Schmerzlicher Kummer.

Ich fühlte mich wohl in dem neuen Schlafzimmer. Manchmal benützten Inge und ich es auch zum Spielen, wenn wir allein sein wollten. Natürlich schlief und wohnte auch meine älteste Schwester Helga mit darin, aber sie hatte andere Interessen und Aufgaben, als ihre zwei kleinen Schwestern, so daß sie meistens erst zum Schlafen ins Zimmer kam.

 Abends, wenn wir uns unter der Aufsicht des Kindermädchens gewaschen und Zähne geputzt hatten und dann in unseren Betten lagen, wurde das große Licht – die Jadelampe – ausgeknipst. Nur Helga, die “Große”,  durfte länger wach bleiben. Für sie leuchtet neben ihrem Bett eine Nachtischlampe. Und wenn sie dann nicht irgend etwas las, oder für die Schule lernte, unterhielten wir uns noch eine Zeitlang oder erzählten uns selbst erfundene Geschichten, bis Müdigkeit uns überfiel.

 Eines Abends – das Kindermädchen hatte wohl Ausgang – brachte meine Mutter Inge und mich selbst zu Bett. Sie  überwachte unsere Reinigung, half uns beim Abtrocknen, steckte uns in unsere Nachthemden und deckte uns zu, als wir in den Betten lagen. Dann sprach sie noch ein Nachtgebet mit uns, wünschte uns eine Gute Nacht, löschte das Licht und entfernte sich.

Aber anders als sonst, kuschelte ich mich nicht zurecht, um einzuschlafen. Ich konnte nicht, denn in mir stieg unerwartet ein Gefühl der Enttäuschung hoch. Nun hatte mich meine Mutter schon einmal selbst zu Bett gebracht und war dann aber gegangen, ohne mich in den Arm genommen und zärtlich gedrückt zu haben. Sie tat es zwar sonst auch nie, aber unbewußt hatte ich mir an diesem Abend eingebildet, oder gewünscht, sie würde es tun. Und als sie es dann tatsächlich ohne eine Umarmung gegangen war, schmerzte mich das plötzlich! Diese Anwandlung kam so unverhofft über mich und ich …, ich war ihr völlig ausgeliefert. Meine Enttäuschung und damit der seelische Schmerz, steigerte sich und wurde schließlich so groß, daß ich anfing zu weinen

Nun wird sie kommen und es nachholen, war meine Hoffnung. Aber es dauerte eine Weile, bis sie erschien. Erst als mein Weinen heftiger und lauter wurde, schaute sie zur Tür herein. Was ist los mit dir?” fragte sie mich streng. Aber darauf hatte ich keine Antwort, denn ich war nicht fähig, meinen Wunsch in Worte zu fassen. Schließlich ging sie verärgert wieder hinaus. Mein Weinen ließ aber nicht nach – zu tief saß in mir die Enttäuschung, daß sie meinen Wunsch nicht von selbst erriet. Nach einiger Zeit kam sie noch einmal und als das auch keine Klärung brachte, überließ sie mich,- mein Verhalten als Laune abtuend , meinem kläglichen Weinen. Und so weinte ich ungetröstet solange, bis Müdigkeit mich einschläferte.

Noch einmal forderte ich Wochen später die Geduld meiner Mutter auf diese Art und Weise heraus – mit dem selben Ergebnis. Ab da begriff ich, daß es nichts nützte, auf etwas zu hoffen, das sie – meiner Meinung nach – nicht geben wollte. Zurück blieb die ernüchternde, stets im Hinterkopf lauernde Erkenntnis, daß ich mich davor hüten muß, Liebe zu erwarten oder zu fordern, um nicht enttäuscht zu werden.

 Heute sehe ich natürlich ein, daß mein Verhalten für meine Mutter undurchschaubar war. Es war nie ihre Sache, sich groß den Kopf wegen ihrer Kinder zu zerbrechen. Wir wurden leiblich von ihr (oder den Kindermädchen) versorgt, aber unsere Wünsche und Träume interessierten sie wenig. Und ihrer Meinung nach verhielt sie sich mir gegenüber genauso wie zu meinen Geschwistern. Mein Problem war nur, daß ich anders war und reagierte als diese.