Ereignisse von 1946.

1946 – Der Sonnenstich.

Hildegard – Juli – 1946

Am 10.05.1946 wurde gegen 11 Uhr ein kleines Mädchen geboren. Es war bis dahin das fünfte Kind seiner Eltern und erhielt den Namen Hildegard.
In diesem Jahr hatten seine Eltern im August endlich wieder einmal die Gelegenheit Urlaub zu machen. Schwere Zeiten lagen hinter ihnen. Nicht nur wegen der Kriegsjahre, obwohl das allein Grund genug gewesen wäre. Die Mutter hatte in diesen schweren Zeiten 1941, 1942, 1943 und 1944 eine Tochter und drei Söhne zur Welt gebracht und eine Zeit der Erholung war dringend notwendig geworden. Damit dieser Urlaub auch wirklich erholsam sein würde, beschlossen sie von all den Kindern nur das älteste – ihre fünfjährige Tochter – mitzunehmen und den Rest zu Hause zu lassen.

1946
Vater, Mutter und vier Geschwister

Nun hatte man den Eltern – wie es damals üblich war – ein kinderlose Ehepaar zwangseinquartiert. Diese Einquartierung belastete die Eltern aber nicht, wohnten sie doch in einem eigenen Haus mit großem Garten, welches der Vater für seine junge Frau vor ihrer Eheschließung errichtet hatte. Platz gab es also genug und so lebten sie friedlich miteinander und nebeneinander.
Und als die Sprache auf den Urlaub kam, erklärte sich das Ehepaar – ihr Name war Markwart – bereit, für diese Zeit die kleine Schar zu hüten. Die Frau Markwart war übrigens auch als Taufpatin bei dem neu geboren Säugling Hildegard eingesprungen, weil die dafür vorgesehene Dame, ein Frl. Ortloff, inzwischen zu krank geworden war, um diese Pflicht noch wahrzunehmen.

„Wissen Sie Frau Geyer,“ sagte Frau Markwart zu Hildegards Mutter, „Sie haben uns so freundlich aufgenommen und uns geholfen, wann immer Sie konnten, da ist es eine Selbstverständlichkeit, wenn wir jetzt etwas davon zurückgeben! Die Kinder haben ja den Garten zum Spielen und Herumtollen und die kleine Hildegard schläft in ihrem Alter ja noch viel. Außerdem ist das Fräulein Liesel auch noch da. Zusammen schaffen wir das schon!“
Das Fräulein Liesl war eines der Kindermädchen, die nach und nach von anderen abgelöst wurde. Sie war ein junges Ding vom Land, daß es als angenehm empfand Kinder zu hüten, statt auf dem elterlichen Hof zu schuften. Und Hildegards Mutter war eine Frau, die keine zu großen Ansprüche stellte, so daß gut mit ihr auszukommen war. Und so wurde der Urlaub beschlossene Sache.

Am Tag der Abreise legte die Mutter die kleine Hildegard kurz nach 10 Uhr, nachdem sie gefüttert und gewickelt worden war, in ihr Kinderwägelchen und schob sie im Garten in den Schatten eines Fliederbaumes. (Zur Orientierung – diese Geschichte weiß ich von meinem Vater, der sie immer mal wieder erzählt hat.) Dann machte sie sich daran die letzten Vorbereitungen für den Urlaub zu erledigen. Frau Markwart – die zwangseinquartierte – und Fräulein Liesl halfen ihr. Sie waren damit so beschäftigt, daß sie die kleine Hildegard, die friedlich in ihrem Wägelchen schlief, vergaßen.
In der Zwischenzeit wanderte die Sonne auf ihrem Weg über den Himmel weiter, verschob den Schatten des Flieders und schien schließlich ungehindert auf den kleinen, wegen der Wärme – es war Anfang August, also Ferienbeginn – nur leicht bekleideten Säugling. Als man sich endlich doch wieder seiner erinnerte, war der Schaden bereits angerichtet.

Irgendwann ging Frau Markwart in den Garten um ein Spielzeug, daß die fünfjährige Tochter mitnehmen wollte, zu holen und hatte bei dieser Gelegenheit in den Kinderwagen geschaut. Sie wollte nur kurz kontrollieren, ob alles in Ordnung war, denn die kleine Hildegard hatte sich bis dahin nicht gerührt. Mit einem Blick erkannte sie die Situation.
„Du liebe Güte, Frau Geyer, kommen Sie schnell!“ rief Frau Markwart nach der Mutter.
Alarmiert durch den Ton in ihrer Stimme eilte diese herbei. Ein Blick genügte auch ihr, um die Lage zu erfassen. Das Gesicht und alle freiliegenden Körperteile des Säuglings waren stark gerötet und kleine Blasen hatten sich gebildet.
Schrecken durchfuhr die Mutter (das nehme ich jedenfalls an). Zum Teil, weil sie durch die Verbrennungen der kleinen Hildegard den lang benötigten Urlaub gefährdet sah und zum Teil, weil sie nicht ahnte, wie schlimm so etwas für ein kleinst Kind werden konnte. Sie war verschreckt, aber auch etwas ärgerlich, daß dies hatte passieren können. Konnten sie nun überhaupt wagen, jetzt fortzufahren? Und was würde ihr Mann dazu sagen?

„Schnell, Frau Markwart, bringen wir sie erst einmal ins Haus“, sagte sie mit leicht verzweifelter Stimme. „Und dann seien Sie doch so gut und holen Doktor Müller.“
Doktor Müller war der Hausarzt der Geyers. Die kleine Hildegard lernte ihn später noch recht gut kennen. Er war ein sehr gut aussehender, großgewachsener Mann, freundlich, geduldig und kompetent.

Während der Zeit, die Frau Markwart brauchte, um ihn zu holen, bestrich die Mutter die verbrannten Körperteile des Säuglings mit Butter – ein damals gebräuchliches Hausmittel. Ich stelle mir vor, daß die Kleine (also ich) bei dieser Behandlung anfing zu schreien. Jetzt, da sie wach war, mußte sie starke Schmerzen haben. (Ich kann mir das deshalb so gut vorstellen, wie es damals gewesen sein mag, denn in meinem späteren Leben gab es immer wieder einmal Sonnenbrände und auch zwei weitere Sonnenstiche – Nachzuschlagen im Internet – deren meisten Beschwerden auf mich zutrafen.) Und dann erbrach sie sich. Den kleinen Körper schüttelte es bei dieser Prozedur und die Mutter nahm sie hoch, damit sie an dem Erbrochen nicht erstickte. Noch einmal und noch einmal übergab sich Hildegard. Als es vorbei war, reinigte die Mutter ihr Gesichtchen mit klarem Wasser und legte sie in ihr Bettchen. dort lag sie schwach, wie zerbrochen und wimmerte vor sich hin.
In diesem Moment kam der Vater herein. Der Zustand der kleinen Hildegard hatte sich im Haus herumgesprochen und war schließlich bis zu ihm gelangt. Er beugte sich über das Bettchen und betrachtete sie. Dann spiegelte sich Besorgnis auf seinem Gesicht. Er blickte zu seiner Frau auf und sagte: „Das sieht gar nicht gut aus. Hättet ihr nicht besser auf sie aufpassen können. Sie ist doch noch so klein. Was wird nun aus unserem Urlaub? Wir können doch jetzt nicht einfach wegfahren.“
Die Mutter machte ein leicht trotziges Gesicht, als sie erwiderte: „Das habe ich doch nicht mit Absicht gemacht. Du weißt, wie beschäftigt ich im Moment bin. Es tut mir ja leid, daß das geschehen ist. Niemand hat damit gerechnet, daß der Schatten so schnell schwinden würde. Wenn sie wenigstens geweint hätte, aber sie schlief so fest, daß ich dachte, es wäre alles in Ordnung. Warten wir ab, was der Doktor sagt. Frau Markwart holt ihn gerade.“
Der Vater schwieg zu dem Gesagten, aber seine besorgte Miene wich nicht. Auch seine Verärgerung verbarg er. Jetzt war der schon Schaden angerichtet und man konnte nur zusehen, ihn zu mildern.
Wieder erbrach sich der Säugling. Schmerzlich zog es dem Vater das Herz zusammen. Behutsam, um ihr nicht zusätzliche Schmerzen zu bereiten, nahm er Hildegard auf den Arm, während die Mutter das beschmutzte Bettchen frisch machte. Dann warteten sie.

Endlich erschien der Arzt. An der Seite von Frau Markwart kam er ins Kinderzimmer.
Nach kurzer Begrüßung sagte er mit seiner sonoren Stimme: „Dann lassen Sie mich mal sehen, was mit der Kleinen ist!“
Auf dem Wickeltisch untersuchte er den jammernden Säugling. Aber viel mußte er nicht untersuchen. Informiert durch Frau Markwart wußte er im Wesentlichem Bescheid und was er sah genügte für seine Diagnose. Um sie zu untermauern fragte er die Mutter, ob der Säugling sich erbrochen hätte, was diese bestätigte.
„Tja“, sagte er dann, „Hildegard hat einen ausgewachsenen Sonnenstich. Viel kann man da allerdings nicht machen. Die verbrannten Stellen müssen natürlich eingecremt werden – dazu schreibe ich Ihnen ein Rezepte auf – und ansonsten braucht sie jetzt eine besondere Kost, damit das Erbrechen und der zu erwartende Durchfall aufhören. In ihrem Alter ist bei einem Sonnenstich der Gewichtsverlust das Schlimmste. Und gegen ihre Schmerzen gebe Sie ihr ein leichtes Mittel. Was sie jetzt durchmachen muß ist nicht schön für die Kleine. Und ich kann Ihnen auch keine Garantie geben, ob sie es gut übersteht. Wie alt ist sie inzwischen?“
„Drei Monate“, sagte die Mutter kleinlaut. Und sie fragte sich im Stillen, warum sie nicht nach Hildegard geschaut hatte? Aber Vorwürfe halfen jetzt auch nicht weiter.
Doktor Müller erwiderte nichts darauf, aber er dachte sich wohl seinen Teil. Er wollte die Eltern nicht noch mehr belasten, als sie es bereits waren. Er sagte ihnen, daß die Kleine viel zum Trinken bekommen müßte – „Vor allem leichte Tees“ – und verabschiedete sich dann.
Die drei Erwachsenen standen betroffen zusammen. Jeder fragte sich, was aus dem Urlaub, dem so lange ersehnten, werden sollte.
Schließlich sagte die Mutter: „Also, ich möchte auf meinen Urlaub nicht verzichten!“
Sie wandte sich Frau Markwart zu. „Kann ich ihnen zumuten, für Hildegard zu sorgen, damit wir doch fahren können?“
Sofort wollte der Vater Einspruch erheben, aber sie winkte ab und sagte: „Laß sie doch erst antworten.“
In der Frau gingen die Gedanken durcheinander. Sollte sie jetzt, nur weil ein Kind krank geworden war, einen Rückzieher machen? Zu gut wußte sie, wie sehr die fünffache Mutter Ferien brauchte. Alles war gepackt, und eigentlich sollten sie bereits unterwegs sein. Nein, sie brachte es nicht übers Herz, ihr das zu verderben.
„Ja, Frau Geyer“, antwortete sie, „ fahren sie ruhig. Mehr als ich, können Sie auch nicht tun. Sie haben sich so auf diese Ferien gefreut. Liesl und ich werden für Hildegard tun, was wir können. Und ich werde Ihnen jeden zweiten Tag schreiben, damit sie wissen, wie es ihr geht.“

Der Vater wollte Einwände erheben, aber dann überlegte er es sich anders. Frau Markwart war eine tüchtige, vernünftige Person, die schon öfters die Kinder gehütet hatte. Der kleinen Hildegard würde es nicht besser oder schlechter gehen, wenn sie blieben. Und so sagte er zu seiner ängstlich auf sein Urteil wartenden Frau: „Also gut, fahren wir. Vorher besorge ich aber noch die Medikamente. Macht alles fertig, damit wir los können, sobald ich zurück bin.“
„Danke, Karl“, sagte die Mutter erleichtert.
So ließen sie Hildegard in der Obhut Frau Markwart, die sich daran gemacht hatte, den Säugling, der inzwischen Gestank verbreitete – denn der vorhergesagte Durchfall war nun eingetreten -, behutsam frisch zu wickeln, und eilten aus dem Zimmer.
Die Eltern fuhren in der nächsten Stunde mit Hildegards älterer Schwester ab. Zurück ließen sie drei kleine Buben und den Säugling.

Hildegard ging es sehr schlecht. In den nächsten Tagen magerte sie infolge des Durchfalls bis auf ihr Geburtsgewicht ab.
Der Vater, der den zweitägigen Brief von Frau Markwart immer in Empfang nahm und las, befürchtete das Schlimmste. Täglich rechnete er mit dem Ableben der Kleinen. (Weiß ich alles aus seinen Erzählungen!) Sein Herz tat ihm weh bei diesem Gedanken, aber er konnte ja nichts tun. Seine Anwesenheit hätte auch nichts an ihrem Zustand geändert. Die scheinbare Gleichgültigkeit seiner Frau nahm er etwas bedrückt hin in dem Bewußtsein, daß auch sie nicht mehr tun könnte als die zurückgebliebenen zwei Frauen. Die Kriegsjahre waren sehr belastend und beängstigend gewesen und ihre Erholung dringend notwendig. So legte er als gläubiger Christ, das Leben seiner kleinen Tochter in die Hände des Allmächtigen und hoffte auf das Wunder ihres Überlebens.

Und das Wunder geschah.

Frau Markwart, die sich stündlich um die Kleine sorgte und bemühte, meinte zu verzweifeln, als der Säugling, trotz ihrer Fürsorge immer weniger wurde. Die Verbrennungen hatten sich zwar dank der Wundsalbe rasch gebessert, aber der Durchfall wirkte sich beängstigend aus. Als er nicht enden wollte, fiel ihr schließlich ein altes Hausmittel ein.
Nun konnte man aber ein Jahr nach Kriegsende nicht einfach in ein Geschäft gehen und alles kaufen, was man brauchte. Lebensmittel waren immer noch rar und besondere Dinge nicht zu bekommen. Aber das, was sie wollte, gab es glücklicherweise in Nachbars Garten.
Die Leute, denen er gehörte, hatten dort Gemüse angebaut, auch standen Beerensträucher und Obstbäume darin. Einer der Bäume, ein früher Kornapfel, war das was sie im Sinn hatte. Und weil sie damit rechnen mußte, daß man ihr freiwillig nichts abgeben würden – jeder sah in dieser Zeit, wie er selbst zurechtkam, kletterte sie eines Spätnachmittags, als die Besitzer ihn verlassen hatten, über den Zaum und holte sich einige der halbreifen Äpfel. Sie schälte einen und gab ihn fein geraspelt in die Flasche mit der Säuglingsmilch. Zum Glück trank Hildegard alles, was man ihr gab. Und so leerte sie auch diese Mischung. Und siehe da, damit konnte die gute Frau den Durchfall des Säuglings endlich stoppen. Einige Tage später berichtete sie den Eltern erleichtert, daß der Durchfall vorüber war und Hildegard wieder zugenommen hätte. Und der Arzt, der Hildegard noch einmal untersuchte, konnte dann erklären, sie sei außer Lebensgefahr und befinde sich auf dem Weg der Besserung. Und so war es. Sie erholte sich und gedieh.

Das liebe Buben war meine Lebensbeginn. Ich weiß, daß mein Vater mein Überleben mit Erleichterung und Freude zur Kenntnis nahm. Was allerdings meine Mutter empfunden hatte, wurde mir nie so recht klar. Heute denke ich mir, daß es für sie nicht besonders tragisch gewesen wäre, wäre ich gestorben. Sie hatte zu Beginn ihrer Ehe zwei Abgänge und das erste, lebend geborene Kind – eine Tochter – ist acht Tage nach der Geburt gestorben. Das hat sie sehr belastet und unglücklich gemacht. Aber dann waren Schlag auf Schlag und Jahr für Jahr fünf Kinder geboren. Und das alles während des Krieges.
Da sie schon einmal den Tot eines Kindes hatte verkraften müssen, denke ich mir, daß eines weniger nun nicht mehr so schlimm gewesen wäre wie beim ersten Mal. Sie wußte nun, daß sie weitere bekommen konnte – was auch geschah. Ein Jahr später folgte ein weiters Mädchen und in den folgenden Jahren noch zwei Buben im Abstand von 2 und 3 Jahren.

Zurück blieb bei mir, die ich damals von all dem nichts wußte, eine Überempfindlichkeit vor Sonneneinwirkung.