Blitzlichter frühester Erinnerungen.

1948 – Die Allererste.

Ich saß in einem Kinderwagen und unser Kindermädchen schob mich zu einer Bekannten, die sie besuchen wollte. Dort angekommen ließ sie mich vor dem Haus ihrer Bekannten allein im Wägelchen vor dem Haus stehen. Da saß ich dann mutterseelenallein vor dem großen Haus und wartete, bis sie wiederkam.

Ich bin mir heute sicher, daß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht laufen konnte, denn sonst hätte sie mich bestimmt nicht so einfach dort abgestellt.  Wäre das der Fall gewesen, hätte sie damit rechnen müssen, daß ich aus den Wägelchen klettern würde, um mich selbstständig zu machen.

Erinnerungen an die Fahrt selbst habe ich nicht, nur daß ich dort stand, mich langweilte und ein starkes Gefühl des Ausgeliefertseins hatte. Und an die Erleichterung, als sie endlich wiederkam.

Eine andere.

Es muß in der Nacht gewesen sein. Aus irgendeinem Grund hatte ich mich erbrochen und mich mit dem Erbrochenen beschmutz. Das Kindermädchen, das schließlich erschien, nahm mich aus meinem Gitterbettchen und trug mich zu einem Waschbecken, um mich zu säubern. Dabei ging sie sehr unsanft mit mir um. Damit gab mir das Gefühl ein unartiges Kind zu sein, als hätte ich mich absichtlich erbrochen, um sie zu ärgern und ihre Nachtruhe zu stören.

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann hängen meine ersten bewußten Erinnerungen immer mit unseren Kindermädchen zusammen. Meinen Vater und meine Mutter sah ich allem Anschein nach so selten, oder es gab mit ihnen keinerlei prägende Erlebnisse, so daß ich zu diesem frühen Zeitpunkt keine an sie habe.

1949 – Die erste bewußte Erinnerung an meine Mutter.

Das Kinderzimmer, in dem ich die ersten Jahre verbrachte, befand sich im Erdgeschoß unseres großen Hauses. Es war mit einer zweiteiligen Schiebetür vom Wohnzimmer abgetrennt, die sich rechts und links direkt in die Wand hineinschieben ließ, was mich oft faszinierte.
Und kaum, daß ich geschickt genug dazu war, hängte ich mich manchmal an das Türschloß, gab mir einen Stoß, zog die Beine an und fuhr mit einem der Flügel hin und zurück. Eine lustige Angelegenheit, die mir glücklicherweise niemand verbot.

Später, als meine vier Brüder und wir drei Mädchen getrennte Schlafzimmer im ersten Stock bezogen, diente uns dieses erste Schlafzimmer als Spielzimmer, in dem mein Vater von seinem Werksschreiner kleine, aneinandergereihte Schränkchen anbringen ließ, die mit Rolltürchen verschlossen werden konnten. Drin hob jeder von uns Geschwistern seine persönlichen Dinge und Spielsachen auf. Und wiederum einige Jahre später wurde es zum „Herrenzimmer“, einem büroähnlichen Raum, umgemodelt, in dem mein Vater Geschäftsbesuche empfing oder Schriftliches erledigte.

Die ersten Lebensjahre teilte ich dieses Zimmer mit meine älteren vier Geschwistern. Jedes schlief wie ich in einem Gitterbettchen, so daß das Zimmer voll davon stand.
Solange wir am Abend noch wach waren, lehnten wir uns über die Stäbe und unterhielten uns, bis das jeweilige Kindermädchen dem ein Ende machte.
Meine Bettchen stand in der Nähe der Schiebetür. Eines Abend hörte ich dahinter viele Stimmen. Neugierig geworden beugte ich mich vor und schob sie ein Stück auf, um sehen zu können, was da vor sich ging. Im Wohnzimmer waren viele Frauen versammelt, die miteinander redeten und sich geräuschvoll Plätze zum Hinsetzen suchten. Meine Mutter selbst stand gleich hinter der Tür, mir den Rücken zuwendend, so daß sie eine ganze Zeitlang die heimliche Zuschauerin nicht entdecken konnte.
Schließlich wurde es ruhig im Raum. Meine Mutter stimmte einen Ton an und dann sangen die Damen einen Choral. Es war der evangelische Kirchenchor, der sich in unserem Haus eingefunden hatte. Kurz nach dem Krieg – viele Kirchen mußten erst wieder aufgebaut werden – gab es oft nur die Möglichkeit, solche Proben im privaten Bereich abzuhalten. Sie sangen in den höchsten Tönen und bemerkten lange die kleine Lauscherin nicht.
Aber irgendwann geschah es doch. Unerbittlich – und ohne auf die Fürsprache der Damen zu hören, die meinten, ich würde ja nicht stören – und ohne ein liebes Wort (darum blieb es in meiner Erinnerung) wurde von meiner Mutter die Tür zugeschoben. Zurück blieb mir ein Gefühl des Unbefriedigtseins und des nicht Angenommenwerdens von ihr.

1949 – Erste Reise.

Vieles, liebe Söhne, weiß ich natürlich aus den Erzählungen meiner Eltern.
Was diese erste Reise betrifft, sind einige eigenartige Erlebnisse in meiner Erinnerung, die dem kleinen Kind, das ich damals war, besonders seltsam vorgekommen sind. Im Grunde genommen unwichtige Dinge – während das, was nach Meinung meiner Eltern mich beeindrucken hätte können, in keinem Winkel meiner Erinnerung haftet.
Ich muß ca. drei Jahre alt gewesen sein, als unser Kindermädchen – die Liesl -, um Urlaub zu machen, zu ihren Eltern – die den bereits genannten Bauernhof hatten – zu fahren. Da ich immer noch, im Gegensatz zu meinen robusteren Geschwistern, ein zartes Pflänzchen war, wurde beschlossen, daß ich mit sollte.
Mein Vater erzählte später manchmal folgende Geschichte: „Mutter und ich brachten euch (Liesl und mich) mit dem kleinen Auto, das Mutter mir zur Hochzeit geschenkt hatte, zum Bahnhof. Du warst so winzig an ihrer Hand, wie sie mit dir den Bahnsteig entlang ging. Du hast nicht geweint und dich kein einziges Mal nach uns umgesehen. Ich war so stolz auf deine Tapferkeit!“
Meine Mutter hat zu dieser Erzählung immer wohlwollend genickt, ihre eigenen Empfindungen aber immer für sich behalten.

Ach, liebe Buben, wie gut, daß ihr meine Tränen nicht sehen könnt, die mir Angesichts dieser Erinnerung und an andere, die mir dabei ebenfalls wieder einfallen und derer Geschichten ich nach und nach niederschreiben werde, kommen. Es sind Tränen der Traurigkeit, die mich heute immer einmal wieder überkommen, wenn ich an meine Mutter denken muß, die mich immer wieder seelisch vernachläßigt hat und meine Liebe, die sie – weil sie fordernd war – als anstrengend empfand und von sich wies.

Aber damals, als ich mit Liesl diese Reise unternahm, war ich nicht tapfer. Es fehlte mir bis zu diesem Zeitpunkt – wie ich heute weiß – einfach die Bindung zu meinen Eltern, so daß keine Trennungsängste in mir entstanden.
Während der Tage, die ich auf dem Bauernhof mit Liesl verbracht, hatte ich drei Erlebnisse, an die ich mich wie an bruchstückartige Träume erinnere.

Das erste: Es ist Abend. Ich werde in ein Zimmer gebracht. Darin steht ein großes Bett. Weil aber das Zimmer so klein ist, füllt es den Raum so aus, daß man nur von vorne – also nicht von den Seiten aus – hineinsteigen muß. Und daß ich das befremdend, aber auch lustig fand, so ins Bett zu gehen, ist die Ursache, daß ich mich bis heute daran erinnere.

Das zweite: Eines Nachts, als ich wieder einmal dringend aufs Klo mußte, führte mich Liesl aus dem Haus hinaus zu dem separaten Klohäuschen – eine Einrichtung, die früher viele Bauernhöfe hatten. Die Nacht war schwarz und trotzdem irgendwie hell. Wahrscheinlich schien der Mond an einem sternenklaren Himmel. Über einige Holzplanken, die auf morastigem schwankendem Erdboden lagen, ging es zu dem Holzhäuschen, das im oberen Abschnitt der Tür ein Öffnung in Form eines Herzens hatte. 

Bei dieser Geschichte finde ich es faszinierend, welche Dinge mir in Erinnerung geblieben sind und welche nicht. An diese schwarze Helligkeit erinnere ich mich in aller Deutlichkeit und an die Planken, über die wir gingen. Aber wie ich mein „Geschäft“ verrichtet habe, was in Anbetracht der unvertrauten Örtlichkeit wahrscheinlicher gewesen wäre, blieb nichts haften. Ich weiß aber noch, daß das „Örtchen“ eine hölzerne Sitzgrube war, deren obere runde Öffnung mit einem ebenfalls runden Holzdeckel verschließbar war. Und ich erinnere mich auch an den Geruch, der solchen „Örtchen“ logischerweise immer anhaftet.

Das dritte: In der großen Bauernstube sitzt die Mutter der Liesl an einem mächtigen Holztisch (der ist mir sicherlich nur so vor gekommen, weil ich so klein war). Sie ist beschäftigt, denn sie näht für mich ein Kleidchen – ein wunderschönes, aus weiß-rot klein-kariertem Baumwollstoff. Hin und wieder läßt sie es mich probieren, damit es auch richtig sitzt.

Und das wars! Keine Erinnerung an die Heimfahrt mit der Eisenbahn! Keinerlei Erinnerung daran, ob ich mich gefreut habe, wieder Daheim bei meinen Eltern zu sein.
Was blieb – weil greifbar -, war die Freude an dem Kleidchen. An diesem, extra für mich genähtem Kleidchen habe ich lange gehangen und es so lange getragen, wie es irgendwie paßte. Dieses Kleidchen hielt auch die Erinnerungen an die Tage auf Liesls Bauernhof wach. Und selbst, als es mir nicht mehr paßte, habe ich es noch eine Zeitlang wie einen Schatz gehütet, worüber meine jüngere Schwester Inge oft erbost war, weil sie es mir neidete.

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