem. § 26 BRAGO                                           10,10 DM

Zwischensumme                                                                                                      77,60 DM

16 % Umsatzsteuer gem. § 25 BRAGO                                                                     12,42 DM

Gesamtbetrag                                                                                                         90,02 DM

Alexander Kohut – Rechtsanwalt

Beim Lesen dieser beiden Schreiben wurde mir klar, daß ich sie nicht unbeantwortet lassen konnte. Aber es würde wenig Sinn machen, wenn ich das selber täte. Meine Erwiderungen würden sie doch nur wieder wegwischen mit der Behauptung, daß alle ihre Forderungen zu recht bestünden und die von ihnen an mich geschickten Unterlagen seien ausreichend, um die Nebenkostenabrechnung zu überprüfen. Nein, so ging es nicht mehr! Jetzt mußte ich wieder auf die Rechtsschutzversicherung zurückgreifen, die euer Vater für mich abgeschlossen hatte, nachdem die ersten Schwierigkeiten mit Frau Hofmann sichtbar geworden waren und erneut einen Anwalt einschalten.

Mal sehen, sagte ich mir, ob sie auf ein Schreiben von ihm auch so ignorant reagierten. Also machte ich einen Termin mit Herrn RA Schmitz-Rosellen, den du, lieber Florian, mir empfohlen hattest, aus.

Als ich ihm meine Anliegen vorgetragen hatte, bestätigte er mir meine berechtigten Einsprüche und beschloß, mich zu vertreten.

Am 07.05.99 setzte er ein Schreiben an die RA Grewe und Kohut auf und ließ es ihnen vorab per Fax zukommen, um die gesetzte Frist einzuhalten.

Auch ich erhielt eine Kopie, die ich gespannt las:

Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen,

in obiger Angelegenheit zeigen wir an, daß wir unsere oben genannte Mandantin anwaltlich vertreten. Eine beglaubigte Abschrift unserer Vollmachtsurkunde fügen wir bei.

Unsere Mandantin ist grundsätzlich bereit, berechtigte Nebenkostennachzahlungen zu erstatten. Allerdings sind bei den vorgelegten Abrechnungen verschiedene Aspekte und Unregelmäßigkeiten zu Tage getreten, so daß die geforderten Nachzahlungsbeträge zunächst nicht erstattet werden können.

Wie Ihnen bekannt ist, hat die vom Vermieter vorgelegte Abrechnung prüfbar und inhaltlich nachvollziehbar zu sein. Dabei muß der Mieter ohne über besondere Vorkenntnisse zu verfügen, die Zusammenstellung der Gesamtkosten, die Mitteilung und Erläuterung des Verteilungsschlüssels sowie die Berechnung das auf den Mieter entfallenden Anteils nachprüfen können.

Zur Überprüfung der Abrechnung steht es dem Mieter zu, Einsicht in alle der Abrechnung zugrunde liegenden Unterlagen und Belege zu nehmen. Die insoweit vorgelegten Nebenkostenabrechnungen lassen eine Überprüfung in dieser Form jedoch nicht zu. Insbesondere die durch die Brunata vorgelegten Abrechnungen für Heiz- und Warmwasserkosten sind lediglich eine Aufstellung von Daten, die durch unsere Mandantin mangels entsprechender Rechnungen, z.B. für bezogenes Heizöl nicht nachvollzogen werden können.

Namens und im Auftrag unserer Mandantschaft fordern wir Sie daher auf, uns die entsprechenden Unterlagen zumindest in Kopie zur Verfügung zu stellen. Sobald uns die Unterlagen zur Verfügung stehen, werden wir die Nebenkostenabrechnung im Einzelnen nachprüfen und uns dann wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.

Wir weisen Sie darauf hin, daß unsere Mandantin bereits mit anwaltlichem Schreiben vom 06.07.1998 der Kollegen Thaler & Gähr um Rechnungslegung für die Abrechnung der Nebenkosten 1995 bis 1997 gebeten hatte. Insoweit wurde bereits zum damaligen Zeitpunkt das Zurückbehaltungsrecht hinsichtlich des Nachzahlungsbetrages geltend gemacht. Ferner wurde Ihre Mandantin auch bereits mit Schreiben vom 24.08.1998 aufgefordert, die entsprechenden Informationen zu geben. Bis heute liegt uns kein prüfbarer Nachweis vor.

Des weiteren gestatten wir uns im Hinblick auf die für Abfallentsorgung geltend gemachten Gebühren, daß hier Kosten für 2 Mülltonnen geltend gemacht werden, obwohl sowohl unserer Mandantin als auch der weiteren Mietpartei, Familie Tradler, nur eine Mülltonne zur Verfügung gestanden ist.

Bezüglich der Miete für den Monat Juni 1998 ist festzuhalten, daß zu diesem Zeitpunkt die Räumlichkeiten bereits einseitig von Ihrer Mandantin genutzt wurden.

Ihre Mandantin hat die Räumlichkeiten in Besitz genommen, obwohl das Mietverhältnis an sich noch gar nicht abgeschlossen war. Sie hat bei unserer Mandantin auch nicht nachgefragt, ob sie die Räumlichkeiten wieder beziehen könne. Die angesetzte Miete für den Monat Juni 1998 ist daher von unserer Mandantin nicht mehr zu erbringen gewesen.
Entgegen Ihren Ausführungen in der Nebenkostenabrechnung hat unsere Mandantin die volle Nebenkostenvorauszahlung für den Zeitraum 01.12.1997 bis 30.06.1998, wobei aufgrund der Inbesitznahme der Wohnung durch Ihre Mandantin eigentlich der 31.05.1998 angegeben werden müßte, erbracht. Weshalb von Ihnen nur ein Betrag von 430,25 DM angesetzt wurde, kann von unserer Seite her nicht nachvollzogen werden und bleibt absolut unerklärlich.

Darüber hinaus gestatten wir uns den Hinweis, daß es befremdlich anmutet, wenn die zunächst am 10.06.1998 vorgelegte Nebenkostenabrechnung für den Zeitraum vom 01.12.1996 bis 30.11.1997 im Gegensatz zu der nunmehr vorliegenden Nebenkostenabrechnung sowohl von den ausgehenden Werten als auch von den geforderten Nachzahlungen nicht unerheblich voneinander abweichen. Es geht hierbei immerhin um eine Differenz von über 300,00 DM. Damals wurden z.B. für die Abfallentsorgungsgebühren lediglich die Kosten für eine Mülltonne angesetzt.

Für die Übersendung der erforderlichen Nachweise und Belege haben wir uns eine Frist bis zum 21.05.99 vorgemerkt.

Bezüglich der einzelnen Positionen der Nebenkostenabrechnung behalten wir uns vor, weitere Ausführungen nach Einsicht in die entsprechenden Unterlagen zu machen.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

(Schmitz-Rosellen)

Anwalt

Anlage: beglaubigte Abschrift unserer Vollmachtsurkunde

Bis auf zwei kleine Fehler – denn ich hatte die Nebenkosten nicht bis 30.06.98 bezahlt, sondern nur bis zum 31.05.98 und daß er übersehen hatte, daß Frau Hofmann in der einen Abrechnung zwar nur eine Mülltonne angegeben, diese aber mir allein aufgerechnet hatte – war ich mit dem Schreiben zufrieden.

Das können sie nicht ignorieren, dachte ich bei mir. Nun bin ich mal gespannt, wie Frau Hofmann und ihre Anwälte darauf reagieren werden.

Doch wie sehr hatte ich mich getäuscht als ich gedacht hatte, das könnten sie nicht ignorieren! Sie konnten es durchaus!

Der Termin kam näher, ging vorüber und keine Antwort traf ein.

Und wieder einmal hoffte ich, sie hätten endlich selbst einmal die Nebenkostenabrechnung überprüft und eingesehen, daß nichts Lohnenswertes mehr von mir zu holen war, das eine gerichtliche Auseinandersetzung rechtfertigen würde.

Und als die Wochen vergingen, ohne daß sie sich rührten, begann ich fast, das Ganze zu vergessen.

Aber sie hatten mich „nicht“ vergessen!

Als ich im August wieder einen Brief von den Anwälten Grewe & Kohut meinem Briefkasten entnahm, konnte ich nur noch ergeben seufzen. Es geht also weiter, sagte ich zu mir. Nun gut, wenn sie es so wollen, dann muß es halt so sein! Befürchtungen, daß Frau Hofmann mit ihren überzogenen Forderungen, die nur entstanden sein konnten, weil sie der Brunata zum Teil falsche Angaben und Rechnungen vorgelegt hatte – und davon war ich überzeugt –, bei Gericht durchkäme, hatte ich eigentlich nicht. Aber leid war ich inzwischen der ganzen Angelegenheit!

Konnten sie mich denn nicht endlich in Ruhe lassen?

Vor allem hätte ich jetzt, nachdem im Juni  maligner, also durchaus tödlicher Krebs bei mir festgestellt worden war – den durchaus übermäßiger Streß ausgelöst haben konnte, wie mein Arzt mir bestätigte – und den beiden Krebsoperationen Anfang Juli, diese Ruhe wirklich nötig braucht.

Oh ja, Streß und finanzielle Verluste hatten mir die Übersiedlung nach Feichten und das baldige Zurück nach Regensburg genug eingebracht.

Wenn ich nur daran dachte, daß ich für die Wohnung in Feichten – für die sich fast ein Jahr lang kein Mieter fand, weil jeder, der die Verhältnisse dort kannte, davon Abstand nahm – auch noch Vermittlungsgebühren in Höhe von 1679,– DM bezahlt hatte, stieg Wut in mir hoch. Und daran, daß der Umzug nach Feichten und der Umzug 1 ¾ Jahre später zurück nach Regensburg, euren Vater und mich annähernd 4000,– DM gekostet hatte, mochte ich auch nicht gern denken. Geschehen war geschehen, ich konnte daran nichts mehr ändern. Es immer wieder aufzuwärmen brachte nur mein inneres Gleichgewicht in Aufruhr.

Mir aber jetzt von Frau Hofmann nochmals über 3.300,– DM aufbürden zu lassen, von denen ich sicher war, daß sie weitgehend zu unrecht bestanden – nein danke!

Als ich mit meinen Überlegungen soweit gekommen war, nahm mir erst einmal das Schreiben vor.

21. August 1999

Sehr geehrter Herr Kollege Schmitz-Rosellen,

in obiger Angelegenheit erwidern wir Ihr Schreiben vom 07.05.1999 wie folgt: (Das muß man sich mal vorstellen: fast 4 1/2 Monate später eine Antwort!)

  1. Die von unserer Mandantin vorgelegten Abrechnungen sind durchaus prüfbar und inhaltlich nachvollziehbar.(Na bitte, hatte ich sie doch richtig eingeschätzt!) Insbesondere lagen den Abrechnungen auch sämtliche erforderlichen Belege bei.
    Hinsichtlich der Nebenkostenabrechnung für den Zeitraum vom 15.07.1996 bis 30.11.1996 wurden jedoch die Abfallentsorgungsgebühren zu niedrig angegeben. Statt, wie in der Nebenkostenabrechnung angegeben DM 680,00, sind tatsächlich 1.020,00 DM angefallen.
    Der Anteil Ihrer Mandantin beträgt somit nicht, wie in der Nebenkostenabrechnung angegeben 85,00 DM, sondern 127,50 DM.
    Dieser Betrag ergibt sich aus den Gesamtkosten von DM 1.020,00 für 210 qm, wovon Ihre Mandantin für 70 qm ein Drittel, das heißt 340,00 DM für das gesamte Jahr zu entrichten hätte. Da Ihre Mandantin jedoch im Jahr 1996 nur 4,5 Monate in dem Anwesen gewohnt hat, ergibt dies somit einen Gesamtbetrag für Abfallentsorgungsgebühr in Höhe von 127,50 DM (340,00 DM : 12 Monate x 4,5 Monate).
    Die Nebenkostenabrechnung für 1996 erhöht sich damit um 42,40 DM, so daß 418,73 DM geschuldet sind.
    Der Bescheid über die Abfallentsorgungsgebühren liegt in Anlage bei.
  2. Nicht richtig ist, daß die Räumlichkeiten im Juni 1998 wieder einseitig von unserer Mandantin genutzt wurden.
    Unsere Mandantin hat lediglich die Räume betreten, um erforderliche Schönheitsreparaturen durchzuführen. Von daher ist die Miete für den Monat Juni 1998 von Ihrer Mandantin voll zu entrichten.
    Da Ihrer Mandantin nunmehr sämtliche benötigten Belege zur Verfügung stehen, erlauben wir uns, Ihre Mandantin hiermit letztmalig eine Frist zur Zahlung sämtlicher in unserem Schreiben vom 22.04.1999 genannten Forderungen zuzüglich der Erhöhung auf Grund der Korrektur der Abfallentsorgungsgebühr für 1996 zu begleichen bis spätestens
                           Montag, den 20. September 1999.
    Sollte bis zu diesem Termin kein Geldeingang zu verzeichnen sein, wird unverzüglich Klage erhoben werden.
    Mit freundlichen kollegialen Grüßen
    Alexander Kohut – Rechtsanwalt

Ihr könnt euch leicht vorstellen , daß ich kaum glauben konnte, ob er tatsächlich auch meinte, was er geschrieben hatte! Außerdem erstaunte es mich sehr, daß Herr Kohut alles in Abrede stellte, was ihm mein Anwalt mitgeteilt hatte? Dachte er denn, ich hätte mir z.B. das mit der Wohnungsbesetzung aus den Fingern gezogen? Waren ihm denn nie Zweifel gekommen, ob das, was Frau Hofmann ihm erzählte, auch der Wahrheit entsprach?

All diese Fragen waren für mich nicht zu beantworten; nur eins war für mich sicher: Frau Hofmann mußte ihm verschwiegen oder glattweg vergessen haben, daß ich Fotos vom Flur und Schlafzimmer besaß, die eindeutig beweisen konnten, daß jemand darin gehaust hatte.

Weiteren Widerspruch erregte er in mir mit seiner Behauptung, ich hätte nun sämtliche benötigten Belege zur Verfügung.

Oh nein, mein Lieber, dachte ich mir, so geht es nicht! Bevor ich auch nur eine müde Mark zahle, muß schon noch einiges geklärt werden.

Meine Langmut mit Frau Hofmann und ihren Anwälten fand mit diesem Schreiben ein Ende! Zur Abwechslung würde ich einmal eine Frist verstreichen lassen. Sollten sie doch klagen – ich legte es jetzt direkt darauf an!

Von Herrn Schmitz-Rosellen hatte ich mich zwischenzeitlich ja getrennt, weil er für das Gericht in Traunstein keine Zulassung besaß und mir dort keine Hilfe leisten konnte. Aber die Rechtsschutzversicherung hatte ich in weiser Voraussicht nicht gekündigt, so daß ich jederzeit einen neuen Anwalt berufen konnte. Jetzt galt es nur abzuwarten!

Ich wartet bis zum 20. September 1999 – das war der von Herr Kohut bestimmte Termin – für meinen nächsten Schritt. An diesem Tag rief ich Herrn Kohut an.

Nachdem wir uns begrüßt hatten sagte ich zu ihm: „Wie Sie feststellen konnten, Herr Kohut, sind inzwischen keine Beträge bei Ihrer Bank eingegangen und es werden auch keine eingehen. Ich hoffe, daß Sie jetzt auch wirklich klagen, denn ich möchte sehen, wie Sie sich aus diesem Schlamassel herauswinden!“

„Das ist kein Schlamassel!“ erwiderte er.

„Oh, doch, das ist es schon! Allein der letzte Gebührenbescheid über die Abfallkosten ist falsch!“

Als er das leugnete, erkannte ich, daß weitere Diskussion zu nichts führen würde und kürzte das Gespräch ab, denn ich wollte mich mit ihm nicht streiten. Ich vergewisserte mich nur noch einmal, daß es nun zur Anklage käme. Als er mir das versichert hatte, beendete ich das Gespräch.

(Es ist gut möglich, daß die Sätze, die ich hier nieder geschrieben habe, nicht genau dem Wortlaut entsprechen, aber sie tun es sinngemäß!)

Eine Frage: Wie lange kann es dauern, bis eine unverzügliche Klage eingeht? Ich konnte sie nicht beantworten, war aber auf den Zeitraum, der bis dahin verging, nicht eingestellt.

Wieder wartete ich! Täglich inspizierte ich meinen Briefkasten, immer darauf gefaßt, ein entsprechendes Schreiben vorzufinden. Aber das hätte ich mir ersparen können, denn als die Klage dann doch noch kam, wurde sie mir durch den Postboten überreicht.

Am 04.12.1999 hielt ich sie endlich in meinen Händen und war wirklich erleichtert. Nun verschwand auch mein ständiger Begleiter – das Warten darauf – aus den Tiefen meines Kopfes, wo ich ihn hin verbannt hatte. Nun konnte ich endlich handeln und hoffen, daß meine Sache an anderer Stelle begutachtet und geklärt wurde.

Ich nahm mir viel Zeit zum Lesen der Klage, um sicher zu sein, nichts zu übersehen oder falsch zu machen – soweit mir das als Laie möglich war. Oben auf dem kleinen Stapel von Papieren lag als erstes ein kurzes Schreiben:

2.12.1999

Sehr geehrte Frau Fischer,

beachten Sie bitte anliegende beglaubigte Abschrift der Klage und beglaubigte Abschrift der gerichtlichen Verfügung.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Braun, Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

Anlagen: beglaubigte Abschrift der Klage und beglaubigte Abschrift der

   gerichtlichen Verfügung.

Ich nahm das zur Kenntnis und griff zum nächstes Blatt:

Beglaubigte Abschrift

Der Verfügung vom 2.12.1999

  1. Es wird ein schriftliches Vorverfahren durchgeführt.
    An die beklagte Partei ergehen gemäß § 276 Zivilprozeßordnung (ZPO) die folgenden Aufforderungen:

1. 1          Sie hat die Absicht der Verteidigung binnen einer Notfrist von 2 Wochen ab Zustellung der Klageschrift schriftlich anzuzeigen.
Hinweis: Die Frist ist nur dann gewahrt, wenn die Anzeige innerhalb der Frist bei Gericht eingeht. Geht sie nicht innerhalb der Frist ein, so kann das Gericht unter Umständen ohne mündliche Verhandlung durch Versäumnisurteil gegen die beklagte Partei entscheiden.
Erklärt die beklagte Partei, daß sie den Klageanspruch ganz oder teilweise anerkenne, so wird sie auf Antrag der Klagepartei ohne mündliche Verhandlung dem Anerkenntnis gemäß verurteilt werden.

1. 2          Sie hat auf das Klagevorbringen innerhalb von 2 Wochen nach Ablauf der unter Nummer 1.1 genannten Notfrist schriftlich zu erwidern, wenn sie sich gegen die Klage verteidigen will.

Belehrung gemäß §§ 277 Absatz 2, 296 Absätze 1 und 3 ZPO

                Die Frist ist nur dann gewahrt, wenn die Erwiderung vor Ablauf der Frist bei Gericht eingeht. Die beklagte Partei kann sich nur bis zum Ablauf dieser Frist gegen den Klageanspruch verteidigen und zum Beispiel Einreden und Einwendungen, Beweisangebote und Beweiseinreden vorbringen. Wird die Frist versäumt, ist jegliche Verteidigung abgeschnitten und in dem Prozeß wird nur auf der Grundlage des klägerischen Sachvortrags entschieden werden. Die Klageerwiderung, die erst nach Ablauf der gesetzten Frist, also verspätet, eingeht, wird nur zugelassen, wenn sich dadurch der Rechtsstreit nicht verzögert oder wenn die Partei die Verspätung genügend entschuldigt. Verspätete verzichtbare Rügen, die die Zulässigkeit der Klage betreffen, können nur bei genügender Entschuldigung der Verspätung zugelassen werden.
Der Prozeß kann also allein wegen einer Fristversäumnis verloren werden.
Die oben gesetzte Frist kann ausnahmsweise auf Antrag bei Vorliegen erheblicher Gründe verlängert werden. Der schriftliche Antrag auf Fristverlängerung muß vor Fristablauf bei Gericht eingehen.

Gezeichnet:

Schönberger

Richter am Amtsgericht

                Beglaubigt:
Traunstein, 2.12.1999, Braun, Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle

Beim Lesen der Verfügung nahm ich die Dringlichkeit in mir auf, ja nicht die Frist zu versäumen. In dem man mich mehrmals darin aufmerksam machte, fing ich beinahe an zu glauben, man würde es bedauern, wenn ich verurteilt würde, ohne mich verteidigt zu haben. Das war natürlich subjektiv von mir gedacht, denn sicherlich bekamen solch abgefaßte Schreiben auch andere Beklagte. Aber verwundert war ich schon, daß man mich so eindringlich auf das Einhalten der Frist hinwies, denn ich hatte bisher keine Frist versäumt – auf die eine oder andere Art und Weise hatte ich immer darauf reagiert!

Natürlich konnte man das bei Gericht nicht wissen, aber irgend einen Grund mußten sie meiner Meinung nach gehabt haben, um mich derart mit der Nase auf die Einhaltung der Frist zu stoßen.

Die Erklärung dafür glaubte ich gefunden zu haben, als ich die Anklage, verfaßt von Herrn RA Kohut, gelesen hatte.

Niedergeschrieben wurde sie am 17. November 1999, bei Gericht war sie am 01. Dezember 1999 eingegangen und von dort aus hatte man sie mir umgehend zugeschickt.

Allein die zeitliche Verzögerung von 12-13 Tagen die zwischen dem Schreiben und Abschicken lag, gab mir eine seltsame Vorstellung davon, was Herr Kohut unter „unverzüglich“ verstand. Vor allem auch im Hinblick darauf, daß die letzte Frist, die er mir gestellt hatte, am 20. September 99 abgelaufen war. Aber ich sollte wohl nicht so kleinlich sein; vielleicht ist das bei Anwälten ja so üblich und normal. Aber ist es auch normal, wie er die Klage verfaßte? Ich weiß es nicht, weil ich keine Vergleiche anstellen kann. Aber macht euch selbst ein Bild davon:

17. November 1999

Klage in Sachen Michael Hofmann, geb. am 11.8.1982, Leostr.8, 81375 München, gesetzlich vertreten durch seine Mutter Gerda Hofmann, Leostr.8, 81375 München

  • Kläger –

(Prozeßbevollm.: RAe Grewe & Kohut, Hammerweg 8, 83022 Rosenheim)

gegen

Hildegard Fischer, Am Hohen Ranken 13, 93161 Sinzing

– Beklagte –

wegen Nebenkostenforderung u.a.

Streitwert: DM 3.303,79

Namens und in Vollmacht des Klägers erheben wir Klage und werden beantragen:

  1. Die Beklagte wird verurteilt, an den Kläger DM 3.303,79 nebst 8 % Zinsen aus DM 330,00 seit dem 4.4.1998 nebst 8 % Zinsen aus weiteren DM 330,00 seit dem 4.5.1998 nebst 8 % Zinsen aus weiteren DM 730,00 seit dem 4.7.1998 nebst 8 % Zinsen aus weiteren DM 1871,29 nebst 8 % Zinsen aus weiteren DM 42,59 seit dem 21.9.1999 zu zahlen.
  2. Die Beklagte trägt die Kosten des Rechtsstreits.
  3. Das Urteil ist notfalls gegen Sicherheitsleistung vorläufig vollstreckbar.

Hilfsweise wird für den Fall des Unterliegens Vollstreckungsschutz beantragt.

Sofern das Gericht das schriftliche Vorverfahren anordnet, wird für den Fall der Fristversäumnis oder des Anerkenntnisses beantragt: die Beklagte durch Versäumnisurteil oder Anerkenntnisurteil ohne mündliche Verhandlung zu verurteilen.

Begründung:

1. Zwischen dem Kläger, vertreten durch den damaligen Vermögenspfleger RA Bernhard Thaler und der Beklagten wurde am 9.5.1996 ein Mietvertrag über eine Wohnung, Erdgeschoß im Anwesen Ludwig-Felber-Str. 7, 83329 Waging/Feichten geschlossen.

Beweis:    Mietvertrag vom 9.5.1996         Anlage K 1

Aus diesem Mietvertrag resultieren die Ansprüche des Klägers.

2. Mit Schreiben vom 25.03.1998 kündigte die Beklagte gegenüber der gesetzlichen Vertreterin des Klägers zum 30. 6. 1998.

Beweis:    Kündigung vom 25.3.19998                      Anlage K 2

Für die Monate April und Mai 1998 zahlte die Beklagte anstelle des vereinbarten Kaltmietzinses von 730,00 DM

Beweis:    Mietvertrag vom 9.5.1996                         Anlage K 1

nur eine Kaltmiete von DM 400,00.

Beweis im Bestreitensfall:        Vorlage von Bankauszügen

Für die Monate April und Mai stehen dem Kläger daher noch Mietzinsansprüche in Höhe von jeweils DM 330,00, gesamt mithin DM 660,00 zu.

Für den Monat Juni 1998 entrichtete die Beklagte keinen Mietzins.

Beweis unter Verwahrung gegen die Beweislast:     Vorlage von Bankauszügen

Mithin stehen dem Kläger noch Mietzinsansprüche in Höhe von gesamt DM 1.390,00 zu.

3. Unter dem 22.4.1999 machte der Kläger gegenüber der Beklagten durch den Unterzeichner Nebenkostennachzahlungen für den Zeitraum vom 15.7.1996 bis 30.11.1996, 1.12.1996 bis 30.11.1997 und 1.12.1997 bis 30.6.1998 geltend.

Beweis:    Schreiben vom 22.4.1999                         Anlage K 3

Für den Zeitraum vom 15.7.1996 bis 30.11.1996 ergaben sich für die Wohneinheit der Beklagten Nebenkosten in Höhe von DM 183,66 und Betriebskosten in Höhe von DM 642,57, gesamt somit DM 826,23.

Beweis:    Nebenkostenabrechnung vom 15.7.1996 bis 30.11.1996              Anlage K 4

Für den Zeitraum vom 1.12.1996 bis 30.11.1997 ergaben sich für die Wohneinheit der Beklagten Nebenkosten in Höhe von DM 536,43 und Betriebskosten in Höhe von DM 1351,90, gesamt somit DM 1.888,33.

Abzüglich der Nebenkostenvorauszahlungen der Beklagten in Höhe von DM 1.200,00 ergab sich eine Nachzahlung in Höhe von DM 688,33.

Beweis:    Nebenkostenabrechnung vom 1.12.1996 bis 30.11.1997              Anlage K 5

Für den Zeitraum vom 1.12.1997 bis 30.6.1998 ergaben sich für die von der Beklagten genutzte Wohneinheit Nebenkosten in Höhe von DM 321,19 und Betriebskosten in Höhe von DM 915.79, gesamt somit DM 1.236,98.

Abzüglich der Nebenkostenvorauszahlung der Beklagten in Höhe von DM 430,25 ergab sich eine Nachzahlung in Höhe von DM 806,73.

Beweise:  Nebenkostenabrechnung vom 1.12.1997 bis 30.6.1998                Anlage K 6

Alle geltend gemachten Nebenkosten wurden belegt und vom Kläger auch entrichtet.

4. Mit Schreiben vom 21.08.1999 wurde die Nebenkostenabrechnung für den Zeitraum vom 15.7.1996 bis 30.11.1996 hinsichtlich der angefallenen Abfallentsorgungsgebühren korrigiert, da anstelle der ursprünglich angegebenen DM 680,00 für das Jahr 1.020,00 DM angefallen sind. Die Nebenkosten der Beklagten erhöhte sich somit um 42,50 DM.

Beweis:    Schreiben vom 21.8.1999          Anlage K 7

5. Der Kläger nimmt ständig Bankkredit in einer die Klageforderung übersteigenden Höhe zu einem Zinssatz von 8 % in Anspruch.

Beweis im Bestreitensfall:         Vorlage einer Bankbestätigung

6. durch Schreiben vom 22.4.1999 wurde dem Kläger aufgegeben, die Nebenkosten bis spätestens 7.5.1999 zu bezahlen.

Spätestens ab dem 8.5.1999 befand sich die Beklagte somit mit der Zahlung der Nebenkostenforderung im Verzug.

Hinsichtlich der um 42,50 DM erhöhten Nebenkostenforderung für 1996 wurde die Beklagte durch Schreiben vom 21.8.1999 unter Fristsetzung bis zum 20.9.1999 in Verzug gesetzt.

Hinsichtlich der Mietzinsforderung ergibt sich der Verzug aus § 3 des Mietvertrages vom 9.5.1996.

Alexander Kohut

Rechtsanwalt

Das meiste der Anklage begriff ich – das war ja nicht schwer zu verstehen. Was ich nicht verstehen konnte, war zum einen „Das Urteil ist notfalls gegen Sicherheitsleistungen vorläufig vollstreckbar.“ und das andere „Hilfsweise wird für den Fall des Unterliegens Vollstreckungsschutz beantragt.“

Das war sicherlich Juristenlatein, dessen Sinn sich mir nicht erschloß! Ich wollte wissen, was das zu bedeuten hatte und erfuhr später, was damit gemeint war.

Meine Reaktion auf die Klage, die ich innigst erwartet hatte und gegen die ich mich selbstverständlich verteidigen würde, könnt ihr meinem Schreiben an das Amtsgericht Traunstein entnehmen.

Zwei Tag hatte ich abgewartet, um meine Gedanken zu sammeln und zu ordnen, dann war es soweit! Ich setzte mich Montag nachts – die Sache ließ mich nun nicht mehr schlafen – um 1 Uhr an meinen Computer.

Ich schrieb und schrieb!

Die meisten Faktoren waren mir inzwischen ja sehr geläufig, ich mußte sie nur noch entsprechend heraussuchen und formulieren.

Irgendwann wurde es Tag und ich schrieb immer noch. Kurz vor 13 Uhr war ich dann fertig und – im Ganzem recht zufrieden damit!

Jetzt mußte es nur noch von jemand anderem durchgelesen werden, denn ich übersehe immer wieder mal Rechtschreibfehler. Das übernahm euer Vater. Als er es gelesen und verbessert hatte, sagte er anerkennend: „Ganz vorzüglich!“

Dieses Lob freute mich! Und ich fand, daß ich es verdiente, nach all den Stunden, die ich hineingesteckt hatte. Aber die größte Belohnung für mich war, daß sich nach der Fertigstellung der Klageerwiderung tiefe Befriedigung in mir einstellte.

So, dachte ich, nun werd‘ ich ja sehen, was darauf folgt.

Am Donnerstag den 9.12.1999, schickte ich den Brief per Einschreiben an das Amtsgericht Traunstein und hatte damit die Frist um eine Woche unterschritten. Und „per Einschreiben“ deshalb, damit er auch sicher ankam und nicht irgendwo unterwegs verloren ging. Sicher ist sicher!

Und hier ist der Brief selbst:

Hildegard Fischer     Computerfachfrau & Schriftstellerin          Am Hohen Ranken 13, 93161 Sinzing.

An das Amtsgericht Traunstein, Herzog-Otto-Straße 1, 83278 Traunstein

8. Dezember 1999

Hofmann ./. Fischer                                 

Geschäfts-Nr. 310 C 1988/99

Hiermit zeige ich an, daß ich mich verteidigen werde!
Ich versuche zuerst allein damit zurechtzukommen, aber ich kann jederzeit eine Anwältin/Anwalt hinzuziehen, wenn es nötig wird.

Meine Einwände und Beweisangebote:

Ich versichere, daß ich nach wie vor bereit bin, den Forderungen der Kläger, sofern sie den Tatsachen entsprechen und rechnerisch richtig sind, nachzukommen.

Das habe ich auch in meinem Schreiben an Frau RA Grewe vom 24.08.1998 erklärt, sie aber auch darauf hingewiesen, daß die Nebenkostenabrechnungen nicht in Ordnung sind. Auch habe ich sie aufgefordert, mir die Ablesestände des Wasserverbrauchs zu zuschicken.

Anlage F 1

Diesen Brief hat Frau RA Grewe nie beantwortet!

Dieselbe Erklärung gab dann noch einmal mein RA Herr Schmitz-Rosellen in seinem Schreiben vom 07.05.1999 ab. In meinem Namen forderte er auch um überprüfbare Belege, wie z.B. für Heizöl.

Anlage F 2

Die Frist von 2 Wochen, die er gesetzt hatte, verstrich ohne Echo.

Erst drei Monate später kam eine Erwiderung darauf, aber keine prüfbaren Belege.

Gegen die Forderungen, wie sie jetzt bestehen, gibt es viele Einwände:

  1. Zu Punkt 2 der Kläger:
    Für die Monate April und Mai 1998 zog ich nicht zweimal 330,–DM, sondern  zweimal 500,– DM = 1000,– DM ab.
    Daß das den Klägern nicht aufgefallen ist, beweist, daß sie noch nie die Unterlagen richtig überprüft haben.
    Anlage F 3 und 4
    Die 1000,– DM  waren meine Kaution. Ich tat das aus der Befürchtung heraus, mein Geld nie wieder zu sehen! Ich hatte miterlebt, daß Frau Hofmann dem Ehepaar Tradler, die mit mir im selben Haus gewohnt hatten, bei der Wohnungsübergabe, in Anwesenheit zweier Anwältinnen, versprochen hatte, sie würden in den nächsten Tagen ihre Kaution bekommen, ihr Wort dann aber nicht hielt.
    (Kürzlich habe ich mit Frau Tradler telefoniert – sie hat das Geld heute noch nicht und muß sich gerichtlich mit Frau Hofmann darum streiten.)
    Frau Hofmann machte dann über Frau RA Grewe geltend, daß die Kaution ihr zustünde, weil ich die Wohnung nicht ordnungsgemäß geweißelt verlassen hätte.
    Daraufhin fuhr ich mit meinem Mann umgehend nach Feichten und regelte die Angelegenheit derart: Ich einigte mich mit dem anwesenden Maler Herrn Lobensteiner, übergab ihm  170,– DM für die Nachbesserung und er mir eine Bestätigung, daß damit die ordnungsgemäße Ausweißelung gewährleistet wird.
    Und Frau Hofmann hat sogar darauf bestanden, sie auch zu unterschreiben.
    Beweis: Anlage F 5
    Im Anschluß daran erklärte Frau Hofmann vor den Zeugen Herrn Lobensteiner und meinem Mann, Herrn Josef Fischer, daß damit die Sache mit der Kaution erledigt sei.

  2. Die unbezahlte Junimiete!
    Wegen Frau Hofmanns wiederholten Belästigungen an Sonntagen und wegen anderer Dinge – das dokumentiert ausgezeichnet ein Brief des Herrn RA Thaler an Frau RA Grewe –
    Anlage F 6,
    beeilte ich mich, so schnell wie möglich aus der Wohnung herauszukommen. Auch Frau Hofmann hatte den Wunsch mich loszuwerden, denn sie rief mich einige Tage vor dem 31.05.98, meinem Auszugstag an und fragte mich, wann ich denn auszöge. Als ich darauf erwiderte, sie kenne den Termin, nämlich den 30.06.98, ja selbst (was eine Lüge von mir war, weil ich wußte, daß sie sich darüber ärgern würde). Und darüber hat sie sich auch tatsächlich geärgert, weil sie nun glauben mußte, sie muß noch 4 Wochen warten, bevor sie in die Wohnung kann.
    Bei meinem Auszug Ende Mai, übergab ich meine Schlüssel Frau Thums, meiner Nachbarin, mit der Bitte sie Frau Hofmann zu geben. Das tat sie und Frau Hofmann zog dann sofort provisorisch mit ihrem Bekannten, einem Herrn Lobensteiner, in die Wohnung ein, um von dort aus Renovierungen im Haus vorzunehmen. Um das zu beweisen riet mir Herr RA Thaler Fotos zu machen. Das tat ich am 26.06.1998.

    Anlagen  F 7 – 9,
    Aus diesem Grund ist nicht einzusehen, daß ich für Juni noch Miete zahlen soll.
  3. Nebenkostenabrechnung:
    Nebenbei gesagt: Die Überprüfung der drei Nebenkostenabrechnungen gestalteten sich äußerst schwierig und nahmen viele Stunden in Anspruch. Aber als ehemalige Buchhalterin, konnte ich doch jede Unregelmäßigkeit herausfinden, soweit mir das ohne die nötigen Unterlagen möglich war.
     Zeitraum vom 15.07.96 – 30.11.96
    Nebenkosten:
     Für Abfallentsorgung wird mir hier 1/3 von 2 Tonnen angerechnet.
    Aus dem Bescheid über Abfallentsorgungsgebühren, den Frau Hofmann mir geschickt hat, geht aber eindeutig hervor, daß noch im Januar – März 1998 Gebühren für nur einen 80 l Behälter zu 360,–DM Jahresgebühr zu entrichten sind. Erst ab April 1998 wurden die Kosten für zwei Behälter fällig. Da wohnte ich aber nur noch zwei Monate in dem Haus.
    Anlage F 10
    Berücksichtigt man das, verringern sich meine Nebenkosten um DM 42.50.
    Betriebskosten:
    Sie sind bei dieser Abrechnung die reinsten Phantasiepreise, denn ein Ablesen der Zählerstände fand bei meinem Einzug nicht statt.
    Niemand hatte mir die Wohnung übergeben, und wenn meine damalige Nachbarin mir keinen Schlüssel gegeben hätte, hätte ich mit meinem ganzen Umzugszeug wieder nach Regensburg zurückfahren müssen. (Das war auch der Grund, warum ich bei meinem Auszug Frau Hofmann die Schlüssel nicht selbst gegeben habe!)
    Eine Abrechnung der Brunata für diesen Zeitraum habe ich nicht bekommen.
    Für ihre Berechnungen hat Frau Hofmann die Zahlen aus dem Zeitraum vom 1.12.1997 – 30.11.1998 herangezogen. (War gar nicht so einfach, das herauszufinden!)
    Welch rechnerischen Weg sie gegangen ist, um auf die Beträge für Heizung, Warmwasser und Wasser/Kanal zu kommen, kann ich nicht nachvollziehen!
    Außerdem wäre die darauf angegebene Summe für Wasser/Kanal von 396,40 DM für 4 ½ Monate sowieso entschieden zu hoch.
    Umgerechnet auf ein Jahr, ergibt das einen Betrag von sage und schreibe 1057,07 DM. (396,40 : 4,5 x 12)
    Lt. Frau Hofmanns Berechnung hätte ich in 4 ½ Monaten 90,09 cbm = 90 090 l Wasser verbraucht. – Ich habe jetzt in meiner neuen Wohnung einen monatlichen Verbrauch von ca. 4,1 cbm. -(Errechnet sich aus DM 396,40 : 1,76 (Preis pro cbm Wasser): 2,50 (Preis pro cbm Kanal). Das macht im Schnitt pro Tag ca. 667 l Wasser aus. Diese Summe ist mehr als unrealistisch!
    Aus diesen Gründen habe ich die Nachzahlung hinausgezogen!
  4. Nebenkostenabrechnung:
    Zeitraum vom 1.12.96 – 30.11.97 Nebenkosten 
     Auch hier berechnet Frau Hofmann mir anteilig den Preis von zwei Abfalltonnen!
    Nimmt man den richten Preis, dann mindern sich meine Nebenkosten um 113,34 DM.
    Betriebskosten 
    Der Wasser/Kanalpreis ist mit DM 706,42 wieder zu hoch!
     Die Brunata gibt an, daß ich 57,77 cbm verbraucht habe und meine Mitbewohner in der oberen Wohnung 78,58 cbm. Die waren aber zu dritt, so daß sie auf einen pro Kopfverbrauch von 26,19 cbm kommen. Das ist weniger als die Hälfte von meinem Verbrauch!
    Das kann nicht stimmen!
    Auch ist der cbm Wasser mit DM 4,21 wesentlich überhöht (richtig wäre um DM 1,76 herum) und der cbm Kanal macht mit DM 7,70 DM etwas mehr als das Dreifache des Üblichen aus.
    Aus diesem Grund hätte ich gern ein Protokoll vom Ablesen der Wasserzähler und eine Kopie der Wasserrechnung gehabt.
    Da Frau Hofmann mir beides nicht zusandte, rief ich bei der Gemeinde Waging an, aber die verweigerten es mir, mit dem Hinweis auf das Datenschutz-Gesetz. Ich mußte das hinnehmen, erlaubte mir aber die Frage, wer hier geschützt werden mußte – der Mieter oder der Vermieter?
    Aber selbst 57,77 cbm Wasser/Kanal können nicht 706,42 DM ausmachen. Legt man die Preise von 1,76 DM/Wasser und 2,50 DM/Kanal zugrunde, ergibt das einen Gesamtbetrag von DM 254,19.
    Der überschüssige Rest würde meine Betriebskosten um 452,23 DM senken. (Vorausgesetzt, man beweist mir, daß ich die 57,77 cbm auch verbraucht habe, denn wenn ich das nicht habe, dann wird der Abzug noch größer.)
    Aber auch so würden die beiden Beträge von 113,34 DM für Abfalltonne und die 452,23 DM für Wasser/Kanal – macht zusammen 565,57 DM – meine Nachzahlung beträchtlich reduzieren.
    Das sind die Gründe, warum ich die zweite Nachzahlung noch nicht beglichen habe.
  5. Nebenkostenabrechnung: 
    Zeitraum vom 1.12.1997 – „31.05.1998“
    So wäre es jedenfalls richtig gewesen, denn ich bin ja Ende Mai ausgezogen. Frau Hofmann hat der Brunata aber mitgeteilt, daß ich bis zum 30.06.1998 in der Wohnung war. Daraus ergibt sich ein Nutzungszeitraum von 212 Tagen und das wirkt sich auf die einzelnen Beträge aus. Richtig ist ein Nutzungszeitraum von 182 Tagen.
    Das war Frau Hofmann aber noch nicht genug, denn sie ließ die Zählerstände nicht sofort nach meinem Auszug ablesen, sondern wartete damit bis zum 15.07.98!!!
     Beweis: Anlage F 11
    Und während all dieser Zeit hielt sie sich immer wieder in den Räumen auf!
    Nebenkosten:
    Zum dritten Mal erhebe ich Einspruch  gegen die Kosten für die Abfalltonne.
    Frau Hofmann hat auch in dieser Abrechnung wieder anteilig  zwei Tonnen in Rechnung gestellt.
    Am liebsten würde ich ihr für diesen Zeitraum überhaupt nichts für die Tonne zugestehen, denn nach dem Auszug des Ehepaares Tradlers habe ich nicht einmal mehr die eine vorhandene benützen können, denn Frau Hofmann hatte sie kurz nach Auszug der Tradlers derart mit Müll vollgestopft, daß mein Abfall beim besten Willen nicht mehr hinein paßte. Trotzdem rollte ich sie am Montag nach vorn auf den Bürgersteig, damit sie ausgeleert werden konnte. Doch schon am Wochenende darauf, war sie nach Frau Hofmanns Besuch, wieder bis obenhin voll. Jetzt war ich sauer und stellte sie am nächsten Abholtag nicht mehr auf den Bürgersteig und so blieb diese wochenlang ungeleert. Da die Tonne somit für mich ausfiel, gab ich meinen Abfall meinem Mann mit.  
    Wenn ich trotz dieser Umstände gehalten werde, meinen Anteil an den Abfallgebühren zu tragen, dann nur zu einem wesentlich geringeren Preis, als von Frau Hofmann angeben.
    Es kann auch nicht akzeptiert werden, daß Frau Hofmann mir bei sämtlichen Nebenkosten sieben Monate in Rechnung stellt, anstatt der tatsächlichen sechs.
    Betriebskosten:
    Die Kosten für Wasser/Kanal liegen bei dieser Abrechnung mit 1,76 DM pro cbm Wasser und 2,50 DM pro cbm Kanal endlich einmal im Bereich der Norm. Der Gesamtbetrag von DM 126,73 ist so niedrig, daß ich großzügig hinnehmen werde, daß Frau Hofmann 1 ½ Monate lang auf meine Kosten Wasser und Kanal benutzt hat.
    An Hand dieser Rechnung wird nun aber für jedermann deutlich sichtbar, daß die Kosten für Wasser/Kanal aus den vorhergehenden Abrechnungen nicht stimmen können!
    Und stimmen können in dieser Abrechnung auf keinen Fall die Heizkosten.
    Die verschiedenen Rechnungen, die Frau Hofmann der Fa. Brunata zur Erstellung der Abrechnung gab/schickte, führen dazu, daß sich für mich Heizkosten in Höhe von DM 726,63 ergeben.
    Für die vorhergehenden 12 Monate berechnet mir die Brunata 574,79 DM und für die darauffolgenden 6 Monate 726,63 DM.
    Diese beiden Beträge stehen doch in keinem Verhältnis zueinander.
    (Noch dazu, wenn man bedenkt, daß ich in der Zeit, nach dem Auszug des Ehepaares Tradler bis zum Einzug ihrer Nachmieter oft gefroren habe (ich saß dann im Wintermantel vor meinem Computer und umwickelte die Beine mit einer Decke) und das Wasser auch nur noch lauwarm aus der Leitung kam, weil Frau Hofmann das Schloß zum Heizungsraum ausgewechselt hatte, damit ich keine Einstellungen mehr vornehmen konnte.
    Verdient hatte ich mir diese „Strafe“, weil ich als Einzige im Februar 1997 die Initiative ergriffen und dafür sorgt hatte, daß die Heizung, die seit 1992 – also 5 Jahre lang –  nicht mehr gewartet worden war und jetzt in den letzten Zügen lag, von einem Fachmann begutachtet und repariert wurde. („Das war höchste Zeit!“ lautete sein Kommentar.)
    Bezahlt habe ich das zunächst aus eigener Tasche, als das von Herrn Alois Hofmann (geschiedener Mann der Frau Gerda Hofmann) zugesagte Geld wochenlang nicht bei der Firma eintraf, denn ich hatte ihnen versprochen, sie würden auf jeden Fall zu ihrem Geld kommen. Ohne dieses Versprechen wäre Herr Unrein, der Inhaber dieser kleinen Firma erst gar nicht gekommen. Diesen Betrag zog ich dann von der Miete, mit Zustimmung von Herrn Hofmann (er hatte damals noch Nießrechte an dem Haus in Feichten), ab. Dieses Vorgehen hat mir Frau Hofmann nie verziehen, obwohl ich damit großen finanziellen Schaden von dem Haus abgewendet hatte.
    Ich weiß, das tut nichts zur Sache, aber ich wollte es einmal gesagt haben.
    Beschwert habe ich mich wegen meiner kühlen Räume aber nie bei Frau Hofmann – es hätte mir nichts als Streit und Ärger eingebracht. Aber es trug zu meinem Entschluß, so bald wie möglich auszuziehen, bei. Und sollte das Frau Hofmann mit ihrem Niedrigfahren der Heizung beabsichtigt haben, dann ist ihr das gelungen.
    Einen weiteren Umstand, daß die Heizkosten zu hoch sind, sehe ich darin, daß für die Heizperiode vom 1.12.97 – 30.11.98 angeblich 4119 l Öl verbraucht worden sind.
    Für den Zeitraum vom 1.12.1996 – 30.11.1997 kam das Ehepaar Tradler und ich mit 3455 l aus.
    Auffällig ist für mich, daß auf der Brunata-Rechnung zwei Tanklieferungen angegeben sind, denn ich kann mich nur an einmal Tanken in diesem Jahr erinnern.
    Auch aus diesem Grund wäre es wichtig und richtig, die entsprechenden Papiere einzusehen.
    Zieht man von den 4119 l die 3455 l ab, ergibt das eine Differenz von 664 l Heizöl.
    Ich kann nicht glauben, daß während der Periode 1996 –1997 soviel mehr Öl verheizt wurde, denn man muß bedenken, daß die doppelt so große Wohnung in dem Haus in den Monaten November und Dezember unbewohnt war.
    Auf der Brunata-Abrechnung steht ein weiterer Betrag, mit dem ich nicht einverstanden bin!
    In der Heizung wurde ein Eichaustausch vorgenommen und der sich  mit DM 313,61 auf die Abrechnung auswirkt. Hier ist zu klären, ob diese eingebauten Objekte den Mietern, zum Teil also auch mir, zur Last gelegt werden dürfen.
    Außerdem habe ich 600,– DM Nebenkostenvorauszahlung geleistet und nicht die von Frau Hofmann angegebenen 430,25 DM.
    Aus all den vorgegebenen Gründen ergibt sich, warum auch diese Nachzahlung noch unbezahlt ist.
  6. Zu Punkt 4. der Kläger.
    Der Bescheid über die Abfallentsorgungsgebühren beginnt mit dem Veranlagungszeitraum  01.95. Darin werden die Kosten für zwei Behälter zu je 120 l angesetzt.
    Bei meinem Einzug 1 ½ Jahre später, am 15.07.1996 hatte sich diese Situation aber geändert, denn ich fand nur die 80 l Tonne vor, die wir uns zu viert teilen mußten. Ein Umstand, der in mehreren Briefen Niederschlag, aber bei den maßgeblichen Leuten kein Gehör fand.
    Auf meine Frage an Frau Hofmann, warum sie uns keine zweite Tonne bereitstellen ließ, erwiderte sie: „Seien Sie doch froh, dann brauchen Sie später weniger zu zahlen!“
    Angesichts der Hartnäckigkeit, mit der Frau Hofmann mir/uns einen zweiten Behälter verrechnen will, stellt sich mir die Frage, ob dieser zweite Behälter eventuell doch existiert, nur daß er irgendwo anders steht.

Ich habe verschiedene Kürzungen vorgenommen und diese Tatsache will ich gar nicht verheimlichen!
Die Kläger ließen den Strom für die Heizungsanlage über meinen Zähler laufen, ohne mich darüber aufzuklären, obwohl sie die Tatsache, daß kein getrennter Zähler vorhanden war, kannten. Der Zähler war „eingespart“ worden, was ein Mitarbeiter der OBAG bezeugen kann.
Aufgrund der sehr hohen Stromrechnung war mir dieser Umstand aufgefallen und ich konnte meinen Nachteil zuerst durch einen pauschalierten und dann durch monatliche Abzüge wieder ausgleichen.
Ein Versuch des Betruges liegt aber eindeutig vor!
Ich behalte mir daher Strafanzeige gegen die Kläger vor, wenn diese weiterhin auf ihre überzogenen Forderungen bestehen!
Und es ist nicht einzusehen, daß die Kläger über den Klageweg, diese Beträge wieder zurückerhalten!
Die Strafanzeige, wegen Frau Hofmanns schweren Beleidigungen – sie sagte in Gegenwart meines Mannes „Sie sind ja so ein dummes Luder!“ und  gegenüber den Zeugen Frau Maria Hofmann und deren Schwiegervater äußerte sie ich sei „ein richtiges Miststück“ und „so eine Schlampe, eine eklige“ – und deren Sühne von 1.250,– DM, wurden von den Klägern derart abgewendet, indem sie solange abwarteten, bis das verjährt war und setzten mir erst ab dem Zeitpunkt, das war der 22.April 1999, wieder Fristen zum Begleichen ihrer Forderungen.
Hildegard Fischer

Während der Tage die nun folgten schrieb ich weiter an diesem Kapitel. Immer wieder zog ich dabei Unterlagen zum Überprüfen und Vergleichen heran. Dabei entdeckte ich zwischen all den Papieren, die das Amtsgericht Traunstein mir zugesandt hatte, die Brunata-Abrechnungen für den Zeitraum vom 1.12.1995 – 30.11.1996. Mit diesen Unterlagen, die Frau Hofmann selbst mir nie geschickt hatte, konnte ich eine weitere Lücke für meine Beweisführung schließen.

Auf ihrer Nebenkostenabrechnung für den Zeitraum vom 15.7.96 – 30.11.96 gab sie nämlich an, daß sie die lt. Abrechnung Fa. Brunata über DM 3351,23 erstellt habe. Jetzt konnte ich aber nachlesen, daß die Brunata für diese Zeit nur einen Betrag von DM 2.426,64 errechnet hatte.

Nun, da hatte sie wohl nur nicht richtig aufgepaßt, als sie den Betrag einsetzte, denn die für Heizung, Warmwasser und Wasser/Kanal stimmten mit denen auf der Brunata-Aufstellung überein.

So etwas kann schon mal passieren und war ja weiter nicht schlimm. Aber schlimm fand ich, daß Frau Hofmann die Fa. Brunata überhaupt beauftragt hatte, eine Abrechnung für diesen Zeitraum zu erstellen, denn dafür gab es keine Ableseergebnisse. Die Folge davon mußte sein, daß sie ihnen falsche Angaben gemacht/gegeben hat.

Nun – darüber wird sie und/oder ihre Anwälte, mir in Traunstein vor dem Richter, Rechenschaft ablegen müssen!

Und wie das ausgegangen ist, das erfahrt ihr spätestens nach dem 12. Januar 2000, denn an diesem Tag ist die Verhandlung!