Nikolaus.

Ca. 1952

Wie genau ich mich an einzelne Nikolaustage erinnern kann, kann ich heute nicht mehr sagen. Im Nachhinein, kommt es mir vor, als sei es ein einziger gewesen, was aber natürlich nicht der Fall war. Und wenn ich mich bemühe, fallen mir zwei bestimmte ein. An diese kann mich deshalb so gut erinnern, weil 1. meine Mutter 1952 ihr achtes Kind bekam und ich diese Schwangerschaft gut im Gedächtnis habe.

 Die Tage vor Nikolaus waren vor allem meine drei älteren Brüder immer mächtig stark und mutig  und gaben recht an! Sie schnitten gegenseitig sehr auf und prahlten damit, wie wenig Angst sie vor ihm hätten und welche Streiche sie ihm spielen würden. Aber kaum war der Nikolaustag wirklich gekommen, wurden sie recht kleinlaut. Unbehagen schlich sich in ihre, allerdings auch in uns anderen Geschwister, Gemüter, denn der Nikolaus brachte immer den Krampus mit der Rute mit, die er auch schon mal benützte. Auch hatte Nikolaus den großen Sack, in dem zwar die guten Sachen für uns Kinder waren, aber da war auch die heimliche Angst, daß er, wie von den Eltern manchmal angekündigt, eines der ganz besonders unartigen Kinder nach dem Entleeren hineinstecken und mitnehmen könnte. Und so glaubten wir alle lange ganz fest an die Wirklichkeit des Heiligen, kam doch in jedem Jahr der selbe. Und was der alles von uns wußte. Es kamen gar keine Zweifel in uns auf, daß man uns hier ganz gewaltig zum Besten hielt, um unser Bravsein zu fördern. Und so war der Nikolaustag für uns Kinder einer der ereignisreichsten Tage des Jahres. Die Spannung, die dieser Tag bei uns auslöste war wirklich ungeheuerlich. Teils war da die Freude auf die zu erwartenden Süßigkeiten – Plätzchen, Nüsse und herrliches Obst (schließlich waren das Raritäten in den Nachkriegszeiten und immer noch keine Selbstverständlich), andererseits die bereits erwähnte Angst vor dem Mitgenommenwerden in dem großen Sack, denn er war wirklich so groß, daß ein, wenn man sie schlichtete auch zwei Kinder darin Platz gefunden hätten. Das etwas kleine Übel, die (meist leichten) Schläge mit der Rute, nahmen wir gelassener hin, auch wenn die Frucht davor in uns steckte. Aber immer hoffte man auch, daß man doch alles in allem die Eltern nicht in dem Maße erzürnt hatte, daß das eine oder andere geschehen würde. So harrten wir voller Spannung der Dinge, die da wieder auf uns zukamen.

Jahrelang war es das gleiche. Gegen Spätnachmittag – draußen war es dann bereits dunkel und der erste Schnee hatte die Welt mit herrlichem Weiß bedeckt – versammelten sich die Familienmitglieder im Wohnzimmer, in dem der große Adventskranz, der mit roten Bändern in der Mitte der Zimmerdecke befestigt hing. Die erste Adventskerze strömte einen köstlichen Duft nach Wachs und Tannennadeln aus. Auch dufteten Büschel von Tannengrün in Vasen und die aufgestellten Kerzen ebenso, wie die im Backrohr des Kachelofens aufgeplatzten Makronen – der sich neben dem Zimmereingang befand – und den vor sich hin schmorenden Bratäpfeln, die auf den Verzehr warteten oder bereits vertilgt waren und nur noch ihr Aroma zurückgelassen hatten.

Schließlich war es so weit. Von draußen auf dem Flur hörten wir die Haustür auf- und dann zugehen und dann die schweren Schritte, die auf die Wohnzimmertür zukamen. Die Türe öffnete sich und als erster trat der Hl. Nikolaus, gekleidet mit schönem roten Gewand und der Bischofsmütze auf dem Kopf ins Zimmer, gefolgt von dem Krampus. Dieser war mit dunklen groben Gewand gekleidet und hielt in der einen Hand die Rute und in der anderen den großen Sack, der – wie wir sehen konnten – gut gefüllt war. Nun wurde erst einmal nachgefragt, welches der Kinder unartig gewesen waren. Das betraf natürlich vor allem meine 3 älteren Brüder. Diese hatten sich vorsorglich in Mutters Nähe gedrängt, um vor eventuellen Schlägen sicher zu sein. Nützte ihnen aber nichts! Der eine oder andere bekam dann schon mal die Rute zu spüren. War das abgehandelt, fragte der Hl. Nikolaus, ob einer der Kinder ein Gedicht oder Lied vortragen kann. Und weil unsere Mutter das mit uns eingeübt hatte, traten wir vor ihn hin und gaben unser Bestes.
Glücklicherweise war inzwischen unsere Anspannung abgeklungen. Die unartigen Knaben waren bestraft und nun warten wir gespannt, was in dem Sack auf uns wartete. Und so konnte der Krampus, nachdem der Nikolaus uns nochmals gemahnt hat, immer brav zu sein, endlich den Sack ausleeren. Er stellte ihn auf den Boden, kippte ihn um, schüttete seinen Inhalt vor unseren Füßen aus und heraus kollerten eine Menge Nüsse und Äpfel. Nun durfte jedes Kind sich, in einen eigens dafür vorgesehenen Behälter, die Köstlichkeiten einsammeln. (Für heutige Verhältnisse mögen Äpfel und Nüsse dürftig klingen, aber man halte sich vor Augen, daß es immer wieder Zeiten gibt, wo weniges viel bedeutet.) Für den Nikolaus und den Krampus war damit ihre Aufgabe erfüllt und konnten wieder gehen, und wir Kinder endlich wieder frei atmen. Kurz darauf erschien auch mein Vater, der leider, während der Nikolaus da war, anderswo eine dringende Sache zu erledigen hatte.
Erst als wir größer geworden waren, konnten wir ihn schließlich als den Nikolaus entlarven, den er uns die Jahre zuvor vorgespielt hatte. Und sein Bruder Wilhelm hatte den Krampus gemacht.
Jetzt (2020) wo ich das schreibe fällt mir ein, daß ich meine Basen und Vetter nie danach gefragt habe, ob diese „Gespann“ auch in ihrer Jugend bei ihnen erschienen war.

Zur Verfügung gestellt von Hildegard Fischer am 8.5.2020,
die allein alle Rechte an dem Manuskript besitzt.