Verwandtschaft.

 In diesem Jahr fand eine weitere Veränderung statt:  Mein Großvater Hans – der Vater meines Vaters und somit euer Urgroßvater –  zog bei uns ein.

Seit er das Haus, das seine beiden Söhne, für ihn und seine Frau – ihre Mutter – gebaut hatten, wohnten sie zusammen im Erdgeschoßzimmer,  des kleinen Hauses seines jüngeren Sohnes Wilhelm und dessen Familie.

Aber langsam wurde es für meinen Onkel und Tante dort immer enger.

Zwar hatten das Ehepaar Hinterwimmer, ein mit meinen Eltern befreundetes Ehepaar, das während des Krieges und der Nachkriegsjahre, bei ihnen ebenfalls wohnten -in zwei winzigen Dachzimmer, diese inzwischen verlassen und waren in eine Werkswohnung meines Vaters umgesiedelt. Damit wurde der dringen benötigte Platz frei für ihre anwachsende Zahl von Kindern. Ganz so viele, wie in meiner Familie waren es zwar nicht, aber meine Eltern hatten auch das wesentlich größere Haus.

Nun hatten mein Onkel und meine Tante zwar annähernd genügen Platz, aber ich denke mir, daß vor allem Tante Hanna, die vorwiegend, neben ihren Kindern, auch für die Versorgung ihrer Schwiegereltern zuständig war, das alles etwas über ihre Kräfte ging. Aber diese ruhige, sanfte Frau, die immer beschäftigt und bemüht war, es ihrer Familie recht zu machen, hat sich kaum je deswegen beklagte. Dabei hätte sie wirklich viele Gründe dazu gehabt.

Einer davon ist der, von dem sie mir, als ich bereits verheiratet war und es euch beide schon gab, selbst einmal erzählte. Angeregt durch meine Geschichten über meine Ehe und euch, veriet sie mir etwas, das außer ihrer Familie wahrscheinlich kaum einer wußte: Kurz nach dem Krieg, erkrankte ihre Schwester an TBC. Um sie selbst zu pflegen, überließ sie ihre Kinder – Irene, Erika, Hermann, Hannelore und das Nesthäkchen Ursula – ihrem Mann und einem Kindermädchen. Aufopfernd kümmerte sie sich um die Kranke, konnte ihren Tod aber nicht verhindern. Und was sie trotz aller Sorgfalt auch nicht verhindern konnte war, daß sie sich selbst mit TBC ansteckte. Aber sie steckte nicht nur sich selbst an, sondern auch alle ihre Kinder. Es muß schrecklich gewesen sein! Viele Wochen lagen meine Tante, Basen und mein Vetter mit unterschiedlich starkem TBC danieder. Aber nach und nach erholten sich fast alle wieder – nur meine älteste Kusine Irene schaffte es nicht. Sie war gerade mal sieben Jahre alt, als man sie zu Grabe trug. Und Tante Hanna war noch viel zu geschwächt, um dabeizusein. Der Tod ihrer kleinen Tochter hat sie sehr belastet, vor allem, weil sie selbst der Auslöser zu ihrer Erkrankung gewesen war. Aber damit war es noch nicht genug! Strengstens hatte der behandelnde Arzt ihr und Onkel Wilhelm jeden sexuellen Kontakt untersagt, um somit eine Schwangerschaft zu vermeiden. Er hatte sie darüber aufgeklärt, daß sie, sollte sie dennoch schwanger werden, das wegen ihrem TBC-geschwächten Herzen wahrscheinlich nicht überleben würden.

Diese Enthaltsamkeit fiel Tante Hanna nicht schwer! Anders mein Onkel! Er hatte – wie übrigens mein Vater auch – einen sehr starken Sexualltrieb. Als er es nicht mehr aushielt, bandelte er mit dem Kindermädchen an. Und diese dumme Pute erhörte ihn.

Hilflos sah Tante Hanna diesem Treiben zu, das ihr bei der Beengtheit des Haues nicht entging. Sie ertrug es still leidend, solange sie konnte und faßte dann einen Entschuß: Sie entließ das Mädchen und erlaubte Onkel Wilhelm wieder mit ihr zu schlafen. Und prompt wurde sie wieder schwanger! Ihr letztes Kind – Eberhard – ihr wißt schon, der Pianist – wurde geboren, und Tante Hanna überlebte. Sie erzählte mir noch, wie selig sie über die Geburt dieses Kindes gewesen war und welche Freude sie empfunden hatte, wenn sie ihn gestillte. Das konnte ich leicht nachvollziehen, ging es mir doch mit dir – mein Christoph – genauso.

Fortsetzung folgt – wenn ich Zeit dazu habe!

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