Kindliche Torheiten.

“Der Luftballon”

In unserem Mädchenschlafzimmer gab es einen wunderschönen Kachelofen. Er war dunkelbau glänzend wie ein mondloser Nachthimmel und bestand aus einem unteren größeren und einem aufgesetzten kleinen oberen Teil. Der obere Teil hatte in der Mitte ein Wärmefach, das mit einem zweiflügeligen, mit durchbrochenem Ziermuster versehenen Eisentürchen versehen war. Im Winter heizte ich ihn manchmal an, wenn ich mit Inge (meiner Schwester) in dem Raum spielen wollte. In dem Wärmefach konnten wir mit unserem Spielblechtöpfen richtig gehend kochen, was wir manchmal taten.
Das aber nur am Rande, denn mit der eigentlichen Geschichte hat es nichts zu tun.
Eines Nachmittags im Winter, der Ofen strahlte eine behagliche Wärme aus, hatte ich mich mit einem Buch dort zurückgezogen. Schmökern war eine meiner Lieblingsbeschäftigung geworden, kaum, daß ich gelernt hatte zu lesen. Darüber vergaß ich dann oft Raum und Zeit, etwas, was meine Mutter auch reizte. Aber an diesem Nachmittag schadete ich mir damit nur selbst.
Selbstvergessen saß ich auf Helgas Bett, (das war meine andere Schwester), das neben dem Kachelofen der Wand stand und mit einer Seite direkt an diesen anschloß und las in einem Märchenbuch. In den Mund hatte ich mir einen Luftballon mit sehr kurzem Mundstück gesteckt und blies ihn, während ich las, langsam auf. Ich war so vertieft in die Geschichte, daß ich auf den immer größer werdenden Ballon nicht achtete. Bedingt durch die Größe und den warmem Ofen nebenan kam, was kommen mußte. Plötzlich platze er mir mit lautem Knall die Fetzen schmerzhaft ins Gesicht.
Und seit dieser Zeit habe ich immer ein ängstliches Gefühl, wenn Luftballons aufgeblasen werden und halte mir die Ohren zu, wenn ich vermute, daß einer platzen könnte.

Doktorspiele.

In unserem Garten hatte uns (mir und meinen sieben Geschwistern) mein Vater ein richtiges kleines Spielhäuschen von seinen Arbeitern errichten lassen.
Wie ein richtige Haus war es aus Ziegeln und mit einem Satteldach gebaut. Innen gab es zwei hinter einander liegende Zimmerchen, jedes mit einem eigenen Fenster. Das sich dieses Häuschen herrlich für verschieden Spiele eignete, brauche ich nicht extra zu betonen. Und darin machten wir auch unsere Doktorspiele. Bei diesen Spielen gab es Ärzte – was von den Mitspielern bevorzugt wurde – und Patienten – eine weniger beliebte Variante.
Es fing meist harmlos mit verletzten Armen oder Beinen an. Dann wurde der Bauch untersucht und wenn sich der Patient das gefallen ließ, wurde der jeweilige Arzt mutiger und zog dem “Patienten” schon mal das Höschen herunter, um auch die Genitalien zu untersuchen. Da das sich immer im Beisein von “Krankenschwestern” abspielte, wurde der “Doktor” dabei natürlich nie zu “intim”. Es wurden auch Spritzen (natürlich harmlose) in den After verabreicht und ein jeder der Mitspieler fühlte einen geheimem Schauer bei diesen Handlungen, auch wenn ein jeder es zu verbergen wußte. Hatte der “Doktor” genug gesehen, wurde die Behandlung abgeschlossen und der Patient entlassen. Manches mal wurden anschließend die Rollen getauscht. Das ging so lange, bis uns langweilig wurde, uns ein anderes Spiel einfiel, das uns dann mehr fesselte.

So weit ich mich erinnere, waren die Mitspieler bei Doktorspielen meistens Freunde in unserem Alter aus der Nachbarschaft, die uns zu solchen Spielen animierten. Wir selber, meine Geschwister und ich, hatten ja genügend Einblicke in die Anatomie des anderen Geschlechts, aber bei jenen, die keine Geschwister hatten, oder bei denen in der Familie die Prüderie groß geschrieben wurde, war oft ein starker Nachholbedarfs vorhanden. Und bei uns konnten sie es ausleben – wir waren da ganz locker. Das wir allerdings diese “Spiele” nicht an die große Glocke hängten, versteht sich von selbst.

Diese sexuellen Erfahrungen, die nach meiner heutigen Meinung (ich bin jetzt 2020 – 74 Jahre alt) , zu einer natürlichen Entwicklung gehörten, belasteten mich auch nie. Weil meine “Spielpartner” immer gleichaltrig waren, hatte es nie wirklich etwas Bedrohliches für mich.

Allerdings wurde ich von einer Mutter (einer katholischen – wie sollte es auch anders sein – ich selbst bin evangelisch getauft) einmal auf das Übelste beschimpft. Man hatte ihr wohl hinterbracht, was ihr “kleiner” Junge – er hatte keine Schwester, nur zwei älter Brüder – bei seinen Besuchen in meinem Elternhaus-Haus trieb.
Einschüchtern konnte sie mich damit zwar nicht, ihre Schimpfe ließen mich eher etwas verwundert zurück. Schließlich war es ja ihr Bub, der die Sache vorangetrieben hatte. Und das sie glaubte, ich würde ihr Bübchen, der übrigens ein ganz schönes Früchten war, verführt haben, hielt ich bereits damals (ich war vielleicht 9 oder 10 Jahre alt) lächerlich

Etwas Anders war es, wenn sich Erwachsene für mich interessierten. Da stellten sich gleich alle meine inneren Wachsamkeitsantennen auf. Die nehme an, daß uns meine Eltern immer wieder einmal entsprechend gewarnt hatten, uns vor dem “bösen – auch fremden – Mann” in acht zu nehmen.

Zwar waren die wenigen Erfahrungen mit Männern, von denen auch ich nicht verschont blieb, eher harmlos, doch sollten sich Erwachsene Kindern nie, nie, nie in sexueller Absicht nähern.

Wer es doch tut, hat ein schwaches Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, denn sonst müßte er für seine sexuellen Bedürfnisse sich keine
“schwachen” Partner – sprich Kinder –
aussuchen.